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Der wilde Fritz #1: Ein Anschlag auf die Goldene Stadt

2019 90 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Band 1: Ein Anschlag auf die Goldene Stadt

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

Nachbemerkung

Der wilde Fritz – Offizier und Spion im Dienst des Königs

Band 1: Ein Anschlag auf die Goldene Stadt

 

 

von Tomos Forrest

 

 

Freiherr Friedrich von Wustrau-Altfriesac –

Offizier seiner Majestät Friedrich II.

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Kathrin Peschel nach einem Motiv von Richard Knötel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext

 

Der junge Leutnant stammt aus dem uralten Adel derer von Wustrau-Altfriesac im Norden von Brandenburg. Er dient in einem Husarenregiment und zeichnet sich dort bald durch besondere Verdienste aus. Eine steile, militärische Karriere scheint ihm sicher zu sein, bis zu dem Tag, als er in ein Duell verwickelt wird. Freiherr Friedrich, genannt Fritz, von Wustrau-Altfriesac wird verhaftet und auf die Feste Spandau gebracht, wo er die Bekanntschaft von Christian Andreas Käsebier macht, einem Meisterdieb und Betrüger …

 

 

***

 

 

1.

 

Die schwarze Kutsche hielt auf der Waldlichtung, der Schlag wurde geöffnet, und nacheinander kletterten drei Männer mit dunklen Umhängen heraus, die Dreispitze in der Hand.

„Ah, die Herren scheinen pünktlich zu sein!“, sagte ein älterer Mann halblaut, der eine kleine Tasche trug und mit schnellen Schritten auf die Wartenden zuging.

„Doktor Johannsen, vielen Dank für Ihr Kommen!“, begrüßte ihn ein stocksteif aufgerichteter, etwas zur Fülle neigender Herr, dessen zivil geschnittener Rock doch den ehemaligen Soldaten nicht verbergen konnte.

„Bitte keine Namen, Herr!“, kam es scharf von den Lippen des Doktors zurück, und er nickte zu den anderen hinüber, die jetzt ebenfalls mit einem leichten Kopfnicken eine angedeutete Begrüßung zeigten.

Alle hatten ihre Perücken sorgfältig frisieren und pudern lassen, und trotz der frühen Stunde glänzten auf der Stirn des einstigen Offiziers kleine Schweißperlen.

„Sie gestatten mir eine rasche Untersuchung Ihrer Person, Herr?“, erkundigte sich der Arzt, aber der Angesprochene trat rasch einen Schritt zurück und hob abwehrend beide Hände.

„Wozu, Doktor? Ich fühle mich wohl und werde den Burschen zu züchtigen wissen! Wo steckt er überhaupt? Pünktlichkeit scheint jedenfalls nicht zu seinen Stärken zu gehören!“

Mit einem suchenden Blick drehte der Sprecher seinen Kopf und musterte die umstehenden Bäume rasch. Fast unmittelbar hinter dieser Gruppe erklang ein leises Lachen, und im nächsten Augenblick trat ein junger Mann aus den Büschen und war mit wenigen, elastischen Schritten vor den hier Versammelten. Köpfe fuhren herum, ein kaum unterdrückter Fluch entfuhr dem Sprecher, und seine Augen schienen sich förmlich in das jugendliche, fröhlich wirkende Gesicht des Neuankömmlings zu bohren.

„Meine Herren, ich darf wohl darauf hinweisen, dass ich noch eine Viertelstunde vor der vereinbarten Zeit eingetroffen bin!“, sagte er mit einem Tonfall in der Stimme, der der seltsamen Situation in keiner Weise angemessen schien, denn die Herren zogen alle verwundert ihre Augenbrauen hoch.

„Leutnant, Sie müssen Ihren Auftritt nicht so theatralisch gestalten!“, sagte einer der Herren, der neben dem ehemaligen Offizier stehen geblieben war. Mit diesen Worten zog er eine Taschenuhr aus seiner cremefarbenen Weste, die farblich hervorragend mit seinem Justaucorps harmonierte. Er klappte den Deckel mit einer gezierten Handbewegung auf und hob das Ziffernblatt etwas höher, um die korrekte Uhrzeit ablesen zu können. „Es ist exakt elf Minuten vor der vollen Stunde.“ Gesichtsausdruck und näselnde Stimme sollten die Verachtung des Mannes für den jungen Leutnant ausdrücken, der sich jedoch davon in keiner Weise beeindruckt zeigte. Vielmehr zog er nun seinerseits eine Taschenuhr heraus, drückte auf einen Knopf und ließ den Deckel aufspringen.

