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Leseprobe

Table of Contents

Das Recht wird mit Blei geschrieben

Der Kampf gegen die Wild Bunch

1.

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Mary-Lou schwor Rache

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Sein Vater war ein verdammter Rebell

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Flucht nach Westen

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Und es kommt die Zeit der Abrechnung

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Das Recht wird mit Blei geschrieben

 

Western-Sonderedition I

anlässlich 20 Jahre Edition Bärenklau

 

 

Fünf der besten nationalen und internationalen Westernautoren

geben sich mit ihren Romanen die Ehre,

den Leser zu unterhalten.

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Tony Maero und Kathrin Peschel, 2019

Korrektorat, Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Anlässlich 20 Jahre Edition Bärenklau gibt der Verlag eine Auswahl der besten Western in dieser Sonderedition heraus.

Fünf der besten nationalen und internationalen Westernautoren geben sich mit ihren Werken die Ehre, den Leser zu unterhalten.

In diesen Romanen steht der zentrale US-amerikanische Mythos der Eroberung des (wilden) Westens der Vereinigten Staaten im neunzehnten Jahrhundert im Mittelpunkt, als einige glaubten, dass der Stärkere das Recht auf seiner Seite hat und diese Leute ihre tödlichen Gesetzte mit Blei schrieben.

Doch es gab auch andere, die das geschriebene Gesetz vertraten, die Ehre und Courage besaßen, die sich dem Kampf gegen das Unrecht und der Gewalt verschrieben haben, die Verbrecher ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben jagten und die ihre Waffen nur einsetzten, wenn sie keine andere Möglichkeit sahen. Oft gingen sie als Sieger hervor, manchmal jedoch auch nicht …

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende Western:

 

› Der Kampf gegen die Wild Bunch - von Alfred Wallon

› Marry-Lou schwor Rache - John F. Beck

› Sein Vater war ein verdammter Rebell - Pat Urban

› Flucht nach Westen - Larry Lash

› Und es kommt die Zeit der Abrechnung - Tony Masero

 

 

***

 

 

Der Kampf gegen die Wild Bunch

 

 

von Alfred Wallon

 

 

 

1.

 

»Robert LeRoy!«, brüllte die Stimme über den Hof. »Wo zum Teufel steckst du denn schon wieder? Komm bloß her, du Faulpelz! Es gibt viel zu tun. Pack gefälligst mal mit an!«

Der Junge, dem die wütenden Rufe des Farmers galten, lehnte am Pfosten eines alten Corrals und starrte geistesabwesend auf die fernen Hügel am Horizont. Der geheimnisvolle Lockruf des Abenteuers ging von ihnen aus.

Der 23-jährige Farmerjunge mit dem struppigen Blondhaar ertappte sich bei dem Gedanken, von hier irgendwann sang und klanglos zu verschwinden. Was gab es denn in dieser gottverdammten Wildnis außer Sand und Staub? Leben konnte man hier nicht – aber zum Sterben war es zu viel …

»Junge, komm jetzt endlich!«, rief die Stimme seines Vaters erneut. »Oder muss ich dir erst wieder die Hammelbeine langziehen? Himmel noch mal, ist das vielleicht ein fauler Kerl! Und so was nennt sich mein Sohn.«

Robert LeRoy Parker seufzte kurz auf. Mit schweren Schritten ging er zum Stall hinüber, wo sein Vater schon auf ihn wartete. William Parker war ein etwa 50-jähriger Mann von kräftiger Gestalt – ein gläubiger Mormone, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, dieses Stückchen Wüste in einen Garten Eden zu verwandeln. Von dieser Idee war er so sehr besessen, dass er die Wirklichkeit schon gar nicht mehr wahrnahm oder vielleicht auch gar nicht mehr wahrnehmen wollte …

Die Farm wirkte alt und zerfallen, der Boden gab nichts mehr her, und die wenigen Rinder, welche die Parkers besaßen, waren klapperdürr. Und wenn einmal ein richtiger Sturm über dem Land tobte, dann würden die wacklige Scheune und das wurmstichige Farmhaus wie Kartenhäuser zusammenbrechen! War das etwa das Paradies, von dem sein Vater geträumt hatte?

William Parker hantierte in der dämmrigen Scheune in der Sattelkammer und drehte sich um, als er die Schritte seines Sohnes vernahm.

»Na, das wurde aber auch höchste Zeit«, knurrte er und legte das Zaumzeug beiseite. »Robert LeRoy, dieser Sattel da muss geflickt werden, und anschließend machst du den Stall sauber!« Seine Stimme klang barsch und väterlich zugleich.

Robert LeRoy Parker schob sich den speckigen Hut in den Nacken und nickte stumm. Anschließend machte er sich über das Zaumzeug her. Der Farmer musterte seinen schon erwachsenen Sohn und verließ nachdenklich und kopfschüttelnd die Scheune.

Mit dem Jungen wurde es immer schwieriger. Er hatte nichts als Flausen im Kopf und träumte von einem Leben in Saus und Braus. Aber solche Hirngespinste zählten hier draußen nicht. Auf dieser Farm mussten alle mit hart zupacken, damit sie über die Runden kamen, und das hatte William Parker schon mehr als einmal zu Robert LeRoy gesagt.

Der Farmerjunge flickte mit mechanischen Bewegungen und verbissener Miene den brüchigen Sattel. Sein Blick schweifte am Eingang der Scheune vorbei, hinüber zu den fernen Bergen, über denen die Sonne ihr helles Licht ausstrahlte. Robert LeRoy Parker wusste, dass der Tag nicht mehr fern war, an dem er von hier verschwinden würde. Dieses eintönige und stumpfsinnige Leben war die Hölle für einen Burschen wie ihn …

 

 

2.

 

Robert LeRoy Parker zügelte die graue Stute am Fuß eines von Ocotillosträuchern bewachsenen Hügels. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er in den gleißenden Sonnenhimmel. Um die Mittagszeit war die Hitze hier draußen am schlimmsten. Sein Vater hatte natürlich darauf bestanden, dass er, Robert LeRoy, unverzüglich nach den Rindern auf der Nordweide sah. Als wenn das nicht auch noch Zeit bis zum Nachmittag gehabt hätte!

Der 23-jährige Sohn des Mormonen William Parker ahnte nicht, dass dieser Tag sehr entscheidend für sein weiteres Leben werden sollte. Seine Zukunft würde ganz anders verlaufen, als er selbst es sich je erträumt hätte. Der Junge schimpfte wie ein Rohrspatz, dass er in der Hitze schuften musste, und trieb die Stute an.

Er ritt den Hügel hinauf und entdeckte im dichten Gestrüpp zwei Rinder, die sich wohl dorthin verirrt hatten. Robert LeRoy lenkte die Stute zum Gebüsch und trieb die Tiere mit schrillen Schreien den Hügel hinunter. Die Rinder waren störrisch und wollten erst nicht so recht, aber der Junge konnte sich durchsetzen. Er arbeitete hart, bis er die Rinder zusammengetrieben hatte.

Der Zaun musste auch mal erneuert werden. Immer wieder brachen Tiere aus, obwohl sein Vater das Ding schon oft geflickt hatte. Es half nichts: Hier musste ein ganz neuer Draht her, sonst wurde es nie besser. Gleich heute Abend würde er mit seinem Alten mal darüber sprechen …

Unwillkürlich wandte er den Kopf, als er auf der anderen Seite des Hügels Rinder vernahm. Hatte er vielleicht ein oder zwei Tiere übersehen? Der Junge wendete sein Pferd und beschloss, nach dem Rechten zu schauen.

Staub wirbelte auf, als er die Anhöhe hinaufritt. Als er den höchsten Punkt erreicht hatte, sah er in einiger Entfernung einen unbekannten Reiter, der gerade mit dem Lasso eines der Tiere eingefangen hatte. Robert LeRoy gab seinem Pferd die Zügel frei und ritt hinab in die Senke.

Als er näherkam, konnte er die Gestalt des Unbekannten besser erkennen. Der Mann ritt einen braunen Morgan-Hengst und war selbst groß und hager. Sein Haar war schon ergraut, aber die eisblauen Augen wirkten noch jung und strahlten irgendetwas aus, das Robert LeRoy faszinierte.

»Sie haben eins unserer Rinder am Lasso, Mister«, stellte der Junge sachlich fest und bemerkte auch, dass der andere die rechte Hand ziemlich nahe am büffelledernen Waffengurt hatte. »Sie wollten das Rind doch nicht etwa stehlen?«

Der Mann mit den grauen Haaren hätte jetzt schießen können, denn der Junge war unbewaffnet. Als gläubiger Mormone hielt William Parker nichts von Schusswaffen, und das hatte er seinem Sohn mehr als einmal deutlich zu verstehen gegeben. Der Mann, dem Robert LeRoy begegnet war, spürte aber, dass an diesem Farmerburschen irgendetwas haftete, was er nicht mit Worten beschreiben konnte. Es war so, als wenn sich zwei Menschen ganz plötzlich begegnen, die das Schicksal füreinander bestimmt hat …

»Und wenn’s so wäre?«, fragte der Mann mit dunkler Stimme und grinste. Willst du mich daran hindern, Junge?«

»Ich müsste es wohl tun«, antwortete Robert LeRoy nachdenklich. »Aber ich mach’ es nicht, weil’s mir egal ist. Ein Rind mehr oder weniger ändert auch nichts an diesem verfluchten Farmerleben. Also nehmen Sie das Rind von mir aus und verschwinden Sie …«

Der Mann musterte den Jungen von Kopf bis Fuß.

»Du hast erkannt, wo’s langgeht, Boy«, murmelte er. »So ein helles Bürschchen wie du hat ein besseres Leben verdient. Hau von zu Hause ab und hänge dir die Welt um den Hals, solange du’s noch tun kannst …«

Die Worte des Mannes zündeten ein Feuer in Robert LeRoys Seele an. Ein wilder Entschluss überfiel ihn.

»Würden Sie mich denn mitnehmen, Mister?«, fragte er und wartete gespannt auf die Reaktion seines Gegenübers. »Schließlich haben Sie heute fette Beute gemacht – oder?« Er grinste.

»Eigentlich sollte so ein alter Wolf wie ich seine eigenen Wege gehen«, erwiderte der Mann in der schäbigen Kleidung. »Aber hol mich der Teufel, Bursche – irgendwie gefällst du mir … und ich denke schon, dass dir der alte Mike Cassidy noch was beibringen kann. Wie heißt du überhaupt, Junge?«

»Robert LeRoy Parker!«, stieß der Junge freudestrahlend hervor und grinste bis über beide Ohren. »Heißt das, Sie nehmen mich mit? Wann reiten wir los?«

»Heute Nacht!«, antwortete Cassidy, erstaunt über die drängende Ungeduld des Burschen. »Um Mitternacht werde ich hier auf dich warten. Wenn du kommst, okay! Wenn nicht, reit’ ich allein weiter. Also sei pünktlich!«

Dann wendete er seinen Hengst und zog das Rind am Lasso hinter sich her.

»Mr. Cassidy, was ist mit dem Rind?«, fragte Robert LeRoy.

»Ich werde es verkaufen, du Grünspecht!«, rief der Grauhaarige zurück. »Schließlich braucht man doch ein bisschen Startkapital, oder?«

Robert Le Roy winkte ihm lachend zu …

 

 

3.

 

Der Mond ergoss sein milchiges Licht über die Hügel, als Robert LeRoy Parker sich auf- und davonmachte. Anfangs war ihm gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass er seinen Vater und seine Mutter praktisch im Stich ließ, aber eine große Hilfe war er ja sowieso nicht gewesen. Die beiden würden es auch ohne ihn schaffen!

Robert LeRoy redete sich ein, dass er eine solche Gelegenheit nicht noch mal bekam. Also packte er unbemerkt das Notwendigste zusammen, schlich sich lautlos in den Stall und sattelte die graue Stute. Ohne einen Blick hinter sich zu werfen, verließ er die kleine Farm, die ihm für Jahre ein Zuhause gewesen war. Er sollte sie nie mehr wiedersehen …

Mike Cassidy erwartete ihn an der verabredeten Stelle. »Du bist spät, Junge«, sagte er. »Ich wollte schon wegreiten. Weiß der Teufel, weshalb ich noch auf dich gewartet habe!« Dann lenkte er sein Pferd herum und ritt ohne ein weiteres Wort in Richtung Süden davon. Robert LeRoy Parker zuckte die Achseln und folgte ihm schweigend …

Sie ritten die ganze Nacht durch bis zum Morgengrauen. Der Junge wusste nicht mehr, wo sie waren; denn so weit wie jetzt war er noch nie von zu Hause weg gewesen. Wahrscheinlich irgendwo südlich von Eureka Sprinks, aber genau wusste er es auch nicht.

Dagegen schien sich Cassidy hier ganz gut auszukennen. Er ritt auf eine Felsengruppe aus rotem Sandstein zu und zügelte dort sein Pferd.

»Hier lagern wir«, entschied er. »Steig ab und leg dich für ein paar Stunden hin! Mach keine Dummheiten und wart ab, bis ich wiederkomme, ist das klar?«

Der Junge wollte zwar widersprechen; wagte es aber dann doch nicht, als er in die harten Augen Cassidys blickte. Der alte Gauner hatte irgendwas vor. Während Robert LeRoy absattelte und die Decken auf dem steinigen Boden ausbreitete, ritt Mike Cassidy davon.

Der 23-jährige Farmeijunge wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ihn ein Tritt in die Seite urplötzlich weckte. Robert LeRoy schoss hoch wie von einer Tarantel gebissen und blickte aus schlaftrunkenen Augen in das grinsende Gesicht Cassidys, während die Sonne gerade am östlichen Horizont emporstieg.

»Während du geschnarcht hast wie ein Bär, hab’ ich Kaffee gekocht«, sagte Cassidy. »Komm rüber, ich hab’ was mit dir zu besprechen!«

Robert LeRoy schälte sich aus den Decken. Die Nächte waren kalt hier draußen, und sein Körper war ganz steif. Dankbar nahm er den Becher mit heißem Kaffee entgegen.

»Schieß los, Mike!«, sagte er dann. »Was hast du auf dem Herzen?«

»Da drüben hinter den Felsen liegt Fairview, Junge«, sagte der Outlaw ruhig und wies in die Richtung. »Ich war mal kurz dort und hab’ mir die Stadt angesehen. Ein richtiges kleines verschlafenes Nest, sag’ ich dir, genau richtig für uns!«

»Was willst du damit sagen: Genau richtig für uns?«, meldete sich Robert LeRoy zu Wort. »Ist da eine Rinderherde, die wir uns unter den Nagel reißen können?«

»Rinder!«, stieß Cassidy verächtlich hervor und schüttete den Rest seines Kaffees in die Büsche. »Damit geben wir beide uns nicht mehr ab. Junge, wir werden in die Bank gehen und diese geschniegelten Geldsäcke um einige hundert Dollar erleichtern! Was hältst du davon?«

»Du willst eine Bank überfallen?«, stieß Robert LeRoy wild hervor. »Mann, wenn die uns schnappen, ist der Teufel los! Willst du das wirklich riskieren?«

»Ich denke, du wolltest ein schönes Leben haben, Boy?«, antwortete Cassidy wütend. »Glaubst du vielleicht, dass das mit den ein oder zwei Rindern klappt, die wir ab und zu mal abstauben? Nein, Junge, wenn wir was aus uns machen wollen, dann müssen wir schon was bringen! Also holen wir uns das Geld – klar, Butch?«

Er nannte ihn Butch, weil ihm der Name Robert LeRoy nicht passte und Butch viel besser klang. Seiner Meinung nach jedenfalls.

»Du brauchst eine Waffe, Amigo!«, fuhr Cassidy dann fort und zerrte einen alten Armeecolt unter seiner Jacke hervor. »Hab’ ich in Fairview billig gekauft. Er gehört dir, aber ballere nur nicht in der Gegend damit herum, verstanden?«

Die Augen des jungen Butch leuchteten auf. Noch nie zuvor hatte er eine eigene Waffe besessen – und jetzt schenkte ihm Mike sogar einen Colt. Das war mehr, als er sich jemals erträumt hatte.

»Wie wollen wir’s machen, Mike?«, fragte Robert LeRoy unsicher.

»Das sage ich dir unterwegs, Butch! Jetzt beeil dich, okay?«

 

 

4.

 

Fairview war eine kleine Stadt in der trostlosen Landschaft zwischen dem Utah Lake und dem Muddy Creek. Eine Main Street – und zu beiden Seiten der Straße einige Häuser, die auch schon bessere Zeiten erlebt hatten. Als Mike Cassidy und Butch von Norden her in die Stadt ritten, stellte sich ihnen als Einziger ein struppiger Köter kläffend in den Weg. Mike vertrieb ihn mit einem Fluch.

Vor einem kleinen Store fegte ein Mann mit einer schmutzigen Schürze den Zugang zu seinem Laden. Unwillkürlich hob er den Kopf, als er die beiden Reiter bemerkte.

»Nun setz mal ein schönes Grinsen auf, Butch«, forderte Mike Cassidy den 23-Jährigen auf. »Die Leute dürfen nicht misstrauisch werden!« Um seine Worte zu bekräftigen, nickte er dem Storebesitzer freundlich zu und griff zum Gruß an seinen alten Armeehut.

Butch folgte dem Outlaw die Main Street hinauf, bis er wenige Yards entfernt an der rechten Straßenseite das Gebäude der City Bank entdeckte.

»So, und schon sind wir am Ziel, Junge«, sprach Cassidy und zügelte sein Pferd. »Ich geh’ jetzt rein, und du wartest hier draußen auf mich. Keine Sorge, es dauert nicht lange! Wenn es brenzlig wird, dann ballerst du mit deinem Colt einfach ein bisschen in der Gegend herum. Aber schieß ja auf niemanden – hast du verstanden?«

Robert LeRoy alias Butch nickte und sah zu, wie Cassidy vom Pferd stieg und die Zügel lose hängen ließ. Der Outlaw schaute nochmals kurz nach links und rechts, dann öffnete er Augenblicke später die Tür zur Bank, die sich selbsttätig hinter ihm schloss.

Butch war schon ein wenig mulmig zumute. Zu Hause hatte er haarsträubende Geschichten von wahnwitzigen und dreisten Banküberfällen gehört – und jetzt war er selbst bei einem solchen mit dabei. Er drehte sich im Sattel um und spähte hinüber auf die andere Straßenseite. Zu dieser Vormittagsstunde war zwar noch nicht allzu viel los, aber immerhin waren Menschen unterwegs. Menschen, die misstrauisch werden konnten, wenn er hier einfach so vor dem Bankgebäude wartete.

Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er auf der gegenüberliegenden Straßenseite die massige Gestalt eines Mannes entdeckte, der zu ihm herüberschaute. In der Morgensonne erkannte er den Messingstern, in dem sich das Sonnenlicht spiegelte.

Butch schielte wieder zum Eingang der Bank. Mike brauchte ja fast eine halbe Ewigkeit. Hoffentlich beeilte er sich jetzt; denn der Junge wurde schon ziemlich nervös, und der Sheriff auf der anderen Straßenseite trug auch nicht gerade dazu bei, ihn fröhlich zu stimmen …

Endlich öffnete sich die Tür, und Mike Cassidy trat mit schnellen Schritten heraus. In seiner linken Hand hielt er einen alten Leinensack. Wortlos schritt er zu seinem braunen Hengst und stieg auf.

»Und?«, fragte Butch neugierig. »Hat’s geklappt, Mann?«

»Halt jetzt den Mund, Junge!«, zischte der alte Outlaw. »Machen wir lieber, dass wir davonkommen.«

Im gleichen Moment, als die beiden ihren Pferden die Zügel freigaben, wurde die Tür wieder aufgerissen, und ein älterer Mann mit Glatze schrie gellend um Hilfe. Dies machte wiederum den Sheriff aufmerksam, der Butch ohnehin die ganze Zeit beobachtet hatte.

»Scheiße«, sagte Mike Cassidy. »Los, Junge! Jetzt geht’s aufs Ganze.« Mit diesen Worten trieb er sein Pferd an und zog gleichzeitig seinen Paterson-Colt aus dem Halfter.

Staub wirbelte auf, als Mike Cassidy mit schrillem Rebellenschrei die Main Street entlangritt und dabei Schüsse auf den Sheriff abgab, der sich hastig in Deckung brachte. Butch tat es ihm gleich und schoss ebenfalls, jedoch mehr in der Absicht, die umstehenden Passanten zu erschrecken, die ebenfalls eiligst das Weite suchten.

Mike und Butch galoppierten wie die Wilden aus Fairview heraus, und die Kugeln, die ihnen der erboste Gesetzeshüter nachschickte, flogen weit am Ziel vorbei. Das war Mike Cassidys große Stunde. Dieser gerissene Hundesohn hatte mitten am helllichten Tag die Bank beraubt und war auch noch mit heiler Haut davongekommen.

Sie ritten noch eine ganze Weile, bis sie sicher waren, dass sie die Verfolger abgeschüttelt hatten.

»Und? Was ist, Mike?«, fragte Butch erneut. »Wie viel hast du erbeutet?«

»Lumpige zweihundert Dollar, Mann!«, stieß Mike Cassidy hervor, und er brachte es sogar noch fertig, trotz dieser miesen Nachricht zu grinsen. »Die Lohngelder, mit denen ich gerechnet hatte, kommen erst morgen. Ist das nicht ein Witz, Butch? Da veranstalten wir einen solchen Zirkus, und das für lächerliche zweihundert Greenbucks …«

 

 

5.

 

Den ganzen Sommer über war Robert LeRoy Parker, genannt »Butch«, mit Mike Cassidy unterwegs. Die Summe, die sie in der Bank von Fairview erbeutet hatten, half ihnen einigermaßen über die Runden. Mike Cassidy wandte sich jetzt verstärkt seinem eigentlichen Job zu: dem Stehlen von Pferden und Rindern. Darin war dieser alte Hundesohn ein Meister ohne Konkurrenz.

In diesen Monaten brachte er Butch alles bei, was man wissen musste, um bei den Tieren die bereits vorhandenen Brandzeichen geschickt zu verändern und sie anschließend wieder mit Gewinn an den Mann zu bringen. Einmal schaffte Mike sogar das Kunststück, einem Rancher zwei Pferde zu stehlen, die Brandzeichen zu verändern und danach demselben Mann wieder zu verkaufen, ohne dass der etwas merkte …

Der alte Outlaw unterrichtete Butch ebenfalls in der Kunst des Schießens, und er musste dabei feststellen, dass der Junge ein unglaubliches Talent besaß. Mit etwas Übung würde er es noch weit bringen, davon war Cassidy felsenfest überzeugt. Deswegen verbrachte er viele Stunden mit Butch, in denen sie zusammen auf alte Konservenbüchsen schossen.

Die ganze Zeit jedoch ging Butch der irrwitzige Banküberfall nicht mehr aus dem Kopf. Hier hatte er mit eigenen Augen mit angesehen, wie man auf einfache Weise schnell an Geld kam – und dabei konnte man viel mehr verdienen, als hier und dort mal bei einem Rinderdiebstahl heraussprang.

»Ich glaube, ich reite morgen von hier weg, Mike!«, sagte er eines Abends zu dem alten Outlaw, nachdem sie den ganzen Nachmittag über damit beschäftigt gewesen waren, die Brandzeichen gestohlener Pferde abzuändern. »Ich hab’ noch andere Pläne …«

Zuerst sagte Mike Cassidy überhaupt nichts. Er langte hinüber zum Lagerfeuer und zündete sich mit einem brennenden Ast eine Zigarette an. Bräunliche Qualmringe kringelten in den Himmel, der purpurrot und schwarzviolett schimmerte.

»Ich habe auf den Tag gewartet, wo du das zu mir sagst, Butch«, begann er. »Du bist schon seit Tagen unruhig! Nicht wahr, es sind diese verdammten Berge, die dich anziehen? Du möchtest wissen, was dahinter liegt?«

»Nicht nur das, Mike«, antwortete Butch und starrte in die Flammen des Feuers. »Rustling ist nicht das Richtige für mich! Ich will noch mehr, verstehst du? Ich will ein paar große Dinger drehen – das bringt doch viel mehr ein, Mike! Wir könnten auch weiterhin zusammenbleiben …«

»Weißt du, Butch, ich bin mit diesem Leben eigentlich ganz zufrieden«, erwiderte der alte Outlaw. »Ich hab’ nicht die Träume, wie du sie hast. Dazu bin ich auch schon zu alt! Also lassen wir’s so, wie’s im Moment ist. Es war eine schöne Zeit mit dir, und ich würde mich freuen, wenn du ab und zu mal an den alten Mike denkst …«

Abrupt wandte er sich ab und schritt in das Dunkel der Nacht hinein. Butchs Abschied tat dem grauhaarigen Viehdieb weh, er wollte es bloß nicht zeigen. Butch empfand eine Spur von Mitleid für Mike, aber sein Entschluss stand fest. Morgen früh würde er das Camp verlassen.

 

 

6.

 

Wochen vergingen. Der Junge ließ sich einfach treiben. Er ritt hinauf bis nach Odgen, jedoch ohne ein bestimmtes Ziel. Als er schließlich sein Geld fast ausgegeben hatte, wusste er, dass er jetzt endlich was unternehmen musste …

Im Frühjahr gelangte er bis nach Salt Lake City, wo er im Saloon einen alten Freund wiedertraf, den er aus seiner Kindheit her kannte: Elza Lay, ein hochgewachsener und gutaussehender Texaner, der in der Nähe seiner Heimatfarm gewohnt hatte.

»Mensch, Elza!«, rief Butch hocherfreut, als er den Freund erblickte, und marschierte auf den Ecktisch zu, an dem der Texaner saß. »Dass ich ausgerechnet dich hier treffe …«

Der blonde Lay setzte sein Bierglas ab und sprang auf. »Robert LeRoy Parker!«, rief er. »Das gibt’s doch nicht. Ist die Welt denn so klein? Komm, Amigo – setz dich zu mir und trink einen mit. Du bist selbstverständlich eingeladen!«

»Ich heiße jetzt Butch Cassidy«, sagte der mittlerweile 24-jährige Boy. »Robert LeRoy Parker ist schon lange tot …«

»Butch Cassidy«, murmelte Lay und musterte den alten Freund. »Na ja, ist auch ein Name wie jeder andere.« Während er den Barkeeper herbeiwinkte, fragte er Robert LeRoy, was er denn hier am Ende der Welt zu suchen habe.

»Zu Hause hab’ ich’s nicht mehr ausgehalten«, antwortete der blonde Butch. »Ich musste einfach was tun, verstehst du, Elza? Aber was ist denn mit dir? Dich hab’ ich hier auch nicht erwartet …«

»Mir geht’s doch genauso, Mensch«, erwiderte Lay. »Das Farmerleben hatte ich satt! Bringt nichts ein und macht einen nur frühzeitig zum alten Mann. Also sah ich zu, dass ich davonkam …«

»Das stimmt«, fügte Butch hinzu. »Hör mal, Elza! Wollen wir beide uns nicht zusammentun?« Dann erzählte er dem blonden Texaner, wie er Mike Cassidy kennengelernt hatte und dass sie die Bank in Fairview überfallen hatten. Elza Lay pfiff anerkennend durch die Zähne.

»Ein Banküberfall!«, stieß er aufgeregt hervor. »Mensch, Junge, das hätte ich dir aber nicht zugetraut. Butch, du bist ja einsame Klasse!«

»Wir könnten es wieder tun, wenn du mitmachst, Elza«, schlug ihm Butch vor. »Amigo, das ist eine Chance für uns, die wir nutzen sollten. Oder was denkst du?«

Der Texaner streckte die rechte Hand aus. Butch schlug ein.

»Auf unsere Partnerschaft, Brother«, sagte er langsam und prostete Elza zu …

 

 

7.

 

Der Junge, der sich jetzt Butch Cassidy nannte, träumte nur noch vom großen Geld. Aber so einfach, wie er sich die Sache vorgestellt hatte, war es nun auch wieder nicht. Butch und Elza taten sich mit einigen Tramps zusammen und beschlossen, den lohnenden Fischzug zu machen.

In den nächsten zwei Jahren stahlen sie wahllos Vieh und überfielen auch einige Banken – aber immer wieder hatten sie Pech. Entweder vereitelte ein tüchtiger Sheriff den Raub im letzten Augenblick, oder irgendjemand aus der Bande beging einen Fehler. So war es kein Wunder, dass Butch irgendwann die Schnauze voll hatte.

»Schau dir bloß diese Burschen an, Elza«, sagte Butch eines Abends zu seinem Freund, nachdem sie eine Bank hochgenommen und dabei nur fünfhundert Bucks erbeutet hatten. »Das sind doch bloß bessere Hühnerdiebe – mehr nicht! Elza: Ich trenne mich von diesen Gipsköpfen. Bist du mit von der Partie, alter Junge?«

Der Texaner nickte.

»Natürlich, Butch«, erwiderte er. »Du kannst auf mich zählen, das weißt du doch! Aber was hast du denn vor?«

»Auf jeden Fall nicht bei diesen Schwachköpfen bleiben, Elza! So brauchen wir noch Jahre, bis wir zu etwas kommen. Diese ganzen Überfälle bringen doch nichts, wenn man sie vorher nicht sorgfältig genug plant. Und außerdem gibt es hier einige, denen der Colt zu locker sitzt. Ich will einfach nicht, dass auf einen Sheriff geschossen wird, verstehst du? Das wäre der Anfang vom Ende …«

Elza Lay verstand, und so trennten sich die beiden Freunde am nächsten Morgen vom Rest der Bande. Butchs Trail führte hinauf nach Colorado und schließlich bis nach Wyoming. Dort hoffte er endlich, einen saftigen Coup landen zu können.

Es ging schon auf den Herbst zu, als Butch Cassidy und Elza Lay das Medicine Bow County erreichten. Es war das Land der großen Rinder- und Pferdezüchter. Hier hoffte Butch auf fette Beute. Die beiden sahen sich eine Woche lang gründlich um, bevor Butch seinen Plan entwickelte.

»Allright, Elza«, sagte er eines Abends zu seinem Partner. »Wir werden eine Pferdeherde stehlen! Ich hab’ rausgekriegt, dass die Broken D-Ranch von Davidson gute Tiere hat. Hast sie ja selbst draußen auf der Weide gesehen. Morgen Nacht holen wir uns die Gäule und bränden sie um! Die Armee fragt nicht, woher die Tiere stammen – klar?«

Elza stimmte begeistert zu, und so starteten die beiden ihr Unternehmen in der nächsten Nacht.

Die Broken D-Ranch hatte den größten Teil ihres Pferdebestands auf einer Weide nördlich der Hauptgebäude untergebracht. Gegen Mitternacht erreichten sie das Weidegebiet und sahen im Mondlicht die prächtigen Tiere in der Senke. Butchs Augen leuchteten vor Freude auf.

»Eine stolze Herde, Amigo«, stellte er mit Kennerblick fest. »Das bringt uns mindestens zweitausend Bucks ein.«

Die beiden Männer ritten hinab in die Senke und kreisten die Herde von zwei Seiten ein. Mit schwingenden Reatas trieben sie die Hengste und Stuten nach Süden ab, bis sie einen versteckten Canyon erreicht hatten, der sich als geeignetes Versteck herausstellte. Tage zuvor hatten sie dort einen behelfsmäßigen Corral errichtet, in den sie die Tiere jetzt hineinjagten.

»Siehst du, Elza«, sagte Butch, nachdem er das Gatter verschlossen hatte. »So einfach geht das! Junge, die Dollars sind uns sicher.

 

 

8.

 

Butch Cassidy nahm das Eisen aus dem Feuer und ging hinüber zu dem braunen Wallach. Seit Sonnenaufgang war er damit beschäftigt, das Brandzeichen der Broken D abzuändern. Elza Lay hatte er nach Medicine Bow geschickt, um die Stimmung zu überprüfen – und ob der Sheriff schon etwas herausgefunden hatte.

Zwischen den Felsen stieg kreischend ein Vogelschwarm auf. Butch blieb auf der Stelle wie angewurzelt stehen. Im selben Moment vernahm er das metallische Knacken eines Ladehebels und eine krächzende Stimme: »Nimm die Pfoten hoch, du gottverdammter Hundesohn, oder wir pumpen dich voll Blei!«, brüllte es hinter Butch.

Der inzwischen 28-Jährige erstarrte in seiner Bewegung. Er ließ das Brandeisen fallen und streckte die Arme weit von sich. Dann drehte er sich gemächlich um.

Oben in den Felsen standen drei Männer, die ihre Gewehre direkt auf seinen Magen gerichtet hatten. Gleichzeitig kamen von rechts vier weitere Kerle herbeigerannt, die ebenfalls bewaffnet waren. Jetzt saß er wirklich in der Falle!

»Du elender Pferdedieb!«, schrie ein weißhaariger Kerl mit einer dunklen Cordjacke, der zusammen mit dem Sheriff die Felsen herunterkletterte. »Aufhängen sollte man dich! Gleich hier, am nächsten Ast.«

»Reg dich ab, Steve«, antwortete der Mann mit dem Sheriffstern, der Butch von oben bis unten musterte und seine Waffe nicht einen Zoll beiseite nahm. »Junge, du bist verhaftet! Wir haben dich auf frischer Tat ertappt. Wir nehmen dich jetzt mit in die Stadt, wo dir nächste Woche der Prozess gemacht wird.«

Butch nickte stumm und ließ sich widerstandslos von den Deputies fesseln, während die Cowboys des Ranchers die Pferde aus dem Corral holten. Anschließend brachten ihn die Männer zu seiner grauen Stute und zwangen ihn, aufzusteigen. Als das Aufgebot davonritt, blickte sich Butch ein letztes Mal um. Wo zum Teufel war bloß Elza Lay?

 

 

9.

 

Sie steckten Butch Cassidy ins City Jail von Medicine Bow. Schon einige Tage später fand die Verhandlung statt. Die ganze Angelegenheit dauerte nicht mal eine Stunde.

»Butch Cassidy«, dröhnte die strenge Stimme des Richters Kilgore. »Dieses Gericht verurteilt dich wegen Pferdediebstahls zu einer Strafe von anderthalb Jahren Zuchthaus! Du wirst heute noch ins State Prison von Rawlins gebracht, wo du deine Strafe sofort antreten wirst …«

Die letzten Worte bekam Cassidy überhaupt nicht mehr mit. »Eineinhalb Jahre!«, tönte es in seinen Ohren. Achtzehn Monate wollten sie ihn einsperren, nur weil er ein kleines vorteilhaftes Geschäft hatte machen wollen.

Die Nacht in der engen Zelle verbrachte Butch sehr unruhig. Am nächsten Morgen legten ihm die Wärter schwere Ketten an und brachten ihn mit einem speziellen Wagen ins State Prison von Rawlins (US-Staat Wyoming).

Butch sagte während der ganzen Fahrt kein einziges Wort. Der Zorn, der in ihm saß, brannte tief in seiner Seele. Und noch viel schlimmer war es, dass sein Freund Elza Lay ihn im Stich gelassen hatte. Aber er beherrschte sich, denn ändern konnte er an seiner belämmerten Lage doch nichts mehr …

Das State Prison war ein wuchtiger, viereckiger Bau aus grobem Sandstein, der scharf bewacht wurde. Als der Wagen durch das Gefängnistor fuhr, erkannte Butch die uniformierten Wachen mit Karabinern, die auf den vier Ecktürmen postiert waren.

Der Wagen hielt an, und die beiden Deputies zogen den gefesselten Butch heraus. Gleichmütig schleppten sie ihn hinüber zu einem großen Bau, wo man ihm die Fesseln abnahm und ihn zwang, all seine Taschen zu leeren. Anschließend schor man ihm die Haare kurz, verpasste ihm Sträflingsklamotten und schaffte ihn in einen anderen Raum, wo er von einem dürren Kerl mit Stehkragen fotografiert wurde. Butch Cassidys Gesicht wurde immer verbissener …

Abschließend drückte man ihm einen Stapel Decken in die Hand und führte ihn einen langen und feuchten Gang entlang zu einem Loch, in dem er die nächsten anderthalb Jahre seines Lebens verbringen sollte. Als der Wärter hinter ihm die Gittertür zuschloss, warf Cassidy die Decken achtlos beiseite und setzte sich auf die schmutzige Pritsche. Zum ersten Mal fühlte er sich von Gott und der Welt verlassen.

Während die Dämmerung über das State Prison hereinbrach, hörte Butch Cassidy in der Nachbarzelle die verzweifelten Schreie eines Mannes, der am selben Tag wie er eingeliefert worden war. Wenige Augenblicke später vernahm er die hastig herbeieilenden Schritte der Wärter. Sie öffneten die Nachbarzelle, und Butch hörte dumpfe Schläge und die Hilferufe des armen Teufels. Sie gaben es ihm, und zwar gründlich.

Als die Wärter von ihm abließen und wieder hinaus auf den Gang traten, tat der Gefangene keinen müden Muckser mehr …

Einer der Uniformierten spähte kurz in Butchs Zelle hinein. »Da siehst du, wie’s hier zugeht, Hundesohn«, sagte er mit hoher Fistelstimme. »Der Bursche hat sein Fett weg! Hoffentlich weißt du dich wenigstens anständig zu benehmen …«

Butch erwiderte nichts, sondern nickte nur stumm. Hier konnte jedes überflüssige Wort zum Verhängnis werden. Während er sich langsam auf der Pritsche ausstreckte, hörte er in der Nachbarzelle das leise Stöhnen des zusammen geprügelten Gefangenen.

So endete der erste Tag für Butch Cassidy …

 

 

10.

 

Er hieß Tate Kerrigan und sah auch so aus. Nämlich wie ein Stier. Ein kantiger Schädel saß auf muskelbepackten Schultern. Heimtückische Augen schauten aus dem pockennarbigen Gesicht hervor und musterten unverhohlen den Neuankömmling mit dem struppigen Blondhaar. Als Butch Cassidy in den Zellenhof trat, versperrte ihm der bullige Kerl den Weg.

»He, Freundchen!«, rief er hämisch. »Du bist neu hier in unserem Laden, stimmt’s?«

»Und wenn’s so ist?«, fragte Butch gereizt. »Ich wüsste nicht, was dich das angeht, Mister!« Sein Blick war trotzig.

Einer der herumstehenden Sträflinge bekam Stielaugen.

»Mann, das ist Kerrigan!«, versuchte er Butch aufzuklären. »Er sitzt hier lebenslänglich. Es ist besser, wenn du tust, was er von dir will, Buddy …«

Ein kurzer Blick zu Kerrigan sagte dem Sträfling, dass der Schläger nicht gerade erfreut über das Verhalten des Neuen war. Hier kuschte jeder vor seiner Faust, und auch Cassidy sollte keine Ausnahme machen.

»Lass mich zufrieden, Kerrigan«, sagte Cassidy ruhig und schob sich an dem Muskelprotz vorbei, als er drüben an der Mauer einen Wärter erblickte.

»Dich mach’ ich fertig!«, keuchte Kerrigan und ballte vor Wut beide Fäuste. »Heute Nacht nehme ich mir dich Schleimscheißer vor. Am besten machst du jetzt schon mal dein Testament!«

 

 

11.

 

Mitternacht war längst vorüber, als Butch Cassidy von dumpfen Schritten geweckt wurde. Ein Wärter, dessen Gesicht er nicht erkennen konnte, schloss seine Zellentür auf und machte sich dann schnell wieder davon. Butch erhob sich von seiner Pritsche und ging auf die Tür zu. Sie stand sperrangelweit offen.

Er starrte hinaus in den dunklen Gang und erblickte die schemenhafte Gestalt des Hünen Kerrigan, der mit verschränkten Armen drei Meter weiter verharrte. Das weiße Licht des Mondes verzerrte sein Gesicht zu einer wüsten Grimasse. Er sah jetzt aus wie der leibhaftige Satan!

