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Die Raumflotte von Axarabor #97: Religion des Untergangs

2019 77 Seiten

Leseprobe

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Religion des Untergangs

Copyright

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Religion des Untergangs

Die Raumflotte von Axarabor - Band 97

von Stefan Hensch

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 85 Taschenbuchseiten.

 

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Bei der Vermessung des Ortem-Systems ist den Wissenschaftlern der Raumflotte ein fataler Fehler passiert. Die Sonne des Planetensystems ist wesentlich älter als vermutet, deshalb müssen die Kolonisten des Planeten Sarontis evakuiert werden. Ein skrupelloser Geschäftemacher zieht bei der Auswahl eines neuen Heimatplaneten die Fäden. Doch er ahnt nicht, mit wem er es dabei zu tun bekommt und was die Folgen seiner Handlungen sind.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / Cover 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Ortem-System, Planet Sarontis

Peer Gonsk lag auf dem Dach seines Hauses. Die Strahlen der Sonne erwärmten seinen Körper, aber es war wie blanker Hohn. Aber die Situation war fragil und konnte sich sehr schnell ändern.

Die öffentliche Ordnung auf dem Planeten war erschüttert worden, denn die verdammten Wissenschaftler hatten mit ihren blödsinnigen Prognosen alles infrage gestellt, was sich die Kolonisten auf Sarontis erarbeitet hatten.

Das stimmte natürlich nicht. Die Wissenschaftler hatten lediglich auf den Fehler aufmerksam gemacht, der von der Raumflotte durch die Auswahl von Serontis als Kolonie gemacht worden war. Die Wahrheit lautete nämlich, dass der ganze Planet zum Untergang verdammt war!

Peer legte sich auf den Rücken und starrte die senkrecht am Himmel stehende Sonne am Himmel an. Du verdammter Himmelskörper, dachte der Lehrer. Wer hätte gedacht, dass sich unsere Eierköpfe einfach mal um ein paar schlappe Millionen von Jahren bei deiner Lebensdauer verrechnen könnten? Doch genau das war passiert. In Kürze würden sprichwörtlich die Lichter für immer ausgehen. Damit war das Leben auf dem Planeten unmöglich.

Als diese Information sich auf dem Planeten verbreitet hatte, hatte das Chaos an die Türen der planetaren Gesellschaft geklopft. Doch aus irgendwelchen Gründen war es nicht ausgebrochen, sondern hatte lediglich zu einem völligen Stillstand auf Sarontis geführt. Kaum noch irgendjemand ging zur Arbeit, oder erledigte seinen Job auf die eine oder andere Weise. Jedem halbwegs intelligenten Bewohner des Planeten war nämlich klar, dass ein planetarer Exodus bevorstand.

Die Raumflotte würde früher oder später mit einer ganzen Armada an Schiffen aufkreuzen, um die Kolonisten zu evakuieren. Damit war jede Leistung auf dem Planeten überflüssig und hinfällig geworden. Ebenso machte Produktivität keinen Sinn mehr, denn das Sternenreich würde sowieso alle Bewohner für die Unannehmlichkeiten im Zusammenhang mit dem Neustart auf einem neuen Planeten entschädigen. Vorerst gab es in der neuen Heimat jedoch noch nichts für Geld zu kaufen, sondern musste aus dem Nichts gestampft werden.

Gonsk musste an seinen Vater denken. Er gehörte zu den Gründervätern der Kolonie auf Sarontis. Bei einem Unfall vor einigen Jahren war er leider ums Leben gekommen. Wäre es anders gewesen, hätte er jetzt wahrscheinlich spätestens jetzt einen Herzinfarkt bekommen. Vor Wut über so viel Unvermögen!

Doch weder sein Vater, noch seine Mutter mussten den Neustart auf einem fremden Planeten nochmals erleben. Das musste nur Peer. Am liebsten hätte er die Reißleine gezogen und wäre in ein Raumschiff mit Kurs auf die zentralen Welten des Sternenreichs gestiegen. Doch eine Flucht von Sarontis kostete ein Vermögen. Selbst mit seinem Gehalt als Lehrer konnte er sich diesen Luxus nicht ermöglichen und die Banken vergaben einfach gar keine Kredite mehr. Nein, er musste sich gar nichts vormachen. Aus dieser Situation würde er nicht herauskommen, er würde an Bord eines der axaraborianischen Schiffe gehen müssen. Ob es ihm gefiel, oder nicht.

