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HK GREIFF: Das letzte Wort hat der Tod

2019 94 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

HK GREIFF: DAS LETZTE WORT HAT DER TOD

Copyright

Ungebetener Besuch

Dunkelmann mit blonden Haaren

Unverhofftes Wiedersehen

Einer musste es tun

Ohne Partner geht es nicht

Eine günstige Gelegenheit

Mörder lieben keine Zeugen

Das letzte Wort hat der Tod

Mörder machen keine Scherze

Ohne Mord geht’s leider nicht

Tod in kleinen Dosen

Die falsche Mischung

Neugierde hat ihren Preis

Eine Show mit Tante Elli

Ein unglaublicher Fund

HK GREIFF: DAS LETZTE WORT HAT DER TOD

15 Kriminalerzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

 

Als Hauptkommissar bei der Mordkommission bin ich zwar nur für die Verbrechen gegen das Leben zuständig. Aber von den Kollegen der anderen Ressorts erfahre ich auch von Einbrüchen, Vergewaltigungen oder Drogendelikten. Eins haben alle Verbrechen gemeinsam: Früher oder später werden sie aufgeklärt, auch wenn die Täter es noch so raffiniert anstellen.

 

- Ein entsprungener Sträfling dringt in Inges Wohnung ein und droht, sie zu vergewaltigen. Auch ein ahnungsloser Vertreter bringt keine Hilfe, sondern wird ebenfalls überwältigt. Scheußliche Situation!

- Lars Bender soll dem Industriellen Carsten Veigel Beweise für die Untreue seiner Frau Ilonka bringen. Doch als er diese erhält, kann er damit ganz und gar nicht zufrieden sein.

- Nach 30 Jahren kündigt ein Telegramm aus Kanada den Besuch von Hedwig Kramers Sohn Jörg an. Die alte Frau ist aus dem Häuschen, doch das Wiedersehen verläuft anders, als sie sich das erträumte.

Und zwölf weitere spannende Kurzkrimis ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK EBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Ungebetener Besuch

Ärgerlich zerknüllte Inge Bach den Zettel, aber damit änderte sie auch nichts. Durch ihre Unterschrift hatte sie die Bestellung des 24-bändigen Lexikons bestätigt, und es gab nicht einmal ein Rücktrittsrecht, denn der Bursche würde sich darauf berufen, dass sie nach seinem Anruf seinen Besuch gebilligt hatte.

Wer hätte diesem Halunken mit seiner einschmeichelnden Stimme auch widerstehen können? Sie hatte sich gerade so einsam gefühlt, da erschien ihr seine unerwartete Freundlichkeit wie Balsam. Sie war sogar so töricht gewesen, ihm auch noch einen Kaffee anzubieten, als er vor ihr saß, sie mit umwerfend blauen Augen anstrahlte und ihr Kleid bezaubernd fand, obwohl es schon zwei Jahre alt war.

„Wer so hübsch ist wie Sie“, hörte Inge ihn sagen, „vernachlässigt bestimmt auch seinen Geist nicht. Dieses Lexikon ist für die kultivierte Frau von heute ein Muss. Und die bequeme Ratenzahlung spüren Sie überhaupt nicht. Wenn Sie hier unterschreiben würden. Also, an Ihrem Haar kann ich mich gar nicht sattsehen. Dornröschen würde vor Neid erblassen ...“

Wie ein Buch hatte dieser Rattenfänger geredet und seufzend bedauert, schon wieder gehen zu müssen. Jetzt lachte er bestimmt über die dumme Gans, die sich so bereitwillig hatte einwickeln lassen.

Dummheit muss bestraft werden, sagte sie sich. Vielleicht brauchst du wirklich so ein schlaues Lexikon, um in Zukunft nicht mehr auf so plumpes Süßholz hereinzufallen.

Sie ging in die Küche, um das Kaffeegeschirr abzuspülen. Da läutete es Sturm. Inge runzelte die Stirn. Auf weitere kostspielige Überraschungen war sie nicht erpicht, und Besuch erwartete sie nicht. Ob sie sich einfach taub stellte?

