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Guter Service – einschließlich Mord: N. Y. D. – New York Detectives

2019 120 Seiten

Leseprobe

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Guter Service – einschließlich Mord: N. Y. D. – New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Guter Service – einschließlich Mord: N. Y. D. – New York Detectives

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Ein schwieriger Auftrag führt den Privatdetektiv Bount Reiniger nach Alaska, wo Abenteuerurlauber getötet werden. Gleichzeitig versucht seine Assitentin June March in New York, diesen Fall von einer anderen Seite aufzurollen, denn die Auftraggeber für die Morde sitzen hier. Doch dann wird ausgerechnet sie als betrügerische Prostituierte festgenommen, und es gibt vorerst niemanden, der ihre wahre Identität beweisen kann.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Daryl Thomas – die Witwe beauftragt Bount Reiniger, den Tod ihres Mannes aufzuklären.

Lewis Hirschfeld, Isaac Rainwater, Emerson B. Gruff – sind alle drei gestresst und buchen einen Abenteuer-Urlaub.

Liam O’Keeffe – der Hinterwäldler aus Alaska betätigt sich als Voyeur, verfolgt aber noch andere üble Ziele.

Gus McMahon – der Ire hat ein Syndikat aufgebaut, das allerlei Dinge betreibt, nur keine sauberen.

Damien Fresson – er und seine Sippe leben wie Wölfe und kennen nur das Gesetz der Gewalt.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen. Diesmal wird sie der Prostitution beschuldigt und soll ihren Freier ausgeplündert haben.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

 

 

 

 

1

Sanfte Instrumentalmusik rieselte aus den Boxen, die irgendwo in der Deckenkonstruktion verborgen waren, und versickerte in dem weichen hellbraunen Teppichboden. June March entschied sich für zwei von diesen duftigen bunten Sommerkleidchen, warf sie über den Arm und steuerte auf die Umkleidekabinen zu. Blicke folgten der rassigen blonden Frau. Die langen Beine unter dem glockig schwingenden Rock gaben ihrem Gang etwas Majestätisches. „Marcia’s“ an der Fifth Avenue war eine Boutique, in der neben Singles auch Familienväter mit Frauen und Töchtern aufkreuzten.

June bemerkte ein paar von diesen Familienväter blicken noch, als sie den Vorhang der Kabine hinter sich zuzog.

Sie hängte ihre Handtasche und die Kleider an die Haken neben dem Spiegel und streifte ihre Sachen ab. Nur noch in Slip und BH, griff sie nach dem ersten der blumigen Fummel und zog das Kleid über.

Ein Gesicht war plötzlich da, als sie den Kopf hob und den leichten Stoff an ihrem Körper abwärts fließen ließ.

Das Gesicht grinste sie aus dem Spiegel an.

June überwand ihren Schreck schneller, als der Kerl erwartet hatte. Sein Grinsen zerfaserte unter dem schwarzen Kraushaar, das die obere Hälfte seiner kantigen Kopfform umrahmte.

June tauchte blitzartig nach unten weg. Noch im selben Moment kreiselte sie herum. Die zupackenden Fäuste des Mannes fuhren ins Leere. Irgendwie hatte er es geschafft, sich in die Lagerräume hinter den Kabinen zu schleichen. June trieb ihn mit ihren Fäusten aus dem Vorhangspalt weg.

Einen Sekundenbruchteil lang sah sie seine ungläubig aufgerissenen Augen unmittelbar vor sich. Dunkle Augen. Er gurgelte, wollte der Energie der Hiebe in die Magengrube Folge leisten und zusammenklappen. Bevor er soweit war, stieß Bount Reinigers Assistentin im Hochschnellen ihr rechtes Knie vor.

Sie traf auf den Punkt.

Der Mann brüllte wie ein Stier. Erst jetzt sah sie, dass er eine fransenbesetzte Lederjacke trug. Entweder gehörte er einem Club an, dessen Mitglieder in der Freizeit Trapper spielten, oder er hatte sich tatsächlich aus einem finsteren Wald in den Rocky Mountains nach New York verirrt.

Im Augenblick sah er allerdings aus, als suchte er schreiend den Schutz des Mutterleibs. Er krümmte sich wie ein mit Fransen und Haaren bepelzter Riesenwurm und wankte dabei mit schnellen kleinen Schritten rückwärts.

June verzichtete darauf, in der Dunkelheit hinter der Stoffabtrennung nach ihm zu forschen. So heiterkeitserregend er im Augenblick auch aussehen mochte, ließ sie sich doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er mehr als nur ein Voyeur war, dem die Sicherung durchgebrannt sein musste.

Sie hörte ihn polternd zu Boden stürzen.

Sie raffte ihre Sachen zusammen und verließ die Kabine in höchster Eile. Alle starrten sie an. Wäre sie splitternackt aufgetaucht, da war sie sicher, hätte sie weit weniger Aufmerksamkeit erregt. Sie überzeugte eine fassungslose Verkäuferin, dass es richtig war, ihre Kreditkarte anzunehmen und die Sachen, die sie über dem Arm trug, in eine Tragetasche zu stopfen. Im Hinauslaufen versprach sie, ihre Karte am nächsten Tag wieder abzuholen.

Eine längere Auseinandersetzung mit dem Hinterwäldler, das war ihr klar, stand sie nicht durch. Letzten Endes war sie trotz hervorragender Nahkampfausbildung schwächer als der Kerl. Bevor etwa die Cops eingetroffen wären, konnte der Kraushaarige schon alles mögliche mit ihr angestellt haben.

Er hatte sein Gebrüll eingestellt, als sie ins Freie stürmte. Ihr Wagen parkte an der Ecke East 52nd Street, nur ein Dutzend Schritte entfernt. Sie bahnte sich ihren Weg durch die Fußgängerscharen, murmelte unablässig Entschuldigungen und erreichte aufatmend den weißen Camaro.

Sie schloss auf, warf die Tasche auf den Beifahrersitz und ließ sich hinter das Lenkrad fallen. Als sie die Tür zuzog und den Zündschlüssel nach rechts drehte, entdeckte sie auf dem Bürgersteig noch immer keine Trapperjacke.

Sie jagte los.

Zwei Blocks weiter zog sie den Camaro aus der Überholspur nach rechts und reihte sich in den langsamer fließenden Verkehr ein. An der Kreuzung 56th Street bog sie nach links ab und fuhr durch bis zum Broadway. Zwei Minuten später erreichte sie den Columbus Circle. Sie fuhr zweimal im Kreis, bevor sie in den weiter nach Norden verlaufenden Teil des Broadways einbog.

