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Der wilde Fritz #2: Ein doppeltes Husarenstück!

2019 90 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Band 2: Ein doppeltes Husarenstück!

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

Der wilde Fritz – Offizier und Spion im Dienst des Königs

Band 2: Ein doppeltes Husarenstück!

 

 

von Tomos Forrest

 

 

Freiherr Friedrich von Wustrau-Altfriesac –

Offizier seiner Majestät Friedrich II.

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Kathrin Peschel nach einem Motiv von Werner Schuch, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext

 

Der gerade zum Premierleutnant beförderte Fritz erhält vom preußischen König Aufträge, die Österreicher und ihre Festungen auszuspionieren. Als er mit seinem Freund Christian einen kurzen Aufenthalt in Berlin einlegt, geschieht etwas Ungeheuerliches: Eine Abteilung Österreicher, überwiegend aus Husaren bestehend, besetzen kurzerhand die wehrlose Stadt und fordern Kontributionen in unglaublicher Höhe. Aber auch die Königin ist in höchster Gefahr, denn die Feinde wollen sie als Geisel nehmen. Die beiden Freunde müssen zahlreiche schwierige Situationen meistern, um das Schlimmste zu verhindern … Aber der Premierleutnant wäre nicht der „Wilde Fritz“, wenn er sich nicht durchkämpfen würde.

Diese Geschichte beruht auf historischen Tatsachen.

 

 

***

 

 

1.

 

„Schau dir das einmal an, Fritz, ein Galanteriewarenladen, der offenbar gerade erst aufgemacht hat!“

Christian Andreas Käsebier wies auf das Schild über einer schön verzierten Holztür. „Habe ich dir eigentlich mal die Geschichte von dem Galanteriewarenhändler in Leipzig erzählt, der eine bildschöne Tochter hatte? Nicht? Na, dann hör einfach mal zu, du wirst dich vor Lachen biegen!“

Die beiden Männer waren im Auftrag des preußischen Königs Friedrich II. unterwegs gewesen und hatten einen geheimen Auftrag zur Zufriedenheit Seiner Majestät ausgeführt. Dabei ging es, wie schon in Prag (vgl. Der wilde Fritz – Offizier und Spion im Dienst des Königs, Band 1: Ein Anschlag auf die Goldene Stadt), um Spionage. Der preußische König verfügte über ein ausgezeichnetes Netz mit Spionen, die oft sogar im Dienst seiner Feinde standen und ihm heimliche Berichte schickten. In diesem Falle ging es um die Festungsanlagen von Schweidnitz, die der König selbst nach der Einnahme der Stadt 1741 ausbauen ließ, später aber an die Österreicher wieder verlor. Nachdem sich die beiden Spione in die Stadt geschlichen hatten und die Stellung der Geschütze erkundeten, konnte General Joachim Christian von Tresckow die Stadt von den Österreichern zurück erobern.

Die Folge für die beiden Spione war ein Sonderurlaub, den der Wilde Fritz, wie er noch immer von seinen Freunden genannt wurde, in seiner Heimat verbrachte. Zum vereinbarten Datum trafen die beiden so unterschiedlichen Männer wieder in Spandau ein, wo sie sich einst während ihrer Festungshaft kennengelernt hatten.

Sie sollten sich innerhalb der nächsten Tage beim König für einen neuen Auftrag einfinden, aber Friedrich befand sich derzeit im Feld in der Nähe von Leipzig und die beiden mussten zunächst einmal ihre Kontaktoffiziere finden, um sich zurückzumelden. Vor ihrem erneuten Aufbruch rüsteten sie sich mit Proviant, Pulver und Blei aus, trugen aber nach wie vor ihre zivile Bekleidung, in deren Taschen der Premierleutnant seine beiden doppelläufigen Terzerole, Christian Käsebier dagegen den Entenfuß, eine Pistole mit vier abschraubbaren Einzelläufen verbarg.

Da die beiden königlichen Spione genügend Zeit zur Verfügung hatten, schlug Christian dem Freund vor, nach Köpenick zu gehen, wo in der letzten Zeit mehrere interessante Geschäfte eröffnet hatten und mit ihren Waren die Kunden selbst aus Berlin direkt anlockten. Und der gewiefte Bursche hatte seinem Premierleutnant nicht zu viel versprochen.

