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Regionale Morde– aus dem Braunschweiger Land: Mord in der Liberei

2019 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Mord in der Liberei

Klappentext:

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

Nachbemerkung

Regionale Morde – aus dem Braunschweiger Land:

Mord in der Liberei

 

 

von Tomos Forrest

 

 

Premierleutnant Oberbeck ermittelt;

ein Kriminalfall des 18. Jahrhunderts

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Der Nachtwächter der Neustadt wird auf grausamste Weise vor der alten Liberei ermordet, als er anscheinend Diebe überrascht, die sich in der seit Kurzem nicht mehr öffentlich zugänglichen Bibliothek zu schaffen machen.

Leutnant Oberbeck, einst als Offizier der Braunschweiger Jäger im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und jetzt verantwortlich für die Jäger als Stadtwache mit Polizeiaufgaben wird hinzugerufen, um den Fall zu untersuchen. Als dann auch noch einer seiner Jäger mit durchschnittener Kehle aus der Oker geborgen wird, weisen die Spuren zu dem Palais am Hagenmarkt. Dort hat der Graf von Saint Germain, nach Meinung der Damen, ein überaus interessanter Mann, der zudem auch außerordentlich gut aussehend und dabei charmant sowie ein genialer Wissenschaftler ist, Unterkunft gefunden.

Aber ist es denkbar, dass dieser gebildete und weit gereiste Mann mit solchen grausamen Taten überhaupt in Verbindung gebracht werden kann? Oberbeck hat alle Hände voll zu tun, um die Ermittlungen voranzutreiben – und dabei alle höfischen Etikette zu wahren.

 

 

***

 

 

1.

 

Der Sturm fegte um die Andreas-Kirche, heulte und pfiff, rüttelte an Fensterläden und Türen, warf ein paar lose Dachziegel herunter, trieb Blätter und Müll vor sich her, schien für einen Moment schwächer zu werden, um gleich darauf mit neuer Wut heran zu jagen und alles mit sich reißen zu wollen.

Der alte Gerhard zog fröstelnd seinen fadenscheinigen Umhang fester um die hageren Schultern. Jede Windböe zerrte an dem Stoff, als gelte es, ihn in Streifen herunterzureißen. Den schäbigen, zerdrückten Dreispitz hielt ein dünner Schal fest, den sich der Nachtwächter um den Hut geschlungen und am Hals verknotet hatte. Gerhard stemmte sich dem Wind entgegen und war froh, als er nach mühseligen Gegenkämpfen endlich die Ecke der Kirche erreicht hatte und in die Kröppelstraße einbiegen konnte. Hier gab ihm der mächtige Kirchenbau etwas Schutz vor dem stürmischen Element, und der alte Nachtwächter richtete sich auf. Schmerz durchzuckte ihn vom Kopf bis zum Fuß, und unwillkürlich stöhnte der alte Mann. Dieses Wetter machte ihm immer besonders zu schaffen, und er sehnte sich nach einem wärmenden Feuer und einem trockenen Platz. Aber es hatte gerade erst zur Mitternacht geschlagen, und mühsam genug hatte Gerhard mit brüchiger Stimme seine Litanei ausgerufen, so, wie es die Bürger der Neustadt schon seit vielen Jahren gewohnt waren.

 

Hört, Ihr Herrn, und lasst euch sagen

unsere Glock’ hat zwölf geschlagen!

Zwölf, das ist das Ziel der Zeit

Mensch bedenk die Ewigkeit!

 

Gerhard versuchte, gegen das Wüten des Sturmes anzurufen, aber schon der zweite Teil seines Nachtwächterrufes ging im Heulen und Tosen hoffnungslos unter.

 

Menschen wachen kann nichts nützen

Gott muss wachen, Gott muss schützen

Herr, durch deine Güt’ und Macht

schenk uns eine gute Nacht!

 

Niemand konnte dem alten Mann jemals eine Pflichtvergessenheit nachsagen, auch wenn ihm seine Arbeit inzwischen sehr sauer wurde. Das schlechte Wetter trug mit dazu bei, dass ihm das Gehen durch den Neustadtbereich noch beschwerlicher wurde, und der Gedanke an die nur wenige Wochen zurückliegenden milden Sommernächte ließ Gerhard schwer aufseufzen.

Zwar hatte der Rat schon vor langer Zeit beschlossen, künftig einen zweiten Nachtwächter einzustellen, der dann seinen Dienst von Galli (Oktober) bis Georgi (April) übernehmen sollte und damit für den alten Gerhard die angenehmere Jahreszeit übrig blieb, aber dann war doch nichts daraus geworden, weil man keine geeignete, vertrauenswürdige Person fand.

Zwar mangelte es nicht an Bewerbern, denn auch der karge Jahreslohn von zehn Gulden, also zwanzig Talern, lockte viele Bewerber an, aber keiner der Bewerber hatte einen einwandfreien Leumund oder war über ein Jahr schon Bürger der Stadt. Der Krieg hatte allerlei Gesindel, fahrendes Volk, gestrandete Soldaten und Tagelöhner in die Mauern Braunschweigs gebracht, und viele konnten sich nur mit Bettelei und Diebstahl mühselig genug durchschlagen.

Die Zeiten nach dem großen Krieg waren auch im Herzogtum Braunschweig schlecht, und noch immer sparte Herzog Carl Wilhelm Ferdinand Gelder ein, wo es nur eben ging.

