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Regionale Morde – aus dem Braunschweiger Land: Der Vampir von Braunschweig

2019 112 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Vampir von Braunschweig

Klappentext:

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

Nachbemerkung

Folgende Krimis aus der Reihe „Regionale Morde“ sind bereits erschienen, oder befinden sich in Vorbereitung:

Regionale Morde – aus dem Braunschweiger Land:

Der Vampir von Braunschweig

 

 

von Tomos Forrest

 

 

Premierleutnant Oberbeck ermittelt;

ein Kriminalfall des 18. Jahrhunderts

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Der Erfinder Jean-Pierre Blanchard plant einen Ballonaufstieg in Braunschweig. Dafür sind einige Vorbereitungen notwendig. Während der Bauarbeiten für die Tribüne stoßen die Arbeiter bei Grabungsarbeiten auf acht Leichen. Gleichzeitig beobachtet der Totengräber Dietrich Klemke wie sich des Nachts auf seinem Friedhof unheimliche Gestalten an offenen Gräbern zu schaffen machen. Kurz darauf werden dort weitere Tote geborgen. Die Untersuchungen ergeben, dass alle Leichen eines gemeinsam haben: Sie sind allesamt gänzlich blutleer. Treibt ein Vampir in Braunschweig sein Unwesen? Bald wird klar, dass hier ein Massenmörder am Werke ist, der seine Opfer auf unglaublich grausame Art tötet – regelrecht schlachtet wie Vieh.

Da muss selbst Premierleutnant Oberbeck aufpassen, dass er nicht in die Fänge dieses Wahnsinnigen gerät …

 

 

***

 

 

„Allein wen haben die Umstehenden gesehen, der solches verrichtet hätte? Aus welchen Gefässen und aus welchen Löchern ist das Bluht abgezapfet? Wer hat es herausfliessend gesehen?“

 

(Johann Christoph Harenberg, Vernünftige und Christliche Gedancken über die Vampirs …)

Wolfenbüttel 1733

 

 

***

 

 

1.

 

Dietrich Klenke hatte keine Ahnung, was ihn plötzlich aus seinem Schlaf gerissen hatte. Nur mit großer Mühe konnte er seine verklebten Augenlider aufreißen. Fahles Vollmondlicht leuchtete seine Umgebung aus und ließ ihn erkennen, wo er wieder einmal seinen Rausch ausgeschlafen hatte. Im nächsten Augenblick zuckte er zusammen und machte eine abwehrende Bewegung. Direkt vor ihm auf dem Grabstein saß ein dunkler Vogel, der ihn mit glühenden Augen zu betrachten schien.

Zauberei!, schoss es ihm durch den Kopf. Jetzt ist es so weit – die Geister holen dich in ihr finsteres Reich!

Klenke wollte sich aufrichten, aber der stechende Kopfschmerz ließ ihn stöhnend zurücksinken. Sein trockener Mund mit einer Zunge, die sich auf seltsame Art geschwollen, pelzig und rau anfühlte, als er sich damit über die aufgesprungenen Lippen fuhr, machten ihm deutlich, dass er durstiger war als vor seinem unruhigen Schlaf. In der Dunkelheit konnte er den Tonkrug nicht sofort finden. Als seine Finger zitternd die Erde um ihn herum absuchten, fuhren sie ins Leere. Erneut leise stöhnend richtete sich Klenke auf und setzte seine tastenden Untersuchungen der Umgebung fort. Überall nur aufgeworfene Erde, dann eine Steinplatte. Endlich trafen die Finger seiner rechten Hand auf einen gewölbten, glatten Gegenstand, griffen hastig zu und zogen den Tonkrug an die Lippen.

In diesem Augenblick stieß der Vogel vor ihm einen klagenden Laut aus. Gleich darauf glitt er, einem riesigen Schatten gleich, von seinem Platz auf dem Grabstein und suchte sich einen neuen Platz in dem nahen Baum.

Vergeblich schüttelte und kippte Klenke das Tongefäß, kein einziger Tropfen verirrte sich in die durstige Kehle. Gerade wollte er den Krug wütend von sich werfen, als er in der Bewegung innehielt. Der schon zum Wurf erhobene Arm sank kraftlos herunter und der Tonkrug wurde auf dem Grab neben ihm abgestellt. Da war wieder das scharrende, knirschende Geräusch und gleich darauf ein weiteres. Klenke erstarrte und drückte sich wieder hinter den Grabstein. Als sich die Geräusche nun regelmäßig wiederholten, wurde ihm bewusst, dass er durch diese Töne aus seinem Schlaf aufgeschreckt war.

Dem alten Totengräber waren diese Geräusche vertraut. Da grub und schaufelte jemand eifrig. Mit dieser Erkenntnis brach ihm zugleich der Angstschweiß aus. Wer hatte hier auf dem Michaelisfriedhof etwas zu graben? Noch dazu um diese nächtliche Stunde? Klenke versuchte, nach dem Stand des Mondes die Uhrzeit zu bestimmen und war sich sicher, dass es weit nach Mitternacht sein musste. Die sommerliche Nacht war mild, kein Lüftchen regte sich, aber obwohl der Totengräber stundenlang zwischen den Gräbern seinen Rausch ausgeschlafen hatte, wurde es ihm erst jetzt zu kühl. Als er vorsichtig hinter dem Grabstein, der ihm Schutz bot, einen Blick auf den Friedhof warf, kam es ihm vor, als wehe ihn plötzlich ein kühler Hauch an.

Dietrich Klenke trug nur seine Arbeitskleidung. In seinem Fall hieß das: Das vor Schmutz starrende, offene Hemd, dazu die Kniebundhose, sonst weiter nichts. Beides schlotterte viel zu weit um den hageren, ausgezehrten Körper des Mannes. Oft genug musste er die Hose beim Gehen mit der Hand festhalten, denn trotz einer Schnur um die Hüfte rutschte sie ständig. Schuhe und Strümpfe besaß der Totengräber zwar, aber das waren Kleidungsstücke für den Winter.