»Komm raus, du Bastard«, sagte Kerrigan leise. »Wir sind beide ganz allein hier, und ich breche dir nun sämtliche Knochen! Als Belohnung für deine patzige Antwort gestern Morgen …«

Die Sträflinge zu beiden Seiten des Gangs schauten durch ihre Türen hinaus in den Gang. Es war wieder mal so weit. Kerrigan machte einen Neuen fertig, nachdem er den Wärter bestochen hatte. Blut würde fließen, und das brachte die Männer zur Erregung …

Mit wildem tierischen Laut griff Kerrigan an und holte mit der Rechten weit aus. Die Faust des Riesen zischte haarscharf an Butchs linkem Ohr vorbei – aber auch nur deshalb, weil er sich im letzten Augenblick tief nach unten geduckt hatte.

Dagegen konnte Butch einen Treffer in Kerrigans Magen landen, den dieser jedoch offenbar überhaupt nicht spürte. Stattdessen knallte er Cassidy die klobige Faust auf den Schädel, dass Butch benommen zurücktaumelte. Kerrigan setzte sofort nach und verpasste ihm noch einen Hieb – diesmal in den Magen, dass Butch zusammenklappte wie ein Taschenmesser.

Jetzt sah Butch Cassidy rot. Die Wut überfiel ihn wie eine grenzenlose, gewaltige Welle. Er sprang auf und stürzte sich Kerrigan entgegen. Mit einem wahren Hagel von Schlägen deckte er den Riesen ein, sodass dieser notgedrungen zurückweichen musste.

Butch setzte nach. Er war jetzt eine reine Kampfmaschine, und er war es, der austeilte: dutzendfach. Unter Butchs Hieben schlossen sich Kerrigans Augen, sodass dieser nach kurzer Zeit nichts mehr sehen konnte. Und dann machte Butch ihn fertig – pausenlos, gnadenlos. Zuletzt lag Tate Kerrigan blutend und zerschlagen am Boden und rührte kein Glied.

Butch Cassidy würdigte ihn keines Blicks mehr. Er trat zurück in seine Zelle und schloss die Tür hinter sich, ohne auf die aufgeregten Stimmen der anderen zu hören, die nach den Wärtern riefen.

Von diesem Tag an ließ man ihn in Ruhe …

 

 

12.

 

In den ersten Wochen wurde Butch Cassidy von tödlicher Langeweile geplagt, aber dann dachte er an den alten Mike, der ihm so viel beigebracht hatte. In den Nächten grübelte Butch oft darüber nach, eine eigene Bande zu gründen: eine Bande, die nur aus erstklassigen Männern bestand. Nicht solche Stümper wie die, mit denen er geritten war. Nein, es mussten Leute sein, die logisch denken und schnell zuschlagen konnten. Und das alles, ohne zu schießen. Darauf legte er größten Wert. Ein Räuber wollte er sein, ein Killer jedoch nicht.

Butch zerbrach sich wochenlang den Kopf darüber, wie er diese Idee verwirklichen konnte, und merkte dabei nicht, wie sehr die Zeit verging. Als die letzten Tage seiner Haft anbrachen, war er fast dreißig, und sein Kopf steckte immer noch voller Gedanken, wie er seinen großartigen Plan in die Tat umsetzen konnte.

Man schrieb das Jahr 1897, als sich die Tore des State Prison von Rawlins wieder für Butch Cassidy öffneten. In jenen Tagen konzentrierten sich die meisten Überfälle der Banditen auf einsame und verlassene Gegenden, wo das Gesetz noch nicht Fuß gefasst hatte. Die Outlaws mieden die großen Städte und starteten ihre Aktionen von den Prärien und Ebenen westlich des Pecos aus.

Ein solch idealer Unterschlupf war das »Hole in the Wall« in der Nähe der Horn Mountains. Inmitten der viertausend Fuß hohen Berge lag das Versteck der meist gesuchten Ganoven. Es war ein geschützter, völlig unzugänglicher Fleck, an dem die Banditen lebten und wohin sie sich nach erfolgten Raubzügen wieder zurückzogen.

Jeder wusste von der Existenz des »Hole in the Wall«. Aber gefunden hatte es noch keiner. Dutzende von Pinkerton-Agenten und Wells-Fargo-Detektiven machten sich auf die Spur. Einige kehrten nicht mehr zurück – die anderen gaben die Suche auf. Und so kam es, dass sich die Outlaws auch weiterhin in Sicherheit wiegen konnten …

 

 

13.

 

Im Sommer 1897 kam Butch Cassidy ins »Hole«. Von einem Pferdedieb, mit dem er vier Wochen lang geritten war, hatte er von der Existenz dieses Verstecks erfahren und sofort beschlossen, dorthin zu gehen. Für ihn war in dieser so feinen Gesellschaft ohnehin kein Platz mehr, deswegen wollte er zu denjenigen, denen es auch nicht viel besser erging.

Flatnose George Curry, Harvey Logan, Red Weaver – und wie sie alle hießen: acht gesuchte Outlaws, auf deren Kopf eine Prämie ausgesetzt war. Und alle lebten sie im »Hole«. Cassidy musste diese Männer kennenlernen. Sie würden ihm dabei helfen, seine Zukunftspläne in die Tat umzusetzen.

Der mittlerweile 30-jährige Butch ritt tagelang durch die menschenleere Wildnis, bis er in den Horn Mountains auf das Versteck der Outlaws stieß. Schon Stunden zuvor hatte man seine Ankunft bemerkt und ihn beobachtet. Als er in dem schmalen Pass anhielt, der hinunter ins Tal der Banditen führte, waren zwei Reiter an seiner Seite, die ihm die Waffen abnahmen und ihn begleiteten. Äußerste Vorsicht war hier geboten; denn Pinkertons Agenten schliefen und schlummerten nicht … Nie!

Der erste Outlaw, den Butch kennenlernte, war Harvey Logan. Er war ein steckbrieflich gesuchter Killer, der schon viele Menschen umgebracht hatte. Das Erste, was Butch an ihm auffiel, war seine braune, dunkel gegerbte Haut. Offensichtlich floss Indianerblut in seinen Adern. Logan war von kleiner Gestalt, und seine Augen funkelten tückisch. Jeder fürchtete seinen Jähzorn, der ihn manchmal überfiel.

»Wer bist du, Fremder?«, fragte er leise. »Ich rate dir, die Wahrheit zu sagen! Ein falsches Wort, und wir werden dich dort drüben hinter den Bäumen begraben …«

»Ich heiße Butch Cassidy«, sagte der junge Mann schlicht, der trotz der Bedrohung noch grinsen konnte. »Bin eine Zeit lang mit Elza Lay und Mike Cassidy zusammen geritten. Wir haben Rinder und Pferde gestohlen, bis sie mich geschnappt und eingebuchtet haben. Das war vor anderthalb Jahren …«

»Ich kannte Mike Cassidy«, sagte jetzt Flatnose George, den sie auch »Kid Curry« nannten – ein gefährlicher Outlaw, der ebenfalls bei Butchs Befragung anwesend war. »Hat der alte Bastard immer noch seine Augenklappe?«

»Mike Cassidy hat nie eine Augenklappe besessen, sondern stets zwei gesunde Augen, Mister«, erwiderte Butch grinsend, »Es muss lange her sein, dass du dich so schlecht an ihn erinnerst …«

Curry warf Harvey Logan einen vielsagenden Blick zu. Der Mann mit der Lederhaut sah Butch voll ins Gesicht. Er fingerte an seinem Oberlippenbart herum.

»Elza Lay ist hier im Hole, Cassidy«, brummte er. »Er kommt heute Abend zurück – und dann werden wir ja sehen, ob du die Wahrheit gesagt hast. Bis dahin wirst du abwarten – verstanden?«

Damit war die Unterredung beendet. Ein jähes Triumphgefühl überkam Butch, als er Elza Lays Namen hörte. Der Texaner war also hier! Nun gut, besser konnte es gar nicht gehen. Mit diesem Burschen hatte er ohnehin noch einige Worte unter vier Augen zu reden.

Sie brachten Butch in eine der vielen Hütten, die im Tal aufgebaut worden waren. Fast eine richtige Stadt – nur mit dem Unterschied, dass sämtliche Bewohner Outlaws waren.

Die untergehende Sonne tauchte die Horn Mountains in dunkelrotes Licht, als Butch Cassidy draußen Hufschläge vernahm, die rasch näherkamen. Wenig später hörte er erregte Stimmen und Schritte vor dem Blockhaus, in dem er eingesperrt war.

Die Tür wurde aufgerissen, und Butch starrte in das maskenhafte Gesicht des Halbblutmannes Logan, der ihm winkte, zu folgen. Butch erhob sich und trat hinaus ins Freie.

Elza Lay erkannte er sofort! Der blonde Texaner war völlig überrascht. Wahrscheinlich hatten sie ihm nicht Butchs Namen genannt, um auch ihn zu testen. Lay drängte sich nach vorn und stieß einen Freudenschrei aus.

»Mensch, Butch – alte Nebelkrähe!«, rief er. »Freut mich, dich hier zu sehen!«

Butch grinste ebenfalls und trat auf Elza Lay zu. Niemand der Anwesenden hatte damit gerechnet, dass Butch plötzlich mit der Faust ausholte und sie Elza Lay voll gegen den Unterkiefer hämmerte. Der blonde Texaner stieß einen Schrei der Überraschung aus und taumelte zurück.

Butch setzte sofort nach und verpasste ihm noch einen Hieb, dass Lay stöhnend zusammenbrach. Dann wischte er sich die Hände an den Hosen ab.

»Das war dafür, dass du damals abgehauen bist, Elza«, sagte er laut, sodass alle es hören konnten. »Sei froh und danke Gott, dass ich dich jetzt nicht umbringe. Ich hätte größte Lust dazu, du miese Ratte!«

Die Übrigen schauten Butch bewundernd an, griffen jedoch nicht ein.

Kurze Zeit danach war der Vorfall vergessen …

 

 

14.

 

Die Tage vergingen unendlich langsam. Butch bemerkte, dass hier im »Hole in the Wall« zwar ein ungeschriebenes Gesetz herrschte, doch untereinander bildeten die Outlaws viele verschiedene Banden, die in einzelnen Trupps das Versteck verließen und dann ihre Überfälle begingen. Butch jedoch träumte von einer einzigen großen und gut organisierten Bande, deren Kopf er war. Er musste diesen Kerlen zeigen, worauf es dabei ankam.

Mit Elza Lay verstand er sich inzwischen wieder. Der blonde Texaner hatte Butch erklärt, warum er ihm seinerzeit nicht hatte helfen können – und es klang glaubwürdig. So vergaß Butch, was geschehen war, und Elza wich fortan nicht mehr von seiner Seite.

»Ich hab’ einen Plan, Elza«, sagte Butch eines schönen Nachmittags, als Harvey Logan und George Flatnose Curry mit einem Trupp das »Hole« verlassen hatten. »Ich werde diesen Kuhschädeln mal zeigen, dass man einen Überfall auch machen kann, wenn man ihn sorgfältig plant und dann erst zuschlägt! Auf diese Weise braucht man keine zehn Mann, da genügen auch zwei …«

»Heißt das du und ich?«, fragte Elza und grinste.

»Genau, Amigo«, erwiderte Butch. »Wir werden es diesem Trupp hier mal zeigen, wo’s langgeht! Elza, ich sag’ dir, diesmal landen wir den großen Coup. Komm, setz dich! Ich erklär’ dir genau, was ich vorhabe …«

 

 

15.

 

Sheriff Walt Garrison schob sich den Hut tief in die Stirn. Mürrisch blickte er hinaus aus dem Fenster auf die Main Street von Castle Gate. Der August verbreitete drückend-schwüle Treibhaushitze, und es war alles andere als angenehm, hier in diesem Bahngebäude zu hocken und die fünfzehntausend Dollar zu bewachen, die in einer Stunde mit dem Zug nach Denver gehen sollten.

»Verdammt ruhig da draußen«, sagte Garrison zu seinem Deputy Bill Henshaw und wandte sich vom Fenster ab. »Meiner Meinung nach ein bisschen zu ruhig … Oder was meinst du?«

»Das ist die Hitze, Walt«, sagte der schnauzbärtige Deputy Henshaw zu seinem Vorgesetzten. »Siebenunddreißig Grad im Schatten – puh! Glaubst du vielleicht, dass es mir Spaß macht, hier zu sitzen und die Zeit totzuschlagen? Viel lieber wäre ich jetzt drüben im Ace Saloon …«

Garrison unterbrach seinen Deputy, als er in der Ferne das Pfeifen der Lokomotive hörte. »Bill, da kommt endlich der Zug. Wir müssen jetzt los!«

Bill Henshaw nahm zwei der Geldsäcke an sich, und Garrison ergriff den dritten. Die rechte Hand am Revolver, näherte er sich der Tür. Draußen wartete Lonny Coogan, der zweite Deputy. Auffordernd nickte er Garrison zu.

»Alles seelenruhig«, sagte er zu dem Sheriff. »Wie auf dem Friedhof. Da vorn kommt auch schon der Zug!«

Die drei Männer marschierten los. Lonny Coogan ging voran, gefolgt von dem Sheriff und Henshaw. Coogan spähte eifrig umher; konnte jedoch nichts Besonderes oder Auffälliges entdecken. So kamen sie schließlich an die Bahngleise, wo sich die Lokomotive schnaufend näherte.

Das war der Moment, in dem das Unerwartete geschah! Die zischende Lok übertönte die herannahenden Hufschläge zweier Pferde, und als sich Deputy Coogan umdrehte, war es auch schon zu spät. Die Schlinge eines Lassos senkte sich über seinem Körper, und er wurde mit gewaltigem Ruck von den Beinen gerissen. Die Winchester entglitt seinen Fingern, er landete in einer Wolke aus Staub.

Bevor Bill Henshaw handeln konnte, war einer der beiden so plötzlich aufgetauchten Reiter über ihm und ritt ihn quasi über den Haufen. Sheriff Garrison war völlig überrascht. Er sah, wie der Mann seinen Deputy niederritt, sich dann vom Sattel aus hinunterbeugte und nach den beiden Geldsäcken griff.

Sofort wollte Walt Garrison seinen Revolver packen, als ihn die Stimme des zweiten Reiters hinter ihm verharren ließ.

»Stopp!«, schrie er. »Sheriff, wenn Sie den Colt aus dem Halfter ziehen, sind Sie ein toter Mann!«

Garrison dachte an seine Frau und seine beiden Kinder, die zu Hause auf ihn warteten und fluchte innerlich – aber er griff nicht zur Waffe.

»Schnapp dir den dritten Geldsack, Elza«, sagte jetzt der erste Reiter zu seinem Kumpan. »Und dann los – weg von hier!«

Der Mann, den sein Freund Elza genannt hatte, grapschte sich den dritten Sack mit den Lohngeldern und legte ihn quer über den Sattel.

»Es war mir ein Vergnügen, Sheriff«, rief der Bandit höhnisch, als der Lärm der Lokomotive lauter wurde. Der andere, der die restlichen Geldsäcke geklaut hatte, lächelte sogar.

»Ich heiße Butch Cassidy, Sheriff!«, rief er. »Merken Sie sich diesen Namen gut. Adios, Señor!«

Sie zwangen Sheriff Garrison mit ein paar Kugeln, in Deckung zu gehen, während sie ihre Pferde wild antrieben. Die Beraubten gaben wütende Schüsse auf die Banditen ab, trafen jedoch nicht. Die Outlaws konnten entkommen, und bei sich hatten sie die fünfzehntausend Dollar, die mit dem Zug transportiert werden sollten, der soeben eingetroffen war …

 

 

16.

 

Der Überfall auf den Geldtransport in Castle Gate hatte den Namen Butch Cassidy unter den Outlaws im »Hole in the Wall« bekannt gemacht. Selbst Harvey Logan und Kid Curry nickten anerkennend, als sie von dem tollkühnen Verbrechen erfuhren. Fünfzehntausend Dollar hatte dieser Kerl mit dem sympathischen Lächeln erbeutet, und das ohne große Anstrengung.

Viele Banditen im »Hole« bewunderten Butch. Rasch wurde er zum ungekrönten König der Outlaws. Wer sich Butch Cassidy anschloss, der hatte Erfolg – und Geld, Whisky und Weiber flogen ihnen zu wie gebratene Tauben im Schlaraffenland.

Der 30-jährige Butch Cassidy hatte etwas an sich, was die Männer sofort begeisterte und mitriss. Auf jeden Fall war Butch, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Robert LeRoy Parker hieß, jetzt einer der gefürchtetsten Männer auf dem Outlaw Trail. Ein harter Mann – und obendrein noch der schnellste und beste Schütze.

Es ging schon auf den Herbst zu, als Butch Cassidy die Whiskeyflasche beiseite stellte und seine Blicke in der kleinen Hütte umherschweifen ließ. Hinter den Hügeln der Horn Mountains versank blutrot die Sonne.

Mit ihm in der Hütte befanden sich mehrere Männer, die alle steckbrieflich gesucht wurden.

»Hört mal her, Jungs«, sagte Butch ziemlich laut. Die Männer unterbrachen ihr Kartenspiel und blickten zu ihm hinüber. »Die meisten von euch haben doch mal als Cowboy wie ich angefangen, Freunde. Das ist ein echter Job für Männer. Man muss zwar den ganzen Tag hart arbeiten, aber es kommt nichts dabei raus. Lumpige dreißig Dollar im Monat für Knochenarbeit, und wenn’s Winter wird, setzen einen die Rancher vor die Tür. Die einzige Möglichkeit, nicht zu verhungern, ist doch, dass man sich ab und zu mal ein Rind klaut! Wer das längste Lasso hat, ist am besten dran, hab’ ich recht? Aber Rustler, die leben gefährlich! Und verdienen tun sie auch nichts …«

»Die landen höchstens im Knast«, bemerkte Elza Lay.

»Gut, dass du’s ansprichst, Elza«, fuhr Butch fort. »Wie ihr wisst, saß ich auch mal anderthalb Jahre im Bau, und denke doch, dass mir so was kein zweites Mal passiert. Außerdem lohnt sich Viehdiebstahl sowieso nicht mehr! Die Ranches werden immer mehr, aber auch immer kleiner, und die Zeiten der großen Rinderbarone sind ein für alle Mal vorbei …«

»Ihr habt doch Banken überfallen!«, meldete sich jetzt Harry Longabaugh zu Wort. Er war erst vor wenigen Tagen ins »Hole« gekommen. Jeder nannte ihn »Sundance Kid«. Er war groß und schlank und sah blendend aus. Außerdem hatte er den Tick, sich immer besonders schick zu kleiden.

»Was zählen schon Banken«, zischte Harvey Logan wütend. »Kid, du bist doch noch nicht lange hier! Zehntausend Dollar sind für dich eine Menge Geld, und mehr ist bei einem Banküberfall auch nicht drin …«

»Aber was glaubst du, wie schnell du das Geld verjubelt hast«, fuhr Butch jetzt fort. »Mann, du weißt doch wohl, wie teuer das Leben als Outlaw ist!«

»Na ja, viel hat’s mir noch nicht eingebracht, Butch«, antwortete Sundance Kid. »Achtzig Dollar hab’ ich mal in einem Store geklaut. Und dafür haben sie mich auch gleich eingebuchtet …«

»Siehst du?«, stellte Butch zufrieden fest. »Das geht auf lange Sicht also nicht gut! Außerdem sind die Bankfritzen doch nun vorsichtiger geworden, seit sie von uns gehört haben. Die bewachen jetzt ihre Tresore wie ihre Augäpfel, und da reinzukommen, wird immer schwieriger. Also müssen wir uns das Geld da holen, wo wir es noch leicht bekommen!«

»Und wo ist das, Butch?«, fragte Sundance Kid.

»Na, zähl doch mal zwei und zwei zusammen, Mensch«, gab Butch rau zurück. »Die Großbanken in New York und Frisco mein’ ich jetzt nicht! Aber all die Kleinen, die Rinderbanken, an die denk’ ich. Das Geld für diese Institute liegt doch wohl im Moment in den Expresswagen der Bahngesellschaften!«

»Eisenbahnraub!«, stieß Harvey Logan sprachlos hervor und machte große Augen. »So was gab’s auch noch nicht hier im Hole …«

»Na, und wenn schon«, rief Sundance Kid hocherfreut. »Butch, das klingt nach viel Geld! Du kannst auf jeden Fall mit mir rechnen. Ich will dabei sein, wenn wir die Dollars scheffeln …«

»Wir sind auch mit von der Partie, Butch«, sagte der Halbblutmann Logan grinsend. »Und jetzt wollen wir hören, wie du dir die ganze Sache vorgestellt hast …«

 

 

17.

 

William Pinkerton blickte von seinem Schreibtisch hoch, als er die Stimme seines Sekretärs vernahm.

»Mr. Siringo wartet draußen, Sir«, sagte der Angestellte betont leise. »Soll ich ihn reinschicken?«

William Pinkerton, der Sohn des berühmten Allan Pinkerton, der zusammen mit seinem Bruder Robert die so erfolgreiche Detektivagentur leitete, schob seine Akten beiseite und nickte.

»Bringen Sie den Mann zu mir, Davis, und lassen Sie uns in der nächsten Stunde bitte allein. Wir haben eine Menge zu besprechen!«

Der Angestellte verbeugte sich kurz und ging wieder nach draußen. Sekunden später stand Charles Angelo Siringo im Türrahmen: der Mann, nach dem Pinkerton geschickt hatte.

»Freut mich, dass Sie so schnell gekommen sind, Siringo!«, rief der Leiter der Detektivagentur, erhob sich von seinem Platz und streckte die Hand aus. »Die Lage ist brenzliger denn je …«

Er schaute dabei dem schmächtigen Siringo genau in die Augen. Charlie Siringo war der beste Mann, den Pinkerton zurzeit auf die Beine bringen konnte, und von dessen Einsatz erhoffte sich William Pinkerton sehr viel, denn die Outlawplage im »Hole in the Wall« war mittlerweile zu einer wahren Landplage geworden.

Charlie Siringo setzte sich in einen der bequemen Ledersessel und nahm dankbar eine der würzig duftenden Zigarren an. Der schmächtig wirkende Mann war eine ganz besondere Erscheinung. Ein Einzelgänger, der schon seit mehreren Jahren für Pinkerton arbeitete, und das immer im Alleingang.

Er war ein Spürhund, den man nicht so leicht abschütteln konnte. Er folgte den Desperados durch Schneestürme in den nördlichen Ebenen und an sengend heißen Tagen durch die Wüste, bis er sie einkassiert hatte. Und Siringo hatte sein Wild bis jetzt immer erlegt, das wusste auch William Pinkerton. Deswegen hatte er nach ihm geschickt.

»Hier!«, sagte William Pinkerton verbittert und warf dem Detektiv eine Zeitung zu. »Wieder ein Banküberfall am helllichten Tag! Fast noch dreister als in Castle Gate. Dieser verdammte Butch Cassidy wird immer unverschämter! Wild Bunch nennt er seine Outlaw-Horde jetzt schon. Wild Bunch, Siringo! Die Leute machen ihn noch zum Nationalhelden, wenn das so weitergeht. Dabei ist er nichts weiter als ein hundsgemeiner Verbrecher, der an den Strick gehört!«

»Bis jetzt hat er aber noch keinen erschossen, Mr. Pinkerton«, erwiderte der Detektiv ruhig. »Unter den Farmern und kleinen Ranchern hat er überall Freunde. Die verraten gar nichts, Sir!«

»Weiß ich, Siringo«, fuhr Pinkerton fort. »Aber trotzdem kann das nicht mehr so weitergehen. Sehen Sie doch selbst, was diese verdammten Schmierfinken, diese Zeitungsfritzen, über die Pinkerton-Agency schreiben! Wenn wir nicht bald Erfolge aufweisen können, sind wir geliefert! Ich habe gerade einen Brief vom Präsidenten bekommen. Er weist mit Nachdruck darauf hin, dass die Wild Bunch gestellt werden muss.«

»Ich stehe jederzeit zu Ihrer Verfügung, Mr. Pinkerton«, sagte Charlie Siringo und drückte den Zigarettenstummel aus. »Was soll ich tun?«

»Bis jetzt haben wir nach einem veralteten System gearbeitet, Siringo«, erklärte Pinkerton. »Das wird von nun an anders! Die heutige Zeit erfordert neue Methoden. Bei solch gerissenen Hundesöhnen wie Butch Cassidy muss man die Sache vom Schwanz her anpacken! Siringo, ich habe mir gedacht, dass Sie eigentlich ein recht passables Mitglied der Wild Bunch sein könnten …«

Der schmächtige Mann schaute erstaunt auf.

»Ja, Sie haben mich richtig verstanden«, fuhr Pinkerton fort. »Ich erteile Ihnen hiermit den dienstlichen Auftrag, sich unter die Outlaws zu begeben! Infiltration heißt das neue Stichwort, nach dem wir arbeiten werden. Wir müssen lernen, wie diese Gesetzlosen zu denken! Versuchen Sie irgendwie in Cassidys Nähe zu kommen und berichten Sie mir dann von seinen Plänen.«

»Es wird nicht einfach sein, Sir«, erwiderte Charlie Siringo und erhob sich. »Aber ich werde mein Bestes tun. Noch heute reite ich los!«

 

 

18.

 

Powder Springs, Colorado, war eine kleine verschlafene Stadt am Fuß der Rocky Mountains. Von den kahlen Bergen pfiff ein kalter Wind, als ein einsamer Reiter sich von Norden her der Stadt näherte. Der Mann ritt einen Appaloosa-Hengst und trug eine karierte Mackinawjacke. Der gepflegte Waffengurt, den er tief an seiner Hüfte trug, wies ihn als einen Mann der rauen Gilde aus, ein Gunman.

Charlie Siringo hatte durch tagelanges Nachforschen erfahren, dass Butch Cassidys Wild Bunch hier in Powder Springs ein Versteck hatte. Jetzt hielt der Detektiv den Zeitpunkt für richtig, die Initiative zu ergreifen und zu handeln. Er sattelte sein Pferd und ritt einfach in die Stadt, ohne zu wissen, ob er lebend davonkam.

Bei den ersten Häusern der Stadt versuchte ein etwa zwölfjähriger Junge, mit seinem Freund Wild Bill Hickok und Buffalo Bill zu spielen. Einer der beiden tat so, als sei er schwer getroffen, und sank gotterbärmlich stöhnend zu Boden. Der Sieger stieß einen triumphierenden Schrei aus, der jäh abbrach, als der Junge den fremden Reiter erblickte, der sein Pferd gezügelt hatte.

»Tag, Junge«, murmelte Siringo und versuchte zu grinsen. »Du hast’s ihm aber gründlich besorgt, muss ich schon sagen …«

Der »Tote« erhob sich jetzt ebenfalls und musterte den hageren Reiter.

»Wer sind Sie denn, Mister?«, wagte einer der beiden kess zu fragen.

»Charles Carter heiße ich«, antwortete Siringo bereitwillig. »Und dafür, dass ich euch beiden Schlaumeiern meinen Namen gesagt habe, werdet ihr mir jetzt auch ein bisschen behilflich sein, verstanden? Du da!« Er wandte sich an den Pistolenhelden, dessen Gesicht über und über mit Sommersprossen bedeckt war. »Sag mir, ob Outlaws in der Stadt sind, Junge!«

»Ich glaube, ja, Sir«, stotterte der Boy und trat vorsichtig einen Schritt zurück. »Sind Sie ein Sheriff oder so was Ähnliches?«

Siringo lachte.

»Das wäre wohl nicht gerade passend, dass ich ausgerechnet einen Blechstern tragen soll, wo ich den so sehr hasse! Also: Ich suche Leute, die einen schnellen Colt benutzen …«

»Schnelle Colts gibt’s hier genug«, erklang jetzt eine metallische Stimme hinter ihm. »Keine Bewegung, Mister! Sonst blase ich dir ein Loch in den Kopf.«

Charlie Siringo spreizte beide Hände, um nicht missverstanden zu werden. Als er sich im Sattel umdrehte, blickte er in das Gesicht des Texaners Elza Lay, das er von Dutzenden von Steckbriefen her kannte. Aber er ließ sich nichts anmerken.

»He, Mister, nicht so eilig«, lenkte er ein. »Ich hab’ doch den Jungs nur ein paar Fragen stellen wollen – sonst nichts …«

»Zu viel fragen ist nie gut«, antwortete Elza Lay kurz angebunden und bedeutete Siringo, abzusteigen. »Ich hab’ deine Worte gehört! Charles Carter heißt du also, und Arbeit suchst du auch. Welche Arbeit?«

»Solche, bei der man sich nicht die Finger schmutzig zu machen braucht, Mann«, antwortete der Detektiv. »Ich hab’ gehört, dass hier in Colorado noch so manches schnelle Eisen benötigt wird, stimmt’s?«

»Das werden wir sehen, Carter! Zuerst kommst du mal mit rüber in den Saloon. Falls du’s noch nicht weißt: Du hast das sagenhafte Glück, die ganze Wild Bunch Butch Cassidys hier anzutreffen! Butch wird dir schon das Notwendigste erklären, und ich hoffe für dich, dass du nicht gelogen hast …«

 

 

19.

 

Schon als Siringo im Eingang des Saloons stand, wusste er genau, wen er vor sich hatte! In dem kleinen Raum, dessen Mittelpunkt eine behelfsmäßige Theke aus Eichenbrettern bildete, waren nahezu achtzigtausend Dollar Kopfgeld versammelt. Siringo erkannte Butch Cassidy, Harvey Logan und George Flatnose Curry. Wer der junge Bursche in den tadellosen Klamotten war, wusste er nicht, aber dessen Blick gab ihm zu denken.

»Butch, ich hab’ diesen Typen da draußen erwischt, als er Kinder nach uns ausgefragt hat!«, stieß Elza Lay aufgeregt hervor. Der Revolver bohrte sich hart in Siringos Nieren. »Was sollen wir mit ihm tun?«

»Wer bist du, Mann?«, fragte der 30-jährige Cassidy, in dessen Gesicht sich die Erfahrungen der letzten harten Jahre widerspiegelten.

»Charles Carter ist mein Name«, erwiderte Siringo kühn. »Ich bin frei arbeitender Gunman und biete meine Dienste demjenigen an, der dafür am meisten bezahlen kann. Und ich denke mir, dass die Wild Bunch nicht gerade der schlechteste Geldgeber ist …«

»Ich habe von einem Charles Carter schon mal gehört, Butch«, meldete sich Sundance Kid zu Wort. »Soll in Wichita angeblich für eine Menge Trouble gesorgt haben!«

»Ganz richtig, Amigo«, fuhr Siringo fort und setzte jetzt alles auf eine Karte. Natürlich wusste er, dass die Möglichkeit bestehen konnte, dass Charles Carter – zumindest der echte – sich ebenfalls zu dieser Stunde in Colorado aufhielt. Deshalb hatte die Pinkerton-Agency entsprechende Vorkehrungen getroffen und den richtigen Gunman zunächst mal aus dem Verkehr gezogen.

Das Letzte, was Siringo gehört hatte, war, dass der echte Carter ein Ticket in der Tasche nach New Orleans hatte! Also konnte keine Gefahr mehr bestehen, und vom Äußerlichen her sah er dem Revolvermann sogar ziemlich ähnlich.

»Also, wie sieht’s aus? Kann ich bei euch mitmachen?«

Butch Cassidy grübelte einen Augenblick nach. Dann nickte er.

»Kannst du, Carter! Heute Abend darfst du beweisen, wozu du fähig bist. Aber ich rate dir, hier keine falschen Tricks zu versuchen! Elza oder Kid werden ständig auf dich achtgeben, und wenn du ein Betrüger sein solltest, dann hast du nicht mehr lange Freude daran. Verstanden?«

 

 

20.

 

Glenwood Springs war der Ort, den sich die Wild Bunch für ihren nächsten Coup ausgesucht hatte. Harry Longabaugh alias Sundance Kid war zusammen mit Elza Lay einen Tag vorher in der Stadt gewesen, und die beiden hatten sich gründlich umgesehen. Die City Bank lag am Rand der Ansiedlung – das machte es für alle noch einfacher.

Es war Mittwochabend, als Butch Cassidy und seine Männer sich der Stadt näherten. In einem dunklen Wäldchen ließen sie ihre Pferde zurück und begaben sich auf den Weg. Charlie Siringo war unter ihnen, und Sundance Kid wich nicht von seiner Seite.

Das Haus des Bankdirektors Ebenezer Wilkins stand an einem kleinen Hang. Davor breitete sich ein hübscher Garten aus, den der Direktor selbst hegte und pflegte, auch das hatte Sundance Kid herausbekommen.

Butch, Kid, Logan und Siringo drangen ohne einen Laut in Wilkins Haus ein, während George Flatnose Curry und die anderen sich bereits auf den Weg zur Bank machten. Hinter den Fenstern einiger Häuser brannte noch Licht, aber niemand bemerkte die huschenden Gestalten in ihren langen Staubmänteln, wie sie jede Deckung ausnutzend zur Bank schlichen.

Währenddessen waren Butch und seine Kumpane vor der Schlafzimmertür von Ebenezer Wilkins angelangt. Kinder oder Angestellte lebten nicht in diesem Haus, sodass die Banditen nicht zu fürchten brauchten, frühzeitig entdeckt zu werden.

Cassidy trat die Tür mit dem Fuß auf. Sie flog krachend zurück. Im Bett setzte sich ein ulkig wirkendes Männchen mit gewaltigem Schnurrbart, in kariertem Nachthemd steckend und mit einer roten Pudelmütze »bedacht«, kerzengerade auf. Seine schlaftrunkenen Augen waren weit aufgerissen, als er in die Revolvermündungen der eingedrungenen Männer blickte.

Jetzt wachte auch die Frau des Bankdirektors auf, ein Koloss mit wogendem Busen, mindestens einen Kopf größer als ihr Gatte.

»Guten Abend, Mr. Wilkins«, sagte Butch Cassidy mit dem für ihn typischen Lächeln. »Sie entschuldigen sicherlich, dass wir auf diese Weise und zu so später Stunde noch in ihr Haus eingedrungen sind. Mrs. Wilkins, Ihr Mann und ich werden jetzt einen kleinen Spaziergang zur Bank machen. Wir möchten nämlich etwas Geld abheben …«

Ebenezer Wilkins war sprachlos vor Wut. So einen heimtückischen Überfall hatte er noch nie miterlebt.

»Hast du nicht gehört, was Butch gesagt hat, Wilkins?«, rief der halbbluthafte Logan und fuchtelte mit dem Colt vor Wilkins’ Nase herum. »Mensch, hol deine Beingestelle aus dem Bett und zieh dich an, aber dalli! Wir haben keine Zeit, hier noch lange herumzualbern …«

Der Bankdirektor wich ängstlich zurück, fügte sich dann aber der Gewalt. Während Logan und Kid Mrs. Wilkins fachgerecht fesselten und knebelten, warf sich Wilkins hastig eine Strickjacke über und schlüpfte in seine graue Hose. Dann warf er seiner Frau noch einen letzten Blick zu und ging mit den Banditen hinaus.

Cassidy und seine Leute gelangten ungesehen zur Bank, die Wilkins öffnen musste. Der Bankdirektor wurde ins Innere gestoßen und gezwungen, den Tresor zu öffnen. Als er zögerte, wandte sich Butch erneut an ihn.

»Mr. Wilkins, Sie sind doch ein Mensch, der eins und eins zusammenzählen kann, nicht wahr?«, sagte er leise. Seine Stimme klang gefährlich. »Ich glaube nicht, dass ich meinen Freund Harvey Logan zurückzuhalten vermag, wenn Sie nicht in den nächsten fünf Minuten endlich den Tresor aufmachen. Harvey kann sehr grausam sein …«

Harvey Logan war in allen Zeitungen als eiskalter Killer verrufen, der über Leichen ging, und Ebenezer Wilkins las Zeitung! Deshalb zog er jetzt mit zitternden Händen einen Schlüsselbund aus der Tasche und machte sich an dem Tresor zu schaffen. Wenig später blickten die Banditen auf einen Haufen gebündelter Dollarnoten.

»Mensch, das sind mindestens fünfzehntausend Kröten!«, stieß Sundance Kid erregt hervor. »So viel Geld hab’ ich noch nie auf einem Haufen gesehen …«

»Packt die Piepen ein, Amigos!«, befahl Butch. »Wir müssen, zusehen, dass wir weiterkommen. Sie, Mr. Wilkins, werden doch wohl nichts dagegen haben, wenn die Jungs Sie ein wenig verschnüren.« Er wandte sich an Siringo, den er unter dem Namen Charles Carter kannte. »He, Carter – du kannst auch mal was tun. Nimm ihn dir vor und fessele ihn!«

Siringo nickte und zerrte den unglücklichen Bankdirektor mit nach hinten, wo er ihn mit Teilen einer zerschnittenen Reata fesselte. In einem günstigen Moment, wo er sich unbeobachtet fühlte, beugte er sich über Wilkins, wie um zu prüfen, ob seine Fesseln auch richtig saßen.

»Verständigen Sie Pinkerton, Wilkins«, sagte er mit wispernder Stimme. »Sagen Sie denen, dass alles geklappt hat. Ich bin in Cassidys Nähe!«

Ebenezer Wilkins riss staunend Augen und Ohren auf. Sein Unterkiefer klappte herunter. Siringos Blick beschwor ihn, den Mund zu halten.

»Na dann, alles Gute, Mr. Bankdirektor!«, sagte er so laut, dass alle es hören könnten, und erhob sich wieder. Er grinste Butch vertraulich zu und nahm ebenfalls einen der Leinensäcke an sich, in denen sie das Geld verstaut hatten. Nur Sundance Kid blickte ein wenig nachdenklich, als Charlie Siringo hinaus zu den Pferden ging.

Der Bursche gefiel ihm einfach nicht. Irgendwas war faul an ihm.

 

 

21.

 

»Sie werden uns in der Nähe von Glenwood Springs suchen«, hatte Butch Cassidy am nächsten Morgen gesagt. »Und so werden sie nicht ahnen, dass wir in Grand Junction schon wieder zuschlagen! Die Union Pacific wird diesmal herhalten müssen, Jungs …«

Charlie Siringo erinnerte sich noch gut an die Worte des Bandenführers, als er mit Elza Lay und Ben Kilpatrick nach Grand Junction ritt. Wieder sollte sich das Konzept des Outlaw-Führers bewähren. Erst erkunden, dann blitzschnell zuschlagen!

Der Pinkerton-Detektiv wusste, dass der Aufenthalt in Grand Junction seine einzige Chance war, den Eisenbahnraub zu verhindern. und er zögerte keine Sekunde. Als die Männer am frühen Morgen aufgebrochen waren, hatte Siringo in einem unbeobachteten Moment seinem Pferd ein Hufeisen gelockert – und jetzt, als sie den Stadtrand von Grand Junction erreicht hatte, begann es, Wirkung zu zeigen.

»Mein Pferd lahmt!«, rief Siringo Elza Lay und Ben Kilpatrick zu, die vor ihm ritten. Die Männer zügelten ihre Pferde kurz vor den ersten Häusern der Stadt. Siringo stieg ab und hob die linke Hinterhand seines Reittiers hoch.

»Das Hufeisen sitzt locker!«, rief er wütend und fluchte laut. »Ausgerechnet jetzt musste das passieren. Schöne Scheiße, Mann!«

»Da drüben ist eine Schmiede«, sagte der schnauzbärtige Kilpatrick und wies hinüber zur Main Street, wo vor einem Mietstall ein Mann mit einer Lederschürze ein glühendes Eisen auf einem Amboss bearbeitete. »Los, Carter! Bring deine Mähre da rüber und sieh zu, dass du dich beeilst. Wir warten im Saloon auf dich!«

Siringo nickte stumm und führte sein Pferd über die Straße. Seine Blicke folgten den beiden Outlaws, die weiterritten. Lay wandte sich noch einmal im Sattel kurz um, unterhielt sich aber dann mit seinem Kumpan, als er feststellte, dass Siringo die Schmiede schon erreicht hatte.

Mit hellen Hammerschlägen hieb ein gewaltiger Brocken von Mensch auf einem glühenden Eisen herum. »Tag, Mister«, sagte er barsch und ließ den Hammer sinken. »Was kann ich für Sie tun?«

Siringo führte sein Pferd an dem Mann vorbei in die Schmiede. »Mein Tier verliert bald ein Eisen an der Hinterhand! Schätze, Sie sollten es sich einmal ansehen.«

»Nur einen Moment«, schnaufte der Schmied und tauchte das zurechtgeschlagene Eisen in einen Wasserbottich. Dampf zischte empor, als der Abkühlungsprozess begann.