Nach dem Besuch eines gediegenen Cafés mit unglaublich hohen Preisen machten sich die beiden zu einem kleinen Bummel auf und bestaunten die Auslagen in den verschiedenen Geschäften, die entweder in kleinen Glaskästen an den Häusern kunstvoll angerichtet waren, oder, bei einigen ganz wagemutigen Kaufleuten, in großzügig gestalteten Fenstern, die wohl die doppelte bis dreifache Größe eines normalen Fensters aufwiesen. Zum Kummer des jungen Premierleutnants hatte der preußische König den Kaffee mit hoher Steuer belegt, sodass sich nur noch wenige Berliner dieses Vergnügen leisten konnten. Durch den ausgezahlten Sold animiert, hatte Fritz seinen Freund zu einer Tasse eingeladen.

Bei dem gerade entdeckten Geschäft waren sie eben stehen geblieben, und Christian begann seine Erzählung. Doch Friedrich Freiherr von Wustrau-Altfriesac reagierte gar nicht, während sein Freund immer fröhlich weiter plauderte. Erst, als der andere noch immer nicht reagierte und offenbar das Schild weiterhin anstarrte, merkte er, dass er keinerlei Reaktion bei ihm erreicht hatte.

„Fritz, was ist passiert? Du bist ja vollkommen weggetreten!“

Sein Gefährte zuckte bei diesen Worten zusammen und sah ihn mit einem so merkwürdigen Gesichtsausdruck an, dass Christian laut auflachte.

„Guten Morgen, Herr Premierleutnant! Wünsche wohl geruht zu haben!“

„Du weißt, wer das Fräulein von Bruchsal ist, nicht wahr, Christian?“

Sein Gegenüber verdrehte übertrieben die Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus.

„Mein Gott, Fritz, bist du langweilig! Seit wir hier unsere Arbeit in Spandau erledigt haben, redest du ja von nichts anderem mehr! Man möchte glauben, das Fräulein hätte deinen Antrag bereits angenommen!“

Ein leichter, rötlicher Schimmer färbte die Wangen des Freundes und zeigte seine Verärgerung an. Aber er antwortete leise: „Das ist nicht ganz so einfach, wie du dir das denkst, Christian. Sie ist abhängig von Ihrem Vormund, dem Onkel, und wenn ich dir dessen Namen nenne, wirst du erkennen, dass ich nicht einfach vor ihn treten kann und meine Absicht, seine Nichte zu heiraten, verkünde.“

Die beiden waren gegenüber von dem Gebäude stehen geblieben, und als Fritz nicht weiter sprach, nickte ihm der Freund zu.

„Nun los, heraus mit der Sprache, mache es doch nicht wieder so spannend, Herr Offizier!“

„Ihr Onkel ist … hm … Generalleutnant von Zieten.“

„Was? Du Glückspilz! Das ist doch dein persönlicher Freund und Förderer, Mensch, Fritz, und da unkst du noch herum und kannst ihn nicht direkt fragen? Was bist du denn für ein seltsamer Kerl? Im Gefecht der Erste, und bei der Liebe der Letzte?“

Christian lachte herzhaft und laut, aber der Freund blieb ernst.

„Du verstehst die Lage nicht und immer hast du mir in den letzten Wochen vorgehalten, dass ich mich glücklich schätzen muss, in einem so guten Haus geboren worden zu sein. Jetzt sage ich dir einmal, wie es wirklich ist, in einem solchen Haus zu leben, Christian. Ich kann meine Vorfahren bis in das 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Damals waren sie mit Begeisterung beim Dritten Kreuzzug an der Seite König Richards, den man später Löwenherz nannte. Aber vor gut einhundert Jahren hat einer meiner Vorfahren alles verspielt, was wir einst besessen hatten. Als sein Gläubiger das Geld einforderte, hat er sich einfach umgebracht. Das war für ihn sehr leicht, denn die Familie blieb mit seinen Schulden zurück. Wäre da nicht die Familie Zieten gewesen, die meinem Großvater eine Anstellung gegeben hätte – wir wüssten heute nicht, wovon wir unser tägliches Brot bezahlen sollten!“

Der Premierleutnant schwieg nach diesem Ausbruch erschöpft, und Christian legte ihm mitfühlend die Hand auf die Schulter.

„Mensch, Fritz, das wusste ich ja gar nicht! Entschuldige bitte, aber ich hatte immer angenommen, dass die Freiherrn von Wustrau-Alfriesac in Saus und Braus leben konnten und du als der Wilde Fritz rasch beim Militär Karriere gemacht hast. Du weißt noch längst nicht alles über mich, aber du musst mir vertrauen. Seine Majestät, der König von Preußen, hat mich nicht einfach aus dem Gefängnis geholt und mir eine Aufgabe als Spion gestellt. Viel mehr, Fritz – er hat mir vertraut, verstehst du das?“

Sein Gefährte nickte nur kurz und deutete auf das Geschäft.

