Lade Inhalt...

REDLIGHT STREET #46: Als das süße Leben lockte

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Als das süße Leben lockte

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

Als das süße Leben lockte

REDLIGHT STREET #46

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Anja ist ein bisschen neidisch auf ihre Nachbarin Sybille, weil die sich finanziell offenbar gut steht. Allerdings hält sie nichts von deren Einnahmequelle, bis sie selbst in finanzielle Nöte gerät. Da nimmt Sybille ihre Freundin mit in die Bar, während deren Mann früher nach Hause kommt und auf seine Frau wartet ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Anja Renner - gerät in finanzielle Nöte

Sybille Prinz - weiß, wie man leicht zu Geld kommen kann

Fred und Bob – Zuhälter der miesesten Sorte

 

 

1

Wie ein glitzerndes Band lag die Straße zu ihren Füßen. Die Sonne prickelte angenehm auf ihrer Haut, sie liebte das und fühlte sich zufrieden und glücklich. Langsam schlenderte sie dahin, träge, müßig, so gar nicht eilig. Ihre Augen waren halb geschlossen und die Lippen ein wenig aufgeschürzt. Hastig gingen die Passanten an ihr vorbei, mit verkniffenen Gesichtern, immer wieder irgendetwas nachjagend. Nein, sie konnte den Sonnenschein genießen, ihn auskosten und auf ihrer Haut spüren. Jede Pore atmete, und das Blut pulsierte warm durch die Adern.

Unter den Wimpern sah sie sehr wohl, wie die Männer ihr bewundernde Blicke zuwarfen. Aber sie tat so, als bemerke sie es nicht.

Die Einkaufstasche baumelte in der rechten Hand. Jetzt blieb die junge Frau vor einem Schaufenster stehen. Sie musterte sich eingehend. Ganz klar und deutlich konnte sie sich sehen: langbeinig, schlanke Glieder, schmaler Kopf, eine üppige, blonde Haarfülle und blaue Augen. Anja lächelte leicht. Unwillkürlich spreizte sie ein wenig die Tasche von sich, sah sich noch einmal genau an. Perlweiße Zähne kamen zum Vorschein, wenn sie die etwas vollen Lippen öffnete. Ja, sie war schön, sie wusste es und fühlte es bis ins Herz. Und dieses Gefühl war herrlich.

Dann sah sie die Auslagen. Sie war zufällig vor einem sehr teuren Konfektionsgeschäft stehen geblieben. Ihre Augen bekamen einen sehnsüchtigen Glanz. Wer sich das leisten konnte! Neid kam in ihr hoch. Sie hasste es, rechnen zu müssen, nicht mit vollen Händen das Geld ausgeben zu können. Und sie hasste es, nicht reich zu sein. In den Filmen und Zeitschriften sah sie immer wieder solche Luxusgeschöpfe, die sich alles leisten konnten. Auch in ihrer Nachbarschaft lebte ein Mädchen, dessen Vater reich war, das sich alles kaufen konnte, wonach sein Herz begehrte. Und dabei war es nicht so schön wie sie.

Fast gierig hingen ihre Augen an dem knallgelben Pullover. Einfach entzückend. Leise seufzte sie auf und wandte sich halb um.

»Fräulein, so traurig?«

Sie schrak auf und stieß mit einem älteren Herrn zusammen. Er musste die ganze Zeit unmittelbar hinter ihr gestanden haben. Ob er wohl gesehen hatte, als sie sich wie ein Pfau vor dem Spiegel drehte? Röte schlug in ihr Gesicht.

Er sah sie bewundernd an. Sie bemerkte die grauen Schläfen, die blassblauen Augen.

Hastig wollte sie an ihm vorübergehen, sie kannte ihn nicht. Aber er stellte sich ihr in den Weg.

»Warum auf einmal so eilig? Haben Sie keine Zeit für eine kurze Plauderei?«

Sie starrte ihn an. Er hob ein wenig sein Kinn und wies zum Schaufenster.

»Gefällt Ihnen der Pullover? Ich glaube, er müsste Ihnen wunderbar zu Gesicht stehen. Ausgezeichnete Ware, wirklich, Sie sollten ihn kaufen. Sie haben guten Geschmack!«

Sie war richtiggehend wütend über so viel Frechheit. Wäre es ein junger Mann gewesen, sie hätte ganz anders mit ihm verfahren. Aber dieser hier konnte ja bald ihr Vater sein.

»Was geht es Sie an, ob ich mir den Pullover kaufe oder nicht? Im Übrigen kaufe ich ihn nicht, und jetzt muss ich außerdem nach Hause. Bitte, lassen Sie mich gehen!«

Er lachte leise auf. Eine angenehme, warme Stimme.

»Aber, aber, warum gleich so ruppig? Ich habe Ihnen doch nichts getan. Kommen Sie, was halten Sie davon, wenn ich Ihnen den Pullover kaufe?«

Ihre Lippen öffneten sich, und sie war so verblüfft, dass sie im ersten Augenblick kein Wort sagen konnte. Wie kam der Mann dazu, ihr einen so teuren Pullover zu kaufen? Sie kannte ihn doch gar nicht. Da blickte sie ihm fest ins Gesicht.

»Sie irren sich gewaltig, mein Herr. Ich bin nicht so eine, wie Sie denken. Ich bin ein anständiges Mädchen. Schenken Sie Ihre Sachen einer anderen. Ich danke!« Und hochmütig den Kopf aufgerichtet, schritt sie davon. Sie sah nicht mehr, wie der Mann ihr nachblickte, dann gleichgültig die Schultern zuckte und weiterging.

Noch lange hatte sich die Erregung nicht gelegt. So machen sie es also, dachte sie ingrimmig bei sich. So einfach, und diese Kerls glauben doch tatsächlich, nur weil sie Geld haben, fiele ein Mädchen auf sie herein. So eine Frechheit!

Doch ein ganz kleiner Stachel saß im Herzen und bohrte. Warum eigentlich nicht?, sagte die innere Stimme. Du hättest ihn dir kaufen lassen können und wärst dann auf Nimmerwiedersehen davongegangen. Du hättest einen schicken Pullover für nichts bekommen.

Ob ich Werner davon erzähle?, grübelte sie weiter. Nein, Werner würde vielleicht böse werden und womöglich denken, sie habe den Herrn herausgefordert. Nun musste sie sich aber wirklich beeilen. Habe ich auch alles eingekauft? Sie dachte nach, ach, den Reißverschluss musste sie ja noch besorgen. Für den roten Rock. Den konnte sie gleich hier um die Ecke bekommen. Sie kramte in der Einkaufstasche nach der Geldbörse. Sie kam nicht zum Vorschein. Hastiger wurde gesucht, es dauerte nur ein paar Minuten, da wusste Anja, dass die Geldbörse nicht mehr vorhanden war. Entweder hatte sie sie verloren, oder irgendeiner hatte sie aus der Tasche gestohlen.

