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Herzen kann man nicht ersteigern

2019 76 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Herzen kann man nicht ersteigern

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Herzen kann man nicht ersteigern

Großauftrag für gewisse Stunden

Mit Blaulicht ins große Glück

Mach mich glücklich, süße Maus

Nimm mein Herz als Geschenk

Herzen kann man nicht ersteigern

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 68 Taschenbuchseiten.

 

- Ausgerechnet dieser aufdringliche Typ schnappt Uschi bei einer Auktion die Antiquität vor der Nase weg, die sie unbedingt für ihren Chef ersteigern sollte. Irgendwie muss sie dem Fremden die Skulptur abjagen. Dabei kennt sie die ganze Wahrheit nicht…

- Manuel ist wütend. Direktor Hahnemann erscheint nicht zu dem Treffen, von dem er einen bedeutenden Auftrag erhofft hatte. Die verführerische Verena bringt ihn zwar auf erfreulichere Gedanken, doch sein Chef wird damit kaum zufrieden sein…

- Marianne weiß, woher ihre Schmerzen rühren. Auch ihr Vater starb an dieser tückischen Krankheit. Gerade jetzt hätte sie die Liebe ihres Mannes gebraucht. Aber er interessiert sich offensichtlich mehr für ihre hübsche, verwitwete Nachbarin…

- Corinna hat auf einen ruhigen Aufenthalt in ihrem Ferienhaus gehofft. Doch dann kreuzt nicht nur der sehr selbstbewusste Norman auf. Im Haus gibt es auch noch Mäuse, vor denen Corinna einen Horror hat. Da braucht es schon weiblichen Trickreichtum, um beide Probleme zu lösen.

- Auf den ersten Blick verliebt sich Sebastian in die zauberhafte Nachtschwester Veronika. Dummerweise macht sich auch Dr. Forstmeier Hoffnungen, der Sebastian operieren wird. Und der Arzt ist sehr eifersüchtig. Keine gute Voraussetzung für eine Operation ohne Komplikationen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Herzen kann man nicht ersteigern

"Nun laufen Sie doch nicht gleich davon", hörte Uschi Weigand den Mann, den sie eben hatte abblitzen lassen, hinter sich rufen. Sie stellte sich taub. Von solchen gutaussehenden Typen, die als selbstverständlich annahmen, dass jede Frau nur darauf wartete, von ihnen angesprochen zu werden, hielt sie nicht viel. Im Übrigen war sie in Eile. Schließlich durfte sie den Beginn der Auktion keinesfalls versäumen. Wenn sie die Skulptur aus dem 17. Jahrhundert nicht ersteigerte, würde ihr Chef sauer sein.

Außer Atem erreichte sie das Auktionshaus. Glück gehabt. Die Skulptur wurde soeben ausgerufen. Uschi wartete die ersten Gebote ab, bevor sie mit einstieg.

Unwillig nahm sie zur Kenntnis, dass erstaunlich viele Leute bereit waren, für diese Figur eine Menge Geld zu bezahlen.

"Achtundvierzigtausend für die Dame in der dritten Reihe!"

Uschi wandte flüchtig den Kopf, um sich zu vergewissern, dass sie alle anderen überboten hatte. Ein erfreutes Lächeln traf sie von der Tür her. Da war dieser dreiste Bursche aus dem Café wieder. Was wollte der denn hier?

"...und fünfzigtausend zum dritten!", hörte sie den Auktionator rufen.

Wieso fünfzigtausend? Sie hatte doch nur...?

"Gratulation, mein Herr! Sie haben eine besondere Rarität erworben."

Fassungslos begriff Uschi, dass der Mann an der Tür ihre kurze Unaufmerksamkeit ausgenützt hatte, um ihr die Skulptur vor der Nase wegzuschnappen. Eine glatte Katastrophe! Wie sollte sie das nur ihrem Chef beibringen?

Niko Fiedler lächelte verkrampft, während er den Scheck unterzeichnete. Sein Blick suchte die bezaubernde Brünette, der er bis hierher gefolgt war, obwohl sie ihm vorhin die kalte Schulter gezeigt hatte. Auch jetzt warf sie ihm einen bitterbösen Blick zu, als hätte er sie nicht nur zu einer Tasse Kaffee eingeladen, sondern ihr einen ehrrührigen Vorschlag unterbreitet.

