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Geschäfte in Sachen Tod: Ein Jack Braden Thriller #9

2019 143 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Geschäfte in Sachen Tod

Copyright

Die Hauptpersonen:

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Geschäfte in Sachen Tod

Ein Jack Braden Thriller #9

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 143 Taschenbuchseiten.

 

Der Privatdetektiv Jack Bradon soll für Miguel Lazaro Morales, dem Militärattaché der Guanama Botschaft in New York, eine Million Dollar wiederfinden, die seine Kuriere ihm nicht übergeben haben. Bradon erfährt, dass die beiden Männer ermordet wurden. Daraufhin sucht er Morales auf und wird von einem Unbekannten bewusstlos geschlagen.

Als Bradon wieder zu sich kommt, erfährt er, dass Morales ebenfalls ermordet wurde und er für die Polizei der Mörder ist.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen:

Miguel Lazaro Morales - vermisst eine Million

Jack Braden – Privatdetektiv, soll für Morales die Million finden

Garfield Sackville - bietet Waffen

Jimenez Verde - soll sie bezahlen

Rosario Rayon - seine Verlobte, ist anderer Ansicht

Patrick Lewis - gerät in einen Sumpf

Brook Sylvester - kommt auch in Nöte

 

 

1

Der Rolls Royce Phantom mit der Mulliner Spezialkarosserie stand schon seit zwanzig Minuten wie ein großer, schillernder Käfer im Licht der Abendsonne am Quai. Der glatte, chromblitzende Kühler ragte überheblich in die Gegend — und das mit einem gewissen Recht. Er hatte fast 20 000 Dollar gekostet, dieser Wagen, mehr Geld als ein Durchschnittsverdiener am Lebensabend auf seinem Sparkonto liegen hat. Es stank geradezu nach Geld, dieses hochpolierte Ungeheuer, das für die Prominenz reserviert war. Er war auch etwas ganz Besonderes, etwas Hochfeines, dieser Rolls Royce. Sein Ursprung ging nicht — wie der der meisten Autos — auf ein Fließband zurück, sondern an ihm klebte der Schweiß einer Anzahl ausgesuchter Spezialisten. An den vier Türen allerdings klebten vier verschnörkelte Wappen, von blauweißen Streifen umgeben. Der Wagen gehörte nämlich zur Botschaft Guanamas, genau wie der Chauffeur hinter dem Steuer und der Beifahrer. Der Chauffeur trug eine dunkelblaue Uniform und eine glänzende Schirmmütze, sein Begleiter die gestreifte Hose, silbergraue Weste und schwarze Jacke eines Diplomaten.

Die beiden Männer starrten schweigend zu dem weißen Frachtdampfer hinüber, der vor genau zwanzig Minuten — im gleichen Augenblick, in dem auch der Rolls Royce hier aufgetaucht war — in das Erie Basin in Brooklyn eingelaufen war. Die meisten südamerikanischen Schiffe landeten in Brooklyn. Der Frachtdampfer hieß „Reina de Campeche“, ein sonderbarer Name, wenn man bedenkt, dass der Golf von Campeche zu Mexiko gehört und nicht zu Guanama.

Die beiden Männer sprachen nicht miteinander. Ihre Blicke glitten immer wieder zu der Uhr auf der Walnussfurnierung des Armaturenbretts zurück, die gedämpft tickte. Sie sahen gelangweilt und dennoch ein wenig nervös aus, diese Männer.

„Da sind sie!“, erklärte plötzlich der Lange in dem Diplomatenanzug und sah bedeutungsvoll zum Fallreep hoch, wo zwei Männer in hellen Tropenanzügen erschienen. Diese beiden Männer machten den Eindruck, als gehörten sie zu dem Rolls Royce. Sogar aus der Entfernung sahen sie gewichtig aus. Der Captain der „Reina de Campeche“ schüttelte ihnen die Hand, und dann kletterten sie das Fallreep hinunter. Einer von ihnen war untersetzt und wohlgenährt. Am kleinen Finger seiner linken Hand blitzte ein Brillant von Erbsengröße. Mit der rechten Hand trug er einen schweinsledernen Koffer, der aussah, als käme er direkt aus dem Laden. Sein Begleiter war um einen ganzen Kopf größer und wesentlich schlanker, aber auch er hatte die olivenfarbige Haut der Südländer und dunkle, temperamentvolle Augen, die vermuten ließen, dass in seinen Adern das Blut der Ureinwohner Guanamas — der Mayas — floss.

Die Begrüßung zwischen dem Quartett war für Südländer erstaunlich kühl. Der Chauffeur wurde kaum eines Blickes gewürdigt, während sich die anderen gegenseitig die Hände schüttelten und ein paar höfliche — aber belanglose — Worte tauschten.

Erst als der Chauffeur nach dem Koffer greifen wollte, verschwand die Höflichkeit ziemlich rasch. Mit einem Schwall Spanisch fuhr ihn der kleine Dicke an, zwängte sich samt dem Koffer auf den Rücksitz des Luxuswagens und nickte dann seinem Begleiter zu, ebenfalls einzusteigen. Das tat der schließlich auch und ließ sich mit einem Seufzer der Erleichterung in die Polster gleiten. Trotz des Koffers blieb dabei noch immer erstaunlich viel Platz in dem Wagen, der auch dann nur halb besetzt wirkte, als der Chauffeur samt seinem Beifahrer auf den vorderen Sitzen saßen.

Wie gesagt, dieser Rolls Royce war ein ganz besonderes Stück. Zwischen dem Chauffeur und seinen Passagieren befand sich eine gläserne Trennwand, die den Fahrgästen eine ungestörte Unterhaltung erlaubte, ohne dass dabei ein Geheimnis belauscht werden konnte. Zur Verständigung mit dem Fahrer gab es eine Sprechanlage, die je nach Wunsch abgeschaltet werden konnte. Das war sie jetzt auch.

Die gläserne Trennwand war allerdings nicht der Grund dafür, dass vom Lärm des Motors nichts zu hören war. Dafür sorgte eine ausgezeichnete Schalldämpfung und der Motor selbst, der fast ohne Vibrieren lief.