„Genug geplaudert für heute, Christian. Ich möchte doch einmal sehen, ob ich nicht für meine Verlobte ein hübsches Paar feiner Handschuhe aus Rehleder erwerben kann. Ich weiß, dass sie dafür schwärmt!“

Mit diesen Worten überquerte er die Straße und steuerte auf die reich verzierte Tür zu.

„So, das Fräulein schwärmt also für Rehleder! Na, meinetwegen, vielleicht finde ich ja auch für meine Klara in dem Geschäft etwas, das sie erfreut. Möglicherweise einen seidenen Schal oder ein Fichu (Dreiecktuch) oder so etwas. He, Fritz, so warte doch auf mich! Kennst du denn überhaupt ihre Handschuhgröße? Sapperment, der Kerl ist nicht mehr zu halten und stürmt doch tatsächlich diesen Galanteriewarenladen! Gut, er will es nicht anders haben, dann muss er eben seiner Herzensdame Rehlederhandschuhe kaufen!“

Als sie den Laden betraten, staunten sie über die prachtvolle Ausstattung. Man hatte einen großen Tisch aus edlem, dunklen Holz unübersehbar in die Mitte des Raumes gestellt, und darauf lagen kostbar wirkende Stoffe in dicken Ballen, aber so geschickt, dass immer eine halbe Elle davon aufgeschlagen war und zum Prüfen der Qualität einlud.

In wandhohen Regalen lagen weitere Stoffballen, und es gab in großen Fächern verschlossene Behälter, in denen Fritz Handschuhe und Tücher vermutete. Es gab zwei mannshohe, kostbar geschliffene Spiegel in dunklen Rahmen, die so geschickt aufgestellt waren, dass sich der ganze Raum darin spiegelte und den Eindruck vermittelte, dass er noch viel größer sei. Beleuchtet wurde alles durch gediegene Kronleuchter mit dicken Kerzen.

Rasch überflog der Premierleutnant das gediegene Ambiente und hätte sich am liebsten gleich wieder verabschiedet, wäre da nicht ein liebenswürdig lächelnder Mann in einem tadellos sitzenden und nach der neusten Mode geschneiderten Justaucorps auf sie zugetreten. Er verbeugte sich leicht und begrüßte die beiden Eingetretenen mit den Worten:

„Herzlich willkommen, meine Herren. Darf ich fragen, was Sie an diesem wunderschönen Morgen in mein Geschäft geführt hat? Ich bin Balthasar Ansorge, Schneidermeister aus Berlin, seit Kurzem auch Hoflieferant Seiner Majestät und Ausstatter für so manchen Ball. Darf ich fragen …?“ Mit dieser erneuten Frage sah Ansorge mit bedeutungsvollem Blick hinüber auf eine kleine Anrichte, wo Fritz mit schwungvollen Handschriften beschriebene Besuchskarten entdeckte. Er griff in seine Rocktasche, zog eine vorbereitete Karte von sich heraus und überreichte sie dem Kaufmann, der nach einem raschen Blick darauf wie ein Taschenmesser zusammenklappte.

„Oh, Durchlaucht, es wird mir ein Vergnügen sein. Was darf ich Ihnen vorlegen?“

Fritz amüsierte sich köstlich über den Mann, der in seiner devoten Art alles übertraf, was er in der letzten Zeit erlebt hatte, bis hin zur unpassenden Anrede.

„Damenhandschuhe, Rehleder!“, vermeldete deshalb der junge Husarenoffizier in militärischer Kürze, und Ansorge eilte davon, rief halblaut einen Namen, und wie aus dem Nichts erschien eine junge, sehr hübsche Verkäuferin mit einem Karton in den Händen.

„Hier, unsere Brigitta, wird Durchlaucht beraten können, was die Handschuhe betrifft. Können Sie uns etwas zur gewünschten Größe der Dame sagen?“

Christian gab ein glucksendes Geräusch von sich, und Fritz schenkte ihm einen strafenden Blick

„Ich vermute, Sie sprechen von der Größe ihrer Hand? Nun, ich denke mal, in allem nur etwa halb so breit und groß wie die meine. Jedenfalls, wenn ich sie darin gehalten habe, verstehen Sie?“

Die junge Brigitta stand plötzlich wie mit roter Farbe übergossen da, während Ansorge sich bemühte, ernst zu bleiben und ihr etwas zuraunte. Gleich darauf war die Situation wieder in Ordnung, als die junge Frau zwei elegante Handschuhpaare aus dem Karton nahm und sie vor den Premierleutnant legte. Das fast weiße Leder wirkte sehr gut verarbeitet, und als er danach griff, staunte er, wie weich es sich anfühlte.

