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Die Haie von Kai 7

2019 104 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Haie von Kai 7

Copyright

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Die Haie von Kai 7

Roman von Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Jim Sherman und Bob Washburn sind ein eingeschworenes Trucker-Team. Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel, auch, als sie ein Schicksalsschlag in Form von Trucker-Napping ereilt. Zum Glück stehen ihnen wahre Freunde zur Seite wie „Big Mama“, die Chefin eines Truck Stops. Wild entschlossen nehmen die zwei Männer den Kampf gegen skrupellose Kriminelle auf, schmieden einen gefährlichen Plan und geraten an den Rand eines Abgrundes.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Raureif glitzerte an den Seitenstreifen der dunklen Asphaltschlange, die sich endlos bis hinter den abendlich verfärbten Horizont zu verlängern schien. Erster Vorbote des beginnenden Spätherbstes, der im südlichen Texas nicht allzu ernst genommen werden musste. Auch die Rotfärbung einiger Laubbäume, die den Highway säumten, war hochwillkommene Abwechslung fürs Auge; kein Grund zum Trübsalblasen.

Die Insassen des rollenden „Farbtupfers“, der auch zu jeder anderen Jahreszeit in aufreizend feuerroter Herbstfärbung daherkam, wälzten ohnehin eigene Probleme. Korrekter gesagt: Sie hielten die Unterhaltung in Gang, um sich nach 24 Stunden Nonstop-Fahrt (fliegender Wechsel inbegriffen) nicht gegenseitig in gefährlichen Schlaf zu schnarchen.

Chicago mit seinen berüchtigten Stockyards, den Schlachthöfen, war seit einem halben Jahrhundert out. Seit Trucks jeden abgelegenen Winkel der Staaten erreichten und die Kühltechnik genügend fortgeschritten war, wurden Herden vor Ort – also gleich auf den Ranches – geschlachtet, zerteilt, tiefgefroren und in Giga-Containern zu den Fleischabnehmern geliefert.

„Man könnte zum Vegetarier werden“, murrte Bob Washburn. Der dunkelhäutige Shotgun mit dem Kraushaar, das bläulich wie Stahlwolle im Abendlicht schimmerte, hatte sich an seinem Thema festgefressen. Seit Stunden kam immer wieder dieselbe Litanei. „Riechst du es wirklich nicht ...?“

Jim Sherman, dem blonden Texaner und Stetsonträger, platzte allmählich die Hutschnur. Er saß am Steuer des 450 PS starken Kenworth Trucks, der seine Aufliegerlast mühelos durch die Prärie zog. „Nein, ich rieche nichts! Und wenn dir der angebliche Geruch so zuwider ist, denk mal kurz beim nächsten Stopp daran. Rate mal, wer von uns zwei wieder das größte Steak verdrückt.“

Damit hatte er seinen Freund und Partner bewusst an der Ehre gepackt.

„O nein“, kam die erhoffte Trotzreaktion. „Nie wieder! Kein Fleisch mehr! Hast du dir die Rinderhälften überhaupt angesehen, die sie verladen haben? Die abgeschlagenen Köpfe ... Die bloße Vorstellung, dass sie da hinten am Haken baumeln – brrr!“

„Dann darfst du auch keine Wurst mehr essen.“

„Natürlich nicht!“

„Vielleicht ist es dir entgangen, aber auch deine heißgeliebten Hamburger bestehen aus dem Ausgangsmaterial, das steifgefroren hinter uns am Haken knarrt ...“

Bob Washburn starrte Jim misstrauisch von der Seite an. Offenbar dämmerte ihm, dass er sich in seinem Engagement etwas weit vorgewagt hatte. „Ich verurteile ja lediglich die Massentierhaltung und deren Praktiken. Gegen ein kleines Steak oder einen Burger ist nichts einzuwenden ...“

„Sicher“, stimmte Jim zu. „Die etwas anderen Restaurants, die du so liebst, werden logischerweise nur von Bauer Herman, Farmer Joe und Tante Emma beliefert. Wenn das Fleisch alle ist, hängen sie ein Schild an die Tür, das die Heißhungrigen aufs nächste Mal vertröstet ... Du kennst doch die rotbemalten Schilder?“

„Nein“, knurrte der Hüne, der sich einst sein Geld erfolgreich als Schwergewichtsboxer verdient hatte.

„Eben.“

Bob blähte die Nasenflügel und kehrte zu seinem Lieblingsthema zurück. „Und trotzdem riecht es!“ „Vielleicht hat dein Deodorant versagt.“

„Mein was?“

„Vergiss es.“

Ein Beobachter hätte denken können, dass die beiden Trucker nicht sehr freundlich miteinander umsprangen, aber Frotzeleien gehörten bei ihnen einfach zum Umgangston. Je nach Tagesform zog dabei der eine oder der andere den vermeintlich Kürzeren.

Uvalde lag hinter ihnen, aber statt dem Interstate 90 weiter zu folgen und dadurch genau auf ihre Heimatstadt San Antonio zuzustoßen, wechselten sie auf den Highway 83, der sie ihrem Ziel Laredo an der mexikanischen Grenze näher brachte. Bis Crystal City, der nächsten größeren Stadt, wollten sie es noch schaffen und dort bei einem Truck Stop, den sie schätzten, die Nacht verbringen. Die letzten hundert Meilen bis zum Abnehmer der Fleischladung, eine Supermarktkette, würden sie locker am nächsten Vormittag bewältigen und zur vereinbarten Zeit eintreffen. Da es sich um Terminfracht handelte, war das wichtig, auch wenn die Ware durch das Schockfrosten nicht verderblich war. Um das zu gewährleisten, kontrollierten sie bei jedem Halt die entsprechenden Anzeigetafeln an der Außenhaut des Alu-Containers.

Bob schnüffelte gerade erneut, als Jim ihn mit ausgestrecktem Arm bremste. Sein Shotgun vergaß umgehend, was ihm auf der Zunge und in der Nase lag.

„Eine Panne“, murmelte er.

Aber eigentlich dachte er: Eine Wucht, die zwei Hübschen!

