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REDLIGHT STREET #42: Endlich wieder frei

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Endlich wieder frei

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Die Hauptpersonen:

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Endlich wieder frei

REDLIGHT STREET #42

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

 

Zwanzig Jahre ist es her, dass Danja und Elscha nach Hamburg gekommen sind. Sie wollten das Leben genießen und viel Geld machen. Ihre Träume sind geplatzt, das Geld haben die Zuhälter bekommen und nichts ist so, wie die beiden es gewollt haben. Alles was noch Bestand hat, ist ihre Freundschaft, die sich bei allen Höhen und Tiefen bewährt hat. Auch als Danjas Tochter plötzlich auftaucht, erweist sich Elscha als wahre Freundin.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Die Hauptpersonen:

Danja Koch - heruntergekommene Dirne mit Sehnsucht nach ihrem Kind.

Bille - ihre Tochter, die endlich die Wahrheit erfährt.

Elscha Möbius - Danjas Freundin, setzt sich für sie ein.

 

 

1

Danja Koch stand vor dem Spiegel und betrachtete ihr eigenes verlebtes Gesicht. Bald würde auch die Schminke nicht mehr die vielen Falten vertuschen können, die sich in ihre ehemals glatte Haut eingegraben hatten. Böse sah das aus. Wenn man Geld hätte, dachte die Frau, könnte man jetzt zu einem dieser Weißkittel gehen, die aus dieser Berglandschaft wieder was Gescheites machen. Geld, Geld! Sie konnte an nichts anderes mehr denken.

Wütend warf sie den Kamm fort. Der half ja auch nicht!

Da klingelte es an der Tür. Sie drückte die Zigarette aus und ging hinaus. Müde waren diese Schritte, erschöpft und ausgelaugt.

Sie sah erst durch den Spion, bevor sie öffnete.

»Du brauchst aber lange«, sagte Elscha Möbius und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

»Ich war im Bad.«

Elscha schnupperte.

»Du hast doch noch nicht Kaffee getrunken?«, fragte sie.

»Nein. Warum?«

»Gut. Dann lass mich das machen. Verschwinde. Ich bin gleich wieder da.«

Danja dachte: Ich bin so kaputt, dass ich nicht mal mehr nein sagen kann. Mir ist alles egal. Wozu lebe ich eigentlich noch?

Sie ging in den kleinen Wohnraum hinüber. Die Blumen brauchen Wasser, dachte sie, tat aber nichts. Sie ließ sich auf die zerschlissene Liege fallen und starrte nur vor sich hin.

Wenig später roch sie den Kaffee, was ihre Lebensgeister ein klein wenig anregte.

Elscha kam mit einem Tablett herein, auf dem alles stand, was man zu einem anständigen Frühstück braucht: Butter, Wurst, Käse und sogar Honig. Danja zitterte leicht.

»Hast du im Lotto gewonnen?«

Elscha sagte: »Heute verwöhne ich mich selbst, verstehst du?«

»Das ist ganz neu.«

»Nun, ich habe Geburtstag. Und da fiel mir daheim die Decke auf den Kopf, ich dachte: Geh zu Danja. Vielleicht freut sie sich.«

Danja stand sofort auf.

»Altes Mädchen«, sagte sie zu der Freundin, nahm sie in die Arme und klopfte ihr den Rücken. »Du hast wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Was ich jetzt brauche, ist tatsächlich Gesellschaft.«

Elscha sah sie groß an.

»Das verstehe ich nicht. Sonst bist du doch immer guter Laune. Tatsächlich, jetzt merke ich erst, wie kaputt du aussiehst.«

»Ich bin kaputt. Aber reden wir nicht von mir; du bist die Hauptperson. Weißt du was, nach dem

Frühstück gehen wir in die Stadt, und ich kaufe dir ein Geschenk.«

»Mensch«, sagte Elscha, »gleich fange ich an zu flennen. Das wollte ich doch nicht.«

»Doch du bekommst etwas von mir«, sagte Danja bestimmt.

»Du hast es doch auch nicht so dick, das weiß ich, Danja. Du brauchst mir nichts zu schenken.«

Danja wurde fast böse.

»Wenn ich mir noch nicht mal ein Geschenk für meine Freundin leisten kann, verflucht, wozu hat das Leben dann noch einen Sinn!«

Elscha goss ihr den Kaffee ein, und Danja schlürfte ihn aus.

»Gut, wirklich gut«, lobte sie. Dann machten sie sich über die frischen Brötchen her.

»Den Schein hab’ ich versteckt, die ganze Zeit über. Ich hab’ mir gesagt: Und wenn die Welt untergeht, den wird man mir nicht nehmen.«

Danja schaute sie an.

»Wie alt bist du geworden?«

Elscha verzog den Mund zu einer missglückten Grimasse.

»Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht so um die hundert?«

Danja nickte müde.

»Ich bin, glaube ich, noch älter.«

Dann schwiegen sie eine Zeitlang und genossen das gute Frühstück. Ganz langsam rollten zwei Tränen über Danjas Wangen. Da gibt es Menschen, dachte sie, die sich jeden Tag so etwas leisten können und noch nicht mal wissen, wie wichtig und einmalig das ist. Sie nehmen es als Selbstverständlichkeit hin. Ja, sie murren noch und sind unzufrieden. Und wir?

