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HK Greiff und der unheimliche Nachbar

2019 97 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

HK Greiff und der unheimliche Nachbar

Copyright

Tödlicher Irrtum

Und die Angst fährt mit

Apollo ist an allem schuld

Tödlicher Zufall

Grüne Witwen sterben einsam

Letzte Rettung

Völlig unerwartet

Traue keiner Witwe

Der unheimliche Nachbar

Abschied für immer

Mit Vollgas in die Ewigkeit

Rotes Tuch für den Mörder

Ein hundertprozentiger Beweis

Der letzte Martini

Rache eines Betrogenen

HK Greiff und der unheimliche Nachbar

15 Kriminal-Erzählungen

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 97 Taschenbuchseiten.

 

- Während Vera Haffner noch von einem schönen Leben mit Hans Seidel träumt, plant er bereits ihren Tod, denn zweifellos ahnt sie, wer unlängst den Juwelier ausgeraubt hat …

 

- Es sollte für Silvia eine ganz normale Geschäftsreise mit ihrem Chef werden, doch unterwegs werden sie von zwei Gangstern überfallen, die ein fettes Lösegeld fordern. Und an Silvia haben sie besonderes Interesse …

 

- Götz Borchert hat einen perfekten Plan entwickelt, um an den wertvollen Schmuck seiner Schwiegermutter zu gelangen und sich damit zu sanieren. Dass die alte Dame dabei ins Gras beißen muss, stört ihn nicht so sehr wie der Fehler, den er begeht …

 

Als Hauptkommissar bei der Mordkommission bin ich zwar nur für die Verbrechen gegen das Leben zuständig. Aber von den Kollegen der anderen Ressorts erfahre ich auch von Einbrüchen, Vergewaltigungen oder Drogendelikten. Eins haben alle Verbrechen gemeinsam: Früher oder später werden sie aufgeklärt, auch wenn die Täter es noch so raffiniert anstellen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Tödlicher Irrtum

Als Hans Seidel sie zum Essen einlud, glaubte Vera Haffner noch, dass er sich in sie verliebt habe. Doch ihre Kollegin raubte ihr diese Illusion.

"Der ist verheiratet und meint es nicht ernst."

Na, wenn schon!, sagte sich Vera trotzig. Warum sollte sie sich nicht für ein paar Wochen verwöhnen lassen. Der Dicke so nannte sie ihren Chef insgeheim wollte ihr sogar den atemberaubenden Ring schenken, den sie zufällig in seinem Schreibtisch entdeckt hatte. Nur tragen durfte sie ihn in der Öffentlichkeit nicht. Wegen Birgit, seiner Frau.

Die Sekretärin ahnte nicht, was sich über ihrem Kopf zusammenbraute. Ausgerechnet jener Ring hatte Hans Seidels Interesse für sie geweckt.

Irgendwie muss ich sie zum Schweigen bringen, hatte er sich überlegt. So naiv war sie bestimmt nicht, dass sie nicht den Zusammenhang zwischen dem Schmuckstück und dem Überfall auf den Juwelier erkannte, über den die Zeitungen vor einigen Wochen berichteten. Wenn sie erst einmal anfing, ihn zu erpressen, war es für entsprechende Maßnahmen schon zu spät. Doch wenn sie jetzt ins Gras biss, krähte kein Hahn nach ihr.

In einem Restaurant am Stadtrand saßen sie sich gegenüber und tranken Champagner.

Ob er mir heute Nacht den Ring schenkt?, hoffte Vera.

Birgit wird das kleine Luder umbringen, war der Mann sicher. Sie ist so rasend eifersüchtig und hat mir oft genug geschworen, mit jeder eventuellen Nebenbuhlerin kurzen Prozess zu machen.

Arm in Arm gingen sie ins Hotel. Hier wartete ein verschwiegenes Zimmer auf sie.

Als Hans unter der Dusche stand, kontrollierte Vera hastig die Taschen seines Mantels in der Hoffnung, ein kleines Schmuckkästchen zu entdecken. Stattdessen stieß sie auf eine flache Pistole.

Sie steckte die Waffe zurück. Aus welchem Grund besaß Hans eine Pistole? Fühlte er sich bedroht?

Der Mann spürte ihr verändertes Verhalten, als er ins Zimmer zurückkehrte. Er rechnete damit, dass sie ihn mit ihrem Wissen über den Überfall unter Druck setzte, doch sie sagte nichts.

 

*

 

Birgit Seidel empfing ihren Mann am nächsten Tag mit unverhohlenem Argwohn. Die angebliche Dienstreise glaubte sie ihm nicht.

"Du hast eine Geliebte", giftete sie ihn an. "Versuche gar nicht erst zu leugnen."

Er tat es trotzdem, allerdings in einer Weise, die jedem sein schlechtes Gewissen verriet. Die Lippenstiftspur an seinem Hemdkragen würde Birgits letzte Zweifel beseitigen. Dann brauchte sie nur noch herauszufinden, wer ihre Rivalin war. Dabei wollte er ihr behilflich sein.

Während Hans Seidel im Büro saß und durch die geschlossene Tür Vera auf der Schreibmaschine klappern hörte, dachte er grimmig an die Umstände, die ihn derart in die Enge getrieben hatten.