Als aus größerer Entfernung plötzlich ein Geräusch zu hören war, sah sich Fritz erstaunt um. Dann flog sein Blick zu Christian zurück.

„Hast du das gehört? Klang wie ein Schuss!“

„Hier in Berlin? Glaube ich nicht!“, antwortete der Freund gleichgültig mit einem Achselzucken.

„Du bist eben kein Militär, Christian!“

Fritz legte den Handschuh zurück und lauschte zur Tür, als eben Lärm auf der Straße laut wurde. Rascher Hufschlag näherte sich, Rufe mischten sich dazwischen, dann plötzlich ein paar schnelle Schritte unmittelbar vor der Tür, die im nächsten Augenblick hastig aufgerissen wurde.

Verblüfft sah Fritz die drei Männer, die sich hereindrängten.

Blaue Uniformröcke, die sogenannte Attila, mit goldenen Litzen und rote Hosen erkannte der Premierleutnant sofort.

„Verflucht, österreichische Husaren!“, raunte er Christian zu und sah den rasch näher tretenden Soldaten mit gleichgültiger Miene entgegen.

Die drei Männer sahen abenteuerlich aus, hatten gebräunte Gesichter, sämtlich prächtige Schnurrbärte und traten mit einer Selbstsicherheit auf, als hätten sie die Stadt Berlin bereits erobert.

„Ihr da!“, schnauzte die beiden Männer am Verkaufstisch der Erste an. „Tretet beiseite, wenn Husaren des Feldmarschallleutnants Hadik etwas wollen! Na, was ist?“

Der Mann stand breitbeinig vor ihnen, und Fritz überlegte ganz rasch, ob er ihn nicht mit einem Tritt kampfunfähig machen sollte. Die beiden anderen würden rasch danach überwältigt werden. Aber die Klugheit hielt ihn von diesem Vorhaben dann doch zurück, zumal der Lärm auf der Straße anschwoll und sich dort offenbar eine größere Reiterschar versammelte.

Mit einem leichten Kopfnicken zu Christian traten die beiden schweigend an die Seite, während nun die Husaren auf die beiden Handschuhpaare deuteten, die noch auf dem Tisch lagen.

„Mehr davon!“, herrschte der Husar den wie vom Schlag getroffenen Kaufmann an. Er sprach ein hartes Deutsch, dem deutlich ein ungarischer Akzent anhaftete. Die beiden anderen stellten sich nur mit untergeschlagenen Armen und drohenden Mienen links und rechts vom Verkaufstisch auf und hielten dabei die beiden Zivilisten im Auge.

„Wie meinen bitte?“, ließ sich die belegt klingende Stimme Ansorges jetzt vernehmen.

Der Husar schlug kräftig auf den Tisch, sodass der laute Ton den Kaufmann und die junge Dame zusammenzucken ließ.

„Habe ich mich so undeutlich ausgedrückt?“ Mit diesen Worten griff er einen der Handschuhe auf und besah das Innere. Mit zufriedenem Grinsen deutete er auf das hier gut erkennbare, gestempelte Berliner Wappen. „Mehr davon, mindestens ein Dutzend der besten Damenhandschuhe, aber rasch!“

Ansorge blickte mit weit aufgerissenen Augen von dem Husaren zu den beiden Männern, die vorher seinen Laden betreten hatten, dann wieder zu dem Husaren.

„Aber ich verstehe gar nicht …“

Mit einem raschen Griff packte der Husar den Kaufmann an seinem kostbaren Justaucorps und riss ihn dicht zu sich heran.

„Hör mal zu, du elender Wicht! Unser Regiment hat die Stadt Berlin besetzt, während euer König in der Gegend von Leipzig herumstolziert. Wir verlangen Kontribution von der Stadt, und unser Feldmarschallleutnant hat befohlen, dass wir für unsere Kaiserin und ihre Damen Handschuhe aus Berlin mitbringen. Und die wird Er uns jetzt liefern, und zwar schnell, hat Er das verstanden?“

„Ja, natürlich, ich eile, aber es wird dauern. So viele Handschuhe habe ich nicht hier oben, nur vier verschiedene Sorten. Wenn ich ein ganzes Dutzend …“

„Ja, ein Dutzend!“, schrie ihn der Husar an.