Herrje, es hatte auch für sie einmal eine Zeit gegeben, zu der sie so gelebt hatte. Damals hatte sie sich nichts dabei gedacht. Es war eben ihr Leben gewesen. Sie war egoistisch gewesen, hatte immer höher hinauf gewollt, hatte sich nicht umgesehen, nur an sich gedacht. Ich schaffe es, hatte sie geglaubt, die anderen nicht. Aber ich werde es fertigbringen. Ich werde ihnen allen die Zähne zeigen! Die werden sich noch wundern!

»Hörst du mir eigentlich zu?«, fragte Elscha.

Danja zuckte zusammen.

»Was ist?«

»Woran hast du denn gedacht?«

»Ist nicht so wichtig. Hast du noch Kaffee?«

»Aber sicher!«

Elscha bediente sie und steckte sich dann eine Zigarette an.

»Du hast wieder an alte Zeiten gedacht, stimmt’s?«

»Und wenn es so wäre?«

Elscha inhalierte den Rauch tief.

»Wir waren ein ganz schön ausgeflipptes Paar, weißt du noch? Wir waren wirklich toll! Alle haben sich um uns gerissen. Wir waren wirklich wilde Mädchen. Haben die Welt aus den Angeln gehoben.«

»In den besten Bars. Die besten Kerle. Die schönsten Klamotten. Und dann die Getränke! Je raffinierter, um so toller. Nichts haben wir ausgelassen«, ergänzte Danja mit blanken Augen.

»Wir waren einfach klasse!«, sagte Elscha.

»Die Kerle lagen uns zu Füßen. Einer wollte sich mal das Leben nehmen, wenn ich ihn nicht erhöre«, erinnerte sich Danja kichernd.

»Hast du es dann getan?«

»Ach, das war doch so ein Schlappi. Weißt du, so einer, der viele Wochen in der Lauge gelegen hat. Nein, ich hab’ das Leben in vollen Zügen genossen!«

»Geld spielte keine Rolle. Wir hatten es einfach.«

»Und wie haben wir es ausgegeben! Jeden Tag rein in die Stadt und gekauft, was uns gefiel.«

»Es war wie ein Rausch.«

Plötzlich sahen sich die beiden abgewrackten Dirnen nüchtern an.

»Und wie lange hat das alles gedauert?«

»Fünf Jahre.«

»Fünf Jahre, und anschließend kam die Hölle. Nicht eine Mark hatten wir zurückgelegt. Nicht eine!«

»Herrje, man dachte eben, es bleibt immer so.«

»Eines hatten wir dabei vergessen.«

»Ja?«

»Dass man älter wird und nicht jünger. Es zeigte sich dann doch allmählich, dass der Körper dieses Leben nicht durchhält. Man wurde langsamer, mieser, träger.«

»Die verdammten Luden haben uns außerdem das Leben schwergemacht. Die haben gesaugt und gesaugt.« Elscha geriet allmählich in Wut.

Danja sah sie ruhig an.

»Bleiben wir doch ehrlich. Sicher, sie haben ganz schön abgesahnt, aber sie haben uns auch immer gewarnt.«

»Warum eigentlich? Hast du das verstanden?«

»Jetzt verstehe ich. Sie waren vom Fach, begriffen, wo es enden musste. Sie wollten uns noch länger auf dem Markt haben.«

»Also doch plündern?«

»Hör mal, wenn wir ein wenig normal bei der Stange geblieben wären, dann hätten wir unseren Schnitt machen können. Wir und die Luden. Wir hätten zehn Jahre abreißen können, in Hochform, wohlverstanden. Wir hätten Geld gehabt, und anschließend hätten wir was aufmachen können, eine Bar oder so was ähnliches.«

Elscha Möbius wollte die Wahrheit nicht hören.

»Mein Lude war ein mieses Stück«, sagte sie bitter. »Der hat mich kaputtgemacht.«

»Wirklich?«

»Ja, er hat mich auch verführt. Hast du das vergessen? Danja, hast du wirklich alles vergessen?«

»Nein, ich habe es nicht vergessen.«

Sie schwiegen.

Beide dachten daran, wie alles angefangen hatte, damals. Als sie gemeinsam aus der Kleinstadt flohen, aus dem Mief. Man hatte geglaubt zu ersticken. Die große weite Welt wollte man erleben und nicht vertrocknen. Was hatten sie für großartige Pläne gehabt!

In einer Regennacht hatten sie sich davongemacht. Sie waren sehr jung, sehr ungestüm. Sofort waren sie in den Armen zweier Kerle gelandet, die ausgerechnet Zuhälter gewesen waren. Die erkannten natürlich sofort die Qualitäten der kleinen hungrigen Mädchen. Sie waren eine Zeitlang nett zu den beiden, gaben ihnen alles, wonach die jungen Herzen lechzten. Doch eines Tages kam das Erwachen, als sie schon zu tief in den Sog geraten waren. Sie fanden es bereits gar nicht mehr so schrecklich, sich zu verkaufen. Sie wollten dieses »tolle Leben« nur beibehalten.

So zogen die vier los, die Welt zu erobern. Die beiden Mädchen brachten ihren »Beschützern« eine Menge Geld ein. Sie wurden gut gehalten und durften sogar die Hälfte der Einnahmen behalten. Immer wieder ermahnten die Luden sie, vernünftig zu leben. Aber die beiden waren aus der Bahn geschleudert worden; sie konnten einfach nicht genug bekommen. Tag für Tag glaubten sie, etwas zu verpassen. So waren sie begierig, dieses Leben in sich aufzunehmen.