„Meister Hoys in Bamberg fertigte diese Uhr für meinen Herrn Papa und versicherte ihm seinerzeit, sie würde präzise laufen und höchstens in zehn Jahren um eine Minute variieren. Nun gut, vielleicht sollte ich sie einmal zur Reinigung bei ihm einreichen.“

„Ich glaube nicht, dass Sie später noch dazu in der Lage sein werden, Leutnant!“, knurrte der große, alte Soldat und schenkte ihm einen vernichtenden Blick.

„Sollte mir sehr leid tun, Herr Oberstleutnant … Verzeihung, wollte sagen, Herr von …“

„Keine Namen weiter!“, zischte erneut der Doktor und sah dem Leutnant streng ins Gesicht. „Wie steht es mit Ihnen? Fühlen Sie sich in der Lage, das Duell auszuführen?“

Der Leutnant machte eine leichte Verbeugung und antwortete:

„Selbstverständlich bin ich dazu bereit, meine Herren!“

Der Arzt gab mit einem leichten Winken seiner Rechten den Sekundanten das Zeichen, den mitgebrachten Waffenkoffer zu öffnen, den einer von ihnen dabei hielt.

Zwei weitere Zivilpersonen traten hinzu und überprüften die beiden wunderbar gearbeiteten Steinschlosspistolen, dann erhielt jeder von ihnen ein kleines Pulverhorn, einen Flintstein und eine Kugel ausgehändigt. Während sie die Waffen mit raschen Griffen luden und mit dem kleinen Ladestock, der unter dem Pistolenlauf in seiner Halterung steckte, die Kugel hinunterstießen, wurde dem Leutnant der Platz zugewiesen, auf dem er zu stehen hatte. Anschließend wurden die neuen Flintsteine in die Hähne geschraubt, die Waffen waren fertig.

Die beiden Duellanten standen sich wortlos gegenüber, als die beiden anderen Sekundanten sich noch einmal vom ordnungsgemäßen Zustand der Duellpistolen überzeugten. Jetzt war es ihre Aufgabe, die Pfannen zu öffnen und das dünne Zündkraut darauf zu streuen, die Pfanne wieder zu schließen und den Hahn in Ruhe zu setzen.

„Die Regeln sind den Herren bekannt?“, erkundigte sich der Doktor sachlich.

„Jawohl!“, antwortete der Leutnant kurz und bündig. Sein Gegner verzog sein Gesicht kaum, als er die Worte herausstieß:

„Jeder der Kontrahenten bietet dem Gegner beim Schuss die schmale Körperseite mit dem angewinkelten Schussarm. Der Hahn wird auf Kommando gespannt, auf das folgende Kommando wird gleichzeitig geschossen. Gelingt es mir nicht, diesen …“ Er hielt rechtzeitig vor einer weiteren Beleidigung inne, sammelte sich etwas, straffte erneut seinen Oberkörper und fuhr fort: „Herrn sofort zu töten, wird der weitere Kugelwechsel angeordnet, bis sich einer der Kontrahenten nicht mehr erheben kann, um eine Waffe abzufeuern.“

„Verzeihung, Herr Oberstleut…, Herr Baron, wollen wir nicht auf diese Formel verzichten?“, erkundigte sich der Mann, der sein Sekundant war. „Ist nicht mit dem einmaligen Schusswechsel die Ehre wieder hergestellt?“

„Niemals!“, knirschte der ehemalige Offizier. „Sollte ich ihn nicht sofort tödlich treffen, wird weiter geschossen!“

„Dem ist nichts weiter hinzuzufügen. Meine Herren, nehmen Sie bitte Ihre Plätze ein. Die Sekundanten bleiben neben ihnen stehen, bis ich das Kommando erteile!“, ordnete der Doktor an.

Schweigend schritten die Männer auf die bezeichneten Plätze, warfen dabei ihre Umhänge achtlos ab und drehten sich schließlich zueinander, die Arme mit den Waffen noch gesenkt.

„Spannt den Hahn!“, befahl der Doktor mit lauter Stimme, die weit durch den morgendlichen Wald schallte, über dessen Bäume das Sonnenlicht gerade erst auf die Lichtung fiel und der Szene ein freundliches Aussehen gab. Vögel zwitscherten fröhlich, und noch bevor die beiden Duellanten den nächsten Befehl hörten, schwang sich laut trillernd ein Gimpel aus dem Baum über ihren Köpfen hoch in die Luft. Seine rote Brust schimmerte dabei wie ein mahnendes Zeichen für die Menschen, die bereit waren, das Blut ihres Gegners zu vergießen. Doch keiner hatte Augen und Ohren für den Vogel, das Kommando „Feuer!“ wurde gleich darauf vom Krachen der beiden Pistolen übertönt.