Himmel! Das war bestimmt das Paket vom Versandhaus, auf das sie schon seit einer Woche wartete. Sie hastete zur Tür und öffnete.

Es handelte sich nicht um die Post. Der Mann im blassblauen, schmutzigen Overall verzog sein Gesicht und wollte damit wohl ein Lächeln andeuten.

„Ich muss Ihren Stromzähler ablesen“, verlangte er und drückte die Tür etwas weiter auf.

„Schon wieder?“, wunderte sich Inge. „Ein Kollege von Ihnen war doch erst vor drei Wochen ...“

Der Fremde ließ sie nicht ausreden, sondern trat so energisch auf sie zu, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Die Haustür flog ins Schloss. Der angebliche Angestellte des Elektrizitätswerkes riss eine Pistole aus der Tasche und zischte: „Wer ist außer dir noch hier?“

Was für ein Tag! Erst verlor sie den Kopf, weil ihr ein durchtriebener Windhund ein paar nette Worte sagte, und nun bekam sie es auch noch mit einem bewaffneten Verbrecher zu tun. Was wollte er ausgerechnet bei ihr?

„Ich besitze weder Geld noch echten Schmuck“, stammelte sie.

„Habe ich danach gefragt?“, fauchte der Unbekannte. Er warnte sie, um Hilfe zu rufen. „Fünf Kugeln habe ich noch“, verriet er grimmig. „Zwei habe ich für den Wächter gebraucht. Wenn du mir Schwierigkeiten machst, schieße ich eben wieder. Kapiert?“

Was war da schwer zu begreifen? Ganz in der Nähe wurden bei Straßenbauarbeiten Strafgefangene eingesetzt. Der Kerl war offensichtlich geflohen und hatte sich den Weg freigeschossen.

„Ich bin allein“, gab sie mit bebender Stimme zu, „aber hier können Sie nicht bleiben. Die Polizei wird sämtliche Häuser in der Umgebung durchsuchen.“

„Wird sie nicht“, blaffte der Ausbrecher und stieß Inge vor sich her ins Wohnzimmer. „Die denken bestimmt, ich bin auf dem Weg zu Wally. Wegen diesem Luder haben sie mich damals geschnappt. Sie hatte sich in einen anderen verguckt. Ich werde es ihnen beiden heimzahlen, aber erst später. Ich gehe nicht zurück in den Bau, hörst du? Nie wieder.“ Drohend fuchtelte er mit der Pistole vor ihrer Nase herum. „Hast du was Trinkbares?“

„Es ist noch Kaffee da.“

Er lachte abscheulich.

„Guter Witz, Mädchen. Ich meine natürlich Schnaps. Oder wenigstens ein Bier.“

„Höchstens Nusslikör“, erinnerte sich Inge atemlos. „Warum hat man Sie eingesperrt?“

„Banküberfall“, antwortete der Verbrecher stolz. „Alles war perfekt ausgeknobelt, und dann muss die Kassiererin die Heldin spielen und Alarm auslösen.“

„Haben Sie sie ...?“

„War doch selbst schuld“, schimpfte er ohne Reue. „Sie hätte besser an ihre Kinder denken sollen.“

Erschreckende Gefühlskälte schlug Inge entgegen. Von diesem Mann hatte sie keine Schonung zu erwarten, wenn sie nicht tat, was er von ihr verlangte.

„Und der Wächter?“, wollte sie wissen. „Ist er tot?“

„Aus zwei Metern schieße ich nicht daneben“, brüstete sich der Ausbrecher. „Gib den Kaffee her!“

Während er in der Küche gleich aus der Kanne trank, blieb sein Blick begehrlich an ihr hängen. „Sieben Monate ohne Frau. Das ist kein Vergnügen.“

Jetzt wusste Inge, was sie erwartete.

Da läutete es erneut. Blitzschnell stieß er ihr die Waffe vor die Brust.

„Wer ist das?“

Inge hob die Schultern und hoffte auf Polizei.