Ihre Knie wurden weich.

Mit Macht krallte sich die Angst um ihr Herz. Ihre Glieder wurden so schwach, dass sie sich an eine Hauswand lehnen musste. Heiß stieg es ihr zu Kopfe, und ein Brausen erfüllte ihr Innerstes. Ganz mechanisch suchten ihre Hände weiter, aber sie kamen leer zum Vorschein. Blicklos sah sie vor sich hin. Eben noch so glücklich, traf dieser Schicksalsschlag sie unbarmherzig. Fieberhaft überlegte sie den ganzen Hergang. Irgendwo musste doch die Geldbörse sein. Sie konnte sich doch nicht in Luft aufgelöst haben! An diese Hoffnung sich klammernd, rannte Anja den ganzen Weg zurück. Sie keuchte und fühlte Schmerzen in ihrer Brust. Dort war schon das erste Geschäft. Aber man schüttelte nur bedauernd den Kopf. Man hatte nichts gefunden und liegengeblieben sei auch nichts. Diese Antwort bekam sie überall.

Taumelnd verließ sie das letzte Geschäft, bleich und verstört. Was soll ich nur machen, was soll ich nur machen? Bei jedem Schritt sagte sie dasselbe.

Das junge Mädchen fühlte sich rein kopflos. Doch es half alles nichts, sie musste jetzt endlich nach Hause.

Ganz mechanisch gingen ihre Füße diesen Weg. Sie hatte einfach aufgehört zu denken. Wie ein kalter Klumpen lag die Angst in ihrem Magen.

Was sollte sie Werner sagen?

Dort war ihre Straße. Sie überquerte sie, betrat das Haus, stieg in den Fahrstuhl und ließ sich bis zum 6. Stock fahren. Hier war ihre kleine Wohnung. Fast zögernd schloss sie die Wohnungstür auf. Aber alles war noch still und dunkel. Werner war also noch nicht zu Hause. Eine kleine Gnadenfrist.

Unruhig ging sie auf und ab.

Vierhundertfünfzig Mark waren in der Geldbörse gewesen. Werner hatte sie ihr am Morgen gegeben. Fünfzig Mark für den Haushalt, bald war ja der Erste. Und die vierhundert Mark sollte sie bei der Post einzahlen. Für die Möbel. Sie schluchzte leise auf. Nein, sie konnte ihrem Mann nichts von diesem Verlust erzählen. Sie konnte es einfach nicht. Er schuftete sich so ab, versuchte ihr alles recht zu machen, und sie verlor das sauer verdiente Geld.

Vor einem Jahr hatten sie geheiratet, als sie einundzwanzig wurde. Werner war schon dreißig und viel reifer, und das liebte sie ja so an ihm. Er war Vertreter für Büroartikel und musste sich erst seinen Bezirk aufbauen. Hier oben im Hochhaus hatten sie ihr kleines Nest aufgeschlagen, geschmackvoll und nett. Aber beide hatten kein Geld gehabt. Sie mussten alles auf Raten kaufen, die Möbel, Teppiche und das Auto. Werner brauchte es nötig. Sie mussten sehr sparsam leben und konnten sich nicht viel leisten. Er sprach immer davon, wenn alles bezahlt sei, würde alles anders werden. Jetzt ging das noch nicht.

Werner war in diesen Dingen so gewissenhaft. Und nun hatte sie das Geld verloren. Unmöglich, ihm das mitzuteilen!

Sie saß auf dem Küchenstuhl und grübelte nach. Plötzlich klingelte das Telefon. Anja schrak mächtig zusammen. Langsam ging sie in den Flur und nahm den Hörer ab.

»Ja, hier bei Renner!«

»Anja, bist du es?«

»Ja!«

»Hier ist Werner, hast du schon auf mich gewartet?«

Ihre Stimme kam ihr selbst fremd und kalt vor. Sie erkannte sich selbst nicht wieder.

»Ich bin gerade erst nach Hause gekommen, musste fürs Abendbrot noch etwas einkaufen. Wo bist du?«

»Liebling, ich rufe an, weil ich heute nicht nach Hause kommen kann. Ich habe hier noch eine Besprechung, und morgen muss ich noch weiter in den Süden. Ich komme erst übermorgen nach Hause. Bist du mir sehr böse, dass ich dich so lange allein lasse?«

Das kam schon öfter mal vor, und sie hatte sich auch schon daran gewöhnt.

»Nein, ganz bestimmt nicht, wirklich nicht, Werner!«

Der Mann schwieg eine Sekunde.

»Du, deine Stimme klingt so seltsam. Ist was?«

»Nichts, Werner, was soll denn sein. Ich halte dir die Daumen, dass du gute Geschäfte machst!«

»Danke, Liebling, das kann ich gut gebrauchen. Heute ist aber auch alles schiefgegangen, darum bleibe ich auch hier und spare die Benzinkosten. Du bist mir doch wirklich nicht böse?«

»Nein, wirklich nicht!«

»Ich weiß nicht, du bist so anders. Aber vielleicht macht das auch nur die Entfernung. Durch das Telefon ist die Stimme so fremd. Was wirst du machen, wenn ich nicht da bin?«

»Ach«, sagte sie, »irgendetwas. Ich gehe dann eben früh zu Bett.«

»Liebling, ich muss jetzt auflegen. Bis übermorgen also?«

»Tschüss, Werner!« Langsam ließ sie den Hörer auf die Gabel gleiten. Sie hatte noch eine kleine Frist. Zwei Tage, zwei erbärmliche Tage. Aber wie sollte sie in dieser Zeit an vierhundertfünfzig Mark kommen?

Sie überlegte. Werner kam nicht, so konnte sie für zwei Tage das Essen einsparen. Sie würde nur ganz wenig essen, so ersparte sie vielleicht die fünfzig Mark. Aber die vierhundert waren damit noch nicht herbeigezaubert.

»Was mache ich nur, um Gottes willen, was mache ich nur?«

Sie sah Werners kühles Gesicht vor sich. Ob er Verständnis für sie haben würde? Ob er begreifen konnte, dass einem so etwas passieren kann? Vierhundert Mark, wieviel hätte sie sich dafür kaufen können!

Da ging die Türklingel. Anja überlegte, wer das wohl sei. Sie hatten so wenig Bekannte in der Stadt. Die Eltern waren schon tot. Praktisch waren sie ganz allein, sie und Werner. Es schellte abermals. Sie stand auf und öffnete. Vor ihr stand die Nachbarin, nicht viel älter als sie.

