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Todesflug 726

2019 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Todesflug 726

Copyright

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Todesflug 726

Roman von Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Der Tod des Kioskbesitzers Ed Zoplowski bringt Jim Sherman scheinbar aus dem Gleichgewicht. Er beschließt, einen alten Freund aus Vietnameinsätzen aufzusuchen, stellt aber rasch fest, dass hier eine Sache völlig aus den Fugen geraten ist. Scheinbar hat sein Freund Mike für Jim Butler gearbeitet, der Mexikaner über die Grenze schleust und ausbeutet. Jim Sherman wird in eine Sache verwickelt, die nur tödlich ausgehen kann, denn Butler kennt keine Hemmungen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

In ihren Augen war Abschied. Ein Abschied jener Art, wie ihn Mike Spooks bisher nur aus miesen Filmen kannte.

In diesem Moment wäre er sogar zu einem Mord fähig gewesen, aber da trat Butler durch die Tür ins Schlafzimmer und schob sich zwischen die beiden Kampfhähne.

Seine Kleidung war nur schludrig geordnet, verriet jedoch auch jetzt den Stil ihres Trägers. Jim Butler war nur einen halben Kopf größer als Spooks, aber er wog mindestens zwanzig Kilo mehr. Breit wie ein Schrank, sonnenbankgebräunt und mit Goldkettchen um den nicht mehr faltenfreien Hals, verkörperte er perfekt das Klischee des erfolgsverwöhnten Lebemannes. Dass Lisa auf ihn hereingefallen war …

„Rühr mich nicht an, Spooks“, sagte Butler leise. Seine Augen leuchteten höhnisch. „Sie hat ihre Wahl getroffen. Sie kommt mit mir. Wenn du brav bist, lässt sie dir das Haus und ich dir deine Existenz. Wenn nicht …“ Er ließ die Konsequenz unausgesprochen.

Mike Spooks kannte sie auch so. „Ich sollte dich töten“, fauchte er hasserfüllt. Sein Blick irrte zu der Frau, die er – das stellte sich jetzt heraus – nie gekannt hatte. Seine Gefühle prallten an ihr ab wie Regentropfen von einer Wachsschicht. „Ich sollte euch töten!“

Butler lachte, nicht im mindesten beeindruckt oder irritiert. „Dazu bist du ein zu großer Schlappschwanz. Deine guten Tage sind vorbei. Die Hölle hat dich gefressen, und was sie wieder ausgespuckt hat, ist kläglich.“ Er lachte und wandte ihm ungeniert den Rücken zu, um Lisa den Weg zur Tür freizuhalten. „Ich weiß es. Sie hat es mir erzählt. Mehr als einmal. Ein Schlappschwanz, Spooks. Du hast nie erkannt, welche Klasse diese Frau besitzt. Sie ist nicht geschaffen für das Hundeleben, das du ihr bieten kannst.“

Sie schoben sich nacheinander durch die Tür nach draußen.

Spooks starrte ihnen nach. Ihre Körper schienen von der Türöffnung aufgesogen zu werden, während Spooks’ Nervenenden in Säure badeten.

Ich sollte sie umbringen, wiederholte sich der verführerische Gedanke. Sein Blick irrte zur Kommodenschublade, hinter der er seinen Revolver wusste. Geladen und eingewickelt in ein Leinentuch.

Er hörte ihre Schritte auf dem Flur sich der Haustür nähern.

Ich sollte sie umbringen! Ich sollte es wirklich tun!

Zitternd setzte er sich in Bewegung.

 

 

2

Ein Jahr später.

Das Licht war erloschen, pünktlich wie immer. Jetzt kroch die Kälte der Nacht bis in die schmutzigen Holzbaracken und ließ die Männer auf ihren harten Pritschen frieren. Draußen heulten Bluthunde den Mond an. Ab und zu knirschten Schritte einer Patrouille über die Kieswege.

„Wir werden betrogen“, jammerte eine Stimme aus der Dunkelheit. Sie klang verbittert, von Strapazen gekennzeichnet. „Wir werden gehalten wie Schwerverbrecher!“

„Sie sagen, zu unserer eigenen Sicherheit.“

„Pah!“

Immer mehr Stimmen schalteten sich ein.

„Gestern ist Almirez verschwunden – weiß jemand, wohin?“

Niemand wusste es. Aber sie wussten, dass er nicht der erste und vermutlich auch nicht der letzte war, der einfach aus dem Lager verschwand.

„Er hat sich mit Sandman angelegt“, wusste einer zu berichten.

„Niemand sollte das tun.“

„Nein, niemand!“

Eine Weile herrschte Schweigen. Irgend jemand furzte. Zwei, drei andere fluchten.

„Niemand von uns hat es sich so vorgestellt – seien wir doch ehrlich!“ Es war die Stimme, die den Disput eröffnet hatte, und die nun erneut das Wort ergriff. Sie klang energischer, unbändiger als die anderen. „Wir sollten es uns nicht gefallen lassen. Wir sind viele!“

„Aber sie haben Waffen!“

„Wenn wir sie überrumpeln würden …“

Niemandem schien die Idee zu behagen. Die Reaktionen waren zurückhaltend.

„Vielleicht sollten wir ihnen vertrauen?“

„Vertrauen? Sie haben uns den letzten Peso abgeknöpft – und wofür? Wir schuften bis zum Umfallen – fast täglich bei einer anderen Baustelle. Und was bekommen wir dafür?“

Jeder wusste, dass er recht hatte. Aber die Angst schien größer. Der Wortführer redete die ganze Nacht auf sie ein. Im Morgengrauen hatte er eine Handvoll auf seiner Seite, die entschlossen waren, es zu riskieren.

In der fahlen Blässe des beginnenden Tages überwanden sie die verschlossene Barackentür und schlichen zwischen den anderen Gebäuden auf jenen Trakt zu, in dem sie ihre Peiniger wussten.

Dort brannte das Licht die ganze Nacht durch, auch jetzt noch.