Als ihm jemand die Figur in den Arm bettete und dafür seinen Scheck an sich nahm, wurde Niko übel. Es drängte ihn, den Irrtum aufzuklären. Schließlich hatte er doch nur dieser reizenden Frau zuwinken wollen. Doch dieses Handheben hatte der Auktionator gründlich missverstanden und ihm dieses scheußliche Monstrum aus wurmstichigem Holz zugeschlagen. Ohne Frage würde sich seine Angebetete schieflachen, wenn er die Wahrheit zugab. Als Trottel wollte er keinesfalls in ihren Augen gelten. Irgendwie würde er schon aus dem Schlamassel herauskommen, denn vorläufig war der Scheck noch ungedeckt. Er besaß keine 50.000 Euro, die er auch sicher nicht ausgerechnet für etwas derart Hässliches ausgeben würde.

Bevor Uschi den Saal verließ, warf sie dem Mann, der die Skulptur an sich presste, als fürchtete er, dass sie ihm gestohlen werden könnte, einen letzten vernichtenden Blick zu. Ihr kamen Zweifel, ob er es tatsächlich zufällig auf die gleiche Figur wie sie abgesehen hatte. Wahrscheinlicher erschien ihr, dass er sich auf diese Weise für die Abfuhr an ihr hatte rächen wollen.

Ferdinand Kartner, für den sie seit einigen Jahren als Buchhalterin arbeitete, raufte sich die Haare. "Das darf nicht wahr sein, Frau Weigand", stöhnte er. "Ich habe mich fest auf Sie verlassen. Ich brauche die Skulptur unbedingt für einen Geschäftspartner in Amerika. Er besitzt nämlich das Gegenstück dazu. Sie können sich denken, welchen Vorsprung wir gegenüber der Konkurrenz hätten, wenn ich ihn mit diesem Stück überraschen könnte. Nein, nein, das Ding muss unbedingt her. Verhandeln Sie mit diesem Mann. Notfalls bin ich bereit, bis sechzigtausend zu gehen."

Uschi wehrte entrüstet ab. Keinesfalls wollte sie von diesem aufdringlichen Menschen einen Gefallen erbitten. Sie wusste schon im voraus, was er dafür von ihr erwarten würde. So einer spielte doch jeden Trumpf zu seinem eigenen Vorteil aus.

Ihr Chef ahnte freilich nichts von Uschis privaten Befürchtungen. Er hätte dafür auch keinerlei Verständnis aufgebracht. Er war ein Mann, der nur in Profiten rechnete.

Deshalb überzeugte er Uschi auch, dass es für sie nur eine Möglichkeit gab, ihren Fehler wiedergutzumachen. Sie musste im Auktionshaus den Namen des Käufers in Erfahrung bringen und ihm die Skulptur abkaufen.

 

*

 

Niko war mit seinem Latein am Ende. Zwar war es ihm gelungen, einen Bankkredit zu bekommen und damit einer Beschuldigung des Scheckbetrugs vorzubeugen. Doch um den Betrag zurückzuzahlen, würde er lange Zeit äußerst sparsam leben müssen.

Am einfachsten wäre es gewesen, die Skulptur, die zur Zeit in der finstersten Ecke seines Kleiderschrankes schlummerte, dem Auktionshaus zur erneuten Versteigerung zu überlassen, wenn er auch bezweifelte, dass es einen zweiten Narren gab, der so viel Geld für dieses Ding zahlte. Leider fand die nächste entsprechende Versteigerung frühestens in einem halben Jahr statt.

Vielleicht gelang es ihm, aus dem Leasing-Vertrag für seinen neuen Wagen auszusteigen. Natürlich würde er auch dabei kräftig draufzahlen, aber irgendwie musste er das schier Unmögliche schaffen. Es war zum Verzweifeln.