„Wenn es die Bullen sind, schickst du sie weg“, befahl er. „Und kein falsches Wort! Du wärst die Erste, die ich treffen würde. Vergiss das nicht!“

„Meine Eltern kommen mich manchmal besuchen.“

„Ich will keinen sehen, sonst geht es dir und deinen Alten schlecht.“

Als sie die Haustür öffnete, wusste Inge die schussbereite Waffe und den zum Äußersten entschlossenen Mörder in ihrem Rücken. Ein Menschenleben bedeutete ihm nichts. Er würde abdrücken, falls sie ihn auch nur mit einem Wimpernzucken verriet. Dennoch behielt sie sich nicht völlig in der Gewalt, denn draußen stand der Vertreter. Er öffnete den Mund zu einer Erklärung, aber sie kam ihm zuvor.

„Ich habe keine Zeit. Und auch kein überflüssiges Geld.“ Damit schlug sie ihm die Tür vor der Nase zu.

„Wer war das?“, wollte der Eindringling wissen, nachdem sich der Vertreter entfernt hatte.

Inge sagte es ihm, und der Mann nörgelte: „Er besaß ungefähr meine Größe. Ich brauche andere Klamotten. Hast du einen Anzug oder etwas ähnliches?“

Mit Männerkleidung konnte sie nicht dienen.

„Vielleicht probieren Sie es woanders?“, hoffte sie.

„Quatsch!“, knurrte der Kerl. „Hier gefällt es mir. Schön ruhig die Gegend. Und du bist ein besonders niedlicher Käfer. Wir machen es uns jetzt ein bisschen nett.“ Er grinste genüsslich und zeigte zwei gelbliche Zahnreihen. Mit einer groben Handbewegung warf er sie aufs Bett und strich mit dem Lauf der Pistole von ihrem Knie aus nach oben. Der Rock rutschte höher. Inge schloss vor Entsetzen die Augen. Sie würde schreien. Sollte er doch schießen. Dann war wenigstens alles überstanden.

Gleichfalls wie ein Schrei tönte das Telefon durchs Haus. Der Mann zuckte zurück.

„Verdammt! Was ist denn nun schon wieder los?“ Er blitzte seine Geisel an, als wäre sie an dieser Störung schuld. Unter seiner Aufsicht musste Inge im Flur den Hörer abnehmen.

„Dorfner. Sie haben mich eben an der Tür so rasch abgefertigt, Frau Bach. Ich fürchte, ich habe Sie vorhin ziemlich überrumpelt. Wenn Sie wollen, machen wir die Bestellung wieder rückgängig. Darf ich gleich vorbeikommen?“

„N...nein! Ja, wenn Sie meinen.“ Inges Stimme klang tonlos und voll mühsam unterdrückter Angst. Der Kerl mit der Pistole hatte heftig genickt. Ohne Frage wollte er die Kleidung des Vertreters haben.

„Werden Sie ihn töten?“, fragte sie leise.

„Ist vielleicht nicht nötig“, kam es barsch. „Das hängt von ihm ab, vor allem aber von dir.“

Hinter dem Vorhang des Küchenfensters beobachtete er, dass der Besucher tatsächlich allein kam. „Schickes Sakko“, freute er sich. „Macht gleich einen anderen Menschen aus einem.“

„Lump bleibt Lump“, entfuhr es Inge. Dafür steckte sie eine schallende Ohrfeige ein, die ihr die Brutalität des Verbrechers schmerzlich vor Augen führte.

„Sind Sie mir etwa böse?“, erkundigte sich Daniel Dorfner, als Inge ihn ins Haus ließ. „Wissen Sie, in meinem Beruf ...“ Er unterbrach sich, denn hinter der Tür entdeckte er den Mann mit der Waffe.

„Tasche ausschütten!“, befahl der Fremde. Als wirklich nur Bücher herausfielen, war er zufrieden. „Ausziehen!“, war sein nächstes Kommando. „Alle beide“, fügte er mit einem Grinsen hinzu.

„Tun Sie, was er sagt!“, beschwor Inge den Vertreter. „Er hat zwei Menschenleben auf dem Gewissen.“

„Er hat Sie geschlagen“, erkannte Daniel Dorfner entrüstet und berührte sacht mit den Fingerspitzen ihre gerötete Wange. Inge hielt den Atem an. Warum musste dieser Störenfried alles verderben? Gab es denn keine Möglichkeit, ihn zu überwältigen?