„Dann müsste ich bitte in das Lager gehen dürfen und sie heraussuchen. Das Fräulein müsste aber mitkommen und mir dabei helfen!“, stammelte der Kaufmann, während ihm der Schweiß plötzlich auf der Stirn stand.

„Das Fräulein?“

Der Husar fuhr auf dem Absatz herum. „Nichts da, die bleibt hier bei uns! Wenn du das nicht allein schaffst, nimm dir einen der Zivilisten da mit und beeilt euch gefälligst, wir haben noch mehr zu tun!“

Fritz bewegte sich auf die beiden zu und lächelte freundlich.

„Ich helfe dem Kaufmann gern, wenn Ihr erlaubt, Herr Soldat!“

Der Husar schenkte ihm einen bitterbösen Blick, schließlich nickte er zustimmend.

„Also, Herr Ansorge – die Herren scheinen in großer Eile zu sein – wir wollen sie nicht unnötig warten lassen!“

„Hier … hier entlang bitte!“, stotterte Ansorge verlegen und deutete auf eine Tür.

Fritz folgte ihm dicht auf dem Fuß und sorgte so dafür, dass der Mann nicht noch weitere Ausflüchte suchte. Er traute den drei österreichischen Soldaten durchaus zu, dass sie sich auch noch an anderen Dingen im Geschäft vergreifen würden. Während er also dem Mann im Lagerraum half, eine lange Leiter anzulegen, überlegte er fieberhaft, wie es wohl möglich sein konnte, dass sich eine Abteilung feindlicher Soldaten in die Stadt des Königs wagen konnte. Und wo waren die eigenen Truppen, die hier stationiert waren?

„Gibt es hier irgendwo ein Fenster zur Straße?“, erkundigte er sich, als der Kaufmann ihm einen Karton zureichte und vorsichtig die Leiter wieder herunter stieg.

„Ein kleiner Nebenraum hier gleich zur Linken geht mit einem Fenster direkt auf die Straße hinaus. Aber, wer bezahlt mir jetzt diese Handschuhe?“

„Niemand, Herr Ansorge. Es handelt sich um österreichische Soldaten, die offenbar dreist genug sind, in die Stadt Berlin zu reiten. Da müssen wir alle auf der Hut sein, denn solche Burschen scheuen sich nicht, Blut zu vergießen. Aber hören Sie, Ansorge! Während ich rasch von nebenan einen Blick auf die Straße werfe, suchen Sie hier zwei Dutzend Handschuhpaare heraus!“

„Zwei Dutzend?“, rief der Mann erschrocken aus. „Die wollten doch nur ein Dutzend von mir haben!“

„Richtig. Aber wir werden ihnen den Spaß an ihrer Beute für die österreichische Kaiserin gründlich verderben. Sie nehmen von allen Paaren nur die linken Handschuhe und werfen die rechten wieder zurück in den Karton, verstanden?“

Der Kaufmann starrte ihn wie geistesabwesend an, während Fritz ihm einen leichten Klaps auf die Schulter gab und gleich darauf in den Nebenraum trat. Was er mit einem Blick aus dem Fenster vor dem Geschäft erblickte, diente nicht gerade dazu, ihn zu beruhigen.

Als er wieder neben Ansorge stand, war der mit vor Angst zitternden Händen noch immer beim Sortieren, und Fritz griff beherzt zu, um ihm zu helfen. Als ein Ruf aus dem Geschäftsraum von den ungeduldigen Soldaten kam, schnappte er sich die neu zusammengelegten Handschuhpaare und ging damit zurück, dicht gefolgt von Ansorge.

„Hier, Herr Soldat!“, sagte er fröhlich und knallte den Stapel auf den Verkaufstisch.

„Sehr gut gemacht!“, lobte der mit einem breiten Grinsen. „Da drüben, die kleine Schatulle müsste ausreichen, her damit!“

Der Kaufmann starrte verwundert auf eine kleine Holzschatulle mit feinen Verzierungen, dann griff er zu, als der Husar gerade wieder einen unwilligen Knurrlaut von sich gab, und reichte sie dem Mann.

„Die Handschuhe da hinein, aber ein wenig schneller, als bisher! So, und nun verhaltet euch still, wenn wir das Geschäft verlassen. Unsere Kameraden warten draußen auf uns, ich rate euch, keinen Lärm zu machen. Das könnte sich sehr schlecht für euch auswirken!“

Damit stiefelten die drei Soldaten laut und mit schnellen, großen Schritten hinaus und warfen die Tür hinter sich ins Schloss.

„Puh!“, rief Christian aus. „Was ist das denn? Der Feind steht bereits mitten in Berlin und wir haben nichts davon bemerkt?“

Damit wollte er eben zur Tür, als ihn Fritz an der Schulter zurückriss.