Während er seine Wohnung verließ und grübelte, was er alles zu Geld machen könnte, entdeckte er auf der gegenüberliegenden Straßenseite jene Brünette, die seinen Kreislauf prompt wieder durch die Kurven peitschte. Was für eine Frau! Wenn sie nur nicht so unnahbar wäre! Ein Glück, dass sie nichts von seinen Schwierigkeiten ahnte.

Sie schien ihn ebenfalls entdeckt zu haben, denn sie schaute nur flüchtig zur Seite, um danach beinahe trotzig seinen Blick zu erwidern.

Jetzt war schon alles egal. Schlimmstenfalls holte er sich eine weitere Abfuhr. Aber wenn ihm schon der Zufall dieses bezaubernde Geschöpf über den Weg wehte, wollte Niko wenigstens sein Glück versuchen. Gerade jetzt hatte er ein Erfolgserlebnis bitter nötig.

Er überquerte die Straße und grüßte so fröhlich, wie ihm weiß Gott nicht zumute war.

Uschi runzelte mit gespieltem Unwillen die Stirn. Keinesfalls durfte ihr Gegenüber ahnen, dass sie dem Zufall ein wenig auf die Sprünge geholfen und diese Begegnung absichtlich arrangiert hatte.

"Sie schon wieder?", stellte sie fest. "Welche wenig originellen Sprüche haben Sie denn heute drauf?"

"Sie haben völlig recht", räumte er ein. "Sie sind so abgedroschen, dass man sie unmöglich auf offener Straße hören lassen sollte. Setzen wir uns doch einfach in das Lokal dort drüben. Sie sehen aus, als hätten Sie einen Bärenhunger."

"Da deuten Sie meine grimmige Miene falsch", konterte Uschi, willigte aber doch ein. Sie kam sich dabei vor, als hätte sie ihren Charakter verkauft. Was musste er sich jetzt einbilden!

Niko zeigte während der folgenden Unterhaltung keinerlei Triumph. Danach war ihm nicht zumute. Doch dass sich sein entzückendes Gegenüber bei weitem nicht mehr so kratzbürstig wie bei ihrer ersten Begegnung zeigte, stimmte ihn hoffnungsvoll. Für kurze Zeit vergaß er sogar seine drückenden Sorgen.

Die kamen ihm allerdings schlagartig wieder in den Sinn, als er eine Flasche Wein bestellte. Gerade diese Extras musste er sich eigentlich verkneifen.

Mit keinem Wort erwähnte Uschi die Skulptur. Niko Fiedler durfte nicht ahnen, dass sie nur ihretwegen hier saß. Sie musste diplomatisch vorgehen und auf einen günstigen Zeitpunkt warten.

"Haben Sie eigentlich bei der kürzlichen Auktion etwas ersteigert?", hörte sie ihn plötzlich fragen.

"Ich? Nein, ich verstehe nicht viel von Antiquitäten. Mich reizt nur die Atmosphäre bei derartigen Veranstaltungen. Sie sind offenbar Sammler, oder?"

"Ich liebe schöne Dinge", wich Niko aus. "Deshalb sitze ich ja hier mit Ihnen. Sie haben mir auf Anhieb außerordentlich gut gefallen. Und das ist kein Spruch."

Sein Blick wirkte aufrichtig. Uschi begann ihre Meinung über den Mann zu überdenken. Eigentlich war er gar nicht so übel. Doch gerade dieser Umstand erschwerte ihre Mission.

Sie tranken eine zweite Flasche Wein, und Uschi überlegte, ob ihr Gegenüber versuchen würde, sie zu küssen.

Niko tat es nicht, doch er bat um ein Wiedersehen.

Und du hast ihn für einen Draufgänger mit Unwiderstehlichkeitswahn gehalten, überlegte Uschi vor dem Einschlafen. Man könnte sich direkt in ihn verlieben, wenn nicht diese blöde Skulptur zwischen uns stünde.

Sie träumte von der Holzfigur, die sich auf gespenstische Weise in eine wunderschöne Frau verwandelte und an Nikos Arm aus ihrem Leben entschwebte. Am Morgen war sie so ratlos wie nie zuvor.

