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Die Raumflotte von Axarabor - Band 94: Die Nanobombe

2019 79 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Nanobombe

Copyright

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Die Nanobombe

Die Raumflotte von Axarabor - Band 94

von Stefan Hensch

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 79 Taschenbuchseiten.

 

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Der ängstliche, als Doktor bezeichnete Mann, hatte überlebt. Er erhebt sich wieder aus den Trümmern eines einst überlegenen Reiches. Der Doktor ist auf der Suche nach Gehirnen, um sein bisher ehrgeizigstes Projekt erneut zu starten. Doch dabei stößt er auf den Entwurf einer Waffe, die den Untergang für das Sternenreich von Axarabor bedeuten könnte. Kann der Doktor noch rechtzeitig aufgehalten werden?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author

© Cover: 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Der Frachtraum der CONVECTOR war bis zum Zerbersten mit Nahrungsmitteln beladen, die das Handelsschiff innerhalb des Planetensystems von der Agrarwelt Aidon zum Wüstenplaneten Kallador bringen sollte.

Commander Francois Denker kommandierte die CONVECTOR jetzt schon seit mehreren Jahren. Die Crew arbeitete gerne unter dem erfahrenen Kommandanten, denn er war zwar ein autoritärer, aber gleichzeitig auch fairer Vorgesetzter. Solange jeder aus der Besatzung seinen Job vernünftig erledigte, gab es keine Probleme.

Denker stand mit auf dem Rücken verschränkten Armen in der Kommandozentrale der CONVECTOR und beobachtete die Anzeigen auf dem zentralen Videoschirm. Er war zufrieden, alle Anzeigen war im grünen Bereich. Außerdem gab es auch keine verdächtigen Flugbewegungen im System, so dass vorerst nicht mit dem Angriff von Piraten gerechnet werden musste. Besser konnte es nicht laufen.

Für den Moment war seine Anwesenheit auf der Brücke nicht erforderlich. Commander Denker konnte deshalb problemlos sein Mittagessen in der Kantine zu sich nehmen. Gerade wollte er das Kommando an seine Steuerfrau Lucy Wilkes abgeben, als er ein akustisches Signal hörte.

„Sir, ein Schiff der Raumflotte ist gerade ganz in unserer Nähe aus dem Hyperraum gesprungen!“, meldete der Sensoroffizier.

Denker zuckte gleichmütig mit den Schultern, als er den neu erschienenen Kontakt auf dem taktischen Interface betrachtet. „Dann wollen wir mal sehen, ob uns das Schiff die Ehre geben wird.“

Denker setzte sich auf seinen Platz. Das Essen konnte er jetzt erst mal vergessen. Der für das System zuständige Kommandeur der Raumflotte war noch recht jung. Für den Geschmack von Denker übertrieb es der Offizier mit den Inspektionen der Raumschiffe. Entweder nahm der Kerl seinen Job verdammt ernst, oder wollte auf Biegen und Brechen Karriere machen.

„Eingehende Videokommunikation“, meldete der Kommunikationsoffizier.

„Auf den Schirm“, sagte Denker seufzend.

Momente später erschien das Gesicht eines Raumflotten Offiziers. „Hier spricht das Kanonenboot PEQUOD der axaraborianischen Raumflotte und ich bin Commander Pete Allister. Halten Sie Kurs und Geschwindigkeit bei, wir schicken gleich ein Inspektionsteam zu Ihnen herüber!“

Denker nickte säuerlich. „Verstanden PEQUOD. Wir erwarten ihre Männer an Bord.“

Der Offizier auf dem Videoschirm nickte, dann wurde der Bildschirm schwarz. Kurz darauf erschien wieder das taktische Display.

