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REDLIGHT STREET #45: Jennifer lässt sich nicht ködern

2019 98 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Jennifer lässt sich nicht ködern

Copyright

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Jennifer lässt sich nicht ködern

REDLIGHT STREET #45

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 98 Taschenbuchseiten.

 

Fünf Jahre war sie fort gewesen. Vier Jahre im Gefängnis und ein Jahr in Paris. Doch nun war sie wieder nach Hause auf die Insel gekommen. Sie hatte geglaubt, die Bewohner würden sie mit Abscheu ansehen, aber sie hatte sich in den Menschen getäuscht. Die Insulaner waren ihr mit Herzlichkeit begegnet. Niemand glaubte, dass sie tatsächlich etwas Unrechtes getan hatte. Also ging sie dorthin, wohin sie eigentlich nie wieder gehen wollte: Zu ihrem Elternhaus.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Sie hatte sich sehr lange auf diesen Augenblick gefreut. In allen Einzelheiten hatte sie sich die Ankunft ausgemalt. Immer und immer wieder. Ja, wenn sie ehrlich sein wollte, dann musste sie sich eingestehen, dass dieser Gedanke der Heimkehr sie die ganze Zeit aufrecht gehalten hatte. Sie hatte sich abgesondert, oft tagelang nicht gesprochen. Man hatte sie verhöhnt und verlacht. Aber sie hatte nur verächtlich gelächelt. Nach einer gewissen Zeit hatte man sie in Frieden gelassen. Man spürte die Stärke des Mädchens und beneidete es darum.

Hamburg lag so weit weg.

Das Gefängnis war nur noch so etwas wie eine Fata Morgana.

Sie nahm ihr Kopftuch ab.

Der Wind spielte mit dem blonden Haar.

Das Mädchen hatte bewusst das Schiff gewählt. Sie hätte auch über den Hindenburgdamm fahren können, mit dem Auto. Das stand in der Garage in Hamburg.

»Vielleicht brauche ich es nie mehr«, murmelte sie leise vor sich hin.

Der Schrei der Möwen war für sie Musik.

Der Salzduft, die frische Brise. Es war köstlich, schön!

»Mein Gott«, sagte sie fast andächtig.

»Nicht wahr, es ist immer wieder schön, hierherzukommen! Empfinden Sie das nicht auch?«

Jennifer drehte sich langsam zur Seite.

Neben ihr an der Reling stand ein Mann. Er war im mittleren Alter. Geschäftsmann wahrscheinlich, taxierte sie ihn sofort ein.

Jennifer runzelte die Stirn.

Der Mann sah sie ein wenig herausfordernd an.

»Sind Sie Ausländerin?«

Wie plump, dachte sie.

»Nein!«

Ihre Stimme klang spröde.

»Ah, Sie können doch reden.«

Er rückte ein wenig näher.

Jennifer starrte ihn so intensiv an, dass der Mann rot wurde und sofort wieder einen Schritt zurückging.

»Sie möchten wohl allein sein?«

»Sie haben es erraten.«

Die Wellen schlugen gegen das Schiff.

Ja, sie wollte allein mit sich und ihren Erinnerungen sein.

»Aber eine so schöne Frau soll man nicht allein lassen!«

Sie musterte ihn. Wenn sie wollte, konnten ihre Augen wie Eiskristalle sein.

Wieder wurde der Mann nervös.

Er lachte gekünstelt auf.

»Verteufelt schön und dann so eiskalt. Wahrscheinlich sind Sie vom anderen Bahnhof, wie?«

Jetzt versucht er es mit einer Beleidigung, dachte sie spöttisch. Er möchte jetzt, dass ich in die gleiche Kerbe reinschlage. Wenn ich antworte, dann hat er mich am Haken. Glaubt er.

Man konnte sie nicht mehr beleidigen. Das lag so weit zurück.

Sie starrte auf die weite Wasserfläche.

Nordsee, Mordsee, durchfuhr es sie.

»Ich kehre heim.« Sie hatte es halblaut ausgesprochen.

»Was haben Sie gesagt?«

Sie drehte sich ungestüm zu ihm herum und fauchte ihn an.

»Verschwinden Sie, auf der Stelle, oder ich werde andere Seiten aufziehen!«

»Aber«, sagte er verdutzt.

»Hauen Sie ab, Sie aufdringlicher Kerl! Versuchen Sie woanders Ihr Glück. Verdammt noch mal. Ist das klar genug? Oder soll ich noch deutlicher werden?«

Er wurde fast blaurot.

»Was erlauben Sie sich?«

Seine Stimme wurde schrill.

»Was ich mir erlaube? Ich scheuche Sie nur fort. Meinen Sie, ich hätte Sie nicht durchschaut? Ach, Ihnen ist es gestattet, mich einfach anzumachen. Da soll ich mich wohl noch freuen,wie? Aber ich tue es nicht. Verduften Sie, verschwinden Sie!«

Das war wirklich neu für ihn. So hatte ihn bis jetzt noch keine behandelt.

Nun ja, er hatte sie mit dem Gedanken angesprochen, sie näher kennenzulernen. Schließlich hatte der Arzt daheim diesen Aufenthalt verordnet. Er wollte nicht allein sein. Ein kleines Abenteuerchen, das war nicht zu verachten.

