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Dr. Florian Winter Band 13: Du bist ein Teil von mir

2019 160 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Du bist ein Teil von mir

Copyright

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Du bist ein Teil von mir

Dr. Florian Winter Band 13

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 160 Taschenbuchseiten.

 

Beate wird das Opfer einer schrecklichen Vergewaltigung – und danach schwanger. Sie trennt sich von ihrem Freund Dieter, ohne ihm etwas von diesem Verbrechen zu sagen. Doch er kann sie nicht vergessen und ist gewillt, den Kampf um die junge Frau aufzunehmen. Doch Beate ist fest entschlossen, ihr Kind allein aufzuziehen. Aber ist das wirklich möglich?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekkerde

postmaster@alfredbekkerde

 

 

 

1

Der Mann stand oben in den Felsen und schaute auf die malerische Bucht hinab. Vor dem Graubraun des Gesteins war er in seiner olivfarbenen Uniform kaum zu erkennen. Das Fernglas vor den Augen, beobachtete er die beiden jungen Mädchen, die sich nicht weit vom azurblauen glasklaren Wasser entfernt von der Sonne bräunen ließen. Beide waren sie splitternackt.

Er beobachtete sie seit einer Viertelstunde; seitdem lagen sie da unten. Mit einem gelben Schlauchboot waren sie in diese verschwiegene Bucht gekommen. Das Boot lag unweit von ihnen im feinen Sand.

Sie hatten das wenige, das sie trugen, ausgezogen und lagen, wie die Natur sie erschaffen, da unten in der Sonne, nicht ahnend, dass diese verschwiegene Bucht gar nicht so einsam war, wie sie dachten.

Der Mann setzte das Fernglas ab, wischte sich mit seinem olivfarbenen Halstuch über die Stirn, die mit Schweißperlen bedeckt war. Dann wandte er sich um, blickte ein Stück höher, wo sein Kamerad zwischen schroffem Felsgestein hockte. Der hatte von alldem noch gar nichts mitbekommen.

„Simbo“, flüsterte der Mann und blickte seinen farbigen Kameraden an.

Der junge Afrikaner, der ebenfalls die Uniform der Legion trug, blickte verschlafen auf.

Der Mann weiter unten winkte ihm, hielt aber zugleich einen Finger an den Mund zum Zeichen, dass Simbo keinen Lärm verursachen sollte.

Der Farbige kletterte ein Stück hinunter zu dem dunkelhaarigen Weißen.

„Was ist, René?“ fragte er leise.

René deutete nach unten und reichte Simbo das Fernglas.

René amüsierte sich darüber, wie Simbo scheinbar die Augen überquollen ob des Anblicks, der sich ihm da unten bot.

„Wie gemacht für uns zwei, nicht wahr?“, flüsterte René.

Simbo setzte das Fernglas ab. Er antwortete nicht. Seine Zungenspitze strich über die Unterlippe. Das Weiß seiner Augen leuchtete im dunklen Gesicht. Aber dann sah er René an und schüttelte den Kopf. „Wenn sie uns erwischen! Wir haben Posten hier oben. Sie sperren uns ein!“, flüsterte er.

René grinste. „Machst du dir in die Hosen dafür? Die kommen doch nicht. Nicht vor zwei Stunden. Und bis dahin ...“

„Aber wenn sie nicht wollen, wenn sie schreien, oder wenn sie uns melden?“

René zuckte die Schultern. „Melden? Warum sollten sie das tun? Sie werden ihren Spaß mit uns haben, und wir mit ihnen.“

Simbo hatte Bedenken. In seinem Leben hatte es mehrere Abenteuer mit weißen Mädchen gegeben, und jedes Mal waren sie ihm fast zum Fiasko geworden. Nein, dachte er, ich mache da nicht mit.

Aber er brachte es nicht fertig, den Blick von den beiden, die da unten ahnungslos lagen, abzuwenden. Er hielt wieder das Fernglas vor die Augen und starrte zu den Mädchen hinunter. Ein Anblick, der sein Blut in Wallung brachte und nicht nur seines.

„Du nimmst die rechte, ich die linke“, sagte René leise. „Was glaubst du, was die wollen? Die warten doch nur auf so etwas wie uns.“

Simbo hatte da seine Zweifel. Mochten die anderen Legionäre hier auf Korsika ständig davon reden, dass die Touristenmädchen auf Legionäre flogen. Er konnte das nicht bestätigen. Im Gegenteil, er hatte den Eindruck, dass sich die Touristinnen vor den Legionären fürchteten.

„Geh du allein. Ich bleibe hier. Ich passe auf“, sagte er zu René.

„Scheißkerl!“, erwiderte René barsch. „Das sind doch zwei da unten, für jeden eine.“

Simbo schüttelte den Kopf. „Besser, wenn ich aufpasse.“

„Hast du Schiss vor denen? Vor einem Mädchen? Menschenskind, siehst du, wie die da liegen?“

„Sie wissen nicht, dass wir hier sind“, sagte Simbo.

„Ach, hör doch auf!“ René winkte ab. „Ich habe gar nicht gewusst, dass du dir wegen so etwas in die Hosen machst. Die Streife kommt erst in zwei Stunden. Bis dahin stört uns hier keiner.“

„Und wenn sie es doch melden?“

„Warum sollen sie es melden? Die sind froh, wenn wir hinunter kommen. Natürlich nicht in diesen verdammten Klamotten, verstehst du? Wir ziehen uns aus und sehen so aus wie die da. Dann wissen sie nicht, dass wir Legionäre sind. Verstehst du? Wir ziehen uns aus ...“

Simbos Bedenken wichen. Gesagt, getan. Hastig entkleideten sie sich. Und sie beide kannten den Abstieg hinunter zur Bucht. Wegen des schroffen Felsgesteins behielten sie ihre Schnürschuhe an und kletterten in die Bucht hinab.

Auf René hatte der Anblick der beiden nackten Mädchen wie ein Rausch gewirkt. Sein Blut war in Wallung geraten. Für ihn gab es nur noch einen einzigen Gedanken. Und den, so entschloss er sich, wollte er in die Tat umsetzen. Er konnte fast nicht schnell genug klettern. Und dann, als sie schon fast unten waren, blickte eines der Mädchen zufällig in ihre Richtung, sah sie und schrie schrill auf.

Von diesem Augenblick an überschlugen sich die Ereignisse.

René, dieser athletisch gebaute dunkelhaarige, schnauzbärtige Mann, sah nur die eine der beiden Frauen, die Hellblonde. Sie war es auch gewesen, die ihn zuerst entdeckt hatte, jetzt aufsprang und zum Wasser lief.

Er jagte ihr nach, sobald er festen Boden unter den Füßen hatte.

Das andere Mädchen war aufgesprungen, stand aber da und versuchte mit seinen Händen die Blößen zu bedecken. Es stand einfach da und starrte auf Simbo, der zögernd näher kam. Ganz im Gegensatz zu seinem Kameraden, der quer über den Strand rannte und die Blonde verfolgte.

Die Blonde hatte erst das Schlauchboot nehmen und ins Wasser ziehen wollen, schien aber erkannt zu haben, dass ihr Vorsprung dazu nicht reichte. Nun lief sie einfach weiter und näherte sich dem Ende der kleinen Bucht, die von der gigantischen Felswand eingeschlossen war. Als sie erkannte, dass der Fels für sie viel zu steil sein musste, um an ihm emporzuklettern, dazu mit bloßen Füßen, lief sie einfach ins Wasser hinein.

Ein Stück weit, das wusste René, war der Strand hier flach, aber dann fiel er jäh in die Tiefe ab.

Das Mädchen lief mit der Eleganz einer Gazelle in die anrollenden Wogen, stolperte dann, schlug klatschend ins hoch aufspritzende Wasser, kam wieder auf die Beine, versuchte weiterzulaufen, aber da war René nur noch zwei Armlängen von ihr entfernt.

Dass sie davonlief und der Anblick, den sie ihm bot, ließ ihn alles ringsum vergessen. Seit Wochen hatte er Wache schieben müssen und einer Kleinigkeit wegen Ausgangssperre gehabt. Seit Wochen war dieser bärenstarke, kerngesunde Mann ohne jeden Kontakt mit einer Frau gewesen. Jetzt sah er dieses bildhübsche schlanke Wesen, und es floh vor ihm. Irgendwie erregte das seinen Jagdtrieb und erweckte eine leidenschaftliche Begierde in ihm, die ihn wie ein Rausch überkam. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne, als seine sonnengebräunten haarigen Arme dieses Mädchen von hinten umschlangen, als sie es ins Wasser rissen, als sie es zurückschleppten zum Strand. Und während die Luft von den gellenden Schreien der Blonden zerrissen wurde, überwältigte die Kraft des Mannes, von wilder Lust angetrieben, den verzweifelten Widerstand der jungen hübschen Frau.