Ein pinkfarbenes Wohnmobil mit texanischem Nummernschild stand rechts im Gras des Seitenstreifens. Von Reif keine Spur; er musste beim Anblick der blonden Frau und ihres dunkelhaarigen Ebenbildes glatt weggeschmolzen sein. Trotz unterschiedlicher Haarmähne sahen die beiden aus wie Schwestern.

„Du weißt doch hoffentlich, was deine Kavalierspflicht ist“, sagte Bob und ließ keinen Zweifel, was er von seinem Partner erwartete.

Jim bremste bereits und kam dicht hinter dem auffällig lackierten Reisemobil zum Stehen. Aus der offenen Motorhaube lugten rechts und links Beinpaare, die in den knappesten Shorts steckten, die man sich vorstellen konnte. Alles andere wäre schon unter „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ gefallen und in den puritanischen Staaten wahrscheinlich mit Gefängnisstrafen nicht unter einem Jahr geahndet worden. Hier in Texas sah man das alles Gott sei Dank nicht so eng.

Dass sie nicht nur die Beine, sondern auch alles andere taxieren konnten, verdankten die beiden Trucker dem Entgegenkommen der beiden Frauen, die sich immer mal wieder kurz aufrichteten und durch die Haarmähnen strichen.

Die Schwestern-Theorie ließ sich aus der Nähe nicht mehr aufrechterhalten. Beide waren zwar gleich hübsch, aber doch völlig verschieden in Temperament und Details.

Jim fühlte sich auf Anhieb mehr zu der Dunkelhaarigen hingezogen, Bob zu der Blonden. In dieser Beziehung war er vorbelastet durch das schwedische „Supergift“ Aida Olsson. Das Fotomodell sah er nur noch selten. Seltener fast als Sheila Dalton, die kaffeebraune Kreolin und Mutter seines Sohnes Michael, mit der ihn in letzter Zeit wieder das ein oder andere abenteuerliche Intermezzo verband.

Seit Little Mike, mittlerweile zweieinhalb Jahre alt, aus den Windeln gewachsen war, verdingte sich Sheila wieder verstärkt mit ihrem Peterbilt Conventional als Truckerin, derweil ihre Freundin Sandy Winfield auf den Jungen aufpasste. Die angestrebte Model-Karriere der „Louisiana Lady“, so ihr CB-Handle, hatte sich hingegen auf unbestimmte Zukunft verschoben ...

„Hallo“, rief Bob und rieb sich unternehmungslustig die Hände. „Wo fehlt’s denn?“

„An Hirn und Muckis, du Muskelprotz!“ Die Blonde trompetete es. Ihre Stimme stand in krassem Missverhältnis zur Perfektion ihres kurvenreichen Bodys. Bob sah darüber hinweg.

„Können wir euch helfen?“, fragte Jim, worauf er abschätzig betrachtet wurde, und zwar von den Stiefeln bis hinauf zu den Haarspitzen, die unter seinem Hut vorquollen. Er hatte eine Weile die Friseurbesuche vernachlässigt, und auch der Bart auf seinem offenen Sonnyboy-Gesicht war älter als drei Tage.

„Versteht ihr was von Autos?“, krähte Blondchen.

Bob blickte sie an, dann seinen Partner, den „Thunder“ und dann wieder sie. Mit dem Daumen stieß er in Richtung ihres Trucks und griente: „Ist das eurer Meinung nach ein Tretmobil oder gar eins, das mit dem neuesten Gummimotor arbeitet?“

„Lass gut sein“, griff die Dunkelhaarige ein. „Annabel ist nicht so helle.“ Sie gab den Platz an der offenen Haube frei. „Wenn ihr wollt, dürft ihr gern mal nachsehen. Wir können nicht mal eine Zündkerze austauschen. Technisch absolut unbegabt ...“

Bob kehrte den Chefmechaniker heraus und besah sich das „Baby“.

„Urlaub?“, wandte sich Jim an die Frauen, die aussahen wie Mitte Zwanzig und die Meinung zu vertreten schienen, sie hätten nichts zu verbergen – schon gar nicht, was Busen und Hintern anging. Von beidem hatten sie mehr als genug vorzuweisen. „Wohin seid ihr unterwegs?“

„Bevor das passierte?“, fragte die Dunkelhaarige, die sich im nächsten Atemzug vorstellte. „Ich heiße übrigens Kathy.“ In ihren linken Nasenflügel war ein grünschillernder Edelstein eingelassen. Es gab Frauen, bei denen es irgendeinen Makel noch mehr betonte, und Frauen, die dadurch noch interessanter wurden. Kathy verkörperte letztere Art.

„Jim“, nickte der blonde Texaner. Er deutete auf seinen Shotgun. „Das ist Bob.“

„Freut mich.“ In Kathys Stimme lag selbst bei nichtigem Anlass fiebrige Versprechung. Sie war ein Vollweib und wusste es. Wenn sie wollte, konnte sie einen Kerl allein mit Worten ganz kirre machen. „Wir tingeln ein bisschen die Südstaaten entlang. Ohne festes Ziel. Und ihr? Der Truck ist ja der helle Wahnsinn. Darf ich ihn mir mal ansehen? Von innen, meine ich.“ Jim zögerte. Als er sah, dass sich Bob ins Dieselaggregat des Wohnmobils vertieft hatte und so schnell nicht auftauchen würde, nickte er.

Annabel blieb bei Bob und plapperte munter drauflos, während Jim das dunkelhaarige Girl zum „Thunder“ führte. Er erklärte ihr in knappen Worten, was der Truck unter der Haube zu bieten hatte. Richtig angetan war sie allerdings erst, als sie den komfortablen Sleeper besichtigen durfte. „Hier haben wohl schon einige ihre Unschuld verloren?“, lächelte sie.

„Zwei“, gab Jim bescheiden zurück.

„Zwei?“

„Mein Partner und ich.“

Sie lachte. „Aber hoffentlich nicht gleichzeitig und miteinander …“

„Sehen wir so aus?“

„Du auf keinen Fall.“

Etwas an ihrer Forschheit störte ihn. Er konnte nur nicht sagen, was, aber er war froh, als sie zu den anderen zurückkehrten.