Er hätte niemals seinen Fuß in dieses unselige Casino setzen dürfen. Nach den ersten gewonnenen Jetons ließ ihn die Spielleidenschaft nicht mehr los. Er machte Schulden, nahm Kredite auf und geriet an einen üblen Geldverleiher, der ihn immer tiefer in die Misere trieb. Schließlich sah er keinen anderen Ausweg mehr als den Überfall auf den Juwelier.

Es war auch alles prima gelaufen. Vor einer auf sich gerichteten Pistole spielte kaum einer den Helden. Mit einer Maske unkenntlich gemacht, hatte er die Vitrinen ausgeräumt und anschließend die ganze Herrlichkeit bei einem Hehler verkauft. Er besaß nur noch ein paar Stücke, die dieser nicht haben wollte. Aber auch dafür würde er einen Abnehmer finden.

Nun war er endlich seine Schulden los. Seinen Schwur, nie wieder eine Spielkarte anzufassen, würde er halten. Die Polizei tappte nach wie vor im Dunkeln. Vera war das letzte Problem, das es zu beseitigen galt.

Dass er gleichzeitig Birgit loswurde, der er überdrüssig war, sah er als erfreulichen Nebeneffekt an. Selbst bei Berücksichtigung mildernder Umstände, würde ihr Urteil nicht unter zehn Jahren lauten.

Nach Feierabend verließ er an Veras Seite die Firma. Die missgünstigen Blicke der Kollegen entgingen ihm nicht. Es würde nicht lange dauern, bis Birgit die Neuigkeit von ihnen erfuhr. Dann waren Veras Tage gezählt.

An diesem Abend schenkte er ihr den Ring.

Am nächsten Tag fand sich Birgit im Büro ein und sagte Vera zornbebend die Wahrheit auf den Kopf zu.

"Sie sind die Geliebte meines Mannes."

Vera leugnete, aber sie fand, dass sich Hans letztendlich für die Hübschere entschieden hatte. Birgit Seidel wirkte unscheinbar, und ihr resolutes Auftreten sollte wohl nur ihre Unsicherheit überdecken. Nein, sie war ihrem Mann in keiner Weise gewachsen.

"Lassen Sie die Finger von ihm", drohte die Ältere. "Sonst passiert eines Tages ein Unglück."

Sie verlangte, auch mit ihrem Mann zu sprechen, da sich dieser aber auf einer Sitzung befand, wartete sie zwei volle Stunden in seinem Büro. Danach wurde Vera Zeugin eines handfesten Streites, der damit endete, dass Birgit schluchzend an ihr vorbeistürzte und die Tür hinter sich ins Schloss warf.

Irgendwie tat Vera die Frau leid. Aber dann betrachtete sie verstohlen den bläulich schimmernden Diamant, den sie an einer Kette um den Hals trug, und sagte sich, dass sich Hans auf jeden Fall das suchen würde, was er daheim nicht fand. Warum also nicht bei ihr?

Nebenan rieb sich ihr Chef zufrieden die Hände. Seine Rechnung ging auf. Birgit wusste nun Bescheid, und da auch die Pistole aus seiner Manteltasche verschwunden war, würde die Eifersüchtige zweifellos Vera auflauern und sie erschießen.

Birgit wusste, mit einer Schusswaffe umzugehen. Jahrelang war sie Mitglied eines Schützenvereins gewesen. Sie verfehlte ihr Ziel bestimmt nicht.

Während Hans Seidel sich erleichtert seiner Arbeit zuwandte und Vera sich eine angenehme Zeit mit ihrem großzügigen Freund ausmalte, hastete dessen Frau durch die Straßen und wälzte düstere Gedanken.

Sie war zum Äußersten entschlossen und beabsichtigte, den Wettbewerb um Hans‘ Liebe auf ihre Weise zu beenden. Ein für allemal.

Sie durfte keinen Fehler begehen. Daher benötigte sie einen klaren Kopf.

In einem Café überlegte sie Schritt für Schritt ihres Planes, der nur ein Ziel kannte: Rache!

Rache an diesem Flittchen, das in ihr heiles Leben eingedrungen war. Rache für diese Demütigung.

Am Abend kam Hans wieder nicht pünktlich nach Hause. Aus den Augenwinkeln beobachtete er seine Frau, die sich krampfhaft um Fassung bemühte. Doch er sah ihr an, wie stark es in ihr brodelte.

Vor dem Zubettgehen beschwor sie ihn eindringlich: "Gib diese Person auf! Du hast mir die Treue geschworen, und wir waren doch all die Jahre glücklich miteinander."

Glücklich?, dachte der Mann verächtlich. Nannte sie das biedere Leben ohne erregende Höhepunkte an ihrer Seite Glück? Vom Leben erwartete er mehr. Sobald die einzige Frau, die ihm gefährlich werden konnte, tot war und Birgit im Gefängnis über die Folgen ihrer Unbeherrschtheit grübelte, würde er sich eine Partnerin suchen, die ihm einiges bieten konnte: Leidenschaft und Geld. Von dieser Mischung träumte er.

Seine halbherzigen Unschuldsbeteuerungen schürten ihren Zorn noch mehr. Hans war überzeugt, dass sie morgen den verhängnisvollen Schuss abgeben würde.

 

*

 

Es war ein strahlender Tag. Er passte durchaus zur Stimmung des Mannes, der sich nur schwer auf das Diskussionsthema der schon seit Stunden dauernden Sitzung konzentrieren konnte.