Was ging hier vor? So sehr er sich auch bemühte, er konnte nichts erkennen. Mehrere Bäume auf dem Armenfriedhof der Stadt versperrten ihm die Sicht. Er atmete kräftig und tief durch, dann gab er sich einen Ruck und erhob sich vorsichtig. Doch diese Bewegung war voreilig, er geriet ins Taumeln und konnte sich mit letzter Kraft an dem Grabstein festhalten. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen und atmete erneut tief durch, ein, aus, ein, aus.

Klenke versuchte, den Schmerz in seinem Hinterkopf zu ignorieren. Er brauchte dringend etwas zu trinken, egal, was da auf seinem Friedhof geschah. Aber der Gedanke an mögliche Wesen, die zur nächtlichen Stunde ausgerechnet hier ihr Unwesen trieben, hielt ihn noch zurück. Jetzt war es wichtig, nichts zu überstürzen. Ganz vorsichtig näherte er sich dem nächsten Baum und klammerte sich glücklich an den Stamm. Das war gut gegangen, und wenn er jetzt die nächste Gräberreihe passierte, konnte er hinter einem kräftigen Erlenbusch Zuflucht finden. Von dort kamen auch immer noch die Geräusche zu ihm herüber, und mit unsicheren, schweren Schritten hinkte Klenke nun in den dunklen Schatten, den das fahle Mondlicht hier verursachte. Schwer atmend erreichte er den Busch und ließ sich ermattet auf den Boden sinken. Schweiß rann ihm in breiten Bächen den Rücken hinunter, und sein Herz jagte stürmisch, als hätte er einen langen Lauf hinter sich gebracht.

Nach einer kurzen Rast, während der die Geräusche unermüdlich zu ihm herüber klangen, wagte er es, sich wieder aufzurichten.

Was er im fahlen Mondlicht erblickte, ließ ihn erstarren. Sein Herz schien ausgesetzt zu haben, während ihn gleichzeitig ein kalter Schauer packte. Er spürte, wie seine Knie nachgaben und sank in das hohe Gras zwischen zwei ungepflegten Gräbern.

Gleich darauf begann sein Herz noch rascher zu schlagen. Fast befürchtete er, dass das wilde Bummern über den gesamten Friedhof zu hören sei. Tatsächlich waren die Geräusche jetzt verstummt.

Dietrich Klenke traute sich nicht aufzuschauen. Er hatte deutlich die Umrisse von mehreren Gestalten wahrgenommen, die auf eine unwirkliche Art um ein Grab herum zu schweben schienen.

Als es jedoch vollkommen still blieb, wagte er es, sich ein Stück unter dem Erlenbusch vorzuschieben, um doch einen Blick auf die unheimliche Szenerie vor sich werfen zu können. Jetzt meinte er, undeutlich Stimmen zu hören, dann klangen Hammerschläge über den Friedhof, dumpf und hohl. Mit kräftigem Poltern fiel etwas zur Seite und schlug gleich darauf auf dem Boden auf.

Der Totengräber verharrte in seiner unbequemen Position. Die Gestalten, offenbar alle in lange, schwarze Gewänder gehüllt, mit weiten Kapuzen, die keine Gesichter erkennen ließen, bewegten sich noch immer in einem irrwitzigen Reigen um ein Grab. Gesichter? Hatten diese Wesen überhaupt Gesichter? Klenke war sich nicht sicher, ob er bei dem einen oder anderen nicht einen bleichen Totenschädel unter der Kapuze gesehen hatte.

Vorsichtig wollte er sich eben wieder unter den Busch zurückziehen, als ein dunkler Schatten direkt auf ihn zukam. Er war klein und körperlos, nichts als ein schwarzer Schatten, und vor Angst am ganzen Körper zitternd, presste sich der alte Mann fest an die Erde, das Gesicht dabei mit den Händen schützend. Er spürte einen kalten Hauch vorüberstreifen, eine flüchtige Berührung an seinem Rücken, gleich darauf einen furchtbaren Schrei. Dietrich Klenke wollte selbst schreien, brachte aber keinen Ton aus seiner trockenen Kehle. Dann umgab ihn tiefste, schwarze Finsternis. Er hörte nicht mehr, wie die Eule ein zweites und drittes Mal rief. Weder die Männer, die in eine wartende Kutsche stiegen, noch die rasselnde Fahrt auf der befestigten Straße vom Friedhof in die Stadt – nichts davon nahm der Totengräber mehr wahr, als er unter dem Erlenbusch lag.

 

 

2.

 

Die Tür zur Wache wurde schwungvoll aufgerissen und ließ die Jäger erstaunt aufblicken. Premierleutnant Friedrich Oberbeck stand für einen kurzen Moment, die Klinke in der Hand, und überflog die Anwesenden. Dann warf er die Tür krachend ins Schloss und durchquerte mit eiligen Schritten die Wache. Das allgemeine Stimmengemurmel war bei seinem Eintritt verstummt und seine Schritte hallten jetzt durch den Raum der Jäger. Die genagelten Sohlen seiner Schnallenschuhe erzeugten auf den trockenen Dielenbrettern Geräusche, die denen eines Pistolenschusses nicht unähnlich waren. Man hatte zum Schutz vor der grellen Sonne die Läden halb geschlossen, und im Gegensatz zur sommerlichen Hitze war es in der Wache angenehm kühl.

Einer der Jäger erhob sich hinter der hölzernen Barriere, die man seit einiger Zeit eingerichtet hatte, um die Besucher der Schlosswache von den Tischen fernzuhalten. Papierberge türmten sich vor den Männern in ihren grün-roten Monturen, Tintenfässer mit Federkielen standen überall herum, und auch die Menge der anwesenden Bürger zeigte dem Offizier bei seinem Eintreten, dass auch der heutige Tag wieder zahlreiche Klagen mit sich brachte. Seit Kammerherr Graf Florian von Osten-Waldeck die Jäger von der Schlosswache mit polizeilichen Aufgaben betraut hatte, kamen die Bürger des Herzogtums mit ihren Anliegen direkt in das Wachbüro. Aber die meisten kleineren Vergehen, die hier gemeldet wurden, betrafen nicht die Arbeit der Jäger. Kleine Diebstähle und Überfälle auf nächtliche Spätheimkehrer aus den zahlreichen Schenken waren nicht ihre Sache und wurden an die Büttel verwiesen.