Drüben, wo die beiden vorhin gelegen haben, stand Simbo vor der anderen. Ihr nicht ganz so helles Haar erhielt von der grellen Sonne einen leicht kupfernen Schimmer. Das Gesicht des Mädchens war vor Schreck so blass, dass es wie gepudert wirkte. Aus weit aufgerissenen Augen starrte es den nackten Simbo an, dessen dunkle Haut in der blanken Sonne einen olivfarbenen Ton aufwies.

Simbo befand sich gut fünf Schritte von dem Mädchen entfernt. Aber er war stehengeblieben. Vorhin hatte er mit einem Seitenblick auf René und die Hellblonde festgestellt, was da drüben geschah. Und mit einem Male wehrte sich alles in ihm dagegen, es René gleichzutun. Vielleicht hätte er es ebenso gemacht, wäre das Mädchen vor ihm auch davongelaufen. Aber es stand da wie hypnotisiert. Es erinnerte ihn an ein Kaninchen, das der Schlange nicht davonlaufen kann, weil der Blick des Reptils es zwingt, still sitzen zu bleiben. Das Mädchen schrie nicht einmal mehr. Es stand einfach da, hatte die Rechte vor den Brüsten, die Linke vor ihrer Scham.

Simbo wandte sich um. Drüben bei René und der Hellblonden war es still geworden. Er sah, was René tat, und mit einem Male erfüllte ihn das, was sie beide vorgehabt hatten und was René vollenden konnte, mit Ekel. Still, ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich ab, ging zu dem Felsen zurück, wo sie herabgekommen waren, und kletterte empor.

Das Mädchen unten sah ihm nach, stand noch immer wie erstarrt.

Simbo war schon ein gutes Stück am Felsen empor, da erst bemerkte René, was Simbo tat.

„Verdammter Idiot!“, schrie er auf französisch. „Warum läufst du weg? Ich hätte es wissen müssen!“

Und da erst ließ René von dem Mädchen ab. Er hatte seine Befriedigung gefunden. Das Mädchen lag, die Füße noch in den anrollenden Wogen, den Oberkörper auf dem feuchten Sand, wie tot.

René ging direkt auf die Aufstiegsstelle zu, blieb dann aber stehen und sah die Rotblonde an. Er machte einen Schritt in ihre Richtung, und obgleich er wenigstens zwanzig Meter von ihr entfernt war, wich sie instinktiv auf die Felswand zu zurück, so, als sei sie sich der Bedrohung durch ihn absolut bewusst.

Er machte eine wegwerfende Handbewegung und setzte seinen Weg fort. Als er an dem Aufstieg war, blickte er empor zu Simbo und rief auf französisch nach oben: „Scheißkerl, verdammter! Ich hätte es wirklich wissen müssen!“ Dann kletterte er nach oben.

Als das Mädchen sah, dass die beiden nicht mehr in der Nähe waren und ihnen so schnell nicht mehr gefährlich werden konnten, raffte es das Tuch zusammen, auf dem es gelegen hatte, den Büstenhalter und den Slip, zog beides hastig an und rannte dann hinüber zu dem anderen Mädchen.

Die Hellblonde lag noch immer so. Schon dachte die andere, ihre hellblonde Freundin sei womöglich tot. Entsetzt sah sie ihr ins Gesicht. Aber da entdeckte sie die Tränen. Sie liefen aus weit aufgerissenen Augen der Hellblonden, die zum Himmel starrte. Ihr ganzer Körper war bedeckt von einer Gänsehaut; so, als herrschten hier nicht fünfunddreißig Grad Wärme.

„Beate! Beate, hör doch!“, rief das Mädchen und beugte sich über die hellblonde Freundin. „Beate, sieh mich an! Mein Gott! Du Ärmste!“ Sie fiel neben der Hellblonden auf die Knie, legte ihre Hände auf die Schläfen des am Boden liegenden Mädchens und sagte noch einmal: „Beate! Sieh mich doch an! Sie sind weg. Sie sind weg, Beate!“

Beate schien wie von Sinnen. Es war ihr deutlich anzusehen, dass sie fröstelte – trotz der Hitze. Jetzt versuchte sie sich aufzurichten, die andere half ihr dabei.

Mit spröder, wie ein Reibeisen klingende Stimme sagte Beate: „Es war so gemein. Es war furchtbar. Warum ... warum haben sie es getan?“

„Hätte ich gewusst, dass hier welche sind! Und wir haben gedacht, wir sind ganz alleine hier. Überall an Korsikas Stränden baden die Leute nackt, und ausgerechnet hier ...“

„Dieses Schwein! Dieses gemeine, hundserbärmliche Schwein!“, stieß Beate hervor. „Haben sie es mit dir ... haben sie es mit dir auch gemacht, Marita?“ Sie blickte das Mädchen mit dem rötlich-blonden Haar besorgt an.

Marita schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Es war ein Farbiger, der vor mir stand. Plötzlich hat er sich umgedreht und ist weggelaufen. Jetzt sind sie alle beide verschwunden. Sie sind dort den Felsen hinauf.“

„Sie müssen uns von da oben beobachtet haben.“ Beate schüttelte fassungslos den Kopf und schlug die Hände vors Gesicht. Plötzlich brach es aus ihr heraus; sie heulte. Sie schluchzte, ihr ganzer Körper bäumte sich auf, und vergeblich versuchte Marita, die Freundin zu besänftigen.

Schließlich, als es nachließ, sagte Marita: „Mein Gott! Ich konnte nichts tun. Der andere stand ja vor mir. Er hätte mich bestimmt daran gehindert, etwas zu unternehmen. Ich gebe ehrlich zu: ich war gar nicht dazu imstande. So wie der mich ansah ... Ich kam mir wie gelähmt vor. Ich wollte mich bewegen, wollte weglaufen, wollte schreien, wollte tausend Dinge tun und konnte nichts. Ich war einfach zu nichts imstande. Ich stand nur da ...“

„Er war so stark“, sagte Beate schluchzend. „Ich hatte gar keine Möglichkeit. Ich glaube, er hätte mich umgebracht, wenn ich nur …“

„Lass doch! Bist du verletzt? Hat er dich verletzt dabei?“

Beate zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht. Ich komme mir vor, als wäre ich auseinandergerissen worden. Es tut eigentlich nicht weh, aber irgend etwas in mir ist kaputt, völlig kaputt. Ich glaube, ich kann die nächste Zeit keinen Kerl mehr sehen.“

„Auch Dieter nicht?“, fragte Marita.

Das Erwähnen dieses Namens schien bei Beate eine neue Wunde aufzureißen. Sie schluchzte abermals, und ihr ganzer Körper wurde geschüttelt von ihrem seelischen Schmerz.

„Beate, hör auf! Nimm dich doch zusammen! Wir müssen hier weg. Wer weiß, ob die nicht wiederkommen. Und außerdem haben wir noch einen ziemlichen Weg mit dem Boot. In der Verfassung, in der wir sind ...“

Beate wischte sich die Tränen ab, stand mit Maritas Hilfe auf, und die reichte ihr den BH und den Slip.

„Zieh dich erst einmal an. Wer weiß, was hier alles noch herumstreunt.“ Misstrauisch blickte sie die Felsen empor, sah aber niemanden.

Als sich Beate den Bikini angezogen hatte, gingen sie beide zum Boot. Ein paarmal blieb Beate stehen, presste beide Hände an den Unterleib und sagte: „Ich habe nie darüber nachgedacht, wie so etwas sein könnte. Früher einmal, da hat mir meine Schwester gesagt, es wäre auch nicht anders, als wenn man einen Kerl gern hat. O Himmel! Es ist ganz anders. Es ist ganz furchtbar. Es ist viel schlimmer, als ich mir das jemals vorstellen konnte.“

„Du Armes! Und ich habe Glück gehabt. Wir sollten zur Polizei gehen.“

Sie standen beide vor dem Boot. Beate blickte die Freundin an und sagte nichts. Sie hatte nur einen Gedanken: Weg von hier! Und dieser Gedanke beherrschte auch Marita.

