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SEZESSIONSKRIEG 2.0 - Band 6: Holly Pond - Weiche Ziele

2019 75 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Holly Pond - Weiche Ziele

Copyright

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Holly Pond - Weiche Ziele

SEZESSIONSKRIEG 2.0 - Band 6

von Stefan Hensch

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 76 Taschenbuchseiten.

 

Der Captain meinte tatsächlich Delta-Echo.

„Sir, das ist bewohntes Gebiet.“ Stille. Connors hörte den Atem des Offiziers. „Führen Sie den Befehl aus, Corporal. Die Stadt wird von den Terroristen kontrolliert.“ Wieder nur Stille und sehr leise, aber heftige Atemgeräusche. „Das ist ein direkter Befehl, haben Sie verstanden?“

Der Blick des Corporal klebte weiterhin auf seiner Karte. „Dort befindet sich außerdem ein Krankenhaus, wissen Sie das?“ Seine Stimme klang gepresst – seine Körperhaltung verriet äußerste Anspannung.

„Verdammt nochmal, Connors! Befolgen Sie den Befehl umgehend, sonst bringe ich Sie vors Kriegsgericht. Haben Sie das jetzt verstanden?“

Es sah ganz nach einem einfachen Auftrag aus. Ein Team von der Maxwell-Gunter Airforce Base wird mit dem Hubschrauber losgeschickt, um einen abgeschossenen Piloten auszufliegen. Doch der Hubschrauber erreicht niemals sein Ziel. Eine Rettungsmission wird gestartet, um den Vorfall aufzuklären. Dabei stößt das Kommando auf die Bestie Mensch...

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Nach Motiven von 123RF und Steve Mayer, 2019

Sezessionskrieg 2.0 – die Serie nach einer Idee von Marten Munsonius, 2019

Serienausführung - Created by Wilfried A.Hary, Stefan Hensch & Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Swagger war eins mit dem Wald geworden. Das hatte er bei der Army gelernt. Der schwere Tarnanzug ließ ihn völlig mit dem Unterholz des Waldes verschmelzen. Ghillie Suit war der Fachbegriff für die Tarnkleidung, die ihm im aufrechten Stand in einen waschechten Waldschrat verwandelte. Auch den Lauf seines Jagdgewehrs hatte er mit einem Tarnnetz versehen, so dass keine verräterischen Lichtreflexe dem Wild seine Position verraten und aufschrecken konnte.

Vor der Armee hatte er Wild gejagt. In der Army war er auf Menschenjagd gegangen. Gegnerische Offiziere, hohe Funktionäre und nicht zuletzt auch feindliche Scharfschützen waren dort sein Wild gewesen. Solange, bis die verfluchte Sache in Pakistan passiert war, an der die US Army angeblich gar nicht beteiligt gewesen war. Swagger und seine Kameraden sahen das anders, besonders weil man das kleine Kommando nach dem Scheitern der Mission einfach aufgegeben hatte. Aber es gab ein Problem, denn die Kommandosoldaten kannten den Begriff Kapitulation nicht. Mit einem gestohlenen Lastwagen hatten sie es bis nach Punjab geschafft. Alle waren durchgekommen, aber Swagger hätte beinahe sein Bein verloren. Das war dann das Ende seines Dienstes gewesen, die Army hatte ihm einfach einen Tritt verpasst. Swagger war wieder nach Meadow Brook mitten im Nichts zurückgekehrt. Er hatte wieder seinen Job bei Bob Haskell als Mädchen für Alles des Sägewerks angenommen. Inklusive mieser Bezahlung, den Mücken und dem Dreck. Aber ein mieser Job war immer noch besser als kein Job. Doch dann war alles anders gekommen. Der Blackout des Rundfunks am Abend der Präsidentschaftswahlen war der Anfang gewesen, dann hatte es plötzlich Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Ersatzteilen gegeben und jetzt stand das Sägewerk seit drei Wochen still. Rundfunk gab es weiter keinen, und darüber was seit der Wahlnacht passiert war, gab es unzählige Berichte. Einige sprachen von einem Putsch, andere von Terroranschlägen und wieder andere von einem Bürgerkrieg.

