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Gib mir mein Kind zurück

2019 75 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gib mir mein Kind zurück

Copyright

Taxifahrt ins Glück

Gib mir mein Kind zurück

Heiße Haut unter Spaniens Sonne

Ein schrecklicher Irrtum

Wer wird denn Ostern weinen?

Gib mir mein Kind zurück

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 75 Taschenbuchseiten.

 

- Ausgerechnet auf der Fahrt zu ihrem Traummann hat Gundula eine Autopanne. In einem Taxi muss sie den restlichen Weg zurücklegen. Der Fahrer geht ihr gehörig auf die Nerven. Umso schlimmer, dass sie für seine Hilfe auch noch dankbar sein muss …

- Unter der Trennung ihrer Eltern leidet die kleine Hedi. Alle Versöhnungsversuche ihrer Freunde scheitern. Und eines Tages ist das Mädchen verschwunden. Ihr Vater hat den neuen Freund seiner Ex im Verdacht, doch der weiß von dieser angeblichen Freundschaft gar nichts …

- Ralf begreift seinen Kumpel Bodo nicht. Dieser hat überhaupt kein Auge für die halbnackten Girls am Strand. Ist er wirklich ein hoffnungsloser Fall?

- Vera heiratet den Mann, der ihr das Leben gerettet hat, obwohl sie einen Anderen liebt. Die Ehe entwickelt sich zu einer Tortur, aber sie glaubt, aus Dankbarkeit die Bürde auf sich nehmen zu müssen …

- Susi ist enttäuscht. Sie hatte sich doch einen richtigen und keinen Stoffhund gewünscht. Und dann sagt auch noch Opa seinen Besuch ab. Das wird bestimmt das traurigste Ostern ihres Lebens. Oder doch nicht?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Taxifahrt ins Glück

Gundula Berber drehte an der Sendereinstellung des Autoradios. Je tiefer sie in die Berge hineinfuhr, umso schlechter wurde der Empfang. Außerdem war da noch ein klapperndes Geräusch, das allmählich die Musik übertönte. Hoffentlich schaffte sie es noch bis Garmisch!

Gundula dachte an den Mann, der sie erwartete, und lächelte verträumt. Sie hatte voll in den Glückstopf gegriffen. Ottmar von Wernicke sah nicht nur blendend aus, war überaus charmant und weltgewandt, seine Bankkonten brauchten das Licht luxuriöser Restaurants nicht zu scheuen.

Nicht, dass die finanzielle Seite bei der Wahl ihres Zukünftigen eine entscheidende Rolle gespielt hätte, aber sie konnte doch nicht leugnen, dass es ihrem Selbstbewusstsein schmeichelte, derart von Ottmar umworben zu werden. Der unverblümte Neid ihrer Freundinnen bestärkte sie noch darin.

Es krachte in dem Lautsprecher. Gundula gab es auf und schaltete das Gerät aus.

Wie still es plötzlich war. Sie summte die letzte Melodie, die sie im Radio gehört hatte. 'Spanish Eyes'. Ottmar besaß nicht nur die Augen, sondern auch das Temperament eines Südländers. Ein Traummann!

Am Armaturenbrett leuchtete ein Lämpchen auf. Irgendetwas Unangenehmes hatte es zu bedeuten. Sie konnte sich einfach nicht merken, ob es mit dem Öl oder der Batterie zu tun hatte. Sie wusste nur, dass sie in solchen Fällen besser eine Werkstatt aufsuchte.

Das brauchte sie gar nicht erst zu versuchen, denn so spät am Abend wurde in keiner Reparaturwerkstatt mehr gearbeitet. Wenn sie Glück hatte, befand sich eine Tankstelle in der Nähe, die auch des Nachts geöffnet hatte. Sie musste es versuchen.