Der alte Gerhard war natürlich froh, dass man keinen anderen Nachtwächter fand, denn er hätte nicht gewusst, womit er seinen ohnehin ärmlichen Lebensunterhalt in der übrigen Zeit bestreiten sollte. Früher hatte er den einen oder anderen Groschen noch als Hirte verdient, aber auch das war lange vorbei. Niemand war bereit, einem alten Mann die Herde anzuvertrauen, wo es genügend Buben auf den Höfen gab, die diese Arbeit für eine warme Mahlzeit am Tag mit Freuden übernehmen würden.

Jetzt hatte Gerhard die Laterne erreicht, die ihm den schlechten Weg bis zur Liberei ein wenig ausleuchten sollte, aber er musste sich förmlich an der Kirchenmauer entlangtasten, weil die Laterne erloschen war. Bis hierher drang kein weiterer Lichtschein mehr, und die Fensterläden der umliegenden Bürgerhäuser waren zur nächtlichen Stunde und wegen des heftigen Sturmes, der heute über Braunschweig wütete, fest verschlossen. Gerhard lehnte seine Hellebarde an die Kirchenmauer und löste die Blendlaterne von seinem Gürtel.

Nur mühsam gelang es seinen klammen, gichtigen Fingern, den Strick zu öffnen und die Laterne in die Hand zu nehmen. Im Anschluss hatte er etwas Werg aus der Tasche gezogen, drehte sich mit dem Gesicht zur Kirchenmauer und versuchte, im Windschatten seines Körpers das Material an der geschützten Kerzenflamme zu entzünden. Mehrere Versuche schlugen fehl, bis der Sturm für einen kurzen Moment abflaute. Endlich gelang es, und Gerhard steckte das nur schwach brennende Werg auf die Spitze seiner Hellebarde. Kaum hatte er es an die Schale der Laterne gehalten, half ihm eine erneute Windböe, das Werg anzublasen und damit die Brennschale sicher zu entzünden. Zufrieden senkte der Nachtwächter die Hellebarde, trat das brennende Werg aus, knüllte den Rest in seiner Hand zusammen und schob es wieder in die Tasche seiner Kniebundhose.

Gerhard war dem Herzog dankbar für die Beleuchtung, die in ähnlicher Weise bereits durch den französischen Major Manguin während des Siebenjährigen Krieges in Braunschweig eingeführt wurde. Nach dem Abzug der Franzosen hatte man die an jeder Straßenecke und an jedem Brunnen hängenden Laternen wieder entfernt, weil man die Gefahr einer Feuersbrunst fürchtete. Doch seit dem Jahr 1764 wurden erneut Laternen in Braunschweig eingeführt, die an eisernen Wandarmen aufgehängt wurden. Der alte Herzog Carl I. hatte damit eine weitere Verbesserung in Braunschweig erreicht, nachdem er schon 1755 angeordnet hatte, dass die Fußgängerwege vor den Häusern mit Steinplatten belegt werden mussten und die Straßen gepflastert wurden.

Es war eigentlich nicht möglich, dass der starke Wind die Laterne ausgeblasen hatte, und Öl war auch genügend vorhanden, wie sich jetzt beim Wiederanzünden zeigte. Gerhard blieb noch einen Augenblick nachdenklich vor der Laterne stehen, dann befestigte er seine Blendlaterne erneut, griff die Hellebarde und nahm seinen Weg wieder auf.

Wieder hemmte eine heftige Windböe sein zügiges Vorwärtsschreiten, und der alte Mann taumelte sogar ein paar Schritte zurück. Er fluchte leise vor sich hin, mit einem scheuen Blick zum Kirchturm hinauf, dessen schier endlose Spitze in den düsteren Nachthimmel ragte. Schwarze Wolken wurden vom Wind getrieben, nur gelegentlich blitzte einmal ein Stern oder die dünne Mondsichel hindurch.

Der Nachtwächter ging jetzt stark nach vorn gebeugt gegen den Sturm an, aber jeder Schritt fiel ihm schwer. Nur wenige Schritte vor der Liberei traf ihn eine weitere, heftige Böe und zwang ihn zum Innehalten. Gerhard stützte sich an der Kirchmauer ab und warf einen zufälligen Blick auf das ehrwürdige Backsteingebäude, das schon im frühen 15. Jahrhundert als Bibliothek erbaut wurde und durch seine besondere Architektur noch heute von den gegenüberliegenden Fachwerkhäusern der schmalen Kröppelstraße auffiel.

Gerhard hatte etwas wahrgenommen, ohne gleich zu wissen, was seine Aufmerksamkeit fesselte. Das kleine, fast quadratische Haus wirkte im ungewissen Licht der einige Schritte zurückliegenden Laterne wie eine Kapelle auf dem Kirchengrund. Angestrengt starrte der Nachtwächter auf die Fensterreihe. Die vier paarweise angeordneten Fenster waren erwartungsgemäß dunkel, aber gerade jetzt blitzte etwas hinter ihnen auf, um gleich danach wieder zu verschwinden.

Der Nachtwächter fasste den Stiel seiner Hellebarde fester und starrte die Fenster an. Schon tränten ihm die Augen, denn der Wind blies ihm ständig entgegen, doch da – erneut ein Aufblitzen. Ganz deutlich erkannte Gerhard jetzt einen Lichtschein, der länger hin und her wanderte, um schließlich zu erlöschen.