Sie zogen das Schlauchboot ins Wasser, stiegen beide ein und nahmen die Paddel, und Marita sagte: „Ein Glück, dass sie uns nicht das Boot weggenommen haben. Wir wären ihnen ja völlig ausgeliefert gewesen. Wo die nur hin sind?“ Sie schaute abermals hinüber zu dem Felsen und suchte diese Stelle, woher die beiden Männer gekommen sein konnten. „Sie waren vollkommen nackt, sonst hätte man sie vielleicht besser beschreiben können. Wo die nur herkommen konnten?“

„Ich wette“, sagte Beate, „dass die uns schon lange vorher beobachtet haben. Die müssen schon dagewesen sein, als wir gekommen sind. Ein Schwarzer. Ich habe gar nicht gewusst, dass hier auch Schwarze wohnen.“

„In der Fremdenlegion sind Schwarze. Ich habe es selbst gesehen. Neulich kamen welche von der Legion, da waren mehrere Farbige dabei.“ Maritas Blick klärte sich auf. „Vielleicht waren es zwei Männer von der Legion“, fuhr sie fort. „Man sollte wirklich zur Polizei gehen.“

„Polizei“, sagte Beate, als sie schon ein Stück hinausgerudert waren. „Die Polizei, die stellt tausend Fragen. Ich hab’ das einmal im Film gesehen. Nein. Das ist ja noch schlimmer als die Vergewaltigung selbst. Vergewaltigung. Früher hat mir dieses Wort nichts bedeutet. Aber jetzt, jetzt weiß ich, was das ist. Marita, du hast wirklich Glück gehabt. Es ist entsetzlich. Es ist ...“ Sie verlor die Beherrschung, und erneut begann sie zu schluchzen, war nicht mehr imstande zu paddeln.

Marita wusste, dass sie nicht endlos Zeit hatten, hier im Meer herumzutreiben. Sie mussten sehen, dass sie weiterkamen. Und so versuchte sie allein das Boot in Bewegung zu halten. Aber dazu fehlten ihr die Kenntnisse. Sie drohten im Kreis zu fahren. Sie brauchte Beates Hilfe und sie sagte: „Beate, du musst mitmachen! Allein kann ich das nicht! Sonst kommen wir nie an. Los! Mach doch mit, reiß dich zusammen. Es wird irgendwie gehen.“

„Nicht zur Polizei!“, stieß Beate hervor, als sie weiterpaddelte. „Ja nicht zur Polizei!“

Marita sagte nichts. Erst nach einer Weile fragte sie: „Tut es immer noch weh?“

„Ach, es tut eigentlich nicht weh. Es ist nur ... es ist nur so furchtbar und ... ich fühl mich richtig mit Dreck übergossen. Ich komme mir vor wie eine ...“

„Du brauchst dir gar nicht vorzukommen. Ich hab’ mir etwas überlegt. Du hast völlig recht: wir sollten nicht darüber sprechen. Mit gar keinem, mit niemand. Wir sollten so tun, als wäre nichts passiert. Wir sollten zurückfahren, ins Hotel gehen, so wie immer. Leg dich etwas hin, dann gehen wir morgen eben nicht an den Strand. Aber sonst zeigen wir keinem, was wir erlebt haben. Und wir sprechen nicht darüber. Nie mehr, hörst du? Ich glaube, es ist von allem das Beste. Nur eine Angst habe ich.“

Beate sah auf und blickte die Freundin überrascht an. „Was denn?“

„Dass dieser Schuft etwa krank ist, verstehst du? Eine Geschlechtskrankheit. Wenn du das Geringste merkst, musst du sofort zum Arzt. Aber auch dem nichts sagen. Die Männer sind alle gleich. Die amüsieren sich am Ende noch darüber. Nichts sagen, hörst du?“

„Um Gottes Willen, wenn er krank ist? Ich weiß überhaupt nichts darüber. Nur das, was wir früher in der Schule gehört haben. Aber viel ist das auch nicht gewesen. Woran merkt man das überhaupt?“

„So richtig weiß ich’s auch nicht“, erklärte Marita. „Aber ich glaube, dann entsteht ein Jucken oder so, oder Ausfluss, ich glaube Ausfluss. Wenn du das hast, musst du zum Arzt.“

„Entsetzlich! Dieses Schwein! Dieser gemeine Kerl! Dieses Tier!“

„Ein Tier?“ Marita lachte abfällig. „Ein Tier hätte das, glaube ich, nicht getan.“

Eine Weile ruderten sie schweigend. Sie waren jetzt um das Kap herum und fuhren an einer zweiten, größeren Bucht vorbei.

„Wir sind früh genug. Wir kommen so an wie immer. Um Himmels Willen!“, meinte Marita. „Was tun wir nur, wenn diese Kerle wieder auftauchen, irgendwo?“

„Wenn das der Fall ist“, sagte Beate ganz ruhig, „wenn ich ihn also wiedertreffe, ich würde ihn umbringen. Ich würde ihn mit einem Stein erschlagen. Ich würde sonst etwas tun, ganz gleich, was danach ist. Aber er würde es nicht überleben, das schwöre ich dir. Dieser gemeine Schuft! Dieser Mistkerl!“

Marita nickte nur. Und dann sagte sie: „Am Ende bist du noch die Dumme. Wir haben nur noch drei Tage. Dass uns das passieren musste! Es ist ein so schöner Urlaub gewesen. Menschenskind, heute Abend wird Dieter ...“

Wieder war es der Name, der in Beates Seelenleben einen erneuten Zusammenbruch auslöste. Abermals schluchzte sie, brach regelrecht zusammen, und die Freundin hatte Mühe, Beate zu stützen.

„Ich möchte sterben“, keuchte Beate. „Einfach weg, dann ist alles vergessen.“

„Hör zu, Beate, so geht es nicht!“, mahnte Marita. „Du musst dich einfach zusammennehmen. Wir sind heute Abend mit ihm und Hans zusammen und ...“

Beate schüttelte den Kopf. „Nein, das ist einfach unmöglich. Ich kann mich nicht verstellen! Ich kann ...“

„Aber Menschenskind, es ist so schön mit den beiden gewesen.“

„Ich will die Nacht nicht mit ihm verbringen. Ich will mit keinem Kerl mehr die Nacht verbringen. Hörst du, Marita? Ich kann sie alle nicht mehr sehen! Irgendwie steckt das wohl in jedem. Sie sind alle gleich.“

„Du bist wahnsinnig! Du kannst doch Dieter nicht mit diesen Wilden vergleichen!“

„Manchmal hat er auch so etwas Brutales an sich. Neulich, da hat er genauso vor mir gestanden wie der. Wenn sie eben so nackt sind, mit diesen vielen Haaren am Körper. O Marita! Wenn ich ihn eines Tages wieder so sehe, dann muss ich an das denken, was mir da passiert ist. Ich muss daran denken und ...“

„Du bist verrückt! Es ist vielleicht wirklich besser, wir sagen, dass du krank bist, dass du dich nicht wohl fühlst. Du legst dich ganz einfach ins Bett, und Dieter muss es begreifen. Er wird dich besuchen wollen. Ja, natürlich, das wird er ganz sicher tun.“

„Dann soll er es tun. Nein! Ich will ihn nicht sehen. Ich will überhaupt keinen von denen sehen. Ich kann keinen mehr sehen! Ich ...“

Sie schluchzte erneut.

„Also gut. Nimm dich jetzt zusammen, wir müssen weiter! Wir kommen überhaupt nicht vorwärts. Wir treiben noch ab. Wenn wir im Hotel sind, legst du dich hin. Ich lasse dir das Essen aufs Zimmer bringen. Ich kümmere mich um alles. Aber tu mir den einen Gefallen und mach jetzt mit, dass wir endlich vorankommen.“

Beate nahm alle Kraft zusammen, obgleich sie am liebsten über den aufgeblasenen Wulst des Schlauchbootes gekrochen wäre, um sich ins Wasser fallen zu lassen. Um einfach zu versinken und nie wieder aufzutauchen. Sie schämte sich maßlos. Vor Marita und ganz besonders vor Dieter, mit dem sie hierher gefahren waren. Mit ihm und mit Hans, dem Freund von Marita.

Früher war das mit Dieter nur ein Verhältnis gewesen. Hier im Urlaub hatte sich mehr daraus entwickelt. Sie hatten von Heirat gesprochen. Aber nun, so sagte sich Beate, ist es aus. Es ist einfach vorbei mit allen Männern. Ich müsste bei jedem wieder an dieses Erlebnis denken. Ich könnte es nicht vergessen. Nie!

„Du wirst über alles hinwegkommen“, sagte Marita tröstend. „Die Zeit heilt alle Wunden. Nur reden dürfen wir nicht darüber. Wenn dir danach ist, dann sprich mit mir, aber mit niemand anderem. Hörst du? Vor allen Dingen nicht mit Dieter. Kein Mann versteht das. Für den bist du dann wie eine Aussätzige. Wenn du vor dem einen Freund gehabt hast, das schlucken sie. Aber eine Vergewaltigung ... Sprich nie darüber, hörst du?“

„Ich will nie mehr einen Mann sehen! Nie mehr, hörst du? Nie mehr!“, rief Beate schluchzend.