Der Versuch dauerte genau acht Minuten. Dann krachte es erneut. Diesmal aber nicht im Lautsprecher, sondern irgendwo unter der Motorhaube. Gundula wurde nach vorne geworfen und spürte den harten Druck des Lenkrads an ihrer Brust. Der Wagen bockte und rollte noch ein Stück weiter, bevor er endgültig stehenblieb.

Sie versuchte, den Motor erneut anzulassen, erweckte mit dem Zündschlüssel jedoch nur einen knurrenden Hund zum Leben. Deshalb gab sie es schleunigst auf, um den Schaden nicht noch zu vergrößern.

Ratlos seufzte sie. Was sollte sie nur tun? Sie musste unbedingt nach Garmisch. Sie besaß ja keine Möglichkeit, Ottmar über ihr Pech zu verständigen. Zum Glück war es ihr noch gelungen, den Wagen an den äußersten Fahrbahnrand zu lenken. Sie schaltete nun die Warnblinkanlage ein und hoffte darauf, von einer mitleidigen Seele aufgesammelt zu werden.

Tatsächlich brauchte sie nicht lange zu warten, bis die Lichtbalken zweier Halogenscheinwerfer das Dunkel der Nacht durchschnitten.

Gundula verließ eilig den Wagen, stellte sich ins Scheinwerferlicht und winkte heftig. Ein weißer Sportwagen rauschte heran. Er wurde von einer Frau mit kupferroter Löwenmähne gelenkt. Der Beifahrersitz war frei.

Wie ein Geschoss raste der Flitzer vorbei. Die Rothaarige wandte nur flüchtig den Kopf, ohne auch nur geringfügig das Tempo zu drosseln.

Na warte!, dachte Gundula wütend. Irgendwann brauchst auch du Hilfe. Hoffentlich komme ich dann gerade vorbei.

Sie wollte nicht länger auf der Straße stehen. Nach ihrer Karte konnte Oberau nicht mehr weit sein.

Gundula nahm ihren kleinen Handkoffer vom Rücksitz, schloss den Wagen ab und marschierte los. Sie hatte Glück. Abseits der Straße entdeckte sie nach wenigen Minuten ein Gehöft mit zum Teil erleuchteten Fenstern. Dort gab es bestimmt ein Telefon.

In Oberau meldete sich niemand. Doch ein Taxiunternehmer in Eschenlohe erklärte sich bereit, unverzüglich einen Wagen zu schicken.

Während der Wartezeit informierte sie einen Abschleppdienst, der ihr Fahrzeug von der Straße holen sollte. Es dauerte noch eine Viertelstunde, bis Gundula endlich in das Taxi steigen konnte. Ottmar würde schon ungeduldig warten.

"Nach Garmisch wollen Sie?", vergewisserte sich der Fahrer, während er ihr Köfferchen verstaute.

"Ich bin mit dem Wagen liegengeblieben. Nun fahren Sie doch schon endlich los! Ich verspäte mich ohnehin schon."

Gemächlich rollte der Wagen über den Ackerweg zur Straße zurück. Erst danach ging der Chauffeur auf Tempo.

"Sie haben wohl eine Verabredung?" Er suchte ihren Blick im Rückspiegel.

Gundula kuschelte sich in die Polster.

"Kennen Sie das Gasthaus 'Sonnenbichl'?", erkundigte sie sich.

Der Mann hinterm Steuer grinste.

"Gasthaus ist gut. Es ist eines der größten Hotels im ganzen Ort. Soll ich Sie dort absetzen?"

Gundula bejahte.

"Können Sie nicht schneller fahren?"

Er konnte. Gundula schloss entsetzt die Augen, als das Taxi wie eine Rakete davonschoss. Sie wagte nicht mehr, Einspruch zu erheben. Es hätte wohl auch keinen Zweck gehabt, denn es sah ganz so aus, als amüsierte sich der junge Fahrer über ihre Angst.