Ihr fiel ein Taxi auf, das bei den Pferdekutschen angehalten hatte, die am Südwesteingang des Central Parks auf Fahrgäste warteten. Das Taxi rollte in dem Moment an, in dem sie m den Broadway eingebogen war.

Unmittelbar oberhalb des Lincoln Center bog sie nach links ab und sofort darauf erneut nach links, in die Amsterdam Avenue.

Das Taxi war hinter ihr. Eines dieser klobigen Ungetüme vom Typ Checker, von denen es immer weniger gab, da sie nicht mehr hergestellt wurden.

Das Lincoln Center blieb zurück, gleich darauf der Gebäudekomplex des Fordham College. June erblickte das Roosevelt Hospital, das zwischen Columbus und Amsterdam Avenue einen ganzen Block einnimmt. Ihr Gedanke reifte, und sie setzte ihn sofort in die Tat um.

Zügig lenkte sie den Camaro in die erste Einfahrt zu einem Besucherparkplatz, die sie erblickte. Die Parkbuchten, von Platanen und Ziersträuchern beschattet, waren mit Blech, Chrom und Kunststoff vollgestopft. June stellte den weißen Renner auf einem Platz ab, der mit einem Schild in Lenkradhöhe gekennzeichnet war: Reserviert für Dr. R. J. Gordon.

Sie schwang sich ins Freie, nahm nichts mit und schloss den Wagen ab. Dann lief sie auf den Besuchereingang zu und gab ihre Wagenschlüssel beim Pförtner ab. Den Protest des Mannes, dass sie trotzdem nicht auf einem reservierten Platz parken dürfte, überhörte sie. Sie eilte in den weitläufigen Korridor, in dem es erstaunlicherweise nicht nach Desinfektionsmittel roch. Schwestern waren auf quietschenden Gummisohlen unterwegs, alle Besucher schon in den Krankenzimmern untergetaucht.

June nahm den Fahrstuhl bis in den dritten Stock, wo sich die urologische Station befand. Nach kurzem Suchen fand sie eine Korridornische, die ein Fenster zur Westseite des Gebäudeteils hatte. Sie näherte sich dem Fenster nur so weit, dass sie einen Blick auf den Parkplatz werfen konnte.

Der gelbe Checker stand klotzig an der Südseite der asphaltierten Fläche. Der Krauskopf hatte sich die einfachste Methode ausgesucht. Er wartete ab. Die Logik, dass die Mitarbeiterin des Privatdetektivs Bount Reiniger irgendwann zu ihrem Wagen zurückkehren musste, hatte klare Schwachpunkte.

Andererseits hatte der Kerl aus der Boutique aber auch keine Chance, June im Labyrinth der Hospitaletagen aufzuspüren. Insofern tat er, was aus seiner Sicht sogar noch das Vernünftigste war.

June benutzte verschiedene Verbindungsgänge zwischen den Gebäudetrakten und verließ das Hospital durch den Hauptausgang der Unfallchirurgie, schon nahe der Ecke Columbus Avenue. Sie winkte eines der Taxis herbei, die im Schritttempo auf Kundschaft lauerten, und ließ sich zur West 86th Street fahren.

Im Erdgeschoss des Hauses mit der Nummer 118 benutzte sie einen Telefonautomaten und rief »Handyman« an, einen Dienstleistungsbetrieb, der rund um die Uhr für Privatleute da war – vom Blumengießen bis zum Hundeausführen wurde alles erledigt.

June bat die Angestellte in der Vermittlung von »Handyman«, ihren Camaro in etwa einer Stunde vom Hospitalparkplatz abholen zu lassen. Der Fahrer solle sich in der West 86th Street eine Vollmacht von ihr holen und den Camaro dann eine Weile durch die Gegend fahren, bis er sicher war, dass er nicht verfolgt wurde. Dann solle er den Wagen in der Nähe von Nummer 118 an der 86th abstellen und Papiere und Schlüssel in den Hausbriefkasten von Mrs. Daryl Thomas werfen.

June holte sich per Knopfdruck einen Lift ins Erdgeschoss und fuhr bis in den achten Stock, wo Daryl wohnte.

Daryl war Bount Reinigers Auftraggeberin.

June hatte jedoch nicht vor, ihr etwas von der beunruhigenden Tatsache zu erzählen, dass sie sich vorläufig weder in ihre eigene Wohnung noch in Bounts Büro an der 54th Street traute. Daryl war dankbar, wenn ihr jemand Gesellschaft leistete. Denn mehr als alles andere setzte ihr in diesen bitteren Tagen die Einsamkeit zu.

 

 

2

Mächtige Hemlock-Tannen säumten die Schotterstraße. Freundliche Sonnenstrahlen vermittelten ein Bild, das nur für den kurzen Sommer Wirklichkeit war. Die Weite des Landes südwestlich von Fairbanks bewahrte jedoch auch jetzt ihre Wildheit.

Dem Grünen und Blühen haftete mehr als irgendwo sonst der Hauch des Vergänglichen an. Vielleicht lag es an den schneebedeckten Gipfeln, die den Horizont begrenzten und ständig daran erinnerten, dass dieses Land während der meisten Zeit des Jahres unter Schnee und in klirrender Kälte begraben war.

Alaska.

Unter den breiten Geländereifen der Off-Road-Fahrzeuge knirschte der Schotter. Staub wurde aufgewirbelt, und immer wieder knallten von den Reifen hochgerissene Steine gegen das Karosserieblech. Die Fahrer achteten darauf, genügend Abstand zu halten, damit die Windschutzscheiben nicht zertrümmert wurden.

Die vier schweren Wagen vom Typ Jeep Wagoneer waren vollgepackt wie Lastenesel. Die Achtzylindermotoren, 164 PS stark, dröhnten zwischen den Baumreihen, die die Straße als Gasse erscheinen ließen.

Auf den Dächern der beiden ersten Fahrzeuge waren große Kanus festgezurrt, die weit über Motorhaube und Wagenheck hinausreichten. Kisten, Aluminiumbehälter, Säcke mit derber Zeltplane, Kunststofffässer, Kanister und wasserdichte Container verschiedener Formate beanspruchten jeden Quadratinch Ladefläche auf und in den Geländewagen.