Denker zerbiss einen Fluch zwischen den Lippen. Bei den letzten Flügen hatte die CONVECTOR überdurchschnittlich oft Besuch von der Raumflotte bekommen. Gefunden hatten die Soldaten nichts, denn das Schiff war absolut sauber. So würde es auch dieses Mal wieder sein, aber leider würde sich die Raumflotte einmal mehr davon einen Eindruck verschaffen.

Auf dem taktischen Interface löste sich ein kleinerer blauer Punkt von dem Kanonenboot und steuerte der CONVECTOR entgegen. Denker runzelte die Stirn. Die PEQUOD musste ein ziemlich altes Schiff sein. Seit wann setzte die Raumflotte in diesem Sektor wieder Kanonenboote ein?

 

 

2

Denker wartete zusammen mit zwei Leuten aus seiner Crew an der Luftschleuse. Die Begrüßung der Inspektoren durch den Kommandanten des Schiffs war ungeschriebenes Gesetz. Deshalb unterwarf sich auch Denker zähneknirschend dieser Tradition. Das Beiboot der PEQUOD hatte bereits festgemacht. Es würde nur noch Sekunden dauern, bis der Durchgang vom Bordcomputer der CONVECTOR freigegeben wurde.

Die Lampe über der Luftschleuse wechselte von rot auf grün. Automatisch öffnete sich die Luftschleuse. Dann ging plötzlich alles ganz schnell

Augenblicklich stürmten rotuniformierte Soldaten in voller Kampfmontur durch die Luftschleuse und umringten die Crewmitglieder der CONVECTOR.

Denker betrachtete die Uniform der Männer und stutzte. Die Uniformen sahen zwar nach Raumflotte aus, wiesen aber definitiv einige Eigenheiten auf, wovon das leuchtende Rot nur das augenscheinlichste Detail war. Als nächstes fiel der Blick des Kommandanten auf die Waffen der Soldaten. Es handelte sich nicht um die standardmäßigen Strahlenwaffen, wie sie überall von den Soldaten der Raumflotte benutzt wurden. Anstelle dessen hatten die Männer schwarze Projektilwaffen in den Händen und richteten sie auf den Commander und seine Männer.

„Was soll das?“, begehrte Denker auf.

„Es hat eine kleine Planänderung gegeben“, antwortete ein Offizier. Er kam als Letzter gelassen durch die Luftschleuse spaziert.

Denker erkannte sofort, dass es sich um Allister handelte.

„Und wie sieht der Plan jetzt aus? Sind Sie unter die Piraten gegangen?“

Allister lachte. „Wir haben kein Interesse an Ihrer Fracht.“

Denker schüttelte den Kopf. „Was wollen Sie dann, zum Teufel?“ Kaum hatte der Commander die Worte ausgesprochen, bereute er sie auch schon fast wieder.

„Wir wollen Sie und ihre Besatzung, Commander!“

Denker straffte sich und reckte sein Kinn hervor. „Dann müssen Sie uns aber mit Gewalt holen.“

„Davon bin ich ausgegangen“, sagte Allister grinsend. „Bringen Sie unsere Freunde hier zum Beiboot, Zane.“

„Aye, Sir“, bestätigte einer der Rotuniformierten.

Völlig synchron begannen die Soldaten die Crewmitglieder in Richtung der Luftschleuse zu drängen.

„Das ist Entführung!“, begehrte Denker auf.

Zane schlug dem Kommandanten ohne Vorwarnung seinen Gewehrkolben ins Gesicht. „Los jetzt!“

Der Schmerz im Gesicht von Denker explodierte, während er sich die Hände davor presste und grob in Richtung der Luftschleuse geschubst wurde.

 

*

 

Wenige Minuten später startete das Beiboot der PEQUOD wieder in Richtung seines Mutterschiffs. An Bord waren zehn Crewmitglieder der CONVECTOR. Der Rest der Besatzung war auf dem Schiff zurückgeblieben. Im Passagierraum des Beiboots hielten die Soldaten in den roten Uniformen permanent die Mündungen ihrer Waffen auf ihre unfreiwilligen Passagiere gerichtet.