Als sich das Tempo endlich normalisierte, öffnete Gundula die Augen wieder. Im Spiegel sah sie das freche Grinsen des Mannes vor ihr. Draußen erkannte sie die angestrahlte Pfarrkirche von Garmisch. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie über eine Stunde Verspätung hatte. Hoffentlich hatte sie nicht dadurch Ottmars Stimmung verdorben. Sie freute sich schon so sehr auf das Wochenende mit ihm.

Der Wagen stoppte vor dem Hotel. Der Fahrer nannte den Preis.

Gundula zögerte.

"Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich hineinzubegleiten?", fragte sie. "Wir hatten uns vor dem Hotel verabredet. Wahrscheinlich verkürzt er sich die Wartezeit mit einem Glas in der Bar."

Der Chauffeur erklärte sich einverstanden, musste den Wagen aber zunächst auf dem Parkplatz abstellen, weil er nicht vor dem Hoteleingang stehenbleiben konnte.

Seite an Seite betraten sie die Halle. Der Fahrer trug Gundulas Köfferchen und fragte einen Boy nach der Bar.

Hier herrschte schon ziemlicher Betrieb. Die Hocker am Tresen waren restlos besetzt, und auch an den kleinen Tischen fanden sich nur noch wenige freie Plätze.

"Alles klar?", fragte der Fahrer und blickte sie mit seinen wasserblauen Augen unverschämt provozierend an.

"Nichts ist klar", zischte Gundula verhalten. "Er ist nicht da."

"Sind Sie sicher? Vielleicht liegt er schon unter irgendeinem Tisch, weil er sich von Ihnen versetzt glaubte."

"Was fällt Ihnen ein?", empörte sich Gundula. Dieser Mensch bildete sich wohl ein, eins von seinen Dorfmädchen vor sich zu haben. Bei denen konnte er seine groben Scherze anbringen. Sie sollte er gefälligst damit verschonen. Sie war schon sauer genug. "Herr von Wernicke weiß sich schließlich zu benehmen", fügte sie stolz hinzu.

Der Mann pfiff durch die Zähne.

"Donnerwetter! Er ist doch nicht etwa ein echter Graf?"

"Stahlindustrie", stellte Gundula richtig und ergänzte einige Nuancen sanfter: "Könnten Sie wohl mal nachfragen, ob er für mich eine Nachricht hinterlassen hat?"

"Stets gerne zu Ihren Diensten, Fürstin." Er bahnte sich einen Weg zum Tresen, und Gundula beobachtete, wie er ein paar Worte mit dem Mixer wechselte. Als er zu ihr zurückkehrte, erkannte sie an seiner überheblichen Miene, dass er nichts in Erfahrung bringen konnte.

"Es liegt keine Nachricht vor", berichtete er steif und beinahe triumphierend.

"Das ist ausgeschlossen", widersprach Gundula.

Diesmal versuchte sie selbst ihr Glück. Sie beschrieb dem Barmann Ottmar von Wernicke.

Jetzt erinnerte er sich.

"Trägt er einen Ring mit einem schwarzen Stein an der linken Hand?"

"Einen Melanit", bestätigte Gundula erfreut. "Ein besonders schönes Stück."

"Vor allem schön groß. Ja, der Herr saß dort an der Ecke und trank ein paar Gläser Champagner."

"Und dann?"

"Dann hat er gezahlt und ist gegangen."

"Gegangen? Wohin?"

"Das weiß ich nicht. Oder doch. Er sagte etwas vom Unglück in der Liebe, und dass er demnach mächtiges Glück im Spiel haben müsse."

"Sie meinen, er wollte zur Spielbank?"

"So habe ich das aufgefasst."

Gundula bedankte sich und wandte sich zerknirscht an den Taxifahrer.

Der wusste schon Bescheid.

"Also zum Casino. Das ist nicht weit von hier. Gleich am Marienplatz."

