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Das Schicksal warnt nur einmal

2019 70 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Schicksal warnt nur einmal

Copyright

Schönheit auf Rezept

Hände weg von meinem Mann!

Eine entzückende Blondine

Liebe kommt oft wie der Blitz

Das Schicksal warnt nur einmal

Das Schicksal warnt nur einmal

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 70 Taschenbuchseiten.

 

- Auch wenn Rainer sie für die hübscheste Frau der Welt hält, findet Cornelia, dass ihre Nase schrecklich aussieht. Diese Kleinigkeit kann man doch korrigieren, ist Schönheitschirurg Cornelsen überzeugt. Doch dann bleibt es nicht bei der Kleinigkeit…

- Dass Albert seine Sekretärin nur aus beruflichen Gründen auf die Geschäftsreise mitnimmt, glaubt Andrea nicht. Dafür kennt sie ihren Mann zu gut. Aber dann soll er sie auch kennenlernen. Wie du mir, so ich dir…

- Erst dieser nervige Kunde, dem sie nichts recht machen kann, und dann auch noch ein Gewitter. Heute ist wirklich nicht Silkes Tag. Schadenfroh lässt sie den Mann im Regen stehen, bevor sie eine bessere Idee hat…

- Brittas Mann Bodo ist in letzter Zeit ein richtiges Ekel. Aber plötzlich ist er wieder liebevoll. Britta glaubt, den Grund zu kennen und fürchtet sich vor der Wahrheit…

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Schönheit auf Rezept

"Du bist noch nicht fertig, Schatz?" Rainer Fahlke streckte seinen Kopf durch den Türspalt und schüttelte ihn in komischer Verzweiflung. "Die Vorstellung beginnt in einer halben Stunde, und du weißt doch, wie schwierig es ist, noch in letzter Minute in der Nähe des Theaters einen Parkplatz zu finden."

Cornelia Reiter wandte sich seufzend um und lächelte verkrampft. Sie fühlte sich todunglücklich.

"Ich komme ja schon", sagte sie matt und erhob sich von dem Hocker. Sobald sie ihr Spiegelbild nicht mehr sehen musste, besserte sich ihre Stimmung. Leider nicht genug, um mit Rainer unbeschwert fröhlich sein zu können.

"Ist was?", erkundigte sich der junge Mann mit den lachenden Augen besorgt.

Cornelia versicherte, dass alles in Ordnung sei.

"Na, prima", freute sich Rainer. "Dann können wir ja jetzt fahren."

Sie verließen Seite an Seite das Haus und strebten dem wartenden kleinen Wagen zu. Jeder, der sie sah, fand dass sie ein hübsches Paar waren und sehr gut zueinander passten. Nur Cornelia war anderer Meinung.

Ein hübsches Paar? Sicher, Rainer sah sehr gut aus, und ihre Figur konnte sich eigentlich auch sehen lassen. Rainer behauptete sogar, sie habe die hübschesten Augen, die er je gesehen habe.

Von ihrer Nase sagte er nichts. Da hätte er lügen müssen. Sie war krumm und passte eher zu einer Hexe. Niemand konnte diesen hässlichen Makel übersehen.

Am wenigsten sie selbst. Jeden Morgen vor dem Spiegel hätte sie darüber Tränen vergießen können. Doch damit änderte sie schließlich auch nichts.

Sie fuhren zum Theater. Rainer musste sich auf den abendlichen Straßenverkehr konzentrieren. Ab und zu schielte er aber doch zu seiner Begleiterin hinüber, die ziemlich einsilbig neben ihm saß.

Er überlegte, womit er Cornelia gekränkt haben könnte. Da er sie liebte, suchte er die Schuld für eine verdorbene Stimmung für gewöhnlich zuerst bei sich selbst. Er hatte aber kein schlechtes Gewissen.

Vielleicht war es am besten, wenn sie nach dem Theater noch zum Tanzen gingen. Dabei verflog jede üble Laune.