Seit der Aufklärung der Ermordung eines Schäferjungen im Park von Schloss Richmond, sowie der Entlarvung des Betrügers und Mörders, der sich Graf von St. Germain nannte (vgl. Regionale Morde aus dem Braunschweiger Land: Mord im Richmond-Park sowie Mord in der Liberei), hatte der oberste Beamte am herzoglichen Hof die Jäger mit allen Vollmachten ausgestattet und ihnen zusätzlich ermöglicht, bei ihren Ermittlungen auch in ziviler Bekleidung aufzutreten.

Inzwischen funktionierte diese neue Polizeiabteilung im Herzogtum Braunschweig auf ganz hervorragende Weise. Friedrich Oberbeck, im Range eines Premierleutnants aus den Wirren der Revolutionsjahre in Nordamerika zurückgekehrt, wurde zum Leiter der Gruppe ernannt und erwies sich bald für den Kammerherrn als ausgesprochener Glücksfall. Innerhalb kurzer Zeit hatte er ein funktionierendes Netz mit Agenten und Informanten aufgebaut, das die Polizeiarbeit effektiv und fortschrittlich machte.

Als man einen Giftanschlag auf Herzogin Augusta und als Motiv politische Intrigen aus England vermuten musste, bewährte sich dieses Netz erstmalig und wurde inzwischen von Oberbeck ständig mit zuverlässigen Mitarbeitern verstärkt (vgl. Regionale Morde aus dem Braunschweiger Land: Mord im Schloss).

Wer den Offizier allerdings jetzt durch den Raum stapfen sah, mit finsterer Miene, den grünen Rock mit den roten Rabatten vorschriftsmäßig, trotz der hochsommerlichen Temperaturen, mit einem Haken auf der Brust geschlossen, der vermutete in ihm eher den erfahrenen Frontoffizier als einen geheimen Ermittler. „Herr Leutnant …“, sprach ihn der Jäger an, aber mit einer wirschen Handbewegung wehrte der Offizier ab.

„Nein – was auch immer es ist. Jetzt nicht!“

„Halten zu Gnaden, aber …“

„Nein!“

Mit der zuschlagenden Tür seines eigenen Büros war jeder weitere Versuch unterbunden, und achselzuckend sah der Jäger zu seinen Kameraden hinüber.

Erschrocken fuhr er zusammen, als die gerade zu laut zugeschlagene Tür erneut aufgerissen wurde, der Leutnant kurz seinen Kopf in die Wachstube steckte und mit durchdringender Stimme rief:

„Sergeant Eggeling!“

„Ist auf Streife, Herr Leutnant!“

Erneut krachte die Tür ins Schloss, und der Jäger atmete geräuschvoll aus.

„Donnerwetter, hat der aber heute eine Laune!“

„Wird mit dem alten Tor zusammenhängen!“, antwortete der ihm gegenübersitzende Jäger. „Ist ja auch ein Unding, dass der Leutnant selbst sich die Trümmer des Stadttores ansehen soll, nur weil der Kammerherr es befohlen hat.“

„Es geht um das alte Michaelistor, richtig?“

„Ja, man hat es doch im vergangenen Jahr abgerissen. Nun ist aber auch der alte Turm sehr baufällig, und als der Kammerherr mit seiner Kutsche vorbeifuhr, fielen ein paar Ziegel herunter und machten seine Pferde scheu. Statt dass er sich mit Hofbaurat Langwagen ins Benehmen setzt, kommt er fuchsteufelswild hier in die Wachstube und verlangt vom Leutnant, er solle sofort den versuchten Anschlag auf ihn am Michaelistor untersuchen. Der Mann ist für mich, bei allem Respekt, ein wenig hyperchondisch veranlagt.“

Sein Gegenüber sah den Sprecher mit offenem Mund an. Dann schluckte er, räusperte sich und antwortete schließlich:

„Er ist was? Hyper…?“

„Hyperchondisch heißt das, wenn einer nur glaubt, dass er krank ist. So wie in dem Stück von diesem Franzmann, na, du weißt schon, was alle Welt sich angesehen hat … Wie hieß es noch gleich… ‚Der eingebildet Kranke‘, von diesem Mollere.“

Jetzt prustete der Jäger lauthals los.

„Gottfried, du bist einfach köstlich! Wenn du mit deiner Bildung angeben musst, dann bitte richtig. Der Franzose hieß Molière, und ein eingebildeter Kranker ist ein Hypochonder.“

„Habe ich doch gesagt, alter Besserwisser! Und im Übrigen habe ich recht mit meiner Behauptung, dass der Graf mit seiner Sorge einfach übertreibt! Man müsste ja annehmen, dass jeder in der Stadt ihm nach dem Leben trachtet, nur weil ein paar alte Ziegel vom Dach fallen!“

Jäger Gottfried warf seinem Gegenüber einen verächtlichen Blick zu, weil der überhaupt nicht aufhören konnte, leise vor sich hin zu lachen. Als die Eingangstür erneut geöffnet wurde, wurde er jedoch sofort wieder vollkommen ernst.

„Sarge (umgangssprachliche Bezeichnung für einen Sergeanten, seit der gemeinsamen Dienstzeit in Nordamerika gern von den Jägern verwendet), der Leutnant will dich sofort sehen!“, rief er dem Eintretenden zu. Der alte Unteroffizier winkte nur leicht mit der Hand. Vor der Tür seines Offiziers blieb er für einen Moment stehen, zog ein großes Tuch aus der Tasche und trocknete sich damit den Schweiß vom Gesicht ab, nahm den Dreispitz herunter, wischte auch ihn kurz aus, stülpte ihn wieder auf seinen Kopf und prüfte den korrekten Sitz der vorderen Spitze über der Nase mit dem Handrücken. Dann klopfte er kräftig an.