 

*

 

Gundula betrat zum ersten Mal in ihrem Leben ein Spielcasino. Bisher hatte sie derartige Einrichtungen für etwas Anrüchiges gehalten. Sie war überrascht, dort durchaus normale Zeitgenossen anzutreffen. Im Foyer blieb sie ratlos stehen und blickte den Chauffeur fragend an. Der schüttelte den Kopf.

"Da müssen Sie schon selbst hinein", entschied er. "Ich wette, an den Spieltischen sitzen hundert Männer, auf die die Beschreibung Ihres Freundes passt. Ich kann doch nicht jeden nach seinem Namen fragen."

"Wir könnten warten, bis er wieder herauskommt", schlug Gundula vor.

"Der Taxameter läuft", erinnerte der Mann an ihrer Seite. "Sie wollten nach Garmisch. Ich habe Sie hergebracht. Gehen Sie hinein und schauen Sie nach! Das wird billiger, als wenn wir stundenlang vergeblich warten. Vielleicht ist er schon wieder fortgegangen."

"Seien Sie nicht so ungefällig und kommen Sie bitte mit! Wie sieht das denn aus, wenn ich ohne Begleitung einen solchen Saal betrete?"

"Sehr hübsch", meinte der Fahrer und zog seinen Mund in die Breite. "Verdammt hübsch. Also gut, gehen wir. Vorher müssen wir uns aber dort drüben ausweisen."

"Ist das Vorschrift?", staunte Gundula.

"Aus gutem Grund."

Nachdem sie die Formalitäten hinter sich gebracht hatten, schlenderten sie durch den Spielsaal, in dem eine gedämpfte Atmosphäre herrschte.

Gundula schüttelte den Kopf.

"Ich sehe ihn nicht."

"Vielleicht in der Bar?"

Auch dort suchten sie vergebens. Ebenso wie im Automatensaal, in dem Gundula ihren Ottmar ohnehin nicht erwartet hatte. Sie kehrten zu den Roulettetischen zurück.

"Bestimmt hat er mächtig gewonnen", vermutete Gundula. "Kennen Sie die Spielregeln?"

Der Fahrer runzelte die Stirn.

"Sie wollen doch nicht etwa das Glück herausfordern?"

"Warum eigentlich nicht? Wenn ich schon einmal in einem Spielcasino bin, wäre es doch albern, es zu verlassen, ohne wenigstens den Versuch gewagt zu haben. Ich finde es hier furchtbar aufregend."

"Wie Sie meinen. Sie müssen sich an der Kasse Jetons einwechseln."

"Ach, seien Sie doch eben so nett." Sie holte zwei Hunderteuroscheine aus Ihrer Handtasche und gab sie dem Mann. Er kehrte wenig später mit zwei Händen voll Plastikchips zurück.

"Ich habe lauter Fünfer genommen", erklärte er. "Das ist der Mindesteinsatz."

An einem der Tische wurde gerade ein Stuhl frei. Gundula setzte auf die vierundzwanzig.

"Das ist meine Glückszahl", ließ sie ihren Begleiter wissen.

Sie hätte es besser Fortuna gesagt, denn die Glücksgöttin hatte offensichtlich keine Ahnung davon. Gundula verlor.

Das Häufchen Chips vor ihr schmolz dahin, aber da die mit Schmuck behangene Dame neben ihr einen Gewinn nach dem anderen einstrich, entschloss sie sich, von dieser Erfolgssträhne zu profitieren. Sie brauchte ja nur auf die gleichen Zahlen zu setzen.

Sie gab dem Fahrer drei weitere Hunderter und wurde ärgerlich, als dieser zum Aufbruch mahnte.

"Bilden Sie sich etwa ein, ich lasse denen zweihundert Euro? Die hole ich mir jetzt zurück."

Wie geplant, setzte sie wie ihre Nachbarin - und verlor alles.

"Sie bringen mir kein Glück, meine Liebe", gurrte die silberhaarige Dame lächelnd und schob bereits die nächsten Jetons über den Tisch.