Dann war es unverkennbar, in der Liberei bewegte sich jemand, der eine Laterne in der Hand trug. Nun fiel das Licht sogar so, dass Gerhard einen Schatten erkennen konnte, der sich an den Fenstern abzeichnete. Das Licht stand jetzt ruhig, ein matter Schein drang durch die Fenster herüber, ohne jedoch mehr als den schmalen Rahmen zu beleuchten.

Zögernd setzte sich der Nachtwächter in Bewegung, während ihm wirre Gedanken durch den Kopf schossen.

Wer konnte um diese Uhrzeit noch in der Liberei tätig sein? Er wusste, dass die Andreana, wie die Bibliothek früher auch genannt wurde, längst nicht mehr öffentlich zugänglich war, nachdem der Bücherdiebstahl erhebliche Lücken in die Buchreihen gerissen hatte.

Sollte der Pfarrer von St. Andreas um diese Zeit noch über alten Schriften brüten? Vielleicht arbeitete er ja seine Predigt aus? Doch weshalb brannte kein weiteres Licht, und auch die Laterne direkt über der Tür der Liberei schaukelte dunkel im steten Wind.

Hier konnte etwas nicht stimmen, und nun schritt Nachtwächter Gerhard entschlossen auf die kleine Pforte zu. Als er die kalte Klinke in der Hand spürte und sie behutsam herunterdrückte, öffnete sich die Tür lautlos. Gerhard zögerte, bevor er eintrat, und versuchte, seine Augen an die Dunkelheit im Inneren zu gewöhnen. Seine Blendlaterne wollte er nicht öffnen, um einen möglichen Dieb nicht vorzeitig zu warnen.

Ein dumpfer, muffiger Geruch schlug ihm entgegen, es roch nach altem Papier, Leder, aber auch nach Fäulnis und Schimmel. Den kleinen Raum hatte er schnell überblickt. Hier befand sich niemand.

Es gab nur eine Außentreppe in das obere Geschoss, die schmalen Fenster boten keinen Fluchtweg. Behutsam setzte der Nachtwächter einen Fuß auf die Treppe, verharrte lauschend für einen Moment, dann setzte er seinen Weg fort. Noch immer schimmerte ihm von oben der matte Schein einer Laterne entgegen und beleuchtete schwach die ausgetretenen Stufen. Als er vorsichtig weiter emporstieg, konnte er doch nicht vermeiden, dass der Schaft seiner Hellebarde gegen die Wand stieß und in der nächtlichen Stille einen Laut verursachte, der dem alten Mann selbst wie ein Schuss erschien.

Erschrocken verharrte er auf der Stufe und wagte kaum, auszuatmen. Fast gleichzeitig war das Licht erloschen, und Gerhard rief in die Dunkelheit:

„Hallo? Wer ist dort oben? Was geht hier vor?“

Seine Stimme klang merkwürdig krächzend, und als der Nachtwächter sich kräftig räusperte, hörte er hinter sich ein leises Rascheln. Noch ehe er sich auf der schmalen Treppe umdrehen konnte, fühlte er, wie ihn jemand am Kragen packte und nach hinten riss. Im nächsten Augenblick spürte er einen brennenden Schmerz am Hals, wollte schreien, aber er brachte nur noch ein Gurgeln heraus. Gerhards Hände ließen die Hellebarde fallen, seine Arme ruderten hilflos in der Luft und suchten Halt. Schließlich kippte der Nachtwächter nach hinten und war bereits tot, als er gegen seinen Mörder stieß. Gleich darauf erschien auf dem Treppenabsatz wieder ein Licht, und eine herrische Stimme erkundigte sich:

„Hast Du den Burschen erwischt?“

Statt einer Antwort kam nur ein unverständliches Grunzen von der kräftigen Gestalt, die soeben dem Nachtwächter den Hals mit einem schnellen Schnitt durchtrennt hatte.

„Gut, ich bin hier ohnehin fertig, wir können verschwinden.“

Wenig später verließen zwei Männer mit dunklen Umhängen und tief in die Stirn gedrückten Dreispitzen die kleine Bibliothek und wandten sich der Reichenstraße zu. Niemand beobachtete sie auf ihrem Weg zurück in die Stadt.

 

 

2.

 

Der Besucher hatte erst wenige Minuten im Antichambrierzimmer gewartet und dabei einen eher gleichgültigen Blick auf die Säulen und die Decken geworfen. Was er sah, bestätigte ihn in seinem Vorhaben. Der Braunschweiger Hof hatte nur bescheidene Mittel zur Verfügung. Die Säulen waren zwar durchaus kunstfertig bemalt, konnten aber das geübte Auge des Besuchers nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich eben nur um eine Malerei und nicht um echten Marmor handelte. Auch die sparsame Ausmalung der Zimmerdecken im Schloss, die im Antichambrierzimmer völlig fehlte, zeigte, dass das Herzogtum noch immer seine Geldausgaben gering halten musste.

Zwar förderte Herzog Carl Wilhelm Ferdinand die schönen Künste und vor allem die Wissenschaft am Collegium Carolinum, aber anders als sein stets großzügiger Vater Carl I. achtete er darauf, den Staatshaushalt nicht übermäßig zu strapazieren.