Sie dachten nicht, überlegten nicht.

Danja und Elscha verkauften ihre Körper und waren wie in einem Rausch. Das rächte sich auf die Dauer. Ihre ersten Luden hatten die Mädchen schon lange verlassen. Als sie fünfundzwanzig Jahre alt waren, standen sie plötzlich auf der Straße, mittellos!

In dieser Stadt hatten die Luden ihre Mädchen ausgesetzt, ihnen je einen Schein in die Hand gedrückt, und dann waren sie verschwunden. Für immer!

Die Mädchen hatten nichts gelernt, außer mit Männern zu »schlafen«. Noch begriffen sie nicht, wie tief sie gesunken waren. Von einem Taxifahrer erfuhren sie, wohin sie sich hier wenden mussten.

»Ihr wollt dahin?«, hatte er erstaunt gefragt, denn noch war ihre Kleidung teuer und chic.

»Und?«

Er sah die Gesichter an und dachte sich sein Teil.

»Ich kann euch hinfahren.«

Selbst jetzt sparten sie nicht. Diese Fahrt kostete sehr viel Geld. Dann befanden sie sich im Strichviertel. Sie hatten gedacht: Wenn wir uns aufbauen, sind wir bald wieder gefragt. Ohne unsere Luden machen wir ja noch viel mehr Geld.

Doch die Plätze waren belegt. Es gab sofort Ärger, und man prügelte sich. Daraufhin war die Kleidung gar nicht mehr chic. Zerfetzt und zerkratzt standen sie unter einer Laterne und waren richtiggehend geschockt.

»Wir sind doch wer! Die werden sich wundern!«

»Ohne Schutz ist da nichts zu machen«, hatte Elscha gesagt.

»Ich will aber keinen Luden mehr!«

»Aber dann prügeln sie uns tot.«

Hunger machte sich bemerkbar, und sie waren in eine Kellerkneipe gegangen.

Erst hier war langsam die Ernüchterung gekommen.

Der Wirt hatte sie zu einem Zwischenhändler gebracht, der sie als Laternentülle »beschäftigte«. Das war ein tiefer Sturz, tat weh, war sehr bitter und hart. Sie krümmten sich innerlich und lehnten sich auf, doch man war unerbittlich.

»Von eurer Sorte haben wir genug! Ihr könnt sofort wieder abzischen, verstanden! Und wenn ihr noch mehr aufmuckt, verfüttern wir euch an die Fische im Hafen.«

Sie hatten den Mann angestarrt.

»Wir sind das nicht gewöhnt, wir kommen erst in Form, wenn wir einen guten Hintergrund haben. Dann sind wir klasse.«

Man hatte sie ausgelacht.

»Na, hier habt ihr auch Hintergrund. Versucht es mal mit Straßentheater. Ich bin der Letzte, der dann nicht zustimmt, dass ihr anderswo auftreten könnt. Aber erst muss ich mich von euren Qualitäten überzeugen, verstanden!«

Kleinlaut hatten sie nachgegeben, und dann hatte ein bitteres Leben begonnen.

Sehr schnell war ihnen klar gewesen: Wir kommen nie mehr nach oben. Das sagten ihnen auch die umstehenden Tüllen. »Wer einmal Straßenkatze ist, bleibt immer Straßenkatze. Man kann nur noch auf dem Müll landen.«

Es war die schlimmste Zeit ihres Lebens geworden. Besonders im Winter. Was hatte Danja alles werden wollen! Ihr Traum mit dem großen Wagen, dahin. Reich und toll wollte sie aussehen und dann heimfahren, dahin.

Bis hierher war sie gekommen. Da legte sie den Kopf auf den Tisch und weinte.

Elscha zuckte zusammen.

»Verflucht, ich brauch’ einen Schnaps! Hast du einen?«

Danja schüttelte den Kopf.

Elscha stand auf. Dieses Heulen ertrug sie nicht. Sie war ja selbst fix und fertig.

»Hör auf! Los, komm, das Frühstück war gut. Wir könnten das doch wiederholen, morgen, immer!«

Danja fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen.

»Verdammt, ich wollte nicht flennen.«

Elscha stand am Fenster und schaute in den schmutzigen Hinterhof hinunter.

»Was ist los?«

»Ich ertrag’ es nicht mehr«, flüsterte sie. »Ich pack’ es nicht.«

»Du hast also wieder geschrieben?«

Stille...

»Danja, du bist ein selten blödes Luder. Wie oft muss ich es dir noch sagen!«

»Ich will doch nur eine kleine Antwort«, schluchzte sie, »nur ein paar Zeilen. Mehr nicht. Ich hab’ mich doch die ganzen Jahre an die Abmachung gehalten. Elscha, ich bin doch kein Stück Holz!«

»Tja, meine Liebe, du weißt es, ich weiß es, aber die anderen Menschen da draußen, die nehmen sich leider das Recht heraus zu denken, wir wären Dreck, wir wären ein mieses Stück Dreck, und man brauchte keine Rücksichten zu nehmen. Wir sind für sie keine Menschen mehr.«

»Aber ich bin es!«, schrie Danja sie an.