Zur gleichen Zeit saß Birgit der ein wenig ratlosen Vera gegenüber. Sie benahm sich wie ausgewechselt, entschuldigte sich sogar für ihr gestriges Benehmen.

Vera bot ihr Kaffee an.

"Nicht zu stark", bat ihre Besucherin. "Mein Herz ist nicht das gesündeste."

Nach einer halben Stunde verabschiedete sie sich, ohne ihren Mann gesprochen zu haben.

"Diese Sitzungen dauern immer lange", wusste Vera.

Hans kam wenig später. Als er von Birgits Besuch erfuhr, runzelte er die Stirn. "Was wollte sie?"

"Sich offenbar mit dir aussprechen. Sie war heute richtig freundlich zu mir."

Der Mann unterdrückte ein Schmunzeln. Er kannte seine Vera. Wenn sie die Harmlose mimte, wollte sie ihre Gegnerin nur in Sicherheit wiegen.

Er dachte an die Pistole. Ob sie damit ihm den Mord in die Schuhe schieben wollte? Er würde von jetzt an ständig ein überprüfbares Alibi haben und sich von einem Kollegen nach Hause fahren lassen.

"Jetzt brauche ich erst einmal einen ordentlichen Kaffee", stellte er fest. "Diese Sitzungen sind fürchterlich."

Vera brachte ihm die Tasse in sein Büro. Wenig später hörte sie ihn schreien.

Sie lief nach nebenan und alarmierte sofort einen Arzt. Er kam zu spät, um den Sterbenden zu retten.

Die Polizei entdeckte das Gift in der Kaffeemaschine.

Vera beteuerte ihre Unschuld. "Seine Frau muss es in einem unbeobachteten Augenblick hineingeschüttet haben", war sie überzeugt. "Wahrscheinlich wollte sie mich ebenfalls umbringen, doch ich hatte meinen Kaffee heute schon getrunken."

Als die Beamten die Verdächtige vernehmen wollten, fanden sie eine Tote. Neben ihr lag ein Zettel.

"Er hätte mich immer wieder betrogen. So will ich nicht weiterleben."

Aus der Pistole in ihrer Hand fehlte eine einzige Kugel. In ihrer Handtasche befand sich noch der Rest eines hochwirksamen Pflanzenschutzmittels.

Der Mord an Hans Seidel war aufgeklärt. Die Akte über den Überfall auf den Juwelier konnte dagegen erst geschlossen werden, als sich Vera von dem Diamantring trennte und die Polizei erneut auf sich aufmerksam machte. Sie hatte noch eine Menge Ärger.

 

 

Und die Angst fährt mit

"Halten Sie an der nächsten Tankstelle, Kramer!", befahl Alfred Neubach seinem Chauffeur. "Frau Mang muss telefonieren."

Minuten später stoppte die Limousine. Silvia Mang, die fünfundzwanzigjährige Sekretärin des Juniorchefs der Firma Neubach & Sohn, stieg aus und spürte dabei die Blicke ihres Vorgesetzten auf ihren Knien, die der hochrutschende Rocksaum freigab.

Vorgesetzter? Alles sprach dafür, dass sich daran an diesem Wochenende einiges ändern würde. Die Verhandlungen in Karlsruhe dauerten höchstens vier Stunden, sie aber hatte sich auf Neubachs Geheiß auf zwei Tage einrichten müssen.

Sein neuester Vorschlag lautete sogar, noch ein paar Tage Urlaub anzuhängen. Gemeinsamen Urlaub. Aus diesem Grunde wollte sie ihre Mutter daheim verständigen.

Während Silvia telefonierte, schloss sie die Augen. Alfred Neubach war ein attraktiver Mann. Was Frauen betraf, galt er als wählerisch. Doch von ihr war er sehr angetan, und sie fand ihn ebenfalls mehr als nur sympathisch.

Als sie den Hörer auflegte, schmunzelte sie. Ihre Mutter hatte sie mit Verhaltensmaßregeln eingedeckt, als plante sie, sich mit dem bösen Wolf einzulassen. Die Gute!

Sie kehrte zum Wagen zurück. Zwei Männer kreuzten ihren Weg und grinsten zu ihr herüber. Silvia warf den Kopf zurück und nahm ihren Platz neben Alfred Neubach ein.

Die Augen des Juniorchefs weiteten sich, als sähe er in ihr das personifizierte Grauen.

"Stimmt etwas mit meinem Make-up nicht?", fürchtete Silvia und suchte in ihrer Handtasche nach dem Spiegel.

Da wurde der Schlag hinter ihr aufgerissen. Jemand versetzte ihr einen derben Stoß, dass sie quer über ihren Chef fiel. Auf der anderen Seite tauchte der zweite der Männer auf, über die sie sich eben erst geärgert hatte, und zerrte Alfred Neubach aus dem Fond. "Sie sitzen vorne!", befahl er und verlieh dieser Aufforderung mit einer mattglänzenden Pistole Nachdruck.

"Fahr endlich los!", herrschte der andere den Chauffeur an. "Oder wartest du, bis ich abdrücke. An dir liegt uns nämlich nicht viel."

Robert Kramer gehorchte. Silvia fing seinen Blick im Rückspiegel auf. Sein Gesicht glich einer Totenmaske. Nur die Augen schienen noch zu leben.

Die Limousine schoss davon. Der Überfall hatte nur Sekunden gedauert. In der Tankstelle war niemand aufmerksam geworden.