Missmutig setzte er sich auf seiner Liege auf und starrte nach Osten. Er sah Einfamilienhaus an Einfamilienhaus, Straßen und in der Ferne den See zur Naherholung. Die Kolonisation hatte einfach funktioniert, jeder der Kolonisten hatte seinen Beitrag geleistet. Aber letztlich basierte der Wohlstand des Planeten auf der Leistung der Gründerväter. Ob es auf einem neuen Planeten ähnlich funktionieren würde? Oder waren die Kolonisten nun so entmutigt, dass sie sich nicht mehr zu ähnlichen Leistungen aufraffen konnten? Andererseits bot ein Neustart auch immer Chancen, nicht nur Risiken.

Gonsk stand auf und ging zu dem offenstehenden Oberlicht, kletterte die Leiter herunter. Gott sei Dank hatte er keine Kinder. Seine Schüler und alle Familien mit Kindern taten ihm am meisten leid. Ein so harter Bruch wie der Wechsel auf einen anderen Planeten war wirklich nicht einfach für ein Kind. Die Würfel wurden einfach wieder neu geworfen, schließlich ging es nicht um ein paar tausend Menschen, sondern Millionen. Auf dem neuen Planeten würden ehemalige Nachbarn jetzt vielleicht durch unvorstellbare Distanzen voneinander getrennt, Klassenverbände wurden zerschlagen und Ortsgemeinschaften durcheinander gewirbelt. Aber anders ging es nicht, wenn eine Umsiedelung halbwegs effektiv erfolgen sollte.

In der Küche angekommen, öffnete der Lehrer den Kühlschrank und nahm sich ein Bier heraus. Er drehte den Verschluss ab und trank einen großen Schluck direkt aus der Flasche.

Wie lange es noch bis zum Exodus dauern würde, wusste niemand. Irgendwann würden die Schiffe der Raumflotte ankommen. Vielleicht war es eine Frage von Tagen, aber wahrscheinlich waren es eher Wochen oder auch sogar Monaten. Aber die Schiffe würden kommen, das war ein unumstößlicher Fakt. Nachdenklich sah Gonsk auf das Etikett der Bierflasche. Ob es seine favorisierte Biermarke auch auf seinem neuen Heimatplaneten noch geben würde?

Schulterzuckend ging Gonsk Richtung Haustür. Als er hinaustrat, schlug ihm salzige Meeresluft entgegen. Der Lehrer liebte den Geruch, atmete tief durch.

Entspannt lenkte er seine Schritte in Richtung Strand. Allen Meldungen der Wissenschaft zum Trotz war es in den letzten Tagen angenehm warm gewesen. Eigentlich stand Sarontis vor einer neuen Eiszeit, denn der Kollaps der Sonne hatte schon begonnen. Der Lehrer merkte nichts davon, und auch nicht die beiden jungen Frauen, die ihm nur in Bikinihosen entgegenkamen. Dies war einer der positiven Nebeneffekte, die die geradezu apokalyptischen Meldungen der Regierung mit sich gebracht hatten: man sah mittlerweile einiges deutlich lockerer, als noch vor kurzer Zeit.

Die beiden Frauen blieben stehen und musterten Gonsk interessiert. Er erwiderte ihre Blicke und ertappte sich dabei, wie seine Blicke auf ihren Brüsten ruhten.

„Hast du heute noch was vor?“, fragte ihn die Dunkelhaarige.

Gonsk schüttelte den Kopf.

„Hinter den Dünen ist heute nicht viel los“, sagte sie lächelnd.

Auch der Lehrer lächelte. „Dann lasst uns das doch ändern!“

 

 

2

Wayland System, Planet Nilosa in der Nähe des Raumhafens

In der Bar pulsierte das Leben. Die Schwarze Perle wurde sowohl von Mitgliedern der Raumflotte, Arbeitern der Werften, aber auch von eher zwielichtigen Gestalten besucht. Alle Besucher hatten gemeinsam, dass sie gerne feierten und dafür auch gerne gutes Geld ausgaben. Zum Ausgleich gab es in der Bar dann auch die beste Musik, die besten Drinks und die schönsten Mädchen. Darüber hinaus existierte ein größeres Angebotsspektrum. Diese Angebote waren aber deutlich exklusiverer Natur und dementsprechend auch kostspieliger.