»Sei still, Schätzchen.«

Wieder fiel der Kopf auf den Tisch. Elscha sah, wie die Haare auf den Tisch fielen. Es machte ihr nichts aus.

Sie ist ja noch viel ärmer dran, dachte die Frau am Fenster. Ich packe es ja irgendwie immer wieder. Ich weiß, wo es langgeht, mich kann nichts mehr umhauen. Aber Danja ...«

Zögernd kam sie näher. Zärtlichkeit, Liebe, so etwas kannte sie nicht. Aber sie spürte, dass Danja sie jetzt brauchte. Und sie brauchte Danja. Wenn die Freundin nicht mehr war, dann hatte sie keine Menschenseele, zu der sie gehen konnte. Wenn sie auch ganz miese Strichtüllen waren, aber eines besaßen sie: ihre Freundschaft! Alle anderen Huren waren böse und gemein zueinander, sie nicht. Sie waren Freundinnen geblieben. So manches Mal hatte sich dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit schon bewährt.

Elscha legte die Hand auf die zuckenden Schultern der Anderen. Dann kroch die Hand langsam höher, lag bald auf dem Haar und streichelte es unbeholfen.

»Hör doch auf. Sonst flenne ich auch noch«, bat sie mit spröder Stimme.

Danja saß stocksteif da. Die Hand blieb. Sie war wie Balsam für die blutende Wunde.

»Ich will nicht mehr«, hauchte sie ganz leise unter dem wirren Haar hervor.

»Komm, du hast mir doch ein Geschenk versprochen.«

Sie wollte eigentlich gar kein Geschenk, wollte Danja nur ablenken.

Langsam hob sich der Kopf.

»Du hast recht. Ich bin wirklich blöd, so zu flennen. Für nichts.«

»Du bist also wieder in Ordnung? «

»Sicher!«

»Na, prima!«

»Ich mach’ mich jetzt ein wenig zurecht, und dann ziehen wir los.«

Elscha blickte sie an.

»Willst du mir nicht sagen, was passiert ist?«

Danjas Augen flackerten.

»Wieso? Ich habe dir doch gesagt, dass ich wieder in Ordnung bin. Hatte nur einen kurzen Rappel. Jetzt geht es wieder aufwärts.«

»Komm, du kannst mir nichts vormachen, Danja. Dazu kenne ich dich viel zu gut. Du hast doch was.«

In dem verlebten Gesicht fing es an zu zucken. Sie sah erbarmungswürdig aus. Elscha dachte: Ich seh’ ja auch so aus. Oh, wie waren wir mal schön! Sie schluckte.

»Warum antwortet sie mir nicht?«, schluchzte Danja plötzlich los. »Sie soll mir nur ein paar Worte auf einer Karte schicken, mehr verlange ich doch nicht! Ist das wirklich zu viel?«

Oh, dachte Elscha. Also das ist es. Ich hätte es mir ja denken können.

»Ach, Danja, kapier das doch endlich. Nach so langer Zeit sollte man doch wirklich meinen, es wäre vorbei.«

»Ich versuche es, aber dann kommt es schließlich doch hoch. Ich kann nicht anders.«

»Du hast also wieder angerufen?«

Sie nickte wie schuldbewusst.

»Du hast noch zu viel Geld!«, schimpfte die Freundin. »Wie oft soll ich dir noch sagen, das bringt nichts! Sie wird es nicht tun!«

»Aber...«

»Fiona ist ein eiskaltes Biest!«

Danja fuhr sie wütend an: »Du warst es doch, die mir damals gesagt hat: Gib sie ihr! Dort hat sie es gut!«

»Ja, ja, ja! Das stimmt doch auch.«

»Aber wenn sie ein eiskaltes Biest ist... Verstehst du das denn nicht?«

Elscha dachte zum ersten Mal über diese Worte nach. Sie biss sich auf die Lippen.

»Ich kannte meine Schwester Fiona. Ich kenne sie sehr gut! O ja! Sie war immer Mamas Liebling. Sie durfte immer alles. Sie war der Hauptgrund, dass ich loszog, um was zu werden, Fiona hat sich nie geändert, Elscha.«

Die Freundin sagte nichts.

»Und dort ist Bille! Verstehst du eigentlich, was du ihr damit angetan hast?«

Danja sprang auf.

»Bille! Wenn ich nur daran denke, dass ...« Leise begann sie zu weinen.

Elscha sagte hastig: »Hör mal! Das hab’ ich doch nur so gesagt, eiskalt und so. Ich meine doch nur, dass Fiona weiß, was für Bille richtig ist. Sie will einfach nicht, dass sie zerrissen wird. Das ist es. Kapier doch endlich! Was soll sie ihr denn sagen?«

»Ich will doch nur wissen, wie es ihr geht. Mehr nicht! Ich will nur wissen, was sie macht.«

Elscha sah die Freundin lange an.

»Du hast es also niemals überwunden?« Das war eigentlich eine Feststellung, weniger eine Frage.

»Das hat mich endgültig zerbrochen.«

»Aber damals warst du doch sehr zufrieden. Ich höre noch deine Worte: In ein Heim soll sie nicht, in eine Familie, ja. Das ist besser für sie. Sie soll nicht unter diesem Leben leiden. Bille soll es gut haben.«

»Ja, ja! Aber ganz tief drinnen wollte ich eigentlich, dass man mir widerspricht!«

Elscha war fassungslos.