„Erledigt“, meinte Bob „War ein Klacks.“

„Ihr wart unsere Rettung“, rief Annabel euphorisch.

„Unsinn“, wiegelte Bob ab. „Hier ist dichter Verkehr. Zehn Sekunden nach uns hätte ein anderer gehalten.“

„Das wäre aber nicht dasselbe gewesen“, behauptete Annabel mit Augenaufschlag und Piepsstimme.

„Man trifft sich“, verabschiedete sich Jim.

Bob quittierte es mit stummem Vorwurf, verabschiedete sich aber ebenfalls von den beiden und folgte Jim auf den Bock zurück. „Was fällt dir ein ...“

„Sorry, aber mir war nicht nach einer Vertiefung der Bekanntschaft.“

„Aber mir vielleicht?“, fragte Bob.

In gedrückter Stimmung setzten sie ihre Fahrt fort. Jim wusste selbst nicht, woher seine ablehnende Haltung kam, die er selbst als übertrieben einstufte. Nach einer guten halben Stunde bemerkte er im Außenspiegel dann das Wohnmobil der beiden waffenscheinpflichtigen Girls. Es setzte nicht zum Überholen an, obwohl die Straße frei war und das Tempo des „Thunder“ frachtbedingt gering war. Geringer als normale Reisegeschwindigkeit in einem Mobil ihrer Klasse.

Als auch Bob den Schatten bemerkte, der sich an ihre Räder geheftet hatte, hellte sich seine Miene schlagartig auf.

„Okay, ich verzeihe dir“, sagte er.

„Zu gütig.“ Jim blieb wortkarg, während Bob versuchte, über CB Radio Kontakt zu dem Wohnmobil aufzunehmen. Eine Antenne verriet, dass es über Funk verfügte. Eine Antwort erhielt er jedoch nicht, obwohl er alle Wellen abgraste.

Eine Stunde später erreichten sie bei Dunkelheit Crystal City.

Die beiden Prettys waren unverändert hinter ihnen.

 

 

2

Bill Brannagh sponn Seemannsgarn. Von den sieben Meeren. Aber es hätte auch „hinter den sieben Bergen“ heißen können. Wer ihm lauschte, wusste sofort, dass er Märchen erzählte. Dabei trug er so dick auf, dass ihm die Männer an den Tischen und selbst die geschürzten Kellnerinnen gebannt lauschten.

Was Brannaghs Erfolg, zumindest in den Augen der Damenwelt, enorm puschte, war sein fabelhaftes Aussehen. Er besaß eine Art „verkommenen Charme“. Etwas, das ihn wie den guten Vagabunden wirken ließ, der jeden Winkel der Welt bereist und in sein Erfahrungs-Schatzkästchen geschlossen hatte. Mit einem landläufigen Hobo hatte er nichts gemein. Er war Trucker, kein Landstreicher, der sich auf Eisenbahnwaggons stehlen musste, um voranzukommen. Und jetzt plauderte er aus dem Nähkästchen, was seine Jahre auf See anging.

Wer ihm zuhörte, musste glauben, dass ihm kein Job der Welt fremd war, vom Schuhputzer angefangen über den Kombüsenchef bis hin zum Malocher auf einem Bohrturm. Wann er das alles gewesen sein wollte, blieb sein Geheimnis, denn er konnte kaum älter als vierzig, fünfundvierzig sein. Ein weiteres Plus, wenn es nach der weiblichen Zuhörerschaft ging.

„Noch eine!“, rief ein schmächtiges Bürschchen, das ihm bei jedem Wort an den Lippen hing und sich von Berichten faszinieren ließ, die sich allenfalls in Brannaghs raffiniertem Kopf zugetragen hatten. Vielleicht hatte er auch einfach nur viel gelesen und vereinte jetzt sein gutes Gedächtnis mit einem Erzähltalent, das angeboren war. Lernen ließ sich so etwas nicht.

Nicht einmal seine Lederkluft, die an einen Motorradrocker erinnerte, störte dabei. Darauf achtete niemand, der sich auf seine Stimme einließ.

Brannagh hob sein Glas und prostete dem Rufer zu. Er trank Wasser, was ihn in den Augen einiger noch sonderbarer machte. Die, die wussten, was Trucking bedeutete, fanden nichts dabei. Jedes Bier auf dem Highway konnte zuviel sein. Wer an den „Waterholes“, den Wasserlöchern, wie Truck Stops auch genannt wurden, Alkohol konsumierte, wusste entweder, dass er die nächsten Stunden nicht mehr ans Steuer musste, oder er war ein hoffnungslos Gestriger.

„Okay“, sagte Brannagh mit sonorer Stimme. „Eine noch. Da ist die Sache mit dem schwimmenden Pater, den wir im Indischen Ozean aus dem Meer fischten. Auf einer Luftmatratze. Er ...“

Brannagh verstummte, als die beiden Zauberfeen den Truck Stop betraten. Da schlagartig alle verstummten und ihre Blicke auf die Zwillingserscheinung richteten, monierte es niemand, dass er plötzlich keine Lust mehr zu verspüren schien, sein Garn weiterzuspinnen. Die meisten beneideten ihn still, weil er einfach von seinem Platz aufstand und sich an den Tisch zu den zwei Neuankömmlingen setzte, als sei es die größte Selbstverständlichkeit.

Genauso selbstverständlich ließen sich die beiden Ladies auf einen Smalltalk mit ihm ein.

In den Augen der meisten erhob sich Brannagh dadurch zu einem verehrungswürdigen Wesen, das es wert war, ihm nachzueifern. In den Augen einiger Kellnerinnen mischte sich hingegen blanke Abneigung gegen die unvermutet aufgetauchte Konkurrenz.

Brannagh war der Star des Abends, hier am Rande der Welt.

Das änderte sich erst, als die beiden „good guys“ auftauchten. Zwei Trucker, die auf den Highways bekannt waren wie bunte Hunde.