Fluchend legte er das fertige Stück Eisen beiseite und stapfte hinüber zu Siringos Pferd. Er hob die Hinterhand und begutachtete alles mit fachmännischem Blick. Dann runzelte er die Stirn.

»Ist aber seltsam, Mister«, stellte er erstaunt fest und schüttelte den Kopf. »Das sieht ja ganz so aus, als habe jemand das Eisen absichtlich gelockert! Der alte Zachary müsste sich schon gewaltig täuschen, wenn’s nicht so wäre …«

»Sie haben ganz recht, Mr. Zachary«, erwiderte Charlie Siringo und beschloss, jetzt alles auf eine Karte zu setzen. »Ich kam unter einem Vorwand hierher – und ich möchte, dass Sie mir helfen!«

»Was wollen Sie denn?«, fragte der Schmied misstrauisch und liebäugelte mit seinem schweren Hammer …

»Mein Name ist Charles Angelo Siringo. Ich bin ein Pinkerton-Agent«, antwortete der schmächtige Mann und beobachtete, wie Zachary den Mund weit aufriss. »Hören Sie jetzt gut zu – ich hab’ nicht viel Zeit! Ich bin mit zwei Mitgliedern von Butch Cassidys Wild Bunch hier in der Stadt. Sie wollen den Zug der Union Pacific überfallen, und zwar heute Nacht! Eine Meile nördlich vor der Stadt. Informieren Sie den Sheriff und Pinkerton, Mr. Zachary! Kann ich mich darauf verlassen?«

»Meine Güte!«, stöhnte der Schmied. »Die Wild Bunch – und auch noch hier in Grand Junction. Mr. Siringo, ich will Ihnen was sagen, Sie sehen ganz so aus, als würden Sie die Wahrheit sprechen! Was soll ich bloß tun?«

»Erst mal schlagen Sie das Eisen wieder fest! Dann warten Sie ab, bis ich mit den Outlaws die Stadt verlassen habe, und danach veranlassen Sie alles Weitere. Klar?« Siringo schaute unwillkürlich hinaus auf die Main Street; denn er traute seinen Kumpanen nicht über den Weg. Möglich, dass einer vorbeikam, um nachzusehen, was er hier trieb …

»Okay, Mr. Siringo, ich werde alles so tun, wie Sie es gesagt haben«, antwortete der Schmied bereitwillig. Dann langte er nach seiner Zange und machte sich über das Hufeisen her. Wenige Minuten später hatte er seine anstrengende Arbeit beendet. Siringo machte sich auf den Weg zu Lay und Kilpatrick, die schon ungeduldig auf ihn warteten.

Eine Stunde später verließen sie die Stadt …

 

 

22.

 

Titus McCovern war der Gesetzeshüter von Grand Junction. Der mittlerweile stark ergraute Sheriff hatte in seinem Leben schon eine Menge Banditen verhaftet – aber mit der Wild Bunch hatte er bis jetzt noch nichts zu tun gehabt.

Umso erstaunter war er, als er von seinem Fenster aus den Schmied Zachary beobachtete, der mit hastigen Schritten über die Main Street direkt auf sein Office zusteuerte. So schnell hatte er den alten Blacksmith schon lange nicht mehr rennen sehen! Augenblicke später stand der bullige Zachary keuchend im Türrahmen und japste nach Luft.

»Butch Cassidy und die Wild Bunch!«, sprudelte es aus ihm hervor. »Sie wollen heute Nacht einen Zug überfallen …«

Zachary berichtete von dem fremden Reiter, der sich Charles Siringo genannt hatte und ihn warnen wollte.

»Verdammt«, murmelte der Sheriff, schnallte sich den Waffengurt fest, griff nach seinem Hut und rannte an Zachary vorbei. »Ich geh’ mal eben rüber zum Telegrafen-Office! Zachary, du trommelst mir inzwischen die Männer der Stadt zusammen. Aber unauffällig, hast du kapiert?«

Er ließ den sprachlosen Schmied stehen und eilte zum Telegrafenamt. Mit wenigen Sätzen erklärte er dem weißhaarigen Roberts, was hier gespielt wurde. Kurz darauf hämmerten die Finger des Mannes auf dem Ticker herum.

Stunden später landete das Telegramm auf dem Tisch von William Pinkerton. Der Leiter der Detektei lächelte stumm, als er die Zeilen las. Seine Augen leuchteten triumphierend auf.

»Senden Sie Sheriff McCovern eine Antwort, Davis«, wandte er sich an seinen Sekretär. »Sagen Sie ihm, dass ich einen Trupp Männer losschicken werde. Außerdem muss der Zug umgeleitet werden! Butch Cassidy wird sich diesmal verdammt wundern.«

 

 

23.

 

Das Unterholz verbarg die Reiter, die im Dickicht auf den Zug der Union Pacific Railroad mit den Lohngeldern warteten. Butch Cassidy und seine Männer trugen lange Staubmäntel, um sich vor der Kälte zu schützen. Seit zwei Stunden warteten sie hier an dieser Stelle – und noch immer war nichts von dem Zug zu sehen. Der Führer der Wild Bunch wurde langsam nervös.

Unten an den Bahngleisen erhob sich Sundance Kid, der sich auf den Boden gelegt hatte, um das Vibrieren der Schwellen zu untersuchen. Er klopfte sich den Dreck von der Hose und schüttelte den Kopf.

»Noch nichts zu hören, Butch!«, rief er zu Cassidy hinüber. »Mensch, da stimmt doch irgendwas nicht.«

»Kid hat recht, Butch«, warf Harvey Logan ein. »Wir warten schon zwei Stunden. Wenn der Zug wirklich so viel Verspätung gehabt hätte, dann müssten wir doch eigentlich davon erfahren haben, oder?«

Butch Cassidy knabberte nervös an seinen Fingernägeln.

»Stimmt, Harvey! Aber ich zerbreche mir die ganze Zeit den Kopf darüber, weshalb diese Änderung stattgefunden hat.«

Augenblicke später erfuhr Butch die Gründe. Sheriff Titus McCovern schlug zu. Er beging jedoch den schwerwiegenden Fehler, nicht auf den Trupp Pinkerton-Agenten zu warten, die man ihm angekündigt hatte. Der Sheriff wollte unbedingt diese berühmten Outlaws höchstpersönlich verhaften, deshalb war er mit einem Trupp beherzter Männer aus Grand Junction aufgebrochen, um endlich reinen Tisch zu machen.

Natürlich kam Sheriff McCovern nicht gegen einen ausgekochten Kerl wie Butch Cassidy an. Der Outlaw hatte Posten aufstellen lassen. Und denen war es zu verdanken, dass das Aufgebot aus Grand Junction schon lange vorher bemerkt wurde.

»Da kommen Reiter, Butch!«, rief Elza Lay aufgeregt, der ebenfalls Posten bezogen hatte. »Eine ganze Menge sogar, und sie reiten direkt auf uns zu.«

»Das ist eine Falle!« schnaufte Sundance Kid, und Harvey Logan fluchte zum Gotterbarmen. Für beide war es klar, dass sie von irgendjemandem hereingelegt worden waren. Aber von wem?

»Los, wir verschwinden!«, schrie Butch Cassidy und wendete sein Pferd. »Wir treffen uns wieder im Versteck. Kid, Logan und Carter, ihr reitet schon los. Wir anderen halten diese Stadtfräcke noch ein wenig auf.«

Sundance Kid nickte und ritt, fort. Butch Cassidy zog den Colt aus dem Halfter.

»Auf geht’s, Jungs!«, befahl er. »Veranstalten wir ein bisschen Feuerzauber. Aber nur auf die Pferde schießen, verstanden? Ich will keinen der Männer verletzt sehen. Habt ihr das alle kapiert?«

Als sich die ersten Reiter des Aufgebots näherten, eröffneten die Outlaws das Feuer. Die vordersten Pferde brachen wie vom Blitz getroffen zusammen und schleuderten ihre Reiter im hohen Bogen aus dem Sattel. Es entstand ein ziemlich heilloses Gewühl. Die Männer des Aufgebots, unter ihnen Titus McCovern, suchten Deckung.

Noch bevor das Aufgebot aus Grand Junction dazu kam, sich zu sammeln und das Gegenfeuer zu eröffnen, war Butch Cassidys Wild Bunch bereits verschwunden. Fast so, als hätte es sie nie gegeben …

Der Sheriff erhob sich und starrte wütend auf das Chaos, das die Banditen angerichtet hatten. Fast die Hälfte aller Pferde hatten sie niedergeschossen, und mit den wenigen Tieren, die ihnen geblieben waren, konnte McCovern keine Verfolgung aufnehmen. So blieb ihm notgedrungen nichts anderes übrig, als zur Stadt zurückzukehren und dort auf die Pinkerton-Männer zu warten.

 

 

24.

 

Tage vergingen, in denen das Gebiet rund um Grand Junction nach der Wild Bunch abgesucht wurde. Aber es war so, als wären die Outlaws vom Boden verschluckt. Es gab keine Reiter am Horizont, keine Spuren – überhaupt nichts.

Frank Dimaio, der den Trupp der Pinkerton-Leute anführte, war mit seinem Latein am Ende. Wahrscheinlich hatte sich Cassidy schon längst wieder ins Hole zurückgezogen, und dort konnte dieser alte Hundesohn in Ruhe abwarten. Ohne Erfolg zog der Chiefagent mit seinen Männern wieder ab.

Als Butch Cassidy glaubte, dass die Wogen sich geglättet hatten, stand sein nächster Plan bereits fest. Er schickte Charles Carter und Sundance Kid nach Steamboat Springs, um den nächsten Hold-up vorzubereiten.

Siringo fühlte sich gar nicht wohl, dass er ausgerechnet mit Sundance Kid losreiten musste. Er spürte förmlich, dass dieser junge Bursche ihn mit Luchsaugen beobachtete. Wahrscheinlich war das Harvey Logan zu verdanken, der den angeblichen Charles Carter von Anfang an nicht hatte leiden können. Sundance Kid hatte ihm sogar schon einige Fragen gestellt, die ihn noch misstrauischer machten. Er musste vorsichtig sein.

Diese und andere Gedanken nagten in ihm, als sie Steamboat Springs erreichten. Den Trick mit dem Hufeisen konnte er nicht noch mal anwenden, aber irgendwie musste er es schaffen, sich von Kid für einige Minuten loszueisen.

Wie gewohnt, ritten die beiden Männer zunächst mal zum Saloon. Der Saloon war der Treffpunkt, aller Gesellschaftsschichten – und wenn man etwas erfahren wollte, dann gab es hier die besten Möglichkeiten dazu. Das war jedenfalls Butch Cassidys Devise, und dementsprechend lauteten seine Pläne.

Sie betraten den Saloon und setzten sich an einen Tisch, von dem sie einen guten Überblick hatten.

»Du kaufst Proviant ein«, entschied dann Kid. Siringo nickte und erhob sich. Eine bessere Gelegenheit konnte er nicht mehr bekommen. Er verließ den Saloon. Sundance Kid blieb am Tisch sitzen und beobachtete weiter.

Siringo schritt hinüber zum Mercantile Store, der auf der anderen Straßenseite lag, und betrat den Laden. Er reichte dem Storekeeper eine Liste mit Dingen, die er zu besorgen hatte.

»Warnen Sie den Sheriff, Mister!«, sagte Siringo plötzlich.

Der Storekeeper schaute Siringo an, als hätte er den Leibhaftigen vor sich. Er legte die Liste achtlos beiseite.

»Sie haben richtig gehört, Mister!«, zischte der Pinkerton-Detektiv. »Butch Cassidy und seine Bande überfallen heute Nacht den Zug. Ich bin Charlie Siringo und habe mich in die Wild Bunch eingeschmuggelt. Ich …«

»Na, das ist ja interessant«, erklang mit einem Mal eine hasserfüllte Stimme hinter Siringo, die ihn zusammenzucken ließ. »Du gottverdammter Hundesohn! Hab ich’s doch gleich geahnt. Fahr zur Hölle, Verräter!«

Harry Longabaugh alias Sundance Kid war es, der Siringo unbemerkt gefolgt war und die Unterhaltung mit dem Storekeeper mitbekommen hatte. Jetzt wusste er auch, warum der letzte Überfall danebengegangen war. Dieser Bastard hatte der Wild Bunch ein Schnippchen geschlagen, und keiner, nicht einmal Butch Cassidy, hatte es bemerkt.

Der Outlaw zögerte nicht und riss den Colt aus dem Halfter. Gleichzeitig mit dem Aufbellen des Schusses sprang Siringo zur Seite, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihn Kids Kugel hoch in der Schulter traf.

Laut schreiend vor Schmerz taumelte der Detektiv zurück und riss dabei mit letzter Kraft seine Waffe aus dem Halfter. Wahllos gab er Schüsse auf Sundance Kid ab, der jedoch schon längst nicht mehr im Eingang des Ladens stand. Ohne dass ihn Siringo treffen konnte, hastete Sundance Kid davon. Augenblicke später sagten ihm Hufschläge, dass der Outlaw die Flucht ergriffen hatte.

»Was, zum Teufel, ist hier eigentlich los?«, fragte erregt der Mann hinter der Theke, der sich beim ersten Schuss niedergeworfen hatte. »Sind Sie verrückt geworden, Mister?«

»Ach was!« Siringo winkte ab. »Laufen sie rüber zum Office und holen Sie den Sheriff. Und dann besorgen Sie mir noch den Mann vom Telegrafenbüro. Ich hab’ was Dringendes zu erledigen.«

Charlie Siringo fluchte gotterbärmlich. Trotz aller Vorsicht war sein lange vorbereiteter Plan schiefgegangen. Jetzt konnte er noch mal ganz von vorn anfangen.

 

 

25.

 

»Das darf doch nicht wahr sein!«, schimpfte Harvey Logan und hieb mit der Faust auf den Tisch, dass die Kaffeetassen klirrten. »Der Schweinehund hat mir von Anfang an nicht gefallen. Du hättest ihn abknallen sollen, Elza, schon gleich, als du ihn gesehen hast!«

»Du weißt doch, Butch hat gesagt, dass wir niemanden erschießen sollen«, antwortete der Texaner, der sich von Logans Worten angegriffen fühlte. »Außerdem habt ihr ihm alle geglaubt – auch Butch …«

Butch Cassidy hatte schweigend die Unterhaltung seiner Gefährten mitangehört. Er selbst machte sich große Vorwürfe, dass er nicht besser aufgepasst hatte.

»Okay, wir haben eben einen Fehler gemacht«, gab er achselzuckend zu. »Aber es ist nun mal passiert! Jungs, wir werden einen Monat lang nichts unternehmen. Dann verlassen wir diese Gegend und schlagen woanders zu. Pinkerton wird mich nie lebend in die Hände bekommen, das schwöre ich euch.«

 

 

26.

 

William Pinkerton war wütend, aber das sagte er Charlie Siringo natürlich nicht. Schließlich hatte der Detektiv sein Bestes gegeben, und er hatte viel riskiert.

»Sundance Kid?«, fragte Pinkerton. »Er scheint ein Neuling zu sein! Wusste gar nicht, dass er Mitglied in der Wild Bunch ist. Harry Longabaugh also – ich werde das überprüfen und dafür sorgen, dass man Steckbriefe von diesem Burschen druckt.«

»Und was wollen wir weiter unternehmen?«, fragte Siringo mit leiser Stimme. Er konnte nicht damit fertig werden, dass man ihn zum ersten Mal geschlagen hatte. Ihn, der bis jetzt noch immer jeden Outlaw erwischt hatte! Aber Butch Cassidys Wild Bunch war nun mal nicht mit normalen Maßstäben zu messen …

»Wir wenden eine neue Strategie an, Siringo«, sagte Pinkerton entschlossen. »Es sieht so aus, als ob die Wild Bunch jetzt Züge überfallen will! Nun gut – sobald der erste Hold up stattgefunden hat, werde ich bewaffnete Trupps mit der Eisenbahn hinterherschicken. Cassidy und seine Leute sollen nicht zur Ruhe kommen, das verspreche ich Ihnen.«

 

 

27.

 

Wilcox im Staat Wyoming war ein Städtchen, das selten mehr als achthundert Einwohner zählte. Und doch sollte der Name dieses Orts einmal in den nordamerikanischen Geschichtsbüchern stehen! Denn in der Nähe von Wilcox fand einer der dreistesten und zugleich tollkühnsten Zugüberfälle statt, die es bisher gegeben hatte.

Man schrieb den 2. Juni 1899, als Butch Cassidys Wild Bunch erneut zuschlug! Wochenlang waren die Kerle in der Versenkung verschwunden gewesen – und jetzt tauchten sie wieder auf wie Phönix aus der Asche.

Von alledem wusste Earl Collins, der Stationsvorsteher von Wilcox, überhaupt nichts. Er versah seinen Nachtdienst in dem einsamen Wärterhäuschen am Rand der Bahngleise, die eine Meile nördlich von Wilcox vorbeiliefen. Er ahnte nicht, dass er Zeuge eines der best geplanten Verbrechen werden sollte.

Collins las im Schein einer verrußten Petroleumlampe eine Seite des abgegriffenen Sears & Roebuck-Katalogs, den er inzwischen wohl schon dutzende Male durchgeblättert hatte. Er unterbrach seine Tätigkeit und schaute hinüber zur Wanduhr. Ein Uhr morgens! Collins gähnte verhalten. Verdammter Nachtdienst! Man konnte selber dabei einschlafen.

Plötzlich schwang die Tür auf, und drei Männer in langen Mänteln traten herein. Alle hielten Colts in den Händen, die auf seinen Magen gerichtet waren. Collins verschluckte sich fast und zeigte keinerlei Interesse mehr an den leicht bekleideten Mädchen im Sears & Roebuck-Katalog. Im Gegenteil, er wurde blass vor Angst.

»Guten Abend, Sir«, sagte einer der unbekannten Eindringlinge, dem eine Strähne seines struppigen Blondhaars in die Stirn fiel. »Entschuldigen Sie, aber meine Freunde und ich haben etwas vor, wobei Sie uns vielleicht im Weg stehen könnten.«

Earl Collins hob erschrocken die Hände, denn er befürchtete das Schlimmste.

»Um Gottes willen, nicht schießen, Mister!«, flehte er. »Ich hab’ eine Frau und einen Jungen zu Hause.«

»Ihnen wird auch nichts geschehen, wenn Sie sich vernünftig verhalten. Wie heißen Sie überhaupt?«

Earl Collins stieß stotternd seinen Namen hervor.

»Ich bin Butch Cassidy!«, erhielt er als Antwort. »Vielleicht haben sie schon von mir gehört? Mr. Collins, mein Freund Harvey Logan wird Sie jetzt fesseln, aber seien Sie deswegen nicht beunruhigt. Reine Sicherheitsmaßnahme! Geschieht nur zu Ihrem Besten. Also los, Harvey!«

Der Halbblutmann zog ein paar Stricke aus der Manteltasche und verschnürte den alten Mann, wobei er nicht gerade zimperlich mit ihm umging. Bevor er mit Cassidy und Elza Lay den Raum verließ, überzeugte er sich noch ein letztes Mal davon, dass die Fesseln auch richtig saßen.

Währenddessen hatte sich Ben Kilpatrick, ein weiteres Bandenmitglied, mit einer Sturmlaterne bewaffnet. Er war einer der wichtigsten Männer in dieser Nacht. Ben zündete den Docht in der Laterne an, die ein gelbes starkes Licht ausstrahlte, und postierte sich am Rand der Bahngleise in unmittelbarer Nähe des Bahnwärterhäuschens.

Zur selben Zeit hatte sich ein Teil der Banditen in den Büschen zu beiden Seiten des Schienenstrangs verborgen. Der Rest der Wild Bunch wartete jenseits der Brücke, die sich ungefähr zweihundert Yards nördlich anschloss.!

Schon durchbrach das Schnaufen der Lokomotive die Nacht. Butch Cassidy überblickte nochmals die Situation aus seinem Versteck heraus. Er zögerte noch einen winzigen Moment, dann gab er Kilpatrick das Zeichen. Der Plan begann.

Der schnauzbärtige Outlaw stellte sich mitten auf die Schienen und schwenkte die Sturmlaterne wie wild. Seinen Staubmantel hatte er gegen die Wolljacke des Bahnhofsvorstehers eingetauscht, um nicht aufzufallen.

In der Ferne erkannte er schwach den Zug. Offensichtlich hatte man die Laterne bemerkt, denn Kilpatrick hörte, wie die Lok zischend Dampf abließ und die Bremsen blockierte. Die Räder kreischten und quietschten, als der Zug langsam zum Stehen kam. Wenige Augenblicke später standen die Räder völlig still, und der rußverschmierte Kopf des Heizers lugte seitlich aus dem Lokfenster hervor.

»He, Earl!«, bellte er wütend. »Was zum Teufel ist denn los? Weshalb stoppst du den Zug?«

Im selben Augenblick erkannte er, dass der Mann, der die Sturmlaterne geschwungen hatte, nicht Earl Collins war. Bevor er jedoch dazu kam, eine Warnung auszustoßen, hatten drei weitere Männer mittlerweile das Führerhaus der Lokomotive geentert. Als der Heizer sich umdrehte, lag der Lokführer bereits bewusstlos am Boden, und auch er selbst kam nicht mehr dazu, sich zu wehren. Ein harter Revolverhieb schickte ihn ebenfalls ins Reich der Träume.

Elza Lay steckte den Kopf aus dem Seitenfenster und nickte Butch Cassidy zu, zum Zeichen, dass sie die Situation im Griff hatten. Noch bevor irgendeiner der anderen Passagiere des Zuges irgendetwas Auffälliges bemerken konnte, was übrigens auch kaum möglich war, denn die meisten von ihnen dösten vor sich hin, hatte die Wild Bunch gehandelt!

Cassidy schickte Sam Ketchum und Red Weaver nach vorn, um den Lokführer und seinen Heizer zu fesseln. Elza Lay und seine Kumpane rannten blitzschnell zum anderen Ende des Zugs, wo sich der Gepäckwagen befand: das Ziel der Banditen.

Es vergingen kaum fünf Minuten – und schon war der Gepäckwagen vom übrigen Zug getrennt. Da die Strecke ein leichtes Gefälle aufwies, rollte der Wagen den Berg hinunter bis über die Brücke, wo die Outlaws bereits darauf warteten, den Wagen in Empfang zu nehmen. Das war Sundance Kids Aufgabe.

Sobald der Gepäckwagen über die Brücke gerollt war und Kid sah, dass auch die übrigen Outlaws sich auf der anderen Seite befanden, gab er Red Weaver, dem Sprengstoffexperten der Bande, ein Zeichen. Weaver zündete daraufhin die Lunte an. Sekunden später explodierte die Brücke mit ohrenbetäubendem Lärm! Holzstücke und Eisenteile flogen durch die Luft und klatschten ins Wasser.

Den total verwirrten Fahrgästen, die drüben auf der anderen Seite vom Lärm aufgewacht waren und mit Entsetzen feststellen mussten, dass man die Brücke gesprengt hatte, schenkte Butch Cassidy keinerlei Beachtung. Auf seinen Befehl hin gaben die Outlaws einige Schüsse in Richtung der Passagierwagen ab, sodass deren Insassen sich schleunigst in Deckung brachten.

Cassidy ging zu dem Gepäckwagen, wo Sundance Kid mit den anderen Männern bereits auf Butch wartete.

»Na und, was ist?«, fragte Cassidy. »Warum habt ihr den Wagen noch nicht geöffnet?«

»Da sitzt noch einer drin, Butch«, antwortete Sundance Kid. »Er will ums Verrecken nicht rauskommen! Was sollen wir tun?«'

»Well, das werden wir gleich haben, Kid«, sagte Butch Cassidy zu seinen Leuten und hielt beide Hände vor den Mund.

»He, Mister!«, schrie er. »Kommen Sie endlich raus, bevor meine Männer es sich anders überlegen.«

Eine Zeit lang herrschte Schweigen, dann ertönte eine dumpfe Stimme in dem Wagen.

»Ich müsste schön blöd sein, wenn ich rauskäme«, erklang es. »Der alte Michael Woodcock ist doch nicht meschugge! Kaum, dass ich meinen Kopf rausstrecke, schießt ihr mich über den Haufen.«

Als Zeichen seines Widerstands löschte Woodcock im Gepäckwagen die Lichter und verriegelte sämtliche Türen. In seinen nervigen Händen hielt er eine Winchester und war bereit, auf alles zu schießen, was sich nur bewegte.

»Das ist ja ein richtiger Held«, schnaufte Logan scheinbar respektvoll und spuckte aus. »Was sollen wir tun, Butch?«

»Wir holen ihn raus!«, befahl Butch Cassidy und nickte Red Weaver zu. Der rothaarige Outlaw schlich sich lautlos an den Gepäckwagen heran und platzierte genau unter Woodcock eine gehörige Ladung Dynamit.

»Woodcock – kommen Sie jetzt endlich raus!«, schrie Cassidy zum letzten Mal. »Oder wollen Sie im Himmel die Englein singen hören?«

»Immer noch besser als eure schäbigen Stimmen, Mr. Cassidy!«, schrie Woodcock zurück und legte dabei besondere Betonung auf das Wort Mister.

Daraufhin gab Cassidy Weaver ein Zeichen, die Lunte anzuzünden. Die Flamme fraß sich an der Zündschnur entlang, bis sie die Dynamitstange berührte.

Wenig später durchzuckte eine helle Stichflamme die Nacht. Die Männer flogen durch den gewaltigen Druck der Explosion zu Boden. Der Sonderbeauftragte Michael Woodcock wurde von der Sprengung völlig überrascht. Eine gewaltige Faust schleuderte ihn quer durch den Wagen. Bewegungslos blieb er in einer Ecke liegen.

Als sich die Rauchschwaden verzogen, kletterten Cassidy und seine Männer ins Innere des Waggons – oder besser gesagt: was noch davon übrig war.

Woodcock regte sich in der Ecke und stöhnte leise. Sundance Kid ging auf den Mann zu und packte ihn am Hemdkragen.

»Wie ist die Kombination des Safes, Mann?«, fragte er rau und wies auf den Tresor, der völlig unbeschädigt war. Woodcock biss vor Schmerz die Zähne zusammen, antwortete aber nicht.

»Dynamit ist eine viel bessere Antwort!«, rief Red Weaver und brachte eine Ladung Pulver am Safe an. Während die Zündschnur langsam abbrannte, verließen die Outlaws den Waggon und schleiften Woodcock mit.

Wenige Augenblicke später, nachdem sie sich in Sicherheit gebracht hatten, detonierte der Sprengstoff. Das Dynamit riss ein zehn Inches großes Loch in den Safe und zerlegte den ohnehin schon schwer angeschlagenen Waggon in tausend Einzelteile. Als sich der Staub gelegt hatte, sprangen Logan und Elza Lay zu den Trümmern.

»Verdammt, es sind fast alles Münzen!«, schrie der blonde Texaner und beugte sich über das Hartgeld, das in weitem Umkreis verstreut war. »Kaum Papiernoten.«

»Beeilt euch!«, befahl Cassidy. »Lest auf, was ihr findet, und rafft es zusammen. Wir müssen weiter …«

Es dauerte kaum fünf Minuten, bis die Banditen mit vereinten Kräften den größten Teil des Münzgeldes aufgelesen und in Jutesäcken deponiert hatten. Immerhin waren es fast dreißigtausend Dollar, die größte Summe, die die Wild Bunch jemals erbeutet hatte.

Erst im Morgengrauen gelang es einigen beherzten Passagieren, über einen beschwerlichen Umweg die Unfallstelle zu erreichen. Sie fanden den total verstörten Woodcock und starrten sprachlos auf das Bild der Zerstörung, das sich ihren Augen bot. Das Dynamit hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Dieser Waggon taugte höchstens noch zu Feuerholz.

»He, schaut mal her!«, rief ein Reisender, der sich abseits in die Büsche begeben hatte. »Hier liegen Hafersäcke und sogar Decken. Kampiert haben sie hier.«

Woodcock sah den Lokführer mit seinem Heizer auf ihn zukommen. Sie brachten Collins, den Stationsvorsteher, mit, der vor Aufregung stotterte.

»Verdammt, Collins, wie konnte das bloß passieren?«, fragte Woodcock. »Hast du etwa geschlafen, Mann?«

Der Eisenbahner schilderte aufgeregt, wie er praktisch in wenigen Sekunden überrumpelt worden war. »Es war Butch Cassidys Bande«, sagte er. Die anderen Passagiere machten große Augen, als er ihnen erzählte, wie höflich dieser Outlaw zu ihm gewesen war. »Dieser Schweinehund hat mir seelenruhig erzählt, warum er den Zug überfallen musste! Wo gibt’s denn sonst so was?«

»Es war die Wild Bunch«, schimpfte Woodcock. »Sie haben den Tresor total geplündert! Mensch, wenn das die Direktion erfährt, kann ich meinen Hut nehmen.«

 

 

28.

 

Am nächsten Morgen konnte der Zug weiterfahren. In Medicine Bow befand sich die nächste Telegrafenstation, und als der Zug diese Stadt erreichte, gab Woodcock sofort den Überfall bekannt.

Wenig später brachen aus allen umliegenden Ortschaften bewaffnete Possen auf, um die Outlaws zu jagen. Ein Spezialzug mit Deputies und Pferden erreichte am Mittag den Ort des Überfalls. Mit Spürhunden versuchten sie, der Wild Bunch auf die Schliche zu kommen. Doch inzwischen brach ein schwerer Wolkenbruch los und verwischte sämtliche Spuren.

Charlie Siringo stieß eine Menge unschöner Flüche aus, als er von dem Überfall hörte, aber er zögerte nicht. William Pinkerton schickte ihn mit einem Spezialtrupp los, der praktisch einen ganzen Sonderzug für sich hatte.

Zwei Tage später erreichten die Agenten den Ort des Überfalls. Siringo erkannte sofort, mit welcher Gerissenheit und Kaltblütigkeit dieser Überfall durchgeführt worden war.

»Butch Cassidy, wir werden dich hetzen!«, sagte er zähneknirschend. »Und irgendwann kriegen wir dich.«

 

 

29.

 

In den nächsten Tagen und Wochen kamen Butch Cassidy und die Männer der Wild Bunch nicht zur Ruhe. Suchtrupps versuchten, die Bande von allen Seiten zu umzingeln. Irgendjemand gab den Deputies einen Hinweis, dass die Kerle in der Nähe von Casper Creek gesehen worden seien. Die Beamten gingen dem Tipp nach und stellten fest, dass drei Banditen Proviant gekauft und dabei mit Dollarnoten aus dem Eisenbahnraub bezahlt hatten.

Sofort setzten sich die Deputies auf die Fährte der drei Unbekannten, aber sie gerieten in einen heftigen Schusshagel und mussten umkehren. Wieder einmal hatten ihnen die Outlaws sämtliche Pferde unter dem Hintern weggeschossen.

Die Beamten marschierten zu Fuß in die nächste Stadt, wo sie sich mit frischen Gäulen versorgten und zusammen mit Sheriff Hazen die Verfolgung aufnahmen. Die neue Posse kam gut voran; geriet aber wiederum in einen Hinterhalt, wo Sheriff Hazen von einer Kugel in den Bauch getroffen wurde.

Das war der erste Tote, der aufs Konto der Wild Bunch ging. Dutzende von Zeitungen verurteilten den gemeinen Mord an dem tapferen Gesetzeshüter, und die Kopfgelder, die auf einige Outlaws ausgesetzt waren, stiegen ins Unermessliche.

Währenddessen teilte Butch Cassidy, der sich schon längst wieder im Hole in the Wall befand, die Beute auf. Der tote Sheriff gab ihm sehr zu denken, und er beschloss, sich zusammen mit den engsten Freunden abzusetzen, bevor ein zweiter Mord geschah.

Während Pinkertons Detektive ein Kesseltreiben auf die Outlaws veranstalteten, gelang es Cassidy, Sundance Kid, Harvey Logan und noch einer Handvoll anderer Banditen, dem Zugriff zu entkommen.

Pinkertons Detektive konnten tun und lassen, was sie wollten. Der Ring, den sie um das Banditenland gezogen hatten, schien lückenlos, aber irgendwie gelang es Butch und seinen Gefährten doch noch, durchzubrechen.

 

 

30.

 

Wochen später, hunderte Meilen südlich in Arizona, hob Captain French, der Besitzer der mächtigen WR-Ranch, die Hand gegen die Stirn, um sich gegen die sengenden Sonnenstrahlen zu schützen. Er stand auf der Veranda, die ihn nur unzureichend gegen die Hitze abschirmte. Es war Mittagszeit, und die meisten der Cowboys waren drüben im angrenzenden Gebäude und aßen.

Die drei Reiter, die sich von Norden her der Ranch näherten, erkannte er erst, als er die Augen noch mehr zusammenkniff. Als sie den Ranchhof erreichten, musterte sie French von oben bis unten.

»Ist das hier die WR-Ranch?«, fragte einer von ihnen, dem eine Strähne des aschblonden Haares bis in die Stirn fiel. »Wir suchen Arbeit.«

Captain French sah mit Staunen die Kleidung des zweiten Mannes, die trotz des gelben Staubs ihre Eleganz nicht verbarg. Der dritte war groß und blond und sah blendend aus.

»Ihr scheint was von Pferden und Rindern zu verstehen«, sagte French. »Und ihr kommt mir gerade recht. Vor drei Tagen sind mir einige meiner Cowboys davongelaufen. Ich weiß nicht, wo sie sind, aber ich nehme an, sie stehlen mein Vieh genauso wie es die Apachen tun.«

»Dann könnten wir ja gleich mit der Arbeit anfangen!«, sagte der blonde Reiter in schleppendem Texasslang. »Gibt bestimmt eine Menge zu tun hier.«

Damit war die Sache perfekt. Die drei neuen Cowboys erwiesen sich als außerordentlich geschickt. Sie jagten nicht nur die lästigen Kojoten von der Weide, sondern sorgten auch dafür, dass die Viehdiebstähle nachließen. French schien zu ahnen, dass diese Männer ein besonderes Geheimnis umgab, aber er fragte nicht danach. Für ihn zählte nur, dass diese Männer ihre Arbeit verrichten, und das taten sie. Erstklassig sogar.

Am 11. Juli 1899 wurde ein Zug in der Nähe von Folsom, New Mexico, angehalten und auf die gleiche Weise ausgeraubt wie Wochen zuvor bei Wilcox. French las darüber in den Zeitungen und schüttelte den Kopf über so viel Unverfrorenheit. Zur selben Zeit war einer der drei Cowboys arbeitsunfähig. Er hatte eine Schusswunde in der Schulter, weil er sich beim Waffenreinigen verletzt hatte. Aber French ahnte immer noch nichts, sein Verhältnis zu den Neuen wurde sogar freundschaftlich …

Dann kam der Tag, an dem nur der Cowboy mit den aschblonden Haaren auf der WR-Ranch blieb. French wusste nicht, dass Butch Cassidy sich kurze Zeit von den Gefährten trennen wollte. Je weniger sie waren, umso schwerer würde es für Pinkertons Agenten werden, sie zu schnappen.

Trotzdem hatten die Agenten einen Erfolg auf ihrer Seite. Sie stellten den Texaner Elza Lay wenige Tage später. Es kam zu einer wilden Schießerei, bei der Lay in den Rücken getroffen wurde. Am 6. Oktober 1899 wurde er zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Der Erste der Wild Bunch war zur Strecke gebracht.

 

 

31.

 

Es war schon spät am Nachmittag, als der Cowboy, der sich Jim Lowe nannte, in Wirklichkeit aber Butch Cassidy hieß, hinüber zum Ranchhaus ging. Seine Schritte waren schleppend, und mit seinen Gedanken war er bei Elza Lay, den die Detektive vor wenigen Tagen erwischt hatten. Was anfangs ein Spaß und ein tolles Abenteuer gewesen war, wurde ihm jetzt zum Verhängnis.

Butch nahm die Stufen und stand dann im Türrahmen. Schweren Herzens betrat er das prächtige Wohnzimmer der Ranch, wo Captain French in einem Ledersessel auf ihn wartete.

»Jim, ich habe heute Morgen Besuch bekommen«, murmelte der Rancher und bot Butch an, sich zu ihm zu setzen. »Es war ein Mr. Frank Murray aus Denver!« Gespannt beobachtete er die Reaktion seines Cowboys, aber kein heftiges Erschrecken oder etwas Ähnliches zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. »Kennen Sie diesen Mann, Jim?«

»Ich hab’ ihn mal vor Wochen im Saloon gesehen, Captain«, erwiderte Cassidy ausweichend. »Seitdem ist er mir nicht mehr über den Weg gelaufen.«

»Aber er war hier!«, fuhr der Rancher fort, »und Sie wissen auch ganz genau, warum, Mister Butch Cassidy!«

Jetzt war es heraus! Captain French schaute dem Outlaw fest in die Augen.

»Keine Panik, Butch«, sagte er leise. »Ich will und werde Sie nicht verraten! Ehrlich gesagt, ist es mir auch völlig gleichgültig, ob Sie eine oder Dutzende von Banken oder Zügen überfallen haben. Ich habe Sie als einen Mann kennengelernt, der seine Arbeit ordentlich macht. Alles andere ist mir egal! Butch, mein Vormann taugt noch nicht mal halb so viel wie Sie. Wollen Sie nicht seine Stelle einnehmen? Auf meiner Ranch in Mexiko?«

Butch musste schlucken, als er dieses verführerische Angebot aus Captain Frenchs Mund vernahm. Aber dann holte ihn doch wieder die Realität ein, und er schüttelte den Kopf.

»Es würde nicht lange gutgehen, Captain«, erwiderte er leise. »Und das wissen Sie selbst auch! Pinkerton wird nicht eher ruhen, bis er uns alle erwischt hat. Es ist zu spät für mich, Mister! Elza Lay, den Sie unter dem Namen William McFinnis kannten, war der Erste, den es erwischt hat. Ich danke Ihnen, dass Sie mich nicht an diesen Pinkerton-Bastard Frank Dimaio, wie er richtig heißt, verpfiffen haben. Das werde ich Ihnen nie vergessen …«

Und dann gab Butch Cassidy dem Rancher die Hand und verabschiedete sich von ihm. Captain French sollte ihn niemals wiedersehen, aber von ihm hören würde er noch eine ganze Menge …

 

 

32.

 

An einem kalten Herbsttag des Jahres 1899 stand ein Mann vor dem Büro des bekannten Rechtsanwalts Orlando W. Powers, der verteufelte Ähnlichkeit mit Butch Cassidy besaß. Den Kragen seiner schäbigen Felljacke hatte er hochgezogen, um sein Gesicht zu verbergen. Er öffnete die Tür und betrat ein Zimmer, das vor Luxus beinahe explodierte. Ein Mann mit spiegelnder Glatze stand vor einem flackernden Kaminfeuer und drehte sich um, als er das Nahen von Schritten hörte.

»Guten Tag, Sir«, sagte der fremde Besucher rau und hob den Kopf, sodass der Rechtsanwalt sein Gesicht genau erkennen konnte. Powers war nicht im Geringsten überrascht, er grinste sogar.

»Sagen Sie nichts, Mr. Cassidy«, grinste er. »Ich habe Sie sofort erkannt! Schließlich hängt ihr Konterfei ja praktisch an jeder Hauswand. Man kennt Sie fast besser als Abraham Lincoln …

»Sie wollen wissen, weshalb ich zu Ihnen gekommen bin, Mr. Powers?«, begann Cassidy ohne Umschweife. »Ich erinnere mich, dass Sie mal einen alten Freund von mir verteidigt haben!«

»Matt Warner!«, stieß Powers hervor.

Cassidy nickte.

»Sie haben ihn rausgepaukt, Powers«, fuhr Cassidy fort. »Und ich weiß, dass Sie ein verdammt guter Anwalt sind. Würden Sie auch mir helfen?«

Powers glaubte nicht recht zu hören. Er stieß sich von Kaminsims ab und ließ sich in seinem schwarzen ledernen Drehsessel nieder.