Sie warteten den nächsten Patrouillengang ab, bei dem sich die Wachstube leerte. Ihr Plan war, Waffen und Geiseln in ihren Besitz zu bringen, um eine Rückführung in ihre Heimat zu erzwingen. An die Mühen, die es sie gekostet hatte, von dort wegzukommen, dachte in diesen Minuten keiner von ihnen. Sie waren monatelang durch mehr als eine Hölle gegangen. Die, die sich um den Anführer der kleinen Gruppe geschart hatten, konnte nicht einmal die mögliche Vergeltung schrecken, die sie erwartete.

Die Brutalität, der sie begegneten, traf sie dann aber doch unvorbereitet. Die erste Stufe ihres Vorhabens funktionierte noch erstaunlich reibungslos. Was daran lag, dass die Wachstation völlig verwaist war, als sie eintrafen. Die Sorglosigkeit ihrer Wächter schien groß. Selbst die Waffenschränke waren unverschlossen. Die erhofften Kaliber fanden sie jedoch nicht darin. Nur ein paar kleinere Faustfeuerwaffen.

Als draußen Alarm geschlagen wurde – jemand hatte die offene Barackentür bemerkt , wurde ihnen zu spät klar, dass sie in der Falle saßen.

Einer von ihnen geriet in Panik und jagte ein paar Kugeln aus dem Fenster auf die herannahenden Gestalten, die erst daran erkannten, wo sich die Ausbrecher befanden. Ihre Antwort war rigoros. Von allen Seiten eröffneten sie das Feuer aus Schnellfeuerwaffen mit ungeheurer Durchschlagskraft.

 

 

3

„Ed ist tot“, sagte Jim Sherman, als er die Wohnung seines Freundes und Shotguns an der Culebra Avenue betrat. Der blonde Texaner trug verwaschene Blue Jeans, ein kurzärmeliges, kariertes Hemd und Turnschuhe. Dazu den obligatorischen beigefarbenen Stetson und eine Sonnenbrille. Den Blick der lichtblauen Augen dahinter vermochte Bob Washburn, der kraushaarige, dunkelhäutige Hüne und andere Part des „Thunder“-Teams nicht zu erkennen. Jim behielt die Brille auf wie einen Schild. Nur am Klang seiner Stimme war zu erkennen, dass die schlichte Aussage die Spitze eines Eisbergs war. Sie hatten Ed Zoplowski, den Inhaber der einzigartigen Imbiss- und Kioskverflechtung im Citykern von San Antonio, zu eng gekannt, um unberührt zu bleiben.

„Was genau ist passiert – und wann?“ Washburn zeigte in Richtung Wohnzimmer, aber Jim verneinte kopfschüttelnd. Instinktiv erkannte sein Partner, dass er in Aufbruchstimmung war. „Was hast du vor?“, fügte Bob hinzu.

Jim beantwortete die letzte Frage zuerst. „Ein paar Tage abschalten. Raus aus dem Trott. Denkst du, das ist machbar?“

„Natürlich.“

Jeder von ihnen hatte schon mal seine „Auszeit“ genommen. Aus den unterschiedlichsten Gründen war es manchmal notwendig geworden. Es gab Momente, in denen selbst beste Freunde störten. Es gab das unausgesprochene Abkommen, dass in solchen Fällen keiner dem anderen Steine in den Weg legte.

„Er ist gestern Nacht zu Bett gegangen und heute früh einfach nicht mehr aufgewacht“, sagte Jim rau. „Ich wollte mir eine Zeitung holen, aber es war dicht. Als ich schon am Wegfahren war, kam Thelma mit einem Taxi, um ein Schild festzumachen. Wegen Trauerfall geschlossen. Von ihr weiß ich es.“

Thelma war Eds Frau. Beide hatten die Siebzig überschritten, was ihrem Elan aber nie einen Abbruch getan hatte. In späten Jahren hatten sie den Ehrgeiz entwickelt, einen florierenden Umschlagplatz stadtinterner Gerüchte aufzuziehen. Bessere Hamburger als im „Zoppo“, wie sich ihr Laden nannte, gab es nirgends sonst im Großraum San Antonio.

„Wie geht es ihr?“

„Wie schon?“

Bob nickte. „Willst du nicht reinkommen? Ich meine, richtig reinkommen.“ Er deutete erneut in Richtung Wohnzimmer. „Ich habe gerade Kaffee aufgebrüht. Ich bin allein. Wir können reden.“

„Danke. Aber genau das will ich im Moment nicht.“

„Verstehe. Bist du zur Beerdigung zurück?“

Jim zuckte mit den Schultern. „Vermutlich.“

„Wenn nicht, werde ich mit Thelma reden. Sie versteht es.“ Bob spürte, dass sein Freund etwas vor ihm verbarg. Vielleicht war es ihm nicht einmal selbst bewusst, aber es schien, als sei Eds Tod nicht alleinige Ursache seiner düsteren Gemütsverfassung.

„Das hoffe ich. Okay“, er machte auf dem Absatz kehrt und winkte Bob beim Hinausgehen zu, „man sieht sich. So long. Ich lass von mir hören.“

„Dir bleibt keine Wahl“, bekräftigte Bob „Sonst suche ich mir einen anderen. der mich erträgt.“

„Findest du nicht.“

„Stimmt.“

Eine ganze lange Nacht war er auf Achse. Dämmerung kam und ging und setzte erneut ein – wie die Gezeiten eines tiefschwarzen Meeres, dessen Gestade bis hinaus in den Weltraum reichten und das nur bei „Ebbe“ zeitweise aufklarte.

Zuvor hatte er eine kurze Rast bei einem Truckstop namens „Rudy’s Unknown Flying Object“ eingelegt, um sich einen Happen zu genehmigen. Das Gelände war mit allerhand futuristisch anmutenden Skulpturen und Bauten aufgepeppt gewesen. Als Jim in der Nähe des Restaurants in eine markierte Parkbucht einfädelte, hatte gerade der Fahrer eines gewaltigen Ford-Trucks dieselbe Idee.

Es war kurz nach Mitternacht, und die Silhouette des Cabover 9000 wuchs wie ein von Rudy beschrienes, zur Landung ansetzendes UFO aus der Dunkelheit. Die eigenen Scheinwerfer rissen die teuflische Kühlerfratze des Long-Haul-Modells aus der Schwärze, und Jim, tief in Gedanken, konnte gerade noch einen Ausweichschritt zur Seite machen, ehe auch schon das Texashorn des Giganten losbrüllte.