Sybille Prinz, ein kapriziöses Ding, immer nach der neuesten Mode gekleidet. Sie hatte kupferbraune Haare und einen üppigen Busen. So etwas lieben ja die Männer. Heute trug sie einen giftgrünen Pullover und einen engen, braunen Lederrock. Anja kam sich richtig schulmädchenhaft ihr gegenüber vor. Sie trug nur eine weiße Bluse und einen schlichten blauen Rock.

»Ach, Frau Renner, hübsch, dass ich Sie antreffe. Darf ich für einen Sprung hereinkommen, oder ist Ihr Mann schon zu Hause?«

»Nein, er kommt heute gar nicht nach Hause.«

Sybille lachte leise auf.

»Na, da sind Sie ja auch mal wieder eine grüne Witwe.«

Anja war nicht zum Spaßen aufgelegt. Sie ging voran in die Küche, und die Nachbarin kam ihr nach. Sie setzte sich auf einen Küchenstuhl und holte ihre Zigaretten hervor.

»Sie rauchen ja nicht, oder haben Sie es sich inzwischen angewöhnt?«

»Nein!«

»Ach, Frau Renner, mein Kaffee ist mir mal wieder ausgegangen. Und die Geschäfte sind zu, würden Sie mir wohl ein wenig leihen? So brauche ich heute Abend nicht auf meine Tasse zu verzichten. Gleich morgen früh hole ich neuen und bring ihn wieder.«

»Aber selbstverständlich«, murmelte Anja gleichgültig. Sie liehen sich öfters gegenseitig etwas aus. Sie stand auf, ging zum Schrank und holte den Kaffee. Sybille saß am Tisch und stieß Rauchringe in die Luft. Der Pullover war weit ausgeschnitten, und man konnte ihre Brüste sehen. Anja drehte sich um und reichte ihr die Tasse.

»Hier!«

»Danke!«

Sybille blickte Anja an.

»Sagen Sie mal, Sie machen ein Gesicht wie acht Tage Regen. Störe ich, oder was ist los?«

Die junge Frau wischte sich einmal schnell über die Augen und ließ sich auf einen Hocker fallen.

»Mir ist nichts, wirklich nicht«, murmelte sie leise.

»Doch, ich merk es doch. Sie sind so anders. Haben Sie Kummer, Ärger oder sind Sie nur einsam, weil Ihr Mann heute nicht nach Hause kommt?«

Anja sah Sybille an, und plötzlich verspürte sie den Wunsch, sich ihr anzuvertrauen, einem Menschen ihren Kummer zu klagen. Vielleicht würde es ihr dann leichter ums Herz, und der Druck ließ nach.

»Ich hab’ mein Geld verloren«, stieß sie hastig hervor.

Sybille verstand nicht gleich.

»Wieso, wie meinen Sie das?«

»Vorhin, beim Einkauf. Es ist verloren, weg!«

»War es viel?«

»Vierhundertfünfzig Mark!«

»Au Backe, das ist hart. Und was jetzt?«

Anja machte hilflose Augen.

»Wenn ich das nur wüsste. Ich könnte verrückt werden. Und ich sollte doch die Möbelrate einzahlen. Ich möchte bloß wissen, woher ich das Geld nehmen soll.«

»Das ist wirklich eine dumme Sache, ja, das ist ärgerlich. So viel Geld, da wäre ich auch wütend. Und Sie selbst haben keins.«

»Wovon denn?«

»Na, ich meine nur. Ich dachte, vielleicht arbeiten Sie auch noch. Ist doch heute so, jeder arbeitet!«

»Nein, als wir heirateten, habe ich aufgehört. Mein Mann hat es so gewollt. Er sagte, er könne für mich sorgen. Er wolle, wenn er abends nach Hause kommt, keine abgespannte und müde Frau haben. Ich solle nur für den Haushalt sorgen, mehr nicht!«

»Die Leier kenne ich«, sagte die junge Frau bitter. »Das war auch bei mir der Grund. Und da sitzen wir nun und drehen den ganzen Tag Däumchen und langweilen uns schrecklich. Und das Geld ist knapp und reicht hier und da nicht.«

»Später, wenn erst alles bezahlt ist, dann geht es uns besser«, verteidigte Anja ihren Mann.

»Ach, hören Sie doch auf! Später, dann kommen die Kinder und dann muss ein neuer Wagen her, der alte ist nicht mehr gut genug. Es sind immer neue Wünsche da, und man will sie erfüllt sehen. Man wird alt und hässlich darüber, und man merkt nicht einmal, dass man sich die ganzen Jahre für die Familie aufgerieben hat.«

»Sicher«, murmelte Anja. »Ich würde auch gern ein wenig arbeiten. Ich hab’ es immer gern getan. Aber ich füge mich meinem Mann.«

»Und was wird er sagen, wenn er hört, dass das Geld, sein Geld, wie Sie immer betonen, futsch ist, weg ist?«

Sie zuckte zusammen, Tränen standen plötzlich in ihren großen Augen.

»Ich kann es ihm nicht sagen. Ich bekomme jetzt schon eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke, Werner beichten zu müssen.«

»Ich denke, Sie lieben Ihren Mann?«

»Ja, aber das ist doch etwas ganz anderes.«

»Aber Sie müssen es ihm sagen, vielmehr, er wird es sehr schnell erfahren.«

»Ich überlege die ganze Zeit, wie ich zu diesem verdammten Geld komme. Es muss doch einen Weg geben, welches zu verdienen.«

Sybille runzelte die Stirn und besah sich ihre Nachbarin eindringlich. Sie zündete sich eine neue Zigarette an. Anja sah ihr zu.

»Sie können das ganz bestimmt nicht verstehen. Ihnen geht es gut, Sie sind immer nach der neuesten Mode gekleidet und haben alles. Ihr Mann muss eine Stange Geld verdienen.«

Sybille Prinz lachte leise auf.

»Peter und viel Geld verdienen, na, dass ich nicht lache! Sie wissen doch, er ist Seemann und kommt nur alle paar Wochen nach Hause. Sicher, er verdient gut, aber wenn ich etwas haben will, dann verdiene ich es mir selber. Übrigens, wie wollen Sie überhaupt das Geld so schnell verdienen?«

»Ich habe an Putzstellen gedacht. Es stehen doch immer so viele in der Zeitung. Man muss doch Stellen genug finden, und Werner merkt es dann nicht.«

»Na«, sagte die Freundin trocken. »Da können Sie sich aber lange abschinden, bis Sie das Geld beisammen haben. Und wann kommt der Gute wieder nach Hause?«

»Übermorgen!«

»Prost Mahlzeit! Aber ich weiß etwas Besseres. Wenn Sie dichthalten, sage ich Ihnen, wie ich mir mein Geld verdiene, wenn es nicht reicht. Ich habe da einen viel feineren Job!«

Anja beugte sich angespannt über die Tischplatte. Der Wunsch, das Geld schnell zu verdienen, beherrschte sie.