»Heißt das, Sie wollen Ihr Banditenleben aufgeben, Cassidy?«, fragte Powers, der es immer noch nicht glauben konnte, was er da zu hören bekam. »Cassidy, Sie sind einer der am meisten gesuchten Outlaws! Ist Ihnen das klar?«

»Weiß ich selber!«, zischte der Boss der Wild Bunch. »Aber ich hab’ die Schnauze voll von alledem! Mr. Powers, ich bin auf einer kleinen Farm bei Beaver aufgewachsen und habe Cowboyarbeiten verrichtet. Das möchte ich auch wieder tun! Sir, ich möchte ein ordentlicher Bürger werden, und Sie sollen mir sagen, wie ich das schaffe!«

Rechtsanwalt Powers schaute Cassidy intensiv an, fixierte ihn förmlich.

»Glauben Sie, ich scherze?«, fragte Cassidy erregt. »Die Zeit der Outlaws in diesem Land geht zu Ende! Viele meiner Freunde aus der Wild Bunch werden gnadenlos von Pinkerton-Detektiven gejagt, und es dauert nicht lange, dann haben die sie. Irgendwann komme auch ich an die Reihe, und wenn’s noch eine Chance für mich gibt, dann möchte ich vorher aussteigen!«

Powers hörte deutlich, wie ernst es Butch Cassidy meinte. Total verwirrt, erhob er sich von seinem Platz und marschierte im Raum hin und her.

»Ich bin im Grunde genommen ein friedlicher Mensch, Mr. Powers«, fügte Cassidy noch hinzu. »Die Banken und Eisenbahngesellschaften stellen mich als einen menschlichen Teufel dar! Dabei habe ich nie einen Menschen getötet, und auch noch nie einen unbescholtenen Mann ausgeraubt. Lediglich die Großen und Reichen hab’ ich mir vorgenommen. Und die haben ja genügend Piepen, oder? In Utah werde ich nicht gesucht. Mr. Powers, würden Sie für mich beim Gouverneur ein gutes Wort einlegen?«

»Begnadigen kann er Sie erst, wenn man Sie verurteilt hat, Cassidy«, versuchte Powers zu erklären. »Und ob er dafür sorgen wird, dass Sie sich der Verhaftung entziehen können, das stelle ich sehr infrage. Jetzt sagen Sie nur noch, Sie wollen sich allen Ernstes als Rancher niederlassen?

»Ich denke oft daran«, murmelte Cassidy. »Haben Sie was dagegen?«

»Gar nichts«, antwortete Powers, »aber Sie vergessen die Realität! So bekannt wie Sie sind, würde bald jeder wissen, dass der gefürchtete Butch Cassidy sich irgendwo als Rancher niedergelassen hat. Und von diesem Augenblick an haben Sie keine Ruhe mehr.« Powers wühlte nervös in seinen Akten herum, nur um irgendetwas zu tun: »Ihre Banküberfälle könnte man Ihnen vielleicht noch verzeihen, nicht aber den Eisenbahnraub bei Wilcox. Und alle Sheriffs im Land werden nicht eher ruhen, bis man Sie hinter Schloss und Riegel gebracht hat!«

»Wahrscheinlich haben Sie recht, Sir«, erwiderte Butch. »Wissen Sie eigentlich, was das heißt, Tag und Nacht gehetzt zu werden? Ich glaube nicht! Versuchen Sie’s auf jeden Fall trotzdem, und lassen Sie mir eine Nachricht zukommen. Guten Tag, Mr. Powers!«

 

 

33.

 

Seit Stunden goss es wie aus Kübeln. Der Himmel hing voll schwerer Gewitterwolken, die sich nunmehr geöffnet hatten. Hin und wieder zuckten Blitze auf, denen krachende Donnerschläge folgten. Die Regenschauer verdunkelten die Sicht so sehr, dass es am Lost Soldier-Pass auf einmal schwarz wie die Nacht wurde.

Der Kutscher hieb wie verrückt auf die beiden Pferde ein, die sich weigerten, den Weg zum Pass zu nehmen. Erneut zuckte ein greller Blitz auf, der die Tiere vollends durcheinanderbrachte.

»Es ist zwecklos, Mr. Preston!«, schrie der vollbärtige Kutscher. »Die Viecher wollen nicht mehr weiter. Wir müssen irgendwo unterkommen!«

In dem luxuriös gepolsterten Kutschwagen streckte einer der drei Passagiere seinen Kopf aus dem Fenster.

»Fahren Sie meinetwegen rüber zu den Felsen, Bowman!«, rief Douglas A. Preston. »Aber bringen Sie uns um Himmels willen aus diesem gottverdammten Unwetter raus!«

Der Kutscher murmelte etwas Unverständliches in seinen Bart und stieß einen anfeuernden Ruf aus. Er ließ die Peitsche knallen und lenkte die Pferde hinüber zu einer Felsengruppe, die notdürftig einen gewissen Schutz vor dem Regenwetter bot. Hier hielt das Gestein wenigstens die klatschenden Wassertropfen ab.

»So ein Hundewetter«, fluchte Donald C. Hume und ließ den Vorhang, den er beiseitegeschoben hatte, wieder fallen. »Und alles wegen diesem verdammten Butch Cassidy!«

»Ich bin auch nicht gerade von der Idee begeistert, Preston«, fügte Steve Hackett hinzu, »aber ich habe zugestimmt, weil zu viel für die Union Pacific auf dem Spiel steht …«

Douglas Preston musterte die beiden Direktoren der Union Pacific, die ihn auf dem Weg zum Lost Soldier-Pass begleiteten. Sie gingen schon auf die sechzig zu und strahlten jene Art von Arroganz aus, wie sie nur leitende Angestellte einer großen Gesellschaft besitzen.

»Denken Sie daran, dass Butch Cassidy für einige Rancher gearbeitet und dafür gesorgt hat, dass die Viehdiebstähle aufhören! Wenn Sie wollen, dass die Überfälle auf Ihre Firma ebenfalls beendet werden, dann sollten Sie lieber in Cassidys Vorschlag einwilligen, sich mit ihm zu treffen. Und dabei dürfte das Wetter doch wohl keine große Rolle spielen, oder?«

Preston konnte Hume und Hackett nicht ausstehen, aber er hatte nicht gezögert, die Bitte seines Freundes Powers aus Utah zu erfüllen. Powers hatte ihn benachrichtigt und ihm mitgeteilt, dass Butch Cassidy ein gesetzestreuer Bürger werden wolle. Nachdem der Gouverneur sich aus dieser Sache herausgehalten hatte, beschloss Preston, Cassidy einen Vorschlag zukommen zu lassen.

Er vermittelte zwischen dem Outlaw und der Union Pacific und schlug den Direktoren vor, Cassidy als Eisenbahnagent einzustellen, damit die Überfälle ein Ende hatten. Butch selbst war damit einverstanden gewesen, und so hatte Preston sich mit den beiden Direktoren auf den Weg gemacht, um den Outlaw am Lost Soldier-Pass zu treffen.

»Ich glaube, wir machen da den Bock zum Gärtner!«, stieß Hume wütend hervor und zwirbelte nervös an seinem Backenbart. »Meiner Meinung nach gehören Outlaws wie Butch Cassidy eingesperrt. Das ist die einzige Lösung.«

»Das ist auch meine Meinung!«, fügte Hackett hinzu. »Wo gibt es denn so was, dass leitende Direktoren der Union Pacific mit Banditen ein Abkommen schließen?«

Preston lächelte bitter.

»Sie können’s natürlich auch sein lassen, Gentlemen«, sagte er rau. »Aber dann müssen Sie Cassidy weiterhin jagen, und es wird noch einige Zeit dauern, bis Sie ihn erwischt haben! Bis dahin wird er fleißig weiter Ihre Züge ausrauben. Das kostet Sie doch Unsummen! Leuchtet Ihnen das nicht ein?«

Das war eine Sprache, die die beiden Eisenbahndirektoren verstanden, und das wusste auch Douglas A. Preston. Im Moment quälten ihn aber ganz andere Sorgen. Dieses elende Wetter kam ihm gehörig in die Quere. Er selbst hatte mit Butch Cassidy ausgemacht, sich heute Mittag auf dem Gipfel des Passes zu treffen. Jetzt ging es schon fast auf den Abend zu, und die Männer in der Kutsche waren noch weit von ihrem Ziel entfernt!

»Wir könnten die Pferde nehmen und uns zu Fuß in die Berge weiter durchschlagen, Gentlemen«, schlug Preston vor. »Ich denke, dass dieses Treffen unter allen Umständen eingehalten werden muss.«

In diesem Augenblick öffnete Bowman, der Kutscher, die Wagentür. Sein Gesicht glänzte vor Nässe, und auch seine restliche Kleidung war in Mitleidenschaft gezogen.

»Da oben hat das Wasser ganze Erdmassen in Bewegung gesetzt«, sagte er schnaufend. »Es ist zwecklos, weiterzufahren, Mr. Preston! Wir müssen schon bis morgen früh abwarten. Vielleicht ist der Sturm dann vorbei!«

Preston sah den Kutscher lange an.

»Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit, Bowman?«, fragte er, aber der Kutscher schüttelte nur den Kopf. Schließlich mischte sich Hume in das Gespräch ein.

»Wir werden die Nacht über hierbleiben, Preston«, sagte er entschieden. »Ich habe weiß Gott schon in besseren Betten geschlafen als in diesem Wagen, aber ich setze keinen Fuß von hier fort, bevor das Unwetter nicht nachgelassen hat. Dieser Outlaw wird schon auf uns warten. Schließlich will er was von uns, und nicht wir von ihm …«

 

 

34.

 

Am nächsten Morgen hatte der Sturm aufgehört, und auch der Regen war vorbei. Die Sonne schob sich durch die Wolken und schickte ihre ersten wärmenden Strahlen auf das Land am Lost Soldier-Pass.

Der Kutscher spannte die Pferde ein, und schon ging es weiter. Preston war ziemlich nervös. Immerhin hatten sie einen ganzen Tag verloren.

Je weiter sie in die Berge vordrangen und auf die Passhöhe zuhielten, desto kahler und zerklüfteter wurde das Land. Schließlich erreichten sie gegen Mittag die Spitze des Plateaus, wo sie sich mit dem Führer der Wild Bunch treffen wollten.

»Wo steckt denn nun Ihr Butch Cassidy?«, fragte Donald Hume spöttisch, nachdem alle drei aus der Kutsche gestiegen waren. »Alles, was ich hier sehe, ist eine verdammte Einöde!«

Preston blickte sich um. Nur das Pfeifen des Windes war zu vernehmen, ansonsten herrschte Stille. Voller Zorn trat er gegen einen Stein, weil diese ganze Reise durch Sturm und Wind umsonst gewesen war. Plötzlich sah er den Zettel, der unter dem Stein gelegen hatte. Von einer bösen Ahnung ergriffen, bückte er sich und hob das Stück Papier auf. Butch Cassidy war tatsächlich hier gewesen, und er hatte ihnen eine Nachricht hinterlassen.

Seine Augen weiteten sich, als er die Worte las, die in ungelenker Schrift auf den Zettel gebracht worden waren:

Verdammter Preston! Du wolltest mich hereinlegen! Einen ganzen Tag habe ich hier auf Dich und Deine beiden Direktoren gewartete, aber Ihr seid nicht gekommen. Sag der Union Pacific, sie soll sich zum Teufel scheren, und Du gleich mit!

 

 

35.

 

Es war der 29. August 1900. Der Zug der Union Pacific Railroad quälte sich in den frühen Abendstunden eine bergige Strecke hinauf. Dave Jennison, der Lokführer, fluchte vor sich hin, denn es wurde langsam bitterkalt. Hier im Gebirge spürte man den nahenden Herbst schon ziemlich deutlich.

Sein Kollege Clark Morris döste vor sich hin. Er hatte sich in einen alten Armeemantel gehüllt, um sich vor der Kälte zu schützen, und lehnte sich jetzt an die Feuerung, um wenigstens etwas von der bullernden Wärme mitzubekommen.

Eben erreichten sie die schwere Steigungsstrecke, und die Lok schnaufte gotterbärmlich, als ob sie in den letzten Zügen läge.

Wahrscheinlich wussten die beiden Männer, die sich links der Trasse in einem dichten Gebüsch verborgen hielten, welche Probleme die Lokomotive auf dieser Bergstrecke hatte; denn sie warteten genau an der richtigen Stelle.

Als der Zug fast Schritttempo fuhr, sprangen die Männer aus ihrem Versteck hoch und hasteten in langen Sätzen hinüber zur Lok. Die Passagierwagen waren hell erleuchtet, aber niemand von den Reisenden sah die Gestalten in ihren langen Mänteln, die tief geduckt an den Waggons vorbei hasteten und in wenigen Augenblicken die Lokomotive erreichten.

Dave Jennison dachte gerade an ein großes Glas Redeye, das ihn sicherlich gut von innen aufwärmen würde, als ihm jemand von hinten auf die Schulter klopfte. Der Lokführer zuckte zusammen und fuhr herum. Er blickte in eine schwarze Gesichtsmaske im Schatten der Hutkrempe.

»Halt den Zug an«, befahl eine heisere, gedämpfte Stimme hinter dem dunklen Tuch. »Sofort!«

Jennison war wie gelähmt. Er war unfähig, sich zu rühren, bis ihm plötzlich der zweite Maskierte den Stahllauf eines Revolvers in den Magen drückte.

»Hast du nicht kapiert, Mann?«, zischte er wütend. »Du hättest wohl gern ein Loch im Bauch, wie?«

Der immer noch vor sich hin dösende Heizer bekam überhaupt nichts mit. Aber Dave Jennison umso mehr. Angesichts der tödlichen Drohung blieb ihm nichts anderes übrig. Er drehte sich um und zog an der Klappe. Die alte Baldwin-Lokomotive stöhnte und seufzte noch ein letztes Mal, dann blieb sie Dampf ablassend stehen.

Sekunden später öffnete sich die Tür des Wagens, der an den Tender angekoppelt war, und das verrunzelte Gesicht des bebrillten Zugführers tauchte auf.

»Was zum Teufel ist denn los, Dave?«, schrie er. Hinter ihm tauchten die Gesichter einiger neugieriger Passagiere auf. »Will das alte Monstrum nicht mehr, oder hast du einen über den Durst getrunken? Du kannst doch nicht einfach auf dieser steilen Bergstrecke anhalten, Mann! Die kriegst du doch hier nie wieder in Gang. Jetzt können wir schön rückwärts rollen …«

Einer der beiden Banditen stellte sich auf den Tender und richtete den Colt auf den Kopf des Zugführers.

»Dies ist ein Überfall, Leute«, sagte er eiskalt. »Ihr streckt jetzt alle hübsch eure Köpfe nach hinten und bleibt in diesem Waggon. Wer sich noch mal hier blicken lässt, den schießen wir über den Haufen, ist das klar?«

Das wirkte! Eine junge Frau schrie vor Entsetzen auf, aber niemand wagte den Banditen zu widersprechen. Die meisten Passagiere legten sich im Waggon flach auf den Boden; denn sie hatten große Angst, dass die Burschen schießen würden.

Der Bremser, der auf dem letzten Wagen alle Mühe hatte, die Lok nicht unnötig zu belasten, hatte mitbekommen, was gespielt wurde. Als er unten an seinem Wagen jedoch einen weiteren Banditen erblickte, der mit seiner Waffe unmissverständlich auf ihn zielte, gab er auf. Sein Leben war ihm zu kostbar, und Helden gab es bei der Union Pacific genug.

»Postwagen abkoppeln!«, befahl jetzt eine weitere Stimme aus der Dunkelheit. »Los, Brillenschlange. Du und der Bremser, ihr beide könnt mal was tun für euer Geld!«

Der Zugführer folgte mit hochrotem Kopf dem Befehl des unbekannten Banditen. Mühselig hantierten er und der Bremser am Postwagen herum, bis sie ihn abgekoppelt hatten. Währenddessen befahlen zwei weitere Outlaws dem Lokführer, unverzüglich volle Fahrt aufzunehmen.

Er trat dem schlafenden Heizer in die Seite.

»Aufwachen, Clark!«, rief er rau, und der Heizer blickte mit schlaftrunkenen Augen um sich. Jähes Entsetzen überfiel ihn, als er die bewaffneten Männer erblickte. Sein Kollege Jennison zuckte nur mit den Achseln.

»Ein Überfall«, sagte er knapp. »Los, schaufele Kohlen, was das Zeug hält. Ich will weg von hier, verstehst du?«

Das ließ sich Morris nicht zweimal sagen! Angesichts der gefährlichen Drohung griff er sich eine Schaufel und fütterte die Lok wie ein Besessener. Nur wenige Augenblicke vergingen, bis die Baldwin wieder Fahrt aufnehmen konnte. Um einen Waggon erleichtert, schnaufte der Zug davon und verschwand in der Nacht. Zurück blieben der Zugführer und der Bremser.

Zwei der Männer, die den Lokführer gezwungen hatten, den Zug anzuhalten, kamen zu den Bahnangestellten herübergelaufen. Einer von ihnen riss sich die Maske herunter, und der Zugführer blickte in das Gesicht eines grinsenden Mannes, dem eine Strähne seines aschblonden Haars frech in die Stirn fiel.

»Wer sitzt im Postwagen?«, fragte er den Zugführer.

»Woodcock«, antwortete dieser, worauf der andere Outlaw ein schrilles Lachen ausstieß.

»Was, Woodcock?«, prustete er und schlug sich lachend auf beide Schenkel. »Na, das ist ja wirklich zum Schießen! Ausgerechnet dieser Unglücksrabe muss uns wieder mal über den Weg laufen. Geh rüber zu ihm und sag ihm, dass er die Tür aufmachen soll, oder wir blasen ihn mitsamt dem Waggon in die Luft, dass er alle Engel singen hört!«

Notgedrungen marschierte der Mann, dessen Brille ihm vor Aufregung auf die Nasenspitze gerutscht war, hinüber zum Postwagen. Er hämmerte gegen die Eisentür und schaute dann in eine schmale Luke. Die Banditen warteten einen kurzen Augenblick und beobachteten, wie der Zugführer mit dem Postbeamten sprach.

»Diesen Hundesohn Woodcock möchte ich am liebsten über den Haufen schießen«, sagte ein Mann wütend, dem man die indianischen Verwandten deutlich ansah.

»Jetzt wart’s erst mal ab«, erwiderte der Anführer und schaute dem Zugführer gespannt entgegen, der sich den Outlaws mit schnellen Schritten näherte.

»Und was ist?«, fragte die Stimme.

»Woodcock sagt, dass er zwei Schrotflinten und einen Colt mit Dum-Dum-Geschossen hat!«, antwortete der Zugführer leise. »Ihr sollt nur näherkommen, hat er gesagt.«

Der Mann mit den blonden Haaren grinste.

»Der gute Woodcock! Immer zu einem deftigen Scherz aufgelegt.« Seine Stimme wurde ernster. »Frag ihn, ob er sich an Wilcox erinnert! Diesmal kommt er nicht so glimpflich davon …«

Der Zugführer und der Bremser blickten sich erschrocken an. Wilcox! Dort war doch vor gut einem Jahr ein Zug von Butch Cassidys Bande überfallen worden, ging Jennison durch den Kopf.

»Ihr seid Leute von Butch Cassidy«, stieß der Bremser hervor und wurde bleich vor Angst. Der Anführer der Bande lächelte noch mehr.

»Ach so, ich hab’ ja ganz vergessen, mich vorzustellen«, erwiderte er mit galligem Humor in der Stimme. »Mein Name ist Butch Cassidy, und ich bin sicher, dass ihr beiden schon mal von mir und meinen Jungs gehört habt! Deshalb wirst du, Zugführer, noch mal rüber gehen zu Woodcock. Sag ihm, dass wir ihn mitsamt dem Waggon erneut in die Luft jagen, wie damals in Wilcox.«

»Nur bekommt er diesmal noch eine gehörige Portion Blei mit dazu«, fügte der Outlaw in der tadellosen Kleidung hinzu. »Das kannst du Woodcock auch bestellen.«

Der Zugführer nickte hastig und stolperte hinüber zum Postwagen, in dessen Innerem sich der tapfere Beamte immer noch verborgen hielt. Butch Cassidy beobachtete, wie der Mann mit Woodcock sprach. Wenig später öffnete sich die eiserne Tür mit quietschendem Geräusch und schlug zur Seite. Im Licht des fahlen Mondes erkannten die Outlaws den mutigen Postbeamten, der mit hocherhobenen Händen auf der Plattform stand und verbissen abwartete.

»Du bist doch ein vernünftiger Mensch, Woodcock«, stieß Cassidy rau hervor. »Denkst doch sicherlich auch an deine Familie, die zu Hause auf dich wartet? Nun wirst du sie auch wiedersehen. Also komm runter vom Wagen, und lass dir ja keine falschen Tricks einfallen!«

Woodcock kletterte den Hang hinunter zu den Outlaws, und Sundance Kid streckte fordernd die Hand nach dem Tresorschlüssel aus. Als Woodcock jedoch nicht reagierte, wurde seine Miene hart.

»Wo hast du den gottverdammten Schüssel, Mann?«, zischte er.

»Den kannst du im Gras suchen«, erwiderte Woodcock spöttisch und zeigte keine Spur von Angst. »Glaubt ihr, ich mache es euch so einfach?«

Harvey Logan wollte im ersten aufbrausenden Impuls zur Hüfte greifen und den tapferen Beamten erschießen, aber Butch Cassidy fiel ihm noch rechtzeitig in den Arm.

»Lass ihn in Ruhe, Harvey«, sagte er und warf Woodcock einen bewundernden Blick zu. »Dieser Mann hat Courage, und das gefällt mir. Woodcock, deine Gesellschaft wird jetzt wieder mal einen Waggon verlieren! Kannst du das denn überhaupt noch mit deinem Gewissen vereinbaren?«

»Ihr könnt mich alle mal«, erwiderte der Beamte und ließ sich von den Outlaws widerstandslos abführen. Daraufhin gab Cassidy dem rothaarigen Weaver ein Zeichen, der grinsend eine Dynamitladung am Waggon vorbereitete und dann die Lunte legte. Auf Befehl des Anführers riss er einen Streichholz am Stiefelschaft an und hielt es an die Zündschnur. Während sich das Feuer an der Lunte zischend vorwärtsfraß, brachten sich die Männer in Deckung.

Sekunden später grollte ein gewaltiger Explosionsdonner durch die Nacht. Der Postwagen wurde von dem gewaltigen Druck von den Schienen gerissen und zerbarst in alle Einzelteile. Dicker Qualm stieg in den finsteren Himmel. Butch wartete einen Moment ab, bis sich der Rauch verzogen hatte, und drang dann als Erster in die Trümmer des Wagens vor. Sundance Kid folgte ihm und wartete gespannt ab.

Es vergingen qualvolle Minuten, bis Butch wieder auf der gesprengten Plattform auftauchte. Sein Gesicht war schwarz vor Ruß – aber in seiner Hand hielt er triumphierend einen Jutesack mit der Beute.

»Und? Wie viel ist es, Butch?«, fragte Kid.

»Ungefähr fünftausend, Amigo!«, gab der Boss der Wild Bunch grinsend zurück. »Das ist nicht gerade viel, aber du wirst deiner Freundin Etta Place trotzdem was Schönes zum Anziehen kaufen können, Kid.«

 

 

36.

 

Draußen über den Horn Mountains leuchtete der Mond und warf sein milchiges Licht auf die beiden Menschen in der kleinen Hütte, die eng umschlungen auf dem Bett lagen.

Sundance Kid rollte sich herum und betrachtete den Körper der jungen Frau mit begehrlichen Blicken. Etta Place war ein Mädchen ganz nach seinem Geschmack. Vor einigen Wochen war sie ins Hole gekommen. Schon damals hatte sie genau gewusst, was sie wollte. Auch sie hielt nicht viel von dieser Gesellschaft und zog es lieber vor, mit den Outlaws zu leben.

Kid und Etta hatten sich von Anfang an verstanden – und so war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich nähergekommen waren.

»An was denkst du gerade, Kid?«, fragte Etta Place mit leiser Stimme, während die Finger ihres Liebhabers über ihren makellosen Körper wanderten. »Stimmt was nicht?«

»Ich weiß nicht, Darling«, erwiderte Kid und setzte sich im Bett auf. »Die Wild Bunch ist schon ein Haufen ganz nach meinem Geschmack – und Butch Cassidy ein Teufelskerl! Aber wie lange wird das noch gutgehen? Schon jetzt hetzt uns Pinkerton und die komplette gottverdammte Railroad-Brut! Und irgendwann kriegen sie uns. Ich will nicht, dass sie mich schnappen, Etta«, murmelte er.

Die Banditenbraut schmiegte sich noch enger an Sundance Kid.

»Du und Butch, ihr beide seid schon gerissene Hundesöhne«, flüsterte sie. »Ihr springt doch immer dem Teufel von der Schippe! Mensch, Kid, ihr könntet euch die ganze Welt um den Hals hängen, wenn ihr wolltet.«

»Das war vielleicht mal, Etta«, antwortete Kid. »Am Anfang wollten wir uns das holen, was uns die Gesellschaft verwehrt hatte – und es hat uns Spaß gemacht, wenn wir es genommen haben! Aber jetzt hat die Sache Ausmaße angenommen, die Butch und ich nicht mehr kontrollieren können. Die ganze Wild Bunch besteht nur noch aus Killern und Totschlägern, und der Tag ist nicht mehr fern, wo sie uns wegen Mord suchen. Glaubst du, ich möchte am Galgen baumeln?«

»Sie werden euch nicht kriegen, Kid«, versuchte Etta ihn zu trösten, aber Kid schüttelte nur den Kopf.

»Hör auf zu träumen, Etta«, sagte er und packte sie grob an den Schultern. »Siehst du denn nicht die Wirklichkeit? Deine Utopien vom romantischen Banditenleben zerplatzen wie eine Seifenblase und du merkst es nicht einmal. Unser Leben wird von Tag zu Tag gefährlicher! Die Tage der Outlaws sind zu Ende. Der Wilde Westen, in dem wir aufgewachsen sind, ist einer neuen Zeit gewichen, in der ich mich nicht mehr zurechtfinde.«

»Hast du mit Butch darüber gesprochen?«, fragte Etta Place. Kid nickte stumm.

»Butch denkt genauso wie ich«, murmelte er wie geistesabwesend. »Er weiß genau, dass wir eines Tages geschnappt werden! Solche Burschen wie Harvey Logan oder Kid Curry werden das nie begreifen, und die wird man deshalb auch krallen. Die Zeit wird über sie siegen, aber ich möchte ihr nicht zum Opfer fallen – verstehst du, Etta? Ich will mein Leben genießen, in vollen Zügen, und zwar gemeinsam mit dir!«

Er beugte sich über sie und hauchte ihr einen sanften Kuss auf die geschwungenen Lippen.

»Was wollt ihr tun, Kid?«, frage Etta.

»Wir gehen bald nach Südamerika, Darling«, erwiderte Kid. »Der Norden dieses Kontinents hat für solche Menschen wie Butch und mich keinen Platz mehr übrig. Wir gehören der blutigen Vergangenheit an, und die wollen die meisten unter den Tisch kehren. Butch und ich werden noch eine Zeit lang abwarten, bis wir genug Geld beisammen haben, und dann verschwinden wir von hier! In Südamerika gibt’s noch eine Menge für uns zu tun.«

»Nimmst du mich mit, Kid?«, fragte das Mädchen erwartungsvoll

»Natürlich, Darling«, gab Kid fröhlich zurück. »Du glaubst doch nicht etwa, dass ich dich hier zurücklassen würde? Wir drei bleiben zusammen, wie der Wind und die Prärie …«

 

 

37.

 

Drohende Wolken ballten sich über Butch Cassidys Wild Bunch zusammen! Am 31. August 1900 setzte die Direktion der Union Pacific ein Kopfgeld von achttausend Dollar auf die Ergreifung jedes einzelnen Outlaws aus. Dieselben Männer, die sich noch vor Kurzem mit Butch einigen wollten, waren jetzt wild vor Zorn wegen des Überfalls bei Tipton – und ihre Devise hieß nun: tot oder lebendig!

Donald Hume und Steve Hackett, die beiden Männer, die zusammen mit Douglas A. Preston damals zum Lost Soldier-Pass geritten waren, um sich mit Butch Cassidy abzustimmen, waren die Ersten, die sich dafür stark machten, Menschenjäger anzuwerben, die man auf die Fährte der Wild Bunch setzen wollte, weil man sich endlich Erfolg wünschte. Die Stimmung der Öffentlichkeit war alles andere als rosig, man musste etwas tun!

Aber dieser Höllenhund Cassidy war einfach nicht zu fassen. Sofort nach dem Überfall auf den Zug bei Tipton hatte er sich mit seinen Männern in die undurchdringliche Bergwildnis abgesetzt, und seitdem fehlte jede Spur von ihnen. Die Berge waren das Reich der Outlaws, die dort jeden Pfad kannten.

Es wurden harte und erfahrene Männer ausgewählt, die sich auf Cassidys Fährte setzen sollten. Menschen zu jagen war ihr Handwerk. Sie hatten strikte Order, bedingungslos jeden zu töten, der einen Zug überfallen wollte.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Wilden Westens stellte die Union Pacific Spezialwaggons für die Verfolgung der Outlaws zusammen. Sie bestanden aus einer ausgesuchten Einrichtung mit einem Extra-Abteil für Pferde. Präzisionswaffen, Munition und ausreichend Proviant wurden ebenfalls zur Verfügung gestellt. Der Wagen stand Tag und Nacht bereit. Sobald man eine entsprechende Nachricht bekäme, würden die Menschenjäger ausrücken.

Aber das war noch nicht alles! In ihrer Not wandten sich die Eisenbahnleute an William Pinkerton, der mit seiner Agentur schon so manchem Halunken auf die Schliche gekommen war. Charlie Siringo zum Beispiel hätte fast Erfolg gehabt – und das hatte man nicht vergessen.

So setzte denn William Pinkerton einen neuen Mann auf Butch Cassidys Fährte: Frank Dimaio, ein ehemaliger Nachrichtenoffizier der US-Armee, der schon einige komplizierte Fälle mit Erfolg hatte lösen können. Dieser Mann sollte zu Ende bringen, was Charlie Siringo begonnen hatte.

 

 

38.

 

Ungefähr einen Monat nach dem Überfall bei Tipton befanden sich Butch Cassidy, Sundance Kid und ein Bandit namens Bill Carver in der Näher von Winnemucca. Kid Curry hatte gehört, dass in der dortigen Bank eine Menge Geld zu holen sei, und Butch hatte daraufhin kurzerhand beschlossen, einen Raubüberfall zu inszenieren.

Man sah dem Mann mit den struppigen aschblonden Haaren ganz deutlich an, wie nervös er war. Der Zugüberfall bei Tipton hatte nicht die Summe eingebracht, die er sich erhofft hatte, und jetzt hatte er erst kürzlich in der Zeitung lesen müssen, dass dieser verdammte Zug ursprünglich hunderttausend Dollar hätte transportieren sollen. Soldgeld für Teddy Roosevelts Kavallerie, die sich gerade auf den Philippinen aalte. Hätte Butch diesen Batzen gehabt, wäre er sofort nach Südamerika gereist. Aber so musste er noch abwarten und ein oder zwei Überfälle riskieren, obwohl die Gefahr für ihn immer größer wurde.

Auch Sundance Kid dachte ähnlich. In seinen Gedanken war er bei seiner Geliebten, mit der er das Land so schnell wie möglich verlassen wollte. Sie war im Hole zurückgeblieben, und Kid hatte ihr versprechen müssen, dass sie spätestens im Frühling kommenden Jahres von hier verschwanden. Aber bis dahin gab es noch eine Menge zu tun!

»Da unten ist die Stadt«, sagte Butch Cassidy, als die drei Outlaws auf einer Anhöhe ihre Pferde zügelten. »Prägt euch alles genau ein, Jungs, und dann schlagen wir zu! Diesmal brauchen wir die Beute auch nur durch drei zu teilen.«

Harvey Logan hatte währenddessen schon längst einen anderen Hold-up geplant, Die Wild Bunch würde jetzt an zwei verschiedenen Stellen zuschlagen! Wieder ein neuer Plan aus Cassidys Trickkiste, der die Pinkerton-Schnüffler ganz schön durcheinanderbringen würde.

»Hier kannst du sterben, und du kriegst es noch nicht mal mit«, stellte Kid verächtlich fest, als sie über die Main Street ritten und zunächst vor dem Saloon ihre Pferde zügelten. In aller Ruhe genehmigten sie sich einen Whisky und stellten mit Erleichterung fest, dass sich der größte Teil der Bevölkerung in der Nähe des Bahngeländes aufhielt, wo Bürgermeister Chisland gerade das neue Stationsgebäude einweihte.

Als sie hinüber zur First National Bank gingen, begegnete ihnen außer einer älteren Lady, vor der Butch selbstverständlich höflich seinen Hut zog, niemand. Während Cassidy und Kid die Bank betraten, blickte sich Bill Carver kurz um, konnte jedoch nichts Verdächtiges entdecken.

Der Kassierer Dehner McBride war gerade emsig mit Geldzählen beschäftigt, als ihn das Knacken eines Abzughahns aus seiner Tätigkeit hochschrecken ließ.

»Los, Mann, rücke den Schlüssel zum Tresor raus«, stieß Kid leise hervor. »Mach schon!«

»Den … den … Schlüssel… ha-hat Mi-Mister Nixon, unser Direktor«, stotterte der junge Kassierer. »Er sitzt hinten in seinem Büro und …«

Weiter ließen ihn die Outlaws nicht kommen. Während Bill Carver den Kassierer bewachte, drängten Butch und Kid in die angrenzenden Räume. Mr. Nixon, der Bankdirektor, wusste nicht, wie ihm geschah, als mit einem Mal zwei Männer mit Revolvern in der Hand in sein Büro eindrangen und nach dem Tresorschlüssel fragten.

»Ich habe den Schlüssel nicht hier«, versuchte der Bankdirektor ausweichend zu erklären. »Ich kann leider nichts für sie tun, meine Herren!«

Butch Cassidy wühlte in der Schreibtischschublade herum.

»Und was ist das, Mister?«, fragte er und hielt den Schlüssel triumphierend hoch, während sein Colt sich dem Kopf des Bankdirektors näherte. »Ich versuche freundlich zu Ihnen zu sein, und Sie wollen mich aufs Kreuz legen.«

Nixon erbleichte bis auf die Knochen. Er grapschte hastig nach dem Tresorschlüssel und erbot sich sogar, den Safe selbst zu öffnen. Sundance Kid musste unwillkürlich grinsen, als er die eifrigen Bemühungen Nixons sah.

»Der spurt ja ganz schön, Butch«, sagte er. Dann zog er einige Säcke hervor, um die Dollars darin zu verstauen. Sowohl er als auch Butch mussten sich zusammenreißen, um nicht vor Freude laut aufzuschreien, als sie erkannten, dass in dem Tresor eine Riesenmenge Geld lag.

»Das sind zweiunddreißigtausend Dollar, Gentlemen«, sagte Nixon bitter, als er hilflos mit ansehen musste, wie die Outlaws seine Bank ausräumten. »Ich wünsche mir, dass sie euch schnappen und am höchsten Ast aufhängen …«

»Fromme Wünsche«, knurrte Sundance Kid und marschierte rückwärts zur Tür, wo Bill Carver den Kassierer immer noch in Schach hielt. »Auf geht’s, Bill!«, rief er ihm dann zu. »Junge, es ist alles klar gegangen, wir haben eine Menge Piepen im Sack!«

Carver grinste und ging hinaus ins Freie, wo sie die Pferde an einem Balken angebunden hatten. Butch wartete ab, bis Kid und Carver im Sattel saßen, dann stieg er selbst auf.

»Ihr dürft uns Lebewohl zuwinken«, meinte er und setzte wieder sein altbekanntes Grinsen auf. »Butch Cassidy sagt euch ein herrliches Dankeschön!«

Dann stießen die Outlaws einen schrillen Rebellenschrei aus und trieben ihre Pferde an. Gelber Alkalistaub wirbelte auf, in dem die Männer nur noch schemenhaft zu erkennen waren.

 

 

39.

 

Der Zug Nr. 97 der Union Pacific fuhr mit Volldampf nach Süden. In den Passagierwaggons fieberten die Reisenden ihrem Ziel, der Stadt Fort Worth in Texas entgegen.

Die Gewinnspannen der Eisenbahnlinien waren in den letzten Wochen und Monaten drastisch zurückgegangen, seit Butch Cassidys Wild Bunch das Land unsicher machte. Das Letzte, was man von den Outlaws gehört hatte, war der tollkühne Überfall auf die Bank von Winnemucca, wo Cassidy in einem Handstreich zweiunddreißigtausend Dollar erbeutet hatte.

Seitdem waren die Outlaws wieder mal in der Versenkung verschwunden.

Niemand wusste, wann sie erneut zuschlagen würden. Vergeblich richtete der Zugführer tröstende Worte an manche Passagiere, die gespannt aus dem Fenster das weite, leere Land zu beiden Seiten des Schienenstrangs beobachteten.

»Well, es ist einfach eine Schande«, sagte ein dicker Mann in einem grell karierten Anzug, dem man den Handelsvertreter auf zwanzig Meilen hin ansah. »Da stellen die Pinkertons ihre Detektive an, um diese Outlaws zur Strecke zu bringen, und was kommt dabei heraus? Nichts! Gar nichts.«

Er warf dem Zugführer, der vor wenigen Augenblicken den Passagieren noch beruhigende Worte zugeflüstert hatte, einen wütenden Blick zu und wandte sich jetzt an den Mann im eleganten Anzug, der ihm gegenübersaß. Die Frau an seiner Seite hatte eine faszinierende Ausstrahlung, und der Vertreter bemühte sich krampfhaft, sie mit seinen Blicken nicht völlig auszuziehen …

»Sind Sie nicht auch der Meinung?«, fragte er jetzt den gutgekleideten Mann dessen Oberlippe ein dunkler Schnurrbart zierte. »Sorry, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Timothy Atchinson, Vertreter in durchsichtiger Damenunterwäsche!« Er grinste der Lady unverschämt zu.

»Dass diese Outlaws einfach so spurlos verschwinden können, ist schon eine schlimme Sache«, erwiderte der Mann, der sich dem dicken Vertreter gegenüber als Jim Quade ausgegeben hatte. »Wer weiß, ob sie nicht vielleicht schon hinter der nächsten Kurve auf uns warten?«

»Malen Sie den Teufel nicht an die Wand, Mister!«, stieß Atchinson heftig hervor und begann vor Aufregung wie ein Schwerarbeiter zu schwitzen. »Ich möchte weiß Gott nichts mit diesen Outlaws zu tun haben! Man erzählt sich ja die haarsträubendsten Geschichten von ihnen: dass sie zum Beispiel auf alles schießen, was sich nur bewegt, und so …«

Die dunkelhaarige Frau interessierte sich nicht für die Worte des Vertreters, der jetzt Quade mit heftiger Stimme zu überzeugen versuchte. Ihre Blicke wanderten über die Köpfe einiger Passagiere hinweg zur gegenüberliegenden Seite des Waggons, wo vor einem Fenster ein Mann im grauen Anzug hockte, auf dessen Kopf eine Melone saß, die das aschblonde Haar nicht verbergen konnte.

Der Mann hatte irgendwas Jungenhaftes an sich. Als er den Blick der Lady bemerkte, grinste er ihr zu. Der Mann war kein anderer als Butch Cassidy. Der angebliche Jim Quade und seine Begleiterin waren Sundance Kid alias Harry Longabaugh und dessen Geliebte Etta Place – und wenn der dicke Atchinson auch nur eine Spur davon geahnt hätte, wäre er sicherlich vor Schreck ohnmächtig zusammengebrochen.

Es war Butch Cassidys Idee gewesen, den Zug nach Fort Worth zu nehmen. Oben in Nevada und Wyoming hatte das Kesseltreiben auf die Wild Bunch bereits begonnen – und es wurde höchste Zeit, das Territorium zu wechseln, bevor die Falle endgültig zuschnappte. Frank Dimaio und seine Pinkerton-Agenten waren in den letzten Tagen nicht untätig gewesen – Butch allerdings auch nicht. Er hatte Informationen über den bekannten Pinkerton-Mann an Land gezogen und wusste gleich, dass dieser Kerl mit Vorsicht zu genießen war. Also musste gehandelt werden.