Eines dieser optionalen Angebote war ein sehr dezentes Hinterzimmer. Vollkommen schallisoliert und abhörsicher stand es Kunden zur Verfügung, die an diskreten Treffen auf neutralem Territorium interessiert waren.

Auch heute Abend war es gebucht worden. Halem North stand wartend davor. North trug einen edlen Anzug aus blauer Seide und fügte sich damit recht gut in das typische Klientel der Schwarzen Perle. Doch North war nicht zum Feiern gekommen, er wollte ein wichtiges Geschäft abschließen. Dazu musste sein Geschäftspartner jetzt nur noch aufkreuzen. Die Bässe auf der Tanzfläche waren nicht gerade unterdimensioniert, deshalb brachte North die Musik auch hier an diesem abgelegenen Teil der Bar noch fast um den Verstand.

Nervös sah der Geschäftsmann auf seinen goldenen Chronometer. Es war noch etwas Zeit, dennoch wurde er bereits nervös. Doch endlich sah er Bewegung auf dem Gang.

Eine ganze Gruppe von Männern tauchte auf und nahm zielstrebig Kurs auf ihn. Alle trugen teure dunkle Anzüge und dennoch schrie alles an ihnen nach Raumflotte. Jeder der Männer war bewaffnet, Halem sah ganz deutlich die Ausbeulungen unter den linken Achseln.

Der älteste der Männer reichte North zur Begrüßung die Hand. „Guten Abend, Halem.“

Nickend erwiderte der Angesprochene den Gruß. „Guten Abend Robert“, dann machte er eine einladende Geste um ins Hinterzimmer zu bitten.

Doch der andere Mann machte keine Anstalten der Einladung zu folgen, schüttelte anstelle dessen den Kopf. „Ich würde gerne vorher den Raum checken lassen.“

Halam runzelte die Stirn, nickte dann aber. „Aber natürlich!“

Zwei der Soldaten betraten den Raum und sahen sich um. Einer der Männer zog ein Messgerät hervor und analysierte den Raum. Die ganze Prozedur dauerte keine dreißig Sekunden, dann kamen die Männer wieder aus dem Hinterzimmer. „Der Raum ist sauber, Sir. Keine passiven oder aktiven Überwachungssysteme.“

Der Admiral nickte. „Damit wäre der Raum sauber.“ Die braunen Augen des Mannes glitten zu Halam North. „Sie haben doch nichts gegen einen kurzen Sicherheitscheck einzuwenden?“

Natürlich gefiel North das nicht, aber er stimmte zu. Gekonnt durchsuchte ihn einer der Soldaten und tastete ihn ab, während der andere Soldat seinen Körper nach elektromagnetischen Impulsen scannte.

„Alles in Ordnung“, meldeten die Männer.

Der Admiral grinste zufrieden. „Unsere kleine private Unterredung soll auch wirklich privat bleiben.“

Halam nickte. Solange es heute einen erfolgreichen Geschäftsabschluss gab, war ihm eigentlich fast alles andere egal.

Der Geschäftsmann betrat das Hinterzimmer, dicht gefolgt vom Admiral. Kaum waren sie im Zimmer, hörten sie die Musik kaum noch. Einer der Gorillas machte die Tür zu und postierte sich davor. Augenblicklich waren sie von der Außenwelt abgeschnitten. Die übrigen Soldaten bewachten das Hinterzimmer von draußen. „Was ist der Grund für Ihre ungewohnte Vorsicht, Admiral?“

Der Offizier setzte sich auf einen der Stühle gegenüber von North. „Momentan läuft eine Hexenjagd innerhalb der Flotte. Es gibt viele Offiziere, die Admiral werden wollen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber es gibt nur begrenzte Möglichkeiten dazu. Da kommen manche Leute schon auf relativ abstruse Ideen!“

Halam nickte gleichmütig. Vermutlich war es egal, ob man in der Wirtschaft oder in der Raumflotte unterwegs war, das obligatorische Ränkespiel gab es anscheinend überall als gratis Beigabe.

„Lassen Sie uns aber zum Punkt kommen, Halam. Durch das mir vorliegende Dokument weiß ich, worum es Ihnen geht. Ich denke, ich kann da auch etwas für Sie tun. Aber die Angelegenheit ist doch etwas komplexer.“

North presste die Lippen aufeinander. Der Admiral wollte lediglich mehr Geld rausschlagen. Der Aufwand bei diesem Geschäft war keinesfalls höher als beim letzten Mal. Aber so war das, alles wurde eben teurer. Auch im Bereich der Korruption. Darüber musste man sich nicht aufregen, das gehörte zum Geschäft.