Robert Swagger war es egal. Sein täglicher Kampf ums Überleben hatte schon voll angefangen. Seine Frau Maxine und die Kinder Lee und Sarah brauchten etwas zu essen. Das traf auch auf seinen Vater Rex zu, aber der brauchte etwas anderes noch viel dringender: Blutgerinnungshemmer. Ansonsten würde nämlich seine Pumpe schlappmachen. Noch hatte Rex einen vollständigen Blister, aber die Zeit lief. Fast jede Apotheke in der Umgebung war zuerst geschlossen, und dann geplündert worden. Das wurde langsam zu einem echten Problem. Aber heute war er hier, um ein anderes Problem zu lösen. Nahrungsmittelknappheit.

Swagger lag schon seit gut einer Stunde auf dem nadelübersäten Waldboden und blickte durch sein Zielfernrohr. An dieser Stelle hatte er schon häufig Weißwedelhirsche gesehen. Ein solches Tier würde die Probleme der Familie vorläufig lösen.

Aus seiner leicht erhobenen Position überblickte er die Szenerie und atmete ruhig und gleichmäßig. Er hatte Zeit, dies war eines der ehernen Gesetze der Jagd. Wer nicht warten konnte, konnte auch kein guter Jäger werden.

Dann endlich war es soweit. Ein stolzer Sechsender trat hinter einem Strauch hervor, sah in die von Swagger abgewandte Richtung.

Mit ruhigen Bewegungen visierte er den Rücken des Tieres an, erhöhte den Vergrößerungsfaktor des Zielfernrohrs. Dann sah er das linke Schulterblatt deutlich unter der Haut es Hirschs hervortreten, zielte einige Zentimeter dahinter. Sein Finger fand den Druckpunkt des Abzugs. Verharrte. Nur noch eine Sekunde, dann würde er das Projektil abfeuern und einen Blattschuss landen, der gleichzeitig Herz und Lunge traf. Der Weißwedelhirsch würde nicht leiden müssen und war tot, ehe er die Situation überhaupt realisierte.

Doch dazu kam es nicht. Das Dröhnen des Hauptrotors brandete unvermittelt auf. Der Hirsch zog erschrocken den Kopf ein und sprang mit blitzschnellen Sprüngen wieder tiefer in den Wald zurück. Swagger fluchte, das war es dann mit dem Hirsch für seine Familie gewesen. Wutentbrannt rollte er sich auf den Rücken und starrte an den Baumwipfeln der Tannen vorbei nach oben.

Das es ein Blackhawk war, hatte er sofort am Rotorengeräusch erkannt. Manche Dinge vergaß man wohl niemals. Er sah aber auch noch die Unterseite des Helikopters über sich hinweg jagen. Tiefflug, dachte Swagger mit vor Wut verzerrter Miene. Das verdammte Militär arbeitete unter seinem eigenen Radarschirm. Zu gerne hätte er den verdammten Vogel abgeschossen, aber heute war nicht die richtige Zeit dazu.

Es interessierte ihn nicht, was die Kerle da eigentlich machten. Eines stand nämlich fest: Die ganz normalen Menschen waren für das Militär nichts wert. Er hatte da ja schon seine eigenen Erfahrungen gemacht, als sie ihn fallengelassen hatten. Jetzt passierte das gewissermaßen zum zweiten Mal, denn die Zivilbevölkerung spielte überhaupt keine Rolle. Weder hatte es Lieferungen mit Nahrungsmitteln, noch Informationen gegeben. Anstelle dessen flogen diese sauberen Kerle mit ihren Hubschraubern durch die Gegend und scherten sich einen Dreck um Menschen wie ihn.