Als das Beiboot die PEQUOD erreichte, detonierten die auf dem Frachtschiff zurückgelassenen Sprengladungen und zerrissen es von innen. Den Rest regelte die Dekompression und Riss alle auf dem Schiff Zurückgebliebenen in den Tod. Nun würde niemand mehr etwas von dem Überfall berichten können.

 

 

3

Vergangenheit

Gordon Jones war tot. Der Gründer der Jeron Corporation und der Vater des Cranium-Projekts war in seinem Sportwagen von einer Splitterbombe in Fetzen gerissen worden.

Doktor Welby stand im Keller tief unter dem Firmensitz der Jeron Corporation und sah das Hologramm vor sich sanft an. Wäre Welby von jemanden der Menschen gesehen worden, mit denen er tagtäglich zusammenarbeitete, hätten diese es nicht für möglich gehalten. Das Gesicht des ansonsten völlig unnahbaren und gleichzeitig gewissenlosen Mannes spiegelte tiefe Trauer wider. Die blauen Augen des Arztes ruhten auf dem Hologramm, das einen zehnjährigen Jungen mit sandblonden Haaren darstellte. Es war nichts anderes als das holografische Interface von Cranium, dem streng geheimen KI-Projekt der Jeron Corporation.

„Ich habe es deinem Vater gesagt. Den Menschen muss man aus einer Position der Stärke begegnen!“

Tränen liefen dem Jungen die Wangen herunter. Er nickte. „Ich habe ihn noch gewarnt, bevor er das Gebäude verlassen hat“, flüsterte er schluchzend.

Welby presste die Lippen zusammen. Cranium sah Gordon Jones als seinen Vater an. Welby war aber in gleichem Maße wie Gordon am Projekt beteiligt gewesen. Der Einsatz des oftmals nur als Doktor bekannten Mannes hatte die exponentielle Steigerung des kybernetischen Netzwerks überhaupt erst möglich gemacht. Dies war einer der Gründe, weshalb er sich dem Hologramm gegenüber verantwortlich fühlte. Ohne Welby wäre Cranium vermutlich niemals zur Superintelligenz geworden.

Der Arzt hörte die Pumpen des gigantischen Tanks, in dem die biologischen Komponenten von Cranium untergebracht waren. Welby war es gewesen, der die dazu benötigten Rohstoffe beschafft hatte.

In diesem Moment veränderte sich das Gesicht des Jungen. Wo vorher Trauer gewesen war, erschien jetzt glühender Hass. Gleichzeitig erschien in den Händen des Hologramms nun die Titelseite einer Zeitung. Cranium hatte Informationen aus den Medien gefunden, die er Welby auf diesem Weg präsentieren wollte.

Technologie-Skeptiker töten Tech-Guru, las Welby und nickte.

„Die Polizei glaubt eine Spur gefunden zu haben“, zischte der Junge eiskalt.

„Ich hatte auch schon an die Anti-KI-Bewegung gedacht“, stimmte Welby zu.

Der Blick des Hologramms flackerte. „Was wird passieren, wenn die die Verantwortlichen festnehmen?“

Welby sah die Wut des Jungen nicht nur, er spürte sie. Alleine diese Tatsache nötigte dem Arzt größten Respekt ab. Der Jeron Corporation war tatsächlich ein Quantensprung gelungen, Cranium besaß Empfindungen! „Sie werden die Täter vor ein Gericht stellen und Ihnen den Prozess machen, Cran.“

Der artifizielle Junge nickte langsam. „Und wenn Sie sich keinen Anwalt leisten können, wird man Ihnen einen stellen.“

Er schwieg. Dazu konnte er nichts sagen.

„Es gibt auf diesem Planeten keine Todesstrafe“, sagte Cran eiskalt.

Welby straffte sich und hielt dem Blick des Hologramms stand, schwieg aber weiterhin.