»Was denn? Nach so langer Zeit denkst du das plötzlich?«

»Nach langer Zeit?«

»Sie muss jetzt bald achtzehn sein!«

Danja erhob sich.

»Achtzehn, genauso alt war ich, als ich seinerzeit fortging.«

»Warum also jetzt weinen? Es geht nicht. Versteh das doch endlich. Du kannst die Uhr nicht mehr zurückdrehen. Lass ihr den Frieden. Du bist eine Hure, warst es immer. Das Kind hätte schrecklich darunter gelitten, hier aufwachsen zu müssen.«

»Vielleicht wäre ein Heim doch besser für sie gewesen. Ich hätte sie ganz sicher auch besucht. All die Jahre hindurch, jeden Sonntag. Und dann hätten wir auch gemeinsam Ferien gemacht.«

Elscha lachte ärgerlich auf.

»Das glaubst du doch selber nicht, Danja! Kannst du mir mal sagen, wovon du das Heim bezahlen wolltest!«

»Damals hatten wir Geld genug. Fiona hat ja all die Jahre auch Geld von mir bekommen. Wäre Bille in meiner Nähe geblieben, dann hätte ich sicher gespart. Ich wäre anders geworden.«

»Du hast kein Kind mehr, Danja!«

Die Freundin ließ den Kopf hängen.

»Aber es ist mein Fleisch und Blut. Ich will doch nur ...«

Elscha legte den Arm um die Schultern der Freundin.

»Komm, wir wollen doch in die Stadt. Raff dich auf!«

»Ja«, sagte die Dirne leise.

 

 

2

Elscha war froh. Endlich hatte sie es geschafft, Danja aus ihrer kleinen Wohnung zu lotsen. In der Innenstadt sahen sie all die Herrlichkeiten und konnten die Kauflust anderer Menschen beobachten. Sie selbst hatten kaum Scheine in der Tasche.

»Ich werde dir einen Schal kaufen«, sagte Danja.

Es war ein billiger Schal, durchsichtig und dünnfaserig, fast weiß.

Elscha lächelte.

»Das ist ein feiner Schal. Ich werde ihn heute bei der Arbeit tragen.«

»Du freust dich?«

»Oh, Danja, das ist das einzige Geburtstagsgeschenk, das ich bekommen habe.«

»Ach, so wenig!«

Sie nahm ihren Arm.

»Komm, gehen wir noch ein wenig in den Anlagen und träumen in der Sonne.«

»Wir könnten am Sonntag mal wieder ans Meer fahren. Was hältst du davon?«

»Na klar, das machen wir!«, sagte Elscha begeistert, obwohl beide wussten, dass sie es nicht tun würden.

Die Zeit rann dahin, und bald mussten sie sich schon wieder auf die Socken machen. Der »Dienst« wartete.

»Treffen wir uns nachher?«

»Das tun wir doch immer.«

Als Danja Koch vor ihrer Wohnung ankam, stand ihr Zuhälter schon auf der Straße. Jobst hatte eiskalte Augen, und sie fuhr unwillkürlich zusammen.

»Ich dachte schon, du hättest dich verkrümelt!«

»Ich war mit Elscha in der Stadt.«

Er grinste böse.

»Ach, dazu habt ihr also noch Geld?«

Sie machte sich klein und dünn.

»Sie hat doch heute Geburtstag, Jobst. Nur deswegen.«

»Das stört mich nicht. Ich will dir nur noch einmal eines klarmachen: Wenn heute dein Soll nicht stimmt, dann kriegst du eine Weihe, verstanden!«

»Weihe?«, keuchte sie fassungslos. »Aber Jobst, du hast doch ...«

»Ich habe dich lange genug gewarnt!«

Weihe, das hieß bei ihnen, dass mehrere Luden sich zusammentaten, das Mädchen in einen nahen Wald schleppten und es dann ein wenig »bearbeiteten«. Anschließend konnte es dann nicht mehr allzu viel mit seinem Leben anfangen. Jede Dirne wusste das.

Den Luden störte es ganz und gar nicht, wenn seine »Ware« dabei verschandelt wurde; es war zugleich als Abschreckung für die anderen Mädchen gedacht. Man nahm in der Regel ohnehin nur ein Mädchen, das sowieso schon am Ende war. Also schlug man zwei Fliegen mit einer Klappe. Ein Platz war frei und die anderen Mädchen waren viele Wochen lang sehr brav, und man konnte dann die Daumenschrauben noch ein wenig fester anziehen.

»Dein Soll ist wirklich nicht hoch!«

Danja dachte: Dreihundert Mark auf einem Straßenstrich sind eine Menge Geld. Da muss ich sehr viele Kunden bekommen.

»Hast du mich verstanden?«

Sie nickte.

»Morgen hole ich das Geld!«

Sie schlich ins Haus. Wieder stand sie vor ihrem Spiegel. So sollte sie Kunden aufreißen? Sie erschrak ja selbst vor diesem Gesicht. Dann wusch sie sich, legte Creme auf und zog sich um. Die Kleidung, die sie hatte, war auch nur das Letzte. Die jungen Dinger auf dem Straßenstrich waren nun mal gefragt, damit musste sie sich abfinden. Als sie jung war, hatte sie sich über die alten Fregatten köstlich amüsiert und sie gehänselt. Und jetzt, jetzt war sie selbst so eine!