Leutnant Oberbeck war unruhig in seinem kleinen Amtszimmer auf und ab gegangen und rief jetzt ein donnerndes „Herein!“.

Eggeling meldete sich von seiner Streife durch die Stadt zurück und wurde mit einer Handbewegung aufgefordert, Platz zu nehmen.

„War natürlich völliger Unsinn, dieser Verdacht des Grafen!“

Eggeling musste nicht lange darüber nachdenken, was diese Begrüßung zu bedeuten hatte. Als der Kammerherr an diesem Vormittag in das Zimmer ihres Leutnants geplatzt war und ihn lautstark beauftragte, die Hintermänner eines feigen Mordanschlages auf ihn sofort ausfindig zu machen, war seine Stimme so deutlich nebenan zu verstehen, als gäbe es keine Zwischenwände.

„Also reiner Zufall? Sollte mich nicht wundern bei dem alten Gebäude!“

Leutnant Oberbeck hatte sich nicht gesetzt, sondern stand jetzt am Fenster und sah auf den weiten Platz vor der Wache, der sich im grellen Sonnenschein flimmernd wie ein flaches Wasserbecken ausnahm.

„Richtig vermutet, Sergeant. Und wenn der Turm nicht bald vollständig abgerissen wird, kann ich für nichts garantieren. So, wie es dort aussieht, wird bald alles auf die Straße herunterfallen – und dann Gnade Gott dem, der dort gerade vorbeikommt.“ Eggeling schüttelte seinen Kopf, konnte aber ein Lächeln kaum unterdrücken. Manchmal war der höchste Beamte am herzoglichen Hof etwas seltsam.

 

 

3.

 

„Das hat uns gerade noch gefehlt!“ Leutnant Oberbeck starrte noch einen Moment auf die gedruckte Bekanntmachung, dann knüllte er sie wütend zusammen und warf sie an die Wand. Sergeant Eggeling zuckte nicht einmal mit der Wimper.

„Mit allerhöchster Genehmigung, Herr Leutnant. Und diesmal nicht nur durch unseren verehrten Kammerherrn, sondern durch Serenissimus höchsteigenes Privilegium. Man will den Franzosen bei seiner Luftreise persönlich bewundern.“

Oberbeck stieß vernehmlich die Luft aus und warf seinem Sergeanten einen wütenden Blick zu.

„Wissen Sie, Eggeling, was das für uns bedeutet? Absperrungen, höchste Sicherheit für den gesamten Hof – und wenn diese elenden Bekanntmachungen in der ganzen Stadt verteilt werden, werden wohl alle dabei sein wollen!“

„Davon gehe ich auch aus, Herr Leutnant!“, bestätigte Eggeling.

„Wir müssen sofort eine Besprechung mit dem Kommandeur der Wache ansetzen. Bei den zu erwartenden Besuchermengen sind wir Jäger zu wenig. Unsere Aufgabe wird es sein, die Durchlauchten zu schützen – die Wachmannschaften unter Major von Greifenberg werden das Gelände sichern. Gehen Sie unverzüglich zum Major und bitten Sie ihn zum Gespräch zu mir.“

Sergeant Eggeling drehte sich schon zur Tür und bückte sich gerade nach der zusammengeknüllten Bekanntmachung, als ihn der Leutnant noch einmal ansprach.

„Eggeling – lassen Sie sich nicht abweisen. Ich erwarte Major von Greifenberg umgehend und ohne Rücksicht auf seinen höheren Dienstgrad. Er sträubt sich ja gern bei solchen Gelegenheiten.“

Eggeling tippte mit einer lässigen Bewegung an den Dreispitz und war im nächsten Augenblick aus dem Dienstzimmer. Erwartungsvoll sahen ihn die Jäger an, die auf den nächsten Einsatz warteten. Die halblaut geführten Gespräche verstummten sofort.

„Ein besonderer Spaß für alle!“, rief ihnen der Sergeant zu und warf dabei den Papierball auf den nächsten Schreibtisch. „Und für mich jetzt ein besonderer Spaß, Major von Greifenberg zu bitten …“

Ohne weitere Erklärung stürmte der Sergeant zur Eingangstür, wo er mit einem alten Mann zusammenprallte. Der Sergeant hatte den besseren Stand, der ärmlich gekleidete Alte taumelte zur Seite. Nur ein beherztes Zugreifen des Soldaten verhinderte, dass der Mann stürzte.

„Wen haben wir denn hier?“, rief er aus und hielt dabei den Arm des Mannes so fest, dass dieser laut aufstöhnte.

„Sergeant, Ihr brecht mir die Knochen!“

„Nun, sollte mich nicht wundern, dass du dir eines Tages den Hals selbst brichst, so betrunken wie du am hellen Tag herumläufst!“

Eggeling ließ den Mann los und wischte sich die Hand an der Montur mit einer angewiderten Bewegung ab. Er hatte den alten Totengräber erkannt und nicht nur aufgrund seiner körperlichen Ausdünstungen einen Schritt Abstand genommen, sondern weil ihm auch eine deutliche Alkoholfahne entgegenwehte.

„Aber Herr Sergeant, ich bin … ich war …“

„Ach, geh’ doch zum Teufel, ich kann mich jetzt nicht mir dir aufhalten. Wenn du etwas vorzubringen hast, geh in die Wache. Am besten wäre es aber, du gehst wieder nach Hause, schläfst dich aus, dann wäscht du dich und kommst wieder hierher – falls du noch weißt, was du eigentlich wolltest.“

„Sergeant, das ist … nicht nett von Ihnen. Ich komme auf die Wache … die Wache …“ Klenke sprach mit schwerer Zunge und musste sich am Türrahmen abstützen.

„Nun, aus dem Weg, ich kann deinen Ausführungen nicht weiter folgen. Wenn du etwas zu melden hast, wende dich an die Jäger.“

Damit war der Sergeant an dem Totengräber auch schon vorbei und stapfte kopfschüttelnd durch die flirrende Hitze quer über den Schlossplatz. Bei dem Gedanken an den Major wurde seine Miene rasch wieder ernst, und er drückte sich den Dreispitz fester in die Stirn, obwohl ihm bereits der Schweiß den Nacken hinunterlief.