Auch als sich das Tempo des Wagens steigerte, änderte sich daran nichts. Im Vordersitz konnte man noch immer das gedämpfte Ticken der Uhren hören. Es waren genau 25 Minuten verstrichen, seitdem die „Reina de Campeche“ in Brooklyn eingelaufen war. Der Rolls Royce ließ die Docks hinter sich und bog auf den Gowanus Expressway ein. Noch immer hatte sich zwischen den vier Männern keine Konversation entwickelt. Es schien beinahe, als handle es sich um eine Versammlung Taubstummer.

Am Eingang zum Brooklyn Battery Tunnel hielt der Luxuswagen an. Der Beifahrer im Diplomatenanzug reichte die 35 Cent Tunnelzoll aus dem Fenster, nahm den Schein in Empfang, und dann schaukelte der Rolls Royce auf weicher Federung in den gekachelten, hell erleuchteten Schlauch des Tunnels. Der Chauffeur warf einen Blick in den Rückspiegel. Es folgte ihnen kein Wagen. Es dauerte genau zwei Minuten, bis sie den Buttermilk Channel hinter sich gelassen und den Miller Highway an der Südspitze Manhattans erreicht hatten. Der Fahrer beugte sich nach vorne und drückte eine Taste nieder. Dann nickte er seinem Begleiter zu. Der griff in die Tasche und brachte ein Gazesäckchen zum Vorschein. Nach einem zweiten Blick in den Rückspiegel nickte der Chauffeur wieder.

Zwischen den beiden Vordersitzen des Rolls Royce ragte das Ende eines dickbauchigen Rohres hervor, das durch eine Gummikappe verschlossen war. Der Diplomat entfernte die Gummikappe und hängte das Gazesäckchen in die Öffnung, aber er ließ es nicht aus seinen Fingern.

„Jetzt!“, befahl der Chauffeur nach einem raschen Blick auf die Uhr.

Fast im gleichen Augenblick, als der Diplomat das Säckchen aus den Finger rutschen ließ, stülpte er die Gummikappe auch wieder über das Rohrende. Es war ein luftdichter Verschluss, und der ganze Apparat war eine Spezialausrüstung, die nicht durch Mulliners oder Rolls Royce für dieses oder irgendein anderes Fabrikat geplant war.

Jetzt drehte sich der Diplomat um und starrte durch die Scheibe. Die beiden Fahrgäste blickten ihn überrascht an. Der Dicke beugte sich nach vorne und griff nach der Sprechanlage.

„Que passa?“, fragte er.

Aber noch bevor er eine Antwort erhielt, röchelte er plötzlich und wollte die Hände zum Gesicht hochreißen. Es gelang ihm nicht mehr, so wenig es seinem Begleiter gelang, die Tür des Rolls Royce aufzureißen. Es hätte auch nichts genützt. Die Türen ließen sich nicht von innen öffnen, dafür hatte der Chauffeur schon längst gesorgt. Ein paar Sekunden lang drang nichts als ein Stöhnen durch die Sprechanlage, bis der Chauffeur sie ausschaltete.

Der Lange war noch vorn auf das Gesicht gefallen und lehnte mit dem Kopf gegen die Trennwand. Dann kippte auch der Dicke seitlich um, und seine verquollenen Augen starrten genau in das Gesicht des Diplomaten, der noch immer die Nase an die Trennwand gepresst hatte.

„Jalousien!“, flüsterte der heiser und konnte den Blick nicht von den bewegungslosen Figuren wenden. Wieder beugte sich der Chauffeur über das Armaturenbrett, das mehr der Schaltkanzel eines modernen Düsenjägers ähnelte, und legte einen Hebel um. Mit einem leisen Schnurren senkten sich Jalousien an den Fenstern des Rolls Royce und versperrten die Sicht auf die beiden Männer im Fond.

„Glaubst du, dass sie schon tot sind?“, knurrte der Lange im Diplomatenanzug.

Der Chauffeur nickte.

„In einem geschlossenen Raum wie hier wirken die Blausäuredämpfe fast sofort. Noch schneller als in der Hinrichtungszelle von St. Quentin. Ich habe die zweiprozentige Schwefelsäure selbst eingetrichtert, und die Zyanid-Kugeln sind frisch genug, um ihre Wirkung zu tun. Aber zur Sicherheit entlüften wir erst in fünf Minuten.“

„Kann das nicht für uns gefährlich werden?“

Der Chauffeur starrte seinen Begleiter verächtlich an.

„Ich bin kein Stümper, merk dir das! Wenn ich etwas plane, dann klappt es. Glaubst du, ich hätte diese Möglichkeit nicht schon längst überprüft? Aber wenn du mir nicht glaubst, dann kannst du ja das Fenster öffnen.“

Fast im gleichen Augenblick tauchte vor ihnen der Ausgang des Tunnels auf. Die beiden Männer richteten die Blicke stur nach vorne, als sie an der Sperre vorbeifuhren. Der Streifencop, der sein Motorrad an der Insel geparkt hatte, blickte beeindruckt hinter der funkelnden Limousine her.

„Was machen wir, wenn jetzt ein Cop auf den Gedanken kommen sollte, in den Wagen zu blicken?“

Der Chauffeur blies verächtlich durch die Nase.

„Mit deinen Nerven hättest du dich nie in ein Millionengeschäft einlassen sollen, Pedro. Du bist imstande und legst mir jetzt den schönsten Herzanfall aufs Parkett. Dabei ist wirklich jede Sorge überflüssig. Seit wann kümmert sich die Polizei um einen Rolls Royce, der zum Corps diplomatique gehört und nicht gerade gegen die Geschwindigkeitsregeln verstößt? Und davor werde ich mich hüten.“

Damit bog er auf den Miller Highway ein, der am östlichen Ufer des Hudsons nach Norden führt. Sie fuhren schweigend weiter, und erst als sie am Eingang zum Lincoln Tunnel vorüber fuhren, schaltete der Chauffeur die Ventilationsanlage ein. Er ließ sie auch noch laufen, als sie an der 40. Straße von dem Highway abbogen. Dann ging es wieder nach Süden, bis sie schließlich in einer Seitenstraße vor einem schmalbrüstigen Haus anhielten und wenige Augenblicke später in einen dunklen Hinterhof fuhren. Dort gab es einen Schuppen, in dem außer einer langen Werkzeugbank nur noch ein VW-Bus stand.