„Jim und Bob!“, rief „Big Mama“ an der Kasse, als sie die Eintretenden erblickte. Sie hievte ihre drei Zentner aus dem Spezialsitz und schob sich wie ein Verhängnis auf das „Thunder“ Team zu.

Bob meisterte die folgende Umarmung mit Bravour.

Jim hielt nur stand, weil er „Big Mamas“ attraktive Tochter kannte.

„Wo ist Shauny?“, keuchte er, nachdem er sich aus ihren riesigen Brüsten befreit hatte.

 

 

3

Sie hatten aufgetankt, einen Stellplatz zwischen einem Marmon und einem COE ausgesucht und noch kurz die Ladung kontrolliert, ehe sie zum Truck Stop gepilgert waren. Ihre hartnäckigen Verfolgerinnen hatten sie aus den Augen verloren.

„Hast du alles gut verriegelt?“, fragte Jim unterwegs noch einmal.

Bob nickte. Er wusste, worauf sein Partner anspielte. Seit Wochen häuften sich in Texas die Fälle von „Truck napping“ – Truckdiebstählen. Immer öfter verschwanden schwerbeladene Gespanne auf Nimmerwiedersehen von der Bildfläche. Außer ausgeräumten Aufliegern, die sich hin und wieder an Stellen fernab der Tatorte wiederfanden, gab es bislang keinen Fall, in dem ein Truck wieder aufgetaucht wäre. Die Zeitungen waren voll von Berichten, und über CB gaben die Trucker immer wieder einschlägige Warnungen durch. Man versuchte, eigene Schutzmaßnahmen zu treffen, indem man stets ein Auge auf den anderen hatte. Messbaren Erfolg hatte man dadurch noch nicht erzielt, und die „Bears“, die ansonsten jede geringfügige Geschwindigkeitsübertretung ahndeten, schienen in vorgezogenen Winterschlaf gegangen zu sein.

Keine befriedigende Situation.

Als Jim und Bob nun den Restaurantbereich betraten und überschwänglich von „Big Mama“ begrüßt wurden, sahen sie auch die Pannen-Ladies wieder. Sie winkten ihnen sofort von einem Tisch aus zu. In ihrer Gesellschaft befand sich ein fremder Trucker. Unter „Anschlussproblemen“ schienen sie wahrlich nicht zu leiden. Das ging dank ihrer offenherzigen Lebensart offenbar ruckzuck.

„Shauny studiert jetzt in Yale“, sagte die Besitzerin des vorbildlich geführten Stops auf Jims Frage. Es klang voller Stolz und war verständlich. Shauny war ihr einziges Kind. Sie hatte es ohne Partner großgezogen und dabei ein gutes Händchen bewiesen.

Auch Bob interessierte sich stets für Neuigkeiten über „Big Mamas“ Tochter, verband er doch insgeheim die Hoffnung damit, dass auch aus seinem eigenen Nachwuchs mal etwas werden würde. Immerhin war die Konstellation bei Klein Michael ähnlich. Bob sah ihn berufsbedingt selten, gab sich dann aber immer besondere Mühe. Was ihm missfiel, war, dass sich auch Sheila nicht immer nach Kräften um ihren Sohn sorgte. Oft war ihr Freiheitsdrang stärker. Dann überließ sie ihren Spross Sandy Winfield und schwang sich auf den Bock ihres Peterbilt. Bob hatte dies oft bei ihr moniert, dabei aber schwere Gegenvorwürfe einstecken müssen. Sheila kämpfte, wenn es darauf ankam, mit harten Bandagen. Sie war eine Wildkatze und nur oberflächlich domestiziert ...

„Big Mama“ führte sie zu einem freien Tisch, der rein zufällig direkt neben dem lag, an dem die beiden durchs Land zigeunernden Frauen Platz genommen hatten.

„Was wollt ihr essen? Trinken?“ Ihre Stimme kam energisch, rauherzlich aus dem voluminösen „Klangkörper“.

„Was kannst du denn so empfehlen?“, fragte Bob.

„Hank stellt euch eine Menüfolge zusammen“, bestimmte „Big Mama“. Hank war ihr Koch, Manager und Bettgespiele in Personalunion. Während all der Jahre, die Jim und Bob bereits hier abstiegen, hatten sie Hank nie persönlich kennengelernt, wussten aber dennoch fast alles über das Allroundtalent.

„Soviel Hunger haben wir gar nicht“, wiegelte Jim ab.

„Wer sagt das?“, widersprach Bob.

„Big Mama“ lachte und schwebte mit der unnachahmlichen Grazie einer trächtigen Elefantenkuh davon.

„Bei der habt ihr wohl einen Stein im Brett?“, sagte eine volltönende Stimme vom Nebentisch.

Sie drehten die Köpfe. Es war Kathys und Annabels Expressbekanntschaft, die sie ansprach. „Howdy! Ich heiße Bill. Die Ladies hier verrieten mir, dass ihr euch kennt. Wollt ihr euch nicht zu uns setzen?“

Jim und Bob tauschten Blicke.

Bill hatte die Frage in einer Weise gestellt, dass man sie nicht abschlagen konnte, ohne ihm auf die Füße zu treten. Zudem machte er einen sehr sympathischen Eindruck. Kurz entschlossen nahmen sie die Einladung an. Bill schien es wenig zu stören, dass er damit unversehens ins „zweite Glied“ zurückrutschte, denn sowohl Kathy als auch Annabel hatten fortan nur noch Augen für ihre Pannenhelfer.

