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REDLIGHT STREET #31: Der unheimliche Freier

2019 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der unheimliche Freier

Copyright

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Der unheimliche Freier

REDLIGHT STREET #31

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Priscilla heißt eigentlich Erika und kommt aus einem verschlafenen Nest in Deutschland. Ihre Familie ist arm. Sie will raus aus diesem Milieu. Darum heiratet sie den englischen Soldaten Gregory und geht mit ihm in seine Heimat. Zu spät erkennt sie, dass er ihr nur Lügen über sich erzählt hat. Jetzt geht es ihr noch schlechter. Gregory ist ein notorischer Trinker, der aus der Armee rausgeworfen wurde und gar nicht willens ist, zu arbeiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Priscilla stand am Fenster und zählte die Regentropfen. Sie hatte sich bereits damit abgefunden, dass es in diesem Land viel regnete. Besonders hier oben war man dazu verurteilt, oft in graue, dicke Regenwolken starren zu müssen. Vielleicht war deswegen alles so wunderbar grün. Denn… richtig kalt, so wie sie die Kälte daheim stets empfunden hatte, wurde es hier nicht. Na ja, dachte sie und lächelte ein wenig, mir soll es gleich sein. Ich kann mich darauf einstellen. Und wenn dieses Wasser runter kommt, nun, dann bleibe ich eben in meinem trauten Heim und mache es mir ganz besonders gemütlich. Das wäre ja gelacht. Wenn es nur das ist, worüber ich mich aufregen soll, bitte schön, von mir aus. Sie hatte schon ganz andere Zeiten erlebt, und Zustände, die zum Himmel schrien, worüber man sich wirklich aufregen konnte. Doch sie war kein Kind von Traurigkeit, und so hatte sie stets versucht, ihre Lage zu verbessern. Mit einem Wort: Sie war mit ihrer jetzigen Lage sehr zufrieden. Das sollte etwas heißen.

Sie warf ihr üppiges blondes Haar in den Nacken, auf das sie ganz besonders stolz war. Es zog die Menschen förmlich an. Sie konnte sich darauf verlassen, dass man ihr nachschaute, wenn sie hier durch die Straßen ging. Und es ist wahr, dachte sie genüsslich, das genieße ich. Das ist mein Leben. Das mag ich nun einmal so gern.

Sie hatte etwas Faszinierendes an sich, das die Menschen auf sie aufmerksam machte und sie an sie fesselte.

»Der Teufel selbst hat sie gemacht«, hatte sie einmal gehört, doch sie hatte nur schallend darüber gelacht.

Ihrem blassen, empfindlichen Teint aber kam dieser ständige Sprühregen zugute; jeder Sonnenstrahl rötete ihre Gesichtshaut in ungesunde Weise, und jede Schönwetterperiode brachte ihr mit absoluter Sicherheit einen Sonnenbrand. Ja, wenn man das Wetter dahingehend beurteilte, dann war dieses trübe Wetter gerade richtig für sie.

Wenn sie lächelte, glänzten ein paar Goldpunkte in ihren Augen. Wahrscheinlich aber waren es nur Schattenbilder, und man bildete sich das Ganze nur ein. Aber Menschen wollen ja betrogen werden.

Priscilla achtete sehr auf ihr Äußeres! O ja!

Sie war biegsam, gertenschlank und wendig wie ein Reh. Sie hatte superlange Beine und wusste sie gut zur Geltung zu bringen. Mit der Zeit hatte sie es gelernt, sich ins rechte Licht zu setzen.

Wieder zog sie mit den Fingerspitzen den Lauf der Regentropfen nach. Die Blumen auf dem Fensterbrett hingegen schienen die Sonne zu vermissen. Wie so oft, wenn sie von Langeweile geplagt wurde, dachte sie an die Vergangenheit. Dann kamen auch Augenblicke, in denen sie drauf und dran war, den Eltern einen Brief zu schreiben. Doch sie wurde immer rechtzeitig daran gehindert, und das war auch gut so.

Für die Familie war sie ja gestorben!