"Was wollen Sie von uns?", fragte Alfred Neubach mühsam und starrte geradeaus. Er wusste zwei Waffen hinter sich.

"Drei Millionen", kam die präzise Antwort. "Versuchen Sie es erst gar nicht mit Ausflüchten. Wir wissen, wer Sie sind. Seit Feuchtwangen folgen wir Ihnen bereits. Sie sind der Junior einer Reifenfirma."

"Drei Millionen?", keuchte Alfred Neubach. "Unmöglich. Das Geld steckt im Betrieb."

"Es gibt Banken", wurde er belehrt. "Sie werden sich vom nächsten Dorf aus mit Ihrem Vater in Verbindung setzen. Andernfalls sind Sie für die Konsequenzen verantwortlich. Für Ihre niedliche Begleiterin zum Beispiel hätten wir durchaus Verwendung."

"Lasst Frau Mang in Ruhe!", begehrte Robert Kramer auf und wandte sich erregt um.

Der hinter ihm sitzende Verbrecher versetzte ihm einen Schlag und schrie: "Kümmre dich um den Wagen! Alles andere geht dich nichts an."

"Halten Sie den Mund, Kramer!", fauchte auch Alfred Neubach, auf dessen Stirn sich Schweißperlen bildeten. "Ihr wird schon nichts passieren."

Davon war Silvia nicht so sehr überzeugt, spürte sie doch, wie die Schufte auf beiden Seiten immer dichter zu ihr heranrückten.

Zunächst aber dirigierten sie das Fahrzeug zur nächsten Ortschaft. Der Entführer, der hinter Alfred Neubach saß, befahl diesem, auszusteigen und keine Mätzchen zu machen.

Silvia schaute den beiden Männern, die einer Telefonzelle zustrebten, schaudernd nach. Von dem Hageren mit dem kupferroten Haar erwartete sie nichts Gutes. Aber auch der Pechschwarze, Massige neben ihr war für jede Schandtat gut.

"Haben Sie keine Angst, Frau Mang", hörte sie den Fahrer beruhigend sagen. "Alles wird gut. Das verspreche ich Ihnen."

Woher er seine Zuversicht nahm, blieb Silvia rätselhaft. Dennoch fühlte sie sich durch diese Worte beruhigt. Sie war nicht allein.

Wieder blickte sie in den Rückspiegel. Seltsam, da arbeitete man jahrelang im gleichen Betrieb und kannte sich kaum vom Sehen. Wie gelassen der Mann war, obwohl er die Schusswaffe hinter seinem Rücken wusste.

"Halt's Maul!", tobte der Schwarzhaarige und zeigte deutlich seine Nervosität. Gereizte Verbrecher waren doppelt gefährlich.

Sein Komplize kam mit Alfred Neubach zurück. "Wir schnappen uns einen anderen Wagen", entschied er. "Der hier ist zu gefährlich. Sie werden nach ihm suchen."

"Zahlt der Alte?", erkundigte sich der Massige gierig.

"Das möchte ich ihm raten", antwortete der Hagere. "Er hat genau vierundzwanzig Stunden Zeit."

Silvia erschrak. Sie würden sich einen ganzen Tag und eine Nacht in der Gewalt ihrer Entführer befinden. Sie fürchtete sich vor allem vor der Nacht. Auch in Alfred Neubachs Augen las sie Panik.

"Wir nehmen den Lieferwagen dort drüben", entschied der Kupferhaarige, der der Anführer zu sein schien. "Wir treffen uns am Ortsausgang." Er machte kehrt.

Die Limousine glitt weiter und hielt wenig später am Ortsschild.

"Ich gebe Ihnen zehntausend, wenn Sie mich freilassen", schlug Alfred Neubach dem Kidnapper vor.

Der andere antwortete nicht einmal. Er legte seine Hand auf Silvias Knie und grinste gemein.

"Lass das!", verlangte Robert Kramer wütend.

Ein Fausthieb warf ihn gegen das Lenkrad. "Ist wohl deine Puppe, wie?", höhnte der Massige. "Dann soll es mir ein besonderes Vergnügen sein."

Zum Glück raste in diesem Moment der schiefergraue Lieferwagen heran. Die Geiseln mussten den PKW verlassen, um umzusteigen.

Alfred Neubach rannte los. Keine hundert Meter vor ihm begann der Wald. Dort sah er seine Chance.

Einer der Männer folgte ihm, während der andere bei den übrigen Gefangenen blieb.

Der Chauffeur nutzte die augenblickliche Verwirrung und schlug seinem Bewacher die Waffe aus der Hand. Doch bevor er den zweiten Hieb ansetzen konnte, traf ihn ein mörderischer Haken. Der Strolch fiel wie ein Berserker über ihn her.

"Laufen Sie weg, Silvia!", ächzte Robert Kramer, der am Mundwinkel zu bluten begann.

Silvia dachte nicht daran, den Fahrer im Stich zu lassen. Sie bückte sich nach der Pistole, wurde aber im selben Moment zurückgerissen. Eine grobe Faust stieß sie in den Lieferwagen.

"Das kommt euch noch teuer zu stehen. Wartet nur, bis wir in unserem Versteck sind."

Robert Kramer krümmte sich am Boden. Als der zweite Gangster mit Alfred Neubach zurückkam und sich erkundigte, was vorgefallen war, traktierte er den Wehrlosen mit Fußtritten. "Damit du kein zweites Mal auf diese verrückte Idee kommst."