»Ja?«

»Sie werden niemandem etwas davon sagen. Werden schweigen wie ein Grab?«

»Selbstverständlich, bitte, so reden Sie doch schon!«

Sybille warf ihr einen abschätzenden Blick zu, kniff für einen kurzen Augenblick die Lippen zusammen und sagte dann: »Ich mache mir einen Spaß, gehe abends aus und lerne Männer kennen. Sie glauben gar nicht, wie wild die Kerle sind, uns Mädchen das Geld zuzustecken. Das ist ganz leicht verdient. Hundert Piepen für einen Abend sind gar nichts, und ich habe noch meinen Spaß daran gehabt.«

Anja starrte sie mit großen Augen an. Im ersten Augenblick begriff sie gar nicht, was sie meinte. Ihre Brust hob und senkte sich.

»Sie, Sie gehen mit fremden Männern?«, flüsterte sie heiser. »Aber ich ...«, sie brach ab. Sie konnte einfach nicht weitersprechen. Ihre Gedanken wirbelten in ihrem Kopf umher.

»Sie haben mir versprochen, Sie werden schweigen«, zischte Sybille, als sie die einfältige Reaktion der Nachbarin bemerkte.

»Aber das tun doch nur Dirnen!« Anja leckte sich mit der Zunge über die spröden Lippen.

»Quatsch«, sagte die Freundin, »Sie verstehen auch gar nichts. Ich bin nur nett zu den Männern, mehr nicht. Gehe in eine Bar, tanze, amüsiere mich, na ja. Ich meine, nur wenn ich Geld brauche, gehe ich, oder wenn ich Langeweile habe. Ist doch nichts weiter dabei. Mit Werner machen Sie es doch auch, ohne Geld. Und hier kriegen Sie Geld. Eine ganze Menge. Nutte, das ist doch etwas ganz anderes, ich amüsiere mich nur. Kann ich etwas dafür, dass mein Mann so selten zu Hause ist? Glauben Sie, ich will hier versauern?«

»Nein, bitte, ich wollte Sie nicht verletzen. Ich war nur so überrascht.«

»Hier, all meine Klamotten hab’ ich mir selbst verdient. Peter glaubt, ich gehe so sparsam mit dem Haushaltsgeld um und ist noch richtig stolz auf mich.«

Anja biss sich auf die Lippen.

»Und ich habe mich schon immer gewundert, wie Sie das machen.«

»Also, ganz einfach, und wenn Sie wollen, nehme ich Sie mal mit. Ich rot und Sie blond, wir werden Aufsehen erregen. Und Sie verdienen das verlorene Geld ganz rasch. Ihr Mann wird also nichts davon erfahren. Kommen Sie, gehen wir gleich heute, nutzen wir die Gelegenheit!«

Das Geld! Sie musste es haben. Aber auf diese Weise?

Komisch, sie war nicht mal entsetzt. Für einen Bruchteil einer Sekunde musste sie an den Mann vor dem Schaufenster denken. Es war wirklich einfach.

Aber nein, sie konnte es nicht, sie liebte Werner doch, sie konnte sich doch nicht mit einem fremden Mann einlassen. Niemals, alles in ihr sträubte sich dagegen.

So eine war sie doch nicht!

»Na, wie ist es nun?«

Anja zuckte zurück.

Sybille stützte sich auf ihre festen Arme und erhob sich halb. Die vollen Lippen waren zu einem verächtlichen Lächeln verzogen. Ihre Augen ließen die Freundin nicht mehr los.

»Etwa schockiert, oder was ist los?«

»Ich, ach, ich weiß nicht, ich bin ganz durcheinander. Ich muss mich erst mal konzentrieren.«

»Man soll nicht lange überlegen, denken Sie an das Geld! Leichter und bequemer kann man es wirklich nicht verdienen.«

»Ja, ich weiß, aber, wenn das nun einer merkte wenn man uns sieht. So einfach kann es doch nicht sein. Ich hab’ so etwas noch nie gemacht. Es klingt so gemein, so, als wolle man die Männer betrügen.«

Sybilles grüne Augen zogen sich zu einem Spalt zusammen.

»Sie sind verrückt, wirklich. Solche Anwandlungen. Ich sag’ Ihnen doch schon die ganze Zeit, die Männer sind wild darauf, uns ihr Geld zuzustecken. Warum sollen wir es nicht nehmen? Wenn wir es nicht tun, tut es eine andere, kapito?«

»Ist es wirklich so einfach?«

»Klar, wenn ich das sage. Ich mach’ das doch schon eine Zeit, und es klappt wunderbar. Los, Anja, geben Sie Ihrem Herzen einen Ruck! Sie werden sich wundern, was für einen Spaß wir noch außerdem dabei haben können.«

»Ja, wenn Sie meinen!« Noch zögerte die junge Frau. Noch sträubte sich alles dagegen, mitzumachen. Es fiel ihr auf einmal auf, dass Sybille einen etwas ordinären Eindruck machte. Komisch, früher war ihr das noch nie aufgefallen. Da hatte sie sich von der guten Kleidung blenden lassen. Sie grübelte weiter. Ich mache es ja nur, bis ich das Geld beisammen habe, und dann nie mehr wieder. Ich tue es ja nur, weil ich es brauche, weil ich Werner so nicht unter die Augen treten kann. Ich kann und kann es ihm einfach nicht sagen. Er wird schrecklich mutlos und traurig sein. Bloß, bis das Geld beisammen ist, und dann nie mehr!

»Warum wollen Sie eigentlich, dass ich mitkomme?«, fragte sie leise.

»Gott, Anja, Sie sind eine komische Nudel! Zu zweit gibt es doch viel mehr Spaß! Allein ist es auch schön, aber nachher können wir beide uns über die Männer kaputtlachen, die wir hatten, verstehst du?«

Unwillkürlich gebrauchte sie das kameradschaftliche Du.

»Gut, ich mache das aber nur so lange, bis ich die vierhundertfünfzig Mark zusammen habe, dann nicht mehr. Du wirst nie etwas meinem Mann davon sagen?«

»Ehrenwort, du könntest mich ja auch verpfeifen, nein, so eine bin ich nicht. Ich habe es dir doch nur gesagt und angeboten, um dir zu helfen.«

»Und wann sollen wir gehen?«, Anja fragte es beklommen.

»Na, gleich heute, die Zeit ist günstig. Ihr Mann ist nicht da. Gleich um acht marschieren wir los.«

»Wohin?«

»Wir gehen ins Batavia. Da ist immer viel Betrieb, und dort halten sich die betuchten Geschäftsleute auf. Kommen aus der Provinz und wollen was erleben. Sollen sie!«

Anja sah auf die Uhr. »Jetzt ist es sieben, da müssen wir uns aber beeilen.«

»Was wollen Sie anziehen?«

»Mein Sonntagskleid, was anderes hab’ ich nicht.«

»Zeigen Sie mal her!«

Sie gingen zusammen ins Schlafzimmer. Anja öffnete den Schrank und holte das gelbe Sommerkleid hervor. Sybille rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf.