In diesem Punkte hatte sie mit Niko eine Menge gemeinsam. Der Autohändler bestand auf der Einhaltung des Leasing-Vertrages, und alle guten Freunde, denen er die Figur zum Kauf anbot, tippten nur gegen die Stirn.

Ob er es mit einem Zeitungsinserat versuchte?

Er arbeitete als Berufsschullehrer. Keiner seiner Kollegen konnte sich so teure Antiquitäten leisten. Er gab auch nicht zu, auf welche Weise die Skulptur in seinen Besitz gelangt war. Solche Geschichten hielten sich hartnäckig über Jahre hinweg und wurden auch den Schülern bekannt. Niemand würde ihn mehr ernst nehmen.

Vor allem aber war ihm an Uschis guter Meinung gelegen. Er freute sich auf ihr erneutes Treffen, wenn es auch nicht gerade dazu beitrug, seine finanzielle Situation zu verbessern.

Uschi trug ein schlichtes Kleid, doch Niko war der Überzeugung, noch nie etwas so Schickes gesehen zu haben. Freilich hätte Uschi ihm auch in einem Lumpensack gefallen. Darüber war er sich längst im klaren.

Genauso sicher erschien es ihm allerdings, dass er selbst in absehbarer Zeit derjenige sein würde, der gezwungen war, sich in Lumpen zu kleiden. Die Kreditzinsen waren gewaltig, und auf seine Annonce meldete sich kein einziger Interessent. Wohin sollte das nur führen?

"Sie sehen bezaubernd aus", versicherte er, als er Uschi begrüßte.

Sie freute sich über das Kompliment und wunderte sich selbst darüber. War sie etwa dabei, sich ausgerechnet in den Mann zu verlieben, den sie aufgrund seines fabelhaften Aussehens zu den erfolgsgewohnten Frauenhelden zählte?

An diesem Abend küsste er sie, und es war Uschi völlig egal, ob Niko zuvor tausend anderen Frauen den Kopf verdreht hatte. Sie fand ihn einfach himmlisch.

Zu dumm, dass es ihr nicht gelingen wollte, die Sprache auf die Skulptur zu bringen. Immer, wenn sie die Unterhaltung auf Kunst und Antiquitäten lenken wollte, wechselte er sofort das Thema.

Sie ahnte nicht, dass Niko jedes mal die Hölle durchlitt. Er fragte sich, ob Uschi ihn für einen wohlhabenden Kunstliebhaber hielt. War sie etwa nur deshalb auf einmal so zugänglich? Sah sie in dem Mann, der sich mit wertvollen Antiquitäten umgab, eine glänzende Partie?

Du spinnst!, sagte er sich. Uschi gehört nicht zu den Frauen, die aufs Geld schauen. Aber dass sie ihre Karten nicht offen auf den Tisch legte, glaubte er zu spüren. Irgend etwas verschwieg sie ihm.

Ferdinand Kartner fragte seine Buchhalterin beinahe täglich, wie sie mit dem augenblicklichen Besitzer der Skulptur vorankäme. "Wie viel verlangt er?"

Uschi wand sich wie ein Wurm am Haken. "Er will sich nicht von der Figur trennen", behauptete sie. "Ich fürchte, bei ihm beiße ich auf Granit."

"Na schön", fand Ferdinand Kartner einen Ausweg, "dann werde ich einmal mit ihm reden."

Uschi erschrak. Sie kannte doch ihren Chef. Er liebte den direkten Weg und fiel bei Niko mit der Tür ins Haus. Ganz klar, dass dieser dann ihr Manöver durchschaute. Wie stand sie dann da? Er musste glauben, sie heuchele ihm nur Zuneigung vor, um ihm die Skulptur abzuschwatzen.

"Ich schaffe das schon, Herr Kartner", versicherte sie schnell. "Ich brauche nur noch ein wenig Zeit."

"Einverstanden. Aber nächste Woche fliege ich in die Staaten. Bis dahin muss ich die Figur haben. Unbedingt!"

Sie durfte nicht länger warten. Die paar Tage vergingen wie im Flug.