Als er den Seitenflügel betrat, registrierte er erleichtert die angenehme Kühle des hohen Flures. Eggeling verharrte einen Moment und rückte seine Montur zurecht, überprüfte, ob auch alle Knöpfe geschlossen waren, und ging schließlich bis zu dem Zimmer, vor dem zwei Musketiere Wache standen. Die Soldaten erkannten den Jägersergeanten sofort, präsentierten ihre langen Musketen, während Eggeling nach einem kurzen Klopfen an die schwere Eichentür auch schon eintrat.

Major von Greifenberg sah erstaunt von einem mit zahlreichen Papieren überladenen Schreibtisch auf. Seine Miene drückte Herablassung aus, als er den Unteroffizier erkannte. Eggeling spürte, wie ihm der Schweiß in kleinen Bächen den Rücken hinunterlief, als er sich vorschriftsmäßig vor dem Offizier in Position stellte.

 

 

4.

 

Major von Greifenberg gab sich sachlich und zurückhaltend. Die Herren saßen entspannt in bequemen Sesseln im Dienstzimmer des Leutnants, ein Glas mit gekühltem Wasser stand für jeden auf einem kleinen Tischchen bereit. Der Wasserkrug hatte einen matten Oberflächenschimmer und kleine Wasserperlen liefen an der Wandung hinunter. Der Major betrachtete dieses Schauspiel und lauschte den Ausführungen des Jägeroffiziers.

„Avertissement. Mit höchster Bewilligung wird Herr Blanchard heute, den 10. August nachmittags um vier Uhr die angekündigte Luftreise vornehmen“, las der Leutnant vor. „Der dazu bestimmte Platz ist auf dem Walle zwischen dem Wenden- und Fallersleber-Tor, wo die Faule Mette gestanden hat. Jedoch wird der Aufgang einzig und allein am Wenden-Tor sein, und die anderen Zugänge gesperrt werden … und so weiter und so fort. Das ist die offizielle Bekanntmachung, die allerdings erst am 9. August ausgehängt wird.“

Leutnant Oberbeck gab ein Exemplar dem Major, der nur einen kurzen Blick darauf warf, sich dann vernehmlich räusperte und schließlich zum Wasserglas griff, um lange und durstig zu trinken. Betont langsam setzte er das Glas zurück, schlug die Beine übereinander und sah den Leutnant an. Oberbeck spürte, wie es in ihm kribbelte, aber er ließ sich nichts von seiner Ungeduld anmerken. Seit der Entlarvung eines Mörders aus den Reihen der Musketiere durch den Leutnant (vgl. Regionale Morde aus dem Braunschweiger Land: Mord im Richmond-Park) hatten die beiden Offiziere ein gespanntes Verhältnis. Durch die vom Herzog gewünschte und vom Kammerherrn bestätigte Sonderstellung als Leiter der Polizeigruppe im Herzogtum Braunschweig verbesserte sich dieses Verhältnis auch nicht, als die Musketiereinheit von Wolfenbüttel nach Braunschweig verlegt wurde und für die Bewachung des Schlosses zu sorgen hatte.

„Am 10. August. In zwei Tagen. Und wie sollen wir da für die Sicherheit des Herzogpaares sorgen?“

Der Blick, mit dem der Major den Leutnant musterte, sprach Bände. Er hatte sich in seinem Sessel zurückgelehnt. Seine Hände hielt er dabei so vor sich, dass die Fingerspitzen sich berührten.

„Ich bin vor einer knappen Stunde informiert worden, Herr Major. Es wird die Aufgabe der Musketiere sein, das Gebiet weitläufig zu umstellen und für die zu erwartenden Bürger unserer Stadt ausreichend große Gassen zu bilden, um einen ungehinderten Zugang zum Startplatz des Luftfahrzeuges zu schaffen. Für die Sicherheit des Herzogs und seiner Gemahlin sind wir zuständig.“

Der Major wollte etwas erwidern, schluckte aber seine Bemerkung herunter, als der Leutnant von seinem Schreibtisch eine offenbar rasch gefertigte Skizze aufnahm und sie zwischen ihnen auf den kleinen Tisch mit den Gläsern ablegte.

„Hier stand die Faule Mette, die wir glücklicherweise nun endlich einschmelzen konnten. (Die „Faule Mette“ war ein gigantisches Geschütz, 1411 durch Henning Bussenschutte in Bronze gegossen. Insgesamt gab das unbewegliche Geschütz nur achtzehn Schüsse ab, das Kaliber betrug 76cm, eine Kugel hatte ein Gewicht von 550 Kilogramm. Sie wurde 1787 eingeschmolzen.) Der Platz ist ideal, auch für den Zugang der Bürger. Es genügt, wenn Ihre Männer einen weiten Ring um die Tribünen ziehen, mit dem alleinigen Zugang vom Wendentor. So ist gewährleistet, dass jeder an den Wachen direkt vorbei muss, wenn er zu den Tribünen will. Am Eingang wird auch der Billet-Verkauf stattfinden. Um trotzdem einen raschen Zugang zu ermöglichen, wird auf der Bekanntmachung ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man das Geld richtig abgezählt bereithalten soll, und das Wechseln zu vermeiden ist.“

Major von Greifenberg griff nach dem Krug und schenkte sich ein weiteres Glas ein. Auch das trank er in einem Zug aus, bevor er antwortete.

„Wie überaus umsichtig von den Herrschaften. Und das soll alles reibungslos funktionieren? Wie stellt man sich das vor?“

Oberbeck zuckte die Schultern und schenkte dem Major ein freundliches Lächeln.