Der Chauffeur lenkte seinen Rolls Royce vorsichtig in den Schuppen, bevor er anhielt. Dann stieg er aus und wartete, bis sein Begleiter die Türen hinter sich geschlossen hatte. Mit ein paar raschen Schritten hatte er die Werkzeugbank erreicht und fischte zwei Gasmasken hervor.

„Jetzt betrachten wir uns erst einmal die Señores und den Inhalt ihres Koffers“, schlug er vor. „Stülp dir lieber zur Sicherheit die Gasmaske über den Kopf!“

Sein Begleiter gehorchte wortlos. Dabei zitterten seine Hände allerdings. Dagegen wirkte der Chauffeur mit dem nasalen britischen Akzent, den er jetzt nicht mehr zu verbergen suchte, eiskalt und methodisch. Ihm machten auch die beiden reglosen Figuren auf dem Rücksitz des Rolls Royce nichts aus. Er beugte sich kurz über die beiden, griff nach ihren Handgelenken und erkannte mit erfahrenem Blick, dass sie tot waren. Damit war sein Interesse an ihnen schon wieder erloschen. Dafür griff er jetzt nach dem schweinsledernen Koffer. Die Schlüssel dazu fand er in der Uhrentasche des Toten. Eine Minute später hob er den Deckel und streifte sich die Gasmaske ab. Das braungebrannte Gesicht mit den kühlen grauen Augen zeigte zum ersten Mal einen begeisterten Ausdruck. Der Koffer enthielt nur säuberlich verpackte Bündel. Erst als der Engländer die Umhüllung von einem Bündel riss, wirkte die Begeisterung ansteckend. Es waren nämlich Banknoten, und der Kofferinhalt ein Vermögen in amerikanischer Währung.

„Eine Million, Pedro“, sagte der Chauffeur mit der englischen Aussprache zufrieden. „Eine Million — und wenn ich mich nicht täusche, dann ist das erst die Hälfte des Verdienstes.“

Sein Begleiter griff nach einem weiteren Bündel und riss es mit zitternden Händen auf.

„Hätte nie geglaubt, dass wir es wirklich schaffen würden“, keuchte er. „Und hier ist es, ein ganzes Vermögen!“

Der Engländer lächelte überlegen und nahm ihm das Bündel aus der Hand.

„Du hast eben zu wenig Vertrauen in deine Mitmenschen, Pedro. Man braucht weiter nichts als ein wenig Glück, ein wenig Organisationsgeist und die richtigen Nerven. Aber jetzt haben wir noch eine Menge zu tun. Wir müssen die beiden Señores ververschwinden lassen und diesen teuren Wagen wieder abliefern, bevor jemand auf den Gedanken kommt, wir hätten uns das auffällige Stück nur ausgeliehen, um damit eine Vergnügungsfahrt ins Grüne zu unternehmen.“

Dann stülpte er sich die Gasmaske wieder über das Gesicht, um die Blechwanne mit ihrer giftigen Mischung abzumontieren und die beiden Toten in den Volkswagen-Bus zu packen. In zwei Stunden würde es nichts mehr geben, das sie mit diesem Verbrechen verband. Nur ein Koffer voll Geld, und der konnte keine Aussage machen.

 

 

2

Jack Braden hatte weiter nichts zu tun, als sich mit einem Kreuzworträtsel zu befassen. Es war jetzt schon das dritte. Die Tatsache, dass er der Leiter und Besitzer des Braden Detective Institutes war, trug nichts zur Lösung dieses Kreuzworträtsels bei. Er war geistig nicht gerade beschränkt, aber den Namen des Parlaments der Insel Man kannten vielleicht ihre Bewohner, Jack Braden jedenfalls nicht. Am Ende entschloss er sich zum Mogeln.

Sunny war damit beschäftigt, ihre Schreibmaschine zu reinigen. Was an Briefen diktiert worden war, hatte sie schon längst getippt. Sie fand die Langweile fast unerträglich.

„Eigentlich sollten Sie heute zum Friseur gehen, Sunny“, schlug Jack Braden vor. „Dann brauchen Sie bei der nächsten Sturm- und Drangzeit nicht deshalb auszufallen.“

Sunny blickte ihn kühl an.

„Vielleicht darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich meinen wöchentlichen Besuch beim Friseur gestern abgestattet habe. Das könnte auch ein Mann mit Durchschnittsintelligenz leicht feststellen. Was suchen Sie überhaupt in meinem Schreibtisch?“

Jack Braden blickte sie reumütig an.

„Das Lexikon. Im Übrigen sieht Ihr Haar immer so aus, als seien Sie eben beim Friseur gewesen. Ich weiß gar nicht, warum Sie Ihr sauer verdientes Geld aus dem Fenster werfen, wenn es gar nicht nötig ist.“

Sunny nickte ernsthaft.

„Zur Abwechslung schließe ich mich Ihrer Meinung an, Jack. Übrigens ist das Lexikon in der dritten Schublade ganz hinten. Denn es ist wirklich Geldverschwendung, wenn ich mich für die Braden-Detektei schön machen lasse, ohne dabei Sie oder die Kunden zu beeindrucken.“

„Ich bin beeindruckt“, meinte Jack abwesend, während er das Lexikon herausfischte und darin blätterte.

„Es reicht aber anscheinend nicht aus, um Sie zu einer Gehaltserhöhung anzuregen. Haben Sie noch nie davon gehört, dass die Unterhaltskosten für ein lediges Mädchen dauernd steigen?“

Unter dem Stichwort ,Man‘ stand nichts über das Insel-Parlament im Lexikon. Jack grinste seine Sekretärin an.