Bei ihrem nächsten Rendezvous lotste Uschi Niko ganz zufällig vor die Auslage eines Antiquitätenhändlers. "Ist das nicht eine wundervolle Vase?", schwärmte sie in der Hoffnung, auf diesem Umweg ihr Ziel geschickt ansteuern zu können.

Niko teilte ihre Begeisterung nicht. Er reagierte sogar ausgesprochen uninteressiert. Auffallend uninteressiert, wie Uschi insgeheim feststellte. Dabei beobachtete sie, wie der Mann an ihrer Seite Blickkontakt zu der Frau suchte, die in dem Geschäft einen späten Kunden bediente.

Ob die beiden sich kannten? Das erschien ihr äußerst wahrscheinlich. Die Frau hinter dem Verkaufstresen war im Gegensatz zu ihrer Ware noch sehr jung und leider außerordentlich hübsch. Zweifellos hatte Niko sie zunächst als Kunde kennengelernt, dann aber wohl ihre Bekanntschaft außerhalb der Geschäftszeiten vertieft.

"Wollen wir hineingehen?", schlug Uschi vor. "Nur ein bisschen schauen."

Erwartungsgemäß lehnte Niko ab. Nun war sie sicher, dass er Komplikationen befürchtete, wenn sich die beiden Frauen gegenüberstanden.

Uschi fühlte einen leisen Stich in der Herzgegend. Sollte sich ihre anfängliche Befürchtung doch noch bestätigen? Sollte sie für Niko nur eine von seinen vielen Eroberungen sein? Sie war entschlossen, die Augen offenzuhalten.

In Nikos Kopf tummelten sich ganz andere Gedanken. Warum bot er seine jahrhundertealte Figur nicht in diesem Geschäft zum Verkauf an? Gleich morgen wollte er es versuchen.

Seine Stimmung besserte sich merklich. Als sie weitergingen, legte er seinen Arm um Uschis Taille und war überzeugt, dass doch alles noch gut werden würde.

Der folgende Tag war ein Sonnabend. Niko legte die Skulptur in eine Aktentasche und suchte den Antiquitätenladen auf. Dass Uschi ihn dabei beobachtete, wusste er nicht. Er ahnte auch nicht, dass sie seinen erwartungsfrohen Gesichtsausdruck falsch deutete.

Sie glaubte, genug gesehen zu haben. Deshalb entging ihr Nikos verzweifelte Miene, als er nach kurzer Zeit den Laden wieder verließ. Man hatte ihm angeboten, das Stück in Kommission zu nehmen und gegen entsprechende Provision einen Käufer zu suchen. Nach der Überzeugung des Inhabers waren aber kaum mehr als achttausend Euro dafür zu erzielen.

So ein Halsabschneider! Grollend kehrte Niko nach Hause zurück und verstaute seinen kostbaren Besitz wieder zwischen Hosen und Mänteln.

Flüchtig dachte er daran, Uschi die volle Wahrheit zu gestehen. Diesen Gedanken verwarf er aber wieder. Nein, erst mussten sie sich besser kennen. Es war schwierig genug gewesen, Uschis Panzer zu durchbrechen. Musste sie ihn nicht für einen Abenteurer halten, der ganz und gar leichtsinnig war? Auf so einen Mann würde sie keinen Wert legen. Nein, es gab nur einen Ausweg: die Skulptur musste zu Geld gemacht werden.

Danach wollte er Uschi klipp und klar sagen, dass er nicht vermögend war und sich demzufolge auch keine teuren Antiquitäten leisten konnte. Dann musste es sich zeigen, wem ihre plötzliche Zuneigung galt. Ihm selbst oder seinem eingebildeten Geld.

Abends war er mit der Frau seines Herzens verabredet. Sie gingen tanzen und vergaßen für Stunden ihre Zweifel und Sorgen.

"Es war wunderschön", murmelte Uschi spät in der Nacht. "So viel getanzt habe ich schon lange nicht mehr. Und erst recht nicht so viel getrunken."

"Jetzt wäre ein starker Kaffee recht", fand auch Niko und blickte Uschi fragend an.

Sie verstand. Er hoffte, dass sie ihn mit in ihre Wohnung nahm.