Sie war rassig schön. Schön und aufreizend. Mit ihr würde er Staat machen können. Vor allen Dingen war es erheblich billiger, wenn man gleich zu Anfang ein Mädchen aufriss. Man konnte ein wenig Verliebtheit vorschwärmen. Nach einer gewissen Zeit vorschlagen, getrennte Kasse zu machen. Obschon er Geld genug besaß, war er geizig. Sie sah ganz danach aus, als hätte sie selbst Geld. Außerdem, und das war ja ausschlaggebend gewesen, war sie allein. Er hatte sie seit Hamburg nicht aus den Augen gelassen. Sie war allein an Bord gegangen. Man hatte sie auch nicht zum Schiff gebracht. Eine Stunde hatte er sie aus der Ferne betrachtet. Sie stand allein und einsam an der Reling. Gewiss ist sie froh, wenn sich jemand um sie kümmert, hatte er gedacht.

Und jetzt diese Abfuhr!

Er wollte ihr eine passende Antwort geben. Doch dann warf er einen Blick in ihre Augen und zog es vor, schweigend zu gehen.

Wenige Augenblicke später tauchte ein Besatzungsmitglied auf.

»Jennifer?«, fragte der junge Mann vorsichtig.

Sie drehte sich hemm.

Ihr Gesicht war verschlossen.

»Bist du es wirklich?«

»Peer?«

Der Matrose grinste.

»Das ist aber toll. Hast mich also gleich erkannt?«

»Mit Vollbart«, sagte sie lachend. »Das ist wirklich ein Kunststückchen, mein Lieber.«

»Eine Meisterleistung. Meine Schwester hielt mich zuerst für einen Einbrecher, als ich so in ihr Haus gestürmt kam.«

Sie gaben sich die Hand.

»Hübsch, dich wiederzusehen«, sagte Peer und lächelte sie an.

»Ja?«

Ein seltsamer Schimmer lag jetzt in ihren blauen Augen.

»Aber natürlich. Kommst also zur Insel zurück.«

»Ich glaube, wir lösen uns nie wirklich. Nicht wahr?«

»Nein, die Insel ist wie ein Magnet. Aber es ist schade, dass du ausgerechnet in der Hauptsaison zurückkommst, meine Deern.«

»Die Leute stören mich nicht. Ich hab ja meine Wohnung.«

»Ehrlich?«

»Die Bank hat die ganze Zeit für mich die Miete bezahlt.«

Peer blickte über die Wasserfläche. Um seine Mundwinkel lag jetzt ein seltsamer Zug.

»Sag mal...«, begann er vorsichtig.

Jennifer legte eine Hand auf seinen rechten Arm.

»Peer, nicht, bitte!«

Er kniff die Augen zu zwei Spalten zusammen.

»Schon gut. Will keine alten Wunden aufreißen, Mädchen. Das hab ich wirklich nicht vor. Aber du wirst staunen, ehrlich. Wie lange bist du nicht mehr in Westerland gewesen?«

»Fünf Jahre«, sagte sie mit herber Stimme.

Er nahm die Mütze ab.

Das blonde Haar wirbelte durch die Luft.

»Tja, da wirst du aus dem Staunen nicht mehr rauskommen, Mädchen.«

»Was willst du damit sagen?«

»Beton, Mädchen, nur Beton. Die können gar nicht genug davon kriegen. Ehrlich. Und weißt du was das Dollste ist?«

»Nein!«

»Immer wenn wir Hochsaison haben, dann ist in Westerland die Luft schlechter als im Ruhrpott. Ehrlich!«

Sie lachte und sah ihn ungläubig an.

»Jetzt willst du mir wohl einen Bären aufbinden, wie?«

»Ich wollt, es wär so. Aber gegen den Benzingestank, da kommt nicht mal mehr ne frische Brise an. Ich sag dir, das ist fürchterlich.«

»Ich wohne ja in Keitum.«

»Freu dich.«

Sie stand neben ihm und sah jetzt die Insel auftauchen. Dieses langgestreckte seltsame Gebilde!

Etwas in ihrem Herzen wollte zerspringen.

Sie fühlte ein Würgen.

Peer starrte sie von der Seite her an.

»Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn du nicht heimgekommen wärst«, sagte er ruhig.

Er wusste alles!

Das war ja kein Wunder. Damals hatte alles in der Zeitung gestanden.

Damals!

»Ach was, ich stelle mich«, sagte sie mit herber Stimme. »Ich bin ein anderer Mensch geworden.«

»Wie lange bist du denn schon raus?«

»Seit einem Jahr. Wegen guter Führung.«

Der Matrose sagte: »So ist das. Hast also ein Jahr gebraucht, um diesen Schritt zu tun?«

»Ja!«

»Wo warst du denn so lange?«

»In Paris.«

Er blickte in die blauen Augen. Sie waren rätselhaft und seltsam. Er fühlte ein Prickeln unter seiner Haut, und sein Herz begann schneller zu schlagen.

Teufel noch mal, sie macht mich noch immer verrückt, dachte er verdutzt. Damals war ich ein ganz junger Spund. Sie war wirklich nett zu mir. Kann ich nicht mehr vergessen.

Jennifer lachte.

»Und jetzt überlegst du die ganze Zeit, nicht?«

Er lachte gutmütig auf.

»Geht mich nichts an.«

»Ich bin und bleibe eine Dirne, Peer. Ich stehe zu meinem Beruf, ehrlich. Das sage ich nicht nur so. Das ist die reine Wahrheit.«

»Na, du bist mir eine.«

»Warum?«

»Ich hab doch gar nicht gefragt.«

»Ich lüge nicht, Peer.«

»Und damals?«, fragte er leise.

Wirklich wirkte ihr Gesicht verschlossen.