„Das ist Quatsch! Das ist nur, weil es eben passiert ist. In drei Wochen denkst du schon ganz anders darüber. So etwas vergisst du doch. Mein Gott, es ist dir sonst nichts geschehen. Wenn er dich nicht irgendwie angesteckt hat, weil er krank war ...“

Schon der Gedanke löste bei Beate eine neue Tränenflut aus. Aber schließlich wurde Marita so barsch, schrie sie richtig an, doch nun endlich zu rudern, dass Beate zugriff. Die Notwendigkeit, mit dem Paddel zu arbeiten, wurde für sie schon deshalb zwingender, weil ein ablandiger Wind aufkam, der das leichte Schlauchboot hinaus aufs Meer zu treiben drohte.

„Wir müssen sehen, dass wir endlich an Land kommen! Nun mach schon!“, trieb Marita die Freundin an. Und Beate gab sich Mühe. Es half ihr tatsächlich, eine Weile nicht an all das zu denken, was sie so grausam quälte.

 

 

2

Es war schon spät. Im Zimmer brannte kein Licht. Mondschein fiel durch die großen Scheiben auf die Betten. Marita saß am Rand des Bettes, in dem ihre Freundin Beate lag.

„Eine Hitze ist das“, stöhnte Marita und zog ihr Kleid aus. „Er wollte natürlich noch etwas von mir. Kannst du dir denken. Aber ich hab’ ihn abgewimmelt. Du brauchtest mich, hab’ ich gesagt. Da hat er aufgegeben. Das würde mir heute noch fehlen. Wenn ich nur daran denke, wird mir schon speiübel. Und du erst!“

„Hast du Dieter gesehen?“, fragte Beate leise.

„Natürlich. Am liebsten wäre er mit mir zu dir herauf. Ich konnte es ihm mit viel Mühe ausreden.“

„Ein Glück, dass wir die Zimmer getrennt haben. Er wollte ja, dass wir uns wie ein Ehepaar ...“

„Da sähest du jetzt fein aus“, meinte Marita. „Wie geht es dir überhaupt?“

„Beschissen. Ich habe einmal nachgedacht. Hoffentlich bleibt da nichts.“

„Wie? Meinst du doch, dass er krank war?“

„Nein, nein, das nicht. Ich hab’ doch keine Pille genommen.“

„Was hast du nicht? Keine Pille?“

„Ich hab’ es vorgestern vergessen. Ich hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht. Aber vorhin, als ich nachzählte ...“

Marita schlug sich vor die Stirn. „Du musst verrückt sein! Wie kannst du das nur vergessen? Du bist wahnsinnig! Weißt du, was das heißt? Dann ist der Schutz dahin. Nur einmal vergessen, und schon ist alles umsonst. Aber vielleicht hast du Glück.“

„Ich weiß nicht. Mir ist auch so komisch. Weißt du, das ist jetzt meine größte Angst.“

„Aber da kann man doch etwas tun, zum Teufel! Spülen oder so.“

„Hab’ ich auf dem Bidet alles schon gemacht. Ist doch viel zu spät. Das hätte man gleich tun müssen. Und überhaupt, selbst da ist es nicht sicher.“

Marita nickte. „Da hast du Recht. So ein Mist! Das fehlte gerade noch.“ Dann lachte sie. „Ach, du bist doch ein Glückspilz! Vielleicht ist gar nichts. Ich glaube, es wäre schlimmer, wenn er dich irgendwie angesteckt hat, wenn er krank ist und so. Man sollte diesen Kerl wirklich erwischen. Es ist ja das, worauf sie reisen: dass man sie nicht anzeigt. Die kommen immer wieder davon. Wer weiß, bei wie viel Touristinnen der das schon gemacht hat. Meinst du, der war ein Franzose?“

„Ich will es gar nicht wissen. Ich will ihn nicht wiedersehen. Und ich will auch nie mehr hierherkommen. Am liebsten möchte ich heute Nacht noch wegfliegen. Aber es geht ja nicht. Der Flug ist ja für übermorgen gebucht. Und ich hatte mir alles so schön vor gestellt. Bis jetzt ist es auch schön gewesen. Und dann so etwas. Das hätte ich mir nie träumen lassen.“

„Ach was. Es wird auch wieder schön“, prophezeite Marita. „Allmählich vergisst du das doch. Meinst du, für mich wäre es so einfach gewesen? Natürlich, ich bin besser weggekommen als du. Aber einen Schreck haben die mir auch eingejagt, einen furchtbaren Schreck. War wenigstens das Essen gut?“ Sie warf einen Blick auf das Tablett mit dem Teller und den beiden Schüsseln. „Du hast ja kaum etwas gegessen.“

„Wenn du willst, kannst du es haben. Ich hatte keinen Appetit.“

„Mir ist er auch vergangen“, entgegnete Marita. Sie ging um die Betten herum und warf sich auf das ihre, streckte sich aus und seufzte. „Dass die Kerle so gemein sein können. Aber die müssen da oben irgendwo in den Felsen gesteckt haben. Sicher schon, als wir gekommen sind. Und ich hatte gedacht, dort gäbe es überhaupt keinen einzigen Menschen.“

Beate schüttelte den Kopf. „So was von Wahnsinn! Einfach über eine Frau herzufallen. Meinst du nicht, dass es irgendwie in jedem Manne steckt? Manchmal denke ich, Dieter könnte genauso sein, und Hans auch.“

„Hans nie!“, widersprach Marita. „Der kann doch keiner Fliege was zuleide tun. Das ist es ja, was ich an ihm mag. Er ist ein richtig feiner Kerl. Und trotzdem. Als er so drängelte heute Abend, hätte ich ihn am liebsten von mir gestoßen. Ich musste immerzu an diese beiden Kerle denken. Und der Schwarze, der ist ja noch anständig gewesen. Wirklich anständig. Als der mich so ansah, da hatte ich das Gefühl, der ekelt sich plötzlich vor mir. Der hat sich umgedreht und ist weggelaufen. Damit hab’ ich überhaupt nicht gerechnet. Aber es war eine kolossale Erleichterung, dass er das getan hat. Der andere hat ihn ausgeschimpft. Soviel französisch verstehe ich doch. Ja, geschimpft hat er ihn.“

„Ich habe nichts gehört“, sagte Beate. „In mir war alles wie tot. Ein Teil von mir ist jetzt noch tot. Mich ekelt auch. Ob ich an Dieter denke oder an dieses Ungeheuer am Strand.“

Marita stützte sich auf, legte ihre Hand auf Beates Stirn und sagte sanft: „Ach Liebchen, das wird doch alles wieder gut. Übermorgen geht es wieder nach Hause, und mit der Zeit vergisst du alles. Nur einen Fehler darfst du nie machen: Du darfst nicht darüber reden. Mit keinem. Wirklich nicht. Es wäre das Dümmste, was du tun kannst. Ich hab’ mir alles überlegt. Obwohl es mir in den Fingern juckt, die Polizei zu verständigen, damit solche Kerle gefasst werden. Aber letztendlich haben wir nichts davon. Gar nichts. Wir kommen einfach nie mehr hierher, verstehst du? Dann ist das vergessen und vorbei, wenn die Maschine vom Boden abhebt.“

„Hoffentlich hast du recht. Hoffentlich ist es dann wirklich vergessen und vorbei.“

„Ach Liebchen“, meinte Marita, „du musst nicht so pessimistisch sein. Wenn wir erst wieder in unserem Ministerium sitzen, sieht die Welt schon ganz anders aus. Und mit Dieter kommst du doch wieder ins Reine. Das ist doch nur auf die ersten Stunden, die du so empfindest. Sag ihm doch ganz einfach, du hättest deine Tage. Dann lässt er dich doch in Frieden.“

„Nach zwölf Tagen meine Tage?“

„Na ja, du sagst eben, dir ist das mit der Pille passiert, und nun geht alles durcheinander. Die meisten Männer wissen doch gar nichts davon.“

„Hast du eine Ahnung. Dieter ist doch schließlich OP-Techniker. Meinst du, der wäre blöd? So etwas weiß der.“

„Von mir aus. Die Hauptsache ist, Liebchen, dass du alles vergisst. Dass du diesen ganzen Kram los wirst.“

„Weißt du, was ich denke? Am liebsten möchte ich mich betrinken. Einfach vergessen. Jetzt, wo ich hier liege, wird alles noch schlimmer. Ich spüre diesen ekelhaften Kerl regelrecht noch. Ich rieche ihn, ich höre ihn. Dieses Vieh!“