Gundula konnte nicht mehr mithalten. Sie besaß nur noch etwas Kleingeld.

Sie erschrak. Sie musste ja noch das Taxi bezahlen. Schuldbewusst sah sie den Chauffeur an. "Sie nehmen doch hoffentlich auch Schecks?"

Es stellte sich heraus, dass sie ihr Scheckbuch gar nicht eingesteckt hatte. Was nun?

Nachdenklich betrachtete sie ihre goldene Armbanduhr.

"Ob man die hier beleiht?"

"Jetzt hören Sie aber auf!", entrüstete sich der Fahrer und packte sie energisch am Handgelenk, um sie an der Kasse vorbeizuziehen. "Das gute Stück hat Ihnen bestimmt Graf von Wernicke verehrt."

"Nein, sie stammt noch von meiner Lieblingstante. Ich löse sie selbstverständlich wieder ein. Ich muss doch wenigstens das Taxigeld zurückgewinnen."

Sie ließ sich ihre Idee nicht ausreden.

"Also geben Sie schon her!", forderte sie der Mann ärgerlich auf. "Frauen werden doch nur übers Ohr gehauen."

Man gab ihm Jetons im Werte von hundertfünfzig Euro. Gundula war enttäuscht über den niedrigen Betrag. Noch enttäuschter war sie, als der letzte Chip in den Besitz des Casinos zurückkehrte.

"Sie bekommen Ihr Geld", versicherte sie erregt. "Wir müssen nur meinen Bekannten finden. Herr von Wernicke erledigt das für mich."

"Und wo sollten wir nach Ihrer Meinung suchen?"

"In irgendeinem Lokal muss er ja sein", war Gundula sicher. "Sie kennen sich doch in Garmisch gut aus."

"Es kommen vermutlich nur die Bars der gehobenen Klasse in Frage", vermutete der Fahrer.

Das konnte Gundula nur bestätigen.

 

*

 

"Wie heißen Sie eigentlich?", erkundigte sie sich, als sie das dritte Lokal verließen, ohne Ottmar von Wernicke gefunden zu haben.

"Stefan."

"Und wie weiter?"

"Stefan Möller. Und Sie?"

"Gundula Berber. Ich verstehe einfach nicht, warum Ottmar nicht gewartet hat. Er kann sich doch denken, dass bei einer Fahrt von Kaufbeuren nach Garmisch auch einmal etwas Unvorhergesehenes eintreten kann."

"Vielleicht hatte er ebenfalls eine Panne?", zog Stefan Möller in Erwägung.

Gundula erinnerte ihn, dass Ottmar von Wernicke den vereinbarten Treffpunkt erreicht hatte.

"Von der ganzen Fragerei in den Lokalen klebt mir schon die Zunge am Gaumen", klagte sie.

"Ich bin ein sehr gedankenloser Chauffeur", bekannte Stefan Möller schuldbewusst. "Trinken wir ein Glas."

Gundula zögerte.

"Das müssen Sie mir aber auf die Rechnung setzen", verlangte sie schließlich.

Sie wählten ein Weinlokal der unteren Preisklasse. Hier spürten sie Gundulas Freund bestimmt nicht auf.

"Ich finde es nett hier", sagte Stefan Möller, während er die Weinkarte studierte.

Gundula gab ihm Recht. Verstohlen blickte sie auf die Uhr, doch ihr Handgelenk war leer. Jetzt wusste sie nicht einmal, wie spät es war.

Als die Schoppen auf dem Tisch standen, tranken sie sich zu.

"Auf ein glückliches Ende dieser Irrfahrt", meinte Stefan.

Gundula lächelte bekümmert. Von diesem Abend hatte sie sich eine Menge erhofft. Unbegreiflich, dass Ottmar einfach fortgefahren war, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Bestimmt hatte nur das Personal in der Hotelbar gewechselt, und nun hatte keiner Bescheid gewusst.