Die nahezu vollkommen leere Staatskasse, die er beim Antritt seiner Regentschaft vorgefunden hatte, füllte sich dank seiner weisen Entscheidung, dem Wunsch des englischen Gesandten nachzukommen. Hatte sein Vater noch starke Bedenken, so drängte ihn der Prinzregent schließlich erfolgreich, in den Subsidienvertrag mit England einzuwilligen, der eine Armee von etwa fünftausendzweihundert Mann zur Unterstützung der englischen Truppen im Aufstand der Kolonisten in Nordamerika aus dem Herzogtum entsandte. Allerdings hatte der alte Herr darauf bestanden, strengste Regeln für die Anwerbung der Soldaten zu erlassen, die bei hohen Strafen das Pressen der Rekruten verhinderte und dazu führte, dass sich überwiegend Ausländer, das heißt, Menschen, die nicht aus dem Herzogtum stammten, zum Dienste im fernen Amerika meldeten.

Dieses Subsidienheer füllte die herzogliche Kasse wieder auf erfreuliche Weise, und Herzog Carl Wilhelm Ferdinand konnte die größten Löcher innerhalb kurzer Zeit schließen.

Auch über diese Verträge wusste der heutige Besucher bestens Bescheid. Er wäre niemals auf die Idee gekommen, einem Herrscher seine Dienste anzubieten, wenn er sich nicht in dessen finanziellen Verhältnissen auskannte. Um seine Unabhängigkeit zu beweisen, kaufte er im Vorfeld seiner Recherchen auch gern einige Schuldscheine auf. Der Mann wirkte auf die anderen Wartenden im Raum ehrfurchtgebietend. Man sprach ohnehin nur im gedämpften Tonfall miteinander, aber niemand wagte es, das Wort an den Fremden direkt zu richten, nachdem er einen eiskalten Blick bei seinem Eintritt in die Runde geworfen hatte. Seine spöttisch verzogene Miene zeigte den bereits seit früher Stunde Versammelten, was dieser edel gekleidete Kavalier von ihnen hielt.

Der Fremde trug ein Justaucorps aus dunkelblauem Samt, dazu Weste und Kniebundhose aus gleichem Material, alles üppig mit Goldblitze bestickt und mit einer gewaltigen, goldglänzenden Knopfreihe besetzt. Seine weißen Seidenstümpfe waren in Knöchelhöhe kunstvoll bestickt, seine Schuhe von erlesener Qualität, die Schuhschnallen schienen wie mit kleinen, funkelnden Diamanten besetzt.

Jetzt blickte er auf, als zwei Kammerdiener die Doppeltür zum Nebensaal öffneten und einer von ihnen mit lauter, wohltönender Stimme ausrief:

„Graf von Saint Germain – der Kammerherr erwartet Euch.“

Der Fremde richtete sich langsam auf und strich dabei an seinen Rockschößen entlang. Mit raschen, federnden Schritten war er an den Wartenden vorbei und verschwand in dem Raum, während die anderen mit langen Hälsen versuchten, einen Blick auf den Kammerherrn zu erhaschen, der am Ende des mit hohen Bücherregalen geschmückten Raumes an einem gewaltigen Schreibtisch saß.

Aber im nächsten Moment schlossen die Diener die Türen bereits wieder, und im Antichambrierzimmer erhoben sich aufgeregte, nur noch Verhalten flüsternde Stimmen über diesen Fremden, der so offensichtlich vor allen anderen bevorzugt wurde.

„Der Graf von St. Germain? Nie gehört!“, stieß ein hagerer Mann mit altmodischer Allongeperücke aus. „Warum wird er so bevorzugt?“

„Sie haben noch nie vom Grafen gehört?“ Neben den Hageren stellte sich nun ein kleines Männchen in einem fast schon schäbig wirkenden Anzug. Einige hatten ihn trotz seines wenig anziehenden Auftrittes ehrfürchtig begrüßt, als er das Antichambrierzimmer betrat. Der hochgelehrte Herr Professor Anselm von Kleistenberg, der seit Jahren am hiesigen Collegium Carolinum lehrte, war vielen längst eine vertraute Gestalt bei Hofe. Der Wissenschaftler legte keinen Wert auf seine Kleidung, bewohnte nur eine einfache Mietwohnung am Bohlweg und hatte eine alte, krumme Magd, die ihm den Haushalt führte.

„Nein, Herr Professor, sollte ich?“, erkundigte sich der Hagere jetzt mit hochgezogenen Augenbrauen.

Der Professor nickte ihm freundlich zu.

„Ich denke schon. Der Mann ist schließlich seit vielen Jahren ein unerschöpflicher Lieferant für die tollsten Geschichten, die über ihn erzählt werden. Auch die Damen am Braunschweiger Hof haben schon von ihm geschwärmt.“

Der Hagere warf einen zweifelnden Blick auf die geschlossene Tür, kurz darauf zuckte er die Schultern.

„Nun, scheint mir ein Schönling zu sein, der seine Wirkung auf gewisse Kreise sicher haben wird, aber dass Sie von dem Menschen wissen, verwundert mich doch.“

„Ach wissen Sie, Herr Sekretarius“, antwortete der Professor achselzuckend, „man hört auch in Gelehrtenkreisen so einiges über den Grafen. Und dass er bei den Damen so beliebt ist, hat er sicher nicht nur seinem blendenden Aussehen zu verdanken. Vielmehr verfügt er zweifellos über ein ungeheures Wissen und hat sich bereits einen Namen gemacht. Insbesondere durch sein Aqua benedetta.“

„Sagten Sie Aqua benedetta? Der Graf von St. Germain hat ein Lebenswasser erfunden? Das ist doch unglaublich, Herr Professor – Sie als hoch geachteter Gelehrter …“

Der Professor hob leicht die Hand und schnitt dem Hageren das Wort ab.