»Du musst immer so denken, dass dein Gegner nie darauf kommt, was du im Moment tust und wo du dich aufhältst …« Das waren Worte, die Butch von seinem alten Lehrmeister Mike Cassidy gelernt hatte – und er konnte sie bis heute nicht vergessen. Also hatte er die Beute der letzten Überfälle unter seinen Männern aufgeteilt und war dann mit Kid und Etta nach Süden aufgebrochen, wo sie sich in Fort Worth noch einmal mit den engsten Freunden treffen wollten, um zum allerletzten großen Coup in den Vereinigten Staaten auszuholen. Damit war dann der Weg nach Südamerika frei …

Butch beobachtete amüsiert den dicken Vertreter und die saure Miene seines Freundes Sundance Kid. Sein Partner hatte alle Mühe, den lästigen Atchinson loszuwerden. Es war schon ein ziemliches Risiko gewesen, mit der Eisenbahn zu fahren, und Atchinson wurde langsam lästig. Aber zum Glück kam Etta Place Kid zu Hilfe!

»Liebling, mir ist auf einmal so übel«, flötete sie. »Mr. Atchinson hat uns so schreckliche Dinge erzählt! Bitte geh mit mir raus auf die Plattform, ich brauch’ ein wenig frische Luft …«

Sundance Kid nutzte diese Gelegenheit hocherfreut und erhob sich von seinem Platz. Der dicke Vertreter murmelte eine Entschuldigung. Kid und Etta gingen an Butch vorbei. Als dieser sicher war, dass der Vertreter sich wieder mit sich selbst beschäftigte, erhob er sich ebenfalls und folgte den beiden Freunden.

»Der Kerl ging mir auf die Nerven«, stieß Kid wütend hervor, als Butch die Tür zum Waggon schloss und sich mit den beiden auf der Plattform befand. »So eine Quasselstrippe ist mir mein ganzes Leben noch nicht begegnet!«

»Etta hat das einzig Richtige getan, Kid«, erwiderte Butch. »Außerdem haben wir’s doch gleich überstanden! In einer halbe Stunde sind wir in Fort Worth, und dort können wir erst mal untertauchen. Von jetzt an treffen wir uns nicht mehr. Erst wieder im Trailmen’s Hotel, okay?«

Kid nickte und ließ Butch wieder vorangehen. Er selbst verweilte zusammen mit Etta noch ein wenig auf der Plattform. Seine Blicke schweiften über das weite Land mit seinen endlosen, sonnenüberfluteten Ebenen, an denen der Schienenstrang vorbeiführte. Es war schon ein verdammt mieses Gefühl, wenn man seine Heimat verlassen musste, damit man seinen Feinden entging …

 

 

40.

 

Butch Cassidy lag auf seinem Bett im Trailmen’s Hotel und starrte mit gedankenverlorener Miene an die Decke. Eine Fliege summte einsam um die verrußte Petroleumlampe herum, während der Lärm der Straße nur schwach zu ihm hereindrang. Unsanft wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als sich die Tür öffnete und Sundance Kid eintrat.

»Harvey und Bill sind soeben eingetroffen, Butch«, sagte er und riss den Mann mit dem struppigen Haar aus seinen Wachträumen. Er trat zur Seite, und Butch erkannte den halbbluthaften Harvey Logan und Bill Carver, der sich über das Wiedersehen mit Butch sehr zu freuen schien.

»So kenne ich euch gar nicht«, lachte Butch und musterte die Gefährten von Kopf bis Fuß. Genau wie er und Kid hatten sich auch Logan und Carver in dunkle Anzüge gekleidet und trugen teure Hüte. »Ihr seht ja aus wie richtige Geschäftsleute!«

Harvey Logan musste laut lachen.

»Wenn mein Vater mich so sehen würde«, prustete er los. »In meinem ganzen Leben hab’ ich noch nicht solche Klamotten getragen, Butch! Mensch, das ist ein sagenhaftes Gefühl, wenn die Leute vor dir plötzlich den Hut ziehen …«

»Nun reiß dich mal am Riemen«, knurrte Carver und wandte sich an Cassidy. »Wir sind zum verabredeten Zeitpunkt gekommen, Butch. Was hast du jetzt vor?«

»Das kann ich dir sagen, Bill«, begann Cassidy und deutete den Freunden an, Platz zu nehmen. »Ihr wisst alle, dass uns Pinkerton hetzt bis aufs Blut! Die tollen Tage der Wild Bunch gehen langsam aber sicher zu Ende …«

»Was soll das heißen, Butch?«, fragte jetzt Harvey Logan erstaunt und wandte sich an Sundance Kid, als erwarte er von ihm eine Erklärung. »Butch, du willst doch nicht etwa sagen, dass wir aufhören sollen?«

»Du hast’s begriffen, Harvey«, erwiderte Butch. »Junge, wir haben schon seit Jahren sämtliche Banken und Eisenbahnlinien das Fürchten gelehrt! Und schlecht verdient dabei haben wir auch wohl nicht, oder? Aber jetzt wird es Zeit, aufzuhören! Sonst finden sie uns eines Tages doch noch, und ich hab’ mir nun mal geschworen, dass es weder Pinkerton noch die Union Pacific schaffen, mich aufs Kreuz zu legen. Wir machen nur noch einen einzigen Hold-Up – und dann geht jeder seine eigenen Wege, okay?«

»Hört mal, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das der alte Butch Cassidy sein soll, mit dem wir schon Tausende von Meilen zusammen geritten sind«, sagte Logan und warf Carver einen trüben Blick zu.

»Du kannst tun und lassen, was du willst, Harvey«, antwortete Butch. »Kid und ich jedenfalls hören auf! Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wir haben genug von diesem Land und werden uns in Kürze nach Südamerika absetzen. Dort haben wir Ruhe vor Pinkerton und seinen Wölfen …«

Er erhob sich und ging hinüber zum Fenster. »Die Polizei schläft nicht, Harvey!«, fuhr er fort. »Mensch, Junge, der Wilde Westen geht zu Ende, und wir sind ein Überbleibsel der Vergangenheit. Hier ist kein Platz mehr für Menschen wie uns, deshalb heißt unser Ziel Südamerika. Noch ein letzter Coup, und die Wild Bunch hat aufgehört zu existieren!«

Der Halbindianer biss sich auf die Zähne.

»Gut, Butch, es ist deine und Kids Angelegenheit, was ihr tun wollt«, sagte er. »Aber ich gehe nicht weg aus diesem Teil Amerikas! Hier ist mein Land, und hier werde ich auch weiterhin leben. Und ich sag’ dir, dass sie mich nicht kriegen werden! Wir haben bis jetzt Pinkerton immer ein Schnippchen geschlagen, und das wird auch weiterhin so sein. Nicht wahr, Bill?«

Der angesprochene Carver nickte und pflichtete Logan bei. Butch Cassidy warf Sundance Kid einen stummen Blick zu. Logan verstand nicht, worum es ging. Er war ein unverbesserlicher Outlaw, dem die Gesetzeshüter eines Tages am Kragen packen würden. Es war nur noch eine Frage von Wochen. Und wenn er es endlich kapiert hatte, dann gab es keine Chance mehr für ihn. Butch und Kid aber sahen noch eine letzte Möglichkeit, um dem drohenden Strick zu entgehen

»Etta und ich wollen unsere Ruhe vor den Kopfgeldjägern haben, Harvey«, versuchte Kid zu erklären, aber Logan winkte ab.

»Sprechen wir nicht mehr darüber«, sagte er dann. »Es ist eure Entscheidung, wann das nächste Ding steigt, und der alte Harvey Logan ist mit von der Partie …«

Butch wollte gerade etwas darauf erwidern, als er draußen das Trippeln von Absätzen vernahm, die vor der Zimmertür stoppten. Etta Place stand im Türrahmen. Sie schien ziemlich aufgeregt.

»Kid, wir müssen weg von hier!«, rief sie heftig keuchend. »Ich glaube, dass Pinkerton-Agenten in der Stadt sind …«

Logan sprang wie von der Tarantel gebissen auf. Unwillkürlich zuckte seine Hand unter das elegante Jackett, wo er seine Waffe verborgen hatte, von der er sich nie trennte. Ein leichter Schimmer von Panik war in seinen Augen zu erkennen.

»Was sollen wir bloß tun, Butch?«, fragte er. »Wir müssen weg, bevor diese Himmelhunde Lunte riechen!«

»Du bist viel zu nervös, Harvey«, antwortete Cassidy und ließ sich nicht das geringste Zeichen von Erregung ansehen. »Wenn wir jetzt Hals über Kopf abhauen, dann fällt das doch erst recht auf, oder? Vergiss nicht, dass du im Moment ein wohlhabender Gentleman bist, und genauso hast du dich auch zu benehmen, verstanden? Kid, wir brechen morgen früh in Richtung Norden auf. Etta, woher hast du diese Information?«

»Ich war in Benson’s Store, um mir ein paar Kleider anzusehen«, antwortete die Banditenlady. »Auch drei Frauen noch außer mir. Und die haben darüber gesprochen, dass Frank Dimaio in der Stadt sein soll.«

»Ausgerechnet Frank Dimaio«, murmelte Kid. »Der hat uns schon kreuz und quer durch die Staaten gehetzt! Ich finde, wir sollten ihm einen kleinen Streich spielen, Freunde …«

 

 

41.

 

Ungefähr zwei Stunden später hielten sich Butch Cassidy und seine Freunde im Atelier von John Swartz, einem bekannten Fotografen, auf. Ein Freund von Bill Carver, der gerade angekommen war, als die Outlaws das Hotel verlassen wollten, gesellte sich noch zu ihnen, und jetzt posierten die meistgesuchten Banditen des Wilden Westens vor Swartz’ Kamera, der sich eifrig bemühte, eine passende Einstellung zu finden. Etta Place wartete unterdessen im Hotel.

»Nur noch einen winzigen Augenblick, Gentlemen!«, ereiferte sich der tüchtige Fotograf, der hocherfreut darüber gewesen war, dass sich fünf so gebildete und höfliche Herren von ihm ablichten lassen wollten. »Gleich ist die schwere Geburt vorbei.«

Butch Cassidy setzte sein breites Grinsen auf, als Swartz den Auslöser betätigte. Freudestrahlend kam der Fotograf auf die Männer zu und schüttelte ihnen die Hände.

»Das wird bestimmt ein gutes Bild, Gentlemen«, sagte er. »Wann wollen Sie Ihre Abzüge haben?«

»Schicken Sie eins davon an Bankdirektor Nixon in Winnemucca, Mr. Swartz«, sagte Cassidy, ohne seine Miene zu verziehen. »Er ist ein alter Freund von uns und wird sich sicherlich darüber freuen! Ansonsten tun Sie uns einen Gefallen, Mr. Swartz. Wenn Sie wirklich der Meinung sind, dass es ein gutes Foto geworden ist, dann stellen Sie es doch einfach in Ihrem Schaufester aus! So kann jeder sehen, welch hervorragende Arbeit Sie geleistet haben.«

Der Fotograf schien von Cassidys Idee begeistert zu sein. »Bei Gott, das werde ich tun, Sir«, sagte er. »Und selbstverständlich schicke ich Ihrem Freund auch das Bild, äh, wie hieß er doch gleich?«

»Nixon, Mr. Swartz!«, fügte Sundance Kid lächelnd hinzu. »Wir haben vor einigen Wochen gute Geschäfte mit ihm gemacht, und er wird sich bestimmt darüber freuen. Hier, Mister, für Ihre Auslagen, die sie haben!« Er streckte dem Fotografen einen 50-Dollar-Schein hin, den dieser dankbar entgegennahm.

Noch am selben Abend verließen die Outlaws und Etta Place den Ort Fort Worth. Ihr Ziel war Montana, wo der letzte Coup der Wild Bunch stattfinden sollte.

 

 

42.

 

Frank Dimaio schloss die Tür des Sheriff´s Office hinter sich. Answorth, der Gesetzeshüter, hatte ihm ein Telegramm geschickt, weil er befürchtete, dass die Wild Bunch auch das Fort Worth-County unsicher machen würde. Im Norden hatte man von den Banditen lange nichts mehr gehört, sodass anzunehmen war, dass die Outlaws ihr Tätigkeitsfeld nach Süden verlegt hatten. Da Fort Worth ein wichtiger Umschlagplatz für Geld und Rinder war, stand Sheriff Answorth natürlich die schlimmsten Ängste aus.

Der Pinkerton-Agent marschierte gedankenverloren über die Main Street. Noch immer keine Spur von Cassidy. Es schien so, als hätte sich die Bande in Luft aufgelöst. Wenn Dimaio seinem Chef nicht bald eine Erfolgsmeldung präsentierte, dann konnte er seinen Hut nehmen.

Frank Dimaio passierte gerade das Fotoatelier von John Swartz, als ein großes Bild, das in der Mitte des Schaufensters neben einigen Landschaftsaufnahmen aufgestellt war, seine Aufmerksamkeit erregte. Kreidebleich blieb er stehen und starrte auf das Foto. Fünf Männer in tadellosen dunklen Anzügen waren darauf zu erkennen – und derjenige, der ganz rechts außen saß, lächelte so freundlich, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun.

Der Detektiv stieß einen fürchterlichen Fluch aus und riss die Tür zu John Swartz’ Atelier auf. Der Fotograf war gerade damit beschäftigt, seine Geräte zu reinigen, als ihn das Hereinpoltern des Fremden aus seiner Arbeit hochschreckte.

»Guten Tag, Sir«, sagte Swartz und lächelte freundlich. »Was kann ich für Sie tun?«

»Diese fünf Männer auf dem Bild da draußen …«, begann Dimaio und konnte seinen Zorn nur mühsam unterdrücken. »Wann haben Sie dieses Foto gemacht?«, keuchte Dimaio und zerrte seinen Ausweis hervor, den er dem erschrockenen Fotografen unter die Nase hielt. »Mr. Swartz, ich will jetzt von Ihnen alles wissen, wann diese Männer zu Ihnen gekommen sind und wohin sie dann gegangen sind. Alles, was Sie sagen, ist wichtig, verstehen Sie?«

»Diese Gentlemen haben doch nicht etwa ein Verbrechen begangen, Mr. Dimaio?«, fragte Swartz, nachdem er einen Blick auf den Ausweis des Pinkerton-Agenten geworfen hatte. »Sie waren so nett und so höflich! Besonders der Mann mit dem blonden Haar war äußerst zuvorkommend und …«

»Dieser Mann war zufälligerweise Butch Cassidy, und seine Freunde waren Mitglieder der Wild Bunch!«, unterbrach ihn Dimaio grob. Für ihn brach an diesem Tag eine Welt zusammen. Die Wild Bunch war also in derselben Stadt gewesen wie er, und er hatte nichts, aber auch absolut gar nichts bemerkt. Pinkerton würde rasen wie ein wilder Stier, wenn er davon erfuhr!

»Dieses Bild ist beschlagnahmt, Mr. Swartz!«, sagte Dimaio kurz. »Sie werden dieses Gespräch vertraulich behandeln, haben Sie mich verstanden?«

Swartz nickte. Ihm waren die Hände gebunden, obwohl er am liebsten dieses Bild behalten hätte, jetzt, wo es noch viel wertvoller geworden war!

Der Zorn des Pinkerton-Mannes war aber noch relativ sanft gegenüber der Wut des Bankdirektors Nixon, der in Winnemucca wenige Tage später einen Brief erhielt, der in Fort Worth, Texas, abgestempelt war.

 

 

43.

 

Robert Sullivan schwitzte. Obwohl die Great Northern Pacific in ihren Prospekten ein komfortables Reisevergnügen in gut klimatisierten und hervorragend gepolsterten Wagen versprach, musste Sullivan doch feststellen, dass Werbung und Wirklichkeit wahre Welten voneinander trennten.

Der vierzigjährige grauhaarige Rancher aus Butte war mit dem Zug nach Hause unterwegs. Er hatte ein gutes Geschäft abgeschlossen und konnte eigentlich mit sich zufrieden sein, wenn bloß diese verfluchte Hitze nicht gewesen wäre.

Man schrieb den 3. Juli 1901. Es war ein denkwürdiger Tag in der Geschichte der Great Northern Pacific, wovon der Rancher allerdings nichts ahnen konnte. Sullivan war ganz in Gedanken bei seiner Double-S-Ranch, die er in wenigen Jahren aus dem Boden gestampft hatte. Nun war er endlich so weit, dass sie Gewinn abwarf.

Sullivan befand sich mit zehn weiteren Passagieren, ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus, Cowboys, Nutten und Spielern, im Waggon, auf dessen Dach heiß die Sonne brannte. Plötzlich verlangsamte der Zug sein Tempo und kam schließlich zum Stehen.

Im selben Moment fielen die ersten Schüsse. Jäh wachten die Passagiere aus ihrem Dämmerschlaf auf. Die Frauen duckten sich entsetzt, und die Männer schauten ängstlich aus dem Fenster.

Sullivan war einer derjenigen, die sich ein Herz fassten, um der Sache auf den Grund zu gehen. Er spähte hinaus ins Freie und sah, wie weiter vorn drei Männer in langen Mänteln sich an der Lokomotive zu schaffen machten. Das sah ganz verdammt nach einem Überfall aus.

Im nächsten Moment bellte ein Schuss auf. Haarscharf pfiff die Kugel am Kopf des Ranchers vorbei. Robert Sullivan duckte sich unwillkürlich, während eine krächzende Stimme zu hören war:

»Lasst ja eure Schädel im Wagen, sonst pusten wir euch eine Ladung Blei ins Herz«, erschallte es von draußen. »Bei der geringsten Bewegung wird geschossen!«

Der Rancher stieß einen Fluch aus, als er sich seiner Hilflosigkeit bewusst wurde. Es waren eiskalte Banditen, die hier den Zug überfielen, und wenn er den Helden spielte, hatte er nicht viel davon.

»Postwagen abkuppeln!«, ertönte jetzt eine andere Stimme. Hastig vorbeieilende Schritte sagten Sullivan, dass sich die Banditen jetzt an den Waggons zu schaffen machten. Aber trotzdem wagte keiner der Passagiere, sich zu erheben; denn solche Männer waren unberechenbar!

Wenig später hörte Sullivan, wie der Waggon abgekuppelt und der Zugführer gezwungen wurde, weiterzufahren. Kurz danach setzte sich die Lokomotive schnaufend in Bewegung und dampfte davon. Jetzt riskierte Sullivan, den Kopf zu heben. Vorsichtig spähte er über die Fensterbank hinweg und erkannte in einiger Entfernung den abgekuppelten Postwagen auf dem Gleis und die Banditen, die drum herumstanden.

»Wir müssen doch was tun!«, rief er erregt und schaute die anderen Passagiere vorwurfsvoll an.

»Wieso zögern wir noch?«

»Nicht mit mir, Mister!«, sagte der weißhaarige Schaffner, den die Banditen gezwungen hatten, den Wagen abzukuppeln und den sie dann in den Passagierwaggon gestoßen hatten. »Das war Butch Cassidys Wild Bunch, Sir! Ich kann von Glück reden, dass wir alle so glimpflich davongekommen sind. Es hätte viel schlimmer sein können.«

»Butch Cassidy«, murmelte der Rancher und registrierte die zutiefst erschrockenen Gesichter der übrigen Reisenden. »Ich habe doch gelesen, dass diese Outlaws viel weiter im Süden ihr Unwesen treiben?«

»Scheißzeitungen!«, schimpfte der Schaffner. »Denen sollte man gar nichts mehr glauben. Auf jeden Fall waren das keine Gespenster, sondern wahrhaftig Butch Cassidys Leute! Ladies and Gentlemen, die Great Northern Pacific dürfte aller Voraussicht nach um fünfundsechzigtausend Dollar ärmer geworden sein, schätze ich!«

Der Schaffner und der Rancher hörten nicht mehr, wie die Outlaws den Postwagen in die Luft sprengten. Wieder wandten sie ihr altbekanntes Rezept an. Während die Lok mit den übrigen Passagieren auf die nächste Stadt zuhielt, bemächtigte sich die Wild Bunch ihrer Beute und suchte das Weite. Alles, was das Aufgebot aus Wagner, das Stunden später am Ort des Überfalls eintraf, noch fand, waren Trümmer eines total zerfetzten Postwaggons …

 

 

44.

 

Butch Cassidy zügelte sein Pferd auf einer Anhöhe. Sundance Kid, der neben ihm ritt, schaute in die Gesichter Harvey Logans und Bill Carvers. Die Freunde wussten, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, an dem sich die Wild Bunch auflösen sollte.

Vor wenigen Augenblicken hatte Butch die Beute unter den Männer aufgeteilt, nachdem sie zunächst einmal genügend Meilen hinter sich gebracht hatten. Sie waren kreuz und quer durch das bergige Land geritten, um die Verfolger abzuschütteln, und der erfahrene Cassidy war sich eigentlich sicher, dass ihnen niemand auf den Fersen war.

»Es ist jetzt so weit, Jungs«, begann Butch. »Am besten machen wir es kurz und schmerzlos! Harvey und Bill, ihr beide geht nun eure eigenen Wege. Kid und ich verlassen das Land! Etta wartet in der nächsten Stadt schon auf uns …«

Es war ein Augenblick in seinem Leben, der Butch nicht leichtfiel. Jahrelang war er zusammen mit diesen Männern geritten, die zwar im Grunde genommen viel kaltblütiger waren als er selbst, aber trotzdem hatte er ihnen immer wieder klarmachen können, wie seine Strategie aussah. Sie hatten zusammengehalten wie Pech und Schwefel. In all diesen Jahren hatte Butch Cassidy seine Träume verwirklichen können. Jetzt hatten er und Kid genug Geld beiseitegelegt, um erst mal zu verschnaufen …

»Ich werde dich vermissen, Butch!«

Das war alles, was Harvey Logan sagte. Der Halbindianer war kein Mann großer Worte. Er streckte die Rechte aus und schüttelte Butchs Hand kurz, dann wendete er sein Pferd und ritt in Richtung Norden davon. Carver folgte ihm.

»Was meinst du, Butch?«, fragte Sundance Kid. »Ob sie’s allein schaffen?«

»Niemand kann sein Schicksal voraussehen, Kid«, erwiderte der Boss der Wild Bunch, die nun nicht mehr existierte.

Im Herbst desselben Jahres brachen Butch Cassidy, Sundance Kid und dessen Geliebte Etta Place nach Osten auf. Ihr Ziel war New York, wo sie zunächst drei Wochen lang untertauchten und sich in aller Ruhe sämtliche Sehenswürdigkeiten betrachteten.

Hier konnten sie ganz sicher sein, dass ihnen niemand nachstellte; denn in dieser großen Metropole konnte man spielend auf Tauchstation gehen. Außerdem logierten die drei nur in den besten und teuersten Hotels, und da fragte man nicht nach ihrer Herkunft, da sie ja über das nötige Bargeld verfügten. Das war die Hauptsache, alles andere zählte nicht.

Als der erste Schnee fiel, entschlossen sie sich endgültig, die Reise nach Südamerika zu wagen. Es vergingen noch einige Wochen, in denen sie sorgfältig detaillierte Pläne ausarbeiteten.

Im Frühjahr 1902 traten sie dann ihre Reise an. Butch Cassidy hatte noch nie zuvor eine Fahrt auf einem Schiff mitgemacht, geschweige denn jemals den Ozean gesehen. So war diese Fahrt für ihn ein ganz besonderes Erlebnis. Kid und Etta erging es ähnlich.

Sundance Kid beobachtete von seiner Kabine aus in der Abenddämmerung oft den Freund, wie er an Deck auf und ab marschierte und das Spiel der langgestreckten Dünung, der mächtigen Wellen mit weit aufgerissenen Augen verfolgte.

»Er ist einsam, Kid«, sagte Etta Place. »Du musst zu ihm halten, Darling! Ich glaube, wir beide sind die einzigen Freunde, die er überhaupt jemals gehabt hat …«

»Bis auf Mike Cassidy«, fügte Kid hinzu. »Er hat ihn zu dem Menschen gemacht, der er heute ist! Wenn er jemals an die USA zurückdenken sollte – und ich weiß, dass er es jetzt gerade tut, dann ist es wegen Mike. Er weiß, dass er ihn nie mehr wiedersehen wird. Das ist ihm nicht gleichgültig!«

Die anfängliche Melancholie und Schweigsamkeit Cassidys wich bald einer ungeduldigen Neugier. Seit Wochen waren sie nun schon auf dem Atlantik unterwegs, und jetzt hatten sie erfahren, dass das Schiff gegen Abend in Buenos Aires einlaufen würde. Butch stand lange draußen an der Reling und spähte zu dem fernen Horizont, bis er schließlich Land erblickte. Land, das für ihn und seine Freunde zur neuen Heimat werden sollte.

Als der Ozeanriese in den Hafen der argentinischen Hauptstadt einlief, war Butch Cassidy überwältigt von den Eindrücken, die sich vor seinen Augen abspielten. Dutzende von Dampfern und kleinen Fischerbooten drängelten sich am Pier, und es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Nachdem die Freunde ihr Gepäck geholt hatten und von Bord gegangen waren, waren sie vom Gewühl der riesigen Großstadt umgeben.

Viele verschiedene, unbekannte Gerüche hingen in der Luft. Es roch nach Fisch, Rindersteaks und fremdartigen Gewürzen. Während Butch sich einen Weg durch die Menge bahnte, beobachtete er jede winzige Einzelheit. Drüben vor einer zwielichtigen Taverne handelte ein Freier um die Gunst einer puta, einer Prostituierten, während ein paar Yards weiter ein Trupp Matrosen ein spanisches Lied grölte. Dutzende von Fischern, Bauern und dunkelhäutigen Kindern boten den neu angekommenen Reisenden allerlei Lebensmittel, aber auch überflüssigen Schnickschnack an, und Kid hatte alle Mühe, die Hartnäckigsten unter ihnen abzuschütteln.

Schließlich entdeckten sie eine Kutsche, die die Passagiere in die Stadt beförderte. Der braungebrannte Mestize auf dem Kutschbock erwies sich als äußerst höflich und bot sich an, ihnen die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, bevor er sie zu einer Unterkunft brachte.

Während der nächsten Stunde erhielten Butch, Kid und Etta einen umfassenden Eindruck von Buenos Aires. Es war eine Stadt voller Gegensätze. Reichtum und Armut prallten auf engstem Raum jäh aufeinander. Kid war ziemlich froh, als sie das Elendsviertel hinter sich gebracht hatten und die besseren Wohnbezirke der Stadt erreichten.

Sie quartierten sich in einem recht passablen Hotel ein, und von dort aus setzte sich Butch mit Enrique Vegas, einem erfahrenen Makler, in Verbindung. Er wollte hier in Südamerika das vollbringen, was man ihm in den Vereinigten Staaten nicht zugestanden hatte: nämlich Rancher zu werden.

Der grauhaarige Makler hatte schnell das Geschäft vermitteln können. Schon zwei Wochen später war Butch Cassidy Besitzer der Hacienda Oro. Sie lag tief im Innern des Landes. Es sah fast so aus, als sei das Kapitel der Lebensgeschichte von Butch Cassidy nunmehr zu Ende geschrieben. Aber es sollte noch ganz anders kommen …

 

 

45.

 

Butch Cassidy lehnte am Zaunpfahl und starrte auf die fernen Berge, die sich am Horizont entlangzogen. Er war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht hörte, wie hinter ihm Schritte ertönten und dann auf einmal verhielten.

»He, Butch!«, riss ihn eine Stimme aus seinen Träumen zurück. Cassidy drehte sich seufzend um und blickte in die Augen seines Freundes Harry Longabaugh alias Sundance Kid.

»Was ist los, Kid?«, fragte der ehemalige Boss der Wild Bunch mit leiser Stimme. »Gibt es Probleme mit den Rindern auf der Weide, oder was hast du auf dem Herzen?«

»Hier stimmt eine ganze Menge nicht, Butch«, begann jetzt Kid. »Du kannst mir nicht erzählen, dass du nichts auf dem Herzen hast, Amigo! Wir sind lange zusammen geritten, da spürt man so was. Bist du nicht mehr zufrieden mit dem, was du erreicht hast? Schau dich doch um, Mensch! Wir haben eine großartige Hazienda und eine kleine Herde. Alles in allem können wir doch zufrieden sein, oder?«

Butchs Blick glitt über das prächtige Gebäude der Hazienda, die sie vor vier Monaten erworben hatten. Das Ranchhaus war ganz aus weißem Adobelehm erbaut und wirkte äußerst reizvoll. Das Land, das zur Hazienda gehörte, war bestes Rinderland, und die Tiere standen gut im Fleisch. Aber trotzdem …

»Ich weiß nicht, ob du es je verstehst, Kid«, sagte Butch. »Genau so wie jetzt habe ich vor vielen Jahren schon einmal an einem Corralzaun gestanden! Da kannten wir uns noch gar nicht. Das war damals auf einer kleinen Farm in Beaver, Utah!«

»Was war damals, Butch?«, fragte Kid.

»Damals war ich noch ein junger Bursche und hatte den Kopf voller verrückter Ideen«, erzählte Butch weiter. »Ich wollte mir die Welt um den Hals hängen, und ich hab’s auch getan, verdammt! Jetzt hab’ ich alles erreicht, was ich eigentlich wollte, und doch steh’ ich hier wieder an diesem elenden Zaun und starre auf die Berge. Etwas ist in mir, das mich zwingt, dorthin zu reiten und nachzusehen, was dahinter liegt! Kid, kannst du das begreifen? Ich glaube, ich beginne zu verstehen, dass ich nicht zum Rancher geboren bin.«

»Ich hab’s schon seit zwei Wochen bemerkt, Butch«, versuchte Kid dem Freund zu erklären. »Aber ich hab’ noch nichts gesagt, weil ich nicht wusste, ob du’s wirklich Ernst meinst. Jetzt weiß ich es!«

»Was weißt du?«

»Dass du wieder reiten willst, was sonst?«, erwiderte Kid mit lächelnder Miene. »Und ich hab’ das Gefühl, dass die Wild Bunch noch lange nicht tot ist, Amigo!«

Als Butch das Wort Wild Bunch wieder aus dem Mund des Freundes vernahm, leuchteten seine Augen wie früher auf.

»Bei Gott, du hast recht, Kid«, sagte er, »reitest du mit, alter Junge? Nein, sag noch nichts! Ich weiß, dass du mit Etta zusammen bist und werde es akzeptieren, wenn du lieber bei ihr bleiben willst.«

»Sprich nicht weiter, Butch«, unterbrach ihn Kid und klopfte dem Freund auf die Schulter. »Du und ich, wir beide sind nun mal aus demselben Schrot und Korn!«

Am selben Abend noch sprach sich Sundance Kid mit Etta Place aus. Die Banditenbraut sagte lange Zeit überhaupt nichts und wartete ab, bis Kid fertig gesprochen hatte.

»Ich gehe mit dir und Butch«, flüsterte sie dann. »Kid, ich liebe dich und werde dich nie verlassen.«

Beiden war klar, dass ihr Schicksal mit dem Butch Cassidys eng verbunden war, und so war es selbstverständlich, dass Etta mit Kid ging.

Nachdem sie über Enrique Vegas für die Hazienda einen Käufer gefunden hatten, brachen sie am nächsten Morgen auf. Es war ein kalter und trüber Tag. Über den Regenwäldern Argentiniens hingen dunkle Gewitterwolken. Minuten später fielen die ersten dicken Regentropfen und klatschten mit monotonem Geräusch auf den ausgedörrten Boden und auf Etta, Kid und Butch.

 

 

46.

 

Pepe Gutierrez war ein Mensch, der schon seit vielen Jahren seinen Job als Kassierer zur Zufriedenheit seines Vorgesetzten erledigte. Schon seit mehr als acht Jahren bediente er die Kunden der Bank von Corazón, und das tat er mit dem ihm eigenen Pflichtbewusstsein.

Gutierrez hatte Familie und galt als angesehener Mann in der Stadt, wie jeder, der in der Bank beschäftigt war. An diesem Morgen erledigte er Schreibarbeiten im Kassenraum, als sich plötzlich die Eingangstür öffnete und zwei Männer eintraten. Dann erkannte er, dass er gutgekleidete Amerikaner vor sich hatte, die höflich lächelten. Sein Chef hatte ihm aufgetragen, zu den Norteamericanos besonders zuvorkommend zu sein; denn sie machten mit der Bank sehr gute Geschäfte. Also verhielt sich Gutierrez entsprechend.

Umso mehr erschrak er, als einer der beiden Kunden plötzlich einen Colt unter der Jacke hervorzog und die Waffe auf ihn richtete.

»Dies ist ein Überfall«, zischte der eine in gut verständlichem Spanisch. »Mach den Tresor auf, oder wir legen dich um. Comprende, Amigo?«

Pepe Gutierrez blickte verzweifelt um sich. Aber es half gar nichts. An diesem Tag war er allein in der Bank; denn sein Chef hatte einen wichtigen Termin außerhalb der Stadt wahrzunehmen, und auf seinen Schultern lastete jetzt die gesamte Verantwortung.

»Nicht schießen, Señores!«, rief Gutierrez mit verzweifelter Stimme. »Ich werde alles tun, was Sie sagen, ganz bestimmt …«

»Das will ich dir auch geraten haben, Freundchen«, sagte der andere der beiden Männer und drängte mit der Waffe in der Hand den Kassierer vorwärts zum Tresor, wo Gutierrez mit zitternden Händen die richtige Kombination einstellte. Es dauerte endlos lange, bis die Stahltür aufschwang und sich der Inhalt den gierigen Augen der Outlaws darbot.

»Räume das Geld in die Säcke!«, befahl der Bandit mit den blonden Haaren, und Gutierrez leistete keine Widerrede. Als er den gesamten Inhalt des Tresors geleert und in den Jutesäcken verstaut hatte, fesselten und knebelten ihn die Banditen. Der Kassierer musste wehrlos mit ansehen, wie die beiden dreisten Räuber die Bank verließen.

Gutierrez bemühte sich, durch die Glasscheiben noch einige Einzelheiten zu erkennen. Er glaubte, dass draußen noch ein dritter Mann wartete, der auf die Pferde aufgepasst hatte. Und für einen winzigen Augenblick dachte er sogar, dass es sich bei dem dritten Banditen um eine Frau handeln könnte.

Staub wirbelte auf, als die Outlaws davonritten. Es war ein denkwürdiger Tag, aber das konnte Pepe Gutierrez nicht wissen. Seit Butch Cassidy mit seinen Freunden den USA den Rücken gekehrt hatte, war dies der erste Überfall in einem fremden Land. Der Weg des berühmten Outlaws war damit vorgezeichnet, und noch weitere Bank- und Zugüberfälle sollten folgen …

 

 

47.

 

»Das ist ja kaum zu glauben!«, brüllte Gobernador Miquel Cordoban wütend und warf die Zeitung im hohen Bogen in die Ecke. »Diese gottverdammten Gringobanditen geißeln unser Land schon seit Jahren, und Sie, Teninente Leon, können ihnen einfach nicht beikommen! Eine Schande ist das …«

Teninente José Leon wurde rot im Gesicht und knüllte die Uniformmütze nervös in den Fingern. Gobernador Cordoban hatte ihn zu sich rufen lassen, weil die Presse schon über ihn spottete. Vor gut einem Jahr hatten diese Überfälle begonnen, und nun wurden die Kerle immer frecher.

»Meine Männer tun ihr Möglichstes, Exzellenz«, versuchte der Offizier sich zu rechtfertigen. »Aber diese Gringos schlagen uns immer ein Schnippchen!«

»Sie haben eine ganze Division zur Verfügung, Teninente!«, rief der glatzköpfige Gabernador und hieb mit der Faust auf den Tisch, dass die Papierstapel zu wackeln anfingen. »Teninente, ich glaube, dass ich Sie degradieren werde, wenn das nicht endlich besser wird. Butch Cassidy! Ich kann diesen Namen schon bald nicht mehr hören.«

»Es heißt, dass er in den Vereinigten Staaten schon für eine Menge Wirbel gesorgt hat, Exzellenz!«, fügte Leon hinzu. »Selbst die Pinkerton-Detektive haben ihn nicht einfangen können, und das will was heißen.«

»Pinkerton!«, schnaubte Cordoban verächtlich. »Das sind doch alles Hühnerdiebe, sonst nichts! Hier ist das Militär an der Macht, und es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn uns nicht bald der große Fang gelingt. Unser Präsident hat mich persönlich aufgefordert, diesem Banditenunwesen ein Ende zu bereiten. Zugüberfälle, Banken ausgeplündert und was weiß ich, was diese Bastardos sonst noch alles angestellt haben! Der Präsident will, dass diese Hunde geschnappt werden. Teninente, ich sage Ihnen, bevor mein Kopf rollt, sind Sie dran! Ich hoffe, wir haben uns verstanden.«

Der Offizier schluckte.

»Zu Befehl, Exzellenz!«, sagte er mit schnarrender Stimme. »Ich werde mit meinen Männern ein Kesseltreiben veranstalten. In einem Monat lege ich Ihnen die Banditen zu Füßen!«

Es ist nicht bekannt, ob Gobernador Cordoban oder vielleicht Teninente Leon nun wirklich ihren Kopf hinhalten mussten. Tatsache ist jedoch, dass die argentinischen Behörden es trotz aller erdenklicher Bemühungen nicht schafften, Butch Cassidy, Sundance Kid und Etta Place zu schnappen. Die beiden Gringos und die Banditenbraut entwischten immer wieder den Zugriffen der Armee in letzter Minute …

Mehr als ein Jahr lang wurden sie von den Truppen gehetzt, aber Butch Cassidy schaffte sie alle. Das System, sich in die Gedanken des Gegners hineinzuversetzen, welches er in den Vereinigten Staaten so erfolgreich angewandt hatte, funktionierte auch hier. Außerdem kam ihm noch ein wesentlicher Faktor zugute: nämlich die Uneinigkeit der südamerikanischen Länder. Als Butch merkte, dass Pinkerton die argentinischen Behörden unterstützte, tat er das einzig Richtige, er verließ das Land und setzte sich nach Bolivien ab. Und wieder hatte William Pinkerton das Nachsehen …

 

 

48.

 

Im Sommer 1903 kamen Butch Cassidy, Kid und Etta nach langer und anstrengender Reise in Bolivien an. Die Verfolger hatten sie ohne große Schwierigkeiten abschütteln können.

Sie kamen in ein Land mit dichten Tropenwäldern, gefährlichen Dschungeln und abgelegenen Dörfern. In diesem armen Land, wo der Reichtum nur in den großen Städten zu finden war, wollten sie zunächst einmal abwarten, bis die Wogen sich geglättet hatten.

Die ständige Flucht vor dem Gesetz hatte alle drei gezeichnet. Butch Cassidy war hager geworden, und das Lächeln in seinem Gesicht wurde seltener. Sundance Kid zeigte zwar noch seinen unerschütterlichen Humor, aber auch er fragte sich im Stillen, wie es wohl weitergehen würde. Etta Place wirkte abgespannt und müde. Als Frau hatte sie am meisten unter den Anstrengungen zu leiden, aber sie hielt tapfer durch.

Die Stadt war nicht besonders groß. Vielleicht dreihundert Einwohner, mehr nicht. Am Rand der Ansiedlung befand sich eine kleine Soldatengarnison, deren Nähe sie aber mieden.

Butch Cassidy war müde nach der langen und beschwerlichen Reise. Er musste unbedingt eine Ruhepause einlegen, und da kam ihm diese Stadt gerade gelegen. Genau die richtige Größe.

Sie ritten hinab bis zur Plaza, wo sie ihre Pferde vor einer Bodega zügelten.