»Das ist aus und vorbei. Ich habe meine Strafe abgesessen, Peer. Darüber möchte ich nie mehr reden.«

»Aber wir sind alle davon überzeugt, dass du unschuldig bist.«

Ein jäher Ruck ging durch ihren Körper.

»Das ist nicht wahr!«

»Doch, Jennifer.«

»Wer?«

»Ach Göttchen, alle, die dich kennen. Wir können einfach nicht glauben .. .«

Ihre Fingernägel krallten sich in seinen Arm.

»Hör auf«, keuchte sie.

»Warum, Jennifer?«

Ihre Augen wirkten durchsichtig.

»Das verstehst du nicht!«

»Vielleicht hast du recht. Aber ich will dir mal was sagen, du bist ein verdammt anständiges Mädchen. Ehrlich.«

Sie lächelte bitter.

»Du bist auch ein feiner Junge. Deine Frau kann stolz auf dich sein.«

»Hach, siehst du in mir einen Trottel?«

»Wieso?«, gab sie lachend zurück.

»Ich heirate doch nicht. Da ist die Mark ja nur noch fünfzig Pfennige wert.«

Zum ersten Mal seit langer Zeit lachte Jennifer Brandes schallend auf. Das tat gut. Schwemmte alles fort. Befreite wie eine frische Seebrise.

»Du alter Schlawiner, und wer soll dich mal trösten, wenn du ein alter Knacker geworden bist?«

»Ich bin erst dreißig«, sagte er empört.

»Eben, jetzt beißen die knusprigen Mädchen noch an. Aber wenn das Haar erst mal schütter ist, die Beine wackelig sind, dann wird keine mehr kommen.«

»Och, ich werd das schon verknusen«, grinste er. »Wie ist es, Mädchen, wir zwei können ja einen Pakt abschließen.«

Sie sah ihn lustig an.

»Was willst du damit sagen?«

»Du wirst ja auch mal alt, mein Mädchen. Und dann hast du niemanden, der...«

»Sei still, das brauche ich dann ganz bestimmt nicht mehr, Peer.«

»Lass mich doch ausreden.«

»Ja?«

Ihre Augen glitzerten ihn an.

»Der dir den Mülleimer nach unten trägt«, gab er schlagfertig zurück. »Du wärmst mir dann meine alten müden Knochen, und ich trag den Müllpott runter.«

Sie lächele ihn an. »Dein Angebot ist wirklich umwerfend, Peer, aber eines hast du außer acht gelassen.«

»Und das wäre?«

»Ich besitze einen Müllschlucker«, sagte die Dirne fröhlich.

»Siehst du«, spielte er den Empörten, »das hat man von all dem technischen Krimskrams!«

»Ja, nicht. Vielleicht gibt es bald eine Aufblasepuppe mit Heizung.«

»Grausames Weib«, sagte er verächtlich.

Jennifer sagte herzlich: »War nett, dich getroffen zu haben. Du hast mir sehr geholfen.«

»Weiß ich!«

Bevor sie ihm noch eine Antwort geben konnte, war er verschwunden.

Dann legte das Schiff an, und sie musste aussteigen. Als sie an Land ging, stieß sie gleich mit einem Mann zusammen, von dem sie gehofft hatte, ihn nie mehr wiedersehen zu müssen.

Ihr Zuhälter Lois!

Er kniff die Augen zusammen.

Als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, war sie rothaarig gewesen. Außerdem wähnte er sie noch immer im Gefängnis.

»Bist du es wirklich?«

Sie hatte keine Angst mehr vor ihm. Das alles lag so weit zurück. Sie ärgerte sich nur darüber, dass es ausgerechnet Lois sein musste.

»Ja, ich bin es.«

Sein Verstand war messerscharf, sein Blick verschlagen. Er sah sofort, dass sie schöner denn je war. Knusprig braun und kühl. Sie war mit einem Wort eine Klasse-Tülle. Nach so etwas leckten sich die rechten Kerle die Finger. Sie strahlte all das aus, was nun mal zu einer wirklich perfekten Nutte gehörte. Jennifer hatte sich nie angebiedert. Sie hatte immer die Kühle gespielt. Aber jetzt war sie die Vollendung in Person.

»Das ist ja reizend, dass wir uns hier treffen, Mädchen. Schicksal«, setzte er hinzu.

Sie nahm ihren kleinen Handkoffer auf und wandte sich der Stadt zu. Fast traf sie der Schlag. Ein Hochhaus nach dem anderen. Man konnte schon nichts mehr vom Hinterland sehen. Es war eine Horrorlandschaft geworden.

Jennifer spürte ein Würgen in der Kehle.

Was hatte man aus ihrer Insel gemacht!

»Herrlich, nicht?«, sagte der Zuhälter. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie reich man hier werden kann. Das beste Gebiet ist aber immer noch Kämpen. Da sitzen die ganz reichen Kerle. Ich sage dir ...«

»Halt deinen Mund!«, sagte sie grob.

Der Zuhälter blieb gleichbleibend freundlich.

»Ich habe eine große Wohnung. Wenn du willst, kannst du die erste Zeit bei mir wohnen. Selbstverständlich umsonst. Bis du was gefunden hast. Ganz unverbindlich. Aus alter Freundschaft, verstehst du.«

Sie warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

»Mein Lieber, vor zehn Jahren konntest du mich so ködern, aber jetzt nicht mehr. Und nun verschwinde, ich kann dein dreckiges, mieses Gesicht nicht mehr sehen. Mir wird schlecht bei diesem Anblick.«

Wut stieg in dem Zuhälter hoch.