Halam nickte gleichmütig. „Wie viel wollen Sie, Robert?“

Der Offizier lächelte ein Raubtierlächeln. „Wie schon gesagt, der Wind in meiner Branche weht momentan heftiger. Auch wenn man mir nicht direkt etwas nachweisen können wird, könnte das vielleicht meine letzte Amtshandlung sein.“

Du langweilst mich, dachte Halam.

„Ich benötige einen Aufschlag von zwanzig Prozent.“

North nickte. Das entsprach im Groben seiner Kalkulation und war im Vergleich zum Ertrag des Deals ein echter Witz. Wenn der Admiral ihn unterstützte, würde das sogar Milliarden an Umsatz für den ROMET-Konzern bedeuten.

„Also gut“, sagte er und reichte seinem Gegenüber die Hand.

„Es ist eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen“, sagte der Admiral grinsend.

„Die Freude liegt ganz bei mir.“

Der Admiral lehnte sich entspannt zurück. „Dann werden die Kolonisten von Sarontis eben die nächsten Jahrzehnte in ihrer neuen Heimat etwas frieren müssen.“

Halam lachte. „Es wird ihnen jedenfalls nicht so kalt, wie es ihnen auf ihrem jetzigen Planeten noch werden dürfte. Außerdem bekommen sie ja ein nachhaltiges Terraforming mit auf den Weg.“

Der Admiral nickte. „Und da Nachhaltigkeit gleichzeitig auch deutlich mehr Zeit benötigt, sind die Kolonisten um so länger auf die Produkte und Dienstleistungen von ROMET angewiesen, nicht wahr?“

Der Geschäftsmann lachte. „Wir machen das doch gern. Außerdem haben wir eine große Palette qualitativer Produkte, die man auf einem so kalten Planeten wie Arkto gut gebrauchen kann.“

„Dann sehen Sie nur zu, dass Sie die Produkte nicht zu billig verschleudern. Sie wollen ja schließlich nicht, dass die Siedler sich effektiveres Terraforming aus den Erträgen des Erzabbaus leisten können.“

Nun war es Halam, der böse grinste. Diese Option würde er definitiv zu verhindern wissen!

Es gab nur eine Sache, die Halam noch klären wollte. „Wie sieht es rein rechtlich aus? Können die Kolonisten ein Veto gegen Arkto einlegen?“

Der Admiral grinste. „Diese Möglichkeit ist völlig ausgeschlossen. Die Begradigung des Fehlers mit Sarontis lässt sich das Sternenreich nun einiges kosten. Gleichzeitig verpflichtet sich jeder Siedler zur Vertragstreue. Einwände gegen einen Planeten aufgrund äußerer Parameter sind rechtlich völlig ausgeschlossen!“

Halam grinste. Also konnten die Siedler nur zustimmen, oder auf einem dem Untergang geweihten Planeten zurückbleiben. Solche Geschäfte gefielen ihm!

 

 

3

Drain-System, Orbit Planet Arkto, Hibernationsschiff KONTIGO

Gonsk schlug die Augen auf. Es war seine erste Reise im Kälteschlaf gewesen. Vor ihrem Beginn hatte der Lehrer Angst gehabt. Die meisten Menschen hatten Angst. Angst, nicht mehr aufzuwachen. Doch Peer Gonsk hatte eine völlig andere Angst gehabt: zu früh zu erwachen. Die Kapseln hatten zwar ein Überwachungssystem, aber es kursierten immer wieder Gerüchte über Zwischenfälle. Angeblich wurden diese Unfälle von den Medien vertuscht, aber die Besatzungen an Bord der Hibernationsschiffe sahen sie mit ihren eigenen Augen. Jedenfalls war es das, was sich die Weltraumfahrer unter vorgehaltener Hand in schummrigen Kneipen berichteten.

Aber dies war nicht passiert. In regelmäßigen Abständen spürte Gonsk Einstiche von Infusionsnadeln, die stabilisierende und aufputschende Wirkstoffe in seinen Körper pumpten. Das wäre nicht passiert, wenn er zu früh wachgeworden wäre.