"Es ist elf Uhr vorbei", stellte der Chauffeur fest. "Der Wein ist nicht schlecht, nicht wahr? Ich mag ihn so herb. Man bekommt davon keinen schweren Kopf."

"Eigentlich dürften Sie ja gar keinen Alkohol trinken", fand Gundula.

"Haben Sie Angst, ich könnte nach diesem Glas nicht mehr fahrtüchtig sein?"

"Krimineller als im nüchternen Zustand werden Sie dann auch kaum fahren", mutmaßte Gundula. "Wer hat Ihnen den Führerschein verkauft?"

Stefan war nicht gekränkt. Er nahm noch einen Schluck, bevor er antwortete: "Den habe ich in Zahlung genommen, als ein Fahrgast die Rechnung nicht begleichen konnte."

Sie errötete leicht.

"Sie bleiben keine Antwort schuldig, Herr Möller. Aber Sie haben ja recht. Es war wirklich töricht von mir, das ganze Geld zu verspielen. Und dann auch noch die Uhr. Das würde mir meine Tante nie verzeihen."

"Es geht fast immer schief, wenn man mit Gewalt etwas gewinnen will", wusste ihr Gegenüber. "Wie lange kennen Sie Ihren Grafen eigentlich schon?"

"Er ist kein Graf", brachte Gundula unwillig in Erinnerung, "sondern ein sehr erfolgreicher Industrieller."

"Aber kein sehr geduldiger."

"Dafür gibt es zweifellos eine Erklärung. Was haben Sie eigentlich gegen ihn? Sie kennen ihn doch überhaupt nicht."

"Mir gefallen die Lokale nicht, in denen Sie ihn suchen. Darin würde ich mich nicht wohlfühlen."

"Das brauchen Sie ja auch nicht", entgegnete Gundula schnippisch. "Jeder sollte bei seinem Leisten bleiben. Ottmar würde sich dafür in dieser Weinstube fehl am Platze fühlen."

"Tun Sie das auch?", fragte Stefan gedehnt.

Er erhielt keine Antwort. Ihn traf lediglich ein fragender Blick, der anschließend in Gundulas Weinglas tauchte und dort ungewöhnlich lange verweilte.

"Sie haben noch immer nicht auf meine Frage geantwortet", erinnerte Stefan Möller beharrlich.

"Ich kenne Ottmar schon ziemlich lange. Fast ein ganzes Jahr. Allerdings sehen wir uns nicht allzu häufig. Er ist furchtbar beschäftigt. Sein Betrieb nimmt ihn die meiste Zeit in Anspruch. Er besitzt eine fabelhafte Hand für geschäftliche Transaktionen. Dafür muss man eben im Privatleben etwas zurückstecken."

"Das muss man wohl", meinte Stefan mit einem Unterton, der Gundula reizte.

"Es gibt natürlich viele Leute, die ihm seinen Erfolg neiden", erklärte sie deshalb anzüglich. "Dabei hat er sich auch alles hart erarbeiten müssen."

"Und er hat sicher mit fünf Euro in der Tasche angefangen", vermutete Stefan.

Gundula blickte ihn wütend an.

"Er hat etwas geerbt. Aber das ist ja schließlich kein Verbrechen, oder?"

Stefan schüttelte den Kopf.

"Es macht manches nur ein wenig leichter. Ich werde meinen Kindern einmal kein Vermögen hinterlassen."

"Ach, Sie haben Familie?", fragte Gundula interessiert. Sie war froh, dass sie das Gespräch von Ottmar von Wernicke ablenken konnte.

"Das wäre übertrieben", bekannte Stefan. "Vorläufig handelt es sich allenfalls um eine Vision. Es ist nämlich gar nicht so einfach, die richtigeFrau zu finden."

"Dann sind Sie wahrscheinlich doch anspruchsvoller, als Sie mir weismachen wollten."