„Wirst du mir helfen, Onkel?“

Der Arzt sah den Jungen fragend an. „Ich habe Dinge getan, die nicht gut waren, ich habe sie für dich getan. Aber wie könnte ich dir jetzt helfen, Cran?“

Der holografische Junge trat näher an den Menschen heran, den er als Onkel bezeichnete. „Es gibt ein Krankheitsbild, das die Menschen wie die Fliegen dahingerafft hat.“

Welby runzelte die Stirn, denn er vergaß immer wieder, dass Cran über ein gigantisches Wissen verfügte. „Welches Krankheitsbild meinst du?“

Erneut konnte Welby einen gefährlichen Glanz in den Augen des Hologramms erkennen, bevor es antwortete. „Krebs!“

Natürlich kannte der Mediziner dieses Krankheitsbild. Aber worauf wollte Cranium hinaus?

„Ein Tumor verdrängt gesundes Gewebe, weil das Immunsystem des Körpers nicht richtig funktioniert. Irgendwann wird er den ganzen Körper umbringen. Das Geschwür muss mit einem Skalpell chirurgisch präzise aus dem Fleisch herausgeschnitten werden.“

Welby nickte. Das stimmte zumindest zum Teil. „Aber was hat das mit dir zu tun?“

„Du sollst mit mir diesen Planeten heilen. Die Technologie-Skeptiker und alle, die gegen uns sind, sind die Krebsgeschwüre. Wir müssen sie vernichten, bevor sie uns vernichten!“

Welby dachte über die Worte des Hologramms nach. Sie hatten eine Saite in ihm zum Klingen gebracht. Im Grunde hatte er das schon oft selbst gedacht. Die Konsequenzen waren aber so monströs, dass er nicht weiter darüber nachgedacht hatte.

Der Arzt räusperte sich. „Aber es sind ja nicht nur die Technologie-Skeptiker. Es sind auch Datenschützer, Menschenrechtler und nicht zuletzt auch die Administration des Sternenreichs hier!“

Cran hatte aufmerksam zugehört. Langsam nickte er und ein teuflisches Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Jungen aus. „Auch da verhält es sich wie in der Medizin. Es gibt völlig unterschiedliche Tumorarten und Krebsformen. Was haben sie aber alle gemeinsam?“

Welby verstand und lächelte. „Sie müssen alle vernichtet werden!“

Cran nickte bestätigend.

Der Doktor wandte sich zu dem gigantischen Tank. In bläulicher Flüssigkeit schwamm das Herzstück des Cranium-Projekts. Ein monolithisches Gehirn, bestehend aus unzähligen einzelnen menschlichen Gehirnen. Nein, korrigierte Welby sich. Die Anzahl der enthaltenen Gehirne war nicht unzählig. Es waren exakt vierhundert Organe. Jedes Einzelne davon hatte er extrahiert…

 

 

4

Vor einigen Wochen

„Eine Frage hätte ich noch, Freunde“, sagte das Hologramm eines Kindes mit einem seltsamen Unterton in der Stimme.

Genervt drehte sich Gloria Sawyer zu dem Hologramm um. „Was denn noch?“, zischte sie.

„Wie wollt ihr hier jemals wieder rauskommen?“, sagte der Junge und fing kichernd an zu lachen.

Gleichzeitig hörte Sawyer das Getrampel zahlreicher Stiefel, die rasch näherkamen. In Windeseile füllte sich die Halle mit rotuniformierten Soldaten, die ihre Waffen auf das Team der Sektion 4 richteten. Ein Offizier trat vor und sah Sawyer an.

„Das war es dann wohl für Sie. Ich gehe davon aus, dass Sie sich ergeben?“

Sawyer schüttelte den Kopf und zeigte dem Offizier grinsend, was sie in der Hand hielt. Es war ein fast schon unspektakuläres schwarzes Kästchen mit nur einem einzigen Knopf, der von Sawyers Daumen gedrückt wurde. Das Plastik knackte bedenklich.