Wütend stand er auf und legte den Gesichtsschleier des Tarnanzugs zurück, hängte sich das Remington über die Schulter. Heute würde es keinen Hirsch mehr geben. Swagger fehlten jetzt Ruhe und Gelassenheit. Das Wild würde das Adrenalin in seinem Blut kilometerweit wittern. Es war Zeit, für heute Schluss zu machen. Maxine hatte noch genug Reis, gebackene Bohnen und Dosenfleisch. Sie würden zumindest nicht mit knurrenden Magen ins Bett gehen müssen. Aber dennoch spürte Swagger wieder die Wut in sich. Ob er nicht doch noch etwas bleiben sollte, um den Vogel bei seiner Rückkehr zu erwischen?

Swagger hielt einen Moment inne. Nach einigen Momenten schüttelte er den Kopf. Das machte mit seinem Jagdgewehr keinen Sinn. Einen direkten Treffer am Hauptrotor konnte zum Problem für den Blackhawk werden, aber dazu reichte seine Wut noch nicht aus. Bevor er nach Hause fuhr, würde er anstelle dessen einen Abstecher zu Quentin Rhinehart machen. Rhinehart war der Boss der Miliz und musste über den Blackhawk Bescheid wissen.

Swagger war schon lange dabei, der dicke Curd hatte ihn angesprochen. Durch die Jungs hatte er den einen oder anderen Schein zusätzlich machen können, denn die Miliz brauchte Männer wie ihn. Quentin Rhinehart war ein praktisch denkender Mensch. Neben dem Wohlergehen der USA war ihm sein eigenes Wohlergehen nämlich ebenso wichtig. Aus diesem Grund hatte er einige lukrative Geschäftsfelder betreten. Die Schwarzbrennerei mitten im Wald war davon noch das Harmloseste. Aber Swagger konnte dem Boss nicht vorwerfen, dass er seine Leute verhungern ließ. Neben regelmäßigen Waffenkäufen zahlte er auch regelmäßig sauberes Geld aus. Über diese Weise hatte Swagger nach dem Ende seiner aktiven Militärdienstzeit auch seine Familie über Wasser halten können. Zusammen mit dem Job im Sägewerk von Haskell war es zwar kein Leben im Überfluss gewesen, aber eben auch nicht in Armut. Aber das war seit der Wahlnacht vorbei.

Swagger zuckte mit den Achseln, als er aus dem Wald trat. Rhinehart teilte seinen Hass auf die Armee und die verdammte Regierung. Er hatte schon lange mit dem Ernstfall gerechnet. Nun war er eingetreten und die kleinen Leute wurden alleingelassen. Also war es Zeit, ihre verfassungsmäßigen Rechte in Anspruch zu nehmen und gegen die Elite aufzustehen!

 

 

2

Captain Jim Rezo war es fast täglich besser gegangen. Es waren jetzt einige Tage vergangen, seitdem ihn die kleine Gruppe in seinem Krankenzimmer aufgesucht hatte. Jack, Carol, Nick und Madison hatten ihn aus seiner abgestürzten Hornet gezogen und ihn dann ins Krankenhaus gebracht. Das war keineswegs selbstverständlich, schon gar nicht in Zeiten wie diesen.

Die Gruppe hatte sich auf seine Bitten auf den Weg zur Maxwell-Gunter Air Force Base in Montgomery gemacht, um dort mit seinem Vorgesetzten zu sprechen. Major Richard Vaughn musste von den Jets erfahren, die das Geschwader aufgerieben hatten. Rezo hatte bisher keine vergleichbaren Flugzeuge gesehen und sie waren so richtig kalt erwischt worden. Außer ihm hatte keiner der Piloten die letzte Mission überlebt.

Ob es seine Retter überhaupt bis Montgomery schafften? Es waren gut einhundertfünfzig Meilen. Unter normalen Bedingungen also noch nicht einmal ein Katzensprung. Aber die Zeiten hatten sich geändert, normal war gar nichts mehr. Davon konnten seine toten Kameraden ein Lied singen. Schon eine Strecke von wenigen Meilen konnte zu lang sein.