„Gehört habe ich davon allerdings schon öfters etwas, aber ich kann nichts unternehmen. Falls Sie es nicht gemerkt haben sollten, hat seit drei Tagen kein einziger Kunde seine Nase in unsere Bude gesteckt. Am Ende der Woche stehe ich wahrscheinlich vor der Pleite.“

„Ich weine für Sie.“

„Sie und weinen! Das möchte ich mal sehen. Übrigens können Sie Ihrem Übel leicht Abhilfe schaffen. Heiraten Sie einfach! Nach Möglichkeit einen Mann, der schwer verdient und der Bedarf an einem Privatdetektiv hat. Dann sind Sie und ich unserer Sorgen enthoben.“

Sunny kräuselte ihre Nase.

„Soweit geht die Liebe zu dieser Firma denn doch nicht, dass ich heirate, nur um Ihnen einen Kunden zu verschaffen. Außerdem tauge ich nicht für die Ehe. Ich verstehe mehr von einer Schreibmaschine und einer Geschäftskartei als von einem Backofen oder einem Staubsauger. Übrigens kann es sich bei unserer Flaute nur um ein zeitweiliges Problem handeln. Tony Gilford steckt bis über beide Augenbrauen in der Arbeit. Vielleicht fällt dabei etwas für uns ab. Sie sollten ihn einmal anrufen.“

Jack schüttelte den Kopf.

„Tony ist gewohnheitsmäßig mit Arbeit überhäuft. Außerdem zahlt das FBI weniger, als Sie bei mir verdienen. Auf diese Weise werde ich nicht reich. Trotzdem werde ich Tony anrufen müssen. Er ist ja ein Experte für England.“

Sunny ließ die Augenbrauen hochklettern und sah auf einmal recht interessiert drein.

„Sagen Sie nur nicht, Sie hätten sich entschlossen, nach England auszuwandern. Darüber würden sich einige Verbrecher aus vollem Herzen freuen. Wenn Sie das öffentlich kundgeben, dann stiften Sie Ihnen vielleicht sogar die Fahrkarte. Hin natürlich und nicht zurück.“

Jack grinste.

„Den Gefallen tue ich Tony Gilford nicht, dass ich ihm den Weg zu Ihnen so ganz kampflos freigebe. No, ich will lediglich wissen, wie das Parlament der Insel Man heißt.“

Sunny starrte ihn verständnislos an.

„Da kann ich Ihnen leider nicht helfen, Jack, aber wenn es nicht anders geht, dann schaue ich auf dem Heimweg in der New York Public Library vorbei.“

Jack schüttelte den Kopf und steckte das Lexikon wieder zurück.

„Es ist nicht so wichtig, Sunny“, meinte er und schwieg dann erwartungsvoll, weil das Telefon läutete.

„Braden Detective Institute!“, hauchte Sunny in die Muschel.

Plötzlich erheiterte sich Jacks Laune. Vielleicht handelte es sich hier um einen Kunden. Die Witzelei über seine finanzielle Lage war zwar übertrieben, aber er war ein Mann, der eine Beschäftigung brauchte, um zufrieden zu sein.

„Ihr Name, bitte!“

Jack blickte seine Sekretärin gespannt an, deren Stirn sich plötzlich gerunzelt hatte. Dann legte sie eine manikürte Hand über die Muschel und blickte Jack hilfesuchend an.

„Ein Mann möchte Sie dringend sprechen, Jack“, erklärte sie.„Aber er will seinen Namen nicht nennen.“

Jack nickte. Das kam manchmal vor. Jemand fasste genug Mut, um seine Probleme an den Mann zu bringen, aber doch nicht genug, um seine Identität zu offenbaren.

„Schalten Sie auf meinen Apparat durch und hören Sie mit!“, schlug Jack vor. „Wenn sich schon nicht mehr daraus ergibt, dann dürfte eine längere Konversation die Zeit vertreiben.“ Dann sprintete er los und erreichte sein Zimmer genau in dem Augenblick, in dem der Apparat klingelte. Er ließ sich Zeit und streckte die langen Beine erst auf dem Schreibtisch aus, bevor er den Hörer abnahm. In dieser bequemen Lage konnte er besser denken.

„Jack Braden hier.“

„Mr. Braden, hätten Sie Interesse daran, fünfzigtausend Dollars zu verdienen?“ Die Stimme hatte einen ausländischen Akzent, spanisch oder mexikanisch, schätzte Jack.

„Ich könnte mich unter Umständen dazu überreden lassen“, erwiderte er und bemühte sich, seine Erregung nicht zu verraten. Es ging dabei weniger um das Geld, Aber eine Sache, die fünfzigtausend Scheinehen wert war, musste außerordentlich wichtig sein, oder es handelte sich um eine krumme Sache. „Es kommt darauf an, mit wem ich mich unterhalte.“

„Das kann ich Ihnen im Augenblick nicht verraten, aber Sie werden es erfahren, wenn Sie sich an die Aufgabe sofort heranmachen und den Mund halten können.“

Jack Braden stutzte.

„Das hört sich an, als handle es sich um eine ungesetzliche Sache. In diesem Fall muss ich leider darauf verzichten, unter die Großverdiener zu gehen. Ich versichere Ihnen, dass Ihre Geheimnisse bei mir besser aufgehoben sind als in Fort Knox bei den Goldreserven. Klären Sie mich also lieber auf, bevor ich meine Entscheidung treffe!“

„Das ist unmöglich, Mr. Braden. Telefonisch kann ich es wenigstens nicht. Aber ich verspreche Ihnen, dass Sie alles erfahren, wenn Sie sich innerhalb einer halben Stunde mit mir treffen könnten.“

„Es wäre besser, wenn Sie hierherkommen würden.“

„Das geht nicht, Mr. Braden. Ich kann Ihnen diese Sache nur unter vier Augen mitteilen. Können Sie kommen, oder soll ich einen anderen anrufen?“

Jack Braden legte einen Gedankensprint ein. Die ganze Angelegenheit hörte sich höchst sonderbar an. Beinahe so, als wollte ihn jemand in eine Falle locken, um ihn dort auszulöschen. Ein Köder von fünfzigtausend Dollars passte genau zu dieser Vorstellung.