Uschi lächelte, doch blitzartig kam ihr eine Idee. Warum sollten sie den Kaffee nicht bei ihm trinken? Dann würde sie endlich die Skulptur zu Gesicht bekommen, die herbeizuschaffen ihr nur noch ein paar Tage Zeit blieb.

Niko hatte mit diesem Vorschlag nicht gerechnet. Er zögerte nur kurz. Würde Uschi sehr enttäuscht sein, wenn sie seine ohne jeden Luxus eingerichtete Behausung sah?

Enttäuscht war Uschi allerdings, als sie nirgends die Skulptur entdeckte. Sie konnte es nur mühsam verbergen, und Niko dachte sich seinen Teil.

Dass Uschi trotzdem bei ihm blieb, nahm ihm einen schweren Stein von der Seele...

 

*

 

Übermorgen würde ihr Chef nach New York fliegen. Trotzdem fühlte sich Uschi unbeschwert. Niko liebte sie. Daran zweifelte sie nun nicht mehr. Heute wollte sie ihm beichten, wie sehr Herr Kartner an der Skulptur interessiert war. Sie würde ihm aber auch klarmachen, dass er sich nicht etwa ihr zuliebe davon zu trennen brauchte. Ob er sie verkaufen wollte, sollte er völlig unbeeinflusst entscheiden.

Auch Niko befand sich in prächtiger Stimmung. Er lud sie in eines der teuersten Lokale der Stadt ein.

"Gibt es denn etwas zu feiern?", wunderte sich Uschi. So ausgelassen hatte sie ihn noch nie erlebt.

"Und ob", bestätigte er und machte ein geheimnisvolles Gesicht. "Aber das verrate ich noch nicht. Daheim wartet eine dicke Flasche Champagner."

Uschis Herz schlug ihr bis zum Hals. Niko würde sich doch nicht etwa mit ihr verloben wollen? Sie kannten sich erst kurze Zeit, aber wenn er sie tatsächlich fragte, würde sie einwilligen.

Nicht nur der Champagner wartete. Niko hatte den Tisch festlich gedeckt und entzündete, während Uschi sich im Bad ein wenig frisch machte, die drei Kerzen im Leuchter. Auch sein Herz hämmerte. Ein bisschen fürchtete er sich vor Uschis Antwort.

Das Telefon läutete in dem Augenblick, als Uschi ins Zimmer kam. Wie wunderschön sie aussah! Und er war doch nur ein Lehrer mit mäßigem Gehalt. Er griff nach dem Hörer, der ihm Gelegenheit bot, die schicksalhafte Frage noch ein wenig hinauszuzögern.

Das Gespräch dauerte nur kurz und wurde hauptsächlich von der anderen Seite geführt. Niko beschränkte sich auf wenige knappe Kommentare. Danach wandte er sich zu Uschi um, die nervös mit einer Serviette spielte. Es war ihr nicht schwergefallen, den Anrufer zu erraten.

"Herr Kartner ist dein Chef?", fragte Niko frostig.

Uschi nickte. "Ich glaube, ich muss dir etwas erklären", begann sie.

Er winkte ab. "Nicht nötig. Als Lehrer bin ich geübt, logische Zusammenhänge zu erkennen. Ihr wart also auf die Skulptur scharf. Daher deine überraschende Sympathie für mich. Und ich Narr habe mir eingebildet, du würdest mich tatsächlich mögen."

Sie versuchte zu erklären, dass alles ganz anders und Ferdinand Kartner ihrer Beichte nur zuvorgekommen sei.

Niko hörte ihr gar nicht zu. Er lachte freudlos. "Euer Pech, dass ich das Ding ausgerechnet heute losgeworden bin. Natürlich musste ich kräftig draufzahlen, aber ich bin heilfroh, dass ich nun aus meinen Schulden herauskomme. Möchtest du einen Schluck Champagner, bevor du gehst?"

Uschi schüttelte den Kopf und ging zur Tür. Sie fühlte sich gedemütigt und unglücklich. Erst jetzt begriff sie, wie sehr sie ihn liebte.

Details

Seiten
76
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930245
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
herzen

Autor

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Titel: Herzen kann man nicht ersteigern