»Nee, das ist zu züchtig, damit fangen wir keinen Hecht. muss schon ein bisschen was darstellen. Die Kerls wollen ja was sehen. Warten Sie mal, wir haben zwar nicht die gleiche Figur, aber ich habe noch ein Kleid, das mir zu eng geworden ist. Kommen Sie, wir gehen zu mir hinüber und probieren es gleich an!«

»Aber das kann ich doch nicht.«

»Ich leihe es Ihnen ja nur. Kommen Sie! Die Zeit rennt, und wir müssen uns langsam sputen.«

»Ja!«

Beide Frauen verließen die Wohnung und überquerten den Flur. Sybille ging gleich ins Schlafzimmer und riss ihre Schranktür auf.

»Hier, das habe ich gemeint.«

Es war ein schickes, knallrotes Seidenkleid mit weitem Ausschnitt und Glockenrock. Anja bekam sehnsüchtige Augen. Ihr blondes Haar musste einen wunderbaren Kontrast abgeben.

»Los, zieh es mal über!« Sybille war ganz kribbelig.

Anja vergaß alles und sah nur noch das Kleid. Erregung stieg in ihr hoch. Vorsichtig fühlte sie mit den Fingerspitzen über den zarten Stoff. Wie ein Traum - so schön war das Kleid. Schnell schlüpfte sie aus Rock und Bluse, nahm das Kleid und zog es über. Atemlos stand sie vor dem großen Spiegel und sah sich bewundernd an. Sie kannte sich im ersten Augenblick gar nicht wieder. Leise wippte der Rock, als sie sich drehte.

»Wunderbar, es passt wie angegossen. Wir brauchen nichts zu ändern. Und schau, das werde ich anziehen. Wir werden auffallen, pass nur auf!«

Damit zog Sybille ein giftgrünes, enges Kleid aus dem Schrank. Es schillerte wie eine Schlangenhaut, unter der Lampe zeigte es einen schwachen Metalleffekt. Sybille zog es sich über, Anja musste ihr den Reißverschluss auf dem Rücken schließen. Es war eng wie eine zweite Haut und ließ jede Bewegung ihres Körpers frei. Großzügig wurde der Busen gezeigt,

»Toll! Mensch, Sybille, das muss doch eine Stange Geld gekostet haben!«

»Hat es auch, aber ich sag doch, kannste alles haben, leicht verdient, schnell wieder ausgegeben.«

Plötzlich fühlte sie den Wunsch in sich, etwas zu erleben. Sybille hatte nun schon so viele Andeutungen gemacht, und sie war das brave Leben mit einem Mal leid. Immer dasselbe. Werner und das Fernsehen, eine kleine Autofahrt und dann wieder brav allein zu Hause bleiben und warten. Einmal sich amüsieren, einmal anders sein. Dieses Kleid war wie eine Verheißung, wie eine Verlockung. Wenn sie nicht wollte, konnte sie ja noch immer einen Rückzieher machen.

Sie fanden noch die passenden Schuhe und die Tasche dazu. Sybille kämmte Anja die Haare anders, und dann schminkten sie sich noch. Endlich fanden sie sich beide schön. Sie sahen sich an und lachten.

»Wir werden einen Wirbel veranstalten!«, flüsterte Sybille mit heißen Wangen. »Zu zweit ist es noch mal so schön!«

Dann löschten sie das Licht und verließen die Wohnung!

 

 

2

Die Hitze hatte merklich nachgelassen. Angenehme Kühle strömte der Abend aus. Die beiden Mädchen gingen mit raschen Schritten durch die Straßen.

»Komm, wir nehmen ein Taxi! Bis zur Bar ist es weit, und ich habe keine Lust, mir die Füße krumm zu latschen«, meinte Sybille.

»Aber ich hab’ doch kein Geld«, sagte Anja.

»Ich werde es bezahlen, wir bekommen ja nachher welches.«

An der Straßenecke fanden sie ein Taxi. Anjas Herz klopfte zum Zerspringen. Alles schien ihr wie ein Traum, gar nicht wirklich. Sie war in ihrem ganzen Leben noch nicht in einer Bar gewesen und natürlich sehr neugierig. Die Hausfassade wirkte fast kalt und schmucklos, eine braune Tür und dahinter der Türsteher.

»Grüß dich, Sybille, auch wieder im Lande?«, sprach der ältere Mann die Freundin an.

»Klar, wie ist es, schon viel Betrieb?«

»Na, wie man es nimmt, aber du amüsierst dich auch, wenn nur einer vorhanden ist.«

Sie lachte nur ihr helles Lachen und stieg die Treppe hinauf.

»Die Bar liegt im ersten Stock«, sagte sie erklärend.

Teppichbelegter Boden, gedämpftes Licht. Von irgendwoher kam leise Musik, kleine, schummrige Ecken, seltsam geformte Vasen und Skulpturen standen an den Wänden.

Sybille ging auf eine bogenförmige Tür zu, schlüpfte hindurch und winkte der stummen Anja.

»Mensch, komm schon, oder willst du hier Wurzeln schlagen?«

Sie betraten die Bar. Ein Raum, unendlich lang und weit, schummrig erhellt, ganz in Gold und Braun gehalten. Barkeeper in roten Jacken hantierten an den Tischen. In der Mitte des Raumes befand sich die Tanzfläche. Sie schimmerte wie flüssiger Honig. Auf den kleinen Tischen standen jeweils Tischlämpchen. Sybille nahm an einem leeren Tisch Platz und zog Anja neben sich.

»Na, was sagste jetzt?«

Anja wusste gar nicht, wohin sie zuerst sehen sollte. Alles war für sie neu und verwirrend.

»Werden sie uns nicht rauswerfen? Ich dachte immer, Bars sind für reiche Leute da. Und wir haben doch kein Geld.«

»Natürlich verkehren hier nur reiche Leute. Was hast du denn gedacht, vielleicht Hafenarbeiter?«

Die Kapelle spielte einen schnellen Rhythmus, er ging ins Blut. Eine gazellenschlanke Negerin betrat die Tanzfläche und tanzte dazu. Es war faszinierend, ihr zuzusehen. Das Licht war im übrigen Raum erloschen, nur die Tänzerin wurde angestrahlt. So biegsam müsste man sein!