Als „Big Mama“ zurückkehrte, stutzte sie kurz und meinte dann: „Ihr tröstet euch ja schnell, Kompliment. Wenn ich das Shauny stecke …“

„Bitte nicht“, grinste Bob „Es würde sie um mehrere Semester zurückwerfen.“

„Oder beflügeln ...“ Die Truck Stop Besitzerin schien ernsthaft darüber nachzudenken. Sie stellte zwei große Tassen mit dampfendem Kaffee vor ihren Gästen ab, die nicht eigens hatten bestellt werden müssen. Sie kannte ihre Pappenheimer. „Das Essen dauert noch etwas. Aber ihr scheint ja keine Probleme zu haben, die Zeit totzuschlagen ...“

Jim fiel auf, dass sie Kathy und Annabel mit einem Ausdruck taxierte, der nur als Missbilligung zu deuten war. „Big Mama“ hatte sich im täglichen Umgang mit Heerscharen hungriger, oftmals schlechtgelaunter Gäste eine besondere Menschenkenntnis angeeignet. Dies und die undefinierbare Unruhe, die Jim selbst in Gegenwart der beiden Frauen empfand, ließen ihn seine sonst übliche Lockerheit an diesem Abend vermissen.

Bob, dessen Laune von keinem Vorbehalt getrübt zu werden schien, produzierte sich dafür um so stärker. Jim suchte das Gespräch mit Bill, während sein Freund die beiden Schönen fast allein unterhielt.

Bill gab an, mit einer Leerfahrt von Maverick nach Pearsall unterwegs zu sein. Seine Anschlussfracht hatte sich zerschlagen, und er war schon froh, einen Ersatz in relativ geringer Entfernung gefunden zu haben. Nach Pearsall war es ungefähr dieselbe Distanz, die auch das „Thunder“ Team morgen noch bis Laredo zurücklegen musste.

„Dann gehört dir der Marmon draußen?“, kombinierte Jim, denn als einziger Truck auf dem Platz stand der Marmon ohne Auflieger da.

Bill nickte.

„Bist du allein unterwegs?“

Bill schüttelte den Kopf. „Mein Shotgun schläft. Er fuhr die ganze Zeit, während ich mich ausruhen konnte. Und ihr?“, fragte er. „Seid ihr schon lange unterwegs? Was habt ihr geladen?“

„Gefrierfleisch an die mexikanische Grenze“, sagte Jim. „Direkt von der Weide in die Metzgereitheke …“ Er holte seinen Tabakbeutel heraus und drehte sich eine Zigarette. Bill, dem er eine anbot, lehnte ab.

„Warum bietest du mir keine an?“, fragte Kathy. Im Gegensatz zu Jim hatte sie ihn zu keiner Zeit aus dem Visier genommen.

Er schaute sie an. Dann gab er ihr die Zigarette und drehte sich selbst mit geschickten Fingern eine neue.

„Feuer?“, fragte Kathy.

Jim riss ein Zündholz an und gab zuerst ihr, dann sich selbst Feuer.

„Ich werde euch Turteltäubchen mal allein lassen“, sagte Bill und stand auf.

Jim protestierte. „Du störst nicht ...“

Kathy schwieg. Ihre Augen blitzten verdächtig.

„Es ist spät“, schüttelte Bill den Kopf. „Ich seh’ mal nach meinem Partner, dann leg’ ich mich selbst aufs Ohr. Vielleicht sehen wir uns morgen früh noch. Wenn nicht ...“ Er tippte sich an eine imaginäre Mütze. „See you.“

Er ging zu „Big Mama“ seine Zeche zahlen.

„Endlich“, seufzte Kathy.

„Was?“

„Allein!“

Jim blickte zu Bob, der sich köstliche Wortgefechte mit Annabel lieferte, was dank deren Naivität, ob echt oder gespielt, vorzüglich funktionierte.

„Wir sollten uns auch hinhauen“, sagte Jim.

„Jetzt schon?“ Bob gab zu erkennen, dass er dies für keine gute Idee hielt. „Wir haben doch keinen harten Tag vor uns, und Bel machte gerade den Vorschlag, dass wir uns noch auf einen Schluck zu ihnen ins Mobil setzen könnten ...“

Jim ahnte, dass ihm heute nichts erspart blieb. Um nicht als Spielverderber dazustehen, ließ er sich schließlich überreden, machte aber zugleich deutlich, dass er sehr alt heute nicht mehr werden wollte.

„Wir müssen uns doch noch erkenntlich zeigen für die nette Hilfeleistung“, wischte Kathy seine Einwände beiseite.

„Müsst ihr?“ fragte Bob.

Annabel nickte mit lüsternem Augenaufschlag.

Als Jim wenig später bei „Big Mama“ zahlte, sah sie ihn wieder ganz eigenartig an, machte aber keine Bemerkung. Das allein war schon hochgradig ungewöhnlich.

Da Bob und die beiden Mädchen zum Aufbruch drängten, hatte er keine Gelegenheit, die Frage zu stellen, die ihm auf der Zunge brannte.

Sein Freund bemerkte seine Verschlossenheit, als sie sich auf das Wohnmobil zubewegten. Aber Annabel, die sich bei ihm eingehakt hatte, ließ ihm keine Chance für sensible Rückfragen.

Kathy machte eine fröstelnde Geste. „Mir ist kalt. Würdest du den Arm um mich legen?“, hauchte sie scheu-anschmiegsam.

Ein Nein hätten weder sie noch die anderen verstanden. Jim tat ihr den Gefallen, woraus sie einen halben Geschlechtsakt machte. Sie rieb und kuschelte sich mit Seufzern an ihn, dass es Jim fast schon peinlich wurde. Glücklicherweise spendeten die Parkplatzlaternen nur hie und da Licht, und das Fahrzeug der Girls kam bereits in Sicht.

Als sie in den Fond stiegen, der gute Stube und Schlafzimmer in einem war, hörte Jim, wie Kathy seinen Shotgun fragte: „Ist dein Freund immer so schwer zu begeistern?“

Bob antwortete: „Das müsst ihr unter euch ausmachen.“ Mit Annabel schien es keine Probleme zu geben.

Vielleicht rede ich mir wirklich etwas ein, dachte Jim und beschloss, fünfe gerade sein zu lassen für den Rest des geselligen Beisammenseins. Mehr als gesellig wollte er allerdings auch nicht werden. Es ging ihm alles viel zu schnell, was weniger problematisch gewesen wäre, wenn es bei ihm „gefunkt“ hätte. Das war aber nicht der Fall. Trotz Kathys offensichtlicher Reize, die sie wie einen rund um die Uhr offenen Bauchladen vor sich herschob.