»Nimm den Mund nicht zu voll, Jennifer. Ich habe noch immer Macht. Du entkommst mir nicht, verstanden. Du nicht! Sei vorsichtig!«

Hochmütig starrte sie ihn an.

»Willst du mir drohen?« Ihr Blick machte ihn nervös.

»Wer schickt dich?«

»Das weißt du nicht? Ich denke, du hörst sonst die Läuse husten?«

Er starrte sie an.

»Mit wem hast du dich verbündet?«

»Glaubst du wirklich, das binde ich dir auf die Nase?«

Seine Augen verengten sich. So war ihm noch nie eine Tülle gekommen. Er zeigte keine Angst. Aber gleichzeitig war er auf der Hut.

»Ist noch etwas?«

Sie lachte ihm hochmütig ins Gesicht.

»Ich werde es schon herausfinden. Verlass dich darauf. Du kriegst mich nicht klein. Schon eher das Gegenteil, Süße. Du wirst nicht lange frei herumlaufen. Das verspreche ich dir.«

»Du hast mir schon so viel versprochen. Nie ist etwas eingetroffen.«

Jennifer ging an ihm vorbei.

Er sah ihr nach. Doch dann fiel ihm noch rechtzeitig ein, weswegen er zum Landungssteg gekommen war.

Vor zwei Wochen hatte er ein Mädchen auf dem Festland angemacht. Die Kleine war jetzt so begeistert von ihm, dass sie ihm blindlings folgte. Er war vorausgefahren und hatte ihr von Sylt aus ein Telegramm geschickt. Sie solle sich Urlaub nehmen und die Zeit hier mit ihm verbringen.

Mit diesem Schiff wollte sie ankommen. Er besaß also wieder ein neues Pferdchen. Da hinten tauchte der dunkle Schopf auf. Sie war jung und frisch. Und doch konnte sie Jennifer nicht das Wasser reichen.

Es ärgerte ihn maßlos, dass er nicht gewusst hatte, dass sie schon wieder frei war. Er hätte gleich am Gefängnistor stehen müssen. Dann hätte sie sich ihm gewiss wieder gefügt. Jetzt würde es sehr hart sein.

Jennifer selbst dachte nur noch einen Augenblick an den Zuhälter. Auch sie war ärgerlich. Sie wollte ihn nie mehr wiedersehen. Zu viele böse Erinnerungen verbanden sich mit diesem Schuft.

Sie nahm ein Taxi nach Keitum. Für gewöhnlich war sie das Stück zu Fuß gegangen. Aber sie hatte ihr Gepäck bei sich, und das konnte sie nicht alles auf einmal schleppen.

Sie war noch immer entsetzt über die vielen Autos. Würde man auf der Insel überhaupt noch Ruhe finden können? Die Dirne war erstaunt über die vielen Menschen. Was zog sie hierher?

Dann stand sie vor dem kleinen mit Stroh gedeckten Haus. Sie hatte die Taxe bezahlt. Jetzt war sie allein. Die Möwen kreischten. Die Sonne brannte auf ihrer Haut. Sie war heimgekommen.

Frau Dikjen kam aus dem Haus gelaufen.

»Ja, ist das denn die Möglichkeit? Bist du es wirklich, Jennifer?«

Jetzt konnte sie es sich ja eingestehen. Die ganze Zeit hatte sie ein wenig Angst vor diesem Wiedersehen gehabt. Wie würde sie dazu stehen? Damals nach der Festnahme hatte man ihr nicht mehr erlaubt, in die Wohnung zu gehen.

Sie lächelte leicht.

»Ja, ich bin es.«

»Ach, du meine Güte, warum hast du mir denn nicht geschrieben? Dann hätte ich die Wohnung geputzt. So wird überall Staub liegen.«

»Aber das macht doch nichts.«

»Komm rein, ich hab grad frischen Tee aufgesetzt. Du kommst zur rechten Zeit.«

Wenig später saß die Dirne in der urgemütlichen Friesenstube. Hier schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Hier fühlte man sich wohl.

»Frau Dikjen«, begann sie vorsichtig.

Das wettergegerbte Gesicht wandte sich dem Mädchen zu. Die wasserhellen Augen musterten sie scharf. Sie hatte in ihrem Leben schon viel gesehen. Zwei Kriege erlebt. Ja, sie kannte das Leben.

»Ich wollte nur sagen, wenn es dir nicht passt, ziehe ich sofort aus. Du brauchst es mir nur zu sagen.«

»Aber warum denn, Mädchen? Ich hab doch all die Jahre die Stuben nicht vermietet.«

»Nun, wo du alles weißt. Na ja, und dann, ich hab ja auch gesessen.«

Sie strich die Tischdecke glatt.

»Ich will ja gern mit dir darüber reden, Jennifer, wenn du es möchtest. Aber mir brauchst du nichts zu erzählen. Ich kenne dich, von früher. Geändert hast du dich doch nicht, oder?«

Tränen liefen ihr über das Gesicht.

»Ach Gott, damit habe ich nicht gerechnet.«

»Du kannst den Kopf hochhalten, Mädchen.«

»Aber warum denn?«

»Weil sie alle davon überzeugt sind, dass du unschuldig bist, mein Mädchen.«

Sie wischte sich die Tränen ab.

»Wirklich?«

»Bist du es?«

Sie blickte aus dem kleinen Fenster.

Frau Dikjen sprang auf.

»Das Teewasser!«

Jennifer saß reglos in der niedrigen Stube.