„Nicht so voreilig, lieber Freund. Die Wissenschaft unserer Zeit entdeckt ständig neue Dinge, die unser bisheriges Wissen über die Geheimnisse der Natur immer wieder infrage stellen. Und der Graf hat tatsächlich irgendein Wunderwässerchen zusammengestellt, dass den Damen – nun, sagen wir, wenn schon nicht ewige Jugend, so doch über lange Zeit eine sehr jugendliche Gesichtshaut verschafft.“

„Und damit handelt der Graf?“

Der Professor lächelte verschmitzt.

„Soweit mir bekannt, verschenkt er es für gewöhnlich an die Damen des Hofes.“

Der Hagere sah ihn verblüfft an, dann starrte er erneut auf die geschlossene Tür zum Kammerherrn, als wäre er in der Lage, sie nur durch die Kraft seines Willens jetzt weit aufzureißen.

 

 

3.

 

Als der Graf von St. Germain durch die Flügeltür eintrat, verharrte er nicht für einen Moment auf der Schwelle, sondern schritt rasch bis zu dem Schreibtisch. Mit keinem Blick streifte er die Porzellanfiguren auf ihren Stelen, ließ sich weder von den übervollen Buchregalen noch von den kostbaren Teppichen beeindrucken. Vielmehr hatte er diese Dinge alle gleichzeitig wahrgenommen und für sich gespeichert. Als er dem wichtigsten Mann am herzoglichen Hof gegenüberstand, genügte ein Blick in das Gesicht des Kammerherrn, um sich ein Urteil zu bilden. St. Germain war sofort bewusst geworden, dass er diesen Vertrauten des Herzogs kaum mit einer oberflächlichen Demonstration beeindrucken würde. Hier musste mehr und gründlichere Arbeit geleistet werden als bei seiner letzten Tätigkeit in St. Petersburg. Der Graf schmunzelte bei dem Gedanken, sich in dieser eher doch bescheidenen Metropole mit den Gelehrten des Herzogtums zu messen, die sich durch das Collegium Carolinum und das Juleum in Helmstedt einen großen Ruf erworben hatten.

Kammerherr Graf Florian von Osten-Waldeck lächelte seinem Besucher herzlich entgegen und wies ihn mit einer eleganten Handbewegung auf den großen Sessel vor seinem Schreibtisch.

St. Germain verbeugte sich förmlich und nahm dann Platz. Äußerlich machte er einen völlig entspannten Eindruck. Seine eher gleichgültige Miene ließ nichts davon erahnen, was sich hinter der hohen Stirn abspielte. Dank seiner Eigenschaft, auch Dokumente lesen zu können, die für ihn auf dem Kopf standen, hatte er beim Niedersetzen erkannt, dass der Kammerherr ein eng beschriebenes Papier vor sich liegen hatte, das seinen Namen als Überschrift trug.

Der Besucher saß kerzengerade auf dem Sessel, die Hände leicht auf die Lehnen gelegt. Kammerherr Graf Florian von Osten-Waldeck gab einem Diener einen Wink, und gleich darauf stand jeweils eine Tasse mit frisch angerührter Schokolade vor den beiden Männern. Graf St. Germain wartete ab, bis der Kammerherr seine Tasse hob, dann tat er es ihm nach und nahm einen kleinen Schluck. Die kalte Flüssigkeit hatte ein kräftiges Aroma, und offenbar hatte man den Geschmack der Schokolade noch auf angenehme Weise mit Gewürzen verstärkt.

„Aus Wien, eigens für den Braunschweiger Hof hergestellt“, bemerkte der Kammerherr und setzte seine geleerte Tasse wieder auf den Schreibtisch zurück.

„Superb, ganz ohne Frage“, antwortete Graf St. Germain und fuhr sich zur Bestätigung noch einmal mit der Zungenspitze über die Lippen. „Ich stelle fest, verehrter Graf, dass die Braunschweiger sich bestens über ihre Besucher informieren.“

Für einen winzigen Moment wirkte der Kammerherr verblüfft und warf unwillkürlich einen Blick auf das vor ihm liegende Dossier. Gleich darauf sah er seinen Besucher erneut lächelnd an.

„Ihr meint, ich hätte Euren Geschmack getroffen? Verehrter Graf – weit gefehlt. Hoheit selbst schätzt ebenso wie seine Gemahlin die Schokolade mit einem Hauch Muskatnuss gewürzt. Ein Vergnügen, das ich Ihnen höchst selbst bei entsprechenden Gelegenheiten im Schloss Richmond servieren darf.“

Graf St. Germain nickte und zeigte dabei ebenfalls ein leichtes Lächeln in seinem sonst verschlossenen Gesicht. Anders als viele Höflinge hatte der Graf auf Bleiweiß, Schönheitspflaster und ähnliche Modedinge vollkommen verzichtet. Seine Perücke war englisch frisiert, der Schnitt seines Justaucorps’ deutete ebenfalls auf einen englischen Schneider. Seine langen, eleganten Finger waren fast die einer Frau – oder eines Künstlers, wie der Kammerherr für sich feststellte, als sein Besucher erneut die Schokoladentasse hob und sie nun angelegentlich von allen Seiten betrachtete.