Die Tür ging auf und eine Krankenschwester betrat sein Krankenzimmer. „Wie geht es Ihnen heute, Captain Rezo?“

Der Pilot grinste breit. „Einfach klasse. Am liebsten würde ich für immer bleiben.“ Er sah die gut sechzigjährige Pflegerin wie ein Schuljunge an.

„Wenn Sie weiterhin so gute Fortschritte machen, sehe ich da aber leider schwarz!“

Beide schmunzelten, dann trat sie an seine linke Bettseite. „Ab heute brauchen sie den Tropf nicht mehr“, sagte sie und zog das Pflaster ab, dass die Infusionsnadel in seiner Ellenbogenbeuge fixierte. Dann zog sie die Nadel mit einer flinken Bewegung heraus und drückte ein Stück zusammengerollten Mull auf die Wunde, klebte sofort ein Pflaster drauf. „Je fester sie drücken, desto kleiner wird der Bluterguss!“

Rezo drückte mit seinem Zeigefinger fest zu. „Darf ich heute eigentlich mal etwas weiter als nur über die Station spazieren?“

Die Schwester runzelte die Stirn und dachte nach. Doch dann nickte sie. „Es spricht nichts dagegen, wenn Sie mal bis zur Lobby runterfahren. Aber übertreiben Sie es nicht, Captain!“

„Alles klar, Schwester!“

 

*

 

Jim Rezo war ein folgsamer Patient. Nachdem er die Infusionsnadel gezogen bekommen hatte, setzte er sich zuerst einige Minuten an die Bettkante und wartete, bis sein Herzschlag sich wieder normalisiert hatte. Dann stand er langsam vom Bett auf und ging zum Kleiderschrank. Dort lag seine Geldscheinklammer, eine seiner Marotten. Er stieg nie ohne den Clip ins Cockpit. Bisher hatte es ihm immer Glück gebracht, aber was wehrte schon ewig?

Mit kleinen Schritten verließ er sein Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Es war ruhig auf der Station. Das Pflegepersonal schien entweder kollektiv eine Pause zu machen, oder war redlich am arbeiten. Jedenfalls sah er keinen von ihnen.

Das Gehen war zwar anstrengend, tat ihm aber richtig gut. Dennoch musste er sich mehrfach bremsen, als er das Gangtempo zu stark anzog. Schritt für Schritt entfernte er sich von seinem Zimmer, dann hatte er den Ausgang der Station erreicht. Eine der Krankenschwestern hatte von den sagenumwobenen Kaffeeautomaten erfahren. Kaffee. Das war lange her, denn die Plörre auf der Station konnte er kaum als solchen bezeichnen. Im Erdgeschoss sollte es neben der Lobby ein paar Getränkeautomaten geben, die sämtliche Kaffeespezialitäten bereithielten. Einmal hatte ihm ein Pflegeschüler sogar einen der Espresso mitgebracht. Es war die reinste Geschmacksexplosion auf seiner Zunge gewesen.

Deshalb war das Ziel klar definiert. Die Luft war frisch und roch sauber, während er auf den Aufzug zutrat und den Rufknopf drückte. Kaum zehn Sekunden später glitten die Türen auseinander, und der Captain konnte die Kabine betreten. Surrend setzte sich der Aufzug in Bewegung und senkte sich Richtung Erdgeschoss.

Vor Vorfreude grinsend, verließ Rezo den Aufzug und betrat die Lobby. Schon aus der Ferne sah er die Automaten. Mit langsamen Schritten durchquerte er den Eingangsbereich des Krankenhauses. Der Anblick erinnerte ihn eher an ein Hotel, als an ein Krankenhaus. Aber so war das heute wohl. Die Welt hatte sich weitergedreht, seitdem er ein kleiner Junge gewesen war. Als er die Mandeln rausbekommen hatte, war das Krankenhaus durchaus noch deutlich rustikaler gewesen.