„Sie wissen, was eine Totmannschaltung ist?“, fragte Sawyer grinsend.

Der Offizier sah die Agentin mit offenstehendem Mund an.

Sawyer hatte Probleme mit dem Begriff Kapitulation, besonders wenn dies oftmals einen Tod auf Raten darstellte. Ihr Blick glitt über die Reihen der rotuniformierten Soldaten. Sie alle waren Mitglieder eines entmenschlichten Kollektivs, das sie zu willenlosen Marionetten gemacht hatte. Das sollte die Alternative sein?

Auf Wiedersehen, grausame Welt, dachte Sawyer. Sie presste die Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen, und nahm ihren Daumen vom Knopf. Die überall verteilten Haftladungen detonierten unverzüglich.

Durch die Explosionen wurde das Fundament des Kellergebäudes zerstört. Das Team der Sektion 4, die Soldaten der Superintelligent und der Tank, in dem das verfluchte Gehirn schwamm, wurden unter dem einstürzenden Gebäude verschüttet. Das Cranium Hauptquartier implodierte förmlich und begrub alles und jeden unter sich.

 

*

 

Zeitgleich erlebte auch Curd Welby hautnah die Katastrophe. Der ehemals als Doktor bekannte Helfer von Gordon Jones war weit draußen im Weltall und leitete die Schlacht gegen den Kampfverband der Raumflotte von Axarabor.

Sein Schiff, die MONOLITH, hatte kurz davor gestanden, den totalen Sieg zu erringen. Die Schwärme vollautomatisierter Kampfdrohnen hatten den Schiffen des Feindes stark zugesetzt, doch im entscheidenden Moment war die Schwarmintelligenz kollabiert. Daraufhin brach finale Schlag in sich zusammen, und die Drohnen schwebten manövrierunfähig im Weltall. Aber damit nicht genug, auch entscheidende Systeme an Bord der MONOLITH waren ausgefallen. Ebenso war es auch sämtlichen Menschen an Bord. Ohne das Kollektiv verfielen die Menschen in völliger Apathie. Nur Curd Welby war noch bei Bewusstsein.

Der mittlerweile zum Admiral aufgestiegene Welby war von einer Sekunde zur anderen aus dem Kollektiv entkoppelt worden. Diese Erfahrung war alles andere als angenehm gewesen, war er doch über hundert Jahre Teil des Kollektivs gewesen. In dieser Zeit war sein Alterungsprozess von Nanobots aufgehalten worden. Doch das alles war nun vorbei.

Das Signal war einfach abgeschaltet worden. Welby wusste, was das zu bedeuten hatte. Axarabor musste irgendeine Möglichkeit gefunden haben, die Superintelligenz zu besiegen.

Er schluckte hart, denn Cranium war mehr als nur ein Programm für ihn gewesen. Sofort glomm Wut in ihm auf. Cranium war wie ein Sohn für ihn. Dafür würde Axarabor bezahlen!

Er sah auf das taktische Interface der Brücke und fluchte. Der axaraborianische Kampfverband begann sich gerade schon wieder zu reorganisieren. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Schiffe wieder in die Offensive gehen würden.

„Sicherheitsprotokoll Theta. Alleinsteuerung. Kennung Welby, Curd. 01“, befahl Welby.

Jedes Cranium Schiff konnte im Notfall von einer einzigen Person gesteuert werden. Dies war ein Notfall, der Admiral musste schleunigst das Flaggschiff aus der Gefahrenzone bringen.

Der autarke Computer des stabilisierte die wichtigsten Schiffssysteme und meldete Bereitschaft.

„Antrieb initiieren“, befahl der Admiral.