Langsam begann auch sein Gedächtnis wieder zu funktionieren. Sie hatten Sarontis verlassen müssen, weil er sich in naher Zukunft in eine tödliche Eiswüste verwandelt hätte. Nun waren sie auf dem Weg zu Arkto, einem Planet im Drain-System. Seltsamerweise hatte es über den Planeten nicht die geringsten Informationen in den Netzwerken des Sternenreichs gegeben. Angeblich sollte ein Softwareproblem daran ursächlich schuld sein. Aber was sollte auch sonst der Grund dafür sein? Dies war natürlich der beste Nährboden für einige wüste Verschwörungstheorie gewesen, die bis zum Abflug auf Sarontis kursiert waren. Gonsk hielt aber nichts von Verschwörungstheorien, deshalb hatte er sich gar nicht erst damit befasst. Arkto sollte lieber seine Chance bekommen, um sich unvoreingenommen seinen neuen Bewohnern zu präsentieren. Und genau das würde jetzt passieren. Es ertönte ein leises Piepen, dann begann sich die Hibernationskapsel langsam zu öffnen.

 

*

 

Die Kolonisation eines Planeten wurde in mikroskopisch kleine Teilschritte zerlegt. Ansonsten wäre einfach zu viel Manpower und auch Material nötig gewesen. Das Fundament der Landung waren die Kerngruppen. Jeweils zehn Mann wurden aus dem Kälteschlaf geweckt und dann durch die einzelnen Stationen des Prozesses geführt, bis sie schließlich an Bord eines Landungsschiffs stiegen und zur Planetenoberfläche gebracht wurden.

Die Gruppe von Gonsk hatte die Sanitärabteilung, die medizinischen Checks und auch die Kleiderausgabe bereits hinter sich gebracht. Nun stand ein kleines Briefing auf dem Programm, dass die Siedler auf ihre neue Heimat vorbereiten sollte.

„Willkommen ihr mutigen Pioniere“, begrüßte sie ein Deckoffizier. Der Offizier musste um die zwei Meter groß sein, hatte raspelkurze Haare und trug die Uniform der Raumflotte. Anhand der zahlreichen Abzeichen am Kragenspiegel war selbst für einen eingefleischten Zivilisten ersichtlich, dass es sich um einen Veteranen handelte.

„Euer neues Zuhause wird der Planet Arkto. Es gibt eine relativ reiche Tier- und auch Pflanzenwelt, aber ansonsten keinerlei intelligentes Leben.“ Der Offizier machte eine Pause und sah in die Runde. „Das war die gute Nachricht!“ Mit dieser Ansage hatte der Deckoffizier die ungeteilte Aufmerksamkeit der Kolonisten gewonnen, denn es schwang auch eine Drohung darin mit. Wann kam die schlechte Nachricht?

Hinter dem Offizier erschien ein rotierendes Hologram des Planeten. Die Brust von Gonsk zog sich zusammen, denn Arkto war schneeweiß. Es ist ein verdammter Eisplanet, durchzuckte es ihn folgerichtig. Da hätten sie ja gleich auf Sarontis bleiben können!

Auf dem Gesicht des Deckoffiziers erschien ein harter Ausdruck und er nickte den Kolonisten zu. „Mit eurer neuen Heimat hat es euch also buchstäblich kalt erwischt.“ Er drehte sich zu dem Hologramm um. Augenblick leuchteten zahlreiche rot markierte Flächen auf der Planetenoberfläche auf. „Die Raumflotte hat exakt einhundert Habitate auf Arkto eingerichtet, von denen aus die Kolonisation des Planeten erfolgen soll. Außerdem wurde ein Terraforming-Projekt gestartet, das die durchschnittliche Temperatur nachhaltig um fünfzehn Grad anheben soll.“

Das verdammte Sternenreich hatte sie vom Regen in die Traufe gebracht. Gonsk presste seine Lippen aufeinander. Doch ihm brannte eine Frage auf der Zunge. „Wie lange wird es dauern, bis das Terraforming erfolgreich ist?“

Der Kopf des Deckoffiziers fuhr zu Gonsk herum. Dann kam er mit auf dem Deck knallenden Schritten auf den Lehrer zu. „Es handelt sich um eine nachhaltige Form des Terraformings, das die Ökosphäre des Planeten nicht irreparabel schädigt. Deshalb gehen unsere Wissenschaftler von einem Zeitraum von etwa zwanzig Jahren aus.“

Zwanzig lausige Jahre in der Kälte, dachte Gonsk. Wo war er hier nur gelandet?