Die leicht abschüssige Straße beschrieb eine langgezogene Rechtskurve. Unmittelbar dahinter lichtete sich der Wald auf der linken Seite und gab den Blick auf ein freies Geländestück am Fluss frei. Die Fläche war mit dem gleichen Schotter befestigt wie die Straße.

Die Wagoneers rollten aus und fuhren fächerförmig nebeneinander auf, die Motorhauben zum Wasser gerichtet. Die Achtzylinder verstummten, und nur noch das Rauschen des Flusses war zu hören.

Steifbeinig stiegen die Männer aus. Während die Fahrer sofort mit dem Abladen begannen, gingen Bount Reiniger und die drei anderen zum Ufer hinunter. Sie blieben stehen und blickten auf das gut dreißig Yards breite Flussbett, dessen felsiger Grund durch die kristallklaren Fluten zu erkennen war.

Sie waren am Ziel und zugleich am Ausgangspunkt einer Reise, die sich mit nichts vergleichen ließ, was sie jemals erlebt hatten – so jedenfalls hatte es die Werbung der Reiseagentur verkündet.

Sie befanden sich gut 300 Meilen westlich von Fairbanks, mitten in der Wildnis. Von New York nach Fairbanks waren sie mit einer Boeing geflogen, einer Chartermaschine, in der die Agentur vier freie Plätze für sie belegt hatte.

Bount und seine drei Mitstreiter waren von kehlig sprechenden Männern umgeben gewesen, die alle ihre Midlife Crisis schon hinter sich hatten und sich wie kleine Jungen darauf freuten, in Alaska Bären oder Wölfe oder sonstiges Viehzeug schießen zu können. Einer, der leidlich Englisch sprach, hatte Bount erklärt, dass die ganze Gesellschaft aus Deutschland stammte und in ihrer harten Währung für das Jagdvergnügen unter dem Polarkreis gezahlt hatte.

Eine zweimotorige Cessna hatte die vier Männer von Fairbanks nach Nenana geschaukelt, und dort waren sie in die Geländewagen umgestiegen, die fertig ausgerüstet bereitstanden.

Mr. Rory Clayburne von der Reiseagentur »Travelair« in Manhattan, New York, war ein Organisationstalent. Bis jetzt sah es ganz so aus, als verstehe er sein Handwerk.

Sie standen am Fork River, einem Nebenfluss des Nenana River.

Hundert Meilen würden sie in den Kanus zurücklegen – bis sie wieder in Nenana City anlangten, wo sie mit der Cessna gestartet waren.

Lewis Hirschfeld brach das Schweigen. »Gibt’s hier Lachse?« Er beugte sich vor, um genauer hinzusehen.

»Frag die Grizzlys«, riet Isaac Rainwater. »Die kennen sich da am besten aus.«

Bount Reiniger sah seine Reisepartner lächelnd an. »Unnötige Mühe, Gentlemen. Für die Lachse sind wir mindestens sechs Wochen zu spät dran. Natürlich hat keiner von euch Zeit gehabt, ein paar Facts über Alaska nachzulesen, bevor es losging.«

Sie wandten sich zu ihm um.

»Zu was haben wir einen privaten Ermittler bei uns!«, rief Emerson B. Gruff und grinste. »Dass du über alles Bescheid weißt, war uns von vornherein klar. Viermal die gleiche Mühe wäre dreimal Mühe zu viel.«

»Interessante Theorie«, entgegnete Bount spöttisch. »Ich stelle mir gerade vor, welche Heerscharen von Schulkindern ihre geistige Energie verschwenden.«

»Wieso denn das?« Gruff runzelte die Stirn.

»Weil sie alle das gleiche Zeug lernen. Vom Alphabet bis zur Grammatik, vom Einmaleins bis zum Pythagoras.«

»Himmel!« Gruff, Managing Director von United Steel, Niederlassung New York, schnaufte und verdrehte die Augen. »Warum fällt es nur immer gleich auf, wenn meine Vergleiche unpassend sind?«

»Dein Psychiater hat es dir garantiert längst gesagt«, entgegnete Rainwater, geschäftsführendes Vorstandsmitglied von Con Edison, New York. »Du hast es bloß vergessen.«

»Kein Wunder.« Lewis Hirschfeld, Börsenmakler an der Wall Street, lachte glucksend. »Vergesslichkeit und geistige Fehlleistungen liegen ja auch dicht beieinander, wenn man eine gewisse Verkalkung der Blutgefäße voraussetzt.«

Hirschfeld lief weg und floh am Ufer entlang. Gruff, ein Hüne von 1,80 Größe, setzte zur Verfolgung an. Mit seiner massigen Statur wirkte der Managing Director dennoch nicht dick. Hirschfeld, einen halben Kopf kleiner, hatte dagegen ständig mit einem Bauch zu kämpfen, der an Umfang schon zunahm, wenn er nur die Speisekarte eines Restaurants studierte.

»Also«, folgerte Rainwater, während er mit Bount den beiden anderen nachblickte, die nach zehn, zwölf Yards keuchend stehenblieben, »haben wir wahrscheinlich nur einen unter uns, der topfit und im Vollbesitz seiner geistigen Leistungsfähigkeit ist. Nämlich dich, Bount Reiniger. Ich frage mich, was du überhaupt hier zu suchen hast. Bist du unser Kindermädchen? Von Clayburne beauftragt?«

Sie hatten sich schon in der Boeing das Du angeboten.

Bount erwiderte den Blick Rainwaters, der noch etwas kleiner war als Hirschfeld, drahtig, und das dunkelblonde Haar kurz geschnitten wie ein Sergeant der Marines. Die Goldrandbrille gab ihm etwas Seriöses, dennoch wirkte er mit seinen 51 Jahren jünger als der 48-jährige Gruff und der 46-jährige Hirschfeld.

»Auch Privatdetektive haben Nerven«, erwiderte Bount ernsthaft.

»Was du nicht sagst. Gerade das hätte ich bei deinem Beruf nicht erwartet.« Rainwater zwinkerte mit den Augen.

Hirschfeld und Gruff näherten sich am Ufer. Sie hatten sich gegenseitig die Arme auf die Schultern gelegt und sahen aus wie zwei College Boys, die sich nach einer Rangelei kameradschaftlich versöhnt hatten.

»Es ist wahr«, behauptete Bount. »Mein Psychiater hat mir etwas Beruhigendes empfohlen. Und da bin ich an den Abenteuerurlaub geraten. Raus aus Manhattan – hinein in die Wildnis!«

Die anderen lachten.