„Jetzt keine vorschnelle Tat, mein Freund. Auf der Straße sind gut einhundert Reiter, die sich sehr wundern würden, wenn du hinter den drei Husaren her willst!“

„Was ist hier los, Fritz? Haben wir den Krieg schon verloren, dass die Österreicher hier in die Geschäfte gehen und plündern?“

„Das wohl nicht, aber ein wenig Geduld. Wir verlassen das Gebäude durch den Hinterausgang, den es hier ja wohl geben wird, oder, Herr Kaufmann?“

Balthasar Ansorge stand mit kreidebleichem Gesicht vor den beiden Männern und schien überhaupt nichts zu verstehen.

„Hallo, Herr Ansorge! Gibt es einen Hinterausgang?“

Stumm deutete der Kaufmann auf die rechte Wand, in der sich eine kleine Tür befand, die in der dunklen Holzvertäfelung kaum auffiel.

Als die beiden Männer darauf zueilten, flüsterte er leise:

„Aber die Handschuhe! Wenn man bemerkt, was wir getan haben …“

Den Rest verstanden die beiden nicht mehr.

Sie hatten den Hinterhof betreten, sahen sich rasch um und waren im nächsten Augenblick über eine halbhohe Mauer geklettert, standen im nächsten Hof und eilten weiter, um nach einem weiteren Hof wieder auf die Hauptstraße zu gelangen, von der eben lauter Hufschlag erklang. Die Reiter stoben davon, und als die beiden Freunde ihnen nachblickten, erklangen aus einer anderen Richtung erneut Schüsse.

 

 

2.

 

Fritz und Christian folgten, so gut es ging, den Husaren. Natürlich war es ihnen kaum möglich, mit den Pferden Schritt zu halten, aber das war auch gar nicht erforderlich. Überall waren diese Husaren unterwegs, immer wieder trafen die beiden auf größere Gruppen, die durch Berlins Vororte sprengten, als wären sie schon wieder auf der Flucht. In Wahrheit jedoch waren die österreichischen Husaren dabei, alle Quellen anzuzapfen, aus denen ihnen reichlich Geld zufloss.

Die beiden königlichen Spione eilten dem Lärm nach, den die Österreicher verbreiteten. Was die beiden nicht wussten, war die Tatsache, dass zunächst von etwa tausendvierhundert österreichischen Soldaten das Schlesische Tor gestürmt wurde, etwa drei Stunden Fußmarsch von dem Galanteriewarenladen in Köpenick entfernt. Anschließend wurde ein Trompeter zum Magistrat geschickt und forderte im Namen der österreichischen Kaiserin eine Kontribution in Höhe von dreihunderttausend Talern. Von allem erahnten die beiden zu diesem Zeitpunkt überhaupt nichts. Aber es stand offenbar fest, dass die Österreicher die Abwesenheit des Königs und des größten Teiles seiner Armee genutzt hatten, um Berlin samt seinen Vororten anzugreifen.

Als plötzlich mit lautem Rasseln und in schneller Fahrt mehrere Geschütze an ihnen vorüberjagten, schwanden auch die letzten Zweifel bei dem Premierleutnant und seinem Freund Christian.

„Moment mal, Christian, lass uns hier kurz verharren!“, stieß Fritz plötzlich hastig aus und drängte den Freund in einen Hofeingang. Im selben Augenblick preschte eine weitere große Reitergruppe an ihnen vorüber, so dicht, dass sie meinten, den Atem der Pferde auf ihren Gesichtern zu verspüren.

„Was hier im Gange ist, lässt sich kaum nachvollziehen, Christian. Aber wir müssen versuchen, zwei der Österreicher unschädlich zu machen.“

„Und was beabsichtigt der Herr Leutnant dann?“, erkundigte sich Christian Käsebier mit einem sehr skeptischen Unterton.

„Na, was wohl? Mit den anderen reiten und so direkt erleben, was hier in unserem Berlin gerade geschieht. Hautnah, und dann dem König Bericht liefern!“

Christian sah seinen Freund direkt an und legte ihm dabei die Hand auf die Schulter.