»Dieses Kaff liegt doch am Arsch der Welt«, schnaufte Sundance Kid und klopfte sich mit dem Hut den Staub von der ehemals eleganten Kleidung. »Konnten wir uns denn nicht was anderes suchen?«

»Hier finden uns die Pinkerton-Agenten nie!«, erwiderte Butch und näherte sich dem Eingang der Bodega. »Und nur das zählt …«

»Butch hat recht, Kid«, meldete sich Etta Place zu Wort. »Ich kann nicht mehr weiter, du solltest auch mal an mich denken. Ein Königreich für ein sauberes Bett …«

Die drei betraten die Bodega. Ein großer, bescheiden eingerichteter Raum breitete sich vor ihren Augen aus. Den Mittelpunkt bildete eine Theke aus Kistenbrettern. Davor standen einige von Hand gezimmerte Tische, an denen sechs oder sieben Indios hockten und lethargisch vor sich hin brüteten. Als Butch, Kid und Etta den Raum betraten, schenkte ihnen kaum jemand Aufmerksamkeit, obwohl es nicht gerade häufig vorkam, dass Americanos sich an diesen abgelegenen Ort verirrten.

»Buenos Dias, Señores!«, begrüßte sie der Kneipenwirt, ein feister, schmieriger Kerl, dessen Lächeln genauso echt war wie seine weißen Zähne. »Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Wir möchten ein paar Tage hierbleiben«, begann Butch. »Haben Sie noch Zimmer frei, Señor?«

Der Mann hinter der Theke breitete die Arme aus.

»Selbstverständlich, Señores!«, rief er mit überschwänglicher Stimme. »In Felipes Bodega ist immer ein Zimmer für zahlende Gäste frei! Wie viele Zimmer möchten Sie?«

»Zwei!«, erwiderte Kid und legte den Arm um Ettas Schultern, um auf klare Verhältnisse hinzuweisen.

Der Bodegero nannte einen Preis und fügte hinzu, dass es üblich sei, hier im Voraus zu bezahlen. Sundance Kid schloss daraus, dass Felipe offensichtlich mit einigen seiner Gäste schlechte Erfahrungen gemacht hatte, wollte deswegen aber keinen Streit vom Zaun brechen.

»Gib mir die Tasche, Etta!«, verlangte Sundance Kid und streckte die Hand danach aus. Etta Place ließ die Tasche jedoch versehentlich fallen, die sich folgerichtig auf dem Bretterboden öffnete. Mehrere Bündel 100-Dollar-Scheine quollen hervor. Der Kneipenwirt bekam Stielaugen, und die übrigen Gäste am Tisch wirkten mit einem Male gar nicht mehr so teilnahmslos. Funkelnde Augen beobachteten abwartend das Geschehen.

Butch Cassidy zuckte kurz zusammen und bückte sich. Gemeinsam mit Etta raffte er hastig das viele Geld zusammen und verstaute es in der Tasche. Dann wandte er sich wieder an den Bolivianer Felipe, als sei überhaupt nichts geschehen.

»Geben Sie uns die Zimmerschlüssel!«, sagte er kurz, »Wir bleiben bis zum nächsten Morgen. Kann man bei Ihnen auch heiß baden?«

Felipe nickte stolz und antwortete, dass alles Notwendige sofort erledigt werde. Die Señores und die Señora sollten sich in der Zwischenzeit erst einmal ausruhen, bis dahin habe er alles andere erledigt.

»Macht die Wanne sauber!«, schrie er ins Treppenhaus.

Während Butch Cassidy die schmalen Stufen voranging und Kid mit Etta ihm folgten, richteten sich die Augen aller Anwesenden auf das Gepäck der Gringos. Sie hatten Geld dabei, und nicht mal wenig. Ein Einziges der zahlreichen Geldbündel hätte gereicht, um einem der Einwohner ein sorgenfreies Leben bis ans Ende seiner Tage zu verschaffen.

Die Saat der Gewalt trug erste Früchte. Butch Cassidy ahnte nicht, dass sich sein Schicksal fern und abseits der großen Banken und Eisenbahnlinien entscheiden sollte. Und zwar schon bald …

 

 

49.

 

Das Klopfen an der Tür riss Major Fuente aus seinen Gedanken. Missgelaunt hob er den Kopf und bellte mit barscher Stimme, hereinzukommen. Ein Teniente in verwahrloster Uniform trat ein.

»Was ist denn, Lopez?«, schrie der dicke Major. »Sehen Sie nicht, dass ich beschäftigt bin?«

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Señor«, stammelte der junge Offizier. »Aber draußen steht Felipe, dieser schmutzige Kerl aus der Bodega. Er lässt sich nicht abweisen! Sagt, dass es wichtig ist …«

»Alles Hühnerdiebe!«, schnaufte Fuente. »Aber gut, bringen Sie ihn rein!«

Er gab dem Teninente ein Zeichen. Dieser wandte sich daraufhin zur Tür, wo wenig später Felipe untertänigst verharrte. Sein Ruf war nicht gerade der beste in der Stadt; denn wo immer er sich einen Vorteil erhoffte, nutzte er die Situation rigoros aus. So auch jetzt.

»Was willst du?«, fragte der Major. »Spuck aus, was du zu sagen hast, und dann verschwinde! Ich hab’ noch andere Dinge zu tun, als meine Zeit mit dir zu vergeuden.«

Felipe schluckte die Beleidigungen. Er wusste genau, dass der Major ihn anhören würde, wenn er erst mal erzählte, was er gesehen hatte. Er berichtete von den beiden Männern und der Frau, die sich in der Bodega eingenistet hatten, und von der Tasche mit dem vielen Geld, das sie bei sich trugen. Als das Wort Geld fiel, leuchteten die Augen des Majors gierig auf.

»Wie viel?«, fragte er heiser; doch Felipe schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es nicht, Señor«, erwiderte er. »Es ist viel, viel Geld, das die Gringos bei sich haben! Könnte das unsere Stadt nicht gut gebrauchen?«

Mit der Stadt meinte er natürlich sich und sonst niemanden. Sein ganzer Plan baute darauf auf, dass der Major sich die beiden Gringos schnappte und ihm für den Tipp einen Teil des Geldes abgab.

»Bueno!«, rief der Offizier und brüllte nach dem Teniente. »Ich nehme mir die Fremden mal vor, und du sollst auch deinen Teil bekommen. Aber Gnade dir Gott, wenn du gelogen hast!«

 

 

50.

 

Der Mond warf sein bleiches Licht durch das kleine Fenster der Bodega. Butch Cassidy konnte nicht einschlafen. Lang ausgestreckt lag er auf dem alten, knarrenden Bett und starrte gedankenverloren zur Decke. Unruhig erhob er sich schließlich und wanderte im Zimmer hin und her. Ihm ging nicht aus dem Kopf, wie gierig die Augen des Kneipenwirts aufgeleuchtet hatten, als er die ungeheure Summe gesehen hatte.

Zufällig streifte sein Blick das Fenster. Er blieb hinter dem Vorhang stehen und spähte hinaus auf die Straße. Zuerst glaubte er, dass er sich getäuscht hatte und wusste nicht, ob der huschende Schatten drüben auf der anderen Straßenseite Wirklichkeit war. Dann riss er die Augen weit auf und erkannte die entsetzliche Wahrheit. Drüben von der Garnison her näherte sich ein Trupp Soldaten. Welches Ziel sie hatten, war wohl klar.

Butch zögerte keine Sekunde. Er raffte die Satteltaschen an sich und verließ sein Zimmer. Kids und Ettas Zimmer war gleich nebenan. Butch riss die Tür auf. Die beiden lagen nackt und eng umschlungen im Bett, aber das war Butch jetzt egal. Zum Teufel mit der Höflichkeit.

»Hör mal, Butch«, schimpfte Kid. »Kannst du nicht anklopfen, Mann? Manieren hast du nicht für einen einzigen Peso!«

»Hör auf, den wilden Mann zu spielen, Kid«, sagte Butch mit einer Stimme, die seine Aufregung nur mühsam verbarg. »Da draußen geht irgendwas vor! Wenn ich bloß wüsste, was …«

Kid sprang mit einem Riesensatz aus dem Bett, während Etta die Decke über ihren Körper zog. Er hastete zum Fenster und sah ebenfalls das drohende Unheil. Seine Augen waren dunkel vor Zorn.

»Wir müssen weg von hier«, stieß er nur hervor.

Während Etta und Kid sich schnell ankleideten, überprüfte Butch die Munition seines Colts und lud auch Kids Gewehr. Dann nahm er eine der Satteltaschen und warf die zweite Tasche Kid zu, der sich gerade den Patronengurt umschnallte.

»Auf geht’s!«, sagte er ein bisschen allzu forsch. »Wollen doch mal sehen, ob wir diesen Bastarden ein Schnippchen schlagen können.«

Mit diesen Worten riss er die Tür des Zimmers auf und spähte vorsichtig nach beiden Seiten. aber es gab kein Zeichen, dass dort jemand auf sie lauerte. So winkte er Kid und Etta, ihm zu folgen, und eilte nach vorn zur Treppe, die hinunter in den Schankraum führte.

Das Innere der Bodega wirkte total ausgestorben.

»Dort hinaus!«, rief Butch und wies auf den Hinterausgang. Die beiden Männer und die Frau eilten zur Tür und öffneten sie vorsichtig. Das Dunkel der Nacht gähnte ihnen entgegen, aber es zeigte sich keine Menschenseele.

Während Kid und Etta hinausliefen, tauchten im Haupteingang der Bodega die ersten Soldaten auf. Die Männer, die die Flucht der Outlaws bemerkten, griffen sofort zu ihren Waffen. Spanische Kommandos durchbrachen die Stille der Nacht; ein Fluch ertönte. Butch zögerte keine Sekunde und riss den Colt aus dem Halfter.

Der Schuss bellte kurz und trocken auf. Er wusste nicht, ob er getroffen hatte, aber der überraschte Schrei eines der Soldaten in der Bodega sagte ihm, dass er zumindest für Verwirrung gesorgt hatte.

Butch nutzte diesen Zeitpunkt, um Kid und Etta zu folgen, die in Richtung des Mietstalls rannten. Sie liefen um ihr Leben. Hinter ihnen tauchten die Soldaten auf. Hastig abgefeuerte Schüsse durchbrachen die Stille der Nacht, und die Kugeln pfiffen ihnen nur so um die Ohren. Kid biss die Zähne zusammen, als ihn eine Kugel am rechten Arm streifte. Etta schrie auf, als er plötzlich zusammenzuckte, aber Kid schüttelte nur den Kopf und rannte weiter.

In letzter Sekunde erreichten sie die schützenden Wände des Mietstalls, während unmittelbar hinter ihnen die Kugeln in die Holzwände einschlugen.

»Die Pferde!«, schrie Butch. »Los, Kid, wir müssen uns beeilen!«

Während Kid die Pferde sattelte, schoss Butch Cassidy, was das Zeug hielt. Sein Colt spuckte Feuer und Rauch, und jede Kugel traf. In seinem ganzen wilden und bewegten Leben hatte er es bis zu diesem Augenblick vermieden, Menschen zu töten. Aber jetzt saß er wie eine Ratte in der Falle, und deswegen schlug er hart und erbarmungslos um sich.

Zwei Soldaten in khakifarbener Uniform stürzten, von Butchs Kugeln getroffen, schreiend zu Boden, wo sie kurz darauf reglos liegenblieben. Währenddessen hatte Kid ein Pferd für Etta gesattelt. Er warf Butch einen kurzen Blick zu; doch dieser konnte nur noch den Kopf schütteln.

Kid wurde bleich. Während Butch wieder das Feuer eröffnete, schaute er seiner Geliebten in die Augen.

»Wir kommen hier alle nicht mehr lebend raus, Etta«, stellte er trocken fest. »Steig auf und reite los! Butch und ich werden dir Feuerschutz geben und …«

»Nein, Kid«, unterbrach ihn Etta heftig. »Das werde ich nie tun! Ich will mit euch sterben. Kid, ich verlasse dich nicht, das hab’ ich dir versprochen.«

Das Dröhnen der Schüsse und Pfeifen der Kugeln klang nur noch gedämpft an Kids Ohren. Ettas Worte hatten in ihm eine süße Erinnerung ausgelöst. Mit seinen Gedanken war er bei der Hazienda in Argentinien, wo ihm Etta unter heißen Küssen geschworen hatte, dass sie ihn niemals verlassen würde. Und doch war dieser Augenblick jetzt gekommen.

»Wenn du mich wirklich liebst, Etta, dann musst du gehen!«, sagte Kid entschlossen. »Es nützt nichts, wenn du mit draufgehst. Wenigstens einer von uns soll durchkommen!«

Er reichte ihr eine der Satteltaschen und hob die heftig protestierende Banditenbraut in den Sattel des braunen Wallachs. Dann klatschte er dem Tier heftig auf die Hinterhand, dass es wie vom Teufel besessen hochsprang und davonjagte.

»Los, Butch«, schrie Kid mit sich überschlagender Stimme. »Für Etta! Geben wir es diesen Hundesöhnen!«

Butch und Kid eröffneten ein Höllenfeuer, von dem man noch lange in dieser Stadt sprechen sollte. Mit gezielten Schüssen zwangen sie die Soldaten, in Deckung zu bleiben, damit Etta unbeschadet durch den Ring der Uniformierten kam. Und es gelang ihr.

Machtlos mussten die Soldaten zusehen, wie Etta Place flach auf dem Pferd sich festklammerte und im Kugelhagel der Soldaten entkommen konnte. Diejenigen, die versuchten, ihr nachzueilen, wurden schnell eines Besseren belehrt; denn wenn Butch und Kid schossen, dann trafen sie auch. Das bekam so mancher Soldat zu spüren, der eine Kugel abbekam.

»Good luck, Etta«, murmelte Kid und lud seine Waffe auf, die glühend heiß geworden war. »Hoffentlich kommt sie durch, Butch!«

»Etta ist ein zähes Mädchen, Kid«, versuchte Butch trotz der ausweglosen Situation den Freund zu trösten. »Sie wird es schon schaffen, auch ohne uns!«

»Diese Hundesöhne haben uns hier total festgenagelt, Partner«, sagte Kid wütend. »Wir müssen weg von hier!«

»Wie denn, Mensch?«, stieß Butch zornig hervor: »Siehst du nicht, dass es keinen Zweck mehr hat? Wir sind am Ende unseres Trails angelangt, Amigo.«

 

 

51.

 

Die Nacht verging quälend langsam. Vereinzelt gaben Butch und Kid Schüsse auf die Soldaten ab, aber letztlich waren sie auf der Verliererseite. Die Soldaten saßen am Drücker und konnten sich Zeit lassen.

»Ist das nicht ein Witz, Amigo?«, fragte Kid ironisch. »Wir beide sind der Kern der gefürchteten Wild Bunch, und sämtliche Pinkerton-Leute konnten uns nicht erwischen, aber hier in diesem trostlosen Kaff geht’s uns an den Kragen.«

»Yeah«, fügte Butch Cassidy apathisch hinzu und spähte aus seiner Deckung hinüber zu der anderen Straßenseite, wo sich zwei von diesen Hundesöhnen hinter einer großen Wassertonne verkrochen hatten. »Aber man kann seinem Schicksal nun nicht mehr entfliehen! Auf jeden Fall hab’ ich mein Versprechen wahr gemacht, dass mich kein Pinkerton-Schnüffler lebend in die Hände bekommt, und das hab’ ich doch geschafft, oder?«

»Butch, du bist schon eine ganz besondere Marke!«, erwiderte Kid und dachte zurück an all die abenteuerlichen Jahre, die sie zusammen geritten waren. Auch an Etta. Sollte dies hier nun zu Ende gehen?

»He, Gringos!«, ertönte mit einem Male die Stimme eines der Soldaten von draußen. »Hier spricht Major Fuente. Ihr sitzt in der Falle! Werft die Waffen weg und ergebt euch. Dann nehmen wir nur das Geld, und ihr könnt dorthin gehen, wo der Pfeffer wächst!«

»Was für ein Witz!«, stellte Butch Cassidy fest und sagte leise zu Kid, dass diese Hundesöhne da draußen noch nicht einmal wussten, wen sie hier eigentlich festhielten. Nein, diesen Hühnerdieben ging es einzig und allein um das Geld, auf dessen Spur sie durch einen dummen Zufall gekommen waren!

»Der kann mich mal!«, keuchte Kid und nahm seine Waffe in die Hand. Hinter den Hügeln ging die Sonne auf, als er sich den Hut in die Stirn rückte. »Butch, wollen wir es diesen Kerlen nicht zeigen? Wenn wir schon dran glauben müssen, dann sollten wir einige von ihnen noch mit auf den langen Trail nehmen.«

»Okay, Kid«, antwortete Butch und erhob sich. Zum letzten Mal warf er Harry Longabaugh alias Sundance Kid einen Blick zu, und jetzt leuchtete in seinen Augen wieder dieses Feuer, das Kid so viele Jahre in seinen Bann geschlagen hatte und wofür er durch die Hölle gegangen wäre. »Gott sei mit dir, Amigo …«

Das waren die letzten Worte des berüchtigten Outlaws Butch Cassidy, der eigentlich mit richtigem Namen Robert LeRoy Parker hieß. Schulter an Schulter rannten die beiden Freunde hinaus aus dem Stall. Mündungsfeuer durchbrachen die Morgendämmerung, als Butch und Kid zur letzten Schlacht antraten. Ihre Kugeln waren tödlich und schickten so manchen Soldaten auf den Trail ohne Wiederkehr, aber dann befahl Major Fuente mit eiserner Stimme. »Feuer!«

Dutzende von Kugeln rissen die beiden Outlaws zu Boden und löschten von einer Sekunde zur anderen ihr Leben aus. Was übrig blieb, waren zwei reglose blutige Körper, die mit weit ausgestreckten Armen im Staub der Straße lagen. Die Waffen hielten sie noch in ihren Händen.

Langsam, aber vorsichtig, näherten sich die ersten Soldaten den toten Banditen. Als sicher war, dass von diesen Gringos keine Tricks mehr zu erwarten waren, verließ auch Major Fuente seine Deckung. Kopfschüttelnd betrachtete er die Leichen der Männer, die seine Soldaten erschossen hatten. Die Satteltaschen mit dem Geld lagen zwischen ihnen, aber was der Major einfach nicht verstehen konnte, war das sympathische Lächeln des einen Gringos, der offensichtlich noch im Tod seine Feinde verspotten wollte.

 

 

ENDE

Mary-Lou schwor Rache

 

 

von John F. Beck

 

 

 

1.

 

Der Knall eines Revolverschusses hallte dumpf aus dem steinernen Gebäude der Greenhill-Bank.

Mit einem wilden Satz sprang Sheriff Chad Harbin vom Stuhl auf, riss die Winchester 73 aus dem Gewehrrechen und hastete zur Tür.

Draußen flutete gleißendes Licht über die breite Main Street der kleinen Rinderstadt. Das Bankhaus lag dem Sheriffs-Office schräg gegenüber. Staubbedeckte struppige Pferde waren am Haltegeländer davor angeleint. Daneben stand ein breitschultriger Fremder auf dem Gehsteig und hielt ein schussbereites Gewehr im Hüftanschlag.

Die hohen Türflügel der Bank wurden nach innen aufgezerrt. Ein schmächtiger Mann mit hochgekrempelten weißen Hemdsärmeln stolperte über die Schwelle. Sein spitzes Gesicht war kreidebleich, die Augen weit aufgerissen.

»Hilfe!«, krächzte er. »Überfall! Amarillo und seine Banditen rauben den Tresor …«

Aus dem Gebäude folgte das erneute Krachen eines Schusses. Für einen Moment wurde die Dämmerung hinter der halboffenen Tür vom grellen Mündungslicht zerfetzt. Wie von einem Kolbenhieb ins Genick getroffen, stürzte der Bankclerk hart vornüber, rollte auf den Gehsteig und lag dann still.

Chad Harbin lud die Winchester durch und sprang wie ein Tiger auf die Officeveranda. Ehe er das Gewehr hochreißen und den Pferdewächter vor der Bank anrufen konnte, befahl seitlich hinter ihm eine klirrende Stimme: »Bleib so stehen, Sternträger! Keine falsche Bewegung – sie könnte deine letzte sein! In diesem netten Spielchen wirst du nicht mitmischen!« Ein Colthammer knackte unmissverständlich.

Der Sheriff von Greenhill erstarrte. Er wandte nur halb den Kopf und sah einen großen stoppelbärtigen Burschen mit angeschlagenem Colt vor der Bretterwand stehen. Zorn und Enttäuschung durchströmten Chad siedend heiß, als er begriff, wie glatt er diesem Banditen in die Falle gegangen war. Der Mann grinste ihn herausfordernd an, wies mit dem eckigen Kinn zum Bankhaus hinüber und meinte spöttisch: »Gleich ist alles vorbei. Nur nicht die Nerven verlieren, Freundchen! Wir kassieren den Zaster, und du behältst dein Leben – aber nur, wenn du vernünftig bist!«

Undeutliche Stimmen schallten aus der Bank. Glas schepperte, hartes Gepolter war zu hören. Der Pferdewächter vor dem Steingebäude schwang plötzlich sein Gewehr an die Schulter und feuerte blitzschnell ein paar Kugeln die Straße hinab. Fensterscheiben barsten, Holzsplitter wirbelten. Chad sah seinen Deputy Walt Drover gerade noch rechtzeitig in den Eingang des Lucky Cowboy Saloons zurückspringen. Die Gehsteige zu beiden Fahrbahnseiten waren wie leergefegt.

Vor dem Generalstore, nur zwei Häuserblocks von der Greenhill-Bank entfernt, stand ein hochrädriger Ranchwagen. Er gehörte Hank Jones, der auf einer kleinen Ranch draußen am Turkey Creek lebte und dessen Tochter der Sheriff in einigen Wochen zur Frau nehmen wollte. Wahrscheinlich hielt sich Jones mit Mary-Lou im Store auf. Jeden Augenblick konnten sie herauskommen – und der Verbrecher vor der Bank schien auf alles zu schießen, was sich nur bewegte.

Brennende Besorgnis erfüllte Chad. Die kalte Stimme des Desperados mit dem Colt drang in seine sich jagenden Gedanken ein. »Weg mit dem Schießprügel, Sheriff. Du kannst damit nichts mehr anfangen.«

Chad drehte sich langsam vollends zu dem Banditen herum.

»Diese Sache bricht euch das Genick. Das verspreche ich dir.«

»Bist du versessen darauf, dass wir dich als Toten zurücklassen? Sei kein Narr, Sternträger!«

Noch während sich Chad drehte, war sein Blick auf einen weiteren Mann gefallen. Er saß in der schattigen Gasseneinmündung neben dem Office unbeweglich auf einem hochbeinigen Rapphengst. Ein großer drahtiger Bursche mit dunkel gebräuntem, scharfzügigem Gesicht und schwarzem Haar, das sich unter dem ins Genick geschobenen Stetson hervorringelte. Der Colt an seiner rechten Seite war auffällig tief geschnallt. Betont lässig hielt der Mann beide Hände auf dem steilen Horn des McClellan-Sattels verschränkt.

Minutenlang vergaß Chad den Desperado, der ihn in Schach hielt.

»Santana!«, flüsterte er grimmig. »Lässt du also endlich deine Maske fallen? Du arbeitest mit Amarillo Hand in Hand?«

»Irrtum, lieber Harbin! Mit der ganzen Sache habe ich nichts zu tun. Bin nur Zaungast.« Er zuckte leicht die Achseln. »Wenn alles vorbei ist, kannst du mir nichts anhaben, Sheriff. Ich werde nur unten in Arizona und New Mexico steckbrieflich gesucht. Wenn es dir auch im Magen liegt, hier in Colorado bin ich so unbescholten wie jeder andere Bürger. Deine Sache, wenn du nicht glauben willst, dass ich ein neues Leben begonnen habe.« Er lachte spöttisch, tippte an die Krempe seines Stetsons, wendete den Rapphengst und ritt gelassen in die schattige Seitengasse zurück.

»Er hält sich ’raus, ein kluger Hombre!«, grinste der Stoppelbärtige. »Solltest seinem Beispiel folgen, Sheriff! Wirf jetzt endlich deine Knarre weg, sonst fällst du tot um!« Er machte einen drohenden Schritt auf Chad zu.

Aus den Augenwinkeln bemerkte Chad, wie sich die Storetür bewegte. Im dämmrigen Spalt wurde ein helles Sommerkleid sichtbar. Mary-Lou! dröhnte es in seinem Kopf. Es blieb keine Zeit mehr zum Überlegen. Er ließ die Winchester sinken. »Hast gewonnen!«, murmelte er dumpf. Dann schleuderte er die Waffe von sich, gab ihr dabei geschickt eine leichte Drehung, und schon zerklirrte das Fenster neben der Officetür unter dem Anprall des Gewehrs.

Instinktiv ruckte der Kopf des Banditen herum. Die Coltmündung geriet aus der Richtung. Chad Harbin ließ sich nach vorn fallen. Der Stoppelbärtige schrie vor Wut. Sein Colt dröhnte. Die Mündungsflamme strich über Chads Rücken weg. Der Sheriff schlang seine Arme um die Beine des Verbrechers und riss mit aller Kraft. Der Mann stürzte auf ihn. Wieder entlud sich der Colt. Chad rollte sich unter dem Desperado hervor und riss seinen eigenen Revolver aus dem Holster. Der Stoppelbärtige wälzte sich auf die Seite und richtete aus nur zwei Armlängen Entfernung die Waffe auf ihn. Chads Stiefel zuckte hoch und erwischte den Kerl genau am Handgelenk. Der Colt wirbelte über die Veranda in den Straßenstaub. Der Bandit brüllte vor Zorn und Schmerzen. Von den Brettern aus schnellte er sich mit krallenartig vorgereckten Händen auf Chad zu … und geriet genau in Chads hochschwingenden Revolverlauf. Wie ein schlaffes Bündel fiel der Verbrecher zurück.

Chad sprang hoch. Die Storetür stand jetzt ganz offen. Hank Jones und seine junge Tochter verharrten wie gebannt auf der Schwelle.

»Zurück ins Haus!«, schrie ihnen Chad zu.

Den rauchenden Revolver in der Faust, stürmte der Sheriff die Verandastufen hinab. Und da kam bereits Amarillo mit seinem wilden Rudel aus der Greenhill-Bank gestürzt …

 

 

2.

 

Sie waren zu viert. Kräftige, sehnige Männer mit kantigen Gesichtern, die von einem wilden, verwegenen Leben gezeichnet waren. Jeder hielt einen Revolver in der Faust. Zwei Banditen schleppten prall gefüllte Leinensäcke auf den Schultern. Chad kannte den berüchtigten Bandenboss Amarillo vom Steckbrief her. Er war ein großer hagerer Bursche mit tiefliegenden, fanatisch glühenden Augen. Sein Gesicht war von vielen dunklen Linien zerfurcht, die ihn älter erscheinen ließen, als er tatsächlich war.

Er gab einen knappen Befehl, und sofort begannen die vier Banditencolts zu krachen. Die beiden Burschen mit den Geldsäcken rannten zu den Pferden. Amarillo und ein rothaariger Kerl sprangen vom Gehsteig und versuchten den Sheriff mit ihren schnellen Kugeln zu erwischen. Die Detonationen hallten ohrenbetäubend zwischen den Häuserfronten. Pulverdampf wehte in dichten Schwaden.

Chad ließ sich auf die Knie fallen. Kugeln umjaulten ihn, fetzten Holzspäne von der Veranda und ließen den Sand neben ihm aufspritzen. Ein Pferd riss sich vom Haltebalken los, geriet genau in den Kugelhagel der Verbrecher, bäumte sich durchdringend wiehernd auf und brach schließlich zuerst nach vorn ein, ehe es auf die Seite kippte und sich nicht mehr regte.

Das verschaffte Chad ein paar kostbare Sekunden. Er dachte nicht an Rückzug. Da drüben lag ein toter Bankangestellter im Sonnenlicht, und dort drüben stand mit feuerspeiendem Revolver der Bandit, der viele Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Durch die Schleier aus Pulverrauch und Staub hetzte Chad vorwärts.

»Chad!«, hörte er Mary-Lou Jones angstvolle Stimme durch den wüsten Lärm dringen. Dann kauerte er schon mitten auf der Straße hinter dem zusammengebrochenen Pferd und jagte einen Schuss über den leeren Sattel weg. Amarillo verlor plötzlich das Gleichgewicht, stolperte gegen die Steinwand des Bankgebäudes zurück und rutschte an ihr langsam abwärts.

Den Rothaarigen traf Chad mit dem nächsten Schuss in die Schulter. Der Mann wurde herumgewirbelt und fiel aufs Gesicht in den Straßenstaub. Die beiden Kerle mit den Geldsäcken waren bei den Gäulen angelangt.

Vom Lucky Cowboy Saloon kam Deputy Sheriff Drover mit gezogenem Revolver herangestürmt. Aus der Schmiede polterten zwei, drei schreiende waffenschwingende Männer. Andere Gestalten tauchten auf überdachten schattigen Veranden auf.

Die vor einigen Minuten noch totenstille Stadt Greenhill hatte sich in einen einzigen Hexenkessel verwandelt.

»Halt!«, brüllte Chad den Banditen zu. »Ergebt euch!«

Amarillos Leute fluchten vor Wut, Enttäuschung und Verzweiflung. Der eine löste die Pferdeleinen vom Haltegeländer, der andere schoss wie verrückt zwischen den erschreckt keilenden, sich aufbäumenden Tieren heraus.

Deputy Sheriff Drovers Colt donnerte, die Gewehre und Revolver der anderen Greenhill-Bürger fielen mit ein. Von allen Seiten kamen sie jetzt auf die Bank zugerannt. Das tollkühne Eingreifen ihres Sheriffs und dessen ausschlaggebender Erfolg hatten ihr Zögern und ihre Bedenken weggefegt.

Zwei Banditengäule brachen im Kugelregen zusammen. Der eine Bandit musste, um sich vor den wirbelnden Hufen zu retten, auf die Straße springen. Er wurde von mehreren Geschossen gleichzeitig getroffen und förmlich niedergeschmettert. Der Leinensack öffnete sich. Geldscheinbündel rutschten heraus. Der andere Desperado schaffte es, in den Sattel zu kommen. Er hielt den Geldsack mit der Coltfaust vor die Brust gepresst, mit der anderen Hand lenkte er das Pferd herum.

Chad war hinter dem toten Pferd hochgekommen. Drover schrie den Bürgern zu, das Schießen einzustellen, um den Sheriff nicht zu gefährden. Chad fiel dem Banditenpferd in die Zügel. Das Tier scheute zurück und knickte in die Hanken.

»Gib auf, Bandit!«, keuchte Chad dem Reiter zu.

Der Mann schrie schrille unzusammenhängende Worte und stieß wie rasend mit dem Stiefel nach Chad. Er ließ den Geldsack noch immer nicht los und konnte deshalb den Revolver nicht in Anschlag bringen. Chad packte seinen Fuß und wollte ihn aus dem Sattel zerren. Da wurde ein Gewehrlauf durch ein Bankfenster gestoßen. Der Schuss vermischte sich mit dem Klirren des Glases. Die Kugel traf den Bankräuber von hinten in den Kopf und schleuderte ihn an Chad Harbin vorbei in den wallenden Staub.

Die gebrochenen Augen des Mannes starrten Chad geweitet an. Noch im Tod hielt der Bandit den mit Dollarnoten gefüllten Leinensack an seinen Leib gedrückt. Ein Gefühl des Ekels packte den Sheriff. Der Lärm ringsum schmerzte in seinen Ohren. Ein Rausch schien die Bürger von Greenhill erfasst zu haben. Eine heisere verzerrte Stimme schrie: »Da ist noch einer von den Halunken! Schnappt ihn euch!«

Chad fiel der Bandit ein, den er auf der Officeveranda niedergeschlagen hatte. Er wirbelte herum. Der Verbrecher war zu sich gekommen, presste sich keuchend gegen die Bretterwand und hob Chads Winchester in Anschlag. In einem staubaufwirbelnden Halbkreis stürmten die Bürger auf ihn zu.

»Weg mit dem Gewehr!«, brüllte Chad. »Lass dich verhaften, du verdammter Narr!«

In seiner Panik hörte der Bandit nicht und begann verzweifelt zu feuern. Ein Greenhill-Mann schrie auf und griff sich an die blutende Wange. Ein Hagel von heißem Blei prasselte erbarmungslos gegen das Office, zerhämmerte sämtliche Fensterscheiben und ließ den Stoppelbärtigen ein paarmal zusammenzucken. Mit letzter Kraft hielt er sich noch auf den Füßen, schaffte es aber nicht mehr, die Winchester hochzureißen.

»Aufhören!«, schrie Chad den Bürgern zu. »Aufhören!«

Da peitschte es schon wieder drei- oder viermal, und der Bandit stürzte mit ausgebreiteten Armen nach vorn auf die Verandabretter. Es gab keine Amarillo-Bande mehr!

Jäh verstummte der Lärm. Ernüchterung überfiel die Menge. Auf einmal starrten sich die Männer überrascht und betreten an. Jemand murmelte gepresst: »Sie haben nichts anderes verdient! Wir haben nur unsere Pflicht getan.«

Chad sah die schlaffen Gestalten, die Geldscheinbündel, die glänzenden Patronenhülsen im Sand, und sekundenlang wünschte er sich weit weg von hier. Dann hörte er hinter sich eilige Schritte und Mary-Lous angespannten Ruf: »Chad, bist du verletzt?«

Er drehte sich zu ihr herum. Sie kam gerade vom Gehsteig herab. Ihr langes schwarzes Haar flatterte. Ihr ausdrucksvolles, klar geschnittenes Gesicht war blass. Chad wollte ihr beruhigend zulächeln, da sah er die große hagere Gestalt hinter ihr emporwachsen, und eisiger Schreck jagte seinen Rücken hinab.

»Mary-Lou, Vorsicht!« Er sprang vorwärts.

Der Mann riss Mary-Lou bereits mit harter Faust zurück, presste sie an sich und hielt ihr die Revolvermündung an die Schläfe. Ein leiser Laut des Erschreckens kam über Mary-Lous Lippen. Sie wagte keine Bewegung mehr.

Amarillos Gesicht war vor Hass und Anstrengung verkniffen. Blut sickerte von seinem linken Oberschenkel das Hosenbein hinunter. Hinter Chad tönte ein rauer Aufschrei. Tritte scharrten über die Straße heran.

Sofort knirschte der Bandenboss wild: »Versucht es nur, ihr Teufel! Das Girl hätte es mit dem Leben zu bezahlen!« Die Geräusche hinter dem Sheriff verebbten. Beklemmende Stille herrschte. Jeder sah dem hageren Banditen an, wie ernst er es meinte. Chad forderte heiser: »Lass sie aus dem Spiel, und ich verspreche dir, wir beide werden es von Mann zu Mann austragen!«

»Zur Hölle mit dir, du Schuft mit dem Blechstern!« Amarillos Stimme zitterte vor Wut. »Von Mann zu Mann? Das kenne ich! So wie ihr meine Crew erledigt habt, ihr Hundesöhne, was? Beim Teufel, ich habe gute Lust, euch dieses Mädchen tot vor die Füße zu legen, nur um euch diese Heldentat heimzuzahlen!«

»Amarillo!«, keuchte Chad entsetzt. »Du …«

»Sei still, Sternträger!«, fauchte ihn der Bandit an. »Kein Wort mehr! Ich werde jetzt verduften, und das Girl ist meine Lebensversicherung. Nehmt die Geldsäcke und bindet sie am Sattel des Falben fest. Ich nehme sie ebenfalls mit. Glotzt mich nicht so an! Das geht euch wohl nicht in den Sinn, dass zum Schluss doch noch ich die Runde gewinne, was?«

»Du bist verwundet, Amarillo!«, sagte Chad gepresst. »Du kommst nicht weit!«

»Lass das nur meine Sorge sein! Und noch eines – wenn ich es nicht schaffe, wenn ich auf der Strecke bleibe, irgendwo draußen in den Hügeln, dann sterbe ich nicht allein! Ich habe das Girl bei mir! Ich habe noch nie meinen Revolver gegen eine Frau gerichtet. Aber was ich hier in dieser verdammten Stadt gesehen habe, ist zu viel, um noch irgendwelche Rücksichten aufkommen zu lassen! Eure schuld! Schreibt es euch hinter die Ohren, ihr Lumpenpack!«

Mary-Lou als Schutzschild vor sich haltend, bewegte er sich rückwärts auf die Pferde zu. Sein linker Fuß schleifte im Staub. Amarillo knurrte: »Ich warte auf das Geld!«

Deputy Sheriff Walt Drover, ein schlaksiger junger Mann mit Sommersprossen über der Nase, schaute Chad fragend an. Chad konnte nur nicken. Da bückte sich Drover seufzend nach den prallen Leinensäcken. Plötzlich entstand Bewegung in der Mauer aus unschlüssig starrenden Männern.

»Mike Conroe!«, rief eine atemlose raue Männerstimme. »Mike, um Himmels willen …«

Amarillo zuckte zusammen. Die Wildheit schwand jäh von seinem Ledergesicht. Seine Augen suchten die Menge ab. Mary-Lous Vater Hank Jones bahnte sich ungeduldig einen Weg nach vorn. Er war ein stämmiger schnurrbärtiger Mann, dessen Gesicht alle Farbe verloren hatte.

»Dad!«, schrie das Mädchen auf. »Vorsicht! Er ist zu allem entschlossen!«

»Mike!«, schnaufte Jones wieder, blieb stocksteif stehen und starrte Amarillo an. »Mike, sie ist meine Tochter!«

Amarillo schluckte. Seine Faust mit dem tödlich drohenden Revolver zitterte plötzlich. »Hank – du?«

»Sie ist meine Tochter!«, wiederholte Jones kratzend, und seine Fäuste öffneten und schlossen sich nervös.

Da sank die Waffe des gefürchteten Bandenführers langsam nach unten. Er ließ Mary-Lou los. Sie lief zu ihrem Vater, schlang ihre Arme um ihn und barg zitternd ihr Gesicht an seiner Brust. Jones Blick war an dem lederhäutigen Desperado wie festgebrannt.

»Zufrieden, Hank?«, fragte Amarillo leise, wartete keine Antwort ab und wandte sich dem Sheriff zu. »Nun? Worauf wartest du noch? Tu deine Pflicht, Sternträger!«

Chad gab sich einen Ruck. Den Finger am Abzug, steuerte er geradewegs auf den jetzt schwankenden Bandenboss zu. Amarillos Augen verengten sich. Die alte Wildheit erwachte in ihnen. Er bemühte sich, nochmals den Colt in die Höhe zu bringen. Doch der Blutverlust hatte ihn schon zu sehr geschwächt. Er lächelte verzerrt.

»Schade, Sheriff! So einfach wollte ich es dir nicht machen!«

Das verletzte Bein gab unter ihm nach. Er landete dumpf und schwer im Sand. Der Colt entglitt ihm. Chad kauerte neben ihm nieder.

»Ich werde dich jetzt verbinden, Amarillo.«

Jones war plötzlich zur Stelle und schob den jungen Sheriff zur Seite. »Überlass das mir!«

Ihre Blicke trafen sich. »Woher kennst du ihn, Hank?«, fragte Chad leise.

»Es ist lange her!«, murmelte Jones ausweichend. Ein nachdenklicher, bitterer Ausdruck stand in seinen Augen. Er bückte sich zu Amarillo. »Ich stehe wieder in deiner Schuld, Mike. Wie damals vor zehn Jahren.«

Er hob den Verwundeten auf und trug ihn auf seinen muskulösen Armen zum Sheriffs-Office. Chad blieb nichts anderes übrig, als hinterherzugehen. Er und Mary-Lous Vater waren immer gute Freunde gewesen. Aber jetzt war etwas Fremdes zwischen ihnen, was Chad mit Unruhe erfüllte. Die Menge auf der Main Street zerstreute sich. Walt Drover ließ die toten und verletzten Banditen fortbringen. Leer und still, als ob nichts geschehen wäre, lag die kleine Stadt kurze Zeit später wieder unter dem strahlend blauen Colorado-Himmel.

 

 

3.

 

Mit gesenktem Kopf kam Hank Jones aus der Zelle, die die hintere Hälfte des Sheriffs-Office abtrennte. Amarillo lag still auf der Holzpritsche. Ein dicker Verband lief um seinen linken Oberschenkel. Chad nahm den klirrenden Schlüsselbund vom Schreibtisch.