Beißender Pulverrauch hüllte die beiden Duellanten ein, und mit besorgten, weit aufgerissenen Augen starrten die Sekundanten auf die sich hasserfüllt gegenüber stehenden Männer, deren Umrisse hinter dem Rauch erkennbar waren. Jetzt schwankte die eine Gestalt leicht hin und her, machte zwei, drei stolpernde Schritte und schlug dann schwer auf den weichen Waldboden.

„Doktor!“, rief der Sekundant erschrocken, aber der Arzt war schon bei dem Getroffenen und drehte ihn auf den Rücken.

„Exitus!“, verkündete er kurz und knapp, und die dazu tretenden Zeugen des Duells erkannten das rasch austretende Blut auf der Brust des alten Offiziers. Sein kostbares, mit Rüschen verziertes Hemd, das unter den sachkundigen Händen des Arztes schnell geöffnet wurde, wies ein Loch direkt über dem Herz auf.

Auch der junge Leutnant war hinzugetreten, händigte einem Sekundanten die abgeschossene Waffe aus und beugte sich über den Getöteten.

„Das werden Sie bereuen, Wustrau, das schwöre ich Ihnen!“, knirschte der Sekundant des Toten zwischen den Zähnen hindurch.

„Pardon, mein Herr, dass ich mich nicht von Ihrem Herrn Baron erschießen ließ. Die ganze Angelegenheit war unnötig, der Grund herbei gesucht und aus einer völlig falschen Beurteilung der Situation entstanden.“

„Halten Sie den Mund!“, fuhr der andere noch wütender fort. „Oder ich lasse mich dazu hinreißen …“

„Sie?“, lachte der Leutnant fröhlich auf. „Sie sind doch gar nicht satisfaktionsfähig, Herr!“

Damit entfernte er sich, griff den achtlos weggeworfenen Umhang wieder auf und warf ihn sich über die Schultern. Ein Stück weiter lag sein ziviler Dreispitz, den er sich nun ebenfalls aufstülpte und damit auf den Waldweg trat, um zu seinem in kurzer Entfernung angebundenen Pferd zu gehen.

Mit freudigem Schnauben begrüßte ihn sein Fuchs, und zärtlich strich ihm der Leutnant über die Nüstern.

„Na, mein Guter, du wirst doch wohl nicht erwartet haben, dass ich mich einfach so niederschießen lasse wie einen Hund, oder?“ Mit diesen Worten wollte er den Strick lösen, mit dem der Fuchs an den Baum gebunden war, als plötzlich ringsumher die Büsche prasselten und ein gutes Dutzend Grenadiere, die Gewehre im Anschlag, heraustraten. Befehligt wurden sie von einem altgedienten Hauptmann, dem dieser Einsatz offenbar wenig Freude bereitete, wie man seinem finsteren Gesicht mit den zusammengepressten Lippen entnehmen konnte.

Aber ruhig und sachlich stellte er die Frage:

„Leutnant von Wustrau-Altfriesac?“

Als der nur mit einem Nicken antwortete, fuhr der Hauptmann fort:

„Im Namen Seiner Majestät, Ihr seid mein Gefangener!“

„Ich habe es befürchtet, Hauptmann. Wohin werde ich gebracht?“

„Nach Spandau. Bitte Ihren Degen, Leutnant.“

Fritz von Wustrau-Altfriesac schlug seinen Umhang beiseite und antwortete:

„Ich bin unbewaffnet, Herr Hauptmann, die Pistole habe ich dem Sekundanten ausgehändigt, und einen Degen trage ich nur im Dienst!“

„Geben Sie mir Ihr Ehrenwort als Offizier, dass Sie nicht fliehen werden. Dann kann ich Ihnen die Schmach einer Fesselung ersparen!“

„Selbstverständlich, Herr Hauptmann!“

„Also, vorwärts marsch, wir haben noch einen weiten Weg vor uns!“

Die Grenadiere erhielten Befehl, den Hahn in Ruhe zu setzen und die Gewehre zu schultern. Anschließend griff einer von ihnen in das Zaumzeug des Pferdes, und die Gruppe setzte sich in Bewegung.

„Ich wüsste nur gern, woher man von dieser Begegnung erfahren hat!“, sagte der Leutnant halblaut und mehr zu sich selbst.

„Einer der Diener vom Baron kam zu uns vor gut zwei Stunden und brachte die Meldung. Wir sind sofort aufgebrochen, um das Duell zu verhindern, was uns ja leider nicht gelungen ist!“, antwortete der Hauptmann nicht unfreundlich.