Sybille steckte sich eine Zigarette an und ließ ihre Augen durch den Raum spazieren. Sie suchte ihr Wild! An der Bar standen und hockten mehrere Männer. Sie schienen ohne Damenbegleitung zu sein. Einige noch sehr jung, die anderen älter. Die Jungen waren uninteressant. Bei denen hatte man wohl sein Vergnügen, konnte aber nichts verdienen. Anja hatte glänzende Augen. Das Licht flammte wieder auf, es wurde getanzt. Ein Prickeln lag in ihrem Blut. Einmal für kurze Stunden an dem großen Kuchen der Reichen naschen! Einmal nur so tun, als gehöre man dazu, sei es gewöhnt!

»Toll«, murmelte sie atemlos.

Sybille wollte schon verächtlich die Lippen hochziehen. Aber dann besann sie sich auf die Zeit, da sie zum ersten Male hier gewesen war und genauso gefühlt hatte. Für sie war das schon alles abgeschmackt und fade.

»Darf ich zu einem Tanz bitten?«

Als sie aufsah, bemerkte sie einen älteren Herrn, der sich vor ihr verbeugte. Sie setzte ihr verführerisches Lächeln auf und erhob sich graziös.

»Natürlich, mein Herr, ich tanze für mein Leben gern!«

Anja blieb allein zurück. Angstvoll sah sie der Freundin nach. Was sollte sie jetzt tun, wie sich, verhalten? Ein Schatten fiel über sie, und ein Mann nahm wortlos an ihrem Tisch Platz.

»So allein! Aber das ist doch nicht schön. Warum amüsieren Sie sich nicht?«

»Ich bin mit einer Freundin hier«, stotterte sie verlegen. »Dort drüben, sie tanzt gerade!«

»Ich weiß, kommen Sie, wir machen es Ihnen nach, wir amüsieren uns auch!«

»Aber ich kenne Sie doch gar nicht«, sagte sie erschrocken.

Der Mann hatte für einen Augenblick seine Hand auf ihre Schulter gelegt. Er sah in das ängstliche Gesicht und lächelte, runzelte aber zugleich ein wenig die Stirn. Wenn zwei Mädchen ohne Herrenbegleitung eine Bar betraten, wussten alle anwesenden Herren, was das zu bedeuten hatte. Sie waren sozusagen Freiwild. Anja konnte es nicht wissen. Ihr Gesicht und der Ausdruck ihrer Augen wirkten echt.

»Kommen Sie, ein Tänzchen in Ehren!«

Anja biss sich auf die Lippen. Jetzt, in diesen Sekunden fiel ihr wieder ein, weswegen sie nach hier gekommen waren. Sie stand auf, ihre Knie fühlten sich hölzern an, die Handflächen waren heiß und feucht. Sie spürte Angst in sich hochsteigen, ein Kloß saß in ihrer Kehle. Sie hatte das Gefühl, alle würden ihr nachsehen, während sie zwischen den Tischchen zur Tanzfläche ging. Wie nackt kam sie sich vor.

Er tanzte gut. Mittelgroß, von gewinnendem Äußeren, irgendwie sympathisch war er. Ein fast väterlicher Typ. Ja, ihr Vater hätte er sein können. Sie sprachen fast nichts miteinander. Das Mädchen musste sich konzentrieren, um nicht aus dem Takt zu kommen.

»Sie sind zum ersten Mal hier?«

Sie sah ihn kurz an, überlegte schnell und schüttelte den Kopf.

»Ach wo«, sagte sie möglichst gleichgültig.

»Na, ich dachte es zu Anfang, aber wenn das so ist, dann werden wir bestimmt noch zusammen einen vergnüglichen Abend verbringen. Sie erlauben doch, dass ich mich ein wenig um Sie kümmere?«

Anja sah ihn von unten herauf an. Bevor sie eine Antwort geben konnte, war der Tanz zu Ende. Sie gingen zum Tisch zurück. Sybille saß mit ihrem Tänzer schon dort. Und auch der andere nahm Platz. Sie stellten sich vor, aber sie behielten nur die Vornamen Peter und Klaus. Einfachheitshalber blieben sie auch gleich dabei. Es waren Geschäftsfreunde, die sich von ihrer Arbeit erholen wollten.

Der Kellner kam, und die Herren bestellten. Als Anja einen Blick auf die Karte warf, wäre sie bald zusammengezuckt. Aber Sybille trat ihr noch rechtzeitig auf den Fuß.

Der Sekt prickelte wie flüssiges Feuer durch ihre Adern. Sie kam in eine ausgelassene Stimmung. Alles hinter sich lassend, alles vergessend. Den grauen Alltag! Sie sah nur die Lichtpunkte im Dunkeln. Sie tanzte ausgelassen, es war einfach toll. Die Männer lachten nur. Sybille war wie ausgewechselt. Anja kannte ihre Nachbarin nicht mehr wieder. Wie ein schillernder Schmetterling schwebte sie durch den Raum. Sie hatte viele Tänzer, und sie rissen sich um das Mädchen. Aber zwischendurch kam sie immer wieder an ihren Tisch zurück, goss den Sekt wie Wasser in sich hinein und lachte aus vollem Hals.

Einmal befanden sie sich zufällig zusammen im Waschraum. Sybille schminkte sich nach, und Anja wusch sich die Hände.

»Na, was habe ich dir gesagt, ist ein Spaß oder nicht?«

»Toll, ja, wenn man reich ist, dann kann man sich das alles leisten!«

»Wieso? Wir sind es nicht und leben auch so, zumindest heute Abend. Wir sind hübsch und lustig, und das gefällt den Männern. Also, verkaufen wir unsere Schönheit! Jeder verkauft irgendetwas, man muss nur den rechten Ort und die richtigen Menschen treffen.«

Klaus, ihr Partner, wartete schon ungeduldig auf sie. Sie gingen zur Bar, und er hob sie auf den Hocker. Er legte den Arm um ihre Schultern und streichelte ihre runden Knie.

»Was möchte mein Mäuschen denn jetzt trinken?«

Anja lehnte sich für einen Augenblick an ihn. Die Regale begannen vor ihren Augen zu tanzen und zu kreisen. Ich darf nichts mehr trinken, dachte sie.

»Ich weiß nicht!«, murmelte sie.

Klaus gab eine Bestellung auf. Kurze Zeit später stand ein winziges Glas mit einer giftgrünen Flüssigkeit vor ihr.

Als sie es in sich hineingoß, glaubte sie zu verbrennen. Wenn Klaus sie nicht gehalten hätte, wäre sie glatt von dem Hocker gekippt. Sie hustete und bekam kaum noch Luft.

»Was war denn das?«, keuchte sie nach geraumer Zeit.

»Teufelswasser, eine Spezialität des Hauses«, lachte Klaus. »Ich dachte, du würdest es schon kennen?«

»Igitt, igitt, ich bin wie ausgehöhlt. Komm, lass uns zum Tisch zurückgehen! Ich halte es hier nicht mehr aus!«

Sofort war er an ihrer Seite. Er legte beschützend den Arm um sie und führte sie. Anja glaubte, wie eine Elfe durch den Raum zu schweben. Aber sie hatte arge Last mit ihren Füßen. Sie kamen sich immer in die Quere.