Jim wartete ab, bis der Ford-Fahrer sein Manöver abgeschlossen hatte und aus der Kabine geklettert kam.

„Das war haarscharf“, empfing ihn Jim, ohne jegliche Aggression. Er wusste, was es bedeutete, bei Nacht und fortschreitender Müdigkeit Meilen zu fressen. Das Band des Highways verlor sich schon bei Tageslicht scheinbar in der Unendlichkeit. In der Unwirklichkeit der Scheinwerfer war es oft, als würde man auf Schienen einen fremden Planeten erkunden. „Hey, kann ich dich auf einen Kaffee einladen?“

„Wer bist du?“

„Jim Sherman.“ Er wartete ab, ob der Trucker darauf reagierte, aber das schien nicht der Fall zu sein.

„Nie gehört.“

„Auch nicht schlimm. Was ist?“

„Okay.“ Der Fremde sicherte den Truck, der einen gewaltigen Auflieger hinter sich herschleppte. Jim erkannte Airbrush-Malereien, die hierher passten wie die berühmte Faust aufs Auge. Das Licht, das vom Restaurantbetrieb herüberfiel, riss nach und nach Sterngebilde, Planetensysteme, explodierende Sonnen, Pulsare und Spiralnebel aus dem schwarz lackierten Untergrund.

„Bist du Astronaut oder Trucker, Freund?“, fragte Jim, als sie zum Truckstop aufbrachen.

„Warum?“

Jim deutete hinter sich.

„Ach das …“ Mehr entlockte er ihm nicht.

Jim hatte noch keine Gelegenheit gefunden, seine Zufallsbekanntschaft näher zu mustern. Das holte er nach, als sie beide in die Helligkeit des Schnellrestaurants traten und sich einen Platz an der Fensterfront suchten. Es herrschte mäßiger Betrieb.

„Dein Name?“

„Bronx“, sagte der schlanke, baumlange Mann, dessen Hände, mit denen er die Speisekarte hielt, nicht aussahen, als übe er schon lange den Job eines Asphaltcowboys aus. Jim fragte nicht, ob es sich um den Vor- oder Nachnamen handelte. Er hatte selbst anderes im Sinn, als kopflastige Gespräche zu führen. Smalltalk konnte ihn etwas von seinem Schwermut ablenken. Mehr war dem Mann, der sich Bronx nannte, auch nicht zuzumuten.

Sein Aussehen erinnerte Jim an eine griechische Statue. Bronx hatte ein gut geschnittenes, schmales Gesicht mit ausgeprägter Nase und leicht in den Höhlen zurückversetzten, grauen Augen. Seine Lippen besaßen einen fast femininen Schwung, und seine Gesichtshaut hinterließ dadurch, dass sie ohne ausgeprägten Bartwuchs war, einen fast künstlichen Eindruck beim Betrachter.

Jim strich sich unwillkürlich über das eigene Kinn, an dem schon nach kürzester Frist harte Stoppeln störten.

Sie bestellten Kaffee. Bronx aß eine Kleinigkeit.

Ihre Unterhaltung wollte nicht richtig in Gang kommen, so dass Jim sich schon nach einer knappen halben Stunde empfahl und seine Fahrt fortsetzte.

Das letzte, was er von Bronx sah, ehe er erneut in die Finsternis eintauchte, war die aerodynamische Silhouette seines Ford-Trucks, der auf der Außenhaut eine Kopie des nächtlichen Firmaments, wie durch ein superstarkes Teleskop betrachtet, trug.

„Bronx“, murmelte Jim, als müsste er sich den Namen einprägen für die Zukunft. Dann gab er Gas.

Als die kleine Stadt am Ende der Asphaltschlange in der morgendlichen Wärme auftauchte, wusste Jim, was ihn an Eds Tod über die Tatsache hinaus, dass er einen unersetzlichen Verlust markierte, noch gestört hatte, was ihn innerlich aufwühlte, ohne dass er es hatte beim Namen nennen können. Jetzt, da er es wusste, ging es ihm keinen Deut besser.

OKASECK stand auf einem leicht im Wind schwankenden Holzschild, das lange vor Beginn der ersten geduckten Häuserfronten in den staubtrockenen Boden gerammt war. Nicht weit von hier lag die texanisch-mexikanische Grenze, und durch das offene Seitenfenster seines Ford Mustang glaubte Jim für einen flüchtigen Moment den Duft gebackener Tortillas hereinwehen zu riechen. Er wusste, dass es eine Illusion war, aber es lenkte ihn ab, und er merkte, dass er hungriger war als ein auf Diät gesetzter Schwarzbär während der Frühjahrsbrunft.

Ein Schmunzeln legte sich um seine Mundwinkel, als er an das Gesicht des Freundes dachte, das ihn gleich begrüßen würde – oder auch nicht.

Eher vielleicht nicht.

 

 

4

Weder telefonisch noch brieflich hatte er den Kontakt zu Mike oder dessen Frau herstellen können. Seit Monaten war die Verbindung unterbrochen, und das war länger als je zuvor an einem Stück. Mike Spooks, der Vietnam-Veteran, war auch ein Veteran auf dem Highway. Jim hatte ihn schon vor Bob gekannt. Eine Zeitlang hatten sie damals sogar zusammen gejobbt, bis ihnen klargeworden war, dass ihre Freundschaft dadurch in die Brüche gehen würde. Zu unterschiedlich waren ihre Auffassungen, wenn es um lukrative Aufträge gegangen war.

Ihnen hatte die gemeinsame Wellenlänge gefehlt, die Jims Freundschaft mit Bob das Prädikat des Besonderen verlieh. Spooks war jemand, der selten Fragen stellte, wenn er einmal größere Mengen Geld klimpern hörte. Darüber hinaus war er aber auch ein Kumpel, der sein Leben jederzeit für das eines Freundes weggeworfen hätte. Einer zum Pferdestehlen.