 

 

4

Ein Jahr später

Tommek schwitzte. Das lag natürlich an der harten körperlichen Arbeit und dem Umstand, dass es unter der Oberfläche des verfluchten Planeten deutlich heißer als an seiner Oberfläche war. Dennoch ärgerte es den Arbeiter, denn sein Schweiß war wie Hohn.

Der Arbeiter schaufelte den Rest des Gesteins auf die Ladefläche des wartenden Androiden, dann hob er wieder seinen Bohrhammer und machte sich wieder an seine Arbeit. Arbeit, dachte Tommek. Der Begriff war lächerlich. Es war Sklaverei pur. Aber nicht nur die Arbeiter der Bergwerke waren versklavt worden, sondern der ganze Planet. Die Gesellschaft von Arkto hing an den Erträgen aus dem Verkauf des Sagutara-Erzes. Ständig musste Kleidung und technisches Gerät mittels Subraumkommunikation bestellt werden, damit überhaupt ein Überleben auf dem eiskalten Planeten möglich war. Von einer Expansion aus den Habitaten konnte deshalb überhaupt keine Rede seine, es ging vielmehr um das blanke Überleben.

Da tippte ihm jemand auf die Schulter. Tommek drehte sich herum und sah seinen Kollegen Mandillo. Wie auch er selbst hatte sich Mandillo seinen Overall geöffnet und ließ das Oberteil an sich herunterhängen. Beiden Männern war die Arbeit unter Tage mit dem bloßen Augen anzusehen. Kräftige Muskelpakete hatten sich an ihren verschwitzten Oberkörpern gebildet.

„Zeit für eine Pause“, sagte Mandillo bestimmt.

Tommek grinste. Wie immer hatte sein Freund und Kollege recht.

Mandillo zog eine große Thermoskanne hervor und hielt sie Tommek hin. Ans Essen war in der feuchten Schwüle und im allgegenwärtigen Staub nicht zu denken. Um sich zu stärken blieb deshalb nur eine Tasse Flüssignahrung. Tomek und Mandillo wechselten sich mit der gegenseitigen Versorgung ab, auf diese Weise vergaßen die beiden Männer auch nicht ihre regelmäßige Stärkung.

Tomek drehte die Thermoskanne auf und sah die Lasergravur auf deren Verschluss. ROMET. Das Logo war auf Arkto überall präsent. Der Konzern belieferte den Planeten einfach mit allem, was die Menschen zum Überleben in der lebensfeindlichen Umgebung brauchten. Außerdem verdiente die Firma auch mit Luxusgütern sehr gut. Wer wollte schließlich keine eigene Thermozelle im Garten?

„Wahrscheinlich freuen sich die Aktionäre von ROMET als einzige über unseren Exodus nach Arkto“, zischte Tommek.

Mandillo stimmte nickend zu. „Die verdienen sich an uns eine goldene Nase!“

Tommek nahm einen Schluck des dickflüssigen Getränks und verzog über seine Süße den Mund. Dennoch tat die Stärkung gut. Ohne sie wäre die Arbeit nicht zu ertragen.

Stumm beobachtete Tommek, wie sich Mandillo den Rücken hielt. Sein Kollege war kein Waschlappen. Keiner der Kumpel war das, sonst wäre er fehl am Platze gewesen. Im Bergwerk wurde geklotzt, nicht gekleckert. Aber die Wahrheit war, dass sie sich hier alle kaputt schufteten. Aber leider waren die Verhältnisse in den Bergwerken so unkalkulierbar, dass der Abbau unbedingt von Menschen erledigt werden musste. Zumindest war dies die offizielle Darstellung. Inoffiziell vermutete man eher die Armut des Planeten als Ursache. Androiden waren einfach viel teurer als Arbeiter, denen man lediglich den Mindestlohn zahlen musste. Wen interessierte da schon, dass die Arbeiter allesamt nach nur kurzer Zeit völlig kaputt waren?

Gleichzeitig hörten beide Männer die Sirene. Ihre Blicke trafen sich. Jeder von ihnen wusste, was das zu bedeuten hatte. Geistesgegenwärtig packte sich Tommek seinen Bohrhammer. Im Verlustfall würde ihm nämlich das teure Werkzeug von seinem Lohn abgezogen.