„Ja, und das ist auch gut so!“, entgegnete der Leutnant. „Ich hätte dem Baron und seinem Hass ohnehin nicht entkommen können.“

 

 

2.

 

Während der ersten Woche seiner Haft hatte der Leutnant noch immer die Hoffnung, dass man ihn aus seinem finsteren Kerker holen lassen würde, ihm eine Standpauke hielt und damit die Angelegenheit auch mehr oder weniger erledigt war. Doch die Stunden schlichen zäh dahin, und nur der Rhythmus der Mahlzeiten brachte ihm eine Abwechslung und ermöglichte ihm, den Tag einzuteilen. Licht fiel in das feuchte Verlies nur durch eine schmale Fensteröffnung hoch oben in der Wand, die kaum ausgereicht hätte, um eine Hand hindurchzuzwängen, wenn er sie denn erreichen könnte.

Freiherr Fritz von Wustrau-Altfriesac, Leutnant im Husaren-Regiment von Zieten, auch als Brandenburgisches Nr. 3 bezeichnet, war sich seiner Lage von Tag zu Tag immer mehr bewusst. Er, der als Draufgänger und vorbildlicher Soldat mehrfach ausgezeichnete Jungoffizier, Teilnehmer an der Schlacht bei Reichenberg am 21. April 1757 und zeitweise nach dem Tod seines Kommandanten Führer einer Schwadron, die in letzter Minute eine österreichische Abteilung erfolgreich abdrängte und deren Gegenangriff vereitelte, war am Ende seiner militärischen Laufbahn angelangt. Seine Abteilung war es, die den österreichischen General Macquire dazu brachte, seine Befehle zu ignorieren und vor den heranstürmenden Husaren die Flucht zu ergreifen, obwohl er eine Übermacht hinter sich hatte und mit einem Gegenangriff die Preußen in schwere Bedrängnis gebracht hätte.

Wieder einmal stiegen die Bilder vom April vor ihm auf, und er erinnerte sich an den Schauer, den er gespürt hatte, als ihm Generalleutnant Hans Joachim von Zieten später persönlich die Hand drückte und ihm für sein umsichtiges und mutiges Eingreifen gedankt hatte. Damals schien es für alle Offiziere, die ihm neidvoll nachsahen, klar, dass hier ein neuer Stern am Himmel des preußischen Heeres aufgegangen war. Der Freiherr von Wustrau-Altfriesac würde einen kometenhaften Aufstieg im Verlaufe dieses Krieges erleben und alle seine Kameraden weit hinter sich lassen.

Schwer in Gedanken versunken, saß er auf der einfachen Pritsche, die Füße auf den kalten Steinboden gestellt, den Kopf in die Hände gestützt. Da schreckte er durch die üblichen Geräusche hoch, die das Austeilen des Mittagessens begleiteten. Lärm und Unruhe unter den Mitgefangenen, das Poltern der aufgeschlossenen Türen gegen die Wände des Juliusturmes, Klappern von Geschirr und Bestecken, Rufe der enttäuschten Menschen, die wieder einmal nur eine dünne Brühe mit ein wenig Fett erhielten anstelle eines vernünftigen, dicken Eintopfs.

Als sich der Schlüssel zu seiner Einzelzelle kreischend im Schloss drehte, blickte Fritz nicht auf. Das Essen ekelte ihn an, der Essenausteiler war ein unangenehmer Mensch mit einem frechen Gesicht, der ihn jedes Mal höhnisch angrinste und am zweiten Tag zu ihm sagte, als er wieder einmal das Essgeschirr unberührt stehen ließ: „Es wird nicht besser, Euer Gnaden! Wenn Ihr das Essen ablehnt, bekommt Ihr es Morgen erneut und auch nicht besser!“

Mit einem raschen Satz war der Leutnant aufgefahren und stand so dicht vor dem unverschämten Burschen, dass er dessen üblen Mundgeruch wahrnahm, als der ihn erschrocken und offenem Maul anstarrte.