„Es ist gut, dass du darüber reden kannst. Dann wirst du den Mist am ehesten los. Es ist wirklich ein unheimlich gemeiner Kerl gewesen. Eigenartig, dass der andere gar nicht so war. Dem hätte ich es viel eher zugetraut.“

„Wieso?“ fragte Beate. „Weil er ein Schwarzer ist?“

„Vielleicht. Denen traut man immer so etwas zu. Aber der ist gar nicht so gewesen.“ Marita lachte plötzlich. „Ich hatte sogar das Gefühl, dass er Angst hatte. Angst vor mir; vielleicht auch war es wirklich Ekel, vielleicht hat er sich auch geschämt. Jedenfalls ist er weggelaufen. Ich denke, der hat am Ende das alles gar nicht richtig gewollt. Womöglich hat ihn sein Kamerad angestiftet. Meinst du, die wären wirklich von der Fremdenlegion gewesen? Am liebsten würde ich hingehen. Zu einem Offizier; würde dem das sagen. Die erkennen wir doch wieder, oder nicht? Was glaubst du, was denen passiert?“

„Ich weiß nicht. Mein Vater hat mir mal erzählt“, sagte Beate, „als er Soldat gewesen ist, da soll wohl auch mal so etwas passiert sein, und das betreffende Mädchen ist dann zum Kompaniechef gegangen, und der hat die ganze Einheit antreten lassen. Aber alle mit Stahlhelm und Gefechtsausrüstung, verstehst du? Da sehen sie sich alle gleich, einer wie der andere. Und dann sollte das Mädchen den heraussuchen. Sie hat ihn nicht gefunden. Aber ganz sicher war er einer von denen, die da antreten mussten. So haben sie das früher gemacht. Die Männer halten alle zusammen, weißt du das nicht?“

„Das ist Unsinn. Ich hab’ das auch mal zu Hans gesagt. Er hat gelacht. Wenn es so wäre, meint er, gäbe es gar keine Kriege, würden sich Männer auch nie prügeln und nie aufeinander schießen. Es ist wirklich Unsinn. Sie halten nicht alle zusammen. Das kommt uns Frauen nur so vor. Komischerweise denken die Männer von den Frauen dasselbe. Alles Vorurteile. Und weißt du was, Liebchen? Du solltest jetzt versuchen zu schlafen. Nur diese verdammte Hitze! Wenn doch wenigstens ein wenig Wind ginge. Am Strand, da ist er immer, aber hier im Hotel ...“

„Ich wünschte nur, du hättest Recht, dass wir alles vergessen können, wenn wir hier wegfliegen, und dass nichts mehr davon übrigbleibt“, meinte Beate. „Hoffentlich hast du recht, hoffentlich!“

 

 

3

Er hätte ein Bauer, ein Seemann oder ein Förster sein können. Ein Mann, der kräftig zupacken kann, an seinen derben Händen gemessen.

Und in dessen Gesicht Wind und Wetter ihre Runen gegraben hatten. Aber Dr. Schatz war Ministerialrat im Landwirtschaftsministerium, galt dort als Experte für Schafzucht und wartete im übrigen auf seine Pensionierung. Die war in einem Jahr. Insgeheim zählte er schon die Tage.

Sehnsüchtig blickte der alte, derb wirkende Mann zum Fenster hinaus über die Wipfel der Kastanien hinweg zu den vor dem Winde segelnden Wolken. Er war ein Mann, der am liebsten im Freien lebte. Und er hoffte, dass er dies nach seiner Pensionierung auch tun konnte. Er dachte an das kleine Anwesen, das er in Süddeutschland besaß, und seine Gedanken träumten von den grünen Wiesen, dem Duft des Klees, von den Bergwipfeln, als ihn die Stimme von Marita Czernik aus seinen Gedanken riss.

„Herr Doktor, ich glaube, wir müssen uns um Fräulein Höll kümmern. Es geht ihr nicht gut; ihr ist schlecht geworden. Kann ich sie nicht ...“

Konsterniert blickte er die junge, rotblonde Frau an. „Was ist, Fräulein Czernik? Was sagen Sie?“

Sie merkte, dass er in Gedanken versunken gewesen war. „Fräulein Höll ist es schlecht. Sollten wir sie nicht nach Hause bringen? Sie fühlte sich nicht gut.“

„Das war doch gestern auch schon mal, gestern früh.“

„Jetzt wieder“, meinte Marita Czernik hilflos.

„Warum kommt sie dann?“

„Früh hat sie sich wohl gefühlt, aber als sie dann hier war ...“

„Nun gut, dann bringen Sie sie nach Hause. Und sie soll erst wiederkommen, wenn es ihr richtig gut geht. Verdammt noch mal! Ich brauch’ euch zwar alle hier, und Arbeit haben wir genug, aber was nicht geht, das geht nicht.“

„Gut, Herr Doktor. Ich mach’ das dann gleich.“

„Ist da auch jemand, der sich um sie kümmert? Und überhaupt, haben Sie eine Ahnung, wovon das kommt? Irgendeine Frauengeschichte, oder ...“ Er sah Marita forschend an. „Sie wird doch nicht schwanger sein? Diese morgendliche Übelkeit, ist das nicht ein typisches Symptom? Wissen Sie, ich habe fünf Kinder. Die sind zwar alle längst erwachsen, aber so vergesslich, dass ich mich nicht an jene Zeit erinnern könnte, als meine Frau sie unterm Herzen trug, bin ich ja nun doch nicht.“

„Ich glaube nicht, dass Sie da Recht haben, Herr Doktor. Das kann ich einfach nicht glauben!“, meinte Marita in einem Anflug von Empörung. So, als sei das ein herabsetzender Vorwurf, den Dr. Schatz da eben gemacht hatte.

„Na ja, nun regen Sie sich nicht gleich auf. Es war nur so ein Gedanke. Ist ja auch nichts Ehrenrühriges, wenn eine Frau ein Kind kriegt, oder?“

„Sie ist schließlich nicht verheiratet.“

„Das sagt ein junger Mensch wie Sie?“ Er schüttelte missbilligend den Kopf. „Man muss nicht verheiratet sein, um ein Kind zu bekommen. Früher, da war das ein Makel, aber heute? Wer fragt denn heute noch danach? Und es ist auch höchste Zeit, dass die Menschen nicht mehr mit dem Finger auf eine Frau zeigen, die unverheiratet ein Kind bekommt.“

Er hat ja Recht, dachte Marita. Ich hätte das gar nicht sagen sollen, war richtig dumm von mir. Und sie meinte: „Ich habe das nicht so ausdrücken wollen. Also ich bringe sie jetzt nach Hause, Herr Doktor. Ich komme dann gleich zurück.“

Er stand auf, wuchtete sein Schwergewicht aus dem Sessel und kam um den Schreibtisch herum. „Vielleicht muss sie auch zu einem Arzt“, meinte er und ging an Marita vorbei, durch die Tür hinaus ins Sekretariat, wo die beiden jungen Frauen ihren Arbeitsplatz hatten. Hinten in der Ecke war das Waschbecken. Leicht vorgebeugt stand Beate davor. Eine Locke ihres Haares hing ihr in die Stirn. Sie richtete sich auf, wandte sich dem eintretenden Dr. Schatz zu, und der erkannte, dass Wasserperlen in ihrem Gesicht schimmerten. Offensichtlich hatte sie sich zu erfrischen versucht. Sie sah bleich aus. Tiefe Ringe lagen unter ihren Augen.

„Was haben Sie nur? Sollten wir Sie nicht besser zu einem Arzt schaffen?“, fragte er besorgt, fast väterlich.

Beate schüttelte den Kopf. „Nein, nein, nicht nötig. Es geht ja ... es geht ja schon viel besser“, erwiderte sie, aber es klang apathisch. Und er hörte aus ihrer Stimme die Schwäche heraus.

Er trat neben sie, legte ihr den Arm um die Schultern und sagte wie ein Vater zu seinem Kind: „Aber Mädchen! Man sieht es Ihnen doch an der Nasenspitze an. Sollen wir nicht doch zu einem Arzt gehen? Vielleicht ist es etwas Ernstes?“

„Nein, nein. Es ist ... es ist nichts weiter. Es wird schon wieder gut.“

Er nahm den Arm von ihrer Schulter, blickte Marita an und sagte: „Dann fahren Sie sie bitte nach Hause!“ Er wandte sich wieder Beate zu: „Kommen Sie aber erst, wenn Sie richtig gesund sind. Ich hoffe, in drei Tagen geht es Ihnen besser. Meist braucht der Mensch drei Tage, um irgendein Tief zu überwinden. Das meiste regelt der Körper von allein. Gute Besserung!“

„Ich komme wieder, sobald es geht“, versprach Beate. Und dann war ihr mit einem Male, als drehe sich die ganze Welt um sie. Ihr wurde plötzlich so weich in den Knien, und dann zog sich ein schwarzer Vorhang vor ihre Augen. Sie hatte noch das Gefühl, in eine daunenweiche Tiefe zu stürzen, spürte dann einen Arm, der sie auffing. Dann war sie ohnmächtig.