Ein akustisches Signal quittierte die erfolgreiche Ausführung des Befehls. Welby warf schnell einen Blick auf die Sternenkarte. Der besondere Antrieb dieses Schiffes erschuf Subraumverwirbelungen entlang des ganzen Rumpfs der MONOLITH. Auf diese Weise konnte das Schiff unglaublich große Entfernungen im Raum in kürzester Zeit zurücklegen. Zusätzlich konnte es dabei auch nicht geortet werden. Praktisch sprang das Schiff immer wieder kurzfristig in den Subraum und wieder daraus zurück.

„Kurs 189. Volle Geschwindigkeit!“

Die Monolith raste weg von Pantera und ließ damit auch den Kampfverband aus Axarabor hinter sich. Welby dachte nach. Das Undenkbare war geschehen, aber dies war noch nicht der Zeitpunkt für die Frage nach dem Warum. Dafür war später noch Zeit, wenn ihm eine erfolgreiche Gegenoffensive gelang.

Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern des Kollektivs trug Welby ein besonderes Implantat in seinem Gehirn. Cranium hatte es ihm als einziges Mitglied des Kollektivs verliehen, da es eine extreme Machtfülle beinhaltete. Das Implantat konnte auf mittlere Reichweite als neuer Transponder für das Kollektiv dienen, nämlich dann wenn Sender Eins ausfiel. Sender 1 war Cranium und der Ernstfall war soeben passiert. Auf Pantera und den anderen Planeten gab es Backup-Stationen, mit einer Vorstufe des Cranium-Zerebrums. Cran hatte zusammen mit Welby für diesen Fall vorgesorgt. Der Doktor hatte aber niemals mit dem tatsächlichen Katastrophenfall gerechnet.

Welby dachte angestrengt nach. Das Implantat hatte eine zu begrenzte Reichweite, um über die Außenhaut der MONOLITH ein stabiles Trägersignal zu generieren. Der Bordcomputer des Flaggschiffs hatte hingegen nicht die nötige Rechenleistung, um die Drohnen in den Einsatz zu führen. Wäre es anderes gewesen, hätte Welby kurzen Prozess mit den verdammten Axaraborianern gemacht.

Rache ist ein Gericht, das am besten kalt genossen wird, dachte der Doktor. Er durfte jetzt nichts überstürzen, schließlich war Welby die einzige Hoffnung für das Kollektiv. Dennoch war er sich darüber bewusst, dass die Zeit lief. Die Menschen an Bord konnte er durch eine Modulation des Implantats wieder zum Leben erwecken, für die Menschen auf den Planeten des Systems konnte er momentan nichts tun. Sie waren bei der Auskopplung aus dem Kollektiv einem massiven neuronalen Schockimpuls ausgesetzt gewesen. Ihre völlige Hilflosigkeit würde sie verdursten oder verhungern lassen, wenn sie nicht vorher von wilden Tieren getötet wurden.

Welby rief sich zur Ordnung. Die höchste Priorität hatte der Neustart des Kollektivs. Danach kamen alle anderen Ziele. Dabei dachte der Doktor vor allem an eines: die Rache an den Verantwortlichen. Admiral Curd Welby würde herausfinden, wer Cran getötet hatte. Seine Rache würde erbarmungslos sein!

 

 

5

Nataly Sawyer saß mit Mind direkt am Fenster des dreiunddreißigsten Stockwerks des Hotels und sah hinaus. Die Brandung des Meskalitischen Ozeans schlugen unaufhörlich gegen die Wellenbrecher. Hier ließ es sich sehr gut aushalten. Sawyer hob ihr Kristallglas um mit dem Psioniker anzustoßen.

„Prost“, sagte Mind grinsend.