»Aber ich bin eine Dirne. Das bin ich noch immer. Und ich stehe dazu.«

»Niemand hat das Recht, über dich zu urteilen, Jennifer. Du wirst schon deine Gründe dafür haben.«

»Ich kann nichts anderes sein, Mutter Dikjen, ich bin innerlich zerbrochen. Mit Mühe habe ich die Scherben aufgeklaubt und zusammengeklebt. Ich bin stolz auf meinen Beruf. Ich mach sie zufrieden. Das ist alles. Die Männer, die zu mir kommen, die brauchen es, sonst würden sie ja nicht zahlen. Ich bin genauso gut wie ein Mädchen im Kontor.«

»Hier, nimm den Zucker.«

»Kluntjes«, sagte sie lächelnd.

»Hast ihn wohl lange vermisst, wie?«

»Ja, ich war ein Jahr in Paris. Ich hatte vor, nie mehr zurückzukommen.«

»Wann bist du angekommen?«

»Eben!«

»Hast du schon jemanden getroffen?«

»Peer!«

»Ach, der Sausewind.«

»Er war nett.«

Wieder stand eine unausgesprochene Frage im Raum.

»Ich glaube, ich werde jetzt mal in meine Wohnung gehen.«

»Wenn du mich brauchst, dann rufe mich. Du weißt ja, wo du mich findest.«

»Noch einmal vielen Dank«, sagte sie leise.

»Ich wünsche dir Frieden, Jennifer.«

Sie nahm den Schlüssel entgegen und ging in den Anbau. Hier war alles so geblieben, wie sie es verlassen hatte. Das große Wohnzimmer, Schlafzimmer, die kleine Küche und das Bad.

Es gehörte ihr. Mit viel Liebe hatte sie Stück für Stück zusammengesucht.

Wieder krampfte sich ihr Herz zusammen.

Damals, da war sie immer heimlich davongeschlichen. In den Hotels hatte sie die Männer beglückt. Nie in ihrer Wohnung. Sie war der Ansicht gewesen, Mutter Dikjen wisse nicht, womit sie ihr Geld verdiente. Mutter Dikjens hellen Augen entging jedoch nichts. Sie schwieg und dachte sich ihr Teil.

Sie öffnete die Fenster und machte sich gleich daran, Staub zu wischen. Ansonsten war alles in Ordnung. Sie hatte ja dafür bezahlt.

Dann saß sie am Fenster und rauchte.

»So, Jennifer, jetzt bist du heimgekommen«, sagte sie zu sich. »Was willst du also daheim? Was hast du davon, dass du zurückgekommen bist? Ist dir das nicht alles verleidet?«

Es dunkelte schon, als sie die Wohnung verließ. Die Straße nach Westerland war beleuchtet. Auch neu. Das Meer übertönte hier noch alles. Aber je weiter sie nach Westerland ging, um so lauter wurde der Stadtlärm.

Bars, Geschäfte, Restaurants, Hotels, Wohnungen, wohin sie auch blickte. Und dann die vielen Menschen. Sie mussten gut verdienen, denn die Insel war teuer geworden, sehr teuer sogar.

Jennifer sah die Welt mit ganz anderen Augen. Gewiss, sie hatte Geld genug auf der Bank. Sie konnte sehr lange davon leben. Aber sie sagte sich: Ich darf nicht damit aufhören. Ich muss meinem Leben einen Sinn geben. Ich bin so leer innerlich.

Der Menschenstrom schluckte sie und zog sie mit sich. Dann stand sie vor einer Bar. Sie zögerte nur kurz, ging wenig später hinein. Man tanzte, lachte und trank sehr viel hier.

Kühle strahlte von ihr ab. Sie war groß und sehr schlank. Ihre Augen belebten das ganze Gesicht. Sie war eine Persönlichkeit. So dauerte es auch nicht lange, und man bemerkte sie und lud sie ein.

»Kommen Sie, hier ist ein Platz frei. Darf ich Ihnen etwas zu trinken bestellen?«

Jennifer musterte den Mann. Etwas ging in ihr vor. Sie war wieder da, wo sie hingehörte.

Der Mann sah ihre unergründlichen Augen, wurde ein wenig unsicher, als er sie ansah.

»Machen Sie hier auch Urlaub?«

»Sieht man mir das an?«

Sie setzte sich.

»Verdammt viel los hier, nicht?«

»Das kann man wohl sagen.«

Er trug einen maßgeschneiderten Anzug. Sah sehr gut aus. Geschäftstyp. Sehr erfolgreich, aber einsam. Diese Typen waren sehr gesprächig.

»Ich muss mal ausspannen, hat mir mein Arzt gesagt.«

So etwas hatte sie schon auf dem Schiff gehört.

»Und da kommen Sie hierher?«

»Schließlich will man doch das Leben genießen, nicht wahr? Besonders wenn man Ferien hat.«

»Sie sind allein?«

Ein rascher, abschätzender Blick traf Jennifer.

Sie prostete ihm zu. Dabei sah er die wertvolle Uhr, die Ringe. Sie war also nicht so eine, die sich für ein Abendessen verkaufte. Sie war ein Rasseweib.

»Und Sie?«, gab er zurück.

»Ich habe zuerst gefragt.«

»Glauben Sie wirklich, ich nehme meine Frau mit, wenn ich mich amüsieren will?«

Sie stellte das Glas ab.