Sie setzten sich an einen Klapptisch. Ihre Bänke waren das ausziehbare Bett, und Jim achtete sehr darauf, dass es eine Sitzbank blieb.

Kathy holte Sekt und Orangensaft aus dem Kühlschrank, dazu vier Gläser aus einem der Hochschränke. Annabel ließ den Korken knallen und goss ein.

Gegen ein Gläschen Sekt war nichts einzuwenden. So prosteten sie sich zu, und Jim tat etwas, was bei ihm eine absolute Rarität war: Er wurde seinen Grundsätzen untreu.

Denn es artete doch noch aus. Einer schwülheißen Nacht folgte ein Erwachen, das es in sich hatte.

 

 

4

Etwas strich ihm über sein pelziges Gesicht, und eine verliebte Katerstimme maunzte: „Wie zart deine Haut ist, Darling.“

Jim ließ die Augen wie rostige Jalousien nach oben gleiten. Bob lag neben ihm, und es war seine Pranke, die über sein eingeschlafenes Gesicht tätschelte. Erst als Jim ihm entschlossen Paroli bot, bemerkte er seinen Irrtum. „Du?“

„Ich!“, bestätigte Jim. „Komm zu dir und sieh dich um. Und dann sag mir, dass ich halluziniere. Eine Fata Morgana ...“

Sie richteten sich beide auf und froren wie die Schneider. Auch im Sitzen begriffen sie nicht, wie sie ins Freie gelangt waren; unter ein Gebüsch am Parkplatzrand. Die Sonne konnte gerade erst aufgegangen sein. Überall glitzerte noch die Kälte der vergangenen Nacht. Das Truck Stop Gebäude machte einen unbelebten Eindruck, spulte seinen Minimalservice ab bis zur nächsten „Rushhour“.

Jim und Bob griffen sich wie ein Spiegelbild synchron an die Schädel und rieben daran. „Hölle und Verdammnis, ist mir schlecht!“, stöhnte Bob.

„Was ist passiert?“, fragte Jim, der sich Aufklärung von Bob erhoffte, aber dessen Blackout schien ebenso umfassend wie sein eigener „Filmriss“.

„Null Ahnung. Wir haben getrunken, uns amüsiert. Die Kleine war ja auch wirklich goldig ...“ Er stoppte seine Schwärmerei, und seine Augen wurden groß wie Wagenräder. Sein Arm wies an Jim vorbei. „Wo ?“, setzte er an. „Wo ...?“

Jim folgte der Richtung. Die Erkenntnis, dass nicht nur das Wohnmobil mit den beiden Frauen verschwunden war, sondern auch der „Thunder“, war ein Schlag in die Magengrube. Davon erholten sie sich nicht so leicht. Aber es gab keinen Zweifel. Die Parkfläche war fast leer. Der feuerrote Kenworth W 900 mit seinen aufgemalten schwarzen Büffeln rechts und links an der Motorhaube hätte sofort ins Auge springen müssen.

Aber er war weg. Weg!

Immer noch ziemlich deformiert von Strapazen, an die sie sich im Detail einfach nicht erinnern konnten, suchte Jim nach den Schlüsseln, die er eingesteckt hatte. Als er nicht fündig wurde, wankten sie dem Truck Stop zu.

Die Bedienung, die ihnen zuerst begegnete, musste sie für das „Duo Infernale“ halten. Wie zwei Penner wankten sie daher. Nur „Big Mama“, die dazustieß, wirkte erstaunlich gefasst.

„Unter die Räder gekommen?“, lästerte sie.

„Das hätte ich nicht von dir gedacht“, protestierte Jim. „Das klingt ja geradezu verdächtig nach Schadenfreude.“

„Habt ihr es anders verdient?“

Die beiden Freunde begriffen nicht. „Big Mama“ kannte allerdings auch noch nicht den wirklichen Schadensumfang. Sie lotste die Helden erst einmal an einen Fenstertisch, um ihnen eine ausreichende Litermenge Kaffee, Marke „iranisches Rohöl“, zur Weckung der Lebensgeister einzuflößen.

Als sie erfuhr, dass der „Thunder“ samt Fracht abhandengekommen war, wurde selbst sie blass. Sofort war der Tisch von anderen Truckern umringt, die mitbekommen hatten, wie „Big Mama“ den Befehl gegeben hatte, die Highway Police zu benachrichtigen. Sie waren alle betroffen, denn sie wussten, was es für einen Trucker bedeutete, seine Geschäftsgrundlage zu verlieren. „Früher hat man Pferdediebe gehängt!“, machte ein erboster, älterer Kumpel aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Wäre auch heute kein Fehler, wenn es um solche Schweinereien geht ...!“

Allgemeine Zustimmung war ihm sicher.

Jim winkte ab. Er wollte die Situation nicht unnötig anheizen. „Hast du die Mädchen noch mal gesehen?“, fragte er „Big Mama“.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich wusste gleich nicht, was ihr mit denen zu tun habt. Das habt ihr doch gar nicht nötig, Prachtjungs wie ihr ...“

„Was meinst du damit?“, fragte Bob. Unterschwellig steuerte ihn sein schlechtes Gewissen, denn allmählich wurde ihm bewusst, dass er die treibende Kraft bei der näheren Bekanntmachung mit Kathy und Annabel gewesen war.

„Tut nicht so, als ob ihr das nicht wüsstet ... Es ist eure Sache. Ihr seid erwachsene Männer, ich sagte es schon.“

„Worauf willst du hinaus?“, mischte sich Jim ein.

„Big Mama“ verzog das Gesicht. „Wollt ihr behaupten, ihr wärt ihnen völlig ahnungslos ins Netz gegangen?“

„Wem?“

„Den beiden Nutten.“

„Nutten?“, rutschte es den beiden Freunden gleichzeitig über die Lippen.

„Big Mama“ schüttelte nur noch den Kopf. „Jetzt weiß ich wirklich nicht, ob ich euch bedauern oder in die Hintern treten soll.“

„Aber ich verstehe nicht ...!“, setzte Jim an.