Seine Gratwanderung zwischen Legalität und dem genauen Gegenteil hatte Jim ihm nie austreiben können. Ihre Trennung war unvermeidlich gewesen, und seitdem stand nichts mehr zwischen ihnen. Sie statteten sich mehr oder weniger regelmäßig „Anstandsbesuche“ ab. Manchmal telefonierten sie auch so elend lange, dass eine ganze Heuer draufging. Die jetzige Unterbrechung aber, diese Pause über viele Monate, beunruhigte Jim stärker, als er es sich vordergründig eingestand. Gerade weil er wusste, was Spooks für eine rastlose Type war, immer für Überraschungen gut.

Seine Blitzhochzeit vor drei Jahren war auch eine solche gewesen. Jim hatte per CB-Rundruf mitten auf großer Fahrt davon erfahren, den nächsten Flughafen angesteuert und war dann mit Überschallgeschwindigkeit von einem Ende der Staaten zum anderen gejettet, um der Zeremonie beizuwohnen. Damals, in der Kirche, war er Lisa zum ersten Mal begegnet. Sie hatte ihn ein bisschen an Carla-Sue, seine Ex-Frau, erinnert. Weniger vom Äußeren als von ihrer Art, Unterhaltungen zu führen oder Tagesereignisse zu kommentieren.

Lisa war ein Glücksfall für Mike. Sie hatte ordnenden Einfluss auf sein bis dato chaotisches Leben ausgeübt. Da sie fast zwanzig Jahre jünger war, rechnete Jim insgeheim ständig mit seiner baldigen Berufung zum Patenonkel, was ihm nicht das Mindeste ausgemacht hätte.

Mike hatte vom Tellerwäscher bis zum Trucker bereits alle erdenklichen Berufe probiert. Vielleicht malochte er gerade sonstwo, und Lisa hatte Schichtdienst. Es gab harmlose Erklärungen für ihr Schweigen. Aber da war dieses Gefühl …

Jim lenkte den Ford an den ersten Häusern vorbei und versuchte, sich seinen letzten Besuch hier in Erinnerung zu rufen. Dabei fiel ihm auf, dass er Okaseck so gut wie überhaupt nicht kannte. Die paar Tage bei den Spooks hatte er ausschließlich in deren Haus oder in der weiteren Umgebung verbracht. Lisa hatte darauf gepocht, ein Picknick zu veranstalten und sich dabei ein paar landschaftliche Sehenswürdigkeiten zu kaltem Hähnchen und klebrig-süßen Donuts einzuverleiben.

Die Stadt sonnte sich schläfrig in den ersten Strahlen, die, durch die schmutzige Windschutzscheibe betrachtet, eine verniedlichende Aura über alles legte.

Jim fuhr bis zur Mitte der kleinen Stadt. Dort gabelte sich die Straße in drei Richtungen. Die Außenbezirke waren sternförmig angegliedert. Ganz am Ende der westlich verlaufenden Straße lag das unterkellerte, zweistöckige Holzhaus, das die Spooks bewohnten.

Jim parkte direkt neben dem verwilderten Vorgarten. Beim Anblick der vernachlässigten Pflanzen verstärkte sich sein Unbehagen. Er stiefelte über den schmalen Steilpfad auf die Wohnungstür zu und drückte den Finger auf die Türklingel. Zahllose winzige Beobachtungen fügten sich währenddessen zu einem Gesamtbild, das ihn zweifeln ließ, ob hier überhaupt noch eine Menschenseele wohnte.

Es war nichts Krasses darunter; keine eingeschlagenen Fensterscheiben, keine heruntergerissenen Vorhänge, keine gewaltsam geöffneten Türen. Es war die Summe an Kleinigkeiten. Bei seinem letzten Besuch hatte hier alles picobello ausgesehen – Lisas Handschrift.

Jim schüttelte beklommen den Kopf und betätigte erneut die Türklingel.

Konnte ein Haus so rapide altern und seinen Charme verlieren? Wo er hinblickte, hätte das Holz frische Farbe vertragen. Spinnennester tummelten sich zwischen den Bretterritzen; alles gammelte unübersehbar vor sich hin.

Aber auf dem Schild unter der Klingel stand immer noch Spooks House.

„Spukhaus.“

Jim lächelte dünn. Die Tür war verriegelt und gab keinen Millimeter nach. Er machte auf dem Absatz kehrt und nahm den von Gestrüpp zugewachsenen Pfad, der um das Haus herumführte. Auch die Hintertür war verschlossen. Jim hämmerte ein paarmal mit der Faust dagegen und rief nach Mike und Lisa. Als auch darauf keine Reaktion erfolgte, kehrte er zu seinem Wagen zurück. Ein letzter Blick streifte über das Anwesen. Das Garagentor war verschlossen, die Einfahrt leer. Vielleicht waren sie kurz weggefahren, vielleicht …

Jim lenkte den Wagen ins Zentrum des 5000-Seelen-Ortes zurück und stoppte vor einem Café mit Leuchtreklame. Fried Green Tomatoes, stand unter dem obskuren Namen des Etablissements, der auf „Green Flamingo“ lautete.

Jim hatte noch nie einen grünen Flamingo zu Gesicht bekommen, und er bezweifelte stark, dass es einen solchen überhaupt gab, es sei denn, der Besitzer des Cafés hatte einen entsprechend angestrichen. Als er dann den Wirt hinter dem Tresen entdeckte, begriff er, dass es auch einen solchen Keeper normalerweise nicht geben sollte. Nicht in einer Stadt, die, dem äußeren Erscheinungsbild zufolge, offenkundig zu den konservativeren Plätzen des Landes zählte.

„Na, Kleiner, so früh schon unternehmungslustig? Durst?“

Die etwas raue Stimme täuschte nicht darüber hinweg, dass Jim ein Vollweib vor sich hatte: fast so groß wie er selbst, Wespentaille, praller Busen, kupferrote Haarmähne, Rehaugen und eine „Berufskleidung“, die einen Zungenschnalzer entlocken konnte.

„Außer mir“, antwortete Jim, „scheint es nicht viele Unternehmungslustige in Okaseck zu geben. Da drängt sich die Frage auf: Wäre es nicht vernünftiger, den Laden erst später zu öffnen?“

„Vielleicht. Aber dann hätten wir zwei Hübschen uns nie kennengelernt, right?“

Er nickte verblüfft.