„Los jetzt, Tom. Raus hier!“

Tommek blieb Mandillo dicht auf den Fersen. Sie bogen gerade um eine Ecke des Gangs, als Staub und Dreck von den Wänden rieselte. Das Heulen der Sirenen blieb, peitschte die Männer noch zusätzlich an.

Da erzitterte der Stollen. Mandillo wäre um ein Haar von den Beinen gerissen worden, aber Tommek packte ihn geistesgegenwärtig an der Schulter und verhinderte es.

„Weiter Mandillo, weiter“, kommandierte Tommek und übernahm nun die Führung. Ihr Gang führte sie in einen Quergang. Sie trafen auf weitere Bergleute, die allesamt zu den Transportkapseln hetzten. Wer einen Platz darin ergattern konnte, würde überleben. Wer auf die Rückkehr der Kapseln warten musste, hatte da deutlich schlechtere Karten.

Die Luft wurde dicker und dicker, denn normalerweise sammelten sich die Arbeiter niemals in einer solchen Konzentration. Das Herz von Tommek hämmerte, um seinen Körper mit dem in der stickigen Luft knapper gewordenen Sauerstoff zu versorgen.

In diesem Moment verstummte der Alarm. Kollektives Aufatmen setzte ein.

„Stollen dreizehn hat es erwischt. Es sollen alle draufgegangen sein“, hörte Tommek einen Gesprächsfetzen und sah betroffen zu Boden. Mandillo hatte es auch gehört.

Im Bergbau hatte eben nicht nur seit jeher harte Arbeit Tradition, sondern auch der Tod. Doch für den Geschmack von Tommek wurde auf Arkto einfach zu viel für zu wenig gestorben.

„Verdammt“, fluchte Tommek und sah auf seinen Bohrhammer.

„Was ist los? Ist das Ding kaputt?“, wollte Mandillo wissen.

Doch Tommek lachte ein humorloses und hartes Lachen. Dann zeigte er mit seinem Zeigefinger auf das Logo am Griff des Werkzeugs. Er hatte das Symbol tausende Male gesehen, aber niemals so richtig bewusst wahrgenommen. Wenn es nicht so traurig wäre, hätte er herzhaft lachen können.

Mandillo folgte der Gestik seines Freundes und sah das ROMET Logo. Der Arbeiter brauchte keine weiteren Informationen mehr, er wusste auch so, worauf sein Freund hinauswollte. ROMET war in gewisser Weise wie eine Droge für sie geworden. Die Menschen auf Arkto waren auf den verdammten Konzern und seine Produkte angewiesen. Gleichzeitig verschlangen die Lieferungen des gerade mal Lebensnotwendigen nahezu alle Erlöse aus dem Bergbau. Da der Planet ansonsten keinerlei Kapital hatte, befand er sich somit in stetiger Abhängigkeit.

„Arbeiten, um arbeiten zu können“, stimmte Mandillo zu.

Tommek grunzte eine unverständliche Zustimmung. Jetzt war es wieder Zeit an die Arbeit zu gehen. Sie wurden schließlich nicht nach Stunden, sondern nach Kilogramm Gestein bezahlt.

 

 

5

Am Abend des gleichen Tages

Die Kapsel hob sich dem Ausgang des Bergwerks entgegen. Heute war kein guter Tag gewesen, das wussten alle Arbeiter. Bislang hatte niemand etwas gesagt, aber das änderte sich jetzt.

„So kann und darf es nicht mehr weitergehen. Wir sterben hier unten doch wie die Fliegen!“

War es bisher ohnehin schon ruhig im Inneren der Transportkapsel gewesen, intensivierte sich diese Ruhe jetzt noch mehr. Dafür richteten sich jetzt die Augen der Arbeiter auf den Sprecher. Auch Tommek und Mandillo sahen den Mann an.

Wenn sich Tommek richtig erinnerte, dann hieß der Mann Richardson. Bevor sie auf Arkto gelandet waren, war Richardson irgendein hohes Tier in einer Verwaltung gewesen. Doch die Strukturen auf dem neuen Planeten waren noch so primitiv, dass es für große Verwaltungen absolut keinen Bedarf gab. Richardson aber musste Geld verdienen, also hatte er als Kumpel angeheuert. Was für eine Karriere, dachte Tommek. Im Gegensatz zu dem Mann hatte sich für ihn durch den Exodus wenigstens nichts Weltbewegendes verändert. Auf Sarontis war er ein Malocher gewesen, und er würde es auch auf Arkto immer bleiben.