Endlich erreichte er die Automaten und entschied sich für einen, der Cappuccino im Angebot hatte. Rezo drückte die entsprechende Taste und schob eine Banknote in den Schlitz, von der ihm Abe Lincoln ansah. Kurze Zeit später landete ein hochwertig aussehender Pappbecher in der Auffangvorrichtung und der Automat begann brodelnd mit seiner Arbeit.

Da sah er die Bewegung und etwas in ihm zog sich zusammen. Auf dem Vorplatz vor dem Krankenhaus hielten drei Lastwagen der Army. Bei allen dreien handelte es sich um Truppentransporter. Soldaten sprangen von der Ladefläche herunter, andere halfen verletzten Kameraden von dem Wagen herunter. Vom hintersten Fahrzeug wurden sogar Männer auf Tragen herunter bugsiert. Es mussten gut einhundert Verletzte sein, die hier im Krankenhaus nach Hilfe suchten.

Rezo klappte der Kiefer herunter. Somit hatte der Krieg tatsächlich Holly Pond erreicht. In diesem Moment war der Offizier unglaublich erleichtert, das er nicht mehr seinen Pilotenanzug, sondern einen Pyjama des Krankenhauses nebst dazugehörigem Morgenmantel trug. Zu wem gehört ihr, dachte Rezo. Und gegen wen habt ihr gekämpft?

 

 

3

Die Gray Eagle-Drohne kreiste lautlos hoch über Holly Pond. Die Waffenplattformen unter ihren Flügeln waren leer. Dafür war der Rumpf der Drohne mit zusätzlichen Überwachungssensoren und Objektiven vollgestopft. Die Gray Eagle war auf einer reinen Aufklärungsmission und wurde von einem Piloten gesteuert, der viele hundert Meilen entfernt in einem Bunker saß.

Die Gefechte hatten in den letzten Tagen zugenommen. Da der Frontverlauf völlig unüberschaubar geworden war, sollte die Drohne die Bodeneinheiten mit wertvollen Informationen versorgen. Einzelne Einheiten waren versprengt worden, andere lieferten sich ein nervenzerfetzendes Stellungsgefecht mit dem Gegner und andere Einheiten formierten sich bereits wieder neu. Die Gray Eagle sollte zusätzliche Informationen liefern, damit für die genannten Probleme optimale Lösungen entwickelt werden konnten.

Doch nun hatte die Drohne etwas gesendet, was den Operator am Steuerknüppel sehr interessierte. Feindliche Einheiten hatten das Stadtgebiet von Holly Pond erreicht. Ein hochauflösendes Objektiv richtete sich auf die Truppen und zoomte näher. Die feindlichen Kämpfer wurden zum örtlichen Krankenhaus transportiert, um dort wieder gefechtsbereit gemacht zu werden.

Die Drohne flog eine enge Kurve und richtete sich dann auf die nähere Umgebung der Kleinstadt aus. Anscheinend hatte der Feind seine Strategie geändert und wollte Holly Pond als vorläufigen Stützpunkt einnehmen. Dies machte eine andere Strategie erforderlich, denn ein langanhaltender und schwer zu entscheidender Häuserkampf musste um jeden Preis vermieden werden.

 

 

4

Corporal Lance Connors drückte das Feldtelefon gegen sein Ohr und runzelte die Stirn. „Entschuldigen Sie, Sir. Aber ich glaube, ich habe Sie gerade nicht richtig verstanden!“

Die Stimme am anderen Ende seufzte. „Sammeln Sie sich mit den anderen MLRS am Rendezvouspunkt C3. Von dort aus nehmen sie das Planquadrat Delta-Echo unter Beschuss.“

Connors sah angestrengt auf die Karte in seinen Händen. Der Wind spielte damit und er musste sich konzentrieren, um das Zielgebiet im Blick zu behalten. Aber es konnte keinen Zweifel geben, er hatte sich nicht verhört. Der Captain meinte tatsächlich Delta-Echo.