Das Erscheinen der Streife unterbrach ihn. Zwei uniformierte Patrolmen nahmen lustlos ihre Anzeige auf. Sie schienen kurz vor dem Schichtwechsel und in Gedanken zu Hause bei drei Pfund Schlaf. Akzeptieren konnte das „Thunder“ Team solche Berufsethik nicht. Für sie selbst ging es schlicht um das Wichtigste, was sie besaßen: ihre Existenzgrundlage. Und mehr, denn der feuerrote, generalüberholte Kenworth Truck war längst über das Dasein eines unbeseelten Stück Metalls hinausgewachsen. Der chromblitzende Koloss, dessen Schönheit nur ermessen konnte, wer sein Herz an den Highway verloren hatte, war Teil ihres Lebens. Es grenzte schon an Kidnapping, ihn zu stehlen.

Das den schlafmützigen Patrolmen in den Protokollblock zu diktieren und eine entsprechend engagierte Fahndung auszulösen, erwies sich als schlichtweg unmöglich. Am Ende kochte Bob nicht nur wegen „Big Mamas“ Eröffnung, sondern auch wegen der Art, wie man sie von Seiten der Polizeiexekutive her abspeiste. Als sie auf ihre Begegnung mit den beiden Frauen zu sprechen kamen, wurde die Geschichte mit Grinsen quittiert. Eventuelle Zusammenhänge mochte man nicht ohne weiteres akzeptieren, obwohl es welche geben musste, denn seither waren die Schlüssel weg!

„Hat man da noch Worte!“, schimpfte Bob den „Bears“ hinterher, als sie schließlich in Richtung aufgehender Sonne davonfuhren.

„Regt euch erst mal wieder ab“, mahnte die walkürenhafte Truck Stop Besitzerin, die als einzige die Übersicht zu bewahren schien. „Am besten nehmt ihr die Sache selbst in die Hand, und das klappt nur mit nüchternem Kopf! Noch ist nicht aller Tage Abend. Ich habe da eine Idee ...“

 

 

5

Im Bürotrakt des Truck Stops fand sich eine kompakte, hochleistungsfähige CB-Station. „Big Mama“ überließ ihnen diese Kammer, und Bob verbrachte die nächsten Stunden damit, Kontakt zu den Truckern aufzunehmen, die sich im Empfangsbereich tummelten. Zugleich machten „Big Mama“ und ihre bienenfleißigen Helferinnen jeden Neuankömmling auf den Truck-Diebstahl aufmerksam. Großer Überredungskunst bedurfte es dabei nicht; jeder noch so übermüdete Fahrer ließ sich sofort in den Dienst der guten Sache stellen. Puren Versprechungen folgten oftmals beinahe „heilige Schwüre“, es dem dreisten Räuber zu zeigen. Vertrauen in die Arbeit der offiziellen Stellen war kaum anzutreffen. Nicht einer zweifelte, was er von den Bemühungen der „Bears“ zu halten hatte. Die waren in den Augen vieler Trucker ohnehin nur gut, um Strafzettel auszustellen oder Konzessionen zu gefährden.

Wenn überhaupt noch etwas ging – immerhin waren Stunden verstrichen –, dann mit Solidarität untereinander. Für viele wurde dadurch endlich wieder jener Hauch „alter Romantik“ lebendig, den man allzu oft bei der Knochenarbeit on the road vermisste.

Für Jim hielt „Big Mama“ indessen noch eine besondere Überraschung bereit. Sie führte ihn zu einem Schuppen, der versteckt hinter den Bewirtungs- und Tankeinrichtungen lag. Als sie das Vorhängeschloss nur mit Mühe aufbekam, schwante Jim, dass hier etwas schlummerte, was seit Jahren kein Blick mehr gestreift hatte.

Und so war es auch.

„Ich werd’ nicht mehr!“, entwich es Jims Lippen. „Ein Chevrolet Silverado!“

Verstaubt und dennoch knallgelb leuchtete ihm der Pickup aus dem Halbdämmer entgegen, in das die Lichtsäule der offenen Tür wie eine flirrende, überirdische Erscheinung fiel.

„Ein Stepside von neunzehnneunundsiebzig“, lächelte „Big Mama“. „Gefällt er dir?“

Jim hielt es nicht lange am Eingang. Er begutachtete das unerwartete Schmuckstück aus der Nähe. Die Türen waren nicht verriegelt. Dank dicht verschlossener Scheiben hatte der Staub jedoch keine Chance erhalten, auch ins gepflegte Innere vorzudringen.

„Warum lässt du so etwas hier vergammeln?“ Jim fasste es nicht. „Du hast ja richtig Geschmack, Big Mama. Ich mag die gestylte Fleetside Variante nämlich auch nicht. Gerade die separaten hinteren Kotflügel machten doch den Reiz beim Chevy-Laster aus ... Tiefergelegtes Fahrwerk – Vorsicht bei hohen Bordsteinen!“ Er grinste. „Wie oft bist du schon gegengedonnert?“

„Kein einziges Mal“, antwortete „Big Mama“ glaubwürdig. „Der Wagen wurde nicht mehr angerührt, seit ich ihn vor fünf Jahren von einem Kerl ergatterte, der verflucht in der Kreide stand.“

Jim bemerkte ihren veränderten Tonfall und sagte: „Hat er den halben Stop in Trümmer gelegt? Das könnte er dafür “, er deutete auf die gut 300 PS, die sich unter der quittegelben Haube stauten, „nämlich durchaus verlangen ...“

„Big Mamas“ Augen lächelten nicht, als sie das Gesicht verzog und meinte: „Der Kerl war Shaunys Vater, der mich damals sitzengelassen hat. Oben in Oklahoma. Er ahnte nichts von meinem Geschäftsleben, das ich mir zwischenzeitlich aufgebaut hatte. Eines Tages tuckerte er hier mit diesem protzigen Chevy vorbei. Wollte, dass man den Wagen durchcheckte, weil er etwas stotterte. Ich glaube, er erkannte mich nicht einmal sofort, als er hier mit der Kohle ein paar meiner Mädchen beeindrucken wollte. Wedelte mit den Scheinen. Na, da packte mich halt die Wut, und er lernte mich von der anderen Seite kennen. Am Schluss haute er ab. Ohne Chevy und den Schlüssel. Ich schätze, er hatte die Hosen gestrichen voll, dass ich ihn wirklich in die Pflicht nehmen könnte nach all der Zeit ...“