»Vielleicht ist das eben der Fehler«, sagte sie ruhig.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Nun, haben Sie Ihre Frau nicht aus Liebe geheiratet?«

»Du meine Güte, das ist aber wirklich ein alter Hut. Alle Welt amüsiert sich. Das Leben ist so kurz, meine Liebe. Man muss es auskosten, solange man noch jung ist. Man muss genießen können.«

»Und Sie glauben, wenn Sie Ihr Vergnügen gehabt haben, dass Sie dann heimgehen können? Dass man Sie dann liebevoll aufnimmt und hätschelt?«

Seine Augen glühten auf.

»Hören Sie, ich will hier keine Moralpredigten, verstanden! Ich will mich amüsieren.«

»Aber das weiß ich doch. Das haben Sie mir eben schon gesagt. Aber begreifen Sie denn nicht?« Sie beugte sich vor.

Er sah ihren Ausschnitt und schluckte.

Schon lange hatte er nicht mehr so ein Verlangen nach einer Frau gehabt wie in diesem Augenblick. Sie war vollkommen. Aber ihre Reden brachten ihn auf.

»Sie besitzen alles und gehen so leichtfertig damit um. Eines Tages werden Sie es bitter bereuen.«

Er lachte rau auf.

»So, ich gehe leichtfertig damit um. Und Sie, meine Liebe, was machen Sie?«

»Ich bin nicht verheiratet«, antwortete sie spröde.

Er lachte schallend.

»Und jetzt soll ich Ihnen wohl glauben, dass Sie ein Mauerblümchen sind. Dass Sie keinen abbekommen haben, wie?«

Sie lachte kurz auf.

»Nein, das nicht.«

»Sondern?«

»Man hat mich zerbrochen. Ich bin nicht mehr in der Lage, eine Ehe zu führen.«

»Und das möchten Sie?«

Jennifer antwortete nicht, sondern trank ihr Glas mit einem Zug leer.

Er schenkte sofort nach.

Närrin, schalt sie sich selbst. Jetzt fängst du schon wieder mit deinen Moralpredigten an. Was willst du denn jetzt? Sieh doch endlich ein, dass du dich nicht mehr ändern kannst. Also rede nicht immer über das zerbrochene Glück.

»Sie haben recht. Genießen wir den Augenblick. Morgen sieht alles schon anders aus.«

»Sollen wir tanzen?«

»Warum nicht?«

Er war kein guter Tänzer. Er presste sie an sich, und sein heißer Atem strich über ihr Gesicht.

Die Bar wurde immer voller.

»Sollen wir nach draußen gehen?«

Jennifer fragte sich: Wann wird er den ersten Angriff starten?

»Ja, gehen wir an den Strand.«

»Den hab ich noch gar nicht zu Gesicht bekommen.«

»Wie bitte? Kommt man denn nicht wegen des Strandes nach Sylt?«

»Nee, weil man hier eine Menge toller Leute kennenlernen kann.«

»Da haben Sie sich aber den falschen Ort ausgesucht.«

»Was soll das denn nun schon wieder heißen?«

»Die sind doch nicht in dem überfüllten Westerland, mein Lieber!«

»Nein?«

»Nein!«

Sie gingen über die Straße, und nach kurzer Zeit hatten sie den Strand erreicht. Sie bahnten sich ihren Weg durch die vielen Strandkörbe.

»Tagsüber liegen sie wie die Heringe in der Dose hier herum und lassen sich bräunen.«

»Sie auch?«

»Nein!«

Ein Strandkorb war offen, und sie setzte sich hinein. Nur wenige Meter entfernt hörte sie die Brandung rauschen. Die Möwen waren verschwunden. Ganz in der Ferne sah man die Positionslichter eines Schiffes. Die Sterne standen am Himmel. Es war eine laue Nacht.

Der Mann an ihrer Seite legte den Arm um ihre Schulter.

»Das lass ich mir gefallen!«

»Was?«

»Eine laue Nacht und ein tolles Mädchen im Arm.«

»Sie machen die Rechnung ohne den Wirt«, sagte sie ruhig.

»Wieso? Sind Sie denn nicht in die Bar gekommen, um ein Abenteuer zu erleben?«

Sie lachte perlend.

»Und Sie sind davon überzeugt, dass eine Frau darin ein tolles Abenteuer sieht, wenn sie mit einem Mann ins Bett geht?«

Seine Lippen berührten ihren schlanken Nacken.

»Ist es denn nicht so?«

»Nicht in Westerland.«

Er hörte auf sie zu küssen.

»Was denn?«

»Sie sind wirklich ein Neuling, mein Lieber. Sie kennen die Insel noch nicht. Früher war es hier schon toll, aber was ich jetzt so sehe ...«

»Kommen Sie von hier?«

»Ja!«

»Und Sie leben von den Gästen?«

»Ganz recht.«

»Und wie?«

»Dreimal dürfen Sie raten.«

Abrupt ließ er sie los.

»Sie machen Witze. Darauf fall ich nun wirklich nicht herein.«

»Das brauchen Sie auch nicht.«

»Nie und nimmer sind Sie ein käufliches Mädchen!«

»Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass ich es nicht bin?«

»Weil ich mich damit auskenne. Nein, Sie langweilen sich ebenso wie ich. Sie sind wahrscheinlich auch eine Geschäftsfrau. Ihr Mann führt jetzt das Geschäft weiter. Wenn Sie sich genug erholt haben, dann geht er in Urlaub.«

»Wenn Sie mit mir schlafen wollen, müssen Sie bezahlen!«

Sein Lachen klang jungenhaft.

»Mädchen, du bist wirklich süß.«

»Danke für das Kompliment.«

Er hörte auf zu lachen.