„Es wird in Braunschweig genau so reibungslos verlaufen, wie in anderen Städten. Der Luftschiffer Blanchard ist eine Berühmtheit, Herr Major, und Durchlaucht ist überaus begeistert von dessen Wunsch, nun auch einen Ballonaufstieg in unserer Stadt durchzuführen. Und ich muss doch einem erfahrenen Soldaten nicht sagen, wie wichtig bei künftigen militärischen Einsätzen die Beobachtung des feindlichen Heeres aus der Luft sein kann. Der Nutzen dieser Erfindung ist noch gar nicht abzusehen, und auch einige Herren vom Herzoglichen Ingenieur-Corps sind schon sehr begierig, mit ihren Instrumenten den Flug begleiten zu dürfen. Wir sollten jetzt gemeinsam darüber nachdenken an welchen Stellen wir zusätzliche Posten aufstellen, um die Straßen zu kontrollieren, und wo wir außerdem einige meiner Jäger als Scharfschützen postieren.“

Der Major zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Scharfschützen? Wollt Ihr den Ballon abschießen, Herr Leutnant?“

Oberbeck biss sich auf die Zunge und schluckte seinen Ärger herunter.

„Durchaus nicht, Herr Major. Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Schließlich wäre nicht nur der Ballon eine hervorragende Zielscheibe, sondern man kann ja auch unvorhersehbare Dinge nicht vollkommen ausschließen.“

„Als da wären, Herr Leutnant?“

Jetzt war es an dem Jägeroffizier, eine arrogante Miene zu zeigen.

„Ich schließe die Möglichkeit nicht aus, dass sich unbemerkt ein bewaffneter Passagier in der Gondel befindet, der diese Gelegenheit für ein Attentat auf unseren Herzog nutzt. Oder was meint Ihr – müssen wir noch an weitere Möglichkeiten bei der Menschenmasse denken?“

Major von Greifenberg nickte nachdenklich. Schließlich beugte er sich über die Kartenskizze und prägte sich die Stellen ein, an denen sich zusätzliche Posten der Musketiere aufhalten würden.

 

 

5.

 

„Hier liegt etwas in der Erde, könnte ein alter Baum sein!“, rief einer der Männer aus, die am ehemaligen Standplatz der Faulen Mette Löcher gruben, um eine Zuschauertribüne stabil zu verankern. Seine Schaufel war auf einen länglichen Gegenstand gestoßen, und etwas behutsamer versuchte er, die restliche Erde zu entfernen. Kurz darauf bückte er sich, weil er nicht sicher war, was er dort erblickt hatte. Auf den zweiten Blick schien es dann eine menschliche Hand zu sein, die starr aus dem Untergrund stach, dunkelbraun von der anhaftenden Erde.

„Mein Gott – das ist ja widerlich!“ Der Tagelöhner richtete sich auf und starrte in die Grube, die er eben mit einigen anderen Männern ausgehoben hatte.

„Ist das ein alter Friedhof?“, erkundigte sich einer der Arbeiter, trat an den Grubenrand und warf einen angewiderten Blick auf den Arm, den sie gerade bei ihrer Arbeit freigelegt hatten.

„Hier draußen? Ganz bestimmt nicht – puh, und wie das stinkt – das ist ja …“ Der Rest seiner Worte ging in einem würgenden Geräusch unter. Der Mann wandte sich hastig ab und übergab sich neben der Grube.

Eine Wolke fauliger Ausdünstungen stieg von der Grube auf und erreichte jetzt alle Umstehenden. Die Männer zogen sich rasch zurück und starrten entsetzt auf ihren Fund.

„Was hast du da ausgegraben, Olaf? Wie kommt eine Leiche in diese Gegend?“

„Woher soll ich das wissen – ich habe hier auch noch nie gearbeitet. Jedenfalls ist das ein grässlicher Geruch – das hält ja kein Mensch aus!“

Die Hitze des heutigen Vormittages trug nicht dazu bei, dass die unangenehme Geruchsentwicklung aus der Umgebung der Grube sich allmählich wieder auflöste. Im Gegenteil – im flimmernden Sonnenlicht schien sie sich wie eine Glocke über die Arbeiter zu legen, und nun würgte auch schon der nächste.

„Jedenfalls ist das nicht in Ordnung, und wir müssen in jedem Fall die Jäger informieren. Hier arbeite ich nicht weiter – das ist einfach ekelhaft!“ Olaf warf seine Schaufel neben den Erdhaufen und trat einige Schritte zurück. Die anderen brummten nur etwas Unverständliches, keiner wollte bei der Hitze zum Schloss gehen und die Wache alarmieren. Als Olaf einen Blick in die Runde warf, wichen die Männer ihm aus und sahen zu Boden.

„Was ist los mit euch? Hier liegt ein Toter, und ihr steht herum, als ginge euch das alles nichts an. Wir müssen die Jäger holen, sie sind als Polizeibehörde zuständig, wenn es um Tote geht.“

„Dann geh’ doch, du hast schließlich den Toten gefunden“, gab einer von ihnen mürrisch zur Antwort. „Außerdem bringt das nur eine Menge Ärger für uns. Die halten uns den ganzen Tag mit Fragen auf, wir können nicht weiterarbeiten und bekommen auch kein Geld für den verlorenen Tag.“

„Willst du vielleicht einfach weitergraben und den Toten auf den Erdhügel legen?“

In diesem Moment wurden die Arbeiter vom Geräusch nahenden Hufschlages unterbrochen und sahen auf. Eine Gruppe Soldaten kam die Straße herauf und hielt direkt auf sie zu. Die Männer erkannten zwischen den blauen Uniformen der Musketiere auch zwei grün-rot gewandete Jäger.

„Na, jedenfalls müssen wir jetzt nicht mehr überlegen, wer von uns zum Schloss geht – die Herren Offiziers kommen persönlich zu uns heraus“, stellte Olaf mit Befriedigung fest und ging den Reitern entgegen. Der Reitertrupp näherte sich im gemächlichen Trab und hielt kurz vor der frisch begonnen Baustelle an.

„Herr Offizier, Herr Offizier, ich muss Ihnen etwas zeigen!“, rief Olaf den Soldaten entgegen.