»Du bist ja betrunken«, sagte Sybille streng.

»Nein, bloß mein Kopf wackelt so schrecklich.«

»Ich glaube, wir sollten das Lokal wechseln«, meinte Peter und zog Sybille an sich. »Na, was hältst du von einem kleinen Ruhestündchen? Das dürfte auch deiner Freundin guttun.«

Sybille verstand, das waren die Worte zum eigentlichen Geschäft! Sie krümmte ihren kleinen Finger und drohte ihm neckisch.

»Du kannst es wohl nicht abwarten, wie?«

»Warum sollte ich! So hübsche Mädchen wie euch findet man bei uns nicht! Wie hoch ist der Kurs?«

»Wie üblich für einen Abend.«

»Also wieviel?«, fragte Klaus.

»Meine Herren, ich sehe, Sie kommen selten in die Kreisstadt und kennen unsere Taxe nicht. Hundert für jede.«

»In Ordnung!«, kam es ohne Zögern zurück.

Sie standen alle auf.

 

 

3

Anja hatte wortlos zugehört. In ihrem Kopf schien plötzlich ein Bienenschwarm zu nisten. Das Denken fiel ihr schwer. Jetzt mussten sie aufstehen. Die Männer bezahlten die Rechnung. Es war nicht wenig, was sie auf den Tisch blättern mussten. Aber seltsamerweise störte sie es nicht, sie hielten das für selbstverständlich.

Für Anja war ein neues Leben angebrochen. Das frühere hatte sie wie ein altes Kleid von sich gestreift. Alles lag so weit zurück. Gab es noch die alte Anja? Sie kicherte vor sich hin, als sie die Stufen hinunterstolperte. Klaus musste sie stützen.

»Sieh mal, die Laternen wackeln hin und her!«

Wie aus dem Nichts hingezaubert stand plötzlich ein Taxi vor ihnen. Sie stiegen ein, und Anja kuschelte sich gemütlich in die Polsterecke. Irgendwo war Sybille, aber es war ihr egal, was sie machte. Das Blut brauste durch ihre Adern.

Klaus zog das schlanke Mädchen an sich und begann es zu küssen. Er hatte Erfahrung in diesen Dingen, und sie spürte die Erregung in sich aufsteigen. Sie erwiderte diesen Kuss und lächelte vor sich hin. Er schloss sie in seine Arme, sein Atem ging erregt, auch er war von ihr angezogen.

»Wohin fahren wir?« War das noch ihre Stimme?

»Zum Hotel, später bringe ich dich nach Hause, einverstanden?«

Irgendwo war doch etwas gewesen, dumpf fühlte sie eine Frage in sich hochsteigen. Aber sie war so müde und überließ sich lieber den Liebkosungen des Mannes.

Es war das größte und teuerste Hotel in der Stadt. Sie stiegen aus und gingen durch die Halle. Anja wunderte sich, dass um diese Zeit noch so viele Menschen unten waren. Sie kamen und gingen, niemand schien sich um die Männer zu kümmern. Der Nachtportier reichte ihnen wortlos die Schlüssel. Er hatte viel zu tun. Die Gäste mussten selbst wissen, was sie taten. Im Lift sah sie Sybille wieder. Sie hatte sich bei Peter eingehakt. Sie sah sie an, die Freundin kniff ein Auge zu.

Dicke Teppiche verschluckten jedes Geräusch auf den Gängen. Da war eine Tür, und dann war sie plötzlich mit Klaus allein. Seltsam, plötzlich erwachte sie und sah alles ganz deutlich vor sich. Sie befand sich mit einem fremden Mann in einem fremden Zimmer.

Werner! Eiskalt lief es ihr den Rücken herunter. Nein, sie wollte es nicht, sie war nicht so eine, sie musste es ihm sagen, jetzt, sofort, sie wollte nach Hause! Sie müsste schreien, wenn er sie anrühren würde.

Das Geld! Wie das Herz pochte! Wie sich die Nerven zusammenzogen! Warum fand sie nicht den Mut zu fliehen? Jetzt konnte sie es noch. Wo war der Mann überhaupt? Er war nicht im Zimmer. Sie sah die Doppelbetten, weiß und weich schimmerten sie im warmen Schein der Lampe.

Hinter ihrem Rücken ging eine Tür, und sie drehte sich um. Klaus kam aus dem Badezimmer. Er war nackt! Vollständig nackt! Wie anders er plötzlich aussah. Das Mädchen schluckte, die Augen quollen ihr bald aus den Höhlen. Ein pelziger Geschmack war in ihrem Mund. Krampfhaft umklammerte sie ihre kleine Handtasche. Ein hilfloses Lächeln schwebte auf ihren Lippen.

Wenn sie doch nicht so ein Schwindelgefühl hätte. Der Boden schwankte unter ihren Füßen. Klaus kam näher, sie sah die nackten Füße auf sich zukommen.

»Na, meine Kleine, komm!« Seine Stimme war weich und zärtlich. Er streckte seine Hände nach ihr aus. Die Handtasche fiel zu Boden. Sie fühlte nur seine erfahrenen Hände. Ein Zittern war in ihren Gliedern. Er nahm sie in seine Arme und küsste sie so lange, dass sie glaubte, zu ersticken. Die Sinne schwanden ihr. Sie fühlte nur noch das heiße Begehren des Mannes, mehr nicht. Und das Feuer sprang auf sie über.

Der Mann entkleidete sie behutsam und geschickt. Nun stand sie nur noch im Höschen vor ihm. Er nahm sie in seine Arme und trug sie zum Bett. Willenlos ließ sie alles mit sich geschehen. Er küsste ihre Augen, ihre Lippen, den Hals, die Brüste, ein Verlangen stieg in ihr hoch. Überall waren seine Lippen. Sie stöhnte lustvoll auf. Sie konnte nicht genug davon bekommen. So hatte sie es noch nie erlebt. Sie schwebte im siebten Himmel.

Klaus spürte, dass sie noch neu war im Geschäft. Sie kannte noch keine Raffinessen. Sie war noch unerfahren wie ein Kind, auf der Suche nach einem Abenteuer, um sich dabei den Männern preiszugeben. Einen Augenblick hatte er Mitleid mit dem jungen Ding. Es hätte seine Tochter sein können. Aber er bezahlte ja dafür. Warum sollte er da noch Gewissensbisse haben?

Er streifte das Höschen ab und nahm sie zärtlich und wild. Sie schrie auf, klammerte sich an ihn, stöhnte, fiel in einen tiefen Abgrund. Anja hatte jedes Gefühl für den zeitlichen Ablauf verloren.