»Das ist doch nicht möglich.«

»Einen Blauen musst du schon springen lassen. Ich bin nicht die Heilsarmee, die umsonst arbeitet. Wenn du es ganz besonders nett haben willst, dann musst du noch tiefer in die Tasche greifen.«

»Wie heißt du eigentlich?«

»Jennifer!«

»Also, Jennifer, auf den Quatsch fall ich nun wirklich nicht herein. Da hab ich anderes zu tun.«

Die Dirne erhob sich.

»Ich gehe noch ein wenig spazieren. Die Luft ist so schön.«

Er rannte ihr nach.

»Bleib da!«

»Aber du hast mir doch eben gesagt, dass du mit mir nichts zu tun haben willst.«

»Jennifer, rede doch nicht solchen Unsinn. Stell dir mal vor, ich würde das glauben und morgen alles erzählen? Dann würdest du ganz schön dumm dastehen.«

»Was willst du erzählen?«

»Dass du ein käufliches Mädchen sein willst, das!«

»Aber das wissen sie doch alle. Ich bin doch ein Inselmädchen. Ich bin mit Meerwasser getauft. Ich bin hier zur Schule gegangen. Mich kennen sie.«

»Schon wegen deines Aussehens wird man dich kennen. Aber jetzt mal Spaß beiseite. Ich bin ja nicht kleinlich, wirklich. Wenn du Geld brauchst, nun, wir könnten uns einigen, aber rede nicht mehr solchen Unsinn.«

Sie gingen in die Stadt zurück.

»Wo wohnst du eigentlich?«

»Das werde ich dir auch gerade auf die Nase binden!«

»Dann kommst du mit ins Hotel?«

»Ja!«

Er lächelte in die Nacht hinein. Der Mann war entzückt. Er musste ja annehmen, dass er sie erobert hatte. Jetzt war er stolz und glücklich. Der Urlaub fing ja gut an. Schade, dass die Freunde daheim nicht sehen konnten, welch ein hübsches Mädchen er aufgerissen hatte. Nun ja, irgendwie würde er sie wohl dazu kriegen, dass sie sich für ein Erinnerungsfoto zur Verfügung stellte.

Als sie in der Rezeption ankamen, sah der weißhaarige Portier auf. Er stutzte einen Augenblick.

»Bist du auch wieder da?«

»Ja, Alex, ich bin auch wieder da.«

»Na, das freut mich aber.«

»Kann ich den Schlüssel haben?«, sagte der Mann.

»Gern.«

Der Portier sah ihr lächelnd nach.

»Der kennt dich ja!«

Sie lächelte noch immer.

Der Fahrstuhl brachte sie in den achten Stock. Das Zimmer war sehr hübsch. Dieses Hotel hatte noch nicht gestanden, damals, als man sie abgeführt hatte. Aber sie glichen sich alle.

Ihr Begleiter dachte: Es wird ihr imponieren, dass ich so fürstlich wohne. Sicher wünscht sie sich auch so ein Zuhause.

»Willst du deine Jacke nicht ablegen? Ich habe hier einen Kühlschrank. Was möchtest du trinken?«

»Was gibt es denn?«

»Alles!«

»Auch russischen Sekt?«

»Sag mal, du Hochstaplerin, so etwas hast du doch noch nie getrunken.«

»Woher willst du das wissen?«

»Aber das sieht man dir doch an. Du besitzt Rasse, ja, das muss man dir lassen. Aber sonst?«

»Ich war bis vorgestern in Paris.«

»Na, hör auf. Vorhin warst du aufrichtiger.«

Jennifer lächelte träge wie eine schläfrige Katze.

»Bevor ich überhaupt Anstalten mache, musst du mich bezahlen. Ich nehme nie nachher das Geld. Das macht nur Ärger.«

»Hör auf!«

Sie stellte sich vor ihn hin.

»Ich bin eine Dirne, auch wenn es dir nicht passt. Entweder du begreifst es endlich, oder ich gehe. Ich bin auf dich nicht angewiesen.«

Er dachte gar nicht daran, für dieses Schäferstündchen zu bezahlen. Außerdem hatte er sie ja schon in der Bar freigehalten.

»Dann geh doch!«

Sie drehte sich herum, und ehe er bis zwei gezählt hatte, war sie verschwunden. Sie ging so flink davon, dass er sie nicht mal mehr am Fahrstuhl erreichte. Als er unten in der Halle ankam und den Portier fragte, wo sie sei, sagte dieser ruhig: »Sie ist fortgegangen. Hat es Ärger gegeben? Aber das ist doch unmöglich. Nicht mit Jennifer.«

»Ist das wirklich so unmöglich?«

»Ja!«

Er stürmte hinaus und suchte sie überall. Nach drei Stunden fand er sie in einer kleinen Bar. Neben ihr saß ein eleganter Herr in weißer Jacke. Sie schienen sich köstlich zu amüsieren. Als er sich herangeschlängelt hatte, hörte er zu seinem größten Erstaunen, wie sich die zwei auf Französisch unterhielten.

Jennifer drehte sich zufällig herum und sah ihn dort wie angenagelt stehen.

»Kann ich dich einen Augenblick sprechen?«, brachte er über die Lippen.

»Warum?«

»Bitte!«

Sie wandte sich an den eleganten Herrn.

»Ich bin gleich wieder zurück.«

»Lass mich nicht zu lange warten.«

»Nein!«

Auf der Straße packte er ihren Arm und presste sie gegen die Hauswand.