Bount spürte, dass sie ihm trotzdem nicht recht glaubten. Die Tatsache, dass ein Privatdetektiv aus New York mit ihnen das Überleben in der Wildnis proben wollte, hinterließ einen Rest von Unbegreiflichkeit. In ihren Augen musste er jemand sein, der allen Sätteln gerecht war. Einer, der sich in der menschenfeindlichen Weite von Alaska genauso zu behaupten wusste, wie in der finstersten Ruinenlandschaft der South Bronx.

Er hatte nicht vor, ihnen die Wahrheit auf die Nase zu binden. Auch Clayburne hatte sich gewundert und versucht, ihn auszuhorchen, bevor er endlich die Reiseformalitäten erledigt hatte. Vielleicht hatte Clayburne Grund, unruhig zu werden, vielleicht nicht.

Den wahren Grund seiner Wildnis Reise kannten nur June March und sein alter Freund Toby Rogers. Und natürlich Daryl Thomas. Sie hatte ihn beauftragt, weil sie sich nicht damit abfinden konnte, Witwe zu sein.

Die Fahrer hatten alles abgeladen. Sie verabschiedeten sich, nachdem die vier Freizeitabenteurer die Bestandslisten durchgecheckt hatten.

Die Geländewagen jagten mit röhrenden Motoren davon. Den Fahrern lag eine Menge daran, noch vor dem Abend den Truckstop zu erreichen, der sich etwa 50 Meilen östlich befand und der nächste erreichbare Punkt war, an dem Menschen die Errungenschaften der Zivilisation genießen konnten.

Bount und Isaac Rainwater hatten beschlossen, Bootspartner zu werden. Sie waren sich kurz nach dem Start in New York einig geworden – wie Hirschfeld und Gruff. Die vier Männer beluden die Boote nach dem Stauplan, den sie von der Reiseagentur erhalten hatten.

Vom Kaffeebecher bis zum Jagdgewehr hatte jedes Stück seinen vorgesehenen Platz. Nachdem sie die Kanus zu Wasser gebracht hatten und eingestiegen waren, stellten sie fest, dass auch der Tiefgang offenbar exakt berechnet worden war. In der Mitte der Boote waren die Bordkanten noch annähernd zwei Handbreiten über der Wasserlinie.

Bount hatte den Platz des Steuermanns übernommen. Vorn legte sich Isaac Rainwater mächtig ins Zeug. Die Strömung des Fork River war hier, am Ausgangspunkt ihrer Fahrt, noch mäßig. Stromschnellen standen erst am zweiten und an den darauffolgenden Tagen auf dem Programm. Sie durften nicht trödeln, wenn sie die für den ersten Tag vorgesehenen 15 Meilen noch vor Dunkelwerden bewältigen wollten.

In ihrer wildnisgerechten Kleidung sahen die vier Männer wie uniformiert aus. Feste Stiefel mit Spezialeinlagen, hoch am Schienbein geschnürt, gaben ihnen Halt und Sicherheit in allen Geländearten. Die Farbe der Anzüge lag irgendwo zwischen Khaki und Olivgrün. Der Stoff war wasserdicht, atmungsaktiv vor allem auch das wattierte Futter. Trotz des strahlenden Sonnenscheins hatten sie keinen Anlass, sich wie in tropischen Breiten zu fühlen.

Die breiten, schnittig zulaufenden Bootskörper lagen hervorragend. Bount spürte es schon nach den ersten Yards, die sie mit rasch zunehmender Fahrt zurückgelegt hatten. Das Krängen des Kanus hielt sich in Grenzen. Sie waren aus schlagfestem Kunststoff gebaut, und man musste schon einen Wasserfall hinunterstürzen, um sie zu Bruch zu fahren.

Hirschfeld und Gruff hatten einen Vorsprung von zwanzig Yards herausgeschunden. Keuchend hielten sie inne. Der Wald reichte jetzt an beiden Seiten des Flusses wieder bis direkt ans Ufer. Das Wasser war eine kristallen gekräuselte Fläche, in der sich die Kronen der Hemlocks mit bizarrem Linienspiel spiegelten. Vögel schrien, krächzten und sangen im Wald. Irgendwo raschelte und prasselte es im Unterholz, als ein größeres Tier – unsichtbar – die Flucht ergriff.

Hirschfeld und Gruff drehten sich um und stießen die Paddel hoch.

»Himmel!«, brüllte Hirschfeld. »Das ist ja wie im Paradies!« Im nächsten Moment zog er den Kopf ein, als er über den donnernden Nachhall seiner Stimme erschrak.

Bount Reiniger lächelte.

Ja, dachte er, ein Paradies mit tödlichen Fehlern.

 

 

3

Es war dieses Penthouse, das Liam O’Keeffe von allen Dingen, die er in New York City bislang gesehen hatte, am meisten beeindruckte.

Wenn er auf seinen Dachgarten trat, konnte Gus McMahon, der Besitzer des Penthouses, über den East River bis nach Brooklyn blicken. Drehte er sich ein Stück um, sah er die weltberühmten Wolkenkratzer des Financial District. Himmelsstürmend wirkten auf O’Keeffe vor allem die beiden Türme des World Trade Center. Wenn er sich noch ein Stück weiter drehte, konnte er über die Downtown und Greenwich Village hinweg nach Hoboken blicken, das auf der anderen Seite des Hudson River lag und schon zu New Jersey gehörte. Nur in nördlicher Richtung war der Blick versperrt, denn dort erhob sich McMahons Penthouse mit der nach Süden gerichteten Glasfront. Eine große Schiebetür ermöglichte es etwa zehn Partygästen gleichzeitig, aus dem Wohnraum in den Garten überzuwechseln.

Liam O’Keeffe konnte sich vorstellen, dass hier oft Partys stattfanden.

Er wünschte sich, dazuzugehören.

»Entschuldigung, mein Junge«, sagte eine breite, dröhnende Stimme. »Habe dich nicht gerne warten lassen. Aber manche geschäftlichen Dinge lassen sich einfach nicht aufschieben.«

Liam O’Keeffe erhob sich von dem Gartenstuhl, der auf Marmorplatten stand. Die nischenartige Fläche, in deren Winkel auch ein Springbrunnen plätscherte, war von schmalen Beeten mit Zwergkoniferen eingerahmt.

»Oh, das kann ich gut verstehen, Sir«, sagte O’Keeffe und zupfte an den Fransen seiner Lederjacke, als müsse er das Kleidungsstück für einen großen Auftritt in Ordnung bringen. Die Umgebung war atemberaubend für ihn, auch wenn er New York schon gut kannte – seit die Zusammenarbeit seiner Familie mit McMahon begonnen hatte.