„Sir, das ist bewohntes Gebiet.“ Stille. Connors hörte den Atem des Offiziers. „Führen Sie den Befehl aus, Corporal. Die Stadt wird von den Terroristen kontrolliert.“ Wieder nur Stille und sehr leise, aber heftige Atemgeräusche. „Das ist ein direkter Befehl, haben Sie verstanden?“

Der Blick des Corporal klebte weiterhin auf seiner Karte. „Dort befindet sich außerdem ein Krankenhaus, wissen Sie das?“ Seine Stimme klang gepresst – seine Körperhaltung verriet äußerste Anspannung.

„Verdammt nochmal, Connors! Befolgen Sie den Befehl umgehend, sonst bringe ich Sie vors Kriegsgericht. Haben Sie das jetzt verstanden?“

Nun war es der Unteroffizier, der schwieg. Er nickte sachte. „Wir bewegen uns zum Rendezvouspunkt C3. Over.“

Dann klappte er das Feldtelefon zusammen und dachte nach. Er war in Kuwait, Afghanistan und im Irak gewesen. Der Job war auch dort nicht immer einfach gewesen, aber sie hatten immer gegen feindliche Truppen gekämpft. Es konnte ja sein, dass die Terroristen sich in der Kleinstadt verschanzt hatten. Aber rechtfertigte das einen Artillerieschlag auf ein Krankenhaus und ein Wohngebiet?

„Was ist nun los, Lance? Werden Sie den Befehl ausführen?“, wollte Private Fox wissen.

Connors zuckte mit den Schultern. „Wir sollen uns neu formieren und dann Holly Pond angreifen. Genauer gesagt, das dortige Krankenhaus!“

Der jüngere Mann runzelte die Stirn und sein linkes Augenlid zuckte.

„Mir gefällt das immer weniger. Aber eine Sache muss klar sein … Wenn wir das machen und es ist ein Fehler, dann kostet es unsere Ärsche. Du weißt ja, wie das ist.“

Bandler trat neben Fox. Der PFC nickte. „Wenn wir den Befehl nicht ausführen, landen wir vor dem Kriegsgericht. Das nennt man dann wohl eine klassisches Dilemma.“

Corporal Connors nickte. Das war die Situation. Aber bis zum Rendezvouspunkt war es noch eine gute Fahrtstrecke und damit blieb noch Zeit, um sich eine Strategie zurechtzulegen.

„Aufsitzen“, befahl er.

Die Männer stiegen in das Kettenfahrzeug, dass das Rückgrat der Army Artillerie bildete. Der Cummins-V8 Diesel erwachte brüllend zum Leben. Connors gab Gas und beschleunigte das Fahrzeug auf dreißig Meilen pro Stunde. Er war der Kommandant dieses MLRS. Was er zu seinen Männern gesagt hatte, stimmte. Aber in erster Linie war er es, den es den Kopf kosten würde, denn er trug hier die verdammte Verantwortung. Auf Fox und Bandler konnte er zählen, da war er sich völlig sicher. Im Kopf überschlug er seine Optionen. Bandler hatte vollkommen recht gehabt. Er musste den Angriff durchführen. Wenn er nicht den Feuerbefehl gab, würde er dafür sofort zur Verantwortung gezogen. Aber es gab ja trotzdem noch die Möglichkeit eines menschlichen, oder auch technischen Fehlers. Elektronik war heutzutage ja so fehleranfällig.

Connors war sich aber über einen Punkt vollkommen im Klaren. Wenn er eine Nummer abzog, musste sie wasserdicht sein. Sonst würde er sich im Knast wiederfinden, oder an der Front.

Da trat ein breites Grinsen auf sein Gesicht. Wasserdicht, das war es doch. Sein Blick fiel auf die Flasche in der Seitenablage der Fahrertür. Orangensaft. In Kombination mit der Bedienkonsole sicherlich ein absolut gutes Team. Das würde zwar wahrscheinlich ein Disziplinarverfahren nach sich ziehen, aber das hatte deutlich mildere Konsequenzen für Connors als ein Prozess wegen Befehlsverweigerung.