Er setzte sich hinters Steuer, da der Zusammengeschlagene nicht mehr fahrtüchtig war. Robert Kramer stöhnte neben Silvia. An ihrer anderen Seite saß der Massige.

Die Fahrt dauerte über zwei Stunden und führte durch winzige Dörfer und an Getreidefeldern und Wäldern vorbei.

Nach Einbruch der Dunkelheit erreichten sie ein alleinstehendes Gehöft, das offensichtlich nicht mehr bewohnt war. Hier besaßen die Entführer ihren Unterschlupf.

Den Lieferwagen stellten sie in einen Schuppen und stießen ihre Gefangenen vor sich her.

Silvia stützte den Chauffeur. Der Ärmste konnte sich kaum auf den Beinen halten.

"Wessen Angestellte sind Sie eigentlich, Frau Mang?", beschwerte sich der Juniorchef.

"Herr Kramer ist verletzt", rechtfertigte sie sich. Sie fand das Benehmen ihres Vorgesetzten höchst befremdlich. Er dachte nur an sich selbst. Ohne mit der Wimper zu zucken, hätte er Robert und sie im Stich gelassen.

Robert? Silvia wunderte sich, wie vertraut ihr dieser Name plötzlich war. So, als wäre sie mit dem mutigen Fahrer eng befreundet.

Sie wurden in einen muffigen Kellerraum gebracht. Ein paar Decken am Boden sowie Kekspackungen und Mineralwasserflaschen bewiesen, dass das Verbrechen genau geplant worden war.

Alfred Neubach stürzte sich auf die Kekse. Silvia gab Robert zu trinken, doch er war halb bewusstlos. Das Wasser rann ihm in den Kragen.

Die Verbrecher lachten. "Hier bleibt ihr jetzt die Nacht. Keine Dummheiten! Wir bewachen euch abwechselnd."

Der Hagere zog sich gähnend zurück, während sein Komplize neben der Tür Stellung bezog.

"Das ist alles nur Kramers Schuld", schimpfte Alfred Neubach. "Er saß während des Überfalls am Steuer. Er hätte rascher reagieren müssen."

Silvia schwieg. Sie begann diesen Mann zu verachten. Dabei wäre sie bereit gewesen, ein Wochenende und mehr im gleichen Hotel mit ihm zu verbringen. Wie konnte man sich im Charakter eines Menschen so sehr irren?

Immer wieder schaute sie zu Robert Kramer hinüber. Der Ärmste! Ihretwegen hatte er Kopf und Kragen riskiert. Gegen ihn kam Neubach mit seinen jämmerlichen Millionen nicht an.

Sie versuchte zu schlafen, schreckte aber hoch, als sie eine tastende Hand an ihrer Hüfte spürte. Sie gehörte dem Strolch, der sich die Zeit mit ihr vertreiben wollte, während die Männer offensichtlich schliefen.

Silvia konnte nicht um Hilfe rufen. Ihr Überwältiger presste seine freie Hand auf ihren Mund und schleifte sie in die Ecke. "Sei froh, dass du mich erwischt hast", zischte er. "Bei meinem Kumpel hättest du nichts zu lachen."

Lüstern beugte er sich über sie, wurde aber zurückgerissen. Ein fürchterlicher Schlag ließ ihn verstummen.

"Robert!", rief Silvia ungläubig. Der Chauffeur zeigte kaum Anzeichen von Erschöpfung. Er musste seine Niederlage nur markiert haben.

"Psst!", hauchte ihr Retter. "Der Kerl kommt gleich wieder zu sich. Vor allem darf der andere nichts merken."

Er rüttelte seinen schlafenden Chef und hatte Mühe, diesen zum Schweigen zu bringen.

Der Verbrecher lag auf seiner Pistole. Deshalb verzichteten die Flüchtenden auf die Waffe. Sie durften keine Zeit verlieren.

Robert schlich voraus. Irgendwo in dem verlassenen Gebäude schlief der zweite Mann, den sie fürchten mussten.

In dem Schuppen stand der Lieferwagen, doch es steckte kein Schlüssel. Das war für den Chauffeur kein Problem. Er verstand es, eine Zündung kurzzuschließen.

Kaum dröhnte der Motor auf, als die Gangster herbeieilten.

"Festhalten!", schrie Robert und gab Gas.

Die beiden Bewaffneten vor ihnen sprangen zur Seite und feuerten wie wild. Robert stöhnte auf. Silvia sah Blut an seiner Schulter.

Von hinten drosch Alfred Neubach ausgerechnet auf die Wunde und brüllte hysterisch: "Schneller, Mann! Die Kerle werden mich töten."

Silvia schlug ihm mitten ins Gesicht. Neubach starrte sie entgeistert an und ließ sich zurückfallen.

"Haben wir noch genug Benzin, Robert?", fragte Silvia nach einem Blick auf die Treibstoffanzeige zweifelnd.

"Wir schaffen es, Silvia."

Nach zwei Kilometern blieb das Fahrzeug stehen. Bis zur nächsten Ortschaft war es doppelt so weit. Sie legten die Strecke zu Fuß zurück, nachdem sich Silvia Roberts Verletzung angeschaut und mit einem Ärmel ihrer Bluse notdürftig verbunden hatte.

Alfred Neubach trottete wie ein Fremdkörper hinter ihnen und schimpfte pausenlos.