Cornelia war zwar von dem Vorschlag begeistert, aber einen glücklichen Eindruck machte sie deswegen noch lange nicht. Wer verstand schon eine Frau?

Die Theateraufführung war mäßig. Cornelia begriff nicht, worüber Rainer so von Herzen lachte. Oder lag es an ihr?

Im 'New Life', einem Tanzlokal, das nicht ausschließlich für die Allerjüngsten gedacht war, vergaß sie vorübergehend ihren Kummer. Sie lag in Rainers Arm und schwebte über die Tanzfläche oder ließ sich von ihm zu heißen Rhythmen herumwirbeln.

Der Wein wurde warm. "Ich bin gleich wieder da", versprach Cornelia und verschwand in Richtung Waschräume. Das Kleid, das für derart extreme Bewegungen viel zu elegant war, klebte an ihrem Rücken.

"Hallo, Cornelia!", rief es fröhlich hinter ihr, als sie gerade die Handtasche öffnete, um ihre Renovierung in Angriff zu nehmen.

Im Spiegel erkannte sie Gerlinde und freute sich. Gerlinde war eine Freundin, auf die man sich verlassen konnte.

"Du auch hier?", entgegnete sie. "Wen machst du heute unglücklich? Volker? Oder ist diesmal Jörg an der Reihe?"

Die Schwarzhaarige lachte ausgelassen. "Die Entscheidung fällt erst nach Mitternacht", verriet sie. "Lass dich anschauen. Du bist ja ein Ereignis."

"Wie meinst du das?" Cornelia wurde misstrauisch. Sollte das eine Anspielung auf ihre gebogene Nase sein?

Die Freundin meinte etwas anderes. "Der sündhaft teure Fummel, den du da trägst, ist doch viel zu schade für diesen Schuppen."

"Wir waren im Theater", erklärte Cornelia. "Rainer und ich."

"Rainer, natürlich!", sagte Gerlinde augenzwinkernd. "Ihr geht also noch immer miteinander. Warum heiratet ihr eigentlich nicht endlich?"

Cornelia biss sich auf die Lippe. Als ob sie sich diese Frage nicht selbst schon oft genug gestellt hätte! Rainer behauptete, er wolle erst die bevorstehenden personellen Veränderungen in seiner Firma abwarten. Aber war das der tatsächliche Grund für sein Zögern?

"Wer heiratet schon eine wie mich?", flüsterte sie bitter.

Gerlinde erinnerte sich an den alten Kummer ihrer Freundin. Sie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

"Sie macht dir also noch immer zu schaffen? Dann begreife ich nicht, warum du dich so beharrlich weigerst, etwas dagegen zu unternehmen?"

Cornelia wehrte ab. "Schönheitsoperationen sind doch nur etwas für Millionärinnen."

"In welchem Jahrhundert lebst du denn?", tadelte die Freundin. "Heutzutage lässt man so etwas schon auf Krankenschein regulieren."

"Du machst Witze."

"Ich bin ein durch und durch ernsthafter Mensch", behauptete Gerlinde schmunzelnd. "Wenn die Kasse sich an den Kosten beteiligen soll, muss allerdings ein schwerwiegender Defekt vorliegen, der starke Depressionen verursacht. Das ist bei dir nicht der Fall. Dafür kommt der Eingriff aber auch nicht so teuer. Das müsstest du dir wert sein. Ich weiß einen Arzt, mit dem du dich einmal unterhalten solltest."

Schon bei früheren Gelegenheiten hatte Gerlinde sie von der Idee eines chirurgischen Eingriffs zu begeistern versucht. Cornelia konnte sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden. Vielleicht wurde dadurch alles nur noch schlimmer.

"Und wenn Rainer dann nichts mehr von mir wissen will?", gab sie zu bedenken. "Zumindest sollte ich vorher mit ihm darüber sprechen."