„Weißt du, was mir an dir so gut gefällt, Fritz?“

„Nun?“

„Du fragst nie, was ich dazu meine, wenn es brenzlig wird. Du befiehlst, ich gehorche. Und es wird nie langweilig – bislang jedenfalls nicht.“

Fritz antwortete lachend: „Langweilig vielleicht nicht, Christian – brenzlig schon. Wir riskieren unser Leben!“

„War mir klar, Leutnant!“, antwortete der Gefährte lachend, und Fritz korrigierte ihn:

„Premierleutnant, bitte!“

Aus dem Hofeingang beobachteten die beiden den Reitertrupp, der nicht nur aus Husaren bestand, sondern ein bunter Haufen von Husaren, Kürassieren und irgendwelchen anderen Soldaten in den verschiedensten Uniformen war, von denen nicht unbedingt alle im Normalfall zu Pferd unterwegs waren. Für diese Schlacht mitten in Berlin schien dem Feind jedoch völlig egal zu sein, wer hier tätig war – man hatte ein gemeinsames Ziel.

Die Straßen waren, mit Ausnahme der österreichischen Reiter, vollkommen leer. Trotzdem knatterten immer wieder Schüsse, und die Zivilbevölkerung tat gut daran, sich in den Häusern zu verkriechen. Dadurch fielen aber die beiden Freunde jedem zufälligen Beobachter umso mehr auf, denn sie huschten von Hauseingang zu Hauseingang, von Torbogen zu Torbogen, und immer wieder galoppierten die feindlichen Reiter an ihnen vorüber.

„Ich bin mir sicher, dass ständig Kuriere abgehen und die Generäle vom Fortschritt der Besetzung unterrichten. Da – wieder einer, diesmal ein Kürassier, der ganz offenbar eine wichtige Meldung hat. Die Gelegenheit ist günstig, Christian, achte darauf, was jetzt geschieht! Ich werde dem Kerl ein Schauspiel liefern, das ihn überzeugen wird!“

Damit zog Fritz eines der doppelläufigen Terzerole aus der Tasche, spannte rasch den Hahn und schoss in die Luft. Gerade jagte der Reiter auf sie zu, als der Premierleutnant laut um Hilfe schreiend und taumelnd auf die Straße lief.

„Aus dem Weg, Kerl!“, schrie ihm der Reiter zu, aber Fritz tat, als könne er sich kaum noch auf den Beinen halten, und mit einem Fluch brachte der Kürassier sein Pferd dicht vor ihm zum Halt. „Verschwinde, ich habe es eilig!“

Plötzlich schnellte sich der zusammengekrümmte Mann hoch, packte den Reiter an einem Fuß und riss ihn so schnell herunter, dass der Überraschte keine Zeit mehr für eine Gegenwehr fand. Hart schlug er auf die Straße, sein Dreispitz fiel vom Kopf, und gleich darauf beugte sich Christian über ihn und schlug ihm den Knauf seiner Entenfuß-Pistole gegen die Schläfe.

„Jetzt aber rasch, fass mit an!“, kommandierte Fritz und überzeugte sich mit einem schnellen Blick nach beiden Seiten, dass der Moment günstig für ihr Vorhaben war. Das Pferd war unruhig schnaubend stehen geblieben, und die beiden Freunde zogen den Mann rasch in die Hofeinfahrt, entkleideten ihn bis auf das einfache Hemd, das jeder Soldat trug, und während Fritz sich bemühte, den Uniformrock rasch überzustreifen, half ihm Christian gleich darauf, den Panzer des Kürassiers anzulegen und die Schnallen zu schließen. Es war nur sehr wenig Zeit vergangen, als die beiden erneut um die Ecke spähten und das reiterlose Pferd ein wenig weiter an einer Hecke fanden, wo es seelenruhig etwas abzupfte.

Sie führten es am Zügel hinter das weit geöffnete Hoftor, und verbargen es dahinter.

„Deckung!“, befahl Fritz, als erneuter Hufschlag zu ihnen drang. Jetzt kamen mehrere Husaren die Straße entlang, aber sie hatten offenbar nicht vor, in die Richtung zu eilen, aus der jetzt erneut Schüsse knatterten. Vielmehr sah es danach aus, dass die Soldaten nach einer Gelegenheit suchten, in eines der Häuser zu gelangen.

Christian hielt unwillkürlich den Atem an, als die Husaren langsam näher kamen und ihre Pelzkappen dicht über der Hofmauer zu sehen waren. Die beiden hatten in der Eile das Tor nicht richtig schließen können, sondern es nur angelehnt.

„Hier scheint ein Tor offen zu sein!“, rief eine Stimme, und die beiden Männer spannten die Hähne ihrer Pistolen. Fritz hatte außerdem den Karabiner des Kürassiers griffbereit neben sich liegen, aber noch gab es keinen Grund, ihre Anwesenheit zu zeigen.