Als sie wieder erwachte, lag der Mann ruhig an ihrer Seite. Er hatte sich auf einen Arm gestützt und rauchte. Dabei sah er ihr ins Gesicht. Sie schlug die Augen nieder und errötete. Nackt lag sie vor ihm, und er streichelte ihre zarten Brüste.

»War es schön?«

Anja blieb starr liegen. Nun war es doch geschehen! Sie wollte aufspringen und sich vor ihm verbergen. Sie schämte sich entsetzlich. Sie ertrug ihn nicht mehr, sie kam sich so niedrig vor. Mit ihren Händen bedeckte sie ihre Blöße. Als er sie wild an sich ziehen wollte, stieß sie ihn von sich.

»Lass mich!« Ihre Stimme klang spröde.

Sofort ließ er sie los. Sie sprang auf und lief ins Badezimmer. Ich muss mich reinwaschen, dachte sie, rein von dem allem da! Sie stellte sich unter die Dusche und rieb sich wie verrückt. Aber das schale Gefühl verging nicht. Kalt rieselte das Wasser über ihren Körper. Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Bin ich noch dieselbe? Ich muss mich doch verändert haben. Man muss es mir doch ansehen können. Nein, nichts hatte sich geändert, nichts, nur ihr Gewissen würde jetzt schlagen. Fast hätte sie geweint.

Die Kleidung lag im Schlafzimmer. Sie musste also noch einmal zu ihm hinaus und sie holen. Anja wickelte sich in das Badetuch und verließ den Raum.

Er stand am Fenster und rauchte. Er trug einen dunkelroten Bademantel. Hastig griff sie nach ihren Sachen und floh wieder ins Badezimmer. Fort, nur fort, dieser Gedanke beherrschte sie noch.

Plötzlich ging die Tür auf, und er kam herein. Sie starrte ihn an, Angst flackerte in ihren Augen.

»Nicht wahr, du machst es zum ersten Mal?«

Sie senkte den Kopf.

»Ich will fort, nach Hause.«

»Das kannst du auch, ich halte dich nicht zurück. Ich wollte dir nur sagen, du warst wunderbar. Du hast mir eine zauberhafte Stunde beschert, und ich werde lange an dich denken, wirklich. Ich sage das nicht so daher. Aber darf ich dir einen Rat geben?«

Sie zuckte mit den Schultern, schielte zur Tür.

»Lass davon ab, Anja, tu es nicht wieder! Diesmal hast du mich getroffen, und ich meine es nur gut mit dir. Ich werde dich nicht mehr wiedersehen, und was war, das wirst du schnell vergessen. Mach es deiner Freundin nicht nach! Du weißt nicht, wohin das führen kann. Du wirst in den Abgrund gleiten, wenn du nicht zurückkehrst. Ungestraft kommt ihr nicht davon. Merke dir meine Worte! Geh in dein altes Leben zurück, bleib brav! Das süße Leben, es sieht so schillernd und verlockend aus, aber das ist alles nur Fassade, mehr nicht. Was dahintersteckt, Mädchen, will ich dir nicht sagen, ich will dich nicht erschrecken.«

Sie sah ihn groß an. Sie spürte, er meinte es wirklich ehrlich mit ihr. Er hatte eine so ernste Stimme. Langsam ging er durch den Raum, kam wieder zurück, blieb vor ihr stehen und steckte ihr zwei blaue Scheine in den Büstenhalter. Sie wollte aufschreien, das Geld auf die Erde werfen. Wenn sie Geld nahm, dann war sie doch eine Nutte! Ohne Geld war man nur eine Geliebte. Aber sie brauchte ja das Geld. Es brannte auf ihrer Haut.

Tränen schimmerten in ihren Augen, als sie aufsah.

»Ich ... ich war in einer Notlage«, stammelte sie.

»Das sagen sie alle!«, sagte er leise. »Versprichst du mir, es nicht wieder zu tun?«

»Ich glaube, ich war verrückt, der Alkohol, das alles, ja, ich war verrückt. Jetzt schäme ich mich entsetzlich. Was müssen Sie nur von mir denken?«

»Ich denke nur, dass du noch umkehren kannst, und dass du an meine Worte denken wirst!«

»Ja, das werde ich. Ich will sowieso nicht mehr mitmachen. Ich mag es nicht!«

»Brav!«

Sie ging zur Tür.

»Soll ich dich nach Hause bringen?«

Anja lächelte. »Danke, aber ich möchte lieber allein gehen. Es ist besser so. Vielen Dank!«

Er fasste sie bei den Schultern und küsste ihre Stirn.

»Ich habe zu danken.«

Sie verließ das Zimmer, betrat den Lift und schwebte nach unten. In diesen Stunden war sie reif geworden. Ganz anders fühlte sie sich. Sie hatte ein Erlebnis gehabt, aber das war es nicht. Sie dachte an den Mann zurück.

In der Halle traf sie auf Sybille. Sie saß in einer Ecke und schien auf sie gewartet zu haben.

»Ich dachte schon, du würdest überhaupt nicht wiederkommen. Na, wie war es denn?«

»Ich möchte nach Hause, ich bin müde.«

»Natürlich, aber komm, erzähl doch mal! Hattest du auch so ein komisches Gefühl? Ich meine, als ich es das erste Mal tat, war es so, und dann war alles so einfach. Damals hatte ich einen tollen Kerl. Die ganze Nacht hatten wir es getrieben. Oder hat er vielleicht Sonderwünsche gehabt?« Sie sah sie lauernd von der Seite an.

Anja ging schweigend durch die nachtstillen Straßen. Der Gang tat ihr wohl. Das Gerede der Freundin perlte wie Wasser an ihr ab.

»Warum schweigst du?«

»Ich habe Kopfschmerzen, verzeih mir!«

»Du bist gut, da musst du es aber toll getrieben haben. Na ja, wir hatten auch unseren Spaß. Hab’ ich dir nicht gesagt, wie leicht man Geld verdienen kann? Du hast es doch bekommen, oder?«

»Ja, er hat es mir gegeben.«

»Mein Gott, Anja, gesprächig bist du auch nicht.«

»Ich sagte dir doch, dass ich Kopfschmerzen habe!«

Es ging schon auf sechs Uhr zu, als sie endlich ihre Wohnungen erreicht hatten. Sie ging mit in die Wohnung der Freundin. Sie musste sich ja noch umziehen. Erst als sie wieder ihre alte Kleidung anhatte, fühlte sie sich sicher und wohl. Sie war in das bürgerliche Leben zurückgekehrt. Der Abend und die Nacht zogen in Bildern an ihr vorüber. War es nicht nur ein Traum gewesen?

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930023
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493491
Schlagworte
redlight street leben

Autor

Zurück

Titel: REDLIGHT STREET #46: Als das süße Leben lockte