Daniel Dorfner beantwortete ihren fragenden Blick mit einem Kopfschütteln. Er wollte nicht, dass sie sich in Gefahr brachte.

Langsam entledigte er sich seines Sakkos und der Hose. Dem Verbrecher war beides etwas zu groß, aber er schmunzelte zufrieden.

„Und jetzt muss ich dich ein wenig fesseln“, erklärte er. „Ich habe mit der Puppe etwas vor, wobei du nur stören würdest.“

Inge erschauerte, während Daniel Dorfner mit einem Wäscheseil zusammengeschnürt wurde.

Als das Telefon abermals anschlug, ächzte er: „Das wird mein Kumpel Armin sein. Sagen Sie ihm, er kann ruhig schon vorausfahren.“

Inge spürte die Pistolenmündung auf ihrer Wirbelsäule, als sie dem Ahnungslosen die Botschaft übermittelte. Ohne das geringste Misstrauen zu zeigen, legte Armin auf.

„Und nun zu uns, Schätzchen!“, raunte der Widerling und zerrte an ihrem Kleid.

„Warum bringen Sie sich nicht lieber in Sicherheit?“, flehte sie ihn an.

„Weil ich bei dir in Sicherheit bin. In sehr angenehmer Sicherheit noch dazu.“ Er riss sie an sich und presste seine Lippen auf ihren weit zurückgebogenen Hals.

Nebenan warf der Nachbar seinen Rasenmäher an. Ein lärmendes Ungeheuer. Selbst wenn sie um Hilfe rief, würde man sie kaum hören.

Daniel Dorfner bäumte sich gegen seine Fesseln auf, doch er konnte ihr nicht beistehen, zumal der Unhold die Pistole nicht aus der Hand legte.

„Darf ich vorher einen Likör trinken?“, bat sie mühsam. Sie war entschlossen, die ganze Flasche zu leeren. Vielleicht verlor sie dann das Bewusstsein. Der Kerl lehnte ab und zerrte ihr das Kleid vom Leib. Seine Augen wurden rund.

„O Mann!“, stöhnte er. „Sieben Monate konnte ich davon nur träumen.“

Als er sich auf sie warf, musste er sich für einen Moment von seiner Waffe trennen. Plötzlich ging alles blitzschnell. Zwei Schatten katapultierten durch die Tür. Der eine wuchtete den Verbrecher zur Seite. Der andere schnappte sich die Pistole und ließ den Überwältigten in die Mündung schauen.

„Bindet mich endlich los!“, wetterte Daniel Dorfner. Als er frei war, kümmerte er sich um Inge. Er hüllte die Zitternde in das Tischtuch und strich ihr beruhigend übers Haar. „Du warst unheimlich tapfer“, fand er. „Ich liebe tapfere Frauen.“

Einer der Männer ging zum Telefon und verständigte die Polizei. Danach trat er auf die Terrasse und rief zum Nachbarn hinüber: „Sie können den Rasenmäher wieder abstellen. Es hat geklappt.“ Was er damit meinte, begriff Inge erst, als sie das zertrümmerte Badezimmerfenster sah, durch das die beiden eingestiegen waren.

„Meine Kollegen Armin und Udo“, stellte Daniel vor und erklärte, wie es zu der Rettung gekommen war. „Kaum hatte ich deine Bestellung in der Tasche, nagten an mir Gewissensbisse. Ich spürte doch, dass du das Lexikon gar nicht wolltest. Als ich umkehrte, um noch einmal mit dir zu sprechen und dich vielleicht zum Abendessen einzuladen, ließest du gerade diesen Typ ins Haus. Er gefiel mir ganz und gar nicht, aber das konnte ja auch nur an meiner Eifersucht liegen. Doch als du dich dann an der Tür und am Telefon so komisch benahmst, war ich mir fast sicher: Da stimmte etwas nicht! Ich vereinbarte mit meinen Kollegen ein Stichwort, wenn sie hier anriefen. Das hast du ihnen ohne dein Wissen gegeben. Die zertrümmerte Fensterscheibe ersetze ich selbstverständlich.“

Inge war völlig verwirrt.