„Hüte deine Zunge, Kerl, oder ich bringe dir Manieren bei!“

Diese Worte zischte ihm der Leutnant fast unhörbar zu. Aber das Gesicht, das er dazu machte, und der feste Griff in die einfache Bluse, die alle Gefangenen hier trugen, zeigten ihm deutlich, dass mit diesem Offizier nicht gut Kirschen essen war. Zwar riss er sich mit noch immer höhnischem Grinsen von ihm los, aber er achtete an den folgenden Tagen doch sehr auf einen guten Abstand und sprach ihn nicht mehr an. Fritz hatte diesen Vorfall längst vergessen und wusste über den Mann nur, dass er hier aufgrund zahlreicher Verbrechen saß, aber inzwischen eine Sonderstellung erreicht hatte. Viele fürchteten den Mann, der den seltsamen Namen Käsebier führte, und es auf seine ganz eigene Art geschafft hatte, seine Aufseher von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Jedenfalls besaß er das Vertrauen der gesamten Wachmannschaft, allerdings nur das weniger Häftlinge.

Der Leutnant blickte auch heute kaum auf, als in die offene Tür zu seiner Zelle ein gefüllter Blechnapf gestellt wurde, und der große Kessel auf seinem fahrbaren Gestell zu seinem Nachbarn weiter geschoben wurde. Auch dort das gleiche Geschehen, der Schlüssel drehte sich hörbar im Schloss, die Tür schlug krachend gegen die Wand, Blech schlug gegeneinander, und laute Stimmen riefen durcheinander. Worte wie „Schweinefraß“, „Saukerle“ und „totschlagen müsste man alle“ wurden wieder einmal, wie auch an den vergangenen Tagen, laut über den Gang gebrüllt.

Doch heute war es anders als sonst.

Der Leutnant hatte etwas an der offenen Zellentüre vorüberhuschen gesehen, und als er den Kopf hob, folgten dem ersten Schatten in rascher Folge zwei weitere. Ein dumpfer Schlag, ein Stöhnen, etwas fiel auf den Boden, und ein unterdrückter Hilferuf folgte. In diesem Augenblick trat Fritz auf den Gang hinaus und erkannte drei Männer, die auf den Essenausteiler und seinen Gehilfen mit Gegenständen einschlugen.

Mit einem raschen Ausruf sprang der Offizier dazwischen.

„Halt, seid ihr denn wahnsinnig geworden?“

„Misch du dich nicht ein, Kerl, das geht dich nichts an!“, lautete die Antwort, und der Mann holte mit einem Gegenstand aus, um ihn auf den Kopf des Leutnants herabzuschmettern. Der wartete das jedoch nicht ab, sondern schlug dem Mann die Faust in die Magengegend, sodass der zusammenklappte.

Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr und versuchte, durch eine rasche Körperdrehung auszuweichen. Der Schlag traf ihn jedoch noch am linken Oberarm und löste eine Schmerzwelle aus, die seinen Rücken hinablief und ihn für einen Moment innehalten ließ. Dann aber wehrte er mit der Rechten den nächsten Schlag ab, trat kräftig mit dem Fuß zu und erwischte den Gegner im Unterleib. Mit lautem Stöhnen brach der Mann in die Knie, und nun schlug Fritz dem dritten Angreifer die Faust mitten ins Gesicht, sodass der Mann nach hinten taumelte, gegen die Ziegelsteinwand prallte und daran auf den Boden herabrutschte.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich im Anschluss bei dem Essenausteiler, der in sich zusammengesunken auf dem Boden kauerte.

„Diese … Schweine … sie hätten mich glatt …“

Käsebier bemühte sich, auf die Beine zu kommen, und der Leutnant half ihm dabei.

„Was ist mit Erich?“, erkundigte sich der Mann und griff sich stöhnend an den Kopf, wo Fritz trotz der schlechten Beleuchtung auf dem Gang deutlich eine blutende Wunde erkennen konnte.

Bei der Frage nach dem Zustand seines Helfers bückte sich der Leutnant über den Ohnmächtigen und fühlte an seinem Hals, ob er dort den Pulsschlag spüren konnte. Da gab der Mann ein tiefes Stöhnen von sich und schlug verwundert die Augen auf.

„Was ist denn hier los? Auf die Beine mit euch, aber rasch, sonst helfen wir nach!“, donnerte eine befehlsgewohnte Stimme hinter ihnen, und die Wache stürmte herein, angeführt von einem leicht korpulenten Sergeanten, dessen Dienstgrad der Leutnant an dem Sergeantenknopf mit dem preußischen Adler erkannte.

Die Soldaten drängten sich zwischen die Männer, packten sie und schoben die beiden Küchenhelfer an die eine Seite des Ganges, den Leutnant an die andere Seite.