"Unsinn! Du bist doch erwachsen. Fragst du ihn denn jedes mal vorher um Erlaubnis, wenn du dir eine andere Frisur zulegen oder die neueste Modefarbe beim Nagellack ausprobieren willst?"

Cornelia fand, das sei schließlich etwas völlig anderes. Sie ließ sich aber vorsichtshalber die Adresse des Arztes geben, wenn sie auch nicht glaubte, dass sie jemals davon Gebrauch machen würde.

Rainer, mit dem sie gegen Gerlindes Rat einige Tage später darüber sprach, lachte sie aus und küsste sie stürmisch.

"Was dir einfällt, Schatz! Krumme Nase? Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Ehrlich! Ich liebe dich, so wie du bist."

Es tat wohl, diese Behauptung zu hören. Sie auch zu glauben, war eine andere Sache. Männer verstanden so charmant zu lügen.

Cornelia wollte nicht, dass Rainer ihretwegen lügen musste. Er sollte sich ihrer nicht schämen. So suchte sie, nachdem sie sich durch einige schlaflose Nächte gequält hatte, eines Tages Dr. Clemens Cornelsen auf.

Die Sprechstundenhilfe wollte sie wieder fortschicken. "Wenn Sie nicht angemeldet sind, hat es keinen Zweck zu warten. Wir sind restlos ausgebucht. Versuchen Sie es in drei Monaten wieder."

Fast war Cornelia über diesen Schicksalswink froh. Es sollte wohl doch nicht sein. Sie wandte sich ohne große Enttäuschung zum Gehen, als sich eine Tür öffnete und sie sich einem großen, breitschultrigen Mann gegenüber sah, der sie mit unwiderstehlichen Augen anlächelte.

"Wir kennen uns noch nicht, nicht wahr?" Seine Stimme hatte etwas ungemein beruhigendes, vertrauenerweckendes.

"Ich sagte Frau Reiter bereits, dass Sie in nächster Zeit keinen Termin frei haben", verkündete die Sprechstundenhilfe.

Dr. Cornelsen lächelte noch immer. Er stand jetzt dicht vor Cornelia und legte behutsam seine Hand unter ihr Kinn.

"Ich helfe Ihnen", stellte er ruhig fest. Und an seine Mitarbeiterin gewandt, erklärte er: "Irmi, streichen Sie die Konsulin. Sie geht auf Safari. Den Giraffen ist ihr Doppelkinn egal."

Er dirigierte Cornelia durch die Tür, und sie wusste plötzlich, dass sie alles tun würde, was dieser Mann von ihr verlangte. Er strahlte eine unglaubliche Sicherheit aus, während er begann, ihr die verschiedensten Fragen zu stellen.

"Sie haben Angst", vermutete er. "Das brauchen Sie nicht."

"Aber so eine Operation kann doch auch misslingen", gab Cornelia zaghaft zu bedenken. "Und dann sehe ich hinterher noch scheußlicher aus als jetzt."

"Sie sehen nicht scheußlich aus, Frau Reiter", versicherte der Arzt mit Nachdruck. "Aber nach der Behandlung werden Sie eine perfekte Schönheit sein."

Er legte ihr eine dicke Mappe voller Hochglanzfotos vor. Sie zeigten ungezählte Frauen vor und nach dem Eingriff.

Cornelia hielt den Atem an. Sie hatte nicht geglaubt, dass so etwas möglich war. Dr. Cornelsen musste wirklich ein Meister seines Faches sein.

Aber ein Meister pflegte sich seine handwerkliche Kunst angemessen bezahlen zu lassen. Das konnte sie sich bestimmt nicht leisten. Schließlich war sie keine Konsulin.

Dr. Cornelsen zerstreute lachend ihre Bedenken. "Ich liebe das Geld", gestand er. "Aber noch stärker zieht mich eine Frau wie Sie an. Als ich Sie draußen sah, war ich sofort fasziniert."