„Von allem habe ich nur ein einziges Wort verstanden“, behauptete sie. „Eifersucht.“

„Was soll ich machen“, gestand Daniel Dorfner zerknirscht. „Ich hatte mich auf Anhieb in dich verliebt. Ist das sehr schlimm?“

„Er hätte dich erschießen können“, erinnerte sich Inge schaudernd. „Und ich war erst so wütend auf dich.“

„Und jetzt?“, kam die bange Frage.

Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und war sicher, bald nur noch an das Erfreuliche dieses Tages zu denken.

 

 

 

Dunkelmann mit blonden Haaren

„Donnerwetter!“, staunte Lars Bender und reichte die Fotografie zurück. „Zu dieser wunderschönen Frau kann man Sie nur beglückwünschen.“

„Behalten Sie das Bild!“, entgegnete Carsten Veigel düster. „Ich möchte nicht, dass Sie die Falsche beschatten. Liefern Sie mir Beweise für Ilonas Untreue. Ich bin nicht der Mann, dem man ungestraft Hörner aufsetzt.“

Der Privatdetektiv ließ sich erläutern, worauf sich der Verdacht des Industriellen stützte, und erinnerte, dass sein Honorar auch fällig würde, falls sich alles als harmlos erwies.

„Harmlos?“ Carsten Veigel lachte bitter. „Sie betrügt mich. Ich habe alles in meinem Notizbuch aufgeschrieben. Ihre angeblichen Friseurbesuche, die Verabredungen mit diversen Freundinnen. Alles. Aber ich kann schlecht als stadtbekannter Firmeninhaber hinter meiner Frau her schnüffeln. Das werden Sie für mich erledigen. Diskret selbstverständlich. Sie berichten mir über alle Beobachtungen. Noch irgendwelche Fragen?“

Lars Bender verneinte. Er hatte genug gehört.

Von nun an beobachtete er die Veigelsche Villa unauffällig. Sobald die attraktive Ilona in ihrem Wagen fortfuhr, folgte er ihr in sicherem Abstand. Bereits nach wenigen Tagen erstattete er seinem Auftraggeber den ersten Bericht.

„Sie trifft sich tatsächlich mit einem Mann. Natürlich kann alles ganz harmlos sein.“

„Harmlos? Wer ist der Kerl? Wie heisst er? Wie sieht er aus?“

Den Namen wusste der Detektiv nicht, aber er gab eine detaillierte Beschreibung.

Carsten Veigel überlegte.

„Strohblondes Haar, ziemlich groß, grauer Maßanzug? Das könnte auf Möbus passen. Wir lernten ihn unlängst bei einer Party kennen. Finden Sie Näheres heraus!“

Lars Bender legte sich auf die Lauer und präsentierte bald darauf stolz ein Foto.

„Die Lichtverhältnisse waren miserabel“, entschuldigte er die mäßige Qualität. „Und leider habe ich ihn nur von schräg hinten erwischt. Aber Ihre Gattin ist gut zu erkennen.“

„Ja, und auch dass der Strolch den Arm um sie legt“, fauchte der Betrogene und kniff die Augen zusammen. „Ich bin nicht sicher, ob es sich um Möbus handelt. Wenn ich mich recht erinnere, trug er sein Haar glatt gescheitelt. Ich brauche handfestere Beweise, Mann. Schließlich bezahle ich Sie nicht schlecht.“

Das musste Lars Bender bestätigen. Er versprach, sein Bestes zu geben und den beiden hautnah auf den Fersen zu bleiben. Voll brennender Ungeduld wartete der Fabrikant auf die nächsten Recherchen. Ilona gegenüber ließ er sich nichts anmerken, und auch sie spielte die treue Ehefrau. Doch kaum fuhr er ins Büro, holte sie ihre Limousine aus der Garage und fuhr mit unbekanntem Ziel davon.

Lars Bender freilich kannte dieses Ziel längst. Es handelte sich um ein abseits stehendes Ferienhaus, und er hatte auch inzwischen in Erfahrung gebracht, von wem es vor zwei Wochen gemietet worden war.