Sie lächelte. „Ich heiße übrigens Erin. Und du?“

„Jim.“

„Hunger, Jim?“

Sie fragte es mit einem Augenaufschlag, dass ihm ganz anders wurde. Er lauschte kurz in sich hinein und versicherte: „Wie ein Bär.“

„Dann setz dich auf den Hocker an den Tresen. Hier bist du richtig. Ich mag hungrige Männer. Bier, Whisky oder etwas Stärkeres?“

„Was wäre noch stärker?“

„Kaffee.“

„Lassen wir’s drauf ankommen.“ Jim rutschte auf einen der Barhocker und beobachtete, wie Erin sich durch eine Pendeltür in den angrenzenden Küchentrakt empfahl. Er hörte sie mit jemandem nicht gerade im Kaffeekränzchenton herumschreien; kurz darauf kehrte sie mit demselben Lächeln zurück, mit dem sie verschwunden war.

„Sorry, aber man muss so mit ihr reden. Eines ihrer Elternteile muss eine Schnecke gewesen sein. Seit ich sie großmütig eingestellt habe, übt sie sich in Zeitlupe. Wenn ich ihr nicht hin und wieder Dampf machen würde, bekämst du dein Frühstück in den späten Abendstunden, beim heiligen Patrick!“

Jim wusste immer noch nicht, von wem sie sprach. Er ging auch nicht näher darauf ein.

Erin machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen, die auf einem Podest unter dem Flaschenregal stand. Das Gerät gab nach der „Fütterung“ mit Pulver und Wasser alarmierende Geräusche von sich, die Erin aber nicht weiter in Unruhe zu versetzen schienen. Kurz darauf stellte sie die Glaskanne und einen vollen Becher vor Jim ab.

„Ein Blacky, tippe ich mal. Ohne Milch und Zucker.“

„Heiß, schwarz und stark“, lächelte er.

„Ein Genießer!“

Jim ahnte, in welcher Ecke das Gespräch enden würde, deshalb korrigierte er schnell den Kurs.

„Ich suche jemanden“, sagte er.

„Du hast ihn gefunden!“

Erin stellte sich genau ihm gegenüber, stützte die Ellenbogen auf die Theke und schob den Kopf so weit vor, dass sich das Dekolleté ihres Glitzerbustiers weiter öffnete, als es nötig gewesen wäre. Jim war auch so schon von ihren Vorzügen überzeugt. Dass sich sein Interesse dennoch deutlich in Grenzen hielt und das natürliche Verlangen eines jeden Mannes zügeln konnte, lag einfach an den Umständen. Zum einen waren es nicht die besten Zeiten für One-Night-Stands; zum anderen machte er sich Sorgen um Mike.

„Leider nicht“, sagte er und setzte den Kaffee an die Lippen. Das verschaffte ihm wieder etwas mehr Distanz, da Erin der Tasse auswich.

Als er absetzte, meinte er gepresst: „Du hast nicht zu viel versprochen.“

„Das tue ich nie.“

„Harter Stoff.“ Er blickte in die Tasse, in der etwas Teerähnliches schwamm. „Damit kann man Straßen pflastern.“

„Es bringt auf Touren.“

„Es bringt um“, erwiderte er, nippte aber erneut daran, was sie dazu brachte, ihm Bewunderung zu zollen.

„Ich wusste, was man dir zumuten kann. Du bist ein Kerl nach meinem Geschmack.“

„Freut mich.“ Jim lächelte offener. Er hatte die Sonnenbrille schon beim Betreten des Cafés abgezogen, weil man nie wusste, wo man landete, und er keinen Ärger provozieren wollte. Seine blauen Augen schienen Erin zu faszinieren. Sie selbst hatte grüne.

Fried Green Tomatoes, irrte ein Gedanke durch Jims Kopf. Sein Lächeln vertiefte sich, denn Erins Augen mit gegrillten Tomaten vergleichen zu wollen, war mehr als abwegig.

„Vielleicht kannst du mir helfen.“

„Jederzeit.“

„Ich sagte schon, ich suche jemanden. Einen alten Freund. Du müsstest ihn kennen. Er war einem guten Drink und schönen Frauen nie abgeneigt – obwohl ich ihm letzteres nach seiner Heirat nicht mehr unterstellen will …“

„Er lebt hier?“ Sie nahm ihre aufreizende Pose etwas zurück, was Jim insgesamt erleichterte.

„Sein Name ist Mike Spooks. Er und seine Frau haben ein Haus in der …“

„Austin Lane.“ Erin nickte.

Aus der Küche ertönte eine Glocke. Ehe Jim nachhaken konnte, wandte sich die Keeperin ab und verschwand durch die Tür. Als sie zurückkehrte, trug sie ein Tablett, auf dem ein Teller und ein Körbchen mit knusprigem Toastbrot standen. Der Teller selbst sah aus, als hätte jemand versucht, ein mehrgängiges Menü auf einmal unterzubringen. Jim entdeckte Rührei, gebratenen Speck, Würstchen, Leber und Blutwurst, Champignons und Tomaten …

„Full Irish Breakfast“, erklärte Erin und reichte ihm das Besteck.

„Du bist Irin?“

„Väterlicherseits. Meine Mutter ist vermutlich keine Schnecke.“

Jim grinste. „Wenn, dann höchstens eine Rennschnecke.“

Sie verstand den Seitenhieb. „Nein, keine Schnecke. Sie wurde in Texas geboren. Sie ist ein Yankee, wie du.“

„Was macht dich so sicher?“

„So etwas kann man nicht verbergen.“

„Warum auch?“

„Eben.“

Jim nahm Messer und Gabel und langte kräftig zu. „Kompliment an die Schnecke“, ritt er weiterhin auf Erins Entgleisung herum. „Schmeckt vorzüglich.“

Erin nickte. „Im Kochen hat Luisa den Bogen raus. Nur was Männer anbelangt, muss man ihr noch einiges bei bringen, was zum Überleben wichtig ist.“

„Eine besonders gute Meinung scheinst du von unserer aussterbenden Spezies ja nicht zu haben.“

„Es gibt überall Hurensöhne. Auch unter Frauen. Nur nennt man die anders.“

„Ich weiß. Man lässt die Söhne weg.“ Erin lachte hell. Dann brach sie unvermittelt ab, um von selbst auf Jims vorrangige Frage zurückzukommen. „Du und Spooks seid dicke Freunde?“ Ihr Unterton irritierte ihn.