Das Penthouse befand sich auf dem Dach eines der Gebäude im Komplex Lillian Wald House, einer Wohnanlage an der East 6th Street in Manhattan Downtown. Unmittelbar östlich erstreckte sich der langgezogene East River am Ufer des Flusses.

O’Keeffe hatte gestaunt, wie viele Parks es in dieser Riesenstadt gab. Das Nebeneinander von Grün und Beton, von Pflanzen und Häusermeer hatte ihn regelrecht verblüfft. Für ihn, den Menschen aus der Wildnis, war immer nur das eine oder das andere vorstellbar gewesen. Beides zusammen bedeutete eine Kombination, die er sich früher nicht einmal in seinen Träumen hatte ausmalen können.

»Junge, warum hast du dir nichts eingeschenkt?«, rief McMahon vorwurfsvoll. Er zeigte auf das Arrangement von Gläsern, Kühlbehältern und Flaschen in der Mitte des Tisches unter dem Sonnenschirm. »Da lässt du dich die ganze Zeit von der Sonne bescheinen und kriegst keinen Durst?«

»Doch, Sir, das schon, aber …« Irgendwie hatte McMahon einen Narren an ihm gefressen. Er spürte es bei jeder Begegnung, und es erfüllte ihn auch diesmal mit einem warmen Freudengefühl.

McMahon winkte lachend ab und forderte O’Keeffe und auch seinen Begleiter auf, sich zu setzen. Liam kannte den fast 1,90 großen Mann bereits. Oliver Norton war McMahons rechte Hand und ständig in seiner Nähe.

Norton begann wortlos, Eiswürfel in Gläser zu füllen und Whisky einzuschenken. Er verteilte die Gläser. »Wasser oder Coke nach Belieben«, sagte er und deutete auf die Flaschen.

Sein Gesicht war schmal, aber von harten Linien durchzogen. Der Oberlippenbart folgte dem Verlauf seines schmallippigen Mundes und gab seinem Gesicht einen ständig verächtlichen Ausdruck. Nortons dunkelblondes Haar war sorgfältig gescheitelt und nur so lang, wie man es in einer Zeit, in der die Yuppies modisch den Ton angaben, eben noch vertreten konnte.

Gus McMahon sah neben Norton aus wie ein irischer Farmer, der sich in seinen Sonntagsanzug gezwängt hatte. Auf seinem kantigen Kopf stand struppiges mittelblondes Haar, das sich offenbar nie bändigen ließ. Er hatte wässrig-blaue Augen. Sein Körper war untersetzt und von nur mittlerer Größe.

Mit seinen 44 Jahren war McMahon auf dem Höhepunkt seiner Macht. Das Syndikat, das er anführte, war von Iren aufgebaut worden – damals, in den 20er und 30er Jahren. Er hatte O’Keeffe, der auch irischer Abstammung war, stolz darüber berichtet.

McMahons Vorgänger hatte blutige Kämpfe gegen die Sizilianer ausgefochten, viele Tote waren zu beklagen gewesen. Aber die Iren hatten sich schließlich behauptet. Ein Sonderfall an der Ostküste. Für die Mafia war es wie eine Pestbeule im sonst makellosen eigenen Leib.

Doch McMahon behauptete sich weiter. Er hatte Liam O’Keeffe nicht gesagt, welche Art von Geschäften er mit Hilfe des Syndikats betrieb. Aber Liam konnte sich vorstellen, dass es sich um die üblichen Dinge handelte, von denen man las, Glücksspielveranstaltungen, Kreditwucher, Schutzgeldringe, Prostitution, Rauschgifthandel.

O’Keeffe überwand sich. Er füllte sein Glas mit Coke auf und prostete den Männern zu. Zu Hause trank er erst abends Alkohol, wenn er schon im Bett lag und nicht mehr umfallen konnte. Tagsüber war er es nicht gewohnt.

Gus McMahon stellte sein Glas weg, lehnte sich zurück und nahm einen langen schwarzen Zigarillo zur Hand. Norton gab ihm eilfertig Feuer. Die Unterwürfigkeit wollte nicht zu dem sonstigen Erscheinungsbild des hochgewachsenen Mannes passen.

»Ich sehe es dir an der Nasenspitze an, mein Junge«, sagte McMahon mit einem Lächeln. »Irgend etwas ist schiefgegangen. Heraus damit! Das erleichtert alles. Für alle Beteiligten. Besonders für dich selbst.«

Liam O’Keeffe holte tief Luft. »Sie ist mir entwischt«, sagte er gepresst.

McMahon nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.

Oliver Nortons Augen verengten sich, während er bedächtig an seinem Glas nippte. Mit einem Ruck stellte er es auf den Tisch.

»Genauso habe ich mir das vorgestellt!«, knurrte er. »Warum, verdammt, lassen wir einen Hinterwäldler in New York frei herumlaufen? Man sieht doch, was dabei herauskommt!« Er streifte den Kraushaarigen mit einem Blick. »Nichts für ungut, Liam, das ist nicht gegen dich persönlich gerichtet. Hier geht es aber ums Prinzip.«

O’Keeffe nickte. Er spürte, dass Norton ihn nicht verärgern wollte. Vermutlich war Norton eifersüchtig auf den sogenannten Hinterwäldler, der bei McMahon einen Stein im Brett hatte.

»Nun mal sachte«, sagte McMahon schlichtend. »Erst mal wollen wir die ganze Geschichte hören, und dann sehen wir, was sich noch tun lässt. Okay?«

Norton ließ einen unwilligen Laut hören.

»Gut«, sagte Liam O’Keeffe und bemühte sich, seine freudige Hoffnung nicht zu zeigen.

»Hattest du sie schon geschnappt?«, fragte McMahon grinsend. »Hast dich ein bisschen mit ihr vergnügt?«

O’Keeffe schüttelte den Kopf. »So weit war ich noch nicht. Leider.« Er berichtete, wie er June March beschattet und verfolgt hatte, seit sie Reinigers Office verlassen und ihren Shopping-Bummel begonnen hatte. An dem Missgeschick bei »Marcia’s« beschönigte er nichts.

Er war stolz auf sich selbst gewesen, weil er sich so gekonnt und unbemerkt eingeschlichen hatte.