„Georg Larich?“ Carsten Veigel schüttelte den Kopf. „Kenne ich nicht. Aber er wird mich kennenlernen.“ Zornig ballte er die Fäuste.

„Was haben Sie vor?“, fragte der Detektiv besorgt. „Vorläufig haben Sie noch nichts Konkretes in der Hand.“

Sein Auftraggeber klopfte sich wütend auf die Brust.

„Ich besitze Fakten, Mann“, tobte er. „Alles notiert. Jedes Treffen, das Sie mir gemeldet haben. Dazu das Foto. Das reicht.“

Lars Bender war anderer Meinung. Seine Berufserfahrung lehrte ihn, dass ein Ehebruch erheblich stichhaltiger bewiesen werden musste.

„Das wird Ihnen nicht gelingen“, zweifelte der andere grimmig. „Sie können sich ja schlecht im Schlafzimmerschrank verstecken.“

„Natürlich dürfen die beiden nicht merken, dass sie auf Schritt und Tritt beobachtet werden“, gab ihm der Detektiv recht. „Aber vielleicht sind ja einmal die Vorhänge nicht restlos geschlossen. In meiner Branche braucht man vor allem Geduld.“

Es dauerte tatsächlich fast zwei Wochen, ehe ihm der entscheidende Schnappschuss gelang. Zwar ließ die Aufnahme wegen der spärlichen Kerzenbeleuchtung abermals zu wünschen übrig, aber dass Ilona mit ihrem blonden Geliebten nicht Karten spielte, ließ sich unschwer erkennen.

Carsten Veigel tippte aufgeregt auf das Foto.

„Sehen Sie das große Muttermal auf seinem Rücken? Daran werde ich ihn erkennen.“

Lars Bender meldete Zweifel an.

„Wollen Sie warten, bis Sie ihm in der Sauna begegnen? Oder haben Sie vor, alle Männer auf der Straße zu bitten, sich zu entkleiden?“

„Was schlagen Sie vor?“, murrte der Wütende.

„Fahren Sie, wie gewohnt, frühmorgens ins Büro, aber sorgen Sie dafür, dass ich Sie jederzeit telefonisch erreichen kann! Sobald ich sicher bin, dass sich die beiden im Ferienhaus aufhalten, verständige ich Sie. Dann können Sie sie in flagranti erwischen und zur Rede stellen.“

Carsten Veigel knirschte mit den Zähnen.

„Und wie ich sie zur Rede stellen werde. Für Ilona wird es ein böses Erwachen geben. Sie ist an den Luxus, den ich ihr biete, gewöhnt und wird ihn schmerzlich vermissen.“

Die beiden Männer trennten sich, nachdem Lars Bender seinen Scheck in Empfang genommen hatte. Von nun an wartete der Fabrikant ungeduldig auf den Anruf. Der erfolgte bereits am nächsten Tag. Carsten Veigel legte mit bösem Lächeln den Hörer zurück, erklärte seiner Sekretärin, dass er in einer Stunde zurück sei und keinen Chauffeur brauche. Dann machte er sich auf den Weg.

Die Lage des Liebesnestes hatte er sich genau beschreiben lassen. Er parkte seinen Wagen ein Stück entfernt, denn er wollte Ilona und ihren Liebhaber nicht vorzeitig warnen.

Nach ihrer Limousine hielt er vergebens Ausschau, aber die stand zweifellos in der Garage.

Bender hatte ihm einen Zweitschlüssel beschafft. So gelangte er unbemerkt ins Haus und hörte bereits im Flur Ilonas Kichern und dazu eine Männerstimme, die leidenschaftlich von ihren Reizen schwärmte.

Das war zu viel. Mit wenigen Schritten durchmaß er den Gang und riss die Tür auf.

Im gleichen Moment traf ihn die Kugel aus kürzester Entfernung, während das Kichern nicht verstummte. Der Mörder schob die Waffe in die Tasche zurück, trat an den Tisch und schaltete den Recorder aus. Er nahm die Kassette an sich und verließ seelenruhig das Haus. Ein paar hundert Meter weiter wartete sein Wagen. Er fuhr nach Hause, entledigte sich aber unterwegs der blonden Perücke und des Maßanzugs. Das Muttermal auf seinem Rücken brauchte er nicht mehr zu entfernen. Dies hatte er unmittelbar nach der Herstellung des Fotos abgewaschen.