Jim nickte beeindruckt. „Du bist eine starke Frau, Big Mama.“

„Scheiß drauf.“ Sie lächelte, diesmal schon etwas wärmer. Dann nickte sie zum Wagen. „Wie gefällt er dir also?“ „Muss ich das erst noch sagen? Was hast du damit vor?“

„Ich wollte ihn Shauny zum Geschenk machen, sobald sie die Universität erfolgreich beendet hat.“

„Tolle Idee. Weiß sie davon?“ „Nein.“

„Ihr werden die Augen übergehen.“ Den Schatten auf ihren rosigen Wangen wusste er nicht zu deuten. „Hoffentlich ...“

Jim umrundete das Prachtstück. Seine Begeisterung kam aus dem Bauch heraus. Er hatte ein Faible für Qualität, die auch noch dem Auge gut tat. Und die Optik war bei dem Chevy Pickup zweifellos gelungen. Schon der Custom Grill war eine Augenweide, dazu die „Oakwood“ Ladefläche und die dunklen Scheiben ...

„Er hat ein Automatikgetriebe, eine Klimaanlage, ein verstellbares Lenkrad und ein hinteres Schiebefenster“, erklärte „Big Mama“, als würde sie aus einem Kaufprospekt vorlesen. „Nur Sprit säuft er ziemlich viel. Na ja. Das Tankvolumen erlaubt trotzdem einen hübschen Radius.“

„Zweifellos“, nickte Jim. „Da hat sich jemand wirklich viel Mühe gemacht, einen Exoten herzustellen. Dein Ex scheint es faustdick hinter den Ohren zu haben ...“

„Er lebte immer nach dem Wahlspruch: mehr Schein als Sein“, bestätigte „Big Mama“, ohne Lust, das Thema weiter zu vertiefen. „Ich wollte dir den Chevy zeigen, damit du weißt, dass ihr mobil seid, sobald sich irgendwo eine Fährte eures Trucks auftut.“

Es dauerte Sekunden, bis Jim begriff.

„Du bist verrückt“, lautete sein einziger Kommentar.

„Big Mama“ dirigierte ihn aus dem Schuppen, den sie sorgfältig verschloss. „Ich hab’ euch schon immer gemocht“, sagte sie. „Dich und Bob – ihr beide seid okay. Das kann man von den wenigsten im vollen Wortsinn behaupten. Ich bin, solange ich euch kenne, froh, dass ihr auf dem Boden geblieben seid. Vielleicht wird es euch selbst nicht mal bewusst, was für einen Namen ihr euch im Trucking Business gemacht habt. Ich treffe täglich mit Hunderten zusammen, die nicht annähernd das geschafft haben, was ihr euch erarbeitet habt: einen lupenreinen Ruf. Trotzdem lasst ihr es nie raushängen. Im Gegenteil. Ihr seid immer noch die gleichen jungen Hitzköpfe wie ganz zu Anfang. Außerdem habt ihr mir ein paarmal geholfen, vielleicht weißt du das gar nicht mehr. Einmal wollte mir dieser Typ den halben Stop in Trümmer legen. Dann war da der korrupte Bulle, der mitverdienen wollte ... Ihr habt das immer ohne Aufsehen geregelt. Ihr wart immer da, wenn ich euch brauchte. Das war nicht sehr oft, aber darüber muss ich ja nicht unfroh sein ...“

Jim marschierte neben ihr her zurück zum Office, wo Bob wartete, und er fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut. „Big Mama“ hatte etwas geschafft, was den wenigsten gelang: Sie hatte ihn verlegen gemacht. Jeden weiteren Widerspruch erstickte sie im Keim.

Bob erwartete ihn mit Licht und Schatten. „Zuerst die schlechte Nachricht: noch keine Spur vom Thunder“, sagte er.

„Und die gute?“

„Jemand hat das ,Nuttomobil‘ geortet, gar nicht sehr weit von uns hier entfernt. Die Ladies bewegen sich auf der 85er Richtung Dilley.“

„Eindeutige Identifikation?“

„Eindeutig.“

Jim wollte sich an „Big Mama“ wenden, als eines ihrer Mädchen hereinplatzte. „Telefon“, sagte sie. „Es scheint dringend. Yale ...“

„Big Mama“ drehte sich wortlos auf dem Absatz und folgte nach draußen.

Jim sah ihr mit einem unbestimmten Gefühl der Besorgnis hinterher.

„Was hast du?“, fragte Bob „Ärger?“ Er nickte in die Richtung, wo die Truck Stop Besitzerin verschwunden war.

Jim zuckte die Achseln. Plötzlich hatte er das dumpfe Gefühl, dass es noch andere Leute mit nicht geringeren Sorgen gab, als es bei ihnen der Fall war.

„Big Mamas“ Rückkehr nach wenigen Minuten bestätigte es. Selbst wenn sie es gewollt hätte, sie konnte es nicht länger verbergen. Sie war völlig verstört.

Bob nahm sie in die Arme, und es schien genau die richtige Medizin im Moment.

„Etwas mit Shauny?“, fragte er.

Jim stand etwas hilflos daneben.

Sie nickte. „Es war Dekan Smiley. Er sagte, dass ... dass Shauny ihre Sachen gepackt und sich unerlaubt vom Collegegelände entfernt habe – schon vor Tagen. Ihm selbst war es erst heute gemeldet worden, weil Kommilitoninnen Shauny gedeckt hatten. Sie fehlte unentschuldigt wegen angeblicher Krankheit ...“

Details

Seiten
104
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929799
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492977
Schlagworte
haie

Autor

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Titel: Die Haie von Kai 7