»Von mir aus«, murmelte sie verächtlich. »Ich denke gar nicht daran, ihnen zu schreiben, wie gut es mir geht. Dann kommen sie vielleicht noch auf den Gedanken, dass ich mich dankbar erweisen müsse. Dankbar, dass ich nicht lache! Wofür denn? Ich habe nicht danach geschrien, auf diese Welt zu kommen. Sie haben mich zum Leben gebracht, und jetzt soll ich ihnen mein ganzes Leben lang auch noch dankbar sein? Pah!«

Fast hätte sie sich wieder aufgeregt. Das vermied sie jedoch rechtzeitig, denn davon bekam man Falten, und die wollte sie nicht haben, weil sie ewig jung bleiben wollte - oder zumindest noch sehr lange.

Sie war in Deutschland geboren, in einem Ort, den sie hasste. Diese hinterlistige Frömmigkeit, die da unter den Leuten herrschte ...

In keiner anderen Stadt hatte sie so viele Kirchen entdeckt wie dort. Und neben jeder Kirche befand sich eine Kneipe, manchmal auch mehrere. Diese Betschwestern, die immer erst kamen, wenn alle bereits anwesend waren und dann ganz nach vorn gingen, damit auch jeder sie sah. Doch kaum traten sie später aus der Kirche, waren sie die boshaftesten Weiber, die man kannte.

Schon als Kind hatte sie diese falsche Moral durchschaut und wollte dabei nicht mitmachen. Die Eltern zwangen sie zu dieser falschen Frömmigkeit. Das war auch das einzige, wozu man sie anhielt. Ansonsten kümmerte man sich nicht viel um sie. Es kam ja fast jedes Jahr ein Geschwisterchen dazu. Und mit der Schule - nun, sie wäre sicher eine gute Schülerin geworden, wenn man sie zum Lernen angehalten hätte und vor allen Dingen, wenn sie nicht ständig auf die kleineren Geschwister hätte aufpassen müssen.

Die Familie war arm gewesen, sehr arm; man stand auf der untersten Stufe der Lebensleiter. Aber man bildete sich doch eine Menge ein, denn in der nächsten Straße begann das englische Viertel. Es wurde so genannt, weil dort die englischen Familienangehörigen lebten, deren Männer hier stationiert waren. Jenen Kindern wurde verboten, mit diesen hier zu spielen. Doch bestand da wenig Gefahr; sie verstanden einander ja gar nicht.

Priscilla hatte sich für diese Menschen schon immer interessiert. Schließlich kamen die von weit her, und sie selbst hatte diese Stadt noch nie verlassen.

Mit bürgerlichem Namen hieß sie schlicht Erika Lampe. Aber so wie sie das alte Leben eines Tages von sich abgestreift hatte, so hatte sie auch den Namen abgelegt. Sie nannte sich jetzt Priscilla, und sie freute sich über diesen klangvollen Namen. Er gab ihr ungleich mehr Selbstsicherheit.

 

 

2

Wenn man heranwächst, hört man so vieles, und so erfuhr sie denn auch, wer sich mit den Engländern einließe, der sei verdorben und verkommen. Aber sie hörte auch von der Nachbarstochter, die sich einen Captain geangelt hatte und jetzt ein tolles Leben führte. Mit ihrem Mann reiste sie um die ganze Welt; er wurde ja immer wieder versetzt. Die Eltern des Mädchens waren richtig stolz auf ihre berühmte Tochter.

Schon damals hatte sie sich geschworen: Aus diesem kleinbürgerlichen Dasein steige ich aus, darauf könnt ihr Gift nehmen. Ich bleibe nicht hier.

Zu jener Zeit war sie der festen Ansicht, man müsse sich nur mit einem Engländer verheiraten, dann würde man ein goldenes Leben haben. Verbissen wartete sie darauf, so alt zu sein, dass sich die Männer wirklich für sie interessierten. Als sie dann aus der Schule entlassen wurde, waren ihre Zeugnisse so schlecht, dass sie keine Lehrstelle fand. Aber der Vater machte ihr unmissverständlich klar, sie müsse jetzt für sich selbst sorgen, und nicht nur das, sie müsse auch Kostgeld daheim abliefern. Schließlich müsse sie endlich mal Dankbarkeit zeigen. Dass sie fast die ganzen Jahre hindurch die jüngeren Geschwister großgezogen hatte, davon war kein Wort gesprochen worden.