„Ich kenne ihn seit mehr als zehn Jahren. Aber wir verlieren uns regelmäßig aus den Augen.“ Er stürzte den restlichen Tasseninhalt hinunter und goss nach.

„Du wirst heute Nacht kein Auge zutun“, sagte Erin rauchig. „Lass den Rest lieber stehen.“

Jim lächelte. „Wir sprachen von Freundschaften – von Mike Spooks. Du kennst ihn?“

„Er war ein paarmal hier“, kam es kurz angebunden.

„Allein?“

„Anfangs nicht. Da war dieses Biest bei ihm.“

„Biest?“

„Seine Frau.“

„Lisa“, murmelte Jim. „Ich kenne sie … aber nicht als Biest.“

„Dann kennst du sie nicht richtig.“ Erin zündete sich eine Zigarette an und bot Jim die Schachtel an. Er lehnte ab und zog seinen Tabakbeutel aus der Jacke. Geschickt drehte er sich einen Glimmstängel.

„Verstehe.“ Erin nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch gegen die Decke. „Du bist ein echter Selfmademan.“

„Wann war Mike das letzte Mal hier?“

„Ist schon eine Weile her.“

„Aber er lebt noch hier.“

„Wenn er noch nicht tot ist …“

Ihre Art Humor war gewöhnungsbedürftig. Jim nickte dennoch und schob den ziemlich leergeräumten Teller über den Tresen zurück.

„Satt geworden?“

„Platz für einen Nachtisch habe ich immer.“

„Was hättest du denn gern?“

„Informationen. Weißt du, wo ich Mike oder seine Frau finden kann?“

„Zu Hause?“ Es war kein Vorschlag. Es war eine Verlegenheitserklärung.

„Kalt. Eiskalt. Dort war ich schon – und ziemlich allein.“

„Bleib bei mir. Dann passiert dir das nicht so schnell wieder.“

„Bist du immer so schnell?“

„Was glaubst du, wo wir hier sind?“, fauchte Erin. „Am Popo der Welt, auch Arsch genannt. Wenn sich hier mal ein interessanter Typ blicken lässt, werd’ ich doch den Teufel tun und auf Heilige machen. Du und ich – wir beide sind erwachsen genug, um zu wissen, was zwei Menschen Spaß machen kann. Bist du anderer Ansicht?“

„Ich fürchte, ich ähnele da mehr deiner Küchenhilfe. Ich bin langsam, wenn es um diese Dinge geht, sehr langsam und sehr vorsichtig.“

„Dann entgeht dir eine Menge.“

„Nur, was nicht warten kann. Und darum ist es meistens nicht schade.“

„Auch eine Philosophie.“ Erin ging hinter dem Tresen auf Distanz. „Ich kann dir leider nicht weiterhelfen. Du musst andere fragen.“

Jim zuckte die Achseln. „Da kann man nichts machen. Was bin ich schuldig?“ Er deutete auf das, was er übriggelassen hatte.

„Fünf Dollar.“

Jim blätterte das Geld auf die Theke. Da er den Stetson im Auto gelassen hatte, tippte er sich zum Abschied nur gegen die Schläfe.

„Falls wir uns nicht wiedersehen …“

„Bleibst du länger?“

„Vielleicht.“

„Dann sehen wir uns wieder.“

„Was macht dich so sicher?“

Erin blieb ihm die Antwort schuldig.

Jim verließ das Café. Er trat hinaus auf die mäßig belebte Straße. Ein paar Kinder turnten auf der Motorhaube seines Wagens herum und erinnerten ihn daran, dass heute schulfreier Samstag war. Er verscheuchte sie und schlenderte die Mainstreet hinauf.

Vor einem kleinen Store machte er halt. Der Ladenbesitzer war ein grauhaariger, älterer und sehr freundlicher Mann. Das änderte sich unverzüglich, als Jim nach ein paar Abschweifungen zum Wetter und zum Sport auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen kam. Der Name Spooks änderte alles. Jim konnte die Jalousien, die herunterrasselten, förmlich sehen und hören. Durch nichts war der Storeinhaber dazu zu bewegen, seine veränderte Haltung zu erklären.

Das Fazit, das Jim aus dieser und drei weiteren, ähnlich verlaufenden Begegnungen zog, ließ wenig Zweifel daran, dass Mike Spooks es geschafft hatte, sich einen gewissen Ruf zu schaffen. An Menschen, die nichts mit ihm zu tun haben wollten, schien es nicht zu mangeln. Auch als Jim es geschickter anstellte und die Katze nicht gleich aus dem Sack ließ, hatte er kein Glück mehr.

Die Nachricht, dass der Fremde nach Mike und Lisa Spooks forschte, schien sich wie ein Lauffeuer hinter seinem Rücken verbreitet zu haben. Okaseck zeigte sein anderes Gesicht. Jim spürte offene Feindseligkeit, die ihm mit jeder vollen Umdrehung des großen Zeigers an seiner Uhr deutlicher entgegenschlug. Vergeblich suchte er nach einer Bleibe für die kommende Nacht. Die einzig ausgewiesene Pension der Stadt war, glaubte man der harthörigen Besitzerin, bis aufs letzte Bett ausgebucht.

So trudelte Jim am späten Nachmittag wieder dort ein, wohin er eigentlich nicht wieder hatte zurückkehren wollen.

Erin erwies sich erneut als verkappte Prophetin.

„Du siehst aus, als brauchtest du ein Bett“, säuselte sie. „Frag mich mal, ob ich eins frei habe.“

 

 

5

Als es läutete, rechnete Bob mit allem und nichts. Selbst eine Rückkehr Jims schloss er nicht aus. So war das manchmal mit kleinen Fluchten; manche scheiterten im Ansatz.

Aber es war ein anderer guter Freund, der vor seiner Tür stand.