Lars Bender atmete auf. Zu Hause legte er sich auf das Sofa und schloss die Augen. Alles hatte bestens geklappt.

Er erinnerte sich noch genau an den Tag, als Carsten Veigel ihm das Foto seiner Frau zeigte. Sofort war er von Ilona fasziniert gewesen, doch durfte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht hoffen, dass sie seine Gefühle jemals erwidern würde. Aber genau das war eingetreten. Als Ilona erfuhr, dass ihr Mann sie beschatten lassen wollte, machte sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube mehr. Sie gab zu, Carsten damals nur seines Geldes wegen geheiratet zu haben. Sie hatte gehofft, ihm Untreue nachweisen und bei der folgenden Scheidung eine entsprechende Abfindung herausschlagen zu können.

Dummerweise erwies sich ihr Mann als absolut treu und erwartete dasselbe auch von ihr. Doch da spielte sie nicht mit. Ihr Liebhaber bedeutete ihr im Grunde nichts. Ja, sie hatte sich von diesem Jochen Trunk ohnehin schon wieder getrennt, weil er ihr zu langweilig war.

Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht hatte sie Lars Bender alles andere als langweilig gefunden. Zu gerne wäre sie für ihn frei gewesen. Aber sollte sie auf das ganze Geld ihres Mannes verzichten?

Ja, so war ihr Plan gereift, Carsten Veigel einen falschen Liebhaber vorzugaukeln. Die Fotos waren mit Selbstauslöser entstanden, und auch das Ferienhaus hatte der Detektiv mit blonder Perücke gemietet. In dem Notizbuch des Toten würde die Polizei eine exakte Beschreibung des mutmaßlichen Mörders finden. Ilona besaß ein bombensicheres Alibi für die Tatzeit, und nach dem angeblichen Georg Larich konnten die Beamten lange suchen. Die Wahrheit ahnten sie nie.

Irgendwann würde Ilona bei ihm anrufen. Sobald die Erbschaftsangelegenheit geklärt war, wollten sie die Fabrik verkaufen und das Leben auf den Bahamas genießen.

Zunächst meldete sich allerdings ein Kommissar Stöttke. Der Tote war gefunden worden. In seinem Notizbuch stand der Name des Detektivs. Lars Bender bestätigte den Auftrag und den Wahrheitsgehalt der Aufzeichnungen. Er stellte bereitwillig die Negative zur Verfügung und bot seine Hilfe bei der Aufklärung dieses schrecklichen Verbrechens an.

Die fassungslose Witwe schluchzte, sie habe Georg Larich am Vortag des Mordes den Laufpass gegeben und ihn danach nicht mehr gesehen. Offenbar habe er ihren Mann aus diesem Grunde getötet. Sie selbst kam für die Tat nicht in Frage, wie zahlreiche glaubwürdige Zeugen bestätigten.

Lars Bender bewunderte diese Frau wegen ihrer Gelassenheit. Er freute sich auf die atemberaubenden Jahre mit ihr.

Um keinen Verdacht zu erregen, hielt er sich in der nächsten Zeit von ihr fern und nahm erst wieder Kontakt zu ihr auf, als das Testament eröffnet war und es Zeit wurde, die Weichen für die Zukunft neu zu stellen.

„Mach dich nicht lächerlich!“, zischte Ilona am Telefon. „Meine Zukunft gehört Jochen Trunk. Hast du jemals etwas anderes angenommen? Und versuche nicht, mir zu drohen! Du weißt ja selbst, was auf Mord steht.“

„Du Schlange!“, schrie der Geprellte. „Das kannst du mit mir nicht machen. Ich liebe dich doch.“

Die Frau legte den Hörer auf und gab dem Mann neben ihr einen leidenschaftlichen Kuss.

„Der arme Narr hält den Mund“, war sie sicher.