Im Dorf fanden sie ärztliche Hilfe und ein Telefon. Zwei Stunden später war der Spuk überstanden.

Am Montag fand Silvia ihre Kündigung im Briefkasten. Als Grund wurde Tätlichkeit gegen einen Vorgesetzten angegeben.

Abends läutete Robert bei ihr und berichtete von seiner Versetzung. "Verbunden mit einer kräftigen Gehaltserhöhung", ergänzte er. "Neubach ist es lieber, wenn er mich nicht mehr sehen muss. Und wie ist es mit dir?"

"Ich bin gefeuert."

"Ich meine, willst du mich auch nicht mehr sehen?"

Silvia lächelte. "Wer sollte sich denn um deine Verletzung kümmern?"

Robert atmete auf. "Weißt du, dass ich schon seit Monaten in dich verliebt bin?"

"Muss man denn immer erst auf dich schießen, um so wichtige Dinge zu erfahren?", staunte Silvia.

"Na höre mal!", verteidigte sich der Chauffeur. "Was habe ich denn einem Juniorchef entgegenzusetzen?"

Sie schaute ihm zärtlich in die Augen. "Eine ganze Menge. Du bist ein Mann."

 

 

Apollo ist an allem schuld

"Mit diesem schäbigen Sakko willst du in die Schweiz fliegen?", keifte Götz Borcherts Frau Elvira. "Was sollen deine Geschäftspartner von dir denken? Da!" Sie drückte ihm ein in weißes Papier gehülltes Paket in die Hand. "Dein Dunkelblauer kommt gerade aus der Reinigung."

Der Mann blickte ungeduldig auf die Uhr. "Noch einmal umziehen?", schimpfte er. "Meine Maschine wartet nicht, nur weil ich dir nicht elegant genug bin."

Elvira riss die Papierhülle auf. "Dann bewege dich eben ein bisschen schneller. Mich wundert's nicht, dass du so wenig erfolgreich bist."

Götz schluckte eine wütende Antwort hinunter. Oh wie er diese ständigen Bevormundungen, dieses ewige Herumnörgeln hasste!

Aber damit hatte es bald ein Ende. Sobald er den wertvollen Schmuck ihrer Mutter besaß, würde er sich von dieser Nervensäge trennen. Dann war er endlich finanziell unabhängig und konnte sich jene Frauen leisten, von denen er bisher nur träumen durfte.

Hastig wechselte er die Kleidung, steckte seine Brieftasche mit den Ausweispapieren und dem Flugticket zu sich und griff nach dem kleinen Reisekoffer.

Ein Taxi brachte ihn zum Flugplatz. Hier checkte er ein, ohne jedoch die Maschine aufzusuchen.

Stattdessen fuhr er mit dem Bus in die Stadt zurück und wartete in einem Hotelzimmer die Nacht ab. Die Nacht, die ihn zum reichen Mann machen würde.

Götz' Schwiegereltern bewohnten einen Bungalow am Rande der Stadt. Sie besaßen drei grässliche Eigenschaften. Zunächst hatten sie bei der Erziehung ihrer Tochter Elvira völlig versagt. Außerdem waren sie stockgeizig. Vor allem aber würde nach medizinischen Erkenntnissen ihr Ableben noch geraume Zeit auf sich warten lassen.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, wusste Götz aber auch von einer erfreulichen Tatsache. Heinrich, sein Schwiegervater, traf sich jeden Donnerstag mit Freunden zu einer zünftigen Skatrunde. Dann kam er erst gegen Morgen nach Hause.

Heute war Donnerstag.

Magda, Heinrichs Frau, war also allein daheim. Allein mit Apollo, ihrem altersschwachen Angorakater, der kaum in der Lage war, eine Maus zu fangen, geschweige denn, das gewaltsame Ende seines Frauchens zu verhindern.

Sein Plan war perfekt. Nicht der Schatten eines Verdachts würde auf ihn fallen.

Zunächst rief Götz Elvira an und behauptete, soeben gut gelandet zu sein. Um die Täuschung perfekt zu gestalten, ließ er neben dem Telefon ein Tonband ablaufen, das typische Flughafengeräusche enthielt. Für diese Aufnahme hatte er bereits vor Wochen gesorgt, als er sich in Zürich aufhielt.

Anschließend schlief er ein paar Stunden, um für seinen großen Auftritt ausgeruht zu sein. Er durfte sich keinen Fehler erlauben.

Als sein Wecker um Mitternacht läutete, erhob er sich, streifte seinen Anzug glatt, entnahm seinem Handkoffer eine Pistole und steckte sie in die Innentasche des Sakkos.

Für Handschuhe aus dünnem, geschmeidigem Leder hatte er ebenfalls gesorgt. Die Polizei konnte lange nach seinen Fingerabdrücken suchen.

In der Nähe des Hotels wartete ein Leihwagen auf ihn, den er vorsichtshalber mit falschen Kennzeichen ausgerüstet hatte. Wenn es ein dummer Zufall wollte, konnte sich später einer der Nachbarn an dieses Fahrzeug erinnern und wusste womöglich auch noch die Autonummer. Nein, über solche Fußangeln würde Götz nicht stolpern. Einmal zum unbeschwerten Reichtum entschlossen, ließ er sich die Tour durch nichts und niemand vermasseln.

Nach viertelstündiger Fahrt erreichte er sein Ziel. Er parkte den Wagen in sicherer Entfernung vom Bungalow, den er zu Fuß erreichte.