Dr. Schatz hatte im ersten Augenblick Mühe, das Mädchen zu halten. Marita sprang herbei, und zu zweit ließen sie die Ohnmächtige auf dem Sessel nieder. Aber dieser Schreibmaschinensessel war wacklig, unsicher.

„Man sollte eine Couch haben. Aber über so was verfügen wir ja nicht. Am besten, Sie rufen den Arzt“, sagte Dr. Schatz. „Wir haben doch einen hier, oder …“

„Ich weiß gar nicht. Ich müsste im Telefonverzeichnis nachsehen", erklärte Marita aufgeregt.

Da schlug Beate die Augen wieder auf. Einen Augenblick sah sie verwirrt auf Dr. Schatz, riss die Augen dann weit auf und machte ein Gesicht, als wollte sie schreien. Doch dann entspannte sich ihre Miene, sie schluckte, wollte etwas sagen, aber brachte keinen Ton heraus.

Marita, die das beobachtet hatte, ahnte instinktiv, was in Beate vorgegangen war. Offensichtlich schien die Freundin eine schreckliche Vision gehabt zu haben. Aber dann war ihr doch noch rechtzeitig aufgegangen, dass Dr. Schatz vor ihr stand und nicht jener Mann in der Bucht, damals vor sechs Wochen.

„Wir brauchen einen Arzt. Bleiben Sie ganz ruhig. Wir werden einen Arzt rufen, dann wird alles gut“, sagte Dr. Schatz.

„Nein“, stöhnte Beate, „keinen Arzt. Ich will nur nach Hause. Bitte, keinen Arzt.“ Sie streckte ihren rechten Arm in Maritas Richtung aus, so als sollte die Freundin zufassen und sie vom Stuhl hochziehen. Marita tat es auch. Aber Beate hatte ziemliche Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Doch von einer Sekunde zur anderen ging es besser.

„Soll ich dich wirklich nach Hause bringen, Liebchen? Wäre es nicht besser, wir holten wirklich einen Arzt und ...“

„Es wäre tatsächlich besser“, riet Dr. Schatz.

„Nein, nein. Es geht schon, es geht schon“, beharrte Beate.

Marita brachte sie nach unten. Im Lift wäre Beate fast noch einmal ohnmächtig geworden, und Marita war froh, sie schließlich heil ins Auto zu bekommen. Sie machte beide vorderen Fenster auf, damit die Frischluft Beate anregen sollte. Langsam fuhr sie vom Parkplatz herunter. Aber erstaunlicherweise ging es Beate zusehends besser. Die Autofahrt belastete sie offensichtlich überhaupt nicht.

„Sag mal, weißt du, was Schatz dachte?“, fragte Marita und warf einen kurzen Blick zu Beate hinüber.

Beate antwortete nicht. Sie starrte nach vorn durch die Scheibe und hatte beide Hände um den Gurt gekrallt.

„Er dachte tatsächlich, du könntest schwanger sein. Aber wovon kommt diese Übelkeit tatsächlich?“

„Vom Schwangersein“, sagte Beate mit nahezu tonloser Stimme.

Das Motorengeräusch war zu laut, als dass Marita es richtig verstanden hätte. „Was sagst du?“, fragte sie.

„Dass ich schwanger bin.“

Fast wäre Marita voll auf die Bremse gestiegen. An der Ampel, die Rot zeigte, hielt sie an und sah auf Beate. „Schwanger? Hast du gesagt, dass du schwanger bist?“

Neben dem Auto hielt ein Radfahrer. Durch das offene Fenster hatte er es gehört, beugte sich nach unten und blickte interessiert auf die beiden Frauen.

Beate hatte es bemerkt und gab keine Antwort. Aber nun zeigte die Ampel Grün, und sie fuhren weiter. Vorbei an dem Radfahrer, der mit offenem Mund in den Wagen blickte.

„Musst du gleich so losschreien?“, sagte Beate vorwurfsvoll. „Ich bin schwanger. Ich habe dir gesagt, dass ich schwanger bin. Und davon kommt die Übelkeit; es ist keine Krankheit. Aber verdammt unangenehm ist es.“

„Schwanger. Meinst du, es ist ...“

„Es kann von Dieter sein, und es kann von diesem Untier sein. Ich weiß es nicht. Ich habe nur einmal vergessen, die Pille zu nehmen. Es könnte genauso gut von Dieter sein. Er hat sich nie vorgesehen, warum sollte er auch? Und danach haben wir’s nicht mehr getan.“

„Bis heute nicht?“

Beate schüttelte den Kopf. „Nein. Es ist auch ziemlich aus zwischen uns. Er glaubt mir die Gründe einfach nicht mehr, die ich ständig erfinde. Und er spürt auch die Ablehnung. Schon wenn er mich umarmt. Auch vorhin, als Doktor Schatz mich festgehalten hat, wo ich vorher ohnmächtig gewesen war. Als ich zu mir kam, dachte ich doch, dieser Kerl ist wieder da. Aber es war Doktor Schatz. So geht es mir jedes Mal, wenn Dieter mich anfasst. Du glaubst gar nicht, was das für mich bedeutet. Welche Überwindung es mich kostet, mich von ihm anfassen zu lassen. Aber mehr ... mehr könnte ich nicht ertragen. Wenn er mich küsst, dann geht es noch. Doch wenn er seine Hände an meine Arme legt, dann durchfährt es mich wie ein Stich. Oder wenn er seine Brust gegen meine presst, dann ist das genauso wie in der Bucht, als dieses Vieh sich auf mich gestürzt hat. Nein, wir sind nie mehr zusammen im Bett gewesen. Ich habe nicht mehr mit ihm geschlafen. Ich könnte es nicht überstehen. Ich würde wahnsinnig dabei. Es hat mit Dieter nichts zu tun. Es würde mir bei jedem anderen genauso ergehen. Und ich bekomme ein Kind.“

„Das ist ja eine schöne Neuigkeit“, stieß Marita hervor. „Das hat uns gerade noch zu unserem Glück gefehlt.“

„Zu unserem? Zu meinem.“

„Was willst du tun? Willst du es bekommen oder abtreiben?“

„Ich möchte dieses Kind bekommen, wenn es von Dieter ist. Und selbstverständlich möchte ich es abtreiben, wenn es von diesem Kerl ist.“

„Woher willst du das wissen? Wie willst du das vorher feststellen?“

„Aber das muss man doch feststellen können“, erklärte Beate. „Irgendwie muss das doch möglich sein. Durch eine Blutprobe oder so etwas.“

„Wie wollen die eine Blutprobe nehmen von dem Embryo in deinem Bauch?“

„Ich weiß nicht. Aber das muss doch möglich sein: Man muss es doch feststellen können.“

„Ich habe keine Ahnung, ob das möglich ist“, meinte Marita. „Bist du schon bei einem Arzt gewesen? Hast du Gewissheit?“

Beate schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hab’ einen Schwangerschaftstest gemacht. So einen Eva-Test, weißt du? Und der ist positiv ausgefallen. Ganz einwandfrei.“

„Ich würde aber mal zum Arzt gehen. Das ist doch unheimlich wichtig.“

„Will ich auch. Ich gehe zum Arzt. Dieter hat schon lange gesagt, ich soll zum Arzt gehen, aber aus ganz anderen Gründen. Ich habe ihm erzählt, ich hätte Blutungen und Ausfluss, und deshalb könnte er nicht zu mir kommen. Es ist das einzige, womit ich ihn von mir abhalten kann. Er hat immer wieder erzählt, ich sollte unbedingt zum Arzt. Und ich habe gesagt, ich sei schon beim Arzt gewesen. Ich befände mich in Behandlung. Aber es stimmt nicht.“

„Du schwindelst ihm ganz schön etwas vor. Aber du hast Recht: Er darf nie erfahren, was passiert ist.“

„Das darf er wirklich nicht“, bestätigte Beate.

Sie hatten jetzt die Straße erreicht, wo Beate wohnte. Sie hatte ein Zimmer bei einer Tante.