Pünktlich stand sie an der Ecke, trotz Puder und Schminke leichenblass.

Elscha sah sie fragend an, als sie zu ihr stieß.

»Er hat mir die Weihe versprochen«, berichtete Danja stockend.

Elscha zuckte zusammen.

»Dieses Schwein!«, sagte sie wütend.

»Ich muss mein Soll erfüllen«, flüsterte Danja.

»Ich würde dir ja helfen. Aber ich hab’ keine müde Mark übrig.«

»Du bist doch selbst ein armes Luder. Nein, lass mal, ich schaff es schon irgendwie.«

Bald hatten die beiden das Viertel erreicht. Die anderen Mädchen hatten sich schon aufgebaut. Die beiden mussten ganz unten stehen. Sie wurden von den Jüngeren gemieden, denn sie hielten sich für was Besseres.

Die Männer kamen und gingen. Es waren miese Kunden darunter, der letzte Dreck sozusagen. Aber sie mussten sie annehmen, ob betrunken oder pervers. Sie hatten keine Wahl. Und auch dann mussten sie noch zusehen, dass sie genug bekamen. Mit dreihundert Mark war es ja nicht getan. Die mussten sie dem Luden geben; erst dann durften sie für sich selbst anschaffen. Das hieß, für Miete und Kost. Oft hatten sie Schulden und kamen nie mehr auf einen grünen Zweig.

Elscha steckte sich eine Zigarette an und sah in den nachtschwarzen Himmel hinauf.

»Manchmal frage ich mich, ob wir wohl bestraft werden, wenn wir abhauen.«

Danja blickte sie erregt an.

»Du willst fort? Wohin denn? Für uns ist doch die Welt mit Brettern zugenagelt!«

»Ich meine doch, Selbstmord.«

Danja starrte die Freundin an, doch die lächelte nur dünn.

»Das wär’ doch was, ihnen zu entwischen, wie? Und vielleicht könnte man die Sache so hindrehen, dass es wie Mord aussieht. Dann müssten sie für etwas büßen, das sie gar nicht getan haben. Ach, schon der Gedanke macht mich heiß. Endlich mal wieder lachen können!«

»Mach keinen Ärger, Elscha!«

Dann kam ein Kunde, und Elscha war fort. In der Zwischenzeit hatte Danja zwei Kunden. Zwanzig Mark war jeder bereit zu bezahlen für einen »auf die Schnelle«. Sie waren selbst arme Kerle, Ausländer, die jeden Pfennig sparen mussten, um ihn heimschicken zu können. Aber ohne Frau kann ein Mann nun einmal nicht leben.

Vierzig Mark hatte Danja nun in ihrer Tasche. Und sie hatte Hunger!

Die Stunden verstrichen. Würde sie den Rest zusammenbekommen? Wohl kaum!

Dann kam eine schwarze Limousine, blitzblank und sehr lang. Danja baute sich gar nicht auf. Aus Erfahrung wusste sie, dass dieser Wagen sich nur verfahren hatte. Solche Leute gingen zu den teuren Eros-Centern. Unten konnten sie wenden und würden dann noch einmal vorbeirauschen. Man konnte noch nicht mal ins Wageninnere schauen, so schnell fuhren sie.

Doch dieses Auto blieb stehen...

Danja sah den schwarzen Lack glänzen und schluckte. Vor einer Ewigkeit hatte sie auch ein schwarzes Auto besessen. Zwar keinen so großen Schlitten, aber immerhin...

Ein Fenster wurde heruntergekurbelt. Fahrer mit Mütze!

»Komm näher!«, verlangte er.

Danja drehte sich um. Sie war fest überzeugt, dass jemand anders verlangt wurde. Aber da stand niemand.

»Komm!«

Hölzern stelzte sie näher. Sie hatte einen trockenen Mund.

»Ja?«, fragte sie unsicher.

»Machst du alles?«

Sie nickte.

»Steig ein!«

Danja stand immer noch und starrte den Chauffeur an.

»Los, komm schon! Ich bringe dich auch wieder zurück.«

»Was heißt das?«

»Du kannst dir ein paar Scheine verdienen. Aber nicht hier auf der Straße.«

Plötzlich hatte sie Angst. Waren das vielleicht schon die Luden?

»Nein, ich will nicht!«

Eine schmale Hand schob den schwarzen Vorhang zur Seite.

»Steig ein, Danja!«

Man kannte ihren Namen.

»Wer sind Sie?«, fragte Danja.

»Hab keine Angst. Komm nur.«

Sie musste einsteigen. Irgendetwas zwang sie. Gleich darauf saß sie im Wagen und dachte: Wenn doch Elscha das gesehen hätte, dann wäre mir wohler. Aber sie kann noch gar nicht zurück sein.

Lautlos glitt der Wagen an den übrigen Tüllen vorüber. Es war beinahe gespenstisch, wie man zwar von innen nach außen, aber nicht von außen nach innen sehen konnte. Die Straße, das Viertel blieben zurück.

Der Mann saß hinten und rührte sich nicht. Danja wagte nicht zu atmen. Sie dachte: Wenn sie in einen Wald einbiegen, springe ich während der Fahrt hinaus. Lieber ein paar kaputte Knochen als Säure im Gesicht.