 

 

5

Swagger hatte seinen Tarnanzug auf der Ladefläche seines roten Pickups verstaut und trug wieder sein rotes Flanellhemd und die zerschlissenen Jeans, als er mit dem Gewehr über der Schulter seine Haustüre aufschloss.

„Papa, Papa, hast du einen Hirsch erwischt?“, rief Lee und sprang seinem Vater in die Arme. Robert hob seinen fünfjährigen Sohn mühelos auf seine Arme und drückte ihn an sich. „Leider nein, Großer. Ein Hubschrauber hat einen Sechsender verscheucht.“

„Wow, einen Sechsender? Meinst du, wir bekommen ihn das nächste Mal?“

Swagger sah theatralisch in die Ferne und dann wieder zu seinem Sohn. „Naja, wenn ich einen Assistenten mitnehmen darf!“ Er zwinkerte Lee verschwörerisch zu.

„Das wäre ja super toll“, freute er sich.

Da trat Maxine zu ihm und sah ihn an. „Ein Hubschrauber?“

Swagger nickte. „Ich war deswegen schon bei Quentin. Er muss davon wissen. Den ganzen Tag über haben wir das schwere Geschützfeuer gehört. Irgendwas geht in der Gegend ab, aber nichts Gutes.“

Maxine schob sich eine Strähne ihres braunen Haars hinter das linke Ohr und nickte. Wenn Swagger seine Frau ansah, sah er immer noch die Ballkönigin von der Highschool vor sich. Sie war immer noch wunderschön und blieb trotz seiner nicht gerade beeindruckenden Karriere und des absolut nicht luxuriösen Lebensstils bei ihm. Er wusste das zu schätzen, viele andere Frauen wären einfach mit den Kindern gegangen. Oder sogar ohne die Kinder, fügte er in Gedanken hinzu.

Vorsichtig setzte er Lee ab, der sofort in sein Zimmer lief. Wahrscheinlich würde er sich schon sein Outfit für die Jagd herauslegen.

„Hältst Du das für eine gute Idee?“, fragte Maxine und sah ihn fragend an.

Swagger trat zu seiner Frau und berührte sachte ihre zarte Wange. Sie hatten über das Thema Jagd schon oft gesprochen. Aber das war damals gewesen. Vor diesem ganzen Mist, dachte er. Jetzt standen die Dinge anders. Lee musste vielleicht früher und schneller lernen, wenn er in dieser Welt überleben wollte. So wie es aussah, würde sein Daddy nämlich vielleicht nicht mehr so lange da sein, um ihm in Ruhe alles Nötige zum richtigen Zeitpunkt beibringen zu können. Die Zeiten hatten sich geändert.

„Ich weiß, wie du darüber denkst. Aber ich war auch nicht viel älter, als Dad mich das erste Mal mit auf die Jagd genommen hat.“

Maxine presste ihre Lippen zusammen. „Aber du warst älter, Robert. Warum willst du Lee nicht einfach noch etwas Kind sein lassen?“

Swagger dachte nach, denn Maxine war sensibel. Er konnte ihr einfach nicht sagen, was ihm Angst einjagte. Wenn er das tun würde, hätte seine Frau noch viel mehr Angst. Da sie ohnehin schon viel mehr als andere Menschen nachdachte, wäre das keine gute Idee gewesen. Maxine lag sowieso zu oft nachts neben ihm wach und grübelte über alle möglichen realen und imaginären Probleme. Er wollte ihr nicht noch einen Grund dafür liefern.

„Du siehst doch, wie sehr er sich freut. Wir lassen das ganz langsam angehen. Okay, Schatz?“

Maxine wusste, dass sie sich in dieser Sache nicht gegen ihren Mann durchsetzen würde. Also zuckte sie mit den Schultern. „Aber ich will nicht, dass Lee schon mit dem Gewehr rumspielt.“ Sie machte eine Pause und wischte sich über ihr Gesicht. „Spielt also von mir aus ruhig etwas im Wald rum. Aber versprich es mir: Der Junge wird noch nicht schießen!“

Swagger nickte und zauberte ein ehrliches Lächeln auf sein Gesicht. Daraufhin umarmte ihn Maxine.