„Ah, der Herr Leutnant! Und noch immer streitsüchtig, was?“, bellte ihn der Unteroffizier an, und erhielt dafür nur einen verächtlichen Blick. „Ich werde das melden, und die Folgen werden Ihm wohl klar machen, was es heißt, in der Haft eine Schlägerei anzuzetteln.“

„Hören Sie mal, Herr Sergeant!“, hob der Leutnant seine Stimme so stark, dass der Mann verwundert zu ihm aufsah und sofort die Hand von dessen Jacke nahm, an der er ihn gepackt hatte. „Ich verbitte mir diese vertrauliche Anrede! Offiziere Seiner Majestät werden mit ‚Sie‘ angesprochen, verstanden? Und im Übrigen habe ich versucht, den Opfern eines heimtückischen Überfalls von Seiten der Mithäftlinge Hilfe zu leisten!“

Der Sergeant hatte schon wieder seine Verblüffung überwunden und schaute sich nach beiden Seiten um, während er sein pockennarbiges Gesicht zu einem unangenehmen Grinsen verzog.

„Leider sehe ich hier keine weiteren Häftlinge außer dem Herrn Leutnant, Käsebier und seinem Helfer Erich. Aber das können Sie alles dem Kommandanten erklären, Herr Leutnant! Und jetzt zurück in die Zelle, wenn ich bitten darf! Widerstand wird mit Gewalt beantwortet!“

Schweigend schritt der Leutnant zurück in seine Zelle, die gleich darauf mit lautem Türkrachen geschlossen wurde, dann knirschte der Schlüssel wieder in dem mächtigen Schloss, und Schritte auf dem Gang entfernten sich.

Nachdenklich starrte der Leutnant in die Pfütze auf seiner Türschwelle, die durch das Umstoßen seines Esstellers entstanden war. Gleich darauf legte er sich wieder auf die Pritsche und bemühte sich, den Geruch der modrigen Wolldecke, auf der er lag, zu ignorieren.

 

 

3.

 

„Leutnant von Wustrau! Aufstehen, mitkommen!“

Es war die schnarrende Stimme des Sergeanten, der ihn aus einem kurzen, unruhigen Schlaf riss. Verwundert schlug der Freiherr die Augen auf. Der Sergeant hatte sich über seine Pritsche gebeugt und ihm direkt ins Ohr gebrüllt. Als der Leutnant auffuhr, erkannte er die beiden Grenadiere, die mit geschulterten Gewehren in der Tür standen.

Wortlos erhob sich der Leutnant und trat auf ein Zeichen in den Flur, wo er zu seiner Überraschung zwei weitere Grenadiere erkannte, die den Häftling Käsebier zwischen sich festhielten.

„Hallo, Herr Leutnant! Jetzt werden wir erfahren, wie man in der Festung Spandau Gerechtigkeit vollzieht! Der Kommandant erwartet uns!“

„Ja, und? Warum zu dieser nachtschlafenden Zeit? Wir haben uns doch wohl nichts vorzuwerfen, kann man da nicht ein ordentliches Verhör zur Tageszeit anordnen?“

„Das ist das Militär, Herr Leutnant, davon verstehe ich nichts!“, antwortete grinsend der Mann, und als der Sergeant jetzt zu ihnen trat, sah er sofort in eine andere Richtung.

„Ruhe hier, Häftlinge! Ihr habt nichts zu bereden, was ich nicht gestatte. Vorwärts marsch, es geht zum Kommandanten!“

Die Soldaten führten die beiden Gefangenen aus dem Juliusturm quer durch die Anlage zum Torhaus, dem einzigen Zugang zur Festung. Hier wohnte im ersten Stock der Kommandant, und sowohl am Hauseingang wie auf den Treppen wunderte sich Leutnant von Wustrau über das starke Aufgebot der Wachen. Der Hof der Festung wie auch das Torhaus wimmelten nur so von Bewaffneten, die zum größten Teil ihre Gewehre in den Händen hielten. Nur im Haus selbst hatten sie es mit dem aufgepflanzten Bajonett bei Fuß, wie es den Wachen innerhalb von Häusern vorgeschrieben war.

Das Torhaus besaß eine eigene Zugbrücke und lag etwas abseits an der Südkurtine der Festung. Dort war der Untergrund sehr feucht, und man schüttete deshalb Bauabfälle und Geröll auf, rammte anschließend große Eichenpfähle in den Untergrund und errichtete darauf das Torhaus. Der italienische Baumeister Francesco Chiaramella hatte sich vom Stadttor Porta Nuova in Verona inspirieren lassen und den Bau des Torhauses zu einem beeindruckenden Prachtbau gestaltet.