„Wir müssen aufstehen, wenn wir etwas bewirken wollen. Sonst hängen wir auch in zehn Jahren noch an der Leine von ROMET!“

Das hatte gesessen. Tommek musste anerkennend nicken. Er mochte Richardson zwar nicht, aber der Mann hatte recht. Außerdem traute er sich, das Nötige auch mal auszusprechen.

„Was willst du denn bewirken Richardson? Halt dein Maul, erledige deinen verdammten Job und bring damit deine Familie durch!“

Tommek hatte Carando bisher gar nicht in der Kapsel bemerkt. Das war auch kein Wunder, denn der Mann war auch körperlich ziemlich klein und verschwand förmlich zwischen den deutlich größeren und breiteren Männern um ihn herum. Dennoch hatte er den Respekt der Leute erarbeitet, er war ihr Vorarbeiter.

Doch Richardson ließ sich nicht beirren. „Und wie lange soll das so gehen? Wir reißen uns hier den Arsch auf, während unsere Kinder zuhause frieren. Wofür, Carando?“

Richardson hatte die Kumpel mit seiner Ansage erreicht. Murmelnde Gespräche breiteten sich aus, Männer schlugen Richardson zustimmend auf die Schulter. Dann erreichte die Kapsel die Erdoberfläche und ihre Türen öffneten sich. Eiskalte Luft schlug in die Kapsel und ließ die schweißnassen Arbeiter erzittern.

„Halt den Mund, Carando“, wurde der Vorarbeiter unterbrochen, als er gerade etwas auf die Ansprache von Richardson erwidern wollte.

Irritiert blickte sich der Vorarbeiter um, als ein Faustschlag wie aus dem Nichts auftauchte und den kleinen Mann aus der Kapsel schleuderte.

Johlend schoben sich die Arbeiter an dem am Boden liegenden Carando vorbei. Fluchend kam er wieder auf die Beine und rieb sich das Kinn. Richardson hatte ihn nicht geschlagen, das war einfach nicht der Stil des kultivierten Mannes. Aber das machte die Sache noch problematischer.

Während die anderen Bergarbeiter nach Hause strömten, wandte sich der Vorarbeiter in Richtung seines Büros, das in einem der Container neben den Aufzugsanlagen untergebracht war. Was gerade passiert war, musste man nicht überbewerten. Als Vorarbeiter war Carando Vertreter des alten Schlages. Er hatte sich quasi in der Hierarchie hochgeprügelt, deshalb machte er sich wegen einer einzelnen Tätlichkeit keine großen Gedanken. Aber es gab andere Menschen, die genau über solche Entwicklungen unterrichtet werden wollten. Diese anderen Menschen zahlten gutes Geld für sachdienliche Informationen.

Der Vorarbeiter betrat seinen Container und schloss hinter sich ab. In seinem Büro lief vierundzwanzig Stunden lang die Heizung, dies war ein vertraglich zugesichertes Privileg der Vorarbeiter.

Doch Carando war nicht gekommen, um sich aufzuwärmen. Anstelle dessen setzte er sich an seinen Schreibtisch und startete seinen Computer. In Windeseile erschien der Startbildschirm. Sekunden später war die Arbeitsstation einsatzbereit. Er wählte das Icon der Subraumkommunikation und tippte dann auf den einzigen Kontakt, den er in seinem Adressbuch hatte. Subraumkommunikation war kostspielige Angelegenheit, und Carando war nur ein einfacher Mann.

Ohne Verzögerung erschien das Firmenlogo des ROMET-Konzerns. Dann sah er sich einem automatischen Avatar gegenüber. Die Kleine war blond und einfach zum Anbeißen süß, fand der Vorarbeiter.

„Was können wir von ROMET für Sie tun, Mister Carando?“

Er grinste feist. Die Kleine konnte eine ganze Menge für sie tun, aber damit wollte er jetzt lieber gar nicht anfangen. Es sollte schließlich ein professionelles Gespräch und keine Masturbationsphantasie werden!

„Ich würde gerne mit Mister Cajune sprechen.“

Der Avatar hielt kurz inne, checkte die Verfügbarkeit des Gesprächspartners. Dann nickte sie. „Mister Cajune ist gesprächsbereit!“

Details

Seiten
77
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930221
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494171
Schlagworte
raumflotte axarabor religion untergangs

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #97: Religion des Untergangs