Dabei entgleiste sein Gesicht förmlich, denn jetzt konnte sie es nicht mehr sehen. Swagger hasste Lügen. Aber trotzdem war er ein guter Lügner, zumal wenn es um das Leben seines Sohnes ging. Lee würde schießen, er musste es lernen.

„Das machen wir genau so, mein Schatz!“

 

*

 

Während die Kinder nach dem Essen im Kinderzimmer herumtobten, saßen die Erwachsenen noch am Esstisch und tranken Kaffee.

„Wie geht es dir heute, Dad?“, wollte Swagger wissen.

Rex Swagger strotzte trotz seiner achtzig Jahre nur so vor Energie. Er war genau wie sein Sohn ein Mann wie ein Baum. Seine weißen, kurzgeschorenen Haare waren voll und seine stahlgrauen Augen zeigten keine Spur von rührseliger Milde oder Senilität. In Rex pulsierte das Leben, aber er hatte ein Herzproblem. Deshalb brauchte er seine Tabletten.

„Wie soll es mir gehen, Robert? Ich habe noch genug Tabletten und ich habe heute einiges von dem Holz kleinmachen können, dass sich hinterm Haus stapelt. Das ist doch schon mal was, oder?“

Maxine lächelte zuerst Rex, dann ihren Mann an. Seit dem Tod seiner Frau lebte ihr Schwiegervater mit ihnen im Haus. Er liebte seine Enkel und war ein Arbeitstier, das kaum einmal zehn Minuten ruhig sitzenbleiben konnte. Immer hatte er etwas zu erledigen und manchmal kam er erst spät in der Nacht aus der Werkstatt im Keller. Außerdem mochte Maxine ihren Schwiegervater, das war schon von Anfang an so gewesen. Aber da war die Sache mit den Tabletten.

„Gehst du dann morgen mit Lee zur Jagd?“, fragte Maxine.

Swagger nickte. „Wir fahren etwa zur selben Zeit wie heute. Der Weißwedelhirsch wird wiederkommen, da bin ich mir sicher.“

Rex lachte. „Du weißt, wie Hirsche sein können. Sei dir da also lieber mal nicht zu sicher, Junge!“

Swagger wusste, worauf sein Vater anspielte. Als junger Kerl war er einmal einem Hirsch über vier Wochen hinterhergelaufen. Aber das Tier war nicht wieder aufgetaucht, bis exakt dreißig Tage vergangen war. Beinahe hätte Swagger dann auch noch den Schuss vor Nervosität vergeigt. Beinahe.

„Vorher werde ich aber mit Richard nochmal auf Apotheken-Tour gehen.“

Maxine nickte langsam. Richard Armstrong war ihr Nachbar. Wie Swagger gehörte auch er zur Miliz, war aber noch relativ liberal. Außerdem hatte auch Armstrong Familie. Er würde also keine völlig unüberlegten Aktionen aus heiterem Himmel starten. „Wie weit wollt ihr fahren?“

Swagger sah seine Frau gelassen an. „Homestead.“

„Das ist verdammt weit, findest du nicht?“

„Wir haben jede Apotheke in der Nähe ausprobiert. Allesamt aufgebrochen und komplett leergeräumt. In Homestead leben fast nur Alte. Keine Junkies und keine Jugendlichen.“

Sie schluckte. Swagger hatte recht. Die Uhr tickte für Rex. Noch hatte er genug Tabletten. Aber was war, wenn er keine mehr hatte?

 

 

6

Maxwell-Gunter Air Force Base

Details

Seiten
75
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930238
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494173
Schlagworte
sezessionskrieg band holly pond weiche ziele

Autor

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Titel: SEZESSIONSKRIEG 2.0 - Band 6: Holly Pond - Weiche Ziele