„Deine Tante wird sicher deinen Eltern berichten, und lange lässt sich das nicht mehr verheimlichen“, meinte Marita. „Hast du das einmal überlegt?“

„Hab’ ich auch. Die Tante gibt sich Mühe, nett zu sein. Sie umsorgt mich wie eine leibliche Mutter. Sie hat ja selbst keine Kinder gehabt, sich aber immer welche gewünscht. Und ausgerechnet sie ist unverheiratet geblieben.“

„Sag mal“, fragte Marita, „zu welchem Frauenarzt gehst du eigentlich? Wir haben nie darüber gesprochen.“

„Ich bin immer in die Paul-Ehrlich-Klinik gegangen. Das sind doch nur zweihundert Meter von hier. Die haben eine gynäkologische Abteilung. Zuletzt hat mich der Oberarzt behandelt. Doktor Mittler heißt er; ein netter Mann. Was mir da gefällt, dass sie gar keinen Unterschied zwischen Privatpatienten und Kassenpatienten machen. Sie sind wirklich in Ordnung. Ich will sehen, dass ich morgen hingehe. Aber erst brauche ich einen Termin.“

„Wenn ich zu meinem Frauenarzt gehe, dann muss ich mich möglichst zwei Monate vorher anmelden“, meinte Marita. „Und du glaubst, dass du einen Termin bekommst, morgen schon?“

„Ganz sicher. Bis jetzt hat es immer geklappt.“

„Hoffentlich stimmt es gar nicht, was du dir einbildest. Vielleicht bist du gar nicht schwanger, und deine Übelkeit kommt von etwas ganz anderem“, meinte Marita.

Beate schüttelte den Kopf. „Nein, nein, da bin ich sicher. Ganz sicher.“ „Paul-Ehrlich-Klinik hast du gesagt?“, fragte Marita nachdenklich. „Da ist doch Dieter auch, nicht wahr?“

„Ja, ja. Aber in der Chirurgie. Er arbeitet ja als OP-Techniker, das weißt du doch.“

„Darunter kann ich mir gar nichts vorstellen. Was macht er da nur? Komischerweise haben wir darüber auch noch nie gesprochen. Im Urlaub ist soviel erzählt worden, aber davon war nie die Rede.“

„Er spricht nicht gerne von seiner Arbeit. Er macht sie gerne, sehr gerne sogar. Aber er redet selten darüber. Operationssaal – davon gibt es ja nicht nur Schönes zu berichten. Kann man sich ja denken. Er bedient alle möglichen Geräte. Er hat es noch nicht mal mir erzählt. Aber es ist wohl ganz schön verantwortungsvoll.“

Marita hatte angehalten und sah Beate an. „Es geht dir wieder ganz gut, sehe ich. Du hast sogar Farbe im Gesicht. Kommst du alleine hinauf, oder soll ich dich begleiten?“

Beate schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Es ist besser, wenn ich allein gehe. Die Tante regt sich unnötig auf.“ Beate lächelte „Also mach es gut und sage noch nichts zu Doktor Schatz.“

„Ich denke gar nicht daran. Und Dieter? Wirst du es ihm sagen?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht“, entgegnete Beate nachdenklich. „Wenn ich nur wüsste, von wem dieses Kind ist. Von Dieter oder von diesem Rohling. Es wäre furchtbar, wenn es nicht von Dieter ist.“

„Dann frag doch diesen Arzt gleich einmal, ob man so etwas nicht jetzt schon feststellen kann. Vielleicht sagt er es dir.“

„Ich weiß nicht, ob ich es fertigbringe, so eine Frage zu stellen“, erklärte Beate.

„Aber irgendwen wirst du fragen müssen. Sonst ist es zu spät. Du willst es doch nicht in jedem Fall wegmachen lassen!“

„Nein. Ich habe Angst, dass ich dann womöglich gar kein Kind mehr bekommen kann. Und ich möchte so gerne Kinder. Genau wie meine Tante. Ich hatte schon als Teenager immer Angst, ich könnte womöglich keine Kinder bekommen. Irgend so eine fixe Idee von mir.“

„Aber man muss doch nach einer Abtreibung nicht gleich steril werden.“

„Man kann es aber. Es kann passieren“, meinte Beate.

„Na ja, passieren. Aber in der Regel doch nicht. Wenn es ordentlich gemacht wird.“

„Wenn das Kind von Dieter ist, dann möchte ich es behalten.“

„Und dann wirst du ihn heiraten?“

Beate schüttelte den Kopf. „Nein. Ich würde das Kind lieben, aber heiraten würde ich deshalb nicht.“

„Das begreife ich nicht. Du und Dieter, ihr liebt euch doch.“

„Bei mir ist etwas kaputt. Im Grunde ist es aus zwischen uns. Ich spiele Dieter etwas vor. Es fällt mir von Tag zu Tag schwerer. Ich bin eine miserable Schauspielerin. Ich möchte viel lieber so sein, wie ich empfinde. Ich möchte zeigen, was ich denke, auch ihm. Ich empfinde es als Betrug, was ich ihm da vorflunkere. Er denkt, es ist nur eine Phase. Er bildet sich schon ein, er hätte mich irgendwie falsch behandelt. Er tut mir leid, der arme Kerl. Er gibt sich solche Mühe. Er versucht mich aufzuheitern. Und ganz besonders glaubt er daran, dass ich wohl nicht genug von ihm bekommen hätte. Er bildet sich ein, und das ist das Wahnsinnige an der Situation, dass ich mehr von ihm erwartet hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Und immer dann, wenn er es mir jetzt zeigen will, was er für ein großartiger Bursche ist, dann überkommt mich diese Panik.“

„Aber Dieter ist dir doch immer ...“

„Ja, ist er früher. Verstehst du denn das nicht? Es hat nichts mit Dieter zu tun. Ich empfinde das jedem Mann gegenüber. Sobald nur einer auf mich zukommt, gerate ich schon in diese Panikstimmung. Dann glaube ich, dass sich das alles noch einmal wiederholen könne. Ich flippe regelrecht aus, ich drehe durch, verstehst du das nicht?“

„Und ob ich es verstehe. Aber irgendwann muss das doch vorbei sein. Weißt du, es klingt idiotisch, aber vielleicht solltest du mal daran denken, zu einem Psychiater zu gehen oder ...“

Beate lachte wütend auf. „Vorstellungen hast du! Als ob mir ein Psychiater helfen könnte. Was ich brauche, ist Zeit. Zeit und Ruhe. Am besten sollte ich irgendwohin gehen, sollte mich in ein Loch verkriechen, wo ich einfach keinen Mann sehe.“

„Aber du kannst dich nicht verkriechen. Das Leben geht weiter. Und wenn du das Kind haben willst, dann kannst du dich erst recht nicht verstecken.“

„Das ist es ja“, sagte Beate ernüchtert. „Nichts bleibt einem.“

„Dann lass das Kind doch wegmachen. Wenn du denen sagst, es ist eine Vergewaltigung gewesen und …“

„Du hattest mir doch geraten, ich soll mit niemandem darüber sprechen. Und außerdem hätten wir dann zur Polizei gehen müssen, die uns bestätigt, dass ich nach der Tat eine Anzeige erstattet habe. Das könnte mir jetzt helfen. Und ich weiß nicht einmal, ob es da wirklich helfen würde. Wenn ich es jetzt sage, glauben sie mir kein Wort. Die denken, ich will auf diese Weise das Kind loswerden. Ich werde diese Frage gar nicht stellen. Wenn es weg muss, dann fahre ich nach Holland oder nach England. Dort werden keine Fragen gestellt.“

„Dann fahr nach Holland oder England“, entgegnete Marita „und die Sache ist vom Tisch. Bis jetzt weiß ich es doch nur, oder?“

„Außer dir weiß es niemand, das stimmt.“

„Dann tu, was ich dir sage. Fahr nach Holland, lass das Kind wegmachen, und die Sache ist in Ordnung. Danach fühlst du dich besser.“

Beate schüttelte den Kopf. „Ich würde mich nicht besser, ich würde mich schlechter, ich würde mich abscheulich fühlen.“

„Weil du nicht weißt, ob es vielleicht Dieters Kind ist?“

„Genau das.“

„Ich verstehe dich nicht. Dieters Kind würdest du kriegen wollen; gleichzeitig erklärst du, dass du ihn nicht heiratest. Wie willst du das Kind aufziehen?“

„Mit Hilfe meiner Tante. Sobald es ginge, würde ich wieder arbeiten.“

Marita lachte zornig auf. „Als wenn das so einfach wäre! Da kann ich dir ein paar Fälle aus der Praxis nennen. Die haben es auch nicht geschafft. Wenn das Kind mal krank ist? Du kannst doch nicht dauernd vom Dienst wegbleiben. Die feuern dich!“

„Mein Kind hat immer Vorrang. Das könnte ich mir schon vorstellen.“

„Soll Dieter vielleicht Alimente zahlen? Der wird sagen, dass er bereit ist, dich zu heiraten. Aber Alimente? Die will der bestimmt nicht zahlen. Warum soll er auch?“

„Es geht nicht darum. Ich kann mein Kind auch allein groß bekommen, ohne Dieters Hilfe. Ich würde ihn nicht einmal darum bitten, mir zu helfen.“

„Du hast vielleicht jetzt komische Ansichten. Früher wärst du nicht auf solche verrückte Ideen gekommen. Was ist nur mit dir los?“

Beate schwieg, öffnete die Tür, stieg aus, beugte sich zu Marita herab und sagte nur: „Danke, Marita. Danke für alles.“ Dann schloss sie die Tür und ging über den sonnigen Fußweg zur Haustür hinüber. Dort drehte sie sich noch einmal um, lächelte schmerzlich, winkte Marita zu und verschwand dann im Haus.