„Wo sollte dieses Treffen stattfinden?“, erkundigte er sich vorsichtig.

„Im Central Park. Fahren Sie zum Teich und warten Sie auf der letzten Bank vor dem Zoo auf mich! Ich setze mich mit Ihnen in Verbindung.“

Jack Braden stutzte. Das hörte sich nicht so an, als wollte ihn jemand in eine Falle locken, um ihn zu ermorden. Dazu war der Grand Central Park ein wenig zu bevölkert. Tagsüber wenigstens.

„Dann habe ich nur noch eine Frage: Wie wollen Sie mich unter ein paar hundert Zoobesuchern erkennen, die auf die Bank zusteuern, um dort die müden Beine von sich zu strecken? No, ich habe eine bessere Idee. Ich fahre in meinem Wagen zum Central Park, aber wir treffen uns in der Fifth Avenue vor dem Frick Museum. Mein Wagen ist ein grauer Porsche Carrera. Von der Sorte gibt es in New York nicht viele, und Sie dürften keine Schwierigkeiten haben, mich zu erkennen. Passt Ihnen das?“

Es gab eine Pause, in der sich der Anrufer anscheinend die Vor- und Nachteile dieses Vorschlags überlegte.

„Ausgezeichnet!“, sagte die Stimme mit der spanischen Klangfärbung dann. „In einer halben Stunde vielleicht?“

„In einer halben Stunde“, erwiderte Jack und legte den Hörer ab. Dabei blickte er recht nachdenklich drein. Er hatte die Beine noch immer auf dem Schreibtisch, als Sunny in sein Zimmer marschierte.

„Gehen Sie nicht hin, Jack!“, sagte sie eindringlich. „Mir gefällt die Sache nicht. Wer bietet einem Privatdetektiv heutzutage schon fünfzigtausend Dollar an, wenn er nicht krumme Sachen im Sinn hat!“

Jack grinste und nahm die Beine vom Schreibtisch.

„Gelten die Sorgen jetzt mir, oder Ihrem zukünftigen Einkommen, Sunny?“, witzelte er. „Stellen Sie sich nur einmal vor, wie oft Sie sich die Haare für fünfzigtausend Dollars wellen lassen könnten! Außerdem habe ich mich ja noch zu nichts verpflichtet. Ich kann noch immer absagen, wenn mir der Vorschlag nicht gefällt.“

„Dann vergeuden Sie nur gutes Benzin“, meinte Sunny störrisch. „Es kann nichts Gutes dabei herauskommen.“

Jack Braden stand auf und legte ihr den Arm um die Schulter.

„Sie machen sich unnütze Sorgen um mich, Sunny. Ich bin ein großer Junge und kann auf mich aufpassen. Gehen Sie jetzt lieber nach Hause! Morgen früh erzähle ich Ihnen, was sich ereignet hat.“

Sunny schüttelte den Kopf.

„Ich verlasse das Büro nicht, bis ich von Ihnen erfahren habe, dass alles in Ordnung ist. Am besten wäre es, wenn ich mitkomme.“

Jack grinste. Es tat seinem Selbstgefühl gut zu wissen, dass sich Sunny um ihn sorgte.

„Lieber nicht. Unter vier Augen will mich unser geheimnisvoller Freund sprechen, und obwohl Sie recht hübsche Augen haben, Sunny, bezweifle ich, dass er sich von Ihnen hinreißen lässt, seine Pläne zu ändern. Ich rufe an, sobald ich etwas Genaueres erfahren habe.“

„Dann nehmen Sie wenigstens Ihre Pistole mit, Jack“, schlug Sunny vor.

Jack schüttelte lächelnd den Kopf.

„Sie sehen jetzt schon an jeder Ecke einen Gangster, der nur auf mich lauert, um mich abzuknallen. Außerdem wissen Sie genau, dass ich nichts davon halte, eine Waffe mit mir herumzuschleppen. Damit würde ich nur andere Leute einladen, mich aufs Ziel zu nehmen. Auch möchte ich den Tauben am Frick Museum keinen Schreck einjagen, in dem ich dort mit einem Schießeisen aufkreuze.“ Dann stelzte er rasch aus seinem Zimmer, bevor Sunny noch weitere Einwände erheben konnte.

 

 

3

Das Frick Museum lag fast verlassen vor ihm, als er den Porsche an den Gehsteig rollen ließ. Anscheinend hatten die Bewohner New Yorks weniger Interesse an Kultur als am Abendbrot. Das Frick Museum enthält eine ausgezeichnete Sammlung europäischer Maler vom 14. bis zum 19. Jahrhundert, aber das ist für das moderne New York schon alter Käse.

Jack blickte auf die Uhr. Er hatte noch zehn Minuten Zeit. Seine Gedanken beschäftigten sich noch immer mit dem Problem, das ihm der unbekannte Anrufer gestellt hatte. Jack Braden war bestimmt keine Niete, aber es kam nicht alle Tage vor, dass ihm eine solche Verdienstmöglichkeit geboten wurde, wie sie der Ausländer angedeutet hatte. Gerade deshalb war er überzeugt, dass sich daraus nichts entwickeln würde.

Fünf Minuten später hatte er die Antwort noch immer nicht gefunden. Dafür aber verdunkelte sich das Fenster des Porsche. Ein massig gebauter Mann mit stahlgrauem Haar und einer grauen Bürste auf der Oberlippe beugte sich herunter und sah Jack forschend an.

„Sie sind Mr. Braden?“ Die Stimme hörte sich ein wenig anders an als am Telefon, aber sie hatte den gleichen Akzent. Jack Braden blickte auf und nickte.

„Richtig. Und Sie müssen der große Unbekannte sein, der mich vor einer halben Stunde anrief und vorschlug, mich mit ihm hier zu treffen. Steigen Sie ein!“

Dem Aussehen nach konnte der Mann Spanier sein, aber der Gabardineanzug passte nur schlecht zu ihm. Er sah aus, als sei er für eine Uniform geboren und fühlte sich ohne sie nicht wohl. Der Haltung nach war er Berufssoldat, genauer gesagt: Offizier. Höherer Rang vermutlich.