„Schade, sehr schade“, bemerkte er schließlich, als er sie auf dem Schreibtisch abstellte.

Der Kammerherr sah ihn nur mit einer hochgezogenen Braue an, und St. Germain verstärkte sein Lächeln.

„Ich meine die Arbeit, die sich der Porzellanmaler gemacht hat. Eine derart künstlerische Ausführung verdient wohl ein besseres Porzellan.“

Jetzt war es an dem Kammerherrn, sich mit einem Lächeln entspannt zurückzulehnen.

„Ihr kommt ohne Umschweife zum Thema, nehme ich an.“

„Nun, ich gehe einmal davon aus, dass ich dem Kammerherrn des Braunschweiger Herzogs nicht unnötig die Zeit stehlen darf. Dem höchsten Beamten bei Hofe und zudem Chef einer eigenen Polizeigruppe glaube ich zudem nichts mehr über meine Person erzählen zu müssen, was er noch nicht weiß.“

Diesmal reagierte der Kammerherr in keiner Weise. Er hielt dem forschenden Blick seines Gegenübers stand und wartete ab.

„Meine bisherigen Arbeiten sind durchaus vielversprechend, und ich bin sicher, dass ich sehr zur Verbesserung der Fürstenbergischen Erzeugnisse beitragen kann.“

„Wir werden sehen. Ihr könnt ab morgen ein Labor am Collegium Carolinum nutzen, ich habe bereits alles mit Professor Anselm von Kleistenberg arrangiert. Er kann Euch sogleich hinüberbringen.“

„Ihr überrascht mich, verehrter Graf von Osten-Waldeck, aber ich sehe, dass Ihr wirklich keine Zeit unnötig verstreichen lasst. Dann ist also alles, wie von mir in meinem Ankündigungsschreiben gewünscht, bereitgestellt?“

Statt einer Antwort nickte der Kammerherr nur leicht.

„Und die weiteren Bedingungen? Die Vergütung meiner Aufwendungen, meine absolute uneingeschränkte Nutzung der Möglichkeiten am Collegium und …“

„Selbstverständlich alles nach Wunsch, Graf St. Germain. Oder ist Euch in Deutschland lieber der andere Titel – Graf Weldone – bequemer?“

Der Kammerherr hatte sein Wissen um den ebenfalls benutzten Namen des geheimnisvollen Besuchers vollkommen gelassen erwähnt, und sein Gegenüber schmunzelte erneut.

„Ich verbeuge mich vor Eurem Wissen. Nein, auch wenn ich für gewöhnlich in Deutschland meinen zweiten, rechtmäßig ererbten Titel verwende, so möchte ich doch bei Hof als St. Germain eingeführt werden.“

„Nun, das ist ein durchaus verständlicher Wunsch – schließlich verbinden die Damen damit ja auch einiges mehr als mit dem Namen Weldone. Habt Ihr noch Vorräte von Eurem Aqua benedetta oder müssen wir den Empfang auf einen späteren Termin setzen, damit Ihr genügend Zeit für die ausreichende Herstellung einer vernünftigen Menge habt? Seid gewiss, unsere Damen werden Euch allein schon deshalb lieben!“

„Ich würde es nicht wagen, ohne das Lebenselixier bei Hofe zu erscheinen, verehrter Kammerherr.“

„Nun, dann ist ja alles in bester Ordnung. Professor Kleistenberg wartet bereits auf Euch im Antichambrierzimmer.“

Damit betätigte der Kammerherr einen verdeckten Klingelzug, und gleich darauf öffnete sich erneut die Tür zu besagtem Raum. Die Audienz war beendet, Graf St. Germain erhob sich eilig, verbeugte sich kurz und gerade noch angemessen und hatte gleich darauf den Saal verlassen. Der Kammerherr sah ihm lächelnd nach. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, war jedoch seine heitere Miene einem sehr besorgten Ausdruck gewichen. Erneut warf er einen Blick auf das Dossier und betätigte abermals den Klingelzug.

„Schafft mir Leutnant Oberbeck her, so schnell wie möglich. Ich brauche ihn hier, egal, womit er gerade beschäftigt ist,“, rief er dem Diener zu, der umgehend wortlos das Zimmer verließ, durch die Gänge des Schlosses eilte und ein wenig atemlos die Wachstube der Braunschweiger Jäger gleich am Portikus des Schlosses erreichte.

Er riss ohne Umstände die Tür auf und entdeckte nur zwei Jäger in der grün-roten Montur der Braunschweiger.

„Leutnant Oberbeck?“, rief er ohne weitere Umstände den Männern zu. Er hatte keinerlei Ambitionen, mit den gefürchteten Jägern, die in Braunschweig nach ihrem Einsatz in Nordamerika Polizeiaufgaben übernommen hatten, in näheren Kontakt zu treten. Außerdem kannte man ihn als einen der Leibdiener des Kammerherrn, dem selbst die rauen Jäger einen gewissen Respekt entgegenbrachten. – „Unterwegs in einer Ermittlung!“, antwortete einer der beiden Männer. „Es hat heute Nacht einen Mord gegeben.“

„Der Kammerherr erwartet ihn dringend und ohne jeden Aufschub“, lautete die kurze Antwort.