Minuten später wurde Kommissar Stöttke das mitgeschnittene Telefongespräch vorgespielt. „Also doch!“, sagte er zufrieden. „Gut, dass wir die beiden Anschlüsse überwacht haben. Na, dann wollen wir mal!“

 

 

 

Unverhofftes Wiedersehen

Metzgermeister Hubke traute seinen Ohren nicht.

„Ein Kilo Rinderfilet?“, wiederholte er zweifelnd. „Da wird sich Ihr Hund aber freuen.“

Hedwig Kramer lächelte nachsichtig.

„Mein Sohn kommt zu Besuch. Aus Kanada. Gestern traf sein Telegramm ein.“

Paul Hubke hatte die knauserige Frau immer für kinderlos gehalten. Solange er denken konnte, wohnte die Siebzigjährige nun schon allein in ihrem Haus am Stadtrand, bekam nie Besuch, unterhielt keine Freundschaften und traute keinem Menschen.

Die Alte kramte eine zerknitterte Fotografie aus ihrer Einkaufstasche und schob sie über die Theke.

„Das ist er“, strahlte sie. „Mein Jörg arbeitet auf den Ölfeldern in der Nähe von Toronto.“

Der Metzger schüttelte den Kopf.

„Dieses Bürschchen?“ Das Foto zeigte einen 16-jährigen von kümmerlicher Statur.

Hedwig Kramer nahm das Bild ärgerlich an sich.

„Inzwischen sind doch fast dreißig Jahre vergangen“, erklärte sie. „Wo bleibt jetzt mein Filet?“

„Na sowas!“, staunte ein anderer Kunde, nachdem sie das Geschäft verlassen hatte. „Der verlorene Sohn kehrt heim. Wer hätte das gedacht?“ Er erzählte, dass sich der junge Jörg seinerzeit mit seinen Eltern überworfen und daraus die Konsequenzen gezogen hatte. „Anfangs glaubten alle, er würde unter die Räder geraten, aber drüben in Kanada scheint er es zu etwas gebracht zu haben. Schade, dass sein Vater das nicht mehr erleben kann!“

Hedwig Kramer erledigte noch einige weitere Besorgungen, bevor sie mit vollgepackter Tasche nach Hause humpelte. Ein paarmal musste sie ihre Last absetzen, um zu verschnaufen. Der Mann auf der anderen Straßenseite beobachtete sie genau, aber es fiel ihm nicht ein, der gebrechlichen Frau behilflich zu sein. Er achtete sorgsam darauf, dass sie ihn nicht entdeckte. Das würde seinen ganzen Plan vereiteln.

Nachdem sich die Tür hinter Hedwig Kramer geschlossen hatte, behielt der Mann das Haus noch eine Weile im Auge, bevor er sich entfernte. Auf seinen Lippen lag ein zufriedenes Grinsen.

Die Siebzigjährige überzog das Bett im Gästezimmer und schlurfte anschließend in die Küche. Es gab eine Menge vorzubereiten. Während des Kochens betrachtete sie immer wieder die uralte Fotografie und seufzte. Dreißig törichte Jahre. Warum hatten sie damals nur ihr einziges Kind aus dem Haus getrieben? Wie lange musste sie auf ein Lebenszeichen von Jörg warten? Und dann traf völlig überraschend dieses Telegramm ein.

Sie blickte beunruhigt auf die Uhr. Sie wusste, wann das Flugzeug in Frankfurt landete. Von dort brauchte man noch ungefähr zwei Stunden bis zu ihr.

Drei Stunden hatte sie noch Zeit. Drei endlos lange Stunden ...

 

*

 

Es läutete. Die gebrechliche Frau strich ihr Sonntagskleid glatt, das sie zur Feier des Tages angelegt hatte, und hastete, so rasch es ihr Rheuma erlaubte, zur Tür. Draußen stand ein Mann mit wettergegerbtem Gesicht und vorsichtigem Lächeln.

„Mutter!“

„Jörg? Junge, hast du dich aber herausgemacht!“

Details

Seiten
94
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929782
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492918
Schlagworte
greiff wort

Autor

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Titel: HK GREIFF: Das letzte Wort hat der Tod