"Fasziniert? Von meiner Nase?"

"Von Ihnen. Sie sind etwas ganz Besonderes. Das habe ich vom ersten Augenblick an gespürt. Sie haben die Fotos gesehen und wissen, wer zu mir kommt. Meistens handelt es sich um Frauen, die ein chaotisches Leben führen und von mir verlangen, dass ich die unausbleiblichen Spuren wieder auslösche. Warum soll ich mir diesen Dienst nicht glänzend honorieren lassen? Ich wäre doch ein Narr. Die Ergebnisse sind auch durchweg zufriedenstellend, wovon Sie sich überzeugen konnten. Doch wirklich schön ist unter meinem Skalpell keine meiner Patientinnen geworden. Sie werden die Erste sein, denn Sie bringen alle Voraussetzungen dazu mit."

Cornelia bekam kalte Hände. Warum sagte er ihr solche Dinge? Gehörte das zu seiner Routine?

Er sprach annähernd eine Stunde mit ihr, und danach wunderte sich Cornelia, dass sie diesen Schritt nicht schon viel früher gewagt hatte. Es erschien ihr als die selbstverständlichste Sache auf der Welt.

Rainer war anderer Ansicht. Er hielt das Ganze nicht nur für eine Schnapsidee, sondern vor allem für ein unnötiges Risiko.

"Es ist doch verrückt, für diesen Kerl das Versuchskaninchen zu spielen", fand er ungehalten.

"Er ist kein Kerl", verteidigte Cornelia den Chirurgen, "sondern ein verständnisvoller Mann mit großer Erfahrung. Vor allem aber verlangt er keinen Cent für die Operation. Das finde ich hochanständig."

Diese Nachricht war Wasser auf Rainers Mühlen.

"Er operiert dich kostenlos?", vergewisserte er sich ungläubig. "Das kannst du mir nicht weismachen. Ein solcher Menschenfreund wird Priester, aber nicht ausgerechnet Schönheitschirurg. Auf welche Weise sollst du dich ihm erkenntlich zeigen?"

Cornelia war empört. "Wie kannst du so etwas Gemeines auch nur in Betracht ziehen?", zürnte sie. "Dr. Cornelsen kann genügend Frauen haben. Er hat es nicht nötig, sich seine Streicheleinheiten zu kaufen."

"Du bist ja ganz hingerissen von ihm", stellte Rainer bitter fest. "Dann ist die Frage wohl ohnehin bereits entschieden, und es wäre nicht nötig gewesen, mich darüber zu informieren."

Cornelia sah ihn verständnislos an. "Warum bist du eigentlich so sauer, Rainer? Ich tue es doch auch für dich."

Der Mann lachte wild auf. "Für mich? Das redest du dir ein. Du weißt genau, dass ich dich gar nicht anders will, als du jetzt bist. Hätte ich mich sonst in dich verliebt?"

"Würdest du mich wirklich lieben, hättest du auch Verständnis für meine Beweggründe", konterte Cornelia heftig.

Sie trennten sich im Streit, und als einige Zeit später das Telefon läutete, nahm Cornelia den Hörer nicht ab.

 

*

 

Dr. Cornelsen bereitete sie sehr sorgfältig auf die Operation vor. Er nahm ihr jegliche Angst, und schließlich konnte Cornelia es kaum noch erwarten, bis sie ihr neues Gesicht sah.

Der Eingriff wurde unter Narkose vorgenommen. Als sie im Bett der Klinik zu sich kam, verlangte sie als Erstes nach einem Spiegel.

Ihre Neugier wurde nicht befriedigt. Dicke Verbände verwandelten sie in eine Mumie.

Dr. Cornelsen besuchte sie schon bald. Er setzte sich zu ihr ans Bett und ergriff ihre Hand, die er spontan an die Lippen führte.