„Hi“, rief Pat O’Neill und schob die alte Schirmmütze mit dem RTC-Wappen aus der gefurchten Stirn. „Störe ich?“, stellte er die Alibifrage, die Bob nicht ernst nahm, da Pat dem Menschenschlag angehörte, der gar nicht wusste, was „stören“ bedeutete. Manchmal konnte er richtig penetrant gesellig werden. „Eigentlich suche ich Jim, aber bei ihm machte keiner auf. Und sein Anrufbeantworter ist mir für eine Unterhaltung ein bisschen zu stereotyp.“

„Komm rein.“

Pat ließ sich nicht lange bitten. Bob erklärte ihm den Sachverhalt. Worauf der Chefmechaniker der Ryland Trucking Company, der dieses Unternehmen vor über 30 Jahren zusammen mit Luke Ryland, dem heutigen Trucker-King, gegründet hatte, sich in einen Sessel fallen ließ und voller Weltschmerz seufzte: „Immer wenn man die Jungspunde mal braucht, sind sie nicht da.“

„Ich bin da“, korrigierte ihn Bob. Pat griff sich ein herumliegendes Trucker-Magazin und begann, darin zu blättern. Ein listiger Ausdruck trat in seine Augen, und dann bewies er, dass er ureigene Auffassungen über den Tod und das ungewisse Danach vertrat, indem er spöttelte: „Ich habe dich noch nie auf einer Beerdigung erlebt. Trägst du eigentlich Schwarz?“

„Warum? Welcher Joke kommt jetzt?“

„Ich versuche mir nur gerade vorzustellen, wie das wohl aussieht.“

„Dir ist wohl gar nichts heilig? Dir zuliebe ziehe ich ein blütenweißes Hemd unter das kleine Schwarze. Orientiere dich einfach an einem dreieckigen Fleck, der genau in die Richtung weist, wo wir alle mal enden.“

„Fatalist!“ Das Thema schien Pat regelrecht zu erwärmen. Zumindest hätte das jemand glauben können, der ihn nicht so gut kannte wie Bob.

„Worüber wolltest du mit Jim sprechen? Vielleicht kann ich dir ja doch helfen. Wenn es um eine spezielle Fracht geht, die eure Company nicht bewältigen kann …“

Der stämmige Mann irischer Abstammung schüttelte das weißhaarige Haupt. Er zog die Mütze ab und spielte damit. „Es geht um Luke selbst.“

Die plötzliche Leichenbittermiene, die er aufsetzte, kam dann selbst für Bob überraschend.

„Himmel!“, platzte ihm der Kragen. „Warum sprecht ihr alle, wenn es Ryland betrifft, nur noch in einem Ton, als läge er bereits dort, wo Ed schon fest gebucht hat?!“

Pat wand sich in seinem Sessel. „Das verstehst du nicht.“

Als er ihn so dasitzen sah, fiel es Bob plötzlich wie Schuppen von den Augen. Denselben Ausdruck hatte er in Jims Blick bemerkt, ehe er weggefahren war. Den absolut identischen Ausdruck!

Verdammt, spielen plötzlich alle verrückt? Sehen sie den Trucker-King wirklich schon auf dem Familienfriedhof?

„Ihr habt ein ganz schönes Problem“, behauptete Bob knurrig. „Ryland steht vor einer Entscheidung, die ihm offenbar schwerfällt. Er weiß nicht, was ihn nach einer Operation, zu der ihm die Ärzte raten, erwartet. Die Bypass-Geschichte ist bestimmt nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber er macht auf mich nicht den Eindruck, als hätte er bereits aufgegeben. Er …“

„Genau das ist ja das Problem“, unterbrach ihn Pat. „Ich fürchte, er verkennt den Ernst der Lage völlig und nimmt die Warnung der Ärzte zu leicht. Ich habe schon mit Marilyn gesprochen. Sie bestätigt meine Befürchtung. Ich dachte …“

„… Jim könnte mal mit ihm reden?“

Pat nickte störrisch.

„Das tut er nicht“, versicherte Bob kategorisch. „Ich würde es an seiner Stelle auch nicht tun.“

„Aber …“

„Kein Aber. Es ist ganz allein Rylands Entscheidung. Wobei man seiner Frau sicher eine gewisse Einflussnahme nicht verdenken kann. Alle anderen …“

„Sollten schweigen?“

„Das muss jeder mit sich selbst abmachen. Möglich, dass Jim gerade damit beschäftigt ist.“

„Ich dachte, es ginge um diesen Ed.“

„Wer weiß das schon.“

„Manchmal“, knurrte Pat und schraubte sich aus dem Sessel, „wünschte ich, es hätte mich erwischt. Ich wäre bestimmt leichter ersetzbar.“

Bob begleitete ihn zur Tür und versuchte, ihm diesen Unsinn auszureden. Dabei wurde ihm bewusst, dass Pat es durchaus ernst meinte.

Er beschloss, ein Auge auf den alten Kämpen zu haben.

Kurz darauf erreichte ihn ein Anruf Jims aus Okaseck, in dem er ankündigte, noch mindestens einen Tag anzuhängen. Er klang nicht sehr optimistisch. Für alle Fälle hinterließ er eine Telefonnummer, unter der er in dringenden Fällen zu erreichen war.

Pats Besuch ließ Bob unerwähnt. Er ahnte, dass sein Partner anderes im Kopf hatte. Als er den Hörer auf die Gabel legte, wollte er die aufgeschlagene Trucker-Zeitschrift wegräumen, in der Pat während ihrer Unterhaltung herumgekritzelt hatte. Es handelte sich um eine Doppelseite für ein Preisausschreiben. Pat hatte den Coupon vollständig ausgefüllt.

Da er nichts Besseres zu tun hatte, schnitt Bob den Teilnahmeschein aus und steckte ihn in ein Kuvert, auf das er die angegebene Adresse schrieb. Er dachte sich wirklich nichts weiter dabei. Auch nicht, als er es beim nächsten Gang mit zum City-Postamt nahm.

Am wenigsten, dass er dadurch Luke Ryland, den Trucker-King, in akute Lebensgefahr bringen würde.

Aber das war eine andere Geschichte – oder würde vielmehr noch eine werden.