Um so mehr hatte ihn die Überraschung getroffen, als sich das blonde Weibsstück plötzlich zu einem Wirbelwind entwickelte, der verteufelt harte Schläge austeilte.

»Herrgott, mit so was muss man doch rechnen!«, ereiferte sich Norton. »Ein privater Teck stellt doch kein Wattepüppchen als Angestellte ein!«

»Du hast es gewusst«, sagte McMahon versöhnlich. »Und Liam hat es jetzt gelernt. Garantiert wird er es nie wieder vergessen.«

»Bestimmt nicht, Sir«, erwiderte O’Keeffe, und ein ernstes Lächeln huschte über seine wettergegerbten Züge. »Vor allem kriegt sie’s von mir zurück, wenn ich sie erwische.«

Er berichtete weiter und wies ausdrücklich darauf hin, dass er den Wagentyp und die Kennzeichennummer hatte. Er war schon sicher gewesen, dass June March ihn hereingelegt hatte, als sie nach einer halben Stunde noch immer nicht wieder auf dem Parkplatz des Hospitals aufgetaucht war. Er hatte ausgeharrt, sein Taxi weggeschickt und sich im Gebüsch verborgen.

Dann, als dieser Typ in Turnschuhen, Jeans und Lederjacke aufgekreuzt war und sich die Schlüssel für den Camaro geholt hatte, war er schnell auf die Straße gelaufen und hatte ein anderes Taxi herangewinkt. Der Typ im Camaro hatte es aber geschafft, den Taxifahrer abzuschütteln.

»Das ist schon mal Grundbedingung«, sagte Norton bissig. »Wer in New York jemanden verfolgt, der sollte sich wenigstens auskennen. Außerdem sollte er mit einer geliehenen oder geklauten Kiste fahren und nicht mit einem verdammten Cabbie.«

»Hör schon auf, Oliver«, sagte McMahon gelassen. »Was ist denn groß passiert? Reinigers Tippse hat mitgekriegt, dass ihr jemand im Nacken sitzt. Okay. Sie ist aber auf sich allein angewiesen. Reiniger kann ihr nicht helfen, weil er nicht da ist. Also muss sie sich was einfallen lassen. Liam wird die Zeit nutzen und sie doch noch aufgabeln und auf Nummer Sicher bringen. Habe ich recht?« Er trank einen Schluck Whisky und blickte den Kraushaarigen über den Rand des Glases hinweg zuversichtlich an.

»Das schwöre ich«, sagte Liam mit fester Stimme.

»Nicht diese großen Worte!«, rief Norton und schüttelte sich. »An denen verschluckt man sich meistens. Im Übrigen«, er wandte sich dem Syndikatsboss zu, »was, zum Teufel, haben wir eigentlich davon, wenn wir die March schnappen? Zu was brauchen wir die? Genügt, es nicht, dass O’Keeffes Leute den Hurensohn Reiniger draußen in der Wildnis erledigen? «

Liams Gesicht spiegelte Bestürzung.

»Aber ich«, stotterte er, »ich denke, Reiniger sollte keine Verbindung nach New York mehr haben.« Er war froh, dass er wieder flüssig sprechen konnte. Dieser Bastard Norton sollte nicht die Freude haben, ihn unsicher wie einen Hampelmann zu erleben. »Ich meine, ich habe begriffen, dass Reiniger für uns oben in Alaska die größte Gefahr ist, mit der wir bislang zu tun hatten.«

»Das hast du haargenau richtig erfasst, mein Junge«, sagte McMahon mit zustimmendem Nicken. »Wir müssen Reiniger den Boden unter den Füßen wegziehen. Sonst läuft alles andere auch nicht mehr. Vor allem mit eurem feinen Nebengeschäft ist es dann vorbei.«

Liam nickte und presste die Zähne hart aufeinander, dass sich die frühen Furchen um seine Mundwinkel vertieften.

Norton versuchte noch einmal, sich durchzusetzen. »In Ordnung, ich sehe das genauso wie du, Gus. Aber dann, finde ich, sollten wir auch Nägel mit Köpfen machen und einen Profi auf die March ansetzen. Ich sage dir, wir dürfen bei so einer Sache keinen Fehler mehr begehen.«

»Dürfen wir nicht«, stimmte McMahon zu. »Aber ich bin sicher, dass Liam sich keinen Fehler mehr leisten wird. Habe ich recht, mein Junge? «

»Jawohl, Sir.« O’Keeffe strahlte. Was ihn am meisten freute, war Nortons saures Gesicht. Er stellte sich diesen aufgeblasenen Burschen draußen in der Wildnis vor. Im ersten Schneesturm würde dieser Typ hilflos verrecken.

»Dann hoffen wir alle das Beste«, sagte McMahon und lehnte sich zurück. »Ich habe dir versprochen, dass du deine Chance in New York kriegen wirst, mein Junge. Dabei bleibt es. Was bis jetzt passiert ist, ist noch kein Beinbruch. Das bügelst du aus. Deine Familie leistet da oben am Fork River hervorragende Arbeit. So soll es möglichst lange bleiben. Als ständiger Verbindungsmann hier in New York wirst du mir eine Menge wert sein. Und sobald das Problem Reiniger aus der Welt geschafft ist, haben wir die allerbesten Zukunftsaussichten. Wenigstens in dem Punkt sind wir uns doch alle einig, oder?« Er blickte seinen engsten Vertrauten an.

Norton nickte widerstrebend.

Liam O’Keeffe leerte sein Glas und stand auf. Er verabschiedete sich, denn er wollte keine Zeit verlieren, seine Aufgabe zu bewältigen. McMahon setzte Vertrauen in ihn. Deshalb war er es ihm schuldig, die Sache jetzt fehlerlos zu erledigen.

Er hatte McMahon gesagt, dass er sein weiteres Leben lieber in einer Stadt wie New York verbringen würde. Als er das erste Mal in Manhattan gewesen war, hatte er gestaunt wie ein kleines Kind. Aber er hatte schon in dem Moment gewusst, dass dies der Ort seiner Zukunft war.

Er hatte in den zwanzig Jahren seines Lebens bis zu jenem Zeitpunkt nie etwas anderes kennengelernt als Alaska.

Nun aber wusste er, dass dieses Andere so prickelnd und aufregend war, dass es nichts Vergleichbares auf der Welt gab.

Er war Gus McMahon aufrichtig dankbar dafür, dass er ihm die Chance bot, in New York Fuß zu fassen. Deshalb wollte er den Syndikatsboss nicht enttäuschen. Und das Alaskageschäft lief sicher noch lange weiter, wenn Reinigers Nachforschungen wie Seifenblasen zerplatzt waren.