Ein großes Tor öffnete sich wie von Geisterhand. Ein Kiesweg. Danja dachte, vielleicht bin ich verrückt, aber ich habe das Gefühl, das alles zu kennen. Dann erblickte sie das schneeweiße Haus. Die Wagentür öffnete sich, und der Mann stieg aus. Sie konnte sein Gesicht immer noch nicht sehen. Danja ging ins Haus und wurde in den Keller geführt.

Der Chauffeur war verschwunden. Oben fiel leise eine Tür ins Schloss.

»Erinnerst du dich?«

Sie sah den Pfahl, die Ketten ...

Ganz langsam drehte sie sich um. Der Mann hatte den schwarzen Umhang abgelegt. Jetzt erkannte sie ihn wieder. Vor langer Zeit, als sie noch die strahlende Danja gewesen war, war er ihr Lieblingskunde gewesen. Sie hatten herrliche Zeiten auf seiner Jacht verbracht.

»Wir sind beide alt geworden, Danja!«

Sie lachte kehlig.

»Willst du dich amüsieren, oder warum hast du mich geholt?«

»Weil ich dich brauche.«

Danja wurde fast böse.

»Du hast dir mächtig viel Zeit gelassen.«

»Liest du keine Zeitungen?«

»Nein.«

»Ich war zehn Jahre außerhalb des Landes.«

»Das wusste ich nicht.«

»Nun, jetzt bin ich alt und krank und nicht mehr gefährlich. Meine Familie lässt mir meinen Frieden.«

»Was soll ich hier?»

»Nur du hast gewusst, wie ich wirklich bin und was ich wirklich brauche. Ich habe es mit so vielen versucht, aber es hat nicht geklappt.«

Danja sah ihn unterwürfig an.

»Bist du blind? Siehst du nicht, was aus mir geworden ist?«

Der Mann sah sie ernst an.

»Natürlich tut es mir leid. Wenn ich gewusst hätte, dass es so schnell mit dir bergab geht, hätte ich vielleicht doch ...«

Die Dirne sah ihn mit großen Augen an.

»Was hättest du dann?«

»Dich nachkommen lassen.«

Sie lachte heiser auf, denn sie erinnerte sich noch sehr gut an jene Zeit, als er aus ihrem Leben verschwand. Sie hatten noch eine rauschende Party gefeiert. Drei Tage und drei Nächte lang! Damals hatte sie noch wie eine Göttin gelebt. Sie hätte ihn nur ausgelacht, wenn er ihr den Vorschlag gemacht hätte, mitzukommen. Nur weil er abartig veranlagt war, hatte die Familie ihn hier nicht mehr haben wollen. Seine Söhne sollten nichts davon erfahren. Und jetzt musste sie feststellen, dass hier im Keller alles noch so war wie einst.

Der Mann schien ihre Gedanken zu erraten. Er lächelte dünn. »Damals habe ich den anderen gesagt, wenn sie das verändern, würde ich es öffentlich tun.«

»Da haben sie wohl den Eingang zugemauert, wie?«

»Ja.«

Er kicherte.

»Jetzt denken sie, ich wäre zu alt, verstehst du? Zu Andenkenzwecken haben sie es mir geöffnet.«

»Wo sind sie heute?«

»Irgendwo auf einem Empfang. Wir haben also sehr viel Zeit, Danja!«

Sie sah den ausgemergelten Mann an, dann die Folterinstrumente, die Streckbank und alles andere, was er sich seinerzeit hatte anfertigen lassen. Er würde es nicht überleben. Das war heller Wahnsinn. Sie wollte es nicht tun.

»Komm, Danja, wie in alten Zeiten«, lockte er. »Du weißt doch noch? Alles genau der Reihe nach. Wie oft habe ich von dir geträumt. «

»Ich habe keine Zeit«, gurgelte sie leise. »Ehrlich, ich würde es ja tun, aber ich kann doch nicht. Wirklich nicht. Ich muss zurück, muss mein Soll bringen. Sonst hab’ ich morgen schrecklichen Ärger.«

Er lachte leise auf.

»Natürlich, Mädchen. Das habe ich ja ganz vergessen. Du sollst es doch nicht umsonst tun. Hier!«

Er hielt ihr einen Tausender hin!

Danja starrte den Schein an.

So viel Geld auf einmal hatte sie schon ewig lange nicht mehr in Händen gehalten. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie würde für eine Zeitlang ausgesorgt haben. Sie bekäme nicht die »Weihe«, könnte wieder aufatmen.

»Nun nimm doch endlich das Geld. Bitte!«

Alles drehte sich vor ihren Augen. Das Schicksal hatte es noch einmal gut mit ihr gemeint. Ihre Hände krallten sich um den braunen Schein.

»Komm schon!«

Ich tu’ ihm ja nur einen Gefallen, dachte sie verzweifelt. Er freut sich wie ein Junge darauf. Ich muss es nur ganz vorsichtig machen, gut dosieren.

»Los!«, kommandierte er.

Und sie begann.

Seine Schreie gellten durch den Keller; er war entrückt. Sie brauchte wirklich nicht viel zu tun, bis er am Ende war. Noch einmal waren seine Sinne auf ihre Kosten gekommen. Er weinte vor Freude.

»Du bist wunderbar, Danja!«

Sie lächelte.