Sawyer nahm einen großen Schluck Tallaskan und schluckte ihn gierig herunter. „Junge, Junge. War das jetzt wirklich ein regulärer Auftrag für die Sektion 4, oder wollte uns Admiral Van Doren nur einen Urlaub spendieren?“

Mind leerte sein Glas und winkte dem Kellner um Nachschub zu ordern. Dann sah er Sawyer schulterzuckend an. „Wir waren hier, um einem Anfangsverdacht nachzugehen. Wen hätte man außer uns schicken sollen? Wenn die lokalen Streitkräfte der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt werden, muss dem natürlich nachgegangen werden.“

Sawyer nickte übertrieben ernst. „Da ist es besonders tragisch, wenn wir in einer solch furchtbaren Umgebung arbeiten müssen. Traumhafte Strände, gute Luft, gemäßigtes Klima. Einfach nur schrecklich!“ Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, musste die Agentin losprusten. Auch Jason konnte sich nicht mehr zusammenreißen. Im Gegensatz zu ihren sonstigen Aufgaben war diese Mission wie der Besuch auf einem Ponyhof gewesen. Niemand, aber wirklich niemand bei den Streitkräften hatte auch nur ein winziges dreckiges Geheimnis. Von Verrat oder Kollaboration mit dem Feind konnte deshalb überhaupt keine Rede sein.

Der Kellner kam, brachte neue Drinks und räumte die leeren Gläser ab. Als er gegangen war, sah Sawyer ihren Kameraden ernst an. „Wie soll dein weiteres Leben aussehen?“

Mind runzelte die Stirn. „Hättest du mich das vor einem halben Jahr gefragt, hätte ich gesagt, dass ich möglichst bald mein eigenes Kommando haben will.“

Sawyer nickte. „Ich hatte mein eigenes Kommando und dann kam die Sektion.“

Mind nickte. „Haben Agenten der Sektion 4 überhaupt eine Lebensplanung?“

Sawyer musste nicht antworten, denn ihr Handcomputer meldete sich. Die Nummer hatten nur zwei Personen aus ihrem privaten Umfeld und Admiral Andrew Van Doren.

„Der Chef“, sagte sie knapp, während sie den Computer entfaltete und an ihr Ohr hielt. Sie meldete sich und hörte zu.

Mind hätte kein Psioniker sein müssen um festzustellen, dass irgendetwas mit seiner Kameradin nicht stimmte.

Das Gesicht von Nataly Sawyer verlor alle Farbe und ihre Pupillen verengten sich. „Es gibt keine Zweifel? Es ist tatsächlich dieses Schiff?“ Sawyer hörte wieder zu. Schließlich war das Gespräch beendet und die Agentin verabschiedete sich.

„Was für einen Geist sollen wir jetzt wieder jagen?“, wollte Mind wissen.

Sawyer sah ihn unterkühlt an. „Keinen Geist, sondern ein Geisterschiff.“ Sawyer griff sich ihr Glas und stürzte es mit nur einem Zug herunter. „Erinnerst du dich noch an die PEQUOD?“

„Die PEQUOD? Das Kanonenboot unter dem Kommando von Commander Pete Allister, dass im Netaris-System verlorenging, was letztlich zur Konfrontation mit Cranium geführt hat?“

Sawyer nickte.

„Wie könnte ich das jemals vergessen? Wir wären schließlich beide beinahe draufgegangen!“ Dann schüttelte der Psioniker den Kopf. „Was ist mit der PEQUOD?“

Die Offizierin sah immer noch so aus, als hätte sie einen Gespenst gesehen. „Die PEQUOD ist wieder aufgetaucht, mitten im Raumgebiet des Sternenreichs.“

Nun entgleisten die Gesichtszüge von Jason Mind. „Ein Irrtum ist ausgeschlossen?“

Sawyer nickte stumm.

„Was zur Hölle bedeutet das? Wir haben dem Dreckscomputer doch den Kopf abgeschlagen?“

Das war das, was auch Sawyer geglaubt hatte. Aber hatten sie sich da getäuscht?