"Ich muss gestehen, dass ich an meine zukünftige Lebensgefährtin einen strengeren Maßstab anlege als an das Lokal, in dem ich ein Glas Wein trinke. Sie haben sich ja auch nicht für den Ersten, sondern für den Besten entschieden."

"Wir lernten uns zufällig kennen", erinnerte sich Gundula. "Ottmar hielt sich aus geschäftlichen Gründen in Kaufbeuren auf. Er war sehr charmant. Wir verstanden uns auf Anhieb."

"Also Liebe auf den ersten Blick."

"Das trifft wahrscheinlich zu."

"Werden Sie ihn heiraten?"

Gundula hob überrascht den Kopf. Darüber hatte sie bisher noch nicht nachgedacht. Aber so abwegig erschien ihr dieser Gedanke gar nicht. Konnte sie sich einen perfekteren Mann als Ottmar wünschen?

"Erst muss er mich einmal fragen", fand sie.

"Ja, und dazu müssen wir ihn finden." Stefan Möller traf den Nagel auf den Kopf. Er hatte sein Glas nur zur Hälfte ausgetrunken, als er bezahlte. Wahrscheinlich ahnte er, dass er in dieser Nacht noch eine abenteuerliche Strecke zu fahren hatte.

 

*

 

Sie setzten die Suche fort. Gundula zeigte sich erstaunt, wie viele Lokale in Garmisch um diese Zeit noch geöffnet hatten. Trotzdem blieb der Erfolg aus. Nicht nur, dass sie nirgends auf Ottmar von Wernicke stießen, es konnte sich auch keiner der Befragten an ihn erinnern.

"Geben Sie auf?", fragte der Taxifahrer und hatte Mühe, sein Gähnen zu unterdrücken.

Gundula starrte ihn entgeistert an.

"Aufgeben? Sie meinen, ich soll unverrichteter Dinge wieder nach Kaufbeuren zurückfahren? Ohne einen Cent Geld in der Tasche?"

"Ich könnte Ihnen ein paar Euro leihen."

Gundula war perplex.

"Sie sind wirklich ein sonderbarer Mensch", fand sie. "Ich schulde Ihnen doch ohnehin schon ein kleines Vermögen."

"Na eben. Da kommt es auf ein bisschen Kleingeld mehr oder weniger auch nicht an. Sie müssen doch einsehen, dass es sinnlos ist, noch weiter die Bars abzuklappern. Es ist bald Sperrstunde. Warum haben Sie eigentlich noch nicht in seinem Hotel nachgefragt?"

"Weil er in keinem Hotel wohnt. Er besitzt in den Bergen ein kleines Ferienhaus. Dort wollten wir das Wochenende verbrin..." Sie brach jäh ab. In ihren braunen Augen begann es listig zu funkeln. "Haben Sie noch genug Benzin für eine Fahrt zu diesem Haus?"

"Wissen Sie denn überhaupt, wo genau sich diese Hütte befindet?"

"Hütte?", wiederholte Gundula vorwurfsvoll. "Ottmar haust in keiner Hütte. Er ist doch kein Hund."

"Ich weiß, er ist etwas Besseres. Das sagt ja schon der Name. Also, wo steht sein Chalet?"

"Es sind ungefähr zwanzig Kilometer von hier. Ich kann es Ihnen auf der Karte zeigen."

Stefan nahm den Straßenatlas aus dem Handschuhfach und schlug die entsprechende Seite auf.

Gundula suchte mit dem Finger.

"Im Augenblick halten Sie sich in Mittenwald auf", belehrte sie Stefan. Er nahm ihren Finger und schob ihn ein Stück nach links. "Hier befinden wir uns jetzt. Das dort ist die Autobahn und die rote Linie die Bundesstraße. Ich fürchte, dass uns keine von beiden zum Ziel bringen wird."

"Die Straße soll recht gut ausgebaut sein", behauptete Gundula vorsichtig. "Das hat Ottmar gesagt. Er würde seinen teuren Wagen niemals auf einem Holperweg ruinieren."