»Hank, bist du mir nicht eine Erklärung schuldig?«

Jones’ Miene war verschlossen. Stumm ging er an Chad vorbei.

»Hank!«, rief der Sheriff wieder.

Da blieb Jones mit dem Rücken zu ihm ruckartig stehen. Seine breiten Schultern zogen sich zusammen. Zwei Sekunden verharrte er völlig reglos, dann machte er so blitzartig einen Seitenschritt zum Gewehrständer, dass Chad nicht mehr reagieren konnte. Schon war Jones herumgewirbelt und hielt einen Spencer Karabiner in den schwieligen Fäusten. Er sagte leise und gepresst: »Lass ihn frei, Chad! Lass ihn aus Greenhill verschwinden!«

»Das ist ja Wahnsinn, Hank!« Chad starrte den gedrungenen Rancher ungläubig an. »Was ist in dich gefahren?«

»Ich bin dabei, eine Schuld zu bezahlen, eine uralte Schuld!«

In der Zelle setzte sich Amarillo mühsam auf der Pritsche hoch. Schmerzen und Schwäche zeichneten noch immer sein hageres Gesicht, aber sein Blick war voll lauernder Wachsamkeit. Chad murmelte heiser: »Du weißt nicht, was du da tust. Leg das Gewehr weg.«

»Erst wenn Mike Conroe in Sicherheit ist.«

»Mike Conroe? Er ist Amarillo, einer der gefürchtetsten Banditen in Colorado. Ein Mann, der schon zu viel Unheil angerichtet hat …«

»Ein Mann, dem ich mein Leben verdanke, Chad!«, unterbrach ihn Jones. »Es war vor zehn Jahren. Damals trug er noch seinen richtigen Namen – Mike Conroe. Es war im letzten Jahr des Bürgerkriegs. Wir kämpften beide auf der Seite der Konföderation. Mike war Sergeant, ich Corporal. Wir waren gute Freunde. In der Schlacht bei Shiloh wurde ich verwundet. Die Kanonen der Yankees verwandelten das Gelände ringsum in ein einziges Gewirr von Granattrichtern, Blut und Sterben. Mike setzte sein Leben aufs Spiel, um mich da rauszuschleppen. Mir kam es wie ein Wunder vor, dass er es schaffte. Ich habe es niemals vergessen!«

Das Sprechen fiel dem Sheriff schwer. »Zehn Jahre sind eine lange Zeit, Hank. Ein Mann kann sich verändern. Meinst du wirklich, dass Mike Conroe und Amarillo noch ein und derselbe Mensch sind?«

»Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Ich habe ihm damals ein Versprechen gegeben. Jetzt ist es Zeit, es einzulösen! Chad, Lass ihn gehen! Amarillo, komm! Die Tür ist offen! Beiß die Zähne zusammen und versuch es!«

Amarillo stemmte sich von der Pritsche hoch.

Mühsam wankte er durch die Zelle. »Hank!«, keuchte Chad. »Das lasse ich nicht zu! Sei vernünftig, Hank!« Er machte einen Schritt zur Zellentür.

Sofort ruckte Jones Spencer. »Ich werde schießen!«

»Auf einen Freund? Auf den Mann, den deine Tochter liebt?«

»Kein Wort von Mary-Lou!«, flüsterte der Rancher heiser. »Chad, es liegt an dir, ob wir weiter Freunde bleiben! Fällt es dir so schwer, mich zu verstehen?«

»Ich trage den Stern, ich habe meine Pflicht zu tun. Und Amarillo ist ein Verbrecher! Hank, du …«

»Wenn du nicht mehr zu sagen hast, dann vergiss bloß nicht das Gewehr in meinen Händen!«, knurrte Jones grimmig. »Rühr dich nicht vom Fleck, Chad Harbin! Weiter, Amarillo, komm weiter. In dieser Stadt wird dir kein Haar gekrümmt.«

Amarillo war nur noch drei Schritte vom Zellenausgang entfernt. In Chad sträubte sich alles dagegen, diesen gnadenlosen Banditen wieder in Freiheit zu wissen. Mit einem wilden Satz warf er sich vorwärts und schlug vor dem Desperado die Gittertür zu. Im nächsten Moment kreischte schon der Zellenschlüssel im Schloss. Amarillo fluchte krächzend und krampfte erschöpft die knochigen Fäuste um die Eisenstäbe.

»Chad!«, knirschte der Rancher. »Du unterschätzt mich!« Geduckt, die Gewehrmündung auf die Brust des Sheriffs gerichtet, kam er langsam quer durchs Office. »Schließ wieder auf, Chad! Sofort! Beim Himmel, zwing mich nicht zum Äußersten!«

»Du wirst es nicht tun, Hank!«

»Es geht um sein Leben! Sie werden ihn hängen, das weißt du so gut wie ich!«

»Hat er es anders verdient? Ein Mann, der gewiss mehr als ein Menschenleben auf dem Gewissen hat? Hank, du machst dich zum Freund eines gesuchten Verbrechers! Denkst du gar nicht an deine Zukunft an deine Ranch … und an Mary-Lou?«

»Du sollst still sein!«, schrie ihn Jones in einer Mischung aus Wut und Verzweiflung an. »Meinst du, ich will dabeistehen und zusehen, wie sie ihm den Strick um den Hals legen? Dem Mann, dem ich mein Leben verdanke? Ein dreckiger Feigling wäre ich, wenn ich das zuließe! Chad, ich habe lange genug geredet! Lass ihn heraus!«

Langsam, fast schwerfällig, wandte sich Chad der Zelle zu.

»Amarillo, willst du das wirklich annehmen? Er setzt seine Ehre und Sicherheit deinetwegen aufs Spiel. Er wird …«

»Verdammter Narr!«, knirschte Amarillo schwitzend. Seine Augen flammten. »Zeig mir den Mann, der eine andere Wahl trifft, wenn ihm der Galgen droht.

Los, du Schwätzer, sperr endlich auf!« Die Knöchel an seinen Fäusten traten weiß hervor.

Jones’ Stiefel pochten dicht an Chad heran. Der Sheriff spürte den kalten Stahl der Gewehrmündung im Rücken. »Mach schon!« Chad ließ den Schlüsselbund auf die Dielen scheppern. Er bückte sich sofort. Seine Muskeln spannten sich dabei. Es ging nicht nur mehr um Amarillo. Er musste Mary-Lous Vater vor einem Fehler bewahren, der ihm und dem Mädchen die Existenz im Greenhill County kosten würde!

Ehe er sich herumschleudern konnte, um Jones die Beine wegzureißen, schrie Amarillo scharf: »Vorsicht, Hank, ein Trick!«

Jones sprang geistesgegenwärtig rückwärts. Chads Fäuste schossen ins Leere. Er verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Bretter. Jones schnaufte heftig. Chad wälzte sich herum und griff zum Revolver.

»Hank, nicht …«

Jones’ Karabinerlauf zuckte nieder und streifte Chads Kopf. Der Schmerz drohte dem Sheriff die Besinnung zu rauben. In seinen Händen war plötzlich keine Kraft mehr. Jones sprang über ihn weg zur Zelle und drehte den Schlüssel.

»Raus mit dir!«, schrie er dem Banditen atemlos zu. Die Gittertür quietschte laut in den Angeln.

Mit zusammengebissenen Zähnen schaffte es Chad, auf die Knie zu kommen. Aber sein Holster war leer. Der Revolver lag auf dem Boden. Jones zerrte Amarillo aus dem Jail. Da flog die Officetür auf. Deputy Walt Drover und ein breitschultriger Mann in braunem Kordanzug stürmten herein, jeder einen Revolver in der Faust.

»Jones!«, schrie der junge Hilfssheriff schrill. »Haben Sie den Verstand verloren?«

Hinter ihnen hastete Mary-Lou mit gerafftem Kleidersaum die Verandastufen herauf. Jones ließ Amarillo los. Der verwundete Desperado sank in die Knie. Jones schwang den Spencer-Karabiner herum, zögerte jedoch einen Moment, auf den Deputy abzudrücken. Da hatte sich Chad wieder einigermaßen gefangen und rammte ihm die Schultern gegen die Beine. Jones krachte rücklings gegen das Zellengitter. Der Karabiner entglitt ihm. Als er sich danach bückte, drückte ihm Drovers breitschultriger Begleiter die Revolvermündung ins Genick.

»Du warst dem Tod niemals näher als jetzt!«, knurrte er dabei grimmig.

Jones nahm die Hände vom Gewehr und richtete sich langsam hoch. Sein eckiges Gesicht war dunkel vor Wut und Enttäuschung.

»Den Gefallen tu ich dir nicht, Kellock!«, raunte er dem Breitschultrigen zu. »So billig bekommst du meine Ranch nicht!«

Drover stemmte Amarillo in die Zelle zurück und Schloss ab. Kopfschüttelnd wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Chad hatte sich erhoben und seinen Revolver wieder an sich genommen. Mary-Lou stand blass und verkrampft auf der Schwelle. Ihr Blick wanderte hilflos hin und her. Chad wandte sich an den breitschultrigen Rancher Bruce Kellock.

»Nehmen Sie Ihr Schießeisen weg. Es ist alles vorbei.«

Kellock ließ die Waffe sinken. Unter den buschigen Brauen hervor starrte er den Sheriff finster an. »Ich warte darauf, dass Sie Jones zu diesem Kerl ins Jail sperren.«

»Es ist meine Entscheidung«, sagte Chad kühl. »Hank, du kannst gehen!«

Jones sagte schwer: »Du irrst dich, Chad. Das war erst der Anfang. Ich werde alles tun, damit Mike Conroe, der sich Amarillo nennt, nicht am Galgen landet.«

»Da hören Sie es!«, stieß Kellock hervor. »Ich wusste schon immer, dass Jones nicht der biedere Viehzüchter ist, als den er sich ausgab. Harbin, Sie müssen ihn …«

»Du hältst die Klappe!« Jones ruckte zornig zu ihm herum. »Die ganze Stadt weiß, dass du es auf meine Ranch und meine Weide abgesehen hast. Dir ist jeder Anlass recht, um mich aus dem Weg zu räumen.«

»Wenn ich das wirklich wollte«, lächelte Bruce Kellock düster, »hätte ich mein Ziel längst erreicht. Oder hast du vergessen, dass meine K-Star-Ranch der mächtigste Besitz in hundert Meilen Umkreis ist?«

»Eine Macht, die du nur mit deinen Revolver-Cowboys aufrechterhalten kannst, Kellock! Misch dich nicht in diese Sache ein. Du fällst mir lange genug schon auf die Nerven!«

»Ich werde mich einmischen. Das ist mein gutes Recht. Kein anständiger, ehrlicher Mann kann zulassen, dass ein Oberschurke wie Amarillo, aus dem Jail geholt wird. Wenn Harbin zu nachsichtig mit dir ist, werde ich mit meinen Männern zur Stelle sein. Und dann versuch es nur, Freund Jones. Du wirst nur eines erreichen: Amarillo bekommt einen Gefährten an den Galgen!« Er lachte grimmig.

»Dreckskerl!«, zischte Jones und holte aus.

»Dad!«, schrie Mary-Lou erschrocken und lief ins Office.

Jones’ Faust landete in Kellocks Gesicht und trieb den schwergebauten Mann gegen den Schreibtisch. Kellocks Hand schraubte sich um den Coltgriff. Da war Chad neben ihm und hielt ihn fest.

»Genug! Hank, geh jetzt endlich! Wenn du genügend nachgedacht hast, wirst du hoffentlich zur Vernunft kommen. Mary-Lou, nimm ihn mit!« Er nickte dem Mädchen zu.

Ihre Wangen glühten. Sie legte einen Arm um die Schultern ihres Vaters. »Dad, beruhige dich! Komm jetzt!« Sie drängte ihn zur Tür.

Bruce Kellock schnaufte: »Harbin, Sie überziehen Ihre Vollmachten! Es ist Ihre verdammte Pflicht, diesen sturen Kerl …«

»Sie halten den Mund!«, unterbrach ihn Chad kühl.

»Was?« Kellock, der mächtigste Rancher im Greenhill-County, war diesen Ton nicht gewohnt. »Sind Sie übergeschnappt, Sheriff? Ich sage Ihnen …«

»Keine Drohungen, Kellock!«

Kellock schluckte wütend. »Ich habe Ihnen nicht geholfen, damit Sie diesen Banditenfreund jetzt einfach ziehen lassen. Mich schert es den Teufel, ob Sie in diesem Burschen schon Ihren Schwiegervater sehen. Ich verlange von Ihnen …«

»Dass ich Ihnen Jones aus dem Weg räume? Kellock, versuchen Sie Ihr Spiel nicht mit mir! Über mich kommen Sie nicht an Hank Jones’ Land heran.«

»Harbin, das werden Sie noch bereuen!«, flüsterte Kellock heiser. »Wenn Jones es schafft, Amarillo aus dem Jail zu holen, wird Sie das mehr kosten als nur Ihren Stern!« Wütend stiefelte er an den Jones vorbei aus dem Office.

Mary-Lou schaute Chad ernst an. »Ich danke dir.«

»Nein!«, murrte ihr Vater sofort. »Das sollst du nicht sagen! Nicht zu ihm!«

»Dad, um Himmels willen! Chad und ich …«

»Schlag ihn dir aus dem Kopf, Tochter!«, knurrte Jones, ohne Chad noch einen Blick zu schenken. »Einen besseren Rat kann ich dir nicht mehr geben!« Den Kopf eingezogen, die Fäuste geballt, verschwand er im Freien, wo sein Wagen vor dem Generalstore wartete.

Mary-Lou legte die Fingerspitzen an die Lippen und schaute Chad mit einem Ausdruck an, der ihm ins Innerste schnitt. Er ging zu ihr, strich ihr sachte eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn und sagte leise: »Ich werde dafür sorgen, dass Amarillo noch morgen auf den Weg zur Hauptstadt gebracht wird. Dann kann dein Vater nichts mehr unternehmen. Keine Sorge, mein Liebes, alles wird wieder gut. Lass Hank jetzt nicht allein. Ich glaube, er braucht deine Gesellschaft jetzt mehr als alles andere.«

Er hob sanft ihr Kinn und lächelte ihr aufmunternd zu. Die Furcht schwand langsam aus ihrem Blick. Schnell schlang sie ihre Arme um seinen Nacken, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Dann war sie schon draußen, und die Officetür fiel hinter ihr ins Schloss.

Deputy Sheriff Drover kratzte sich am Nacken.

»Chad, eine Frage im Vertrauen! Stellst du es dir wirklich so einfach vor?«

Chad bückte sich nach dem Spencer Gewehr, das Jones vorhin entfallen war. Seine Miene war ausdruckslos, als er dumpf erwiderte: »Im Gegenteil, Walt! Die Postkutsche nach Denver fährt erst morgen früh. Dazwischen liegt eine Nacht, in der wir uns auf allerhand gefasst machen müssen!« Er stellte den Karabiner nicht in den Gewehrrechen zurück, sondern behielt ihn in den Fäusten, als er hinter dem Schreibtisch Platz nahm und durchs zerschossene Fenster beobachtete, wie Hank Jones mit seiner Tochter die Stadt verließ.

 

 

4.

 

Mary-Lous Finger krallten sich in Hank Jones’ Jackenärmel.

»Dad, sie sind hinter uns her!«

Jones ließ die Peitsche sinken und wandte den Kopf. Das Gelände war unübersichtlich geworden. Strauchbewachsene Hügel reihten sich aneinander. Dazwischen wuchteten graue rissige Felsen hoch, wie von Riesenhand hingestreut. Im Norden bildeten die bewaldeten Hänge der Elk Mountains einen dunklen massigen Wall vor dem blauen Firmament. Eine Meile hinter dem Ranchwagen überquerten drei Reiter einen Hügelrücken. Die Gestalt in der Mitte war mit den breit ausladenden Schultern und dem braunen Kordanzug unverkennbar Bruce Kellock. Gleich darauf verschwanden sie in einer Senke. Nur noch der flatternde Staub verriet den Weg, den sie nahmen – genau auf der Fährte des Wagens.

Jones presste die Lippen zusammen und ließ wieder die Peitsche knallen. Die beiden Zugpferde wurden schneller. Mary-Lou musste sich an den Seitenlehnen des Wagenbocks festhalten. Schlingernd raste das Gefährt auf den von Radfurchen gekennzeichneten Weg zur Jones-Ranch dahin. Steine sprangen zur Seite, Funken sprühten unter den Radreifen. Die Büsche und Felsen links und rechts flogen nur so vorbei. Jones lenkte die Gäule mit geschickter, harter Hand. Er ließ den schmalen holprigen Weg nicht aus den Augen.

»Geben sie es auf, Mädel?«, fragte er gepresst.

Mary-Lou spähte über die Schulter. Ihr schwarzes Haar wehte im Zugwind. »Nein, Dad! Da sind sie wieder! Sie holen auf!«

»Kellock, dieser Lump!«, knirschte Jones verbittert und ließ die Peitschenschnur über den Pferderücken tanzen. Der schwer beladene Wagen besaß kaum eine Chance, den drei Männern auf den ausgeruhten Pferden zu entkommen. Immer deutlicher schälten sie sich aus dem Staubschleier hervor, der hinter dem Fahrzeug zerflatterte. Sie ritten Seite an Seite, passten sich geschmeidig dem schwingenden Galopp an, und die Zugluft bog die Krempen ihrer Cowboyhüte vorn steil in die Höhe.

Jones stemmte die Füße breit gegen das Bodenbrett. Sein Blick suchte fieberhaft nach einer Stelle im zerklüfteten Gelände, wo er vom Weg abbiegen und eine Abkürzung zu seiner Ranch am Turkey Creek einschlagen konnte. Mary-Lou erkannte seine Absicht, streckte eine Hand aus und deutete auf eine Lücke zwischen zwei riesigen Felstürmen, die gerade breit genug war, einen Wagen durchzulassen.

»Dort, Dad! Versuch es!«

Die Pferde gehorchten bereits dem Zügelruck, änderten die Richtung und fegten auf die Felsen zu. Konzentration straffte Jones’ Gesicht. Nur ein paar Handbreit daneben – und der Wagen würde am nackten, schroffen Gestein zerschellen. Das Hufgetrommel und Räderknarren war plötzlich voll unheimlicher Drohung. Die Mähnen flatterten.

Schaum flockte den Tieren vor den Nüstern. Links und rechts streifte raschelndes Zweigwerk ihre Flanken. Und die Felstürme schienen förmlich dem Buggy entgegenzufliegen.

Wie aus dem Boden gewachsen, hielten plötzlich zwei Reiter in der Lücke. Zwei Schüsse verschmolzen zu einem wahren Donnerschlag. Das heiße Blei pfiff über den Wagen weg. Der eine Mann, ein flachshaariger knochiger Bursche, stellte sich in den Steigbügeln seines erregt tänzelnden Gauls auf und schrie aus voller Kehle: »Anhalten! Beim nächsten Mal zielen wir ein Stück tiefer, Jones!«

Jones war bleich geworden. Einen Moment sah es so aus, als würde er das Gespann geradewegs gegen die beiden Reiter rennen lassen. Dann stemmte er sich gegen die straffen Zügel. Die Pferde gerieten ins Stolpern, der Wagen schwankte heftig, dann stand er.

»Da haben wir ja am richtigen Fleck gewartet!«, stellte Kellocks flachsblonder Vormann Emmet Leach grinsend fest, während er mit seinem Colt auf Jones’ Kopf zielte. »Der Boss hat sich das fein ausgerechnet. Nur ruhig, Jones, lass deine Kugelspritze brav stecken. Du willst doch dein Mädel nicht zur Waise machen, he?«

»Banditenpack!«, knurrte Jones. Seine Hände zitterten. Hinter ihnen dröhnte Hufschlag den Fahrweg entlang. Gleich darauf tauchte Kellock mit den beiden anderen Cowboys zwischen Sträuchern und Felsen auf. Die Männer schwärmten aus und bildeten einen engen Ring um das Fahrzeug, als ihre Pferde zum Stehen kamen. Das Metall der Revolver schleuderte silberne Strahlenreflexe im Sonnenschein.

»Gut gemacht, Leach!«, nickte Kellock seinem Vormann zu. »Ich wusste ja, dass es klappen würde!«

Jones starrte ihn voller Hass an. »Eine Falle! Ein richtiger Überfall! Kellock, damit hast du den Bogen überspannt! Das geht auch einem Mann wie dir nicht mehr durch!«

»Du vergisst, dass du dich vor einer Stunde außerhalb des Gesetzes gestellt hast«, lächelte ihn Kellock auf seine finstere Art an. »Kein Mensch kann verlangen, dass ich zimperlich mit einem Banditen umspringe.« Als Jones zum Holster griff, ließ Kellock seinen Revolverhahn knacken. »Das würde ich lieber nicht versuchen! Fünf Eisen gegen eines, das ist ein ungleiches Verhältnis! Und ich brauche dich noch!«

»Kellock!« Mary-Lou sprang vom Sitzbrett hoch. »Dazu haben Sie kein Recht! Sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen uns den Weg freigeben.«

»Gewiss! Nur werden Ihr Vater und ich vorher ein kleines Geschäft abschließen!«

»Schon wieder meine Ranch, was?«, brummte Jones grimmig, »Erraten!« Kellock zog ein zusammengerolltes Papier aus der Innentasche seiner Kordjacke. »Leach hat Tinte und Feder in seiner Satteltasche. Du brauchst nur deine Unterschrift aufs Blatt zu setzen, und zwischen uns beiden gibt es keine Feindschaft mehr. Das alte Angebot, Jones. Tausend Dollar für deinen Besitz. Diesmal zum letzten Mal!«

»Die Hölle soll sich auftun und dich verschlingen, du Halsabschneider! Meine Antwort darauf hat sich nicht geändert! Nein und nochmals nein, zum Teufel!«

»Du bist zu voreilig! Du vergisst, was in Greenhill passiert ist. Wenn ich will, weiß morgen schon das ganze County, dass du versucht hast, einen Bankräuber und Mörder aus dem Jail zu holen. Jones, du bist in diesem Land erledigt.

Kein Mensch wird noch mit dir ein Geschäft abschließen, niemand wird noch mit dir reden. Im Store werden sie dir nichts mehr verkaufen, und wenn du im Saloon einen Drink nehmen willst, werden sie schon dafür sorgen, dass du draußen auf der Straße landest. Es ist aus mit dir, Freund Jones! Warum musst du dir ausgerechnet einen Kerl wie Amarillo zum Freund aussuchen? Ich biete dir hier wirklich eine anständige Chance, die du vielleicht gar nicht verdienst.«

»Tausend Dollar!« Jones spie die Worte förmlich heraus. »Ich habe dreihundert Rinder auf meiner Weide stehen. Droben in Cheyenne bekomme ich für sie allein schon fast fünftausend Bucks. Du kommst dir wohl sehr gerissen vor, Kellock, was? Du meinst, ich sitze in einer Klemme und drücke dir auch noch dankbar die Hand! Nichts damit, Kellock! Wenn du mir nicht mehr zu bieten hast …«

»Doch!«, sagte Kellock schneidend. »Eine Kugel! Wenn dir das lieber ist!« Jones erstarrte, als er merkte, wie entschlossen der K-Star-Rancher war.

Mary-Lou flüsterte tonlos: »Nein, das wagen Sie nicht, Kellock! Sie haben auch noch mit mir zu rechnen. Einen Mord können Sie nicht riskieren!«

Kellock starrte Jones unverwandt an. »Du weißt es besser, nicht wahr? Eine Zeugenaussage gegen fünf. Die Tochter eines Banditenfreundes gegen einen angesehenen reichen Rancher und seine Cowboys. Sag es ihr doch, Jones!«

»Du bist ein Teufel, Kellock!«

»Ich will was anderes hören!«, lächelte Kellock hart. »Ich will hören, dass du endlich unterschreibst! Ich habe die tausend Dollar bei mir. In fünf Minuten ist alles geregelt. Also?«

Zwischen den Sträuchern hervor sagte eine lässige Stimme: »Moment noch! Kellock, Sie haben sich vorhin geirrt! Es wird noch einen Zeugen geben – mich!« Die Köpfe der Männer fuhren herum. Im Schatten übermannshoher Juniperen und Cottonwoods saß Jim Santana kühl lächelnd auf seinem hochbeinigen Rappen. Die Faust, die einen langläufigen Frontier-Colt umklammerte, ruhte ganz locker auf dem steilen Sattelhorn. Es sah wie Zufall aus, dass die Mündung genau auf Bruce Kellock zielte.

An der Stirn des K-Star-Ranchers schwoll eine Ader. Mühsam beherrscht sagte er: »Für einen einzelnen Mann kann es verdammt ungesund werden, dauernd hinter anderen Leuten her zu schnüffeln. Sie sollten lieber verschwinden und alles vergessen, Santana.«

»Wieso? Mein Finger liegt am Drücker. Keiner Ihrer Männer schießt schnell und sicher genug, um es mit mir aufzunehmen, Kellock. Oder zweifeln Sie daran?«

»Santana!«, schnaufte Hank Jones erleichtert. »Das werde ich Ihnen nie vergessen. Jagen Sie diese Schufte zum Teufel.«

»Langsam, langsam«, lächelte Jim Santana. »So einfach liegt die Sache für Sie leider nicht, Jones. Ich habe frühzeitig gelernt, dass man nie umsonst auch nur das leiseste Risiko eingehen soll.«

Jones holte tief Luft. »Verstehe! Nun gut, Santana, wie viel?«

»Fünfhundert Dollar!«, rief Kellock schnell. »Fünfhundert auf die Hand, Santana, wenn Sie sich da heraushalten!«

»Boss!«, knurrte der Vormann Emmet Leach. »Wir sind zu fünft. Dieser hergelaufene Revolverschwinger …«

Kellocks herrische Handbewegung brachte ihn zum Verstummen.

»Nun, Santana?«

Der schwarzhaarige Reiter aus den Elk Mountains schüttelte lässig den Kopf. Kellocks Mundwinkel verkniffen sich.

»Tausend!«, stieß er hervor. »Genau die Summe, die ich Jones bieten wollte! Das ist auf jeden Fall das Limit!«

Santana sagte ruhig: »Ich will mit Mr. Hank Jones ein Geschäft abschließen, nicht mit Ihnen. Und ich will kein Geld. Jones, ich warte.«

»Santana, ich verstehe Sie nicht!«, keuchte der stämmige Kleinrancher. »Fragen Sie Ihre Tochter!«

Jones’ Augen ruckten zu Mary-Lou herum. Glühende Röte übergoss jäh die Wangen des Mädchens. Sie senkte die Wimpern.

»Er will mich, Dad!« Ihre Stimme war kaum zu hören.

Jones zuckte wie unter einem Hieb zusammen. »Santana, Sie …«

»Vorsicht, Jones, bedenken Sie, dass Ihr Leben auf dem Spiel steht. Sie sollten nicht an meine Vergangenheit denken und an das, was man sich über mich in Greenhill erzählt. Ich bin der Mann, der Ihnen mit seinem schnellen Colt aus jeder Schwierigkeit heraushelfen kann. Der richtige Partner. Meine Gefühle für Ihre Tochter sind ehrlich, Jones. Ich will Mary-Lou zur Frau.«

Schweiß glänzte auf Jones’ Gesicht. »Weißt du das schon lange, Mädel?«

Sie nickte nur stumm. Ihre roten Lippen waren fest zusammengepresst. Jones starrte den Geächteten flammend an.

»Sie verlangen zu viel!«

»Heißt das … nein?«

»Zum Teufel!«, brach Jones los. »Meinen Sie im Ernst, ich werde Mary-Lou eine solche Entscheidung aufzwingen? Wie können Sie von einem Mann erwarten, dass er seine eigene Tochter …«

»Es ist Ihr Leben!«, unterbrach ihn Jim Santana kühl. »Vielleicht sollten Sie lieber Ihre Tochter reden lassen, Jones. Nun, Mary-Lou?«

»Du benimmst dich wie ein abgefeimter Bandit, Jim!«, flüsterte das Mädchen herb. »Ich fange an, alles zu glauben, was in Greenhill über dich geredet wird.«

»Es ist die Chance, auf die ich gewartet habe! Entscheide dich, Mary-Lou.« Die Schultern des Mädchens zogen sich fröstelnd hoch. In einer Mischung aus Entsetzen und Ungläubigkeit starrte es den Reiter an. Jones stieß hervor:

»Kein Wort mehr zu ihm! Santana, du Lump, und wenn meine Tochter zehnmal ja sagte. Ich würde es nicht annehmen! Verschwinde, Santana! Ich brauche deine Hilfe nicht! Ich sag dir nur noch eines – bleib meiner Tochter fern, wenn dir dein Leben lieb ist!«

In Santanas dunklen Augen blitzte es gefährlich auf.

»Ihr letztes Wort, Jones?«, fragte er leise.

»Hau ab!«, schrie ihm Jones ins Gesicht. »Du widerst mich an!«

»In ein paar Minuten wird es Ihnen leidtun!«, erklärte der Geächtete eisig. »Nur ist es dann zu spät! – Kellock, ich hoffe, Sie nehmen mir die Störung nicht weiter übel.« Er tippte lässig grüßend an die Krempe seines Stetsons, wendete den pechschwarzen Hengst und ritt davon.

»Jim!«, schrie Mary-Lou auf. »Du kannst Dad nicht einfach …«

»Sinnlos!«, sagte Kellock höhnisch. »Jones, du steigst jetzt sofort vom Wagen. Du kommst mit uns. Deine Tochter wird dich nur dann wiedersehen, wenn du diese Verkaufsurkunde unterschrieben hast. Los, runter mit dir!«

Santana verschwand zwischen den Büschen und Felsen. Das Hufgetrappel verlor sich in der Ferne.

Jones knurrte: »Du wartest umsonst auf die Unterschrift, du Lump. Warum gibst du mir nicht gleich die Kugel?«

»Dad!«, rief Mary-Lou erschrocken. »Tu, was er verlangt!«

»Ich soll vor diesem Halsabschneider auf dem Bauch kriechen?«, keuchte Jones verbittert. »Lieber …«

»Tu es für mich, Dad! Ich bitte dich! Was bedeutet schon die Ranch, wenn es um dein Leben geht? Kellock, Dad wird unterschreiben. Geben Sie ihm das Papier und Schreibzeug.«

»Gut so! Endlich ein vernünftiges Wort!«, grinste Bruce Kellock in finsterer Genugtuung. »Leach, Tinte und Feder! Schnell!«

Der Vormann öffnete seine Satteltasche. In Jones’ schnurrbärtigem Gesicht arbeitete es. Schwerfällig kletterte er vom Wagenbock. Die Blicke der Kellock Reiter waren nur auf ihn geheftet. Der Mann rechts von Kellock bemerkte zuerst, dass Jones’ Revolverholster plötzlich leer war. Er wollte einen Warnruf ausstoßen, da hatte Mary-Lou die Waffe, die sie unbemerkt ihrem Vater abgenommen hatte, bereits hochgeschwungen.

»Sie sehen, Kellock, wir brauchen Santanas Unterstützung wirklich nicht!«

Sie hielt den schwerkalibrigen Revolver mit beiden Händen und spannte den Hammer. Die Mündung zielte genau auf Bruce Kellocks Stirn. Die Hand des Großranchers öffnete sich und ließ die zusammengerollte Verkaufsurkunde ins zertrampelte Gras fallen.

»Verdammt! Mary-Lou, ich hätte Sie für klüger gehalten! Das wird Ihnen noch eine Menge Kummer einbringen!«

»Vorerst sind Dad und ich am Zuge!« Die Stimme des Mädchens war hell vor Entschlossenheit. »Weg mit den Colts! Ihr alle! Kellock, glauben Sie nur nicht, ich brächte es nicht fertig, Ihnen die Kugel in den Kopf zu schießen!«

»Mary-Lou, gut gemacht!«, schnaufte Jones. »Gib mir das Eisen, dann werde ich …«

»Bleib, wo du bist, Dad! Diese Sattelwölfe warten nur auf den geringsten Fehler von unserer Seite. Sie würden nicht zögern, uns beide erbarmungslos zusammenzuschießen.«

»Das können wir immer noch nachholen!«, murrte Kellock wütend.

»Ich warte, dass Sie meinen Befehl ausführen! Und ich warte nicht mehr lange!«

Kellock murmelte eine Verwünschung und ließ seinen Colt auf die Erde klatschen. Zögernd kamen seine vier Reiter dem Beispiel nach. Ihre Blicke hefteten sich fragend auf ihren Boss. Kellocks Fäuste krampften sich um die Zügel.

»Der Krieg ist da!«, knurrte er Jones und dessen Tochter an. »Erwartet keinen Pardon mehr von meiner Seite! Die tausend Dollar sind hinfällig! Jetzt bleibt nur noch die Kugel!« Er wendete seinen Gaul und zog ihm die Sporen über die Flanken. Das Tier jagte los.

Leach nickte seinen Gefährten zu, und in geschlossenem Rudel preschten sie hinter dem Großrancher her. Staub umhüllte den Wagen, auf dem Mary-Lou langsam die Waffe sinken ließ. Als er sich verzog, waren die Reiter bereits im zerklüfteten Gelände verschwunden.

Mary-Lou zitterte plötzlich am ganzen Körper. Der schnurrbärtige Rancher zog sie zu sich herab und schloss sie in seine Arme. Mit seiner schwieligen verarbeiteten Hand streichelte er behutsam ihr seidiges Haar. Seine Augen aber starrten brennend in die Richtung, wo die mächtige K-Star-Ranch wie ein gefährliches Ungeheuer meilenweit entfernt hinter den Hügeln lag.

 

 

5.

 

Chad Harbin kam von seinem Rundgang durch die nächtliche Stadt zurück, betrat sein Office und sah auf den ersten Blick, dass alles umsonst gewesen war. Deputy Sheriff Walt Drover stand mit erhobenen Armen an der fensterlosen Seitenwand. Im trüben Schein der Petroleumlampe wirkte sein sommersprossiges Gesicht krankhaft blass. Drei Schritte vor ihm verharrte geduckt ein Mann mit einem Revolver in der Faust. Seine linke Hand zog eben den Schlüsselbund vom Schreibtisch. Trotz der warmen Sommernacht hatte er einen Regenmantel umgehängt, der seine Kleidung bis zu den Stiefeln hinab verhüllte. Der Stetson war tief in die Stirn gerückt, die untere Gesichtshälfte von einem schwarzen Tuch verdeckt.

Ohne Drover aus den Augen zu lassen, knurrte er gedämpft unter dem Halstuch hervor: »Nur herein, Sheriff, und schließen Sie die Tür hinter sich zu! Keine Dummheiten, sonst ist Ihr netter Deputy ein toter Mann!«

Chads Hand war sofort auf den Kolben seines Colts gefallen. Jetzt nahm er sie mit einer zähflüssig wirkenden Bewegung zurück, trat über die Schwelle und warf hinter sich die Tür ins Schloss. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er sah Amarillo mit vor Spannung gestrafftem Gesicht an den Gitterstäben des Jails stehen.

Drover krächzte: »Keine Rücksicht auf mich, Chad! Alles ist meine Schuld! Hör zu, während du fort warst, bin ich eingenickt! Chad, Amigo, es tut mir furchtbar leid. Ich könnte mir den Schädel an der Wand einschlagen!«

»Warte damit ruhig, bis wir fort sind!« Das Grinsen war aus der Stimme des Vermummten herauszuhören. Die Schlüssel rasselten in seiner Linken, als er quer durchs Office zur Zelle ging. Die Coltmündung zielte immer noch auf Drover.

Der junge Deputy keuchte verzweifelt: »Chad, er ist nicht schnell genug, um uns beide zu erwischen. Ich weiß, wie fix du mit dem Eisen bist. Denk nicht an mich, Chad! Versuch es! Halt ihn auf, ehe er …«

»Selbstmordgedanken, was?«, murrte der Maskierte. »Ich hoffe, Sheriff, wenigstens in Ihrem Kopf ist noch ein Rest von Vernunft!«

Die durchs Halstuch verzerrte Stimme kam Chad eindringlich bekannt vor. Seine Gedanken jagten sich, während er wie festgenagelt am Fleck verharrte und jede Bewegung des Banditen mit funkelnden Augen verfolgte. Dieser Mann war kein Fremder. Er war entweder in Greenhill oder in der näheren Umgebung zu Hause. Er hatte genau den richtigen Zeitpunkt abgepasst, als Chad auf seinem Routinegang durch die dunkle Stadt unterwegs war. Er wusste zweifellos Bescheid.

»Amarillo«, fragte er mit verstellter Stimme, »werden Sie reiten können?«

»Um mich vor dem Galgen zu retten, werde ich sogar auf den Händen quer durch Colorado laufen!«, stieß der Gefangene heiser hervor. »Machen Sie voran, Mann!«

»Nur nicht die Nerven verlieren! Alles klappt wie am Schnürchen. In einer Stunde sind Sie längst in Sicherheit, Amarillo. Welcher Schlüssel?«

Er war vor der Zelle angelangt. Amarillo streckte die knochigen Hände durch das Gitter. »Geben Sie her!«

Er nahm dem Maskierten den scheppernden Schlüsselbund aus der Faust, suchte nur ein paar Sekunden und steckte dann von draußen einen langen, angerosteten Schlüssel ins Schloss. Das Kreischen war durchdringend. Im nächsten Moment schwang die Gittertür knarrend auf.

»Chad!«, schrie Drover wild auf. »Lass es nicht zu!«

Er stieß sich von der Wand ab und schnellte zum Schreibtisch, wo quer über Papierbögen und Munitionsschachteln der siebenschüssige Spencer-Karabiner lag. Wie Raubvogelkrallen schossen seine Hände nach vorn.

Der Maskierte feuerte sofort. Drover fiel über die Schreibtischplatte, krampfte jedoch wie gierig die Hände um das Gewehr. Es gelang ihm, sich von der Tischplatte weg zu stemmen und wieder auf die Füße zu kommen. Groß und verzerrt malte das Lampenlicht seinen schwankenden Schatten an die Bretterwand.

»Chad!«, ächzte er. »Deine Chance!« Chad Harbin war tiefer ins Office gesprungen und hatte seinen Fünfundvierziger aus dem Holster gerissen. Als er die Waffe auf den Verbrecher anschlug, spürte er gleichzeitig mit dem leisen Knarren der Officetür einen Luftzug im Genick. Jemand stürmte keuchend von hinten auf ihn zu. Chad drehte sich halb, sah einen zweiten vermummten Banditen mit hochgeschwungenem Gewehr auf sich zuschnellen und feuerte verzweifelt.

Da erwischte ihn bereits der niedersausende Stahl an der rechten Schulter und verriss seine Kugel. Der Schmerz war flammend und lähmte seine ganze rechte Körperseite. Gleichzeitig hörte er den zweiten Schuss des ersten Verbrechers krachen. Während er sich zähneknirschend anstrengte, den so plötzlich zentnerschwer wirkenden Revolver abermals in die Höhe zu bringen, füllte Walt Drovers dumpfer Aufschrei das Office.

Der Deputy ließ den Karabiner auf die Bodenbretter poltern. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine zitternden Hände tasteten verzweifelt nach Halt. Dann brach er zusammen, wischte ein paar Munitionsschachteln vom Schreibtisch und rollte bis zum Zellengitter hinüber. Eine Flut goldschimmernder Patronen ergoss sich über den Boden.

Chad sah wieder den schwingenden Gewehrlauf auf sich zukommen und duckte sich gerade noch rechtzeitig darunter weg. Schwerfällig ließ er sich einfach gegen den Angreifer fallen. Der Mann fluchte, verlor das Gleichgewicht und klammerte sich an ihm fest. So stürzten sie beide zu Boden. Chad merkte, wie die Kraft in seinen Arm zurückkehrte. Zorn und Verzweiflung erfüllten ihn mit wilder Energie.

Er drückte dem unter ihm liegenden Verbrecher die Revolvermündung gegen die Kehle und versuchte ihm die Maske vom Gesicht zu reißen. Der Mann rammte ihm das Knie in den Leib. Chad flog zurück. Dann war der skrupellose Revolverschütze zur Stelle und hieb ihm den Coltkolben schräg über den Kopf. Chad rollte kraftlos auf den Rücken.