Schon von Weitem sah er, dass hinter zwei Fenstern noch Licht brannte. Das beunruhigte ihn nicht, war ihm doch bekannt, dass Magda oft bis spät in die Nacht hinein Romane las, ehe sie einschlafen konnte.

Um diese Zeit war die Straße menschenleer. Götz streifte die Handschuhe über und tastete nach der Waffe in seiner Tasche.

Vor einiger Zeit hatte er sich einen passenden Hausschlüssel anfertigen lassen. Er gab sich keine Mühe, die Tür möglichst leise aufzusperren, und Magdas erstaunter Ruf gab ihm recht.

"Du kommst heute aber zeitig, Heinrich. Soll ich dir eine heiße Milch machen?"

Götz grinste. Nach heißer Milch verlangte sein Schwiegervater, wenn ihm das Kartenglück nicht hold gewesen war.

Er brummte, dass dies nicht nötig sei, und da gerade in diesem Moment der Kater freudig maunzend die Treppe herunterhuschte, fiel der Ahnungslosen der nicht perfekt getroffene Tonfall kaum auf.

"Bleib hier, Apollo!", rief sie. "Herrchen kommt ja gleich."

Dass Apollo ihn vorzeitig verraten könnte, war nicht zu befürchten. Götz verstand sich mit Apollo großartig. Das Tier umschmeichelte ihn und schnurrte zufrieden, als es ein Schokoladenplätzchen erhielt. Mit diesem Leckerbissen war es für eine Weile beschäftigt.

Götz ging weiter. Über die Treppe erreichte er das obere Stockwerk. Die Tür zum Schlafzimmer stand halb offen. Als er eintrat, blickte Magda von ihrem Buch nicht auf.

Erst als der Eindringling neben ihrem Bett stand, starrte sie ihn entgeistert an.

"Du? Ist etwas mit Elvira?"

Die Sechzigjährige ahnte noch immer nichts.

"Natürlich ist etwas mit deiner Tochter", bestätigte Götz grimmig. "Sie geht mir auf die Nerven. Seit Jahren schon. Aber leider musste ich das Leben an ihrer Seite ertragen, denn sie hat nun einmal das Geld in die Ehe gebracht, mit dem ich meine Firma aufbauen konnte."

Magda verzog geringschätzig ihre Mundwinkel. "Firma? Man munkelt, dass du kurz vor der Pleite stehst. Falls du dir einbildest, wir würden für dich eine Bankbürgschaft übernehmen, hättest du dir den Weg sparen können."

Götz lächelte grausam. "Das glaube ich nicht, liebe Schwiegermama. Im Übrigen will ich keine Bürgschaft, sondern deinen Schmuck. Heraus mit dem Safeschlüssel!" Er zog die Pistole und richtete sie auf die Frau, die nun endlich begriff, worum es ging.

"Du bist verrückt", keuchte sie. "Elvira hat recht. Deine Unfähigkeit stürzt dich noch einmal ins Unglück."

"Mache dir über meine Qualitäten keine Gedanken", fuhr er sie an. "Sobald ich die Klunker habe, kann mir eure ganze Familie gestohlen bleiben."

Magda schielte nach dem Telefon, das in Reichweite auf dem Nachttisch stand.

"Vergiss es!", höhnte der Mann und drückte ihr die Mündung der Waffe gegen die Schläfe.

Die Bedrohte zitterte. "Damit kommst du nicht durch", warnte sie und zog einen Schlüssel, der an einer Halskette hing, unter ihrem Nachthemd hervor.

Mit energischem Ruck brachte Götz ihn an sich. Dann schoss er.

Den Wandsafe wusste er im Arbeitszimmer seines Schwiegervaters. Der Schlüssel passte. Hinter der stählernen Tür funkelten nicht nur Ketten, teure Ringe und Broschen. Der Mörder fand auch 27.000 Euro in bar und einige Aktienbündel.

Er war ein gemachter Mann. Ohne Hast stopfte Götz alles in eine mitgebrachte Plastiktasche, bevor er das Haus verließ. Seit seinem Eindringen waren kaum zwanzig Minuten vergangen.

Um einen Einbruch vorzutäuschen, schlug er von außen eines der ebenerdigen Fenster ein. Danach kehrte er ins Hotel zurück.

Am nächsten Morgen nahm er die erste Maschine nach Zürich, führte einige Gespräche mit Kunden und deponierte seine Beute in einem Bankschließfach.

Gegen Abend flog er zurück. Seine Frau empfing ihn mit der schrecklichen Nachricht von der Ermordung ihrer Mutter.

Götz heuchelte Bestürzung und spielte seine Rolle auch gegenüber der Polizei hervorragend, deren Routinefragen ihn nicht aus der Fassung brachten.

Sein Schweizer Alibi würde halten. Er beteuerte, seine Schwiegermutter seit über einer Woche nicht gesehen zu haben. Notfalls würde er darauf jeden Eid schwören. Den wollte er sehen, der ihm das Gegenteil bewies. Es gab am Tatort keinerlei Spuren, die ihn belasteten.

"Sie sind also gestern nach Zürich geflogen", wiederholte Kommissar Schneider gedehnt.

"Das können Sie jederzeit nachprüfen", versicherte Götz. "Nach der Landung rief ich meine Frau an, bevor ich unsere Ferienwohnung aufsuchte. Der heutige Tag war mit Geschäftsverhandlungen angefüllt, aber um diese Zeit war die Ärmste ja ohnehin bereits tot. Hoffentlich fassen Sie ihren Mörder."