Sollte sie in die Fabrik gehen?

Nein, ein Fabrikmädchen war auch ziemlich schlecht dran.

So fing sie als erstklassige Bedienung in einer Kneipe an, die mitten im englischen Viertel lag und selbstverständlich auch nur von den einfachen Soldaten besucht wurde. Die Armeeangehörigen höherer Ränge besaßen ihre eigenen Clubs, in die sie sich zurückziehen konnten. Aber der einfache Soldat mit seinem kleinen Sold hatte es nicht einfach, so fern der Heimat. Oft litt er auch unter Heimweh, war hier in einem fremden Land und stieß ständig auf Ablehnung. Die jungen Mädchen wollten mit ihm auch nichts zu tun haben, also konnte man sich nur dem Trunk ergeben.

Dort also tauchte eines Tages dieses blonde Mädchen mit den aufregenden Beinen auf. Sie war eine Sensation! Der Wirt rieb sich die Hände. Er hatte noch nie einen so guten Zulauf verzeichnen können wie jetzt, da Erika bei ihm arbeitete. Sie schaffte es sehr schnell, alles zu lernen. Sie war ja nicht auf den Kopf gefallen und schaute den anderen jeden Handgriff ab. Eigentlich aber gab es in dieser Kneipe nicht viel zu lernen. Man stellte dem Gast das Glas hin, kassierte und damit fertig.

Obwohl sie sich anfangs mit dem Bedienen begnügte, war sie für die Nachbarn schon das englische Flittchen. Damals war sie noch so naiv gewesen, dass sie auf Anhieb gar nicht wusste, was sie meinten. Als ihr das dann klar wurde, war sie erst so rasend vor Wut, dass sie am liebsten alle ins Gesicht geschlagen hätte. Selbst die Eltern verachteten sie. Aber das Geld nahmen sie an. In ihrem Herzen nistete sich eine gefährliche Wut ein.

Doch rechtzeitig merkte sie, dass man damit keinen Blumentopf gewinnen konnte. Wenn sie sich rächen wollte, dann musste sie das gründlich besorgen, und zwar auf eine Art und Weise, dass ihnen das Lachen verging.

 

 

3

Sie war jung und musste noch viel lernen. Aber eines hatte ihr das Leben schon erklärt: Man konnte sich nur einen Mann angeln, wenn man ihn hinhielt. Allmählich lernte sie auch ein paar Brocken der fremden Sprache. Gierig hörte sie zu und versuchte sich selbst darin. Und so hörte sie oft, wie diese jungen Männer mir ihren Eroberungen prahlten, und sie merkte immer gleich, wenn sie wirklich ein Mädchen gefunden hatten, das ihnen zu Willen gewesen war. Danach ließ man sie wie eine heiße Kartoffel fallen.

Bei ihrem Job und dem ständigen Umgang mit jungen Männern blieb es nicht aus, dass sie viele Angebote in dieser eindeutigen Richtung erhielt.

Einmal erklärte der Wirt recht offen: »Also, ich hab nichts dagegen. Ich hab oben noch eine Stube, die leer steht. Natürlich krieg ich dann auch was davon ab. Erika, wenn du es gut anfängst, dann kannst du dadurch reich werden, ehrlich.«

Sie fixierte ihn durchdringend. Inzwischen war sie fast achtzehn Jahre alt.

»Dann bums doch selbst«, sagte sie kalt. »Mich kriegst du für so eine dreckige Arbeit nicht, verstanden!«

Er schimpfte, weil sie das Kind offen beim Namen genannt hatte. Das konnte er nicht vertragen, und er hätte sie gern rausgeworfen. Doch sie war ja sein Lockvogel. Ohne Erika würde er nicht so viel Geld einnehmen. Und was ein Alptraum für ihn war: Wenn sie zur Konkurrenz ging, dann würden die Engländer das sofort erfahren und auch das Lokal wechseln. Sie war lustig und fidel, wenn sie sich auch nicht selbst gab. Man mochte sie einfach - gerade weil man sich an ihr die Zähne ausnagen konnte. So etwas lieben die Männer. Damit hält die Sehnsucht sie hoch.