„Sie haben dieses Treffen vorgeschlagen, und es geschah vor 25 Minuten, Mr. Braden“, berichtigte er den Detektiv. „Und steigen Sie lieber aus! In meinem Wagen unterhalten wir uns ungestörter. Ich möchte nicht meine eigene Stimme auf einem Tonband hören.“

Jack grinste. Vorsichtig war dieser Mann jedenfalls. Aber trotzdem wünschte er sich einen Augenblick lang, er hätte Sunnys Rat befolgt und eine Pistole mitgebracht. Er winkelte sich aus dem Wagen hoch.

„Gut, dann eben in Ihrem Wagen. Meiner ist zwar nicht mit einem Tonbandgerät ausgestattet, aber das glauben Sie mir wahrscheinlich nicht.“

Der Fremde antwortete nicht. Stattdessen warf er einen vorsichtigen Blick um sich und marschierte los, genau in die 70. Straße hinein und auf einen grauen Chevrolet zu. Jack Braden warf einen Blick auf die Zulassungsnummer des Wagens, erkannte, dass sie eine 8Z-Nummer trug, und wusste Bescheid. Es handelte sich um einen Mietwagen. Wahrscheinlich wollte der Unbekannte seine Identität ein bisschen verschleiern.

Eine Minute später saß Braden in dem Wagen. Auf die Aufforderung seines Gastgebers hin zückte er den Ausweis. Erst als sich der Grauhaarige überzeugt hatte, dass Jack echt war, taute er ein wenig auf. Jack steckte den Ausweis wieder in die Tasche zurück. Als seine Hand wieder zum Vorschein kam, schloss sich die Pranke des Ausländers um sein Handgelenk und hielt es fest.

„Darf ich Sie ersuchen, Ihre Uhr abzunehmen, Mr. Braden?“

Jack grinste und zuckte die Schultern.

„Sie dürfen es, aber Sie werden enttäuscht sein. Es handelt sich dabei nicht um ein Minifon. Ich kann mich auf mein eigenes Gedächtnis genau so gut verlassen wie auf ein Miniaturtonbandgerät.“

Trotzdem prüfte der andere seine Armbanduhr, blickte auch noch hinter Jack Bradens Aufschläge und nickte dann zufrieden.

„Ich hoffe, Sie vergeben mir, aber ich bin eine vorsichtige Natur, und was ich mit Ihnen jetzt erörtern will, ist nur für Ihre Ohren bestimmt. Ich habe Ihr Wort darauf, dass es dabei bleibt?“

Jack Braden nickte.

„Solange es sich nicht um Geheimnisse handelt, die mit den Gesetzen der Vereinigten Staaten in Konflikt stehen, ist jedes Wort gut bei mir aufgehoben. Ich muss allerdings zugeben, dass mir Ihr Verhalten recht sonderbar vorkommt.“

Sein Begleiter nickte und fischte ein Zigarrenetui hervor. Es waren kurze, dunkle Zigarren, wie sie in Kuba und Mittelamerika bevorzugt wurden. Jack Braden winkte ab.

„Gut, dann kommen wir zur Sache“, schlug der Grauhaarige vor, als er die Zigarre in Brand gesteckt hatte und den Wagen mit ihrem beißenden Rauch füllte. „Sie wundern sich, dass ich mich so geheimnisvoll benehme und Ihnen nicht einmal meinen Namen preisgebe. Dafür gibt es gewisse Gründe, die Ihnen wahrscheinlich später klar werden. Sie sind also daran interessiert, die vorgeschlagene Summe zu verdienen?“

„Erzählen Sie mir lieber ein wenig mehr darüber, bevor ich mich entscheide“, meinte Jack. „Mein Interesse ist doch durch meine Gegenwart schon offensichtlich.“

Der Grauhaarige nickte.

„Sie können mich Miguel nennen. Meinen wahren Namen kann ich Ihnen nicht verraten. Bei den 50 000 Dollar handelt es sich um eine Belohnung für das Wiederbeschaffen einer Summe, die unter sonderbaren Umständen verschwunden ist. Genauer gesagt, es handelt sich um den fünfprozentigen Satz, der in solchen Fällen gezahlt wird.“

Jack Braden pfiff durch die Zähne.

„Wollen Sie damit sagen, dass ich eine Million finden soll, die jemand in der Eile verlegt hat?“

Der Mann, der sich Miguel nannte, nickte ernst.

„Um eine Million Dollar, Mr. Braden. Diese Summe wurde allerdings nicht verlegt, sondern sie ist verschwunden. Ich nehme an, dass sie gestohlen wurde.“

Jack Braden nickte.

„Eine Vermutung, die mir einleuchtet. Können Sie mir etwas über die näheren Zusammenhänge verraten?“

Miguel zögerte einen Augenblick und blickte ihn forschend an.

„Es handelt sich um eine Geldsendung aus einem mittelamerikanischem Land. Ich kann Ihnen nicht verraten, um welches Land es sich dabei handelt. Fest steht nur, dass diese Geldsendung unter der Betreuung zweier Männer gestern in New York eintraf. Seitdem sind die beiden Männer und das Geld verschwunden.“

„Und ich soll es finden. Eine Million und dazu zwei Männer, von denen ich nichts weiß und vermutlich nichts erfahren soll. Tut mir leid, aber auf diese Art werden Sie nichts von Ihrem Geld wiedersehen, Miguel, oder wie Sie sonst heißen. Ich muss schon ein wenig mehr über die ganze Angelegenheit erfahren. Ich bin ja schließlich kein Hellseher. Zum Beispiel würde es mich interessieren, warum zwei Männer eine Million in Bargeld nach New York bringen sollten. Gibt es denn in diesem namenlosen mittelamerikanischen Land keine Außenhandelsbanken?“

Der Grauhaarige antwortete nicht. Stattdessen qualmte er wie ein Kaminschlot und furchte die Stirn. Jack Braden fasste nach dem Türgriff.