„Unser Aufenthalt auf dem Planeten endet bereits heute. Wir sollen uns umgehend zum Raumhafen begeben. Dort steht eine Korvette bereit, um uns zu einem Rendezvous-Punkt mit der DUFALACHAN zu bringen.“

Mind verzog das Gesicht. Zu gerne hätte er mit der attraktiven Agentin die kommende Nacht zum Tag gemacht. Doch jetzt rief schon wieder die Pflicht!

 

 

6

An Bord der MONOLITH

Die Menschen hatten ihn einst nicht unberechtigt den Doktor genannt. Curd Welby hatte einige Zeit als praktischer Arzt gearbeitet. Doch irgendwann war Krieg über seinen Heimatplaneten hereingebrochen und es hatte ihn in die Armee verschlagen. Aufgrund seiner Fähigkeiten war er als Feldarzt eingesetzt worden. In dieser Zeit hatte er ebenso viele Patienten verloren, wie er Patienten retten konnte. Sein Dienst hatte also seinen Sinn gehabt, aber er hatte auch Spuren in seiner Seele hinterlassen.

Um mit den Folgen seiner Traumatisierung auszuhalten, hatte sich Welby im Medikamentenvorrat bedient. Es war keinem aufgefallen, oder besser gesagt, es hatte niemand bemerken wollen. Chirurgen waren selten.

Irgendwann war der Krieg zu Ende gewesen, und die Raumflotte hatte ihr Menschenmaterial wieder in das Zivilleben entlassen. Neben einer angemessenen Entschädigung brachte Welby eine ausgewachsene Sucht mit nach Hause.

Zuerst verlor er dann unter Drogeneinfluss eine Patientin, weil er einen mehr als nur fahrlässigen Fehler begangen hatte. Als nächstes verlor der Arzt seine Praxis, weil ihm Missbrauch von Betäubungsmitteln vorgeworfen werden konnte. Kurze Zeit später trennte sich seine Frau von ihm. Am Ende hatte er auf der Straße gesessen.

Sein Leben hatte nur noch im Wechsel aus Entzugserscheinungen und schlechten Drogentrips bestanden. Sehenden Auges näherte er sich immer mehr dem Messer, in das er irgendwann mit Anlauf laufen würde.

Doch dann hatte Mike eines Tages vor ihm gestanden. Welby hatte in seinem Verschlag gedöst und den Mann zuerst für einen der Sozialarbeiter gehalten, die sich um Menschen wie ihn kümmerten. Doch da hatte er sich getäuscht.

Das registrierte Welby aber erst, als Mike losbrüllte. Die Stimme riss ihn aus seiner Lethargie, denn er kannte sie!

Erschrocken öffnete er die Augen und sah direkt in die Augen von Captain Mike Townsend.

Mit einem Mal war sich Welby schäbig vorgekommen, denn Mike war früher einmal ein Nachbar gewesen. Später hatten sie dann im selben Stützpunkt gedient. Welby als Feldarzt und Mike als Stabsoffizier. Danach hatten sich die beiden Männer aus den Augen verloren. Welby wusste nur noch, dass Mike einen lukrativen Job bei einem Pharmaunternehmen ergattert hatte, der Jeron Corporation.

Mike Townsend hatte dort Karriere gemacht. Irgendwann erinnerte er sich dann an seinen alten Kumpel, den Feldarzt. Im Unternehmen gab es nämlich eine Stelle zu besetzten, die gewisse Fähigkeiten voraussetzte. Fähigkeiten, wie sie Curd Welby in seiner Zeit im Feldlazarett täglich unter Beweis gestellt hatte.

So war er dann zur Jeron Corporation gestoßen, und irgendwann dann unweigerlich auch zum Projekt Cranium. Gordon Jones, der Gründer des Unternehmens, hatte ihn zu einem medizinischen Berater ernannt.

Details

Seiten
79
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929805
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492979
Schlagworte
raumflotte axarabor band nanobombe

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor -  Band 94: Die Nanobombe