„Im oberen Teil hat der König einen prominenten Gefangenen unterbringen lassen!“, erklärte der Sergeant, als sie die Stufen nach oben gingen. „Hier hat der Geheime Finanzrat Erhard Ursinus, bisher rechte Hand Seiner Majestät in Manufaktur- und Handelssachen, seine Unterkunft erhalten, bis etwas anderes verfügt wird!“, erklärte der Sergeant mit süffisantem Tonfall, bevor er vor einer mit einem Doppelposten bewachten Tür stehen blieb.

„Der Finanzrat ist auf der Festung inhaftiert?“, erkundigte sich der Leutnant erstaunt. „Wie ist das möglich?“

Der Sergeant kostete sein Wissen als wahren Triumph aus.

„Nur damit Ihr wisst, Leutnant, dass der König gerecht und weise ist und damit Ihr Euch keinerlei Illusionen macht, was Euer Schicksal betrifft. Der Herr Finanzrat legte Seiner Majestät im Oktober einen Bericht zur wirtschaftlichen Lage in Preußen vor, der dem König überhaupt nicht gefiel. Seit Dezember ist der Finanzrat nun unser Gast, hehehe!“, ergänzte er mit einem meckernden Lachen, das den Leutnant auf unangenehme Weise an einen alten Ziegenbock erinnerte.

Nach einem kurzen Anklopfen ertönte von innen ein lautes „Herein!“, und einer der Posten riss die Doppeltür weit auf. Als Erster trat der Sergeant ein, riss sich den Dreispitz vom Haupt und salutierte.

„Ah, der Sergeant mit dem Gefangenen Wustrau! Tretet ein!“

Die Stimme war auf angenehme Weise sonor und wohltönend.

Staunend trat der Leutnant ein und glaubte, nicht richtig zu sehen.

An einem mächtigen Tisch, auf dem sich mehrere Krüge und Becher befanden, saß eine Persönlichkeit, die er einmal bei einem Empfang im Schloss bemerkt hatte. Gouverneur Gustav Bogislav von Münchow, der schon unter dem Soldatenkönig gedient hatte, und als enger Vertrauter seines Sohnes galt, saß höchstpersönlich in diesem Zimmer und sah den Leutnant mit einem finsteren, durchdringenden Blick an.

Leutnant von Wustrau-Altfiesac kannte den Lebenslauf dieses hohen Beamten sehr gut. Nach der Oberaufsicht über die preußischen Lazarette im Ersten Schlesischen Krieg war von Münchow bei der Belagerung von Prag 1744 dabei und ebenso in der Schlacht von Hohenfriedberg, wo er die Stellung bis zum Eintreffen der Verstärkung hielt. Den Orden Schwarzer Adler erhielt er schließlich aus der Hand des Königs nach der Schlacht von Kesselsdorf.

Dann wurde er Kommandant von Spandau, war aber derzeit Kommandant der Festung Glogau. Seine Anwesenheit zur nächtlichen Stunde auf der Festung Spandau hatte sicherlich eine besondere Bedeutung, die sich von Wustrau-Altfriesac jedoch nicht erklären konnte. Dieser Mann war ihm stets ein Vorbild preußischer Offizierskarriere gewesen, und er musste mehrfach schlucken, als ihn der Gouverneur jetzt ansprach.

„Leutnant von Wustrau-Altfriesac, treten Sie näher! Wie man hört, haben Sie nach einem tödlichen Duell mit dem Baron Karl Friedrich Theodor von Wackerbarth nichts gelernt, was zu Ihren Gunsten sprechen könnte. Im Gegenteil, ich erhalte die Meldung, dass Sie sich aktiv an einer gefährlichen Schlägerei unter den Gefangenen beteiligt haben!“

„Herr Gouverneur, bitte um die Genehmigung, den Vorfall aus meiner Sicht schildern zu dürfen!“, antwortete der Leutnant und nahm dazu militärische Haltung an, den Oberkörper starr aufgerichtet, die Hände an der einfachen Hose der Häftlinge.

Der Gouverneur musterte ihn mit finsterer Miene und antwortete nach kurzem Schweigen mit kalter Stimme:

„Abgelehnt, Leutnant. Ich habe keine Lust, nach meinem anstrengenden Ritt zur Festung Spandau mir irgendwelche Märchen anzuhören. Zur Aufrechterhaltung der Disziplin verurteile ich Ihren Mithelfer Käsebier, der wohl die Schlägerei verursacht hat, zu Spießrutenlauf mit einhundert Schlägen. Sie aber, Leutnant, werden anschließend auf gleiche Weise bestraft. In Anbetracht der Tatsache, dass Sie einmal ein hervorragender Offizier waren, reduziere ich jedoch als Gnadenakt Ihre Strafe auf fünfzig Schläge!“

„Herr Gouverneur!“, brauste der Leutnant auf, aber sein Gegenüber schlug nur heftig auf den Tisch.