 

 

4

Oberarzt Dr. Mittler fuhr sich mit der Linken übers blonde Haar, lächelte auf seine typische verlegen wirkende Art und sah auf Beate Höll herab. „Ganz eindeutig ein Grund zur Gratulation“, meinte er.

Beate lächelte zurück, ließ sich nicht anmerken, dass sie da eine ganz andere Meinung hatte. Sie empfand es nicht als ein Glück, schwanger zu sein. Und das genau hatte er ihr jetzt eindeutig bestätigt. Sie saß auf dem Stuhl, auf dem vor ihr schon so viele Patienten gesessen hatten. Die Untersuchung war längst vorüber, sie hatte sich wieder angekleidet und blickte erwartungsvoll den großen blonden Arzt an. Eine ganz bestimmte Frage lag ihr auf der Zunge, aber sie scheute sich, diese Frage auszusprechen.

So groß und so grob Dr. Mittler wirken mochte, im Grunde war er ein äußerst sensibler Mensch, und er spürte, dass seine Patientin durch irgend etwas bedrückt zu werden schien.

Er ging um den Schreibtisch herum, setzte sich ihr gegenüber, um nicht so respektgebietend vor ihr aufzuragen. Er beugte sich ein wenig vor, stützte die Ellenbogen auf die Tischkante und fragte: „Was haben Sie auf dem Herzen, Frau Höll? Ist dieses Kind vielleicht das, was man früher unehelich nannte? Ist es das?“

„Das trifft zwar zu“, erwiderte Beate ruhig, „aber das stellt für mich kein Hindernis dar. Ich habe eine ganz andere Frage. Sie mag verrückt klingen. Ich möchte von Ihnen wissen, ob es möglich ist, eine Vaterschaft festzustellen, wenn man das Kind noch im Leib trägt.“

Dr. Mittler war ein guter Menschenkenner. Und hier half ihm besonders seine äußerlich nicht erkennbare Sensibilität. Er spürte die Unsicherheit dieser Frau. Er ahnte, was sie da beschäftigte, und hätte ihr auf den Kopf zusagen können, warum sie diese Frage gestellt hatte. Sie hat, überlegte er, mit mehreren Männern geschlafen. Und nun weiß sie nicht, wer der Vater des Kindes sein könnte.

Was er nicht ahnen konnte, worauf er nie im Leben gekommen wäre, war das wirkliche Problem, das Beate so unter Druck setzte. An eine Vergewaltigung hätte er bei ihr nie gedacht.

Und sie beherrschte sich meisterhaft. Gespannt sah sie ihn an. Sie hatte Vertrauen zu ihm, aber zugleich empfand sie Scham. Auf der anderen Seite hatte sie in ihrem Leben immer alles Unerquickliche so rasch wie möglich hinter sich gebracht. Schon der Vater hatte sie gelehrt, dass es keinen Sinn hatte, Dingen auszuweichen, denen man letztendlich doch nicht entkommen konnte. Also war sie entschlossen gewesen, diese Frage zu stellen, ganz gleich, was dabei herauskam.

„Streng wissenschaftlich gesehen“, erklärte ihr Dr. Mittler, „ist das möglich. Man kann eine Blutentnahme durchführen. Man könnte es rein theoretisch auch jetzt schon tun. Das ist aber nicht ohne Risiko, ja, es sind sogar lebensbedrohliche Risiken, die da auftauchen. In anderen Worten: Man müsste länger warten, um das mit möglichst wenig Gefahr für Mutter und Kind durchführen zu können. Sprechen Sie ganz offen. Sagen Sie mir, um was es geht. Und ich will versuchen, es Ihnen zu erklären.“

Sie senkte den Kopf, blickte auf ihren Schoß, auf dem sie die Hände verkrampft gefaltet hielt. Ihm sagen?, dachte sie. Er ist an die Schweigepflicht gebunden, natürlich. Aber trotzdem. Er ist ein Mann. Ein Mann wie jener auch, der über mich hergefallen ist. Ein Mann, der so fühlt, wie alle Männer fühlen. Und der vielleicht Verständnis für jenen Mann hat, dem ich dieses Kind womöglich verdanke. Nein, ich glaube nicht, dass er mich richtig verstehen könnte. Ich glaube, das kann nur eine Frau, sagte sie sich. Ein Mann niemals. Die sind alle miteinander verbündet.

Sie versuchte, sich diese Klischeevorstellung auszureden, und trotzdem wusste sie, dass sie es nicht fertigbringen würde, Dr. Mittler die Wahrheit zu sagen.

„Ach, lassen Sie nur“, entgegnete sie. „Es war nur eine Frage.“ Jetzt sah sie ihn wieder an, und als er in ihre Augen blickte, wurde ihm sofort klar, dass sie nicht bereit war, darüber zu sprechen. Ein wenig ahnte er von alldem, aber eben nur ein wenig. Er sagte sich, dass da womöglich zwei Männer waren. Einer, den sie liebte, und der andere, mit dem sie sich, wie er dachte, verkracht hatte. Wie es tatsächlich war, darauf kam er auch jetzt nicht. Trotzdem hatte er sich dem Kern der Wahrheit schon erheblich genähert. Fast wollte er es ihr auf den Kopf zusagen, aber er ließ es. Warum, dachte er, soll ich diese Patientin in Panik versetzen. Warum soll ich ihr Vertrauen in mich zerstören. Nein, ich werde nichts sagen. Ich werde es einfach dabei belassen.

Er erhob sich, und sie stand ebenfalls auf. „Nun denn“, meinte er lächelnd. „Kommen Sie regelmäßig zu den Kontrolluntersuchungen. Meine Sprechstundenhilfe gibt Ihnen die Liste. Machen Sie am besten jetzt schon einen Termin. Bis dahin alles Gute für Sie!“

Er reichte ihr die Hand, sie schlug lächelnd ein; aber es war ein verkrampftes Lächeln, das entging ihm nicht. Und dann verließ sie das Zimmer. Mittler sah ihr noch kurz nach und musste anerkennen, dass sie eine hübsche Frau war. Schlank und rank, denn noch war von dem, was sie in ihrem Leib trug, nichts zu sehen.

Ein paar Sekunden lang dachte er noch an sie und ihren Fall, dann kam die Sprechstundenhilfe mit der nächsten Karte. Ein neues Schicksal breitete sich vor ihm aus.

 

 

5

Sie hatte die ganze Zeit gehofft, ihn nicht zu treffen. Aber der Zufall wollte es, dass er ihr regelrecht über den Weg lief.

Als sie Dieter erkannte, hatte er sie ebenfalls gesehen, und es war zu spät, um ihm irgendwie auszuweichen.

Er kam direkt auf sie zu. „Na endlich erwisch’ ich dich mal! Sag mal, was tust du hier?“

Sie sah den großen dunkelhaarigen Mann an wie einen Fremden. Obgleich ihr sein schmales Gesicht vertraut war mit all seinen Zügen, starrte sie es an, als habe sie es nie zuvor gesehen.

„Ich war beim Arzt.“

„Wegen dieser Ausflussgeschichte?“, fragte er leise. „Ich denke, du bist schon die ganze Zeit in Behandlung?“

„Bin ich auch“, behauptete sie.

„Mein Gott, wir unterhalten uns hier, als wärst du eine Nachbarin. Sag mal, können wir uns nicht einmal in Ruhe aussprechen? Ich habe gleich Mittagspause. Kannst du nicht mitkommen? Wir essen zusammen in der Kantine, in unserem Casino, wie es hochtrabend heißt. Hättest du nicht Lust?“

Sie musste an die vielen glücklichen Stunden denken, die sie mit Dieter zusammen verlebt hatte. Nein, sagte sie sich, ich kann ihn nicht einfach ablehnen.

„Also gut. Gehen wir gleich oder ...“

Details

Seiten
160
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929850
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492987
Schlagworte
florian winter band teil

Autor

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Titel: Dr. Florian Winter Band 13: Du bist ein Teil von mir