„Am besten verdrücke ich mich wieder. Ich kann Ihnen nicht helfen, Señor Miguel. Vielleicht finden Sie im Adressbuch einen anderen Privatdetektiv, den Ihre 50 000 Dollar genügend reizen. Hasta la vista.“

Er wollte sich gerade aus dem Wagen schwingen, als ihn Miguel mit einem Griff zurückhielt.

„Sie haben recht, Mister Braden. Ich bin Ihnen einige Erklärungen schuldig. Bleiben Sie noch und hören Sie mich an! Man hat mir gesagt, Sie seien Spitzenklasse, und für diese Aufgabe brauche ich den besten Mann, der zur Verfügung steht.“

Jack Braden zuckte die Schultern.

„Dann beeilen Sie sich lieber. Ich verliere langsam die Geduld. Wenn ich Ihnen helfen soll, dann muss ich die Wahrheit wissen. Fangen wir also ganz von vorne an! Wer sind Sie?“

Der andere zögerte einen Augenblick.

„Ich heiße Miguel Lazaro Morales, und ich bin der Militärattache der Guanama Botschaft in New York.“

Jack Braden starrte ihn an. Diese Angabe konnte stimmen. Morales sah aus wie ein Offizier, und die Botschaft von Guanama war in der Nähe, in der Avenue of the Americas am Südende des Central Parks, ebenso wie die Botschaften von Nicaragua, Panama und der Dominikanischen Republik. Das erklärte auch der Akzent des Morales. Die Landessprache Guanamas war Spanisch und ein Maya-Dialekt.

„Freut mich, dass ich Sie nicht mehr als Mr. X bezeichnen muss. Kommen wir also zu Ihrer verschwundenen Million! Ich nehme an, dass sie aus Guanama gebracht wurde. Zu welchem Zweck?“

„Zur Einfuhr wichtiger landwirtschaftlicher Maschinen.“ Die Antwort kam wie aus einer Pistole geschossen, und Jack Braden wusste, dass es sich dabei nicht um die Wahrheit handelte.

„Landwirtschaftliche Maschinen werden nicht gegen Bargeld gekauft, Mister Morales. Nicht einmal in Amerika, wo jeder Dollar ein Dollar ist. Der Markt für landwirtschaftliche Maschinen ist nicht so groß, als dass die Konkurrenz aus Westdeutschland oder England keinen Kredit einräumen würde. Vielleicht handelt es sich um landwirtschaftliche Maschinen ganz besonderer Art, die Ihre Regierung oder der Gegenseite recht am Herzen liegen?“

„Vielleicht“, gab Morales zweideutig zu. „Auf alle Fälle ist das für Sie im Augenblick nicht wichtig. Sie sollen lediglich die beiden Männer und das verschwundene Geld finden und sie bei mir abliefern.“

„In der Botschaft?“

„No, nicht in der Botschaft. Ich gebe Ihnen meine Privatadresse. Dort können Sie mich auch erreichen, wenn es irgendwelche Schwierigkeiten geben sollte. Versuchen Sie nicht, mich in der Botschaft zu benachrichtigen.“

Jack Braden nickte.

„Das bedeutet also auch, dass ich nicht zu Ihrer Botschaft gehen soll, um dort Fragen zu stellen. Ich soll sozusagen Ihr Wort als Wahrheit nehmen?“

„Sie sind ein cleverer Mann, Braden“, gab Morales nach einer Weile zu. „Wie Sie sich vorstellen können, handelt es sich bei dieser Sache um eine Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien meines Landes, der Regierungspartei und der Opposition. Die Mitglieder der Botschaft gehören fast ausschließlich der Regierungspartei an.“

„Dann gehören Sie also zu den Ausnahmen? Und die beiden Männer, die das Geld in New York abliefern sollten, welcher Partei gehören die an?“

„Darüber bin ich mir nicht ganz klar“, gab Morales zu. „Bisher war ich sicher, dass sie nicht auf der Seite der Regierung standen. Jetzt bezweifle ich es allerdings. Entweder handelt es sich nur um einen Schachzug unserer Regierung, oder die beiden Männer haben sich mit einer Million selbständig gemacht.“

Jack Braden gefiel die ganze Sache herzlich wenig. Wenn er sich nicht täuschte, hatte dieser Fall politische Motive, und die konnten eine Menge bedeuten, aber kaum etwas Gutes.

„Wenn es sich aber nur um einen Schachzug Ihrer Regierung handelt? Dann besteht für Sie wahrscheinlich kaum die Möglichkeit, meine Spesen zu bezahlen.“

Morales nickte beeindruckt.

„Sie sind scharf wie eine Rasierklinge, Braden. Es besteht wirklich die Gefahr. Die 50 000 Dollar kommen für Sie nur dann in Betracht, wenn Sie das Geld zurückbringen.“

„Sie kommen nur dann in Betracht, wenn ich mich entschließen sollte, diesen Fall anzunehmen, und das steht noch lange nicht fest. Erzählen Sie mir also erst einmal alles, was sich darauf bezieht.“

Damit begann Miguel Lazaro Morales dann schließlich auch. Als Jack Braden endlich den Wagen verließ, war er aber überzeugt, dass er noch nicht einmal die Hälfte wusste. Und ehe er sich entschließen konnte, Morales in seinen Kundenkreis aufzunehmen, wollte er einige Nachforschungen anstellen.

 

 

4

Das Büro des FBI lag nur eine Straße weit entfernt vom Frick Museum, in der 69. Street. Jack rief vorher noch in seinem Büro an, teilte Sunny mit, dass er die Unterredung mit seinem Kunden heil überstanden hatte und schickte sie nach Hause, ohne ihr die näheren Zusammenhänge zu erklären, obwohl ihr die Fragen auf der Zunge brannten.