„Ruhe hier, ich will nichts hören! Sergeant, führen Sie die Männer ab! Käsebier und von Wustrau werden bis zur Ausführung dieser Bestrafung am Freitag der kommenden Woche eine gemeinsame Zelle erhalten. Kehrt Euch, marsch!“

„Herr Gouverneur!“, wiederholte der Leutnant, was dem so Angesprochenen einen weiteren Handschlag auf die Tischplatte entlockte.

„Raus!“

Grobe Hände griffen nach den beiden Verurteilten, daraufhin ging der Leutnant wie ein Schlafwandler zwischen den Grenadieren die Treppe hinunter, überquerte den Hof und sprach kein Wort, bis sich die Tür ihrer gemeinsamen Zelle hinter ihnen schloss und Käsebier leise sagte:

„Was für eine Scheiße, Herr Leutnant!“

Aber von Wustrau antwortete ihm nicht, sondern lehnte seine heiße Stirn gegen die Ziegelsteinwand der Zelle und schwieg, während sein Mithäftling im Raum auf und ab lief und der Leutnant nach einer quälend langen Zeit schließlich gereizt ausrief: „Nun bleiben Sie doch endlich einmal auf der Pritsche sitzen, Käsebier! Das ist ja unerträglich!“

„Nein, Herr Leutnant, unerträglich ist eine derart ungerechte Bestrafung! Das werde ich nicht einfach so hinnehmen! Einhundert Schläge mit dem Ladestock – das ist der sichere Tod! Und ich bin noch nicht einmal ein Militär, darf also gar nicht nach Militärrecht abgeurteilt werden!“

Der Leutnant blieb vor dem Mann stehen und versperrte ihm damit den Weg durch die kleine Zelle.

„So, dürfen Sie nicht, ja? Und was glauben Sie, wird den Sergeanten davon abhalten, den Befehl des Gouverneurs auszuführen?“

Käsebier blieb grinsend vor ihm stehen und antwortete:

„Was ihn davon abhalten wird, Herr Leutnant? Nun, ich befürchte, den Zeitpunkt werde ich hier nicht untätig abwarten!“

Einen Augenblick lang schwieg sein Zellennachbar verblüfft, dann schüttelte er den Kopf und warf sich auf seine Pritsche.

„Du bist ja verrückt!“, murmelte er leise, das Gesicht zur Wand gedreht.

„Werden wir ja sehen!“, antwortete Käsebier.

 

 

4.

 

„Pst, Herr Leutnant!“

Schlaftrunken fuhr Fritz hoch und bemerkte den Schein eines kleinen Talglichtes, das kaum die Dunkelheit in ihrer Zelle durchdringen konnte.

„Was ist los?“

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er seine Zelle mit diesem Kalfaktor teilte.

„Käsebier! Was zum Teufel …?“

„Pst, nicht so laut, Herr Leutnant! Erich wird jeden Augenblick hier sein und wir haben nicht viel Zeit bis zum nächsten Wachwechsel!“

Augenblicklich sprang der Leutnant von seinem Lager auf, als er deutlich von der Tür Geräusche vernahm. Jemand drehte behutsam den Schlüssel herum, gleich darauf schwang die Tür auf und das Licht einer Blendlaterne fiel in die Zelle.

„Alles bereit, Christian?“

„Natürlich, und die Wachen?“

Ein kurzes, leises Auflachen, dann kam die Antwort:

„Unsere Freunde sind eingeschlossen und genießen meinen speziell gewürzten Wein. Aber in einer halben Stunde müssen wir mit dem Boot auf der anderen Seite sein, sonst werden wir entdeckt!“

„Moment mal, was geht hier eigentlich vor?“, erkundigte sich der Leutnant hastig, als Käsebier eine Decke von seiner Pritsche aufgriff und auf den Gang hinaus trat.

„Wir hauen ab, Herr Leutnant! Adieu Spandau, auf Nimmerwiedersehen!“

„Was? Aber das ist …“

„Unsere Lebensrettung, Leutnant, und nun vorwärts, lange Zeit bleibt uns nicht mehr! Erich hat die Wachen ausgeschaltet, die unten in der Stube hocken. Aber auf der Mauer gehen die Streifen auf und ab. Bevor sie wieder über der kleinen Pforte sind, müssen wir im Boot sein!“

Details

Seiten
90
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930054
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493494
Schlagworte
fritz anschlag goldene stadt

Autor

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Titel: Der wilde Fritz #1: Ein Anschlag auf die Goldene Stadt