Einer der Jäger drängte sein Pferd dichter an den Tagelöhner heran und musterte ihn rasch von Kopf bis Fuß. Olaf fühlte sich unter dem strengen Blick sofort unbehaglich und sah für einen Moment verlegen zu Boden. Der Jäger war abgestiegen und trat auf ihn zu.

„Was gibt es denn so Wichtiges, dass ein Offizier sich eure Baustelle ansehen soll?“, erkundigte sich der Leutnant. Friedrich Oberbeck hatte offensichtlich noch immer schlechte Laune. Major von Greifenberg, der ihn mit vier seiner Männer begleitete, hatte sich mit seiner herablassenden Art viel Zeit gelassen, bevor er mit dem Jägerleutnant zum geplanten Ballonaufstiegsplatz geritten war.

„Wir sollen hier eine Zuschauertribüne bauen und haben für die Stützbalken Löcher ausgehoben“, begann Olaf zu erzählen. Dabei sah er unsicher von einem zum anderen, bevor er Oberbeck direkt ansah. Der Jägeroffizier nickte ihm nur leicht zu, und stockend setzte der Tagelöhner seine Rede fort. „Naja, zuerst habe ich ja gedacht, wir hätten da mitten in der Grube einen alten Baum ausgegraben oder so etwas, aber dann ragte plötzlich ein Arm aus der Erde … und dann der furchtbare Gestank – da liegt ein Toter, Herr Offizier, ganz bestimmt!“

Oberbeck warf dem Mann einen zweifelnden Blick zu, trat daraufhin rasch zu der Grube und sah hinunter. Im nächsten Moment hatte er schon ein Tuch aus der Tasche gezogen und presste es sich vor die Nase.

„Mein Gott, das ist ja unerträglich!“, kam seine Stimme gepresst. Mit wenigen Handgriffen verknüpfte er das Tuch im Nacken und zog es sich wieder über die Nase. Anschließend griff er nach der Schaufel, stieg vorsichtig in die Grube und begann, die Umgebung weiter auszuschaufeln. Als er die Erde im weiten Bogen über den Rand warf, traten die Männer etwas zurück. Schon nach kurzer Zeit hatte der Jägerleutnant einen Körper freigelegt. Er verließ die Grube wieder und wandte sich an die anderen Soldaten.

„Tja, Herr Major, da werden Sie zunächst einmal allein Posten beziehen müssen. Nehmen Sie Ihre Männer und sichern sie diesen Fundort. Niemand darf in die Nähe der Grube kommen.“ Major von Greifenberg starrte den Jäger verwundert an. Oberbecks Gesicht war schweißnass, und der Jägerleutnant nahm jetzt sein Halstuch wieder ab und trocknete sich damit das Gesicht.

„Was ist los, Leutnant?“, schnarrte er schließlich durch die kaum geöffneten Lippen.

„Ihre Männer sorgen dafür, dass hier niemand in die Grube steigt. Außerdem bleiben die Arbeiter hier, es gibt noch eine Menge Arbeit für alle.“

„Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht ganz, Herr Leutnant!“

„Nun, das ist doch gar nicht so schwer zu verstehen! Die Arbeiter haben hier eine Leiche ausgegraben, und als ich eben in der Grube gearbeitet habe, fand ich deutliche Hinweise, dass es sich nicht nur um den einen Toten handelt – wenn Sie sich selbst einmal überzeugen wollen?“

Oberbeck steckte das Tuch in die Tasche seiner Kniebundhose und deutete auf die Grube hinter sich.

Langsam trat der Major etwas näher, um einen Blick in die Grube zu erhaschen. Mit angewiderter Miene drehte er sich rasch wieder um und stieß die angehaltene Luft vernehmlich aus. „Ekelhaft!“, presste der Offizier heraus und schien für einen Moment gegen seinen Brechreiz ankämpfen zu müssen. Danach warf er erneut einen kurzen Blick hinter sich und schüttelte den Kopf. „Wie ist so etwas möglich? Wer vergräbt denn hier Tote? Kann es sich nicht doch um einen alten Friedhof handeln, auf den die Arbeiter gestoßen sind?“

„Ausgeschlossen, Herr Major“, antwortete Oberbeck und klopfte sich den Dreck von der Montur. „Ich habe mindestens zwei weitere Paar Füße beim Graben freigelegt. Niemand hat hier jemals von einem Friedhof berichtet, und das völlige Fehlen von Särgen ist nicht gerade ein Hinweis auf einen Begräbnisplatz. Dazu kommt, dass die obere Leiche nicht so aussieht, als würde sie schon lange dort liegen.“

„Was haben Sie jetzt vor?“, erkundigte sich der Major, als Oberbeck zu seinem geduldig wartenden Pferd ging und sich gleich darauf in den Sattel schwang.

„Ich brauche die Hilfe eines Arztes und werde zu Medicus Meibaum reiten. Sergeant, Sie sorgen hier für Ordnung und beaufsichtigen die Arbeiter, die ihre Arbeit so behutsam wie möglich fortsetzen sollen.“ Er nickte Sergeant Eggeling zu und wollte sein Pferd wenden, um die Fallersleber Straße hinunter zum Anatomico-Chirurgicum am Rudolfsbollwerk zu reiten. Da trat ihm der Tagelöhner Olaf in den Weg, verbeugte sich respektvoll und sagte: „Halten zu Gnaden, Herr Offizier, aber das kann doch nicht sein, dass wir jetzt Leichen ausgraben sollen? Wir sind hier zum Bau der Tribünen und …“

„Hat Er ein Problem, den Anweisungen des Chefs der Braunschweiger Polizei zu gehorchen? Kerl, wenn Er nicht augenblicklich seine Schaufel aufnimmt und gemeinsam mit den anderen Burschen das Loch mit den Leichen so behutsam wie möglich ausgräbt, soll Er mich kennenlernen! Vorwärts!“

Damit presste er seinem Fuchs die Schenkel in die Weichen und drängte an dem Tagelöhner vorbei, der ihm fassungslos und mit offenem Mund nachstarrte. Erst die kräftige Stimme des Sergeanten riss ihn aus seiner Benommenheit.