"Da können Sie unbesorgt sein", beruhigte ihn der Beamte. "Ihre Frau hat uns auf die richtige Spur gebracht." Er deute auf eine dunkelblaue Hose, die sein Assistent gerade in eine Plastiktüte schob. "Sie gehört zu dem Anzug, den Sie gestern trugen, nicht wahr?"

Götz nickte zuversichtlich. Hoffte der Schnüffler etwa, Blut daran zu entdecken?

Schneiders Miene blieb unbewegt, als er fortfuhr. "Das Stück kam frisch aus der Reinigung. Wie erklären Sie sich nun die Katzenhaare am rechten Hosenbein? Haare einer schwarzen Angorakatze."

"Sie werden lachen", meinte Götz gefasst. "Katzen sind in der Schweiz keine Seltenheit."

Der Kommissar verlor die Geduld. "Halten Sie unsere Leute im Labor für so unfähig, dass sie diese Haare nicht einer ganz bestimmten Katze zuordnen könnten? Nämlich dem Kater Ihrer Schwiegermutter, die Sie angeblich seit Tagen nicht gesehen haben. Nur bei der Wiederbeschaffung Ihrer Beute können uns die Chemiker nicht helfen. Aber ich bin sicher, dass Sie uns den entscheidenden Hinweis liefern werden."

 

 

Tödlicher Zufall

Den Tipp hatte Waldemar Büttel aus zuverlässiger Quelle. Bei der alten Staufer gab es einiges zu holen.

So machte er sich eines Nachts auf den Weg, beobachtete das Haus und wartete, bis auch hinter dem letzten Fenster das Licht erlosch. Eine halbe Stunde später öffnete er die Eingangstür mit einem Dietrich und begann, nach Wertgegenständen und Barem zu suchen.

Dass ihm außer den beiden Ringen, die er auf der Ablage im Bad gefunden hatte, dem goldenen Feuerzeug vom Schreibtisch und knapp neunhundert Euro einige echte Gemälde in die Hände gefallen waren, erkannte er erst, als er seine Beute daheim bei Licht betrachtete. Für die wusste er schon einen Abnehmer, der faire Preise zahlte.

Die schwere Ledertasche, in der er ebenfalls einiges von Wert erwartet hatte, weil sie abgeschlossen gewesen war, enthielt leider nur Papier. Nicht etwa Hundert-Euro-Scheine oder Aktien, sondern die ersten Kapitel eines Kriminalromans. Mit dem Schreiben derartiger Romane verdiente sich Amelie Staufer seit Jahren ihren Lebensunterhalt. Waldemar Büttel konnte absolut nichts damit anfangen.

Zu dumm, dass es ihm nicht gelungen war, den Wandsafe zu öffnen. Er enthielt zweifellos die eigentlichen Schätze der Alten.

Das Romanmanuskript verbrannte er am besten. Er stopfte die Blätter in den eisernen Ofen und holte Zündhölzer. Als er zurückkam, bückte er sich. Ein Blatt war herausgefallen. Sein Blick fiel auf die Schreibmaschinenschrift. Unwillkürlich begann er zu lesen.

Seine Augen weiteten sich, sein Hals wurde trocken. Jetzt brauchte er erst einmal einen ordentlichen Schnaps.

Danach ging es ihm auch nicht besser, und als er das ganze Papier wieder aus dem Ofen geholt und von der ersten bis zur letzten Zeile mit wachsender Erregung gelesen hatte, fühlte er sich regelrecht miserabel.

Das durfte doch nicht wahr sein! Die Geschichte war über elf Jahre her. Er hatte fest damit gerechnet, dass längst Gras über die Sache gewachsen war. Und jetzt das!

Waldemar Büttel suchte erneut Zuflucht zum Schnaps, obwohl er wusste, dass der nichts änderte. Andererseits gelang es ihm nun wenigstens, die Tatsachen realistisch zu bewerten.

Nun gut, es gab also eine Augenzeugin, die bis zum heutigen Tage, aus welchen Gründen auch immer, den Mund gehalten hatte. Aber hier standen ihre Beobachtungen schwarz auf weiß. Sobald sie als Buch veröffentlicht wurden, war er geliefert. Das musste er verhindern.

Amelie Staufer entdeckte erst am nächsten Morgen den Einbruch. Bestürzt setzte sie sich mit ihrem alten Freund Egon Ruppert in Verbindung, bei dem sie sich auch gelegentlich Rat holte, wenn sie in einem Roman die Knoten zu raffiniert geschürzt hatte und bei der Entwirrung Schwierigkeiten bekam.

Egon Ruppert hörte geduldig zu, bevor er die annähernd Siebzigjährige beruhigte. "Du hast Glück gehabt, meine Liebe. Stell dir vor, wenn dem Burschen dein Schmuck in die Hände gefallen wäre."

"An meinem Safe hat er sich vergeblich die Zähne ausgebissen", frohlockte die Schriftstellerin. "Ich begreife nur nicht, warum er auch meinen halbfertigen Krimi mitgenommen hat, den ich heute meinem Verleger bringen wollte."

Details

Seiten
97
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929867
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492988
Schlagworte
greiff nachbar

Autor

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Titel: HK Greiff und der unheimliche Nachbar