Die nächsten Schüsse fielen plötzlich in unmittelbarer Nähe, die Husaren stießen Rufe und Flüche aus, und gleich darauf entfernten sie sich unter lautem Hufschlag in die andere Richtung. Fritz stieß den angehaltenen Atem aus, spähte durch das etwas weiter geöffnete Tor hinaus und gab Christian ein Zeichen. Gerade wollten die beiden hinaustreten, als Fritz den Zügel in der Hand fest zog und das Pferd wieder zum Stehen brachte.

„Ein einzelner Husar nähert sich, Christian! Wenn wir Glück haben, ist es einer der Burschen, die eben das offene Tor erspäht hatten und nun zurückgekehrt, um zu sehen, ob es hier etwas Lohnenswertes gibt. Achtung – er kommt!“

Wieder war eine Pelzkappe oberhalb der Mauer zu erkennen, einen Augenblick später wurde der Torflügel aufgestoßen und der Husar trat ein, sein Pferd am Zügel hinter sich führend. Erstaunt blickte er in das Terzerol, das ihm von einem Zivilisten direkt vor die Nase gehalten wurde.

Bazmeg – verdammt!“, fluchte der Mann, dann traf auch ihn ein kräftiger Hieb Christians, und das gerade durchgeführte Prozedere wiederholte sich. Anschließend traten die beiden Männer in den Uniformen ihrer Feinde wieder auf die Straße, schlossen das Tor diesmal richtig und ließen die beiden Gefesselten, und mit Streifen eines zerrissenen Hemdes geknebelten Soldaten, zurück.

„Wenn man uns erwischt, sind wir schon so gut wie tot!“, brummte Christian, dem sein Waffenrock überhaupt nicht gefiel. „Ich habe mich immer erfolgreich um jede Werbung gedrückt und muss jetzt ausgerechnet in Berlin als Österreicher umherlaufen?“

Fritz schwieg, stieg in den Sattel und war schon ein Stück in die Richtung geritten, aus der erneut Schüsse zu hören waren, bevor ihn Christian einholte. Der schimpfte dabei unaufhörlich leise vor sich hin, aber sein Gefährte beachtete ihn nicht weiter, bis sie an eine Straßenkreuzung gerieten, an der sich ihnen ein verwirrendes Bild bot. Am Ende der einen, stadtauswärts führenden Straße, erkannten sie starken Pulverdampf und hörten immer wieder das Knattern der Musketen.

Als Fritz noch überlegte, ob sie sich in die andere Richtung entfernen sollten, wurde ihm die Entscheidung abgenommen. Plötzlich liefen ein paar Soldaten auf sie zu, und das waren nun zweifelsfrei Preußen. Der gemischte Haufen Musketiere und Grenadiere trug Waffenröcke, die ihnen vertraut waren – aber schon hob einer der auf sie zulaufenden Soldaten die Muskete und legte sie auf Fritz an.

„Halt, wir sind preußische Offiziere!“, schrie ihnen der Premierleutnant zu, aber der Mann ließ sich nicht beirren und feuerte sein Gewehr ab. Blitzschnell hatte sich Fritz seitlich an sein Pferd gedrückt, aber die Kugel schlug weit entfernt von ihm in eine Hauswand, wo sie den Putz aufspritzen ließ.

Im nächsten Augenblick war der Premierleutnant bei dem nächsten Soldaten, der sich mit fliegenden Händen bemühte, die offenbar gerade frisch geladene Waffe schussfertig zu machen. Er schüttete Pulver auf die Pfanne, schloss den Deckel und zog den Hahn auf, als Fritz heran war, sich zu ihm hinüberbeugte und die Muskete dem verblüfften Soldaten aus der Hand riss. Noch ehe einer der anderen auf sie anlegen konnte, hatte Fritz sein Pferd herumgerissen und donnerte die Soldaten an: „Die Waffen herunter, mein Freund hier hat vier Schüsse in seiner Pistole – ihr seid tot, bevor ihr auch nur den Hahn gespannt habt!“

Das wirkte zunächst, die Männer verharrten in ihrer Bewegung und starrten die beiden Reiter finster an.

„Du da, Sergeant, ja – dich meine ich! Befehligst du den Haufen?“, rief er einen der Musketiere an, bei dem er den Sergeantenknopf entdeckt hatte.

„Ich rede nicht mit einem Feind!“, gab der Mann trotzig zurück, und Fritz drängte sein Pferd dichter an ihn heran.

Details

Seiten
90
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930078
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493726
Schlagworte
fritz husarenstück

Autor

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Titel: Der wilde Fritz #2: Ein doppeltes Husarenstück!