»Wer ist das?«

»Lass mich los.«

»Wer ist das? Ich kenne ihn doch! Irgendwie kommt mir das Gesicht bekannt vor.«

»Ich nenne nie die Namen meiner Kunden.«

Er gab sich geschlagen.

»Es tut mir leid. Ich habe mich blöde benommen.«

»Wir kennen uns nicht, verstanden. Also lass mich jetzt in Frieden.«

»Wirst du mit mir kommen?«

»Nein.«

»Morgen?«

»Nein!«

»Warum nicht?«

»Weil du ein Mistkerl bist«, sagte sie ruhig.

»Hör auf, so zu reden!«

»Du meint, weil ich eine Dirne bin, hätte ich keine Rechte mehr? Da irrst du dich gewaltig, mein Schätzchen. Ich bin eine Stardirne, verstanden! Ich brauche nur mit dem Finger zu schnippen. So, und jetzt lass mich zufrieden. Ich kann dich nicht mehr riechen.«

Elegant und kühl zog sie ab.

Dann sah er sie wieder mit dem Herrn in der Nische zusammen lachen. Er stand an der Bar und starrte vor sich hin. Ich kann es noch immer nicht glauben, dachte er. Nein, das gibt es doch nicht. Nein, sie ist keine Dirne. Das ist nicht wahr! Die sind ganz anders. Die haben nicht so viel Kultur. Herrje, die Frau macht mich verrückt. Ich möchte sie besitzen. Sie ist einfach umwerfend.

Jetzt erhoben sie sich.

Der Mann legte ihr das kleine Jäckchen über die Schultern. Jennifer warf das Haar zurück. Die Kette glitzerte im Lampenlicht.

Der Barbesitzer lächelte sie an, fragte etwas. Er konnte es nicht verstehen.

Der Freier ging ihr nach.

Wenig später sah er, wie sie in einen eleganten Jaguar einstieg.

Die schwarze Nacht hatte sie wenig später aufgesogen.

 

 

2

Jennifer stand vor dem reetgedeckten Haus und dachte: Es ist alles wie damals. Ich kann mich so gut an jede Einzelheit erinnern. Es war wunderbar mit Charles, und er hat mir deutlich gezeigt, wie beeindruckt er von mir war.

»Kommst du?«

»Ja!«

Die wertvollen Teppiche verschluckten jedes Geräusch.

»Meine Haushälterin schläft schon«, erklärte er.

Sie ging zum Kamin. Er brachte die Getränke.

»Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen, Jennifer?«

»Das weiß ich nicht mehr, Charles!«

»War ich nicht einer deiner ersten Kunden?«

»Ja!«

»Damals habe ich dir gesagt: >Mach nicht weiter!< Erinnerst du dich noch daran, Jennifer?«

»Natürlich. Aber sag mal, warum hast du mir das geraten? Du wolltest mich doch unbedingt besitzen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Du hast sehr viel geboten.«

»Natürlich wollte ich dich haben. Damals warst du schon anders als die anderen jungen Dinger. Sie widern mich an. Weißt du eigentlich, dass sie sich manchmal für ein billiges Essen anbieten?«

»Ja!«

»Siehst du, Jennifer, ich habe einfach geglaubt, auch du würdest nach einer gewissen Zeit absinken. Das ist doch ganz normal. Wie lange bist du jetzt in diesem Gewerbe?«

»Zwölf Jahre.«

Er blickte sie an.

»Das ist eine lange Zeit. Und du hast an Klasse zugenommen, Jennifer.«

»Danke!«

»Wann wirst du aufhören?«

»Wenn mir die Sache keinen Spaß mehr macht.«

Sie nippte an ihrem Glas.

»Weißt du, das ist mein Beruf. Es ist immer wieder aufregend, einen neuen Mann kennenzulernen. Einen mit Stil, verstehst du, der das Spiel der Liebe noch versteht. Ich habe mich nie darauf eingelassen, auf die Schnelle mit einem Mann zu schlafen. Ich mache daraus ein Gedicht. Es ist aufregend und schön. Ich empfinde immer wieder etwas dabei. So wie jetzt in diesem Augenblick. Ich weiß nicht mehr, wie du bist! Das muss ich jetzt ergründen. Ich will dich vollkommen glücklich machen.«

»Das hält niemand durch.«

»Ich doch!«

Sie stellte das Glas ab. Langsam kam sie näher. Die Lippen schimmerten feucht. Das blonde Haar war ein schöner Hintergrund für das zarte und sensible Gesicht. Die Backenknochen waren hoch, fast wie eine Schwedin wirkte das Mädchen. Sie hatte jede Bewegung genau unter Kontrolle. Der Mann konnte nicht die Augen von ihr abwenden.

»Komm«, sagte sie leise lockend.

Auch er stellte das Glas ab.

»Jennifer!«

Sie war wie ein Magnet. Er führte sie wie im Traum ins Schlafzimmer.

Die Umgebung hatte für sie aufgehört zu existieren. Sie war wie ein Vulkan. Und vor ihr war ein Wesen mit einer Seele. Mit ihren sensiblen Händen ergründete sie nun, was er fühlte und ersehnte.

Sie lagen nackt auf dem großen weichen Bett. Sie war wie eine Fee. Der Mann dachte: Das habe ich immer vermisst. All die Jahre habe ich an sie denken müssen. Das also ist ihr Geheimnis. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich süchtig bin. Süchtig nach ihr. Wer sie einmal besessen hat, der will sie immer wieder haben.

Details

Seiten
98
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929775
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492917
Schlagworte
redlight street jennifer

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #45: Jennifer lässt sich nicht ködern