„Vorwärts, Burschen, nehmt eure Schaufeln in die Hand und macht weiter! Ihr habt doch gehört, was der Leutnant gesagt hat – und ein wenig behutsam mit dem Buddeln, ihr grabt schließlich keine Steine aus, sondern Leichen.“ „Aber – Herr! Wie soll man in dieser Hitze und bei diesem Gestank arbeiten? Das ist doch ganz ausgeschlossen, und wir …“ Der Mann verstummte, als Sergeant Eggeling dicht vor ihn trat und ihn wütend anfunkelte.

„Habe ich mich nicht deutlich ausgedrückt? Ich werde euch gleich Beine machen, wenn ihr nicht sofort mit dem Schaufeln beginnt! Anschließend können wir uns gern unterhalten, ob ihr die nächste Woche als unsere Gäste bei Wasser und trocken Brot im Gefängnis sitzen wollt – aber um diese Arbeit kommt ihr nicht herum!“

Die drohenden Worte zeigten Wirkung, murrend und leise vor sich hin fluchend nahmen die Männer ihre Schaufeln auf und stiegen vorsichtig nach und nach in die enge Baugrube. Irgendein Tuch hatte jeder bei sich, das er sich nun vor die Nase band. Die Arbeit in der gleißenden Sonne ging schweigend voran, nur hin und wieder stöhnte einer der Männer laut auf.

Die Musketiere hatten mit ihrem Offizier etwas Abstand genommen und standen so vor der Grube, dass sie jeden Neugierigen sofort verjagen konnten. Sergeant Eggeling wich den Arbeitern nicht von der Seite.

 

 

6.

 

Am Abend des Tages saß Leutnant Oberbeck im Arbeitszimmer eines erschöpften Arztes und lauschte seinem Bericht.

„Acht Leichen habe ich nun untersucht, nachdem sie alle in das Institut gebracht und von meinen Assistenten gewaschen und gesäubert wurden. Es handelt sich dabei um vier Frauen und vier Männer, nach meiner ersten Einschätzung kaum einer älter als zwanzig Jahre. Alle waren in eine Art Vertiefung geworfen, der Platz für das Vorhaben geradezu ideal, wie Ihr sicher selbst bei Eurem Graben bemerkt habt, Herr Leutnant. Es muss sich um das ehemalige Fundament dieser riesigen Kanone gehandelt haben.“

„Das trifft zu, verehrter Medicus“, nickte der Leutnant bestätigend. „Als das Geschütz im vergangenen Jahr entfernt wurde, hat man den teilweise schon verfaulten Unterbau aus Holz mit ausgegraben und die Grube anschließend mit Erde und Sand nur verfüllt.“

„So war es für den Täter relativ einfach, die Toten dort zu vergraben.“ Medicus Meibaum nahm einen tiefen Schluck aus dem Becher, den er zuvor mit klarem Wasser und einem Spritzer Wein aus einer Karaffe gefüllt hatte.

„Ungewöhnlich ist nicht nur die Menge der Toten, sondern auch der Fundort. Bei acht Toten gehe ich davon aus, dass man mindestens genauso oft auch ein neues Loch ausheben musste – und dabei die vorhandenen Toten natürlich nicht wieder ausgraben wollte. Das bei Nacht und in aller Heimlichkeit – schon sehr erstaunlich!“

„Vielleicht noch nicht einmal, Herr Leutnant. Ich kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel über die Toten sagen, aber es ist durchaus möglich, dass sie nahezu gleichzeitig dort eingegraben wurden.“

„Was? Ihr meint – sie wurden gleichzeitig umgebracht und anschließend dort verscharrt?“ Oberbeck war erregt aufgesprungen.

„Zumindest ist der Verwesungszustand nicht so unterschiedlich, dass sie über einen längeren Zeitraum verteilt ums Leben kamen. Aber, wie gesagt, für eine endgültige Aussage ist es noch viel zu früh.“

„Wie viel Zeit braucht Ihr, Herr Medicus? Ich muss so schnell wie möglich Einzelheiten erfahren, unter welchen Umständen diese Menschen ums Leben kamen – ich habe sonst keinerlei Anhaltspunkt, wo ich den Täter suchen soll. Oder haltet Ihr es für ausgeschlossen, dass diese Menschen alle ermordet wurden? Eine unbekannte Krankheit, eine Seuche vielleicht, und man hat die Toten heimlich vergraben, um zu vertuschen, dass wir eine neue Krankheit in unseren Stadtmauern haben?“

Der Medicus lehnte sich erschöpft zurück und verharrte einen Moment in dieser Position, ehe er antwortete:

„Ausschließen kann ich natürlich nichts, zumal sich in der Nähe das Garnisonslazarett befindet. Aber nein – undenkbar!“ Meibaum machte eine unwillige Handbewegung. „Niemand meiner geschätzten Kollegen würde es zulassen, dass man heimlich Leichen vergräbt, um eine ansteckende Krankheit zu vertuschen. Dazu passen auch die weiblichen Toten nicht recht. Nein, Herr Leutnant, bevor ich nicht gründlich alle acht Leichen untersucht habe, möchte ich zu diesem Fall nichts sagen. Am besten ist es, wenn Ihr – sagen wir – gegen Mittag bei mir vorbeikommt. Mithilfe meiner tüchtigen Assistenten werde ich bis dahin wohl Klarheit über die Todesursache haben. Bei der Säuberung der Toten ließ sich zunächst keinerlei Hinweis auf Gewaltanwendung feststellen.“

„Das ist schon erstaunlich – ich hatte wenigstens mit einer Verletzung gerechnet. Seid Ihr sicher – keine Schussverletzung, kein Messerstich, keine Strangulation?“ Oberbeck beugte sich gespannt über den Tisch, aber der Medicus wehrte erneut ab.

Details

Seiten
112
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930108
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493729
Schlagworte
regionale morde braunschweiger land vampir braunschweig

Autor

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Titel: Regionale Morde – aus dem Braunschweiger Land: Der Vampir von Braunschweig