Im Fahrstuhl dachte Liam O’Keeffe an die Zeit, als Gus McMahon selbst an so einem Abenteuerurlaub auf dem Fork River teilgenommen hatte. Auch er war damals in die Falle geraten. Und sicher würde er heute nicht mehr leben, hätte er seine Bezwinger nicht davon überzeugt, dass sie wesentlich mehr Geld verdienen konnten, wenn sie mit ihm zusammenarbeiteten.

Liam O’Keeffe war sicher, dass er eines Tages für immer in dieser atemberaubenden Stadt leben würde. Er trat auf die East 6th Street hinaus und winkte ein Taxi herbei. Es gefiel ihm, dass man mit einem Handzeichen solche Dienstleistungen in Anspruch nehmen konnte.

Sicher ahnte Oliver Norton, dass ihm ein Konkurrent erwuchs. Deshalb sein Neid. Norton stellte sich bestimmt vor, wie McMahon den Jungen aus der Wildnis immer mehr ins Vertrauen schloss.

Liam O’Keeffe grinste auf dem Rücksitz des Taxis, während sich der Fahrer durch das Verkehrsgewühl nach Manhattan Uptown quälte.

O’Keeffe nahm sich vor, dort anzusetzen, wo er June March aus den Augen verloren hatte.

 

 

4

Daryl Thomas hatte sich bemüht, ihre Wohnung nicht in ein Trauerhaus zu verwandeln. Das Bild ihres Mannes, das im Wohnraum auf dem Sideboard stand, trug lediglich einen schwarzen Stoffstreifen in der linken oberen Ecke. Ein größeres Foto, aufwendig eingerahmt, befand sich im Schlafzimmer.

Die schlanke Frau, die auf grauenhafte Weise Witwe geworden war, hatte es June gezeigt. Daryl war froh, jemanden zu haben, mit dem sie reden konnte.

Zwar arbeitete sie schon länger als freiberufliche Fotografin, und sie stürzte sich nun mit einem Eifer auf diese Tätigkeit, die ihr schon mehrere Ausstellungen und Veröffentlichungen in den führenden Zeitungen und Illustrierten eingebracht hatte. Aber es half letztlich nicht über die endlosen Abend- und Nachtstunden hinweg, in denen sie keine Müdigkeit verspürte, weil die Gedanken sie unablässig peinigten.

June tippte auf die Wiederholtaste des Telefons.

Daryl betrat die Wohnung und hielt einen Umschlag hoch, den sie aus dem Hausbriefkasten geholt hatte. Das Klimpern der Autoschlüssel war zu hören. Sie schloss die Tür ab und legte die Sicherungskette vor.

»Ich habe nachgesehen«, sagte sie und legte das Kuvert auf den Couchtisch. »Dein weißer Camaro steht schräg gegenüber, vor dem Video- und Schallplattenladen.«

»Die Leute bei Handyman sind zuverlässig«, entgegnete June. Im Hörer knackte und prasselte es. »Ich habe es schon ein paarmal ausprobiert.«

Daryl schüttelte den Kopf. »Es ist der letzte Versuch. Aber in Alaska können doch in dieser Jahreszeit die Leitungen nicht eingefroren sein.«

Daryl Thomas’ Mundwinkel bildeten den Ansatz eines Lächelns, obwohl gerade das Wort Alaska geeignet war, bei ihr den schlimmsten Schmerz hervorzurufen. Das furchtbare Geschehen lag erst zwei Monate zurück. Voller Freude war Gaynor B. Thomas aufgebrochen, um an dieser Abenteuerreise teilzunehmen.

Sein Job als Managing Director bei »Allchem«, einem großen Industriekonzern, hatte durch den täglichen Stress gesundheitliche Auswirkungen nach sich gezogen. Seine Ärzte hatten ihm dringend empfohlen, etwas zu tun, bei dem er völlig abschalten musste – nicht die übliche Art von Urlaub, etwas ganz anderes.

Die Sache, die dieser Clayburne von »Travelair« anbot, kursierte als Geheimtipp in den Chefetagen der großen Firmen.

Gaynor B. Thomas hatte sich entschieden. Die Vorstellung, in der Wildnis fast so etwas wie ein Überlebenstraining zu absolvieren, hatte ihn fasziniert.

Eine Woche nach dem Aufbruch hatten ihn die Reisepartner in einer Bärenfalle gefunden. Sie hatten ihn nur noch an den Stiefeln identifizieren können, denn er war bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt worden. Ob Grizzlys oder Wölfe ihn auf diese grauenhafte Weise getötet hatten, war nicht mehr festzustellen gewesen.

Auch die Obduktion in Fairbanks hatte kein absolut schlüssiges Ergebnis gebracht. Die Möglichkeit, dass es auch Menschen gewesen sein konnten, die Thomas mit klauenartigen Waffen bestialisch umgebracht hatten, konnte nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

Die Ermittlungsbehörden in Fairbanks hatten ähnliche Unfälle in der Wildnis ausgegraben, die sich während der Monate zuvor ereignet hatten. Sogar Exhumierungen und erneute Leichenöffnungen waren angeordnet worden. Die Ergebnisse waren ähnlich wie im Fall Gaynor B. Thomas.

Daryl hatte sich nicht damit zufrieden gegeben. Sie hatte Bount Reiniger beauftragt.

»Endlich!«, rief June March, als das Rufzeichen ertönte. Schon nach dem dritten Mal wurde am anderen Ende abgenommen. Jenes andere Ende der Leitung befand sich in Nenana, westlich von Fairbanks, und es handelte sich um einen Telefonapparat, der im Büro der Firma »Ranger’s Rest« stand.

Es war der Stützpunkt, mit dem die New Yorker Agentur »Travelair« zusammenarbeitete. In Nenana wurden die expeditionsartig ausgerüsteten Reisegruppen in Marsch gesetzt. Stets zuverlässig. Kein Zwischenfall war jemals auf eine mangelhafte Ausrüstung der Abenteuerurlauber zurückzuführen gewesen.