"Verzeihen Sie den Überschwang meiner Gefühle", bat er mit dunkler Stimme. "Ich bin kaum weniger aufgeregt als Sie. Sie müssen jetzt Geduld aufbringen. Ich habe Ihnen ja gesagt, dass es einige Zeit dauert, ehe wir den Verband entfernen können. Aber danach werden Sie für alles entschädigt sein."

"Sind Sie sicher, Herr Doktor?"

"Ganz sicher, Cornelia. Und sagen Sie doch nicht Herr Doktor zu mir. Das hört sich ja an, als wären Sie wegen Magengeschwüren bei mir. Ich heiße Clemens."

Cornelia schloss die Augen. Die Narkose wirkte noch nach. Sie fühlte sich seltsam beschwingt. Konnte ihr etwas passieren, wenn Dr. Cornelsen, nein, wenn Clemens sich um sie kümmerte?

Rainer stattete ihr einen Besuch in der Klinik ab. Er brachte Blumen und etwas zu lesen.

"Du solltest doch nicht kommen", flüsterte Cornelia. "Ich sehe schrecklich aus. Aber warte nur, bis der Verband weg ist. Dann wirst du staunen."

"Geht es dir gut?" Das war Rainers einzige Sorge.

"Aber ja", versicherte Cornelia.

Auch Gerlinde kreuzte am Krankenbett auf. Bei ihr war es aber weniger die Sorge um Cornelias Gesundheit als die Neugier, die sie hertrieb.

"Schade!", meinte sie enttäuscht. "Man sieht ja noch nichts."

"Das dauert noch einige Zeit", erklärte Cornelia.

"Wie ist er denn?", wollte die Freundin wissen.

"Wer?"

"Na, Dr. Cornelsen. Er soll ja ein himmlischer Mann sein. Du bist direkt zu beneiden."

Wegen der Bandage brachte Cornelia es nicht fertig zu lachen. Es wurde nur ein amüsiertes Grinsen.

"Warum lässt du nicht ebenfalls an dir herumschneiden?", schlug sie vor. "Dann kannst du dir ein eigenes Bild von ihm machen."

"Die Idee ist gar nicht so übel", fand Gerlinde. "Aber vorher solltest du noch deine Zunge abrunden lassen. Sie ist ein wenig zu spitz geraten, meine Liebe."

"Nein, danke", erwiderte Cornelia. "Eine Operation genügt mir."

Als der Verband endlich fiel, übertraf das Ergebnis ihre kühnsten Erwartungen. Sie betrachtete sich immer wieder im Spiegel. Das war wirklich sie?

Tränen des Glücks traten in ihre Augen. Sie war dem Arzt unendlich dankbar.

"Du weinst?", wunderte sich Dr. Cornelsen und nahm sie in den Arm. "Das brauchst du nun nicht mehr."

"Es geschieht vor Glück, Clemens", beteuerte sie. "Ich könnte die ganze Welt umarmen."

"Dann solltest du gleich damit anfangen." Er küsste sie. Zuerst behutsam, doch schon bald mit aufflammender Leidenschaft.

Cornelia ließ sich vom Glücksgefühl fortschwemmen. Ihre Lippen öffneten sich leicht. Sie bereute nichts.

Rainer kam noch einmal zu ihr. Er räumte ein, dass die Operation gut gelungen war.

"Du siehst jetzt irgendwie fremd aus", schränkte er ein. "Ich muss mich erst daran gewöhnen."

"Das brauchst du nicht, wenn es dir schwerfällt", gab Cornelia steif zurück. "Es gibt Männer, die Verständnis für mich aufbringen und die sich nicht vor meinem neuen Gesicht entsetzen."

"Ich entsetze mich nicht", verteidigte sich Rainer.

"Aber du akzeptierst meine Handlungsweise auch nicht. Clemens hat sofort erkannt, dass ich Hilfe brauchte."

"Clemens?" Rainer runzelte die Stirn.

"Dr. Cornelsen", korrigierte sich Cornelia und errötete leicht.

Rainer glaubte, Bescheid zu wissen. "Ach, so ist das. Ich verstehe."

"Du verstehst überhaupt nichts", ereiferte sich Cornelia. "Was weißt du denn von den Ängsten, mit denen ich mich jahrelang gequält habe? Clemens hat mich davon befreit. Das ist alles. Wir haben nichts miteinander."

Rainer gab zu dieser Behauptung keinen Kommentar ab. Was sollte er auch sagen? Dr. Clemens Cornelsen besaß eine Villa, zwei teure Autos und zweifellos ein dickes Bankkonto. Er brauchte nicht geduldig zu warten, bis ein Vorgesetzter das Rentenalter erreichte, um beruflich voranzukommen. Er war in der Lage, Cornelia viele Annehmlichkeiten zu bieten. Annehmlichkeiten, auf die sie ihr ganzes Leben verzichten müsste, würde sie es mit dem kleinen Bankangestellten Rainer Fahlke teilen.

Er hatte kein Recht, sie um die Chance ihres Lebens zu bringen. Wenn er Cornelia auch nach wie vor liebte, so musste er ihr seine Liebe gerade dadurch beweisen, dass er sie nicht egoistisch an sich kettete.

"Ich wünsche dir viel Glück", murmelte er. "Du weißt ja, wo ich zu erreichen bin, falls du mich brauchst."

"Warum sagst du das, Rainer? Zwischen uns hat sich doch nichts geändert."

Vielleicht glaubte sie zu diesem Zeitpunkt selbst noch, was sie sagte. Tatsache war jedoch, dass sie sich nicht bei Rainer meldete.

 

*

 

Dr. Cornelsen konnte sich an seiner Patientin gar nicht sattsehen.

"Ein umwerfender Erfolg!", behauptete er mit unüberhörbarem Stolz. "Es sieht aus, als wärst du mit dieser Nase geboren worden. Manche Filmschauspielerin wird dich um sie beneiden."

Cornelia konnte endlich wieder befreit lachen. "Die Filmstars werden mich kaum zu Gesicht bekommen", erklärte sie.

"Irrtum! Sie werden dich sehen. Vergiss nicht, dass viele von ihnen zu meinen Patientinnen gehören. Vor allem aber wird die Presse dein Bild im ganzen Land verbreiten. Und wenn ich erst dein Kinn korrigiert habe..."

"Mein Kinn?", unterbrach ihn Cornelia erschrocken. "Was ist mit meinem Kinn?"

"Eine Idee zu breit. Ist dir das noch nie aufgefallen?"

"Nein", gestand Cornelia und zog sofort den Spiegel zu Rate. Sie betrachtete sich von allen Seiten, fand aber nach wie vor, dass sie mit diesem Kinn sehr gut leben konnte.

Dr. Cornelsen schüttelte geduldig den Kopf und strich ihr übers Haar. "Leben kann man auch mit zwei linken Händen", stellte er fest. "Du willst doch nicht etwa auf halbem Wege stehenbleiben?"

"Was meinst du damit?", erkundigte sich Cornelia unsicher.

Der Chirurg zog sie auf sein Knie und begann ihr seinen Plan auseinanderzusetzen.

"Du weißt jetzt, was man erreichen kann. Deine Nase war erst der bescheidene Beginn. Es gibt so etwas wie ein allgemein gültiges Schönheitsideal. Das war bereits den alten Griechen bekannt. Sie sahen die anatomische Perfektion in ihren Göttinnen verkörpert. Ich werde aus dir eine Göttin der Gegenwart machen. Die Welt soll staunen.“

Cornelia lehnte unwillig ab. "Du machst Witze, Clemens. Ich hatte nie den Wunsch, eine Göttin zu sein."

"Makellose Schönheit", fuhr Dr. Cornelsen nahezu beschwörend fort, "wird einen Maßstab setzen. Willst du dein ganzes Leben in einem muffigen Büro zwischen verstaubten Akten fristen? Ich mache aus dir ein Top-Model, nach dem sich Fotografen und Agenturen der ganzen Welt reißen werden. Du sollst auf den Titelseiten aller namhaften internationalen Blätter erscheinen. Deine Karriere ist bereits vorgezeichnet. Wenn sich nicht noch in diesem Jahr das Fernsehen für dich interessiert, will ich kein Skalpell mehr anfassen."

Seine Augen funkelten vor Begeisterung. Er nahm einen Skizzenblock und bedeckte das Papier mit Entwürfen, wie er sich die nächsten Schritte vorstellte. Zuerst das Kinn, dann die Wangenknochen, später die Hüften, die nach seinem Urteil zu fraulich wirkten. Und dass der Busen nicht so unscheinbar bleiben konnte, verstand sich von selbst.

Cornelia ließ ihn schwärmen. Sie war sicher, dass seine übrigen Patienten ihm schon bald keine Zeit mehr für derartige geistige Höhenflüge lassen würden.

Doch sie täuschte sich. Dr. Cornelsen besaß genügend Geld. Er konnte es sich leisten, die eine oder andere Behandlung kurzerhand abzubrechen, obwohl die Betroffenen nach weiteren Operationen geradezu lechzten.

"Diese hysterischen Frauen bringen mich nicht weiter", klagte er. "Was ich für meinen weltweiten Durchbruch brauche, ist eine echte Sensation. Gemeinsam werden wir es schaffen, Cornelia. Du und ich, wir sind ein unschlagbares Gespann. Dir werden die Männer zu Füßen liegen, und mir die Fachwelt."

Cornelia wurde von Zweifeln gequält. Sie sah keine Notwendigkeit in einer weitergehenden Behandlung. Von einer Starkarriere hatte sie noch nie geträumt, und auf die Bewunderung wildfremder Männer legte sie schon gar keinen Wert.

Aber hatte Clemens nicht auch mit seiner ersten Prognose Recht behalten? Ihre Nase durfte sich wieder sehen lassen. Wenn sie es genau betrachtete, war sie es dem Mann schuldig, ihm bei der Verwirklichung seiner Pläne behilflich zu sein.

Sie fragte ihre Freundin Gerlinde um Rat, die augenblicklich von der Idee begeistert war.

"Ich gratuliere dir", jubelte sie. "Du, das wird d e r Knüller. Habe ich dir nicht gleich gesagt, dass Dr. Cornelsen ein phantastischer Arzt ist?"

Während das Für und Wider noch in ihrer zweifelnden Brust stritten, tauchten die ersten Reporter auf und baten um Interviews.

Cornelia stand hauptsächlich Rede und Antwort, weil das alles neu für sie war und weil der Gedanke sie amüsierte, sie könnte jemals eine gewisse Berühmtheit erlangen.

Sie lobte Dr. Clemens Cornelsen in den höchsten Tönen, was aus tiefstem Herzen kam, und sie ließ sich geduldig fotografieren. Sie war sicher, dass das Interesse der heimischen Presse schon nach wenigen Tagen versiegen würde. Schließlich gab es täglich andere Sensationen, über die zu berichten sich eher lohnte.

Diesmal behielt sie Recht. Die Besuche der Journalisten wurden seltener und blieben schließlich ganz aus.

Umso stärker forcierte Dr. Cornelsen die Vorbereitungen zur zweiten Operation, und eines Tages lag Cornelia wieder in Narkose und vertraute sich der geschickten Hand des Chirurgen an.

 

*

 

Diesmal fieberte sie dem Ergebnis nicht entgegen. Es war ihr egal, ob ihr Kinn etwas zu breit war. Das hatte sie nie gestört. Es war ihr nicht einmal bewusst geworden.

Dr. Cornelsen verhielt sich ganz anders. Er trug nicht mehr die ruhige Zuversicht zur Schau, die ihn bei dem ersten Eingriff ausgezeichnet hatte. Es kam ihm nicht mehr allein auf das Gelingen an. Er wollte die Welt mit dem Resultat staunen machen.

Es war ihm klar, dass eine geringfügige Kinnkorrektur, selbst wenn sie noch so perfekt durchgeführt worden war, die Kollegen kaum von den Stühlen reißen würde. Nur wirklich Spektakuläres hatte Aussicht, ihm den ersehnten Ruhm zu verschaffen. Eine moderne Aphrodite, an der auch nicht der kleinste Makel zu finden war, sollte ihm diesen Weg ebnen.

Was Cornelia nicht für möglich gehalten hatte, trat ein. Die Fotografen gaben sich die Türklinke in die Hand. Jeder wollte die neuesten Portraits von ihr schießen.

Sie wunderte sich über diesen Rummel. Der war doch nach einer derart belanglosen Operation bestimmt nicht üblich.

Gerlinde brachte ihr die Zeitungen, die Dr. Cornelsen ihr vorenthalten hatte. Hier fand sie die Ursache für das neu aufgeflammte Interesse. In den Blättern wurde bereits die nächste Operation ganz groß angekündigt.

'Wiedergeburt der schönen Helena', hieß es dort. Oder 'Venus erwacht auf dem Operationstisch'.

Sie musste über diese euphorischen Schlagzeilen lachen.

Das Lachen verging ihr erst, als sie in einer Illustrierten las: 'Phoenix aus der Asche oder Frankensteins Monster?'

Eine Journalistin stellte die Frage, ob Dr. Clemens Cornelsen dabei war, ein Individuum zu schaffen, das sich eines Tages seiner Kontrolle entziehen und für Angst und Schrecken sorgen würde.

Cornelia fand, dass diese Überlegungen eine Frechheit waren. Sie fühlte sich keineswegs als Monstrum. Clemens manipulierte schließlich nicht ihr Gehirn.

War es verwerflich, ein paar Schwächen der Natur auszugleichen?

Unbewusst ergriff sie damit für den Chirurgen Partei, was sich in ihren folgenden Interviews widerspiegelte. Sie gab ihre Zurückhaltung auf und verkündete mit dem Brustton der Überzeugung, dass sie Dr. Cornelsen zutraue, jedes gesteckte Ziel zu erreichen.

Der Arzt wusste, wie man Dankbarkeit zeigte. Er richtete ihr eine hübsche Wohnung ein, damit sie in angemessenem Rahmen die Reporter empfangen konnte. Seine großangelegte Werbekampagne lief auf vollen Touren.

Die Fernschreiber tickten die Nachricht, dass in dem kleinen Städtchen im Münsterland die ideale weibliche Schönheit im Entstehen begriffen war, bis in die entferntesten Winkel des Kontinentes. Und mit dem Namen Cornelia Reiter stand unverrückbar der Name Dr. Clemens Cornelsen verbunden.

Schon bald waren Titelfotos in auflagenstarken Magazinen für Cornelia nichts Ungewohntes mehr. Längst hatte sie ihre Stelle im Büro gekündigt. Ihre neue Beschäftigung begann ihr Spaß zu machen.

Sie hatte es nicht nötig, sich um gute Friseure und Kosmetikerinnen zu kümmern. Visagisten mit klangvollem Namen drängten ihr ihre Dienste auf und arbeiteten an ihrem Typ.

"Es ist wie ein Traum", berichtete sie Gerlinde. "Früher hat kein Mensch von mir Notiz genommen. Außer Rainer natürlich. Jetzt ist es genau umgekehrt. Jeder scheint mich zu kennen."

Details

Seiten
70
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929829
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492982
Schlagworte
schicksal

Autor

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Titel: Das Schicksal warnt nur einmal