"Das habe ich ebenfalls nicht vor", verkündete der Taxifahrer, "wenn ich mich wohl auch kaum mit der gräflichen Prachtkarosse messen kann. Der Schlitten erfüllt seinen Zweck. Sie glauben gar nicht, was ich mit ihm schon alles erlebt habe."

"Ersparen Sie mir Ihre amourösen Abenteuer", wehrte Gundula ab.

"Ich meinte doch meine Fahrgäste", stellte Stefan richtig. "Es gibt schon seltsame Zeitgenossen."

"Dann wird es Sie ja wohl auch nicht überraschen, dass ich nicht die ganze Nacht auf der Straße bleiben, sondern irgendwann ein schützendes Dach über den Kopf bekommen möchte. Ich bin entsetzlich müde."

"Sie sollten hier übernachten und morgen entscheiden, was Sie tun wollen."

"Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Entscheidungen auf die lange Bank schieben, Herr Möller", konterte Gundula spitz. "Ich gebe zu, dass ich auf Ihre Hilfsbereitschaft angewiesen bin. Wenn Sie sich weigern, weil Sie um Ihr Geld fürchten ..."

"Davon kann doch keine Rede sein. Ich hole mir schon, was mir zusteht. Aber Sie scheinen ja nicht einmal diese Superhütte auf der Karte zu finden. Vielleicht lagert noch das Heu vom vergangenen Sommer darin."

"Sehr witzig! Wenn Sie endlich meinen Finger loslassen würden, könnte ich weitersuchen. Das Ferienhaus besitzt sogar einen Namen."

"Tatsächlich? Wie mag ein Boss aus der Stahlindustrie sein bescheidenes Bergdomizil nennen? Schloss Wetterstein?"

"Sie hätten den Wein doch nicht trinken sollen", tadelte Gundula. "Es ist die Zauberklause."

Stefan Möller verschluckte sich fast, als er diesen Namen hörte.

"Jetzt geht mir ein Licht auf", sagte er ernst, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. "Ihr Graf ist kein Graf, sondern ein verwunschener Prinz. Zauberklause. Ach, ist das niedlich!"

Gundula knirschte mit den Zähnen. Zu dumm, dass sie sich diese Frechheiten gefallen lassen musste. Am liebsten wäre sie zu Fuß zur Hütte oder, treffender gesagt, zum Ferienhaus gelaufen. Aber der Gedanke, mitten in der Nacht alleine einen einsamen Bergweg zu begehen, hatte für sie wenig Verlockendes.

Sie beugte sich erneut über die Karte und erinnerte sich der Wegbeschreibung, die ihr Ottmar oft genug gegeben hatte.

"Das ist es", triumphierte sie und bohrte ihren Fingernagel in das Papier. "Sehen Sie, es liegt fast direkt an der Straße."

"Straße nennen sie diese gestrichelteLinie?"

"Was ist es sonst?"

"Eine einzige Narrheit", antwortete er grob.

 

*

 

Nur einen flüchtigen Augenblick lang zweifelte sie an der Richtigkeit ihrer Entscheidung. Doch dann sagte sich Gundula, dass Ottmar logischerweise in seinem Ferienhaus auf sie wartete. Es war die letzte Möglichkeit, und eigentlich hätte sie schon viel früher daran denken müssen.

Ottmar rechnete bestimmt nicht damit, dass sie ihn in ganz Garmisch suchte. Bei ihm rangierten Logik und Verstand an oberster Stelle. Nachdem er eine Stunde vergebens im 'Sonnenbichl' auf sie gewartet hatte, musste er sich gesagt haben, dass sie aufgehalten worden war. Da er nicht wusste, was geschehen war, drängte sich der Entschluss geradezu auf vorauszufahren.

Details

Seiten
75
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929959
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493153
Schlagworte
kind

Autor

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Titel: Gib mir mein Kind zurück