Einer der Jäger stand auf, stülpte sich den Dreispitz über und folgte dem Diener zu Tür.

„Na, der wird sich freuen. Mitten in der Beweisaufnahme der neuesten Bluttat, und der Herr Kammerherr belieben zu pfeifen. Wir werden sehen, was der Herr Premierleutnant davon hält.“

Der Diener hatte sich wortlos abgewandt und eilte in die Schlossräume zurück, während der Jäger zu den Ställen ging, sein bereits gesatteltes Pferd herausführte und gleich darauf in scharfem Galopp den Bohlweg hinab zum Hagenmarkt unterwegs war. Kopfschüttelnd sahen ihm ein paar Bürger nach, als er auf geradezu halsbrecherische Weise an ihnen vorüberschoss und das Pferd Schmutz und kleine Steine vom Pflaster aufwirbelte.

Der Sturm, der noch in der Nacht heftig gewütet und manches Dach in Mitleidenschaft gezogen hatte, hinterließ auch zahlreiche abgerissene Äste und noch mehr Herbstlaub auf den Straßen. Für einen raschen Ritt auf dem nassen Laub war der Pflasterbelag nicht gerade geeignet, aber dem Jäger schien das nichts auszumachen – und schon gar nicht die verängstigten Menschen, die ihm hastig auswichen.

 

 

4.

 

Leutnant Oberbeck hatte sich eine Reihe von Notizen gemacht und steckte jetzt den dünnen Stift aus gewalztem Blei in sein Notizbuch zurück. Ein paar Jäger hielten die neugierigen Gaffer zurück, die einen Blick in die Liberei werfen wollten, um vielleicht gar den Leichnam selbst zu sehen. Oberbeck hatte noch nie verstanden, was die Menschen bei solchen Anlässen anlockte – ähnlich wie bei den glücklicherweise kaum noch stattfindenden öffentlichen Hinrichtungen.

Schnell hatte es sich im Andreasviertel der Neustadt herumgesprochen, was geschehen war. Am frühen Morgen war Pastor Heinrich Timpe in die Liberei gegangen, um sich Unterlagen für seine Arbeit zu holen. Dabei hatte er auf der Treppe den ermordeten Nachtwächter gefunden. Die riesige Blutlache zeigte ihm nur zu deutlich, dass hier jede Hilfe zu spät kam. Trotzdem schickte er den Küster zu einem Arzt in der Nachbarschaft. Er selbst lief, so schnell ihn seine Füße trugen, zur Wache im Schloss, um dort Anzeige zu erstatten.

Der Leutnant richtete sich auf und sah dem Arzt entgegen, der soeben aus der Reichenstraße in die Kröppelstraße einbog und vor ihm stehen blieb.

„Medicus Meibaum persönlich – das ist ja großartig!“, rief er aus, als er den berühmten Mediziner erkannte.

Der stellte seine Tasche ab und drückte dem Offizier freundlich die Hand. „Herr Leutnant – wie ich sehe, kommt meine Hilfe wohl zu spät. Da ist jede medizinische Arbeit vergeblich.“

Er deutete bei seinen Worten auf die große dunkle Blutlache.

„Man hat dem armen Kerl von hinten die Kehle durchgeschnitten. Aber Pastor Timpe hat es gut gemeint und um ärztliche Hilfe gerufen, während er uns alarmierte.“ Der Medicus trat zu dem Leichnam, bückte sich über ihn und ergriff einen seiner Arme. Eine Weile drückte er daran herum, dann wandte er sich erneut an den Leutnant.

„Nach dem Zustand der Leichenflecken zu urteilen, ist er bereits seit gut acht Stunden tot. Die Tat könnte wohl um die Mitternacht geschehen sein, vielleicht etwas später. Der Schnitt ist mit einer sehr scharfen Klinge und unter größter Brutalität durchgeführt worden. Der Mörder muss Erfahrung haben, sonst hätte er die Klinge nicht so gleichmäßig und schnell durch den Hals gezogen. Wenn Ihr einmal hierher schaut, könnt Ihr unschwer erkennen, dass er ihm fast den Halswirbel dabei durchtrennt hat.“ Der Medicus wies auf die hässlich klaffende Halswunde. Wie ein riesiges Maul wirkte die Verletzung. Der Eindruck wurde noch verstärkt durch einen weißlich schimmernden Knochen, der im geronnenen Blut deutlich erkennbar war.

„Armer Kerl – wen mag er da überrascht haben? Das Wetter in der vergangenen Nacht war allerdings für ein Verbrechen günstig – bei dem Sturm war wohl niemand mehr freiwillig unterwegs.“

„Ist es Euch genehm, wenn ich den Toten in das Collegium überführen lasse? Ich würde im Anatomischen Institut gern noch ein paar Untersuchungen anstellen lassen.“

Verwundert blinzelte der Leutnant und warf einen irritierten Blick auf den Toten. „Was meint Ihr, Herr Medicus?“

Der Arzt hob abwehrend beide Hände und lachte verlegen.