»Hallo, Miss March!«, entgegnete die Angestellte in Nenana. »So große Sehnsucht nach Ihrem Chef? Kann ich verstehen – ist ja ein Bild von einem Mann! Du liebe Güte, da kann einem ja …«

»Spannen Sie ihn mir bloß nicht aus«, fiel June ihr mit gespielt warnendem Ton ins Wort. »Liegen Funkmeldungen von der Gruppe vor?«

»Himmel, nein! Die Gents sind doch erst gestern aufgebrochen.«

»Aber es sind feste Zeiten vereinbart, zu denen sie sich melden?«

»Natürlich. Das erste Mal morgen früh, bevor sie von ihrem Rastplatz aufbrechen. Soll ich versuchen, Kontakt aufzunehmen, Miss March? Sie hören sich an, als ob Sie eine dringende Nachricht für Ihren tollen Chef haben. Wissen Sie, wie meiner aussieht? Der hat einen gewaltigen Bauch und …«

»Ja, geben Sie bitte einen Funkspruch durch. Notieren Sie?«

»Okay«, seufzte das Girl, »kann losgehen.«

»Für Bount Reiniger. Ein Mountain Man läuft in Manhattan hinter mir her. June.«

»Habe ich. Ist das alles?«

»Ja.«

»Ein verschlüsselter Text, was?«

»Geben Sie es gleich durch?«

»Aber ja. Bereiten Sie sich keine Sorgen. Und viel Spaß mit ihrem Mountain Man!«

»Vielen Dank.« June legte auf. Sie war nicht sicher, ob sie nicht doch mit einem zuverlässigen Polizeibeamten in Fairbanks Verbindung aufnehmen sollte. Bount wollte vorerst kein Aufsehen. Gut. Aber wenn sich etwas zuspitzte, mussten neue Entscheidungen getroffen werden. June bediente sich mit einem dankbaren Nicken aus der Zigarettenschachtel, die ihre Gastgeberin herüber hielt.

»Wirst du über Nacht bleiben?«, fragte Daryl.

»Ich wollte dich darum bitten«, entgegnete June. Sie trank einen Schluck von ihrem Kaffee, der nur noch lauwarm war. Sie hatte berichtet, was geschehen war. Nach einem Moment des Schweigens sagte sie: »Ich kann zwar nicht erklären, was für einen Zusammenhang es gibt, und ich habe weder eine Begründung noch einen Beweis dafür. Aber ich bin sicher, dass dieser Bursche, der mir in der Boutique an die Wäsche wollte, etwas mit Alaska zu tun hat.«

»Eine gefühlsmäßige Sache.« Daryl Thomas nickte. »Ich kann das verstehen. Obwohl wir jetzt vielleicht beide überreizt sind und Gespenster sehen.« Sie widersprach ihren eigenen Worten, die sie vor einer Stunde geäußert hatte. Sie hatte June erklärt, dass sie alles, was mit Alaska zusammenhing, kühl und mit ausreichendem Abstand betrachten könne. Ihr Wille, zur Aufklärung des blutigen Geschehens in der Wildnis beizutragen, war stärker als der Schmerz, der tief in ihrem Inneren nach wie vor ruhte.

»Du brauchst mich nicht zu beruhigen«, sagte June mit dankbarem Lächeln. »Ich weiß, dass es verrückt ist und ich mir vielleicht alles nur einbilde. Vielleicht hatte ich einen ganz normalen Spanner am Hals, der die Beherrschung verlor und seine Hände nicht mehr unter Kontrolle hatte. Wenn ich mich nicht gewehrt hätte – vielleicht …« Sie zog die Schultern hoch.

»Rede dir nichts ein«, entgegnete Daryl und schüttelte missbilligend den Kopf. »Ich weiß, manchmal will man, dass Dinge sich so oder so verhalten. Aber in unserem Fall haben wir ja nun wirklich Grund zur Vorsicht.«

»Akzeptiert.« June drückte ihre Zigarette aus. »Ich werde mir nicht mehr albern vorkommen, wenn ich vorübergehend nicht ins Büro oder in meine Wohnung zurückgehe.«

»Und ich bin froh, dass du da bist«, sagte Daryl. »Übrigens habe ich etwas entdeckt, was meine Theorie bestätigt. Du erinnerst dich, was ich nach Gaynors Tod vermutet habe?« Sie fischte eine zusammengefaltete Zeitung aus dem ledernen Ständer neben ihrem Sessel.

June runzelte die Stirn. »Du meinst, dass er einem geplanten Mord zum Opfer fiel? «

»Richtig. Aber genaugenommen meine ich den Grund dafür. Den möglichen Grund.« Sie schlug den Wirtschaftsteil der Zeitung auf und schob ihn über den Tisch.

June brauchte nicht lange zu suchen. Das Firmenkürzel »Allchem« in der Überschrift fiel auf, ein einspaltiger Text mit dem Foto eines glattgesichtigen Mannes.

NEUER MANN BEI ALLCHEM

June las den 20-Zeilen-Text, aus dem hervorging, dass der Abgebildete, ein gewisser Marvin L. Dorson, in der Direktion der New Yorker Allchem Niederlassung den Posten des leider unerwartet verstorbenen Gaynor B. Thomas einnehmen würde. Danach wurde Dorsons beruflicher Werdegang geschildert.

June blickte auf. »Was ist an dem Mann nicht in Ordnung?«

»Gaynor konnte ihn nicht leiden.«

»Schon wieder eine gefühlsmäßige Sache.«

»Nicht ganz. Dorson ist ein Streber von der schleimigen Sorte. So hat Gaynor ihn mir beschrieben. Einer, der zwar fachliche Qualifikationen hat, aber auch jede andere Möglichkeit nutzen würde, um in der Konzern Hierarchie aufzusteigen.«

»Bestechung?«

»Ich kann es nur vermuten. Aber wenn es so ist, dann ist Dorson von Gangstern in seinen Direktorensessel gehoben worden.«

June March leerte nachdenklich ihre Kaffeetasse. Daryls Vermutung war ebenso wenig von der Hand zu weisen wie ihre eigene Ahnung, dass sie von einem Alaska-Mann verfolgt wurde.

 

 

5

Als die Sonne aufging, erhellte sich das Wasser des Flusses türkisfarben.

Bount beobachtete das Naturschauspiel von einem Baumstumpf am Ufer aus. Er zündete sich eine Pall Mall an und betrachtete die Fische, die nur zwei Yards entfernt in der kristallklaren Tiefe standen. Ein Eskimo hätte mindestens einen davon mit Pfeil und Bogen oder einem Speer erwischt.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930030
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493492
Schlagworte
guter service mord york detectives

Autor

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Titel: Guter Service – einschließlich Mord: N. Y. D. – New York Detectives