 

 

6

Jim lauschte dem Barbetrieb, der durch den Fußboden zu ihm heraufwisperte, als hätte jemand eine Membran als Zwischendecke verwendet. Wenn er sich konzentrierte, konnte er einzelne

Stimmen herausfiltern und ihrem Wortlaut folgen.

Erin hatte ihm dieses Zimmer zugewiesen – „Kammer“ wäre vermutlich die treffendere Bezeichnung gewesen. Jim bezweifelte, dass die rothaarige Erin einen regulären Übernachtungsservice betrieb. Aber er war noch nicht bereit, aufzugeben und zurückzukehren. Auch zur nächsten kleinen Stadt zu fahren, um dort nach einer geeigneten Herberge Ausschau zu halten, kam nicht in Frage. Für ein, zwei Nächte hätte er notfalls sogar in einem Indianer-Tipi ausgehalten.

Die Leuchtreklame auf dem Dach warf ihre Schatten ins Zimmer, obwohl es hinten hinaus zum Hof lag, nicht zur Straße.

Jim hatte die Arme hinter dem Nacken verschränkt und benutzte das monotone Ein und Aus der Lichter, um seine Gedanken auf Mike Spooks auszurichten. Aber sie flossen weiter und weiter, bis sie bei Luke Ryland, dem Trucker-King, anlangten. Nicht bei Ed Zoplowski, was auch eine Möglichkeit gewesen wäre.

Als es zaghaft klopfte, zerriss das Band.

Jim richtete sich halb im Bett auf, räusperte sich und rief: „Ja?“

Jemand drehte versuchsweise am Türknauf. Aber es war abgeschlossen. Jim stand auf, knipste das Licht an und öffnete die Tür.

Draußen war niemand mehr. Der Gang, der zur Treppe führte, war dunkel, aber es gab nichts, hinter dem sich jemand hätte verstecken können.

Jim schloss die Tür, löschte das Licht und trat ans Fenster. Als er Lust auf eine Zigarette bekam, drehte er sich eine und rauchte, auf der Fensterbank sitzend, den Blick in die Stille gerichtet, die außerhalb des Green Flamingo alle Bewegungen der Stadt eingefroren zu haben schien.

Der Überfall erfolgte so schnell und lautlos in seinem Ansatz, dass Jim zu geeigneten Gegenmaßnahmen keine Gelegenheit fand.

Wuchtig drängte der schwere Körper durch das Fenster herein und riss ihn mit sich auf den Boden!

Woher der Eindringling kam, war für Jim nicht erkennbar. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, nach einer Feuerleiter, einem Rankgerüst oder ähnlichem Ausschau zu halten.

Ein kurzer Ringkampf entspann sich. Jim kämpfte verbissen gegen die Attacke des Unbekannten. Erst sein raues Gelächter ließ ihn innehalten. Einem Moment der Stille folgte sein geharnischter Flucht.

„Du Irrer!“, stöhnte er und rollte sich unter dem massigen Körper hervor, der zappelnd und prustend liegenblieb. „Du hirnverbrannter Idiot!“

Sekunden später flammte Licht auf, und Jim sah seinen Verdacht bestätigt.

Am Boden lag der verschollen geglaubte Mike Spooks!

 

 

7

„Dien Bien Phu ist überall!“, gluckste der Betrunkene vom Boden aus. Er lachte kullernd wie eine Gerölllawine. Jim starrte auf ihn herab und suchte nach einer Erwiderung, die der Situation angemessen war. Er fand sie nicht.

Mike Spooks, 50, Vietnamveteran und Exzessiv-Genießer, bot ein Bild des Jammers. Seine Fahne erreichte Jim selbst auf Distanz und konfrontierte ihn mit den Gefahren des „Passiv-Rausches“ – einem von Wissenschaftlern bislang nur unzulänglich erforschten Phänomen (im Gegensatz zum Passiv-Rauchen), das vorzugsweise in Aufzugkabinen und anderen engen Räumlichkeiten auftritt, sollte man das Pech haben, mit einer Promille-Leiche eingesperrt zu werden.

„Dien Bien Phu“, wiederholte Jim fassungslos. „Was, zur Hölle, ist mit dir passiert?“

„Rasiert?“, echote Spooks und bemühte sich vergeblich, aufzustehen. Der Halt, dem er sich anvertraute, erwies sich als trügerisch. Die nachgebende Bettdecke verwandelte ihn endgültig in eine tragikomische Figur, als sie mit Schwung über ihn hinweg flatterte und er wieder unsanft auf seinen vier Buchstaben landete.

Jim erbarmte sich und half ihm auf die Beine. Spooks lallte und lachte im Wechsel.

Als Jim Anstalten machte, den Raum zu verlassen, trat solche Panik in seinen Blick, dass er für einen kompletten Satz lang fast nüchtern klang. „Wo willst du hin?“

„Medizin holen“, knurrte Jim und ließ sich auch von Mikes Verwandlung nicht aufhalten. Mit schnellen Bewegungen streifte er seine Jeans und ein Hemd über; auf Schuhe verzichtete er. Dann eilte er die Treppe hinunter und durch einen schmalen Gang nach vorn zur Bar, die um diese Zeit nur noch von einer Handvoll Unermüdlicher besucht war. Erin klebte gelangweilt am Tresen und machte keinen Hehl aus dem, was sie von der Redseligkeit eines besonders aufdringlichen Gastes hielt. Sie gähnte ihm gerade offen ins Gesicht, als sich Jim von der Verbindungstür aus bemerkbar machte. Sofort ließ sie ihren Verehrer im Stich.

„Danke“, sagte Jim.

„Was liegt an? Doch einsam? Ich kann noch nicht weg – du siehst ja …“

„Nur keine Hektik.“ Jim wollte sich ihre Freundlichkeit nicht verderben. „Könnte …“ Er zögerte. „Könnte ich noch eine Kanne Kaffee mit aufs Zimmer nehmen? Dieselbe Sorte wie heute morgen?“

Ihre Verblüffung war unübersehbar. „Willst du die Nacht stehend im Bett verbringen?“

Details

Seiten
110
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929966
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493155
Schlagworte
todesflug

Autor

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Titel: Todesflug 726