Sie hatte ihren Plan hoch nicht aufgegeben. Sie wollte hoch hinaus. Doch leider hatte sie bis jetzt noch keinen Captain kennengelernt, und in dieser Umgebung würde ihr das wohl auch nicht gelingen.

So dachte Erika eines Tages gründlich über ihre Lage nach. Da war ein junger Soldat. Gregory hieß er. Er schien anständig und nett zu sein, nur er prahlte ein wenig. Aber das konnte sie nicht erkennen, weil sie die Sprache noch sehr mangelhaft beherrschte. Er erzählte ihr, er sei etwas Besseres. Schon daheim sei man vornehmer als die anderen hier. Und überhaupt, er brauche sich nur ein wenig anzustrengen, dann könne er auch in die obere Laufbahn des Regiments aufsteigen.

Sie ahnte ja nicht, dass er ihr dies alles vorflunkerte, um ihr zu imponieren. Gregory war nämlich ein sehr hartnäckiger Fall. Erika wusste auch nicht, dass er mit seinen Kameraden gewettet hatte, er würde sie rumkriegen.

Seinen ganzen Charme und seine ganze List setzte er auf sie an. Erika hörte sehr gut zu, und einige Tage später sagte sie sich: Also, wenn das stimmt, was er mir erzählt, dann könnte ich ihn dazu bringen, mehr Ehrgeiz zu entwickeln. Er ist faul, das merke ich wohl, aber wenn ich ihn antreibe, wird er Captain werden. Er wird sich wundern, ich werde nicht locker lassen. Oh, ja!

Ihr Verhalten Gregory gegenüber wurde direkt nett und zärtlich. Und es kam der Augenblick, da er sich in dieses blonde Geschöpft verliebte. Er hing an ihrer Angel. Erika sah es mit Entzücken; sie war jetzt ihrem Ziel sehr nahe.

Da war aber noch immer diese Wette, die Gregory eingegangen war. Er beschwor Erika, er versuchte alles Mögliche, aber sie dachte nicht daran, ihn zu erhören. So nah am Ziel durfte sie keinen Fehler machen. Sie hatte schon zu viele Tragödien erlebt. Wenn sie sich ihm hingab, dann würde sie ihn nie dazu bekommen, sie zu heiraten.

»Dann musst du mich heiraten«, sagte sie stolz.

Gregory fuhr erschrocken zurück. Nein, das war unmöglich. Mit seinem kleinen Sold? Verzweifelt versuchte er ihr zu erklären, dass sie sehr arm sein würden, zumindest am Anfang.

»Aber«, lachte sie ihn an, »ich gehe dann doch weiter arbeiten! Was soll ich denn in einer Wohnung allein, wenn du in der Kaserne bist oder auch im Manöver? Stell dir vor, ich verdiene nicht schlecht, und wir könnten eine ganze Menge sparen für die Zukunft, Gregory.«

Der junge Soldat dachte über diese Worte lange nach. Es hatte seine Reize. Zuerst einmal würde er immer ein Mädchen haben, wenn ihm der Sinn danach stand, und er brauchte nicht zu den Dirnen zu gehen, die auch nicht gerade billig waren. Er hätte ein Heim, und zum anderen würde man in der Tat dann mehr Geld haben. Vielleicht könnte man sich auch ein Auto kaufen? Und in der Freizeit würde man eine Menge Spaß haben. Es hätte also nur Vorteile. Und außerdem: Alle würden ihn um Erika beneiden. Mit ihr konnte er sich überall sehen lassen. Daheim hätte er nie so ein tolles Mädchen erobern können. Die Brüder würden blass vor Neid werden, wenn er sie eines Tages nach Hause brachte. Wirklich, er hatte mit Erika eigentlich das große Los gezogen. Warum sollte er da nicht zustimmen, sie zu heiraten?

»Also gut«, sagte er und nahm sie in seine Arme. »Also gut, dann heiraten wir.«

Als sie den jungen Mann ihren Eltern vorstellte, verhielten die sich sehr ablehnend. Ein deutsches Mädchen ließ sich nun einmal nicht mit einem Besatzungssoldaten ein - außer es war ein Flittchen. Außