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Die Raumflotte von Axarabor - Band 98: Das Schicksal der BALMACEDA

2019 82 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Schicksal der BALMACEDA

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Das Schicksal der BALMACEDA

Die Raumflotte von Axarabor - Band 98

von Bernd Teuber

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.

 

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Das Passagierraumschiff BALMACEDA startet zu einem Routineflug. Zunächst läuft alles wie geplant. Doch als das Schiff den Hyperraum verlässt, befindet sich dort anstatt des Weltraums nur Dunkelheit. Zudem gibt es Probleme mit der Bordelektronik. Für Besatzung und Passagiere beginnt ein Kampf ums Überleben.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Muradaan war der fünfte Planet des Lucary-Systems. Insgesamt umkreisten zehn Planeten die gelbe Sonne, die den Mittelpunkt bildete. Drei waren von intelligenten Menschen bewohnt, aber Muradaan galt als Hauptwelt. Der Planet war ein wichtiger Umschlaghafen für Waren aller Art. Die Hauptstadt mit dem größten Raumhafen hieß Silama. Hier residierte auch der Gouverneur von Muradaan, um die Interessen der Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor zu wahren. Muradaan hatte einen Durchmesser von 6942,3 Kilometern, eine Schwerkraft von 1,5 g und mit einer für diesen Planetentyp ungewöhnlich langen Rotationsperiode von 43 Stunden. Wegen des tropischen Klimas war der Planet zum größten Teil mit Urwäldern bedeckt.

Muradaan besaß zwei Trabanten. Es handelte sich um sehr unregelmäßig geformte und mit Kratern durchsetzte Felsbrocken. Beide waren winzig und hatten einen Durchmesser von 36, beziehungsweise 17 Kilometern. Beide kreisten ungewöhnlich nah um den Planeten. Dementsprechend kurz war die Umlaufzeit. Der nähere der beiden überquerte den Himmel über Muradaan zwei Mal am Tag.

Die Abendsonne brannte auf die Dächer von Silama herab. Irgendwo am Himmel, der von großen schwammigen Kumuli überzogen war, flogen einige Raumschiffe, doch auf den Straßen herrschte wenig Verkehr. Das Leben der Stadt begann erst, wenn sich der Tag dem Ende zuneigte. Im raschen Wandel von Hell und Dunkel breitete sich die feuchtschwüle Nacht über das flimmernde Lichtermeer, das glückliche und unglückliche, verworrene und klare Schicksale zu dieser Stunde beschirmte.

Der Baringo-Boulevard lag am westlichen Rand der Stadt und weitab von den hohen Häusern des Geschäftsviertels. Er wurde von Gärten und modernen Einfamilienhäusern gesäumt. Hier wohnten Kaufleute, Ärzte und Rechtsanwälte. Es war 22.00 Uhr Muradaan-Zeit, als Nat Faron das Haus Nr. 47 verließ, in dem er seit vierzehn Jahren wohnte und das ihm selber gehörte. Er trug eine weiße Kombination und elegante Schuhe. Faron war schlank. Wer die markanten, und von vielen Narben durchzogenen Züge seines Gesichts unter dem dichten, braunen Haarschopf sah, glaubte nicht, es mit einem der erfolgreichsten Geschäftsmänner der Stadt zu tun zu haben, der innerhalb weniger Jahre aus dem Handel mit Computer-Platinen ein Vermögen erworben hatte.

In Gedanken versunken schlenderte er die Straße entlang. Ab und zu blieb er stehen und lauschte irgendeinem Geräusch. Dann schüttelte er unwillig den Kopf und ging weiter, bis er die Fahrbahn überquerte und auf der anderen Seite mit raschen Schritten durch eine Gartenpforte trat und im Dämmerlicht zwischen hochgewachsenen Pflanzungen verschwand.

„Hallo, Nat, ich habe Sie erwartet“, sagte der Mann, der das hellerleuchtete Haus in dem Garten bewohnte. Er hieß Doktor Avery Gudar und war einer der bekanntesten Ärzte der Stadt. „Ihr letzter Besuch liegt schon lange zurück. Kommen Sie, der Whisky ist eisgekühlt.“

„Danke, Doktor“, sagte Faron. „Aber glauben Sie nicht, dass ich Ihnen heute morsche Knochen oder kaputte Nerven bringe. Im Gegenteil. Ich fühle mich ganz ausgezeichnet.“

„Setzen Sie sich. Sie brauchen mir nichts vorzumachen. Ihre Geschäfte gehen so gut, dass Sie das Zehnfache dessen verdienen, was Sie früher hatten, als Sie noch durch den Weltraum geflogen sind. Naja, reden wir nicht davon. Immerhin haben Sie kaum ein Organ im Leib, dass ich nicht zusammengeflickt oder durch ein künstliches ersetzt habe. Ihre Nase ist beispielsweise eine völlig andere, als man sie Ihnen bei der Geburt mitgegeben hatte. Auch ihre verbrannte Gesichtshaut musste erneuert werden. Trotzdem fühlen Sie sich gesund und wollen wieder fliegen. Das ist es doch?“

Doktor Gudar erhob sich leicht in dem Sessel, nahm die Sodaflasche aus dem Ständer und sprühte einen Schuss ins Glas, ehe er sich zurücklehnte und Faron scharf ansah.

„Was soll ich Ihnen antworten, Doktor? Sie haben ja recht. Natürlich will ich wieder fliegen. Und wissen Sie auch, warum? Weil ich fliegen muss. Weil ich es nicht mehr ertrage, das Leben auf diesem Planeten. Was ich verdiene, ist mir ganz egal. Sieben Jahre habe ich diesen Zustand ausgehalten, habe mich in die Arbeit vergraben, ein Unternehmen aufgebaut, bis ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Und das alles nur, um zu vergessen. Verstehen Sie, Doktor – um das Fliegen in einem Raumschiff zu vergessen. Und was habe ich festgestellt? Dass ich es nicht vergessen kann. Ich muss fliegen, Doktor. Ich fühle mich gesund, und Sie sind der einzige, der mir dazu verhelfen kann.“

Farons Erregung hatte sich mit jedem Wort gesteigert. Sein Gesicht nahm einen beinahe verzweifelten Ausdruck an, als er den letzten Satz nicht mehr mit der sonst ihm eigenen selbstverständlichen Ruhe sprach, sondern ihm dem Arzt ins Gesicht schrie.

„Ich habe es in der Zwischenzeit immer wieder versucht“, fuhr er fort. „Das müssen Sie wissen, denn mein Name ist in der Raumfahrt nicht unbekannt. Es hat nur einen Captain Nat Faron gegeben. Aber gerade weil der Weltraum diesem Faron das Leben auf so wunderbare Art noch einmal geschenkt hat, glaubt er, dass er manchem von diesen jungen Kerlen auf den langen Strecken aus seinem Erfahrungsschatz noch etwas geben kann. Auch wenn er seine vierundfünfzig Jahre hinter sich und manchen Knochen nicht mehr hat. Aber überall, wohin ich kam, war man nett zu mir. Verstehen Sie, Doktor? Nett zu mir. Und man hatte auch einen leeren Schreibtisch und einen Stuhl für mich, aber wenn ich aufs Fliegen kam, wenn ich sagte: ‚Meine Herren, ich will keinen Schreibtisch, ich will ein Raumschiff, ich will eine lange Strecke, so wie früher‘, dann hatte man nur noch ein Schulterzucken für mich und eine kalte Schulter. ‚Guter Mann‘, sagten sie zu mir, geh zum Arzt, der gibt‘s dir schriftlich, dass du nicht mehr kannst‘. Das ist es, Doktor. Mit solchen Ausreden werde ich dann konfrontiert.“

„Aber Sie müssen endlich einsehen, dass ...“, warf Doktor Gudar ein, doch er kam nicht mehr dazu, seinen Satz zu beenden, weil Faron ihm sofort ins Wort fiel.

„Ja, natürlich. Ich habe versucht, einzusehen, dass ich körperlich ein Wrack war, solange ich mich bei Ihnen in Behandlung befand. Sieben Jahre lang habe ich immer wieder eingesehen und zu mir gesagt, dass ich vernünftig sein muss, dass ich nicht mehr daran denken darf, was passiert ist, als ich nach Kalisada flog und das Raumschiff von dem Ionensturm beinahe vernichtet wurde. Doch ich dachte immer wieder daran. Ich begann, meinen kranken Körper zu trainieren. Die Schwächeanfälle hörten auf. Ich bekam mich wieder in die Gewalt und wurde gesund. Ich bin gesund, Doktor, und Sie müssen mir das bescheinigen. Auf Sie wird man hören.“

Faron erhob sich von seinem Stuhl und blickte zum sternenübersäten Himmel empor. Irgendwo dröhnten Triebwerke am Himmel. Faron wandte den Kopf. „Hören Sie, Doktor? Ein Raumschiff.“

Die Augen der beiden Männer trafen sich, und im selben Moment wusste Faron, dass sein Besuch bei Doktor Gudar erfolglos war. Einige Minuten herrschte Schweigen. Langsam und schleppend kehrte Faron zu seinem Stuhl zurück. Er fiel hinein und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. Schließlich stand er wieder auf, gab dem Arzt die Hand und ließ sich von ihm zur Gartenpforte bringen.

„Sie müssen es akzeptieren, Nat. Es hilft nichts“, sagte Doktor Gudar zum Abschied.

Faron antwortete nicht. Er wandte sich ab und ging die Straße entlang, ohne die Menschen um sich herum wahrzunehmen. Er hatte kein festes Ziel. Nach einer viertel Stunde erreichte er die Innenstadt. Der Lärm des Verkehrs, die grellen Farben der Werbefassaden, die dahinhastenden Menschen aller Hautfarben und das Durcheinander der Schaufenster wuchsen zu einer scheinbar chaotischen Umwelt, die pausenlos auf Farons Bewusstsein einhämmerte. Der Augenblick, da alles zu einem wahnsinnigen Kaleidoskop würde, schien nicht mehr fern.

Jemand, der es eilig hatte und keine Rücksicht kannte, gab dem Mann einen Stoß. Fast wäre Faron gestützt. In Gedanken weilte er in der Kommandozentrale eines Raumschiffs. Er sehnte sich nach der Sicherheit, wo außer dem Summen der Triebwerke nichts zu hören war.

Faron ging hinunter zum Strand. Diese Nacht war wie so viele Nächte, die er grübelnd verbrachte. Er stand am Meer, stützte beiden Arme auf die Mauer und blickte auf die träge heranrollenden Wellen. Mehr als zwanzig Minuten stand er dort und spürte plötzlich, dass er fror. Gedanken durchwanderten ihn wie Irrlichter. Es kam ihm vor, als fiele er aus unendlicher Höhe durch den Raum und irgendetwas fange seinen Körper aus dem freien Fall heraus auf.

Faron straffte seinen Körper und ging mit gemessenen Schritten die Küstenstraße aufwärts. Er achtete nicht auf die Menschen und die Fahrzeuge um ihn herum. Er lief eine Stunde durch die Straßen, betrat eine Bar und trank kurz hintereinander drei Whisky. Anschließend machte er sich wieder auf den Rückweg. Als er sein Haus erreichte, dämmerte bereits der Tag. Faron dachte nicht mehr an die vergangenen Stunden und an das Gespräch mit dem Arzt. Er dachte auch nicht mehr daran, dass er seit jener Katastrophe vor sieben Jahren fluguntauglich war und er vierzehn Monate unter der Aufsicht von Doktor Gudar im Krankenhaus lag.

Der Handel mit Computerplatinen war für ihn unendlich wichtiger geworden, als Raumschiffe, als lange Strecken von einem Sternensystem zum anderen, als Berechnungen für den Sprung in den Hyperraum und was sonst für Dinge ihm als Herr über Zeit und Raum vor seiner Steuerkonsole am nächsten lagen. Er war nun Firmeninhaber. Ihr allein hatte er zu dienen.

Faron blieb vor der Haustür stehen. Er schob den Daumen in die kleine, runde Öffnung neben dem Schloss und wartete. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis das digitale Schloss seine Fingerabdrücke und das Gehirnwellenmuster registriert und weitergeleitet hatten. Mit einem leisen Surren öffnete sich die Tür. Faron trat ein und schloss wieder ab.

Niemand erwartete ihn in seinem Haus. Er war ein Einzelgänger, verwoben in seine tragische Liebe zum Weltraum. Er hielt auch nicht viel von Freundschaften. Immer schon fühlte er sich mehr mit Dingen als mit Menschen verbunden. Früher standen ihm seine Raumschiffe näher als seine Kollegen. Heute hielt er von den Dingen, mit denen er handelte, die er kaufte und verkaufte, mehr als von seinen Geschäftspartnern. Bei Dingen weißt du, woran du bist, bei Menschen weißt du es nie. Das waren Worte, die er in früher Jugend erfuhr.

Früher hatte er Zwiegespräche mit seinem Raumschiff geführt. Das fiel ihm jetzt ein, als seine Schritte durch das Haus dröhnten. Und es war gut, seine Probleme einem Gegenstand anvertrauen zu können, dem man scheinbar den Odem des eigenen Lebens gab. Es war gut, mit jemandem zu sprechen, der nichts missverstehen konnte, der schwieg oder seine Antwort gab, indem es ihm entgegenkam oder sich sanft zurückneigte.

Faron betrat sein Arbeitszimmer. Er mochte das Dämmerlicht des anbrechenden Tages und öffnete die Balkontür. Er setzte sich an den Schreibtisch, schaltete den Computermonitor ein und las einige der Dispositionen. Die Konzentration fiel ihm seltsam schwer. Alles, was er las, lag ihm traumhaft fern. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es Beschlüsse des vergangenen Tages sein sollten. Das Erinnern kam langsam, wie immer nach durchwachten Nächten.

Um 8.00 Uhr hatte er eine Besprechung mit Kory Rossiter. Es ging um Preisverhandlungen. Das war erfreulich. Der nächste Eintrag war rot hervorgehoben. 11.00 Uhr Henary Alpha. Plötzlich erinnerte er sich wieder, dass er heute einen Platz in einem Linienschiff der Spiro Astronautics gebucht hatte. Stundenlang hatte er an diesen Flug gedacht. Sehnsucht überkam ihn. Er sah sich, einst Pilot eines Raumschiffs, erniedrigt zu einem Passagier. Er sah sich an Bord steigen, mit dem Koffer in der Hand, als eines der tausend Gesichter, die täglich irgendwo an Bord stiegen und flogen, ohne zu fragen wieso und warum.

Er sah sich in der langen Kabine der vielen Sessel vor der Tür, auf der geschrieben stand: Eintritt für Passagiere verboten! Er sah die Tür, die dorthin führte, wo einst sein Reich gewesen war: in die Kommandozentrale des Raumschiffs mit den beiden Controllern und den vielen geheimnisvollen Instrumenten, die für ihn einst voller Leben waren. Er sah sich als Passagier nach Henary Alpha fliegen, und dies erschien ihm so unsinnig wie immer, seitdem er in der Kabine fliegen musste.

Er sah den Captain Nat Faron, und er war ihm so gegenwärtig, als würde er immer noch zwischen den Sternen umherfliegen. Er sah den Captain Nat Faron und hatte den Geschäftsmann Faron vergessen. Das war immer so vor jedem Flug. Das Vergangene war gegenwärtiger als das Gegenwärtige. Er war dazu bereit, alles zu opfern, sein Geschäft, sein hohes Einkommen, nur um endlich wieder ein Raumschiff fliegen zu können. Faron dachte an den Arzt Doktor Gudar. Nur er konnte ihm helfen. Wie oft war er in den letzten Jahren schon bei ihm gewesen? Wie oft?

 

 

2

Captain Saim Anvegard, der an diesem Tag die BALMACEDA nach Henary Alpha fliegen sollte, war schon zwei Stunden vor dem Start seines Schiffs am Raumhafen eingetroffen. Er parkte seinen Landspeeder in unmittelbarer Nähe des Haupteingangs vor dem großen Verwaltungsgebäude, stieg aus und marschierte auf die Glastüren zu. Zischend glitten die beiden Hälften zur Seite. Die Kühle des Gebäudes empfand er als wohltuend. Trotz der frühen Morgenstunde standen schon viele Passagier an den Abfertigungsschaltern. Die Lautsprecher, die Ankunft und Abflug der Schiffe meldeten, dröhnten ununterbrochen.

Anvegard mochte diesen Anblick. Langsam schlenderte er durch die Halle. Wie anders sah dieser Raumhafen aus, als er ihn vor vierzehn Jahren zum ersten Mal betrat. Damals gab es hier nur ein paar Baracken und einen kleinen Schnellimbiss. Doch in den letzten Jahren hatte man viel Geld in die Infrastruktur investiert. Heute gehörte der Raumhafen auf Muradaan zu den modernsten der Galaxie. Während Anvegard die Halle durchquerte, freute er sich auf das ausgiebige Frühstück und ein paar Tassen Kaffee.

Gedankenversunken betrat er das Restaurant. Es war seltsam. Wieso musste er heute so viel an die Vergangenheit denken? Er war noch jung und hatte gerade erst seine Ausbildung abgeschlossen, als er zum ersten Mal auf Muradaan landete. Er bekam eine Anstellung als Copilot bei einer kleinen Firma, die hauptsächlich Geschäftsleute transportierte. Sie flogen einen TX-114. Dieser Raumschifftyp war berüchtigt für seine Reparaturanfälligkeit. Der Kommandant hieß Captain Erny Soper, doch alle nannten ihn nur den „Verrückten Erny“. Er war ein wortkarger Mann mit einer Vorliebe für Kautabak.

Von ihm lernte Anvegard erst das Navigieren eines Raumschiffs. Er lernte den Instrumentenflug und wusste auf einmal, was richtige Navigation war. Der alte Erny Soper lehrte ihn den richtigen Raumflug. Er war ein guter Navigator und vielleicht ein noch viel besserer Lehrer. Damals wurden Passagiere, die sich der TX-114 anvertrauten, noch als Helden gefeiert. Und sie waren auch Helden, wenn sie ahnungslos in der Kabine hockten, und nicht wussten, dass der Navigator dem Schicksal nicht weniger dankte, wenn der Flug gelungen war. Man wusste nie, ob das Ziel auch wirklich erreicht wurde, und niemand fand etwas dabei, auf ein Raumschiff mehrere Stunden, manchmal auch vergeblich zu warten, oder nach einem langen Flug wieder dort zu landen, wo man gestartet war.

Auch den notwendigen Instinkt hatte der alte Soper in Anvegard einst geweckt.

„Du kannst mir sagen, was du willst“, hatte er ihm mehr als einmal eingetrichtert, „wenn du beim Navigieren nicht vorausdenkst und voraussiehst, nützen dir der beste Verstand und die größte Routine nur wenig. Navigiere mit Kopf und Instinkt und gewöhne dich daran, auf die Mahnungen des letzteren zu achten, dann kann so leicht nichts schiefgehen.“

Nein so leicht kann bei mir wirklich nichts schiefgehen, dachte Anvegard. Er arbeitete seit fünf Jahren für die Spiro Astronautics-Lines, eine Firma, die sich auf Mittel- und Langstrecken spezialisiert hatte. Sie war durch den Zusammenschluss von fünf kleineren Gesellschaften entstanden. Die Neugründung erwies sich seinerzeit als notwendig, wenn nicht gar lebensnotwendig. Nur vereint konnte man sich gegen die übermächtige Konkurrenz der anderen Konzerne behaupten.

Mittlerweile zählte die Spiro Astronautics-Lines selbst zu den Großen der Branche. In der kurzen Zeit ihres Bestehens entwickelte sie sich zum Marktführer auf Routen, die von vielen anderen Gesellschaften vernachlässigt worden waren. Vorwiegend abgelegene, bis dahin nur unzureichend an das Verkehrsnetz angeschlossene Welten waren es, die von ihren Schiffen angeflogen wurden. Zum Einsatz gelangten dabei nicht etwa Raumer, deren Qualitätsstandard für den Liniendienst auf den lukrativen Ferienrouten nicht ausreichte; man legte im Gegenteil größten Wert auf ein Komfortangebot, das auch höchsten Ansprüchen genügte.

Eines der interessantesten Schiffe der Spiro Astronautics-Lines war die BALMACEDA. Obwohl mit einer Kapazität von zweihundert Passagieren in erster Linie für die Personenbeförderung konzipiert, verfügte sie über großzügig bemessene Frachträume, die für den Stückgutverkehr mit den Randwelten genutzt wurden. Einer der Hauptvorteile des Schiffs lag in der aerodynamischen Form, die einen Einsatz unter normalen Schwerkraft- und atmosphärischen Bedingungen gestattete. Das war besonders wichtig im Verkehr mit dünn besiedelten Welten, die über keinen eigenen Orbital-Terminal verfügten.

Im Gegensatz zu anderen Gesellschaften, die ihren Kunden ein mehrmaliges Umsteigen und die damit verbundenen Abfertigungskosten zumuten mussten, konnte die Spiro Astronautics-Lines diese Welten direkt anfliegen. Ausgerüstet war die BALMACEDA mit einer Autonav-Einheit, die ein vollautomatisches Navigieren einschließlich Starts und Landungen ermöglichte. Natürlich ließ sich das Raumangebot an Bord des Schiffs nicht mit dem vergleichen, das große Sternenkreuzer boten, aber es stellte einen vernünftigen Kompromiss zwischen Wirtschaftlichkeit und Komfort dar, insbesondere auf den nur wenig frequentierten Routen. Mit ihr hatte die Spiro Astronautics-Lines eine Marktlücke geschickt zu füllen gewusst.

 

 

3

Der planmäßige Start des Raumschiffs war für 10.00 Uhr festgesetzt. Um 9.15 Uhr kam über Hyperfunk die Nachricht, dass die Anschlussmaschine von Iridia verspätet eintreffen würde. Die Verzögerung der Ankunft um dreißig Minuten hatte zufolge, dass der Start der BALMACEDA von 10.00 Uhr auf 10.30 Uhr verschoben wurde, um die gemeldeten sieben Passagiere von Iridia, deren Reiseziel Henary Alpha war, übernehmen zu können.

Auch wenn das Raumschiff eine volle Stunde oder noch mehr Verspätung gehabt hätte, es wäre auf gar keinen Fall möglich gewesen, die BALMACEDA vorher starten zu lassen, denn an Bord der anderen Maschine befand sich der berühmte Geigenvirtuose Rasghania Desatu, der unbedingt auf dem schnellsten Weg nach Henary Alpha weiterbefördert werden musste, damit er sein Gastspiel pünktlich antreten konnte.

Die BALMACEDA musste also warten, und Captain Saim Anvegard, dem die Nachricht sofort mitgeteilt wurde, war darüber nicht sehr begeistert. Inzwischen hatten sich die übrigen Besatzungsmitglieder, bis auf den Bordingenieur, im Raumhafenrestaurant eingefunden und sich an den Tisch ihres Captains gesetzt: Galaz Orathai, der Copilot, Mical Lisanti, der Barkeeper und Araya Kulsar, die Flugbegleiterin. Der Bordingenieur Loid Talamov befand sich bereits in der Antriebssektion der BALMACEDA und kontrollierte sämtliche Maschinen.

Er nahm seine Arbeit sehr genau und erledigte sie konsequent. Talamov wusste, dass das Leben der Passagiere und der Besatzung davon abhing, wie zuverlässig die Maschinen funktionierten. Schon die kleinste Unregelmäßigkeit konnte den sicheren Tod bedeuten. Der Weltraum verzieh keinen Fehler. Talamov gehörte sei drei Jahren zur Besatzung der BALMACEDA. Und in all der Zeit hatte es nicht die geringsten Probleme gegeben.

Talamov fand es angesichts der simplen Raumschiffkonstruktionen der Vergangenheit, die aus heutiger Sicht nicht viel mehr darstellten als einfache, mit einem Kontrollzentrum und Antriebsdüsen ausgestatteten Blechbüchsen unglaublich, dass es der Menschheit überhaupt beschieden war, je den Weltraum zu bereisen. Doch erst die Entwicklung des Hyperantriebs sorgte dafür, dass man heutzutage ungeheure Strecken praktisch in Nullzeit zurücklegen konnte.

Der Expansionsdrang forderte ständig neue Verbesserungen, um die Ausbreitung der Menschheit zu gewährleisten. In erster Linie war es die Neugier, immer wissen zu wollen, was sich hinter dem nächsten Hügel befand. Nur dadurch wurden die Menschen angetrieben. Aber auch wirtschaftliche Gründe spielten eine wichtige Rolle. Bei vielen Unternehmungen ging um das Entdecken und die Förderung von Bodenschätzen, ohne die man nicht überleben konnte. Trotz aller technischen Verbesserungen glich die Raumfahrt heute immer noch einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

 

 

4

Nat Farons Verhandlungen mit Kory Rossiter waren in Meinungsverschiedenheiten steckengeblieben und ergebnislos verlaufen. Das ärgerte ihn, obwohl er sich kompromissbereit gezeigt und von der Gegenseite Entgegenkommen erwartet hatte. Aber so lief es nun einmal im Geschäftsleben. Nicht alles, was man plante, ließ sich auch umsetzen. Er verabschiedete Rossiter gegen 9.00 Uhr und machte sich fünfzehn Minuten später auf den Weg zum Raumhafen. Er fuhr langsam, denn er wollte erst kurz vor Abflug des Schiffs an seinem Platz sitzen und niemandem von seinen ehemaligen Kollegen begegnen.

Er musste darauf achten, dass er nicht von der Atmosphäre gefangen genommen wurde, sonst war er verloren. Sonst dachte er nicht mehr an seine Geschäfte auf Henary Alpha, sondern nur noch an die Raumfahrt, an Streckenberechnungen und an den Flug durch den Hyperraum. Nein, er wollte nicht daran denken. Er wollte sich verhalten wie ein Passagier, der kein Interesse an all dem hatte.

Es fühlte sich sehr seltsam an. Damals hätte er tausend zu eins gewettet, dass es für ihn nur einen Weg geben konnte am Leben zu verzweifeln, und dieser Weg war, ihm das Navigieren eines Raumschiffs zu verbieten. Wie konnte er das Fliegen nur so schnell vergessen? Wie konnte er sich auf dieses neue Leben umstellen, das ihm unvergleichlich weniger bedeuten musste, als die Arbeit im Weltraum? Wie konnte er sich von seinen Kollegen und Freunden distanzieren, sie geradezu meiden, ihre Besuche mit leeren Worten quittieren und ungeachtet all dessen wiederum Erfolge, wenn auch anderer Art aneinanderreihen?

Details

Seiten
82
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929812
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492981
Schlagworte
raumflotte axarabor band schicksal balmaceda

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor -  Band 98: Das Schicksal der BALMACEDA