„Nein, nichts zur Todesursache, das ist ja nun eindeutig. Aber ich nutze gern die Gelegenheit, anatomische Studien zu treiben. Wie Ihr ja wisst, ist es nicht mehr leicht, an entsprechende Objekte zu kommen. Die Kirche hat da doch immer noch Bedenken …“ Medicus Meibaum ließ den Satz unvollendet, und Leutnant Oberbeck nickte nur. Er hatte verstanden – und natürlich gab es von seiner Seite keine Einwände. Der Offizier war davon überzeugt, dass es keine medizinischen Fortschritte geben würde ohne entsprechende Studien.

Vor einiger Zeit hatte ihm Medicus Meibaum, der aus einer berühmten Arzt-Familie stammte, voller Stolz das Anatomische Institut gezeigt. Oberbeck war beeindruckt, was der Medicus ihm über den menschlichen Körper erzählen konnte. Schon sein Vater, Brandanus Meibaum, galt als großer, medizinischer Gelehrter, und Heinrich Johann eiferte ihm nach. Die Talgdrüsen in den Augenlidern heißen seit ihrer Entdeckung Meibaumsche Drüsen.

Es dauerte nur kurze Zeit, und der tote Nachwächter wurde, in ein Tuch gehüllt, auf einen Leiterwagen geladen und fortgebracht.

Leutnant Oberbeck war zu diesem Zeitpunkt jedoch längst mit anderen Dingen beschäftigt. Er hatte Stufe für Stufe genau betrachtet und sich so langsam dem Bereich genähert, an dem offensichtlich die grausame Tat geschehen war. Hier befanden sich deutlich erkennbare Blutspritzer an der Wand. Aber der Jägeroffizier hatte etwas anderes entdeckt, griff erneut zu seinem Notizbuch und zog seinen Hirschfänger aus der Scheide.

Dann bückte er sich über eine Treppenstufe und legte den Hirschfänger neben einen deutlichen Stiefelabdruck in der Blutlache. Er markierte mit seinem Stift die Länge des Abdruckes, schob den Hirschfänger wieder zurück und begann anschließend, den Schuhabsatz abzuzeichnen.

Bei seiner Arbeit völlig konzentriert, achtete er nicht auf seine Umgebung und zuckte richtig zusammen, als ihn sein Sergeant ansprach.

„Herr Leutnant, der Pastor kann noch nicht sagen, ob etwas gestohlen wurde!“

Irritiert sah der Offizier seinen grauhaarigen Sergeanten an, dann ging ihm erst auf, was der Mann ihm mitteilte.

„Oh, gut, dann soll er seine Verzeichnisse durchgehen. Hier ist ein schweres Verbrechen verübt worden, da kann ein möglicherweise gestohlenes Buch Aufschlüsse auf den Täter geben.“

„Ihr meint, ein Bücherdieb hat den Nachtwächter ermordet? Weshalb? Nur weil der ihn auf frischer Tat erwischt hat? Das scheint mir doch sehr weit …“

„Leutnant Oberbeck, Ihr müsst Euch diesen Raum einmal ansehen!“ Der Sergeant wurde von dem aufgeregten Pastor unterbrochen, der auf dem oberen Treppenabsatz erschien. Nachdem er die Wache alarmiert und mit ihnen zur Liberei zurückgegangen war, durfte er das Gebäude nicht mehr betreten. Nach dem Abtransport der Leiche konnte ihm niemand mehr den Zutritt verwehren, und scheu den Blutflecken ausweichend, eilte der Pastor in den oberen Raum der kleinen Bibliothek.

„Habt Ihr etwas entdeckt?“ Der Leutnant hoffte auf einen Hinweis durch den Geistlichen, aber der schüttelte nur traurig den Kopf.

„So, wie es hier aussieht, können wir erst in ein paar Tagen herausfinden, ob etwas fehlt.“

Die Jäger waren ihm gefolgt und blieben auf der Schwelle stehen. Der Raum sah aus, als sei eine wilde Horde plündernd durch die Bibliothek gezogen. Bücher waren aus den Regalen gerissen und lagen in einem chaotischen Durcheinander, zusammen mit zahlreichen Dokumenten und einigen Karten, auf dem Boden verstreut.

„Das sieht tatsächlich schlimm aus. Gibt es Inventarverzeichnisse der Andreana? Was ist hier überhaupt noch eingelagert – kamen nicht die kostbarsten Bände schon vor langer Zeit nach Wolfenbüttel?“

Pastor Timpe nickte.

„Das ist schon richtig, der Herzog hatte schon vor vielen Jahren dafür gesorgt, dass die wertvollen Bestände alle in die neue Bibliothek nach Wolfenbüttel kamen. Aber wir haben darauf bestanden, einige wichtige Werke zu unserer Verfügung zu halten. Es handelte sich dabei überwiegend um theologische Schriften und Kirchendokumente.“

„Was kann darunter so wichtig sein, dass es jemand um den Preis eines Menschenlebens haben will?“

Der Pastor zuckte hilflos mit den Achseln.

„Ich kann es mir beim besten Willen nicht denken, Herr Leutnant. Dies ist eine kleine Bibliothek, die zwar einst ihre Bedeutung als öffentliche Einrichtung hatte, aber heute interessiert sich kein Mensch mehr für die hier verwahrten Schriften.“

„Bis auf einen, der dafür sogar mordet!“, erinnerte der Leutnant.

Pastor Timpe seufzte schwer auf.

Details

Seiten
100
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930191
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494077
Schlagworte
regionale morde– braunschweiger land mord liberei

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Titel: Regionale Morde– aus dem Braunschweiger Land: Mord in der Liberei