Anthony Gilford sah aus wie ein Modell für Herrenmoden. Er trug eine Lovat Tweed-Jacke mit einer blutroten Nelke im Knopfloch und eine Flanellhose. Zwischen den Zähnen steckte eine Pfeife, die eindringlich nach Navy Gut Shag roch. Die Lovat Tweed-Jacke dagegen roch leicht nach Holzrauch. Obwohl der erste Agent des FBI stets behauptete, dass er mit Arbeit überhäuft war, bestand im Augenblick seine Aufgabe lediglich darin, einen Bericht zu lesen. Er schob ihn ziemlich rasch zurück, stand auf und grinste Jack Braden an.

„Hallo Jack, mein Junge! Freut mich, dass Sie mich wieder einmal mit Ihrem Besuch beehren. Was machen die Geschäfte?“

Jack ließ sich in den angebotenen Stuhl sinken und überkreuzte die langen Beine.

„Die Geschäfte machen herzlich wenig. Meine Sekretärin meutert darüber, und ich stehe vor dem Bankrott.“

Anthony Gilford lächelte.

„Das glaube ich Ihnen ohne weiteres, Jack. Für Sunny könnte ich hier eine Nische finden, wenn es wirklich so schlimm ist. Das wissen Sie ja.“

Jack Braden schüttelte den Kopf.

„Die Nische wäre wahrscheinlich zu Hause in Ihrer Wohnung, und Sunny behauptet, dass sie kein Talent zur Ehe und Hausfrau hätte. Ich stimme ihr bei, wenigstens solange, wie ich sie als Sekretärin benötige.“

„Darüber ließe sich debattieren“, erwiderte Anthony Gilford. „Mit Sunny wesentlich besser als mit Ihnen. Wo drückt der Schuh, Jack? Erzählen Sie mir nur nicht, Sie seien aus reiner Langweile hierher gekommen.“

Jack Braden schüttelte den Kopf.

„Zur Abwechslung haben Sie ganz recht, Tony. Sie sind ein Experte für Großbritannien. Wie heißt das Parlament der Insel Man?“

Anthony Gilford nahm die Pfeife aus dem Mund und blickte seinen Freund überrascht an.

„Es heißt ,Tynwald‘ und besteht aus dem Upper House und dem House of Keys. Das letztere gleicht dem englischen Unterhaus. Alle Gesetze, die durch das Tynwald erlassen werden, bedürfen der Bestätigung durch den englischen Monarchen. Das weiß doch jedes Kind.“

„In England vielleicht, aber hier nicht.“

„Das kommt davon, dass Sie eben nicht von Kultur behaucht sind, Jack. Darf ich fragen, wozu Sie diese Information benötigen?“

Jack Braden grinste. „Zur Lösung eines Kreuzworträtsels, nicht um ein Verbrechen auf der Insel Man zu lösen, wie Sie vielleicht schon glauben.“

„Donnerwetter, Jack, bei Ihnen muss es wirklich schlecht stehen, wenn Sie sich auf Kreuzworträtsel verlegen und mich deswegen besuchen! Dem müssen wir Abhilfe beschaffen. Es wäre bestimmt nicht schwierig, Sie für den Dienst des FBI anzuwerben.“ Jack Braden winkte ab. „Für einen Mann, der kurz vor dem Bankrott steht, sind Sie aber recht wählerisch, Jack. Übrigens habe ich eine ziemlich genaue Ahnung, was Sie in den letzten Jahren verdient haben. Das dürfte ausreichen, bis Sie ihre Pension beziehen. Ich dachte nur, Sie suchen eine Beschäftigung.“

Jack nickte.

„Ich weiß, dass Sie es gut mit mir und Sunny meinen, Tony. Sprechen wir also lieber über andere Dinge. Die politische Lage in Guanama ... Sie sind doch ein gut informierter Mann. Was können Sie mir darüber erzählen?“

Anthony Gilford klopfte energisch die Pfeife aus. In seinem Gesicht arbeitete es.

„Warum kommen Sie mit solchen Fragen zu mir, Jack? Sie haben doch Freunde bei den Zeitungen. Ein politischer Reporter könnte Ihnen mehr darüber erzählen als der FBI. Auslandspolitik ist nicht unsere stärkste Seite. Dafür interessiert sich der CIA. Und wie kommen Sie gerade auf Guanama?“

„Es war nur ein Gedanke.“

Das Misstrauen in Anthony Gilfords Gesicht vertiefte sich noch mehr.

„Rücken Sie lieber mit der Sprache heraus, Jack! Sie wissen genau wie ich, dass die Lage in Guanama genauso wie in fast jedem anderen mittel- und südamerikanischen Land recht explosiv ist. Dort ist es fast schon zur Gewohnheit geworden, dass jemand eine Revolution, Gegenrevolution oder einen einfachen Putsch anfängt und die Regierung stürzt. Was soll also die Frage?“

Jack Braden blickte seinen Freund an. Allmählich hielt er es für notwendig, mit einem Teil der Wahrheit herauszurücken. Morales hatte ihm herzlich wenig erzählt, und ohne Hilfe kam er in dieser Sache nicht weiter.

„Es gibt da einen Fall, der mit Guanama zu tun hat, Tony. Ganz besonders mit zwei seiner Einwohner, die ihr sonniges Land verlassen haben, um nach New York zu kommen. Die Herrschaften heißen Enriques Guzman und Ignacio Alvarado. Sie kamen gestern mit dem Frachtdampfer ,Reina de Campeche‘ in Brooklyn an und sind seitdem verschwunden. Ich soll sie finden.“

Anthony Gilford griff nach dem Pfeifenbeutel und begann seine Pfeife langsam und bedächtig zu stopfen. Dabei arbeitete hinter der Stirn sein Gehirn wie eine Kalkuliermaschine. Jack war überzeugt, dass Gilford etwas über die Zusammenhänge wusste.

„Für wen arbeiten Sie, Jack?“, fragte Gilford schließlich.

„Ich kann Ihnen den Namen meines Kunden nicht verraten, Tony“, bedauerte Jack. „Berufsgeheimnis, verstehen Sie?“

Details

Seiten
143
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929980
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
geschäfte sachen jack braden thriller

Autor

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Titel: Geschäfte in Sachen Tod: Ein Jack Braden Thriller #9