»Kann ich jetzt gehen?«

Sie half ihm, die Treppe nach oben zu steigen. »Ja«, sagte er leise.

»Ich werde nichts erzählen. Du kannst dich auf mich verlassen.«

»Danja, das weiß ich doch.«

Kurz darauf stand sie draußen. Der Wagen brachte sie zum Strich zurück. Elscha riss die Augen auf, als sie das tolle Gefährt sah, und dann Danja, die ausstieg, lächelte und zur Freundin unter der Laterne zurückging. Der Wagen verschwand.

»Mann, und ich dachte schon, man hätte dich kassiert.«

Danja lächelte.

»Du bist lange fortgewesen.«

»Ja.«

»Wer war das?«

»Ein alter Kunde, von damals.«

»Hast du dein Soll beisammen?«

»Ja!«

»Dann können wir ja abziehen.«

In der Kneipe an der Ecke wechselte sie den großen Schein. Wenn ihr Lude sähe, wie viel Geld sie besaß, würde er es ihr sofort abnehmen.

»Ich hab’ es auch wieder mal geschafft. Wenn es kälter wird, weiß ich nicht, was werden soll«, sagte Elscha seufzend. »Meine Knochen halten das nicht mehr lange durch.«

Danja sagte: »Bis dahin vergehen noch ein paar Monate. Vielleicht haben wir dann noch mehr Glück?«

Sie dachte an den reichen Freund. Vielleicht kam er jetzt regelmäßig? Vielleicht konnte sie ihm noch mehr abluchsen? Vielleicht.

»Bis morgen!«

Sie ging allein weiter. Vor der Haustür stand ihr Zuhälter.

Wortlos gab sie ihm die Scheine, die er verlangt hatte. Er sah sie scharf an. Jobst war fest davon überzeugt gewesen, dass sie das Soll nicht schaffen würde. Er hatte bereits neue »Ware« im Hintergrund, die er aufbauen wollte.

»Da staunst du, was?«

»Na, hoffentlich hält es an«, sagte er kalt, nahm das Geld und verschwand.

 

 

3

Die beiden Mädchen befanden sich auf dem Heimweg: die hübsche dunkelhaarige Bille und ihre Freundin Henrike. Sie waren schon lange zusammen, seit der Kindergartenzeit. Bille war auch viel bei Henrikes Eltern. Heute war Billes Gesicht sehr düster.

»Ich halte es bald nicht mehr aus«, sagte sie mürrisch. »Ich kann machen, was ich will, ich bekomme immer nur ein Nein zu hören. Ich hasse sie!«

Ihre Freundin zuckte zusammen.

»Du bist wohl...«

»Du weißt doch auch, wie sie sind. Henrike, ich halte es einfach nicht mehr aus! Das sind doch nur noch meine Bewacher. Ich mache ihnen doch nichts recht! Immer mäkeln sie nur an mir herum.«

Henrike sah die Freundin erschrocken an.

»So schlimm ist es jetzt geworden?«

»Ja.«

Die Freundin kannte Billes Eltern sehr gut. Sie fühlte sich dort auch nicht wohl. Alles ging kalt zu, unpersönlich und perfekt. Alles musste staubfrei sein, alles nach außen »schön und anständig«. »Was sollen denn die Leute sagen ...« Selbst Henrike hörte diesen Satz oft. Dabei wollten sie doch nur ein wenig fröhlich und ausgelassen sein. Sie waren doch jung. Bille wurde in zwei Monaten achtzehn Jahre alt. Das Leben lag vor ihnen, voller Sonne und Hoffnungen.

»Was war es denn schon wieder?«

Bille blieb stehen.

»Du wirst es nicht glauben, aber diesmal musste ein unschuldiger Büstenhalter dran glauben.«

»Waaas?«

»Und er war so süß und schick. Er passte ausgezeichnet zu meiner neuen Bluse. Ich hab’ ihn mir von meinem Taschengeld gekauft und war unheimlich froh, dass ich ihn so billig bekam. Und jetzt ist er futsch.«

»Futsch?«

»Ja, sie hat ihn zerschnitten. Erst hat sie wütend herumgeschrien, dann hat sie ihn von der Leine gerissen, ihn zerschnitten und in den Müll geworfen. Ich hab’ sie noch nie so wild gesehen. Ehrlich, für einen Augenblick hab’ ich gedacht, sie schnappt über. Ich konnte nichts tun. Ich kapier’ das einfach nicht. So ist sie noch nie ausgeflippt.«

Henrike wusste, dass Bille niemals »Mutter« sagte.

»Komisch, warum das denn?«

»Vielleicht hätte ich ihn nicht draußen aufhängen sollen. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn heimlich gewaschen und in meinem Zimmer getrocknet. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Wirklich, Henrike, ich weiß bis jetzt noch nicht, warum sie so ausgeflippt ist.«

»Was war das denn für ein ungeheures Ding?«

»Der schwarze mit den süßen Spitzen und dem kleinen goldenen Schmetterling. Erinnerst du dich nicht? Er war doch im Ausverkauf so günstig, und er passte mir so gut. Du hast ihn doch auch anprobiert. Du warst doch auch scharf drauf.«

Tatsächlich erinnerte sich die Freundin wieder.

»Deshalb so einen Stunk?«

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930047
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493493
Schlagworte
redlight street endlich

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #42: Endlich wieder frei