Wie aus weiter Ferne hörte er eine wütende Stimme schnaufen: »Verwünscht, das war so laut, dass man es bis nach Denver hören konnte! Los, Amarillo, raus mit dir! Und dann nichts wie weg!« Stiefel polterten, die verstreuten Patronen auf den Brettern klirrten, dann wurde es schwarz vor Chad Harbins Augen. Er wusste von nichts mehr.

Als er erwachte, brannte die Flamme unter dem Lampenzylinder ganz ruhig. Sein Kopf schmerzte zum Zerspringen. Von einem dünnen Riss an der Schläfe war ihm das Blut in die Augenwinkel gesickert. Etliche Sekunden lag er benommen und völlig ausgepumpt auf dem Rücken. Dann streifte sein Blick die offene Zellentür, und da kam die Erinnerung wie ein Schwall eisigen Wassers. Alle Benommenheit war wie weggewischt. Er stemmte sich hoch. Sekundenlang war es wieder dunkel um ihn, er taumelte und musste sich am Zellengitter festhalten. Deputy Walt Drover lag nur zwei Schritte neben ihm. Die wächserne Blässe seines Gesichts versetzte Chad einen Schock.

Draußen auf der nächtlichen Main Street war das Durcheinander aufgeregter Stimmen. Hufe trappelten, Stiefel hämmerten auf den Gehsteigbohlen. Männer stürmten die Veranda herauf und rissen die Officetür auf. Chad beachtete sie nicht. Langsam ließ er sich bei Drover auf die Knie.

»Walt!«, raunte er kratzend. »Walt, alter Junge …«

Das matte Lampenlicht brach sich in den glasigen Augen des jungen Deputy. Chad verkrampfte die Fäuste. Er spürte das Pochen seines Herzens bis in die Kehle.

»Großer Himmel! Walt, Amigo …« Das wachsbleiche, erstarrte Gesicht verschwamm vor seinen Augen. Der Gedanke an die beiden maskierten Banditen, die Amarillo aus dem Jail befreit hatten, weckte ein mörderisches Brennen in ihm.

Stimmengewirr und Schrittescharren füllten jetzt das ganze Office. »Ein Doc!«, schrie jemand schrill. »Verdammt noch mal, so holt doch den Doc!«

Chad erhob sich steif. »Sinnlos!«, murmelte er tonlos. »Er ist tot!«

Sporengeklirr kam durch die hin und her wogende Menge auf ihn zu. Bruce Kellock bahnte sich mit seinen breiten Schultern ungeduldig einen Weg. Er starrte betroffen auf den toten Deputy hinab.

»Höllenfeuer! Da sind wir zu spät gekommen! Meine halbe Crew sitzt draußen im Sattel, um das zu verhindern, was …« Er schüttelte grimmig den Kopf. »Ich habe es doch geahnt! Hank Jones hat keinen Zweifel an seinen Absichten gelassen!«

»Jones?« Chads Kopf ruckte hoch. Kellock starrte ihm hart in die Augen. »Zweifeln Sie etwa daran? Harbin, Sie wissen doch hoffentlich jetzt, was Ihre Pflicht ist! Und wenn Sie mich noch so wenig mögen – bei der Jagd nach Amarillo und dem Mörder werden Sie sich felsenfest auf mich und meine Männer verlassen können. Der Mond ist aufgegangen. Es ist hell genug, um eine Spur verfolgen zu können.«

Chad bückte sich nach seinem Revolver, steckte ihn ins Hoster und sagte kein Wort. Stille breitete sich im Office aus. Alle Blicke richteten sich auf ihn. Und in das Schweigen fielen Kellocks nächste Worte schwer wie Hammerschläge: »Sie können auch den Stern ablegen, Harbin! Dann reiten meine Cowboys und ich allein!«

Chad warf einen letzten Blick auf Walt Drover. Seine Miene versteinerte sich. »Ich bin bereit, Kellock!«

Ruckartig setzte er sich in Bewegung. Eine Gasse öffnete sich vor ihm, als er mit langen Schritten zur Tür steuerte. Sporenklirrend, die buschigen Brauen grimmig gefurcht, folgte ihm Bruce Kellock dicht auf den Fersen.

 

 

6.

 

Mitten in der Nacht schreckte Mary-Lou aus dem Schlaf. Bleiches Mondlicht füllte das kleine Zimmer. Durchs halboffene Fenster wehte dumpfes Grollen über die Hügel, das sich der Ranch am Turkey Creek immer mehr näherte – das Geräusch vieler eiliger Pferdehufe. Mary-Lou schlüpfte aus dem Bett und zog hastig ihr leichtes Sommerkleid an. Der Korridor vor der Tür lag in pech-schwarzer Finsternis.

»Dad!«, rief Mary-Lou gedämpft. »Dad!«

Keine Antwort! Unaufhaltsam dröhnten die Hufe aus der Mondnacht heran. Mary-Lou lief den Korridor entlang. Die Haustür war nicht verriegelt, nur angelehnt. Das Gehämmer der vielen Hufe verschluckte das leise Geräusch, als sie diese vollends öffnete und ins Freie huschte. Heiße Besorgnis malte sich auf ihrem schmalen Gesicht. Über die strauchbesäumten Hügel kam mit dem anschwellenden Donnern der Hufe eine Gefahr heran, die sie nur ahnen konnte.

Hank Jones stand neben dem lehmummauerten Ziehbrunnen mitten im Mondschein auf dem Ranchhof. Er hielt ein Gewehr in der Armbeuge und spähte wachsam in die Richtung, aus der die Reiter jeden Augenblick aus den Schatten auftauchen musste. Mary-Lou lief zu ihm.

»Dad! Was ist geschehen?«

Der Klang ihrer hellen Stimme riss ihn herum.

»Zurück ins Haus! Schnell, Mary-Lou!« Schweiß perlte auf seiner Stirn, harte Linien hatten sich um seinen Mund gegraben. In seinen Augen brannte es.

Mary-Lou blieb stehen. »Dad, um Himmels willen, ich verstehe nicht, was …«

Das Hufgetrappel hatte den Rand der Hügel erreicht. Dort, wo die Korrals am Ufer des Turkey Creeks endeten, tauchte die Kavalkade als kompakte schwarze Masse auf. Gleich darauf flogen auf dem Ranchhof vom Mondlicht versilberte Staubbällchen unter den Pferdehufen. Groteske Schatten wanderten daneben her. Eine Front von Gewehr- und Revolverläufen blinkte. Jones keuchte wieder: »Ins Haus, Mädel!«

Doch Mary stand, die Hände vor der Brust verkrampft, wie festgenagelt. Die üppige Flut ihres dunklen Haares umrahmte ihr angespanntes Gesicht. Ihre Augen waren ganz groß. Eine harte Stimme drang durch das Heranpochen der Hufe: »Jones, ein einziger Schuss aus deiner Knarre – und du wirst den Sonnenaufgang nicht mehr erleben! Ich warne nur einmal!«

»Kellock!«, brummte der schnurrbärtige Kleinrancher grimmig. »Wenn du aufs Ganze gehst, werde ich mich bis zum letzten Atemzug wehren!«

Die Reiter schwärmten aus, verteilten sich zwischen den Nebengebäuden, die Hufschläge kamen zum Verstummen. Neben Kellocks massiger Gestalt erschien ein anderer Reiter, bei dessen Anblick Mary-Lou zusammenfuhr. »Chad!« Sie wollte zu ihm laufen.

Er hob schnell eine Hand. Sie sah den silbernen Glanz eines Revolverlaufes und verharrte wie gelähmt. Mit heiserer Stimme sagte Chad Harbin: »Es tut mir leid, Hank. Du hast mir keine andere Wahl gelassen!«

Jones’ Miene wurde ausdruckslos. »Du und Kellocks Partner?«

»Du weißt am besten, wie die Dinge liegen, Hank!«, erwiderte Chad heftig. »Ich bin nicht als Kellocks Freund hier, sondern als Sheriff dieses Countys. Dass Kellock und seine Reiter mir ihre Hilfe angeboten haben, ist ganz in Ordnung.«

»Findest du? Nun gut, mach es kurz, Chad! Was wollt ihr?«

»Amarillo! Gib ihn heraus!«

»Ich weiß nicht, was du meinst!«

»Sei vernünftig, Hank!«, drängte Chad heiser. Jeder Nerv in ihm war zum Zerreißen gespannt. Er fühlte förmlich Mary-Lous Blicke auf seiner Haut brennen. Er liebte sie. Aber der Stern, den er an seiner ärmellosen Weste trug, zwang ihn, ihrem Vater als unerbittlicher Gegner gegenüberzutreten. Er redete schnell weiter: »Du weißt, dass ich mich gut aufs Spurenlesen verstehe, Hank. Die Fährte war ganz deutlich. Amarillo wurde auf dem kürzesten Weg hierhergebracht. Gib ihn heraus, Hank, und ich will versuchen, das Beste für dich noch daraus zu machen. Mary-Lous wegen!«

»Nimm den Namen meiner Tochter nicht mehr in den Mund, Sheriff!«, grollte ihn Jones an. »Verschwinde! Und nimm diese wilde Meute mit, ehe ich die Geduld verliere!«

»Du hast dir verteufelt große Stiefel angezogen, Jones!«, lächelte ihn Bruce Kellock finster an. »Harbin versucht es immer noch auf die sanfte Tour. Erwarte das nicht von mir. Ich gebe dir genau zehn Sekunden. Wenn wir dann Amarillo nicht haben, wirst du …«

»Überlassen Sie das mir!«, unterbrach ihn Chad scharf. »Hank, ich warte!«

»Chad!«, rief da Mary-Lou wieder. »Es muss ein Irrtum sein. Dad war nicht in der Stadt. Er hat nicht …«

»Sei still, Mädel!«, knurrte Jones. »Es ist wirklich besser, du ziehst dich ins Haus zurück! Ich werde mit diesen Burschen schon fertig!«

Das Mädchen hörte nicht. Langsam, als koste ihr jeder Schritt Mühe, ging sie auf den Sheriff zu. Das Mondlicht zeichnete weich die Konturen ihrer Gestalt nach. »Chad, sag diesen Leuten, dass sie von hier verschwinden sollen. Kellock ist nicht der Mann, auf den du bauen solltest. Heute Nachmittag hat er versucht …«

Der scharfe Ruf eines Kellock-Reiters kam aus dem Schatten der breitästigen Sykomore, die zwischen Haupthaus und Scheune einen klobigen Schatten warf. »Boss, Sheriff! Seht euch an, was ich da gefunden habe!«

Er führte ein staubbedecktes Pferd an der Leine in die Helligkeit. Der linke Steigbügelriemen war mit Blutspuren bedeckt. Um das Sattelhorn war lose ein alter verwaschener Regenumhang geschlungen – genau wie ihn die vermummten Mörder im Sheriffs-Office getragen hatten. Dazu schwenkte der Cowboy ein schwarzes Halstuch in der freien Hand. Chads Haltung versteifte sich. Kellock flüsterte wild: »Jetzt bist du geliefert, Jones!«

Jones war herumgeruckt, sekundenlang stand blankes Erschrecken in seinen Augen. Mary-Lou ächzte: »Dad, mein Gott …« Da riss Hank Jones sein Gewehr hoch und sprang geradewegs auf Kellock und Sheriff Harbin los.

Kellock wollte sofort schießen. Chad drückte ihm den Arm nach unten.

»Hank, Schluss damit!«, brüllte er verzweifelt und stieß seinen eigenen Fünfundvierziger über den Pferdehals vor. Der Schuss dröhnte.

Das Gewehr wurde Jones aus den Fäusten geprellt. Chad seufzte vor Erleichterung, dass seine Kugel trotz der Hast das richtige Ziel gefunden hatte. Jones fluchte und wollte sich sofort nach der Waffe bücken.

Ein dünnes Pfeifen war in der Luft, und schon legte sich eine Lassoschlinge um Jones’ Oberkörper, presste ihm die Arme an den Leib und riss ihn aus dem Gleichgewicht. Staub wolkte hoch. Emmet Leach, der Kellock-Ranch-Vormann, lachte wild, schlang das Lassoende um den Sattelknauf und lenkte seinen Gaul zur Seite, sodass Jones vom Ziehbrunnen weg über den Hof geschleift wurde.

»Verdammtes Lumpenpack!«, krächzte da eine wütende Stimme vom dunklen Küchenanbau her. »Schätze, da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden!« Die dünne Brettertür flog knallend auf, und der alte kleine Shorty Ridler, der auf Jones’ Ranch die Stelle des Kochs und einzigen Cowboys versah, stürzte heraus.

In seinem verrunzelten Gesicht zuckte es nur so. Er hatte sich in aller Hast angekleidet und keine Zeit mehr gefunden, das buntkarierte Baumwollhemd in die Hose zu schieben. Die breiten, vielfach geflickten Hosenträger baumelten lose herab. In den knotigen Fäusten schwang er eine schwere doppelläufige Parker-Schrotflinte, die im Vergleich zu seiner kleinen krummbeinigen Gestalt doppelt wuchtig wirkte.

»Shorty!«, keuchte Jones durch den quirlenden Staub. »Mary-Lou – bring das Mädel in Sicherheit!«

Der kleine alte Cowboy rannte mit flatterndem Hemd und rutschender Hose quer über den Hof. In seinen kleinen Augen sprühte es vor Aufgeregtheit. »Ihr Höllensöhne! Nennt ihr das fair, ein Dutzend Kerle gegen einen einzelnen Mann? Fällt euch nichts Besseres zum Zeitvertreib ein? Verdammt und zugenäht, wird Zeit, dass meine gute alte Freundin Jenny Parker mal ein Wörtchen mit euch redet, ihr …« Er verstummte und blieb ruckartig stehen, als sein Blick auf Chad fiel.

»Heiliger Rauch! Seh ich richtig, oder brauchen meine entzündeten Adleraugen tatsächlich schon eine Brille? Der Sheriff? Harbin, Mann, was …«

Er kam nicht weiter. Ein Kellock-Reiter hatte unbemerkt sein Pferd hinter ihn getrieben. Mary-Lous schriller Warnschrei kam zu spät. Gnadenlos sauste der Winchesterlauf auf Shorty Ridler herab. Der kleine Weidereiter sackte lautlos zusammen. Die Mehrzahl der Kellock-Leute war inzwischen abgesessen, hatte einen dichten Ring um Jones gebildet und den Kleinrancher, den die Lassoschlinge noch immer an jeder Bewegung hinderte, auf die Beine gestellt.

Mary-Lou drängte sich zu ihm. Auf Kellocks Wink hielt sie ein kräftiger Cowboy fest. Verzweifelt versuchte das Mädchen, im Gesicht ihres Vaters zu lesen. Jones vermied es, ihrem Blick zu begegnen. Kellock baute sich breitbeinig vor ihm auf.

»Wird Zeit, dass du redest, Freundchen!«

»Fahr zur Hölle, du Lump!«

Kellock holte zum Schlag aus. Da war Chad zur Stelle und hielt ihn fest. »Hank! Leugnen hat keinen Sinn mehr. Amarillo ist hier. Hank, als er befreit wurde, hat man meinen Deputy erbarmungslos zusammengeschossen. Er ist tot. Wenn du wenigstens einen Teil gutmachen willst, dann …«

»Tot?«, krächzte Jones und wurde aschfahl. »Drover tot? Chad, um Himmels willen, damit habe ich nichts zu tun!«

»Wer hat ihn dann herausgeholt?«, fauchte ihn Kellock höhnisch an. »Amarillo hat nur einen Freund in dieser Gegend. Dich!«

»Nein!«, schnaufte Jones. »Nein, Chad, ich habe es nicht getan. Er ist allein hier aufgetaucht. Völlig am Ende seiner Kräfte. Er murmelte etwas von zwei Maskenreitern, aber …«

»Wo ist er?«

Jones senkte den Kopf, presste die Lippen hart zusammen und schwieg.

»Hank, es ist die einzige Möglichkeit, dich aus der Schlinge zu ziehen!«

Jones sagte nichts. Chad seufzte: »Durchsucht die Gebäude, Leute!«

»Nein!«, brummte Kellock sofort. »Wir haben genug Zeit verloren. Jungs, steckt die ganze Burg hier in Brand, dann wird dieser Hundesohn Amarillo schon aus dem Bau kriechen. Verlasst euch darauf!«

Jones’ Blick flammte über das eckige Gesicht des K-Star-Ranchers. »Dreckskerl!«

»Du brauchst nur die Klappe aufzumachen!«, sagte Kellock grimmig.

Jones versuchte das Lasso abzustreifen, aber Leach und noch ein paar kräftige Cowboys der K-Star-Ranch hielten ihn mit eisernen Fäusten am Fleck. Chad sagte schnell: »Ich trage den Stern. Die Kommandos gebe hier ich. Kellock, Sie gehen zu weit …«

»Ich gehe noch viel weiter!«, flüsterte Kellock wild und richtete plötzlich seine Revolvermündung gegen Chads Bauch. »Von Ihrer dämlichen Rücksicht gegen diesen Banditen wird mir fast schon schlecht! Jetzt bringe ich die Sache auf meine Weise zu Ende, ob es Ihnen nun passt oder nicht!« Er gab den Cowboys hinter Chad einen herrischen Wink. Sie entrissen dem Sheriff die Waffe.

»Den Richter möchte ich sehen, der mich verurteilt, weil ich mit einem hartgesottenen Verbrecher auf die richtige Tour umgesprungen bin!«, sagte Kellock hart. »Los, Jungs, ich will das Feuer sehen!«

Vier Cowboys lösten sich aus dem Ring, verteilten sich im Haupthaus, dem Stall und der Scheune. »In fünf Minuten brennt hier alles lichterloh!«, sagte Kellock mit einer Stimme, die Chad erschauern ließ.

Der Druck von Emmet Leachs Coltmündung zwischen seinen Schulterblättern hinderte ihn daran, noch etwas zu unternehmen. Er konnte den Anblick von Mary-Lous verzweifelter Miene kaum noch ertragen.

»Dad!«, flüsterte das Mädchen mühsam. »Willst du nicht …«

»Sei ruhig, mein Kind!«, murmelte Jones tonlos. »Ich kenne Kellock! Er ist so oder so nicht aufzuhalten. Du weißt, wie wenig Amarillo ihn im Grunde interessiert. Er ist nur ein Alibi für ihn. – Nein, Kellock, du Schuft, du wartest umsonst! Ich liefere dir Amarillo nicht aus!«

Aus den Fenstern des balkengezimmerten Ranchhauses zuckte plötzlich roter Feuerschein. Mary-Lou schrie leise auf. Dann war es totenstill auf der Ranch. Nun leuchtete es auch drüben beim Stall und bei der Scheune. Ein Knistern und Prasseln setzte ein, das von Sekunde zu Sekunde lauter wurde. Rauchgeruch breitete sich aus. Die ersten dunklen Schwaden verdunkelten das Silberlicht des Vollmondes.

»Aufgepasst, Männer!«, befahl Kellock. »Wenn ihr nur die Nasenspitze von Amarillo seht, dann schießt, was das Zeug hält!«

»Elende Halunken!«, knirschte Jones. »Kellock, du Lump, deine Rechnung geht nicht auf!«

Kellock starrte zu den Häusern hinüber, aus deren Fenstern und Türen jetzt grelle Lohen schlugen. Gierig fraßen sich die Flammen über das zundertrockene Holz voran. Funken rieselten, Ascheteilchen wirbelten, von der erhitzten Luft mitgerissen, über den ganzen Ranchhof. Ein dumpfes Sausen entstand, und immer höher loderte das Feuer. Brennendes Gebälk krachte zusammen. Die Scheune hatte sich bereits in eine einzige riesige Fackel verwandelt. Das Dach des Ranchhauses begann langsam in der Mitte durchzubrechen. Blutroter flackernder Schein überflutete den Hof und verwandelte die Gesichter der Männer in unheimliche Masken.

Die Cowboys hatten sich mit schussbereiten Waffen im weiten Kreis aufgestellt, wachsam, lauernd, sprungbereit wie Wölfe.

Alles raue Burschen, die besser mit dem Colt als mit Lasso und Brenneisen umzugehen verstanden – Männer, die für den hohen Lohn, den ihnen Bruce Kellock zahlte, bedingungslos jeden Befehl ihres Bosses ausführten. Sie warteten vergeblich! Weit und breit war nichts von Amarillo zu sehen und zu hören!

Kellock starrte wieder Jones an, und dieses wilde, verzweifelte Lächeln spielte noch immer um dessen Lippen. Da schlug ihm Kellock links und rechts mit voller Wucht die Faust ins Gesicht. Jones wäre gefallen, wenn ihn Kellocks Leute nicht mit stählernem Griff gehalten hätten. Er sagte kein Wort.

Kellock atmete tief durch. »Schafft ihn zur Sykomore! Setzt ihn auf einen Gaul und legt ihm einen Strick um den Hals!

Die Revolver-Cowboys stießen ihren Gefangenen sofort vorwärts. »Nein!«, gellte Mary-Lous Schrei. »Das nicht! Lasst ihn in Ruhe!«

Sie wollte hinter ihrem Vater her stürzen. Ein Kellock-Mann drückte ihr so brutal die Arme auf den Rücken, dass sie sich zusammenkrümmte. Sie stöhnte, nach Atem ringend: »Chad, hilf ihm! Lass das nicht zu!«

Leach flüsterte an Chads Ohr: »Du brauchst nur eine falsche Bewegung zu machen, Harbin, dann fährst du dem Satan mitten in den Rachen! Das verspreche ich dir!« Chad kannte diesen flachshaarigen knochigen Vormann gut genug, um zu wissen, wie ernst er es meinte. Kellocks Schießer waren schlimm genug, aber Leach war am schlimmsten. Ein Mann, der nur das Gesetz der Stärke und Gewalt anerkannte.

Jones wurde auf ein Pferd gezerrt. Man band ihm die Hände auf den Rücken. Er wehrte sich nicht mehr.

Kellock kommandierte: »Slim, nimm du den Gaul. Jesse, du kümmerst dich um das Lasso.« Die Schlinge baumelte gleich darauf von einem dicken Sykomorenast. Der Cowboy Slim führte das Pferd des Gefangenen unter den Baum. Die Schlinge schaukelte dicht vor Jones Gesicht.

Kellock schaute aus engen Augen zu dem Gefesselten hinauf. »Dir bleibt nur noch verdammt wenig Zeit. Also?«

»Bring es zu Ende, Kellock, und sei verflucht dafür!«, murmelte Jones tonlos.

»Jesse, streif ihm das Seil über!«

Mary-Lou schrie verzweifelt: »Dad! Er wird dich ermorden, Dad! Gib es auf! Sage ihm, wo er Amarillo finden kann! Dad, du darfst nicht sterben!« Sie wehrte sich wild gegen den Griff des Kellock-Cowboys, trat und zerrte und versuchte den Mann zu beißen, doch der stand wie ein Felsklotz.

»Es hat keinen Sinn!«, sagte Jones laut und fest. »Ich würde nur erreichen, dass Amarillo neben mir hängen würde. Kellock will mich ermorden. Deshalb ist er gekommen, Mary-Lou.«

Das Mädchen erschlaffte. Tränen liefen über Mary-Lous Wangen. »Oh, Dad …«

»Kellock!«, schrie Chad. »Das ist glatter Mord! Dafür werde ich Sie an den Galgen bringen!«

»Den mächtigsten Mann im County?«, fragte Bruce Kellock spöttisch. »Darauf bin ich gespannt! Jones, du willst nicht reden? Nun gut! Slim, lass den Klepper los!«

Slim wich vom Pferd zurück. Sofort drängte das unruhige Tier einen Schritt vorwärts. Die Schlinge zog sich um Jones’ Hals zusammen. Der Gefesselte, musste den Oberkörper nach hinten neigen, um überhaupt noch Luft zu bekommen.

»Nein!«, zitterte Mary-Lous gellender Schrei durch das Prasseln und Tosen des Brandes. »Nein, nein! Dad … Dad …«

Chad vergaß die tödliche Gefahr von Emmet Leachs Revolver. Wie ein Panther wirbelte er herum und riss beide Fäuste in die Höhe. Leachs Augen waren zur blutig beleuchteten Sykomore gerichtet. Das war Chads Chance. Mit verzweifelter Wildheit schlug er zu. Leach ging zu Boden. Sein Schuss jagte zum Nachthimmel empor. Chad trat ihm die Waffe aus der Faust und wollte sich danach bücken. Ein Kellock-Mann, der noch im Sattel saß, sprengte von der Seite her auf ihn zu. Ehe sich Chad wieder aufrichten konnte, rammte ihn die Pferdeschulter und schleuderte ihn der Länge nach in den Sand.

Vom Sattel aus sprang ihm der Cowboy auf den Rücken und drückte ihn mit seinem Gewicht nieder. Chad wollte sich herumwälzen, da wurde ihm der kalte Stahl einer Revolvermündung ins Genick gepresst. Gleichzeitig sah er, dass Bruce Kellock seinen Hut vom Kopf riss und damit wuchtig auf die Hinterhand von Jones’ Pferd einschlug.

Chad schloss die Augen. Mary-Lous Entsetzensschrei war so durchdringend und schrecklich, dass ihn Chad nie mehr vergessen würde. Als er die Augen aufschlug, war alles still bis auf das gleichbleibende Knistern und Knacken des Brandes. Der Revolver wurde ihm vom Nacken genommen. Niemand hinderte ihn daran aufzustehen.

Der Kellock-Cowboy hatte Mary-Lou losgelassen. Sie war auf die Knie gesunken, ihr Kopf herabgefallen. Die Flut ihres dunklen Haares verdeckte ihr Gesicht. Chad starrte zur Sykomore, und da sah er Mary-Lous Vater wie ein großes Stoffbündel am Seil hin und her schaukeln. Der verzerrte Schatten wanderte unheimlich auf dem purpurn angestrahlten Sand.

»Jesse«, hörte er Kellock mit immer noch ungerührter Stimme sagen, »mein Pferd! Wir haben hier nichts mehr verloren!«

Da stürzte Chad einfach vorwärts, geradewegs auf den verbrecherischen Großrancher zu. »Kellock, Sie verdammter Mörder!«

Zwei, drei Cowboys sprangen ihm in den Weg. Chad fegte einen mit einem schmetternden Fausthieb zu Boden. Die Fäuste der anderen trafen ihn voller Wucht. Von hinten wurde ihm ein harter Gegenstand zwischen die Schulterblätter geschlagen. Er stürzte.

Als er keuchend wieder auf die Füße kam, saßen Kellock und seine Männer bereits in den Sätteln. Emmet Leach hatte seinen Gaul dicht neben Chad gelenkt. Sein Colt zielte genau auf den Kopf des Sheriffs.

»Boss«, sagte er dabei mit schmalen Lippen, »ist es nicht besser, er kommt nie mehr nach Greenhill zurück? Jones hat ihn umgebracht, das ist doch ganz einfach.«

»Lass nur!«, winkte Kellock ab. »Jones genügt. Harbin ist keine Gefahr. Ein einzelner Mann gegen die K-Star-Ranch? Das gibt es nicht! Er tut gut daran, alles zu vergessen. Haben Sie verstanden, Sheriff? Wir sind als Ihre Helfer hierher geritten. Sie hatten die Führung. Wir handelten auf Ihren Befehl. Jeder einzelne Mann aus meiner Crew wird das vor Gericht beschwören, wenn Sie es wirklich darauf anlegen sollten. Aber für so dumm halte ich Sie nun doch wieder nicht.«

Chads Gesicht war grau. »Es wird dir noch leidtun, Mörder!«, flüsterte er heiser.

Kellock lachte hart. »Wir haben einem Sheriff geholfen und einen Verbrecher bestraft. Alles ist in bester Ordnung.« Er winkte seinen Reitern zu. Sie wollten ihre Pferde vom Ranchhof treiben.

Da stand plötzlich Mary-Lou vor den halb niedergebrannten Gebäuden, und die gierig züngelnden Flammen verstärkten noch den Schmerz und die Wildheit in ihren Augen. »Kellock!«, schrie sie.

Der Großrancher starrte sie düster an. »Verschwinden Sie so schnell wie möglich aus dem Land. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe.«

Mary-Lou zitterte am ganzen Körper. Ihre schmalen Hände waren zu kleinen Fäusten geballt. »Mörder!«, schrie sie ihn verzweifelt an. »Verfluchter Verbrecher! Wenn ich eine Waffe zur Hand hätte, würde ich Sie, ohne zu zögern, vom Pferd schießen!«

»Nehmen Sie den Mund nicht zu voll! Seien Sie froh, dass Sie eine Frau sind und deshalb noch leben!«, knurrte Kellock. Links und rechts ritten sie staub aufwirbelnd an dem Mädchen vorbei.

Mary-Lou drehte sich und schaute Kellock flammend nach.

»Triumphieren Sie nicht zu früh!«, schrie sie mit wilder Stimme. »Sie haben Dad ermordet, um diese Ranch zu bekommen. Aber das Jones-Land wird Ihnen kein Glück bringen, Sie Verbrecher! Sie haben mich am Leben gelassen, und das wird Ihr Verhängnis! Wie groß und mächtig Sie sich auch fühlen, Kellock – ich werde Dad rächen! Jawohl, das schwöre ich! Wenn Sie mich wiedertreffen, werde ich Ihr Leben fordern! Ihr Leben!«

Fluchend gab Kellock seinem Gaul die Sporen. Dicht geschlossen sprengte die Kavalkade vom Hof, über den Turkey Creek und in den Schatten der strauchbewachsenen Hügel hinein. Mary-Lous Schultern waren eingesunken. Am Ende ihrer Kräfte, ging sie zur Sykomore hinüber. Der kleine alte Shorty Ridler hatte sein Bewusstsein wiedererlangt, kein unnützes Wort verloren und den Ermordeten vom Ast geschnitten.

Die Gebäude hatten sich in glühende Trümmerhaufen verwandelt. Die Flammen sanken herab, und Schatten breiteten sich allmählich wieder unter dem breitästigen Baum aus. Mary-Lou und Shorty kauerten stumm neben dem Toten.

Erst als Chad Harbin zaghaft näherkam, zuckte Mary-Lous Kopf herum. Das unheimliche Glitzern in ihren Augen ließ ihn stocken.

»Was willst du noch?« Ihre Stimme war leise, tonlos.

Er schluckte, suchte nach Worten. »Mary-Lou, es …«

»Geh mir aus den Augen, Chad!«, stieß sie hervor.

»Mary-Lou, du darfst nicht denken, dass …«

Sie erhob sich mit einem Ruck. »Shorty, dein Gewehr!«

Der alte Ridler zögerte, starrte auf seine schwere doppelläufige Schrotflinte hinab und murmelte unsicher: »Mary-Lou, ich weiß nicht, ob das…«

»Das Gewehr!«, wiederholte sie mit einer Stimme, die Chad völlig fremd vorkam. Ridler gab ihr die Waffe. Sie spannte beide Hähne und richtete die Doppelmündung auf den Sheriff.

»Du hast sie hierher geführt. Du hast Kellock zu deinem Helfer gemacht. Jetzt ist Dad tot. Die Vergangenheit ist für mich ausgelöscht, Chad Harbin. Vergiss ganz schnell, was einmal zwischen uns war. Ich habe Kellock Rache geschworen. Ich werde diesen Schwur halten. Und dann, Chad, wenn ich mit Kellock fertig bin, wäre es besser für dich, du hättest das Greenhill-County weit hinter dich gebracht!«

»Um Himmels willen, Mary-Lou, sei nicht zu vorschnell. Ich verstehe, wie dir zumute ist. Aber …«

»Ich brauche dein Verständnis nicht! Verschwinde jetzt! Ich gebe dir zehn Sekunden, dann drücke ich ab!«

Chad starrte sie betroffen an. Er fühlte sich plötzlich zerschlagen und wie ausgebrannt.

Langsam, mühevoll drehte er sich ab und ging zum Creekufer, wo die Kellock-Mannschaft sein Pferd zurückgelassen hatte. Mary-Lou behielt die Parker-Gun im Anschlag, bis sich Chad in den Sattel geschwungen und seinen Gaul in die dunklen Hügel hineingetrieben hatte. Dann erst reichte sie Ridler die Flinte zurück.

»Hol die Pferde aus dem Korral. Wir reiten.«

»Wohin?«

»In die Berge. Wir nehmen Dad mit.« Ihre Stimme war ausdruckslos. Shorty setzte sich krummbeinig in Bewegung. Plötzlich stockte er. »Mary-Lou! Da ruft jemand!«

Sie hatte die seltsam gedämpfte Stimme ebenfalls gehört. Ein Zucken lief über ihr Gesicht. Schon setzte sie sich in Bewegung.

»Der Brunnen! Mein Gott! Sie haben den Brunnen vergessen!«

Shorty beugte sich neben ihr über die Lehmmauer des Ziehbrunnens. Unten in der pechigen Finsternis war eine Bewegung. »Hank, hallo, Hank! Bist du es da oben?«

»Amarillo!«, krächzte der kleine alte Cowboy und griff sich an die Kehle.

Mary-Lou hatte bereits das Seil gepackt. Shorty griff nach dem Hebel der schweren Holzwinde. Sie zogen und zerrten angestrengt fast fünf Minuten, bis der Mann aus dem schwarzen Schacht auftauchte. Das Seil war ihm mehrmals um den Körper geschlungen. Seine langen Beine tropften vor Nässe. Er war völlig erschöpft, als sie ihn über die Brunnenmauer zogen, und ließ sich in den Sand sinken. Benommen starrte er auf die verkohlten Gebäude, zwischen denen nur noch spärliche Flammen geisterten.

»Ich verlor die Besinnung, als Hank mich da unten versteckte. Großer Himmel, was ist da nur passiert? Wo ist Hank?«

»Ermordet!«, sagte Mary-Lou dumpf und schaute dem lederhäutigen Desperado fest ins Gesicht.

Amarillo fuhr zusammen. »Er ist meinetwegen …? Nein, Himmel, sagen Sie, dass es nicht wahr ist!« Er wollte aufstehen, sank jedoch wieder matt gegen den Brunnenrand zurück.

Mary-Lou und Shorty starrten ihn an. »Nein!«, ächzte er. »Nein, das wollte ich nicht!«

Mary-Lou fragte tonlos: »Hat Dad Sie befreit? Hat er den Deputy erschossen?« Amarillo stöhnte: »Nein, nein! Zwei Fremde. Sie trugen Masken. Ich kannte sie nicht. Alles ging so schnell. Und ich war versessen darauf, frei zu sein. Der Galgen drohte mir doch. Sie nahmen mich mit. Ich wusste nicht, wohin es ging. Plötzlich hatten wir Hanks Ranch vor uns. Sie sagten mir, ich sollte zu ihm reiten, er würde mir helfen, machten kehrt und verschwanden in der Nacht. Ich tat es. Hank war wie vor den Kopf geschlagen. Er wusste nichts von meiner Befreiung. Er ist nicht der Mann, der sich eine Maske umbindet und skrupellos auf einen anderen schießt. Nein, nein, wenn ich dran denke, dass er …« Er sank plötzlich auf die Seite.

Shorty kniete hastig bei ihm nieder. »Bewusstlos. Was machen wir mit ihm?«

»Er war Dads Freund. Das allein zählt für mich. Wir nehmen ihn mit. Gegen Kellock brauchen wir jeden Verbündeten. Binde ihn auf ein Pferd, Shorty.«

Der kleine Weidereiter räusperte sich. »Du willst im Ernst gegen Kellock kämpfen? Gegen den mächtigsten Mann im County?«

»Wenn es sein muss, ganz allein!«, sagte Mary-Lou entschlossen. Da stand Shorty seufzend auf und holte die Pferde aus dem Korral.

 

 

7.

 

Schwarz und klobig ragten die bewaldeten Hänge der Elk Mountains vor ihnen auf. Die Felsgipfel glänzten fahl im Mondlicht.

Mary-Lou und Shorty ritten Bügel an Bügel, jeder führte ein weiteres Pferd an der Leine neben sich. Auf dem einen lag der tote Rancher in eine Wagenplane gehüllt, auf dem anderen kauerte Amarillo. Als sie bis auf eine halbe Meile an die Berge herangekommen waren, drang von rechts das scharfe Grollen vieler beschlagener Hufe zu ihnen herüber. Aus einer finsteren Geländefalte brach ein Reiterpulk in die bleiche Helligkeit der Mondnacht. Anfeuerndes Geschrei schallte. Mit ihren Hüten schlugen die vordersten Reiter auf ihre Gäule ein, um sie zu noch härterem Tempo anzutreiben.

»Kellocks Banditen!«, krächzte Shorty Ridler und drückte seine schwere Flinte fester an sich. »Sie wollen auch noch Amarillo, dieses Mörderpack. Sie haben nur darauf gewartet, dass wir ihn von der Ranch schleppen!«

»Die Sporen, nimm die Sporen, Shorty!«, schrie ihm Mary-Lou zu und duckte sich tiefer auf den Pferdehals. »Sie wollen uns den Weg abschneiden!«

Das Reiterrudel fegte über das Grasland, genau auf die Linie zu, die Mary-Lou und der Oldtimer überschreiten mussten, um in die Berge zu gelangen. Das Dröhnen der vielen Hufe weckte donnernde Echos an den steilen Hängen. Das Mädchen und der alte Cowboy ritten wie von Furien gehetzt. Mündungslichter lohten aus dem Reiterpulk.

»Schneller, Shorty! Schneller!«, schrie Mary-Lou, und ihre Augen brannten sich förmlich an den dunklen Hängen fest, wo sich Wald und Felsen vermischten und ausreichende Deckung versprachen.

Die Hufe der Gäule schienen kaum noch den Boden zu berühren. Vereinzelte Buschgruppen flogen wie Spukgestalten vorbei. Shorty ächzte: »Oh, Höllenfeuer, sie sind vor uns da! Sie haben die kürzere Strecke!«

»Nicht aufgeben! Weiter, weiter! Shorty, denk an Dad!«

Wie festgeschmolzen kauerte das Mädchen im Sattel. Ihr langes Haar flatterte. Shorty keuchte eine Verwünschung um die andere. Die Kellock-Leute trieben ihre Tiere mit gnadenloser Wildheit an. Immer häufiger bellten die Revolver. Erdklumpen und Grasbüschel wirbelten nahe bei den Fliehenden in die Höhe. Es sah aus, als jagten die beiden verschiedenen Gruppen in so genau abgestimmten Tempo rechtwinkelig aufeinander zu, dass die nächsten Minuten einen mörderischen Zusammenprall bringen mussten.

Amarillo hatte mühsam den Kopf gehoben. Im Mondlicht wirkte sein hageres Gesicht noch eingefallener. »Brecht zur Seite! Lasst mich zurück! Ich werde sie aufhalten!«

»Keinen Unsinn! Sie kommen mit uns!«

»Es ist eure einzige Chance!«

»Nein!«, stieß Mary-Lou schneidend hervor. »Kellock wird keinen einzigen Gegner mehr in seine Klauen bekommen. Eher kämpfen wir hier alle bis zum letzten Atemzug!«

Amarillo starrte das Mädchen groß an. Die Feinde waren nun schon so nahe, dass ihre Revolverkugeln links und rechts an den Flüchtenden vorbeijaulten. »Shorty!«, schrie das Mädchen. »Deine Flinte!«

Der Oldtimer lenkte sein rasend dahinfegendes Pferd nach Indianerart mit den Schenkeln. Er schwang die klobige Flinte, die im Gegensatz zu seiner Figur wie ein Riesenspielzeug wirkte, an die Schulter. Eine Revolverkugel hieb ihm den verbeulten Stetson ins Genick, wo er an der Windschnur hängen blieb. Dann brach schon der Feuerstoß mit donnerndem Knall aus der Parker-Gun.

»Ein schöner Gruß von meiner Freundin Jenny!«, schrie Shorty mit überkippender Stimme den Kellock-Reitern zu und schwenkte kriegerisch die Flinte über dem Kopf. Sein kleines rundes Gesicht war in unzählige Runzeln zersprungen.

Details

Seiten
753
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929973
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493157
Schlagworte
recht blei

Autoren

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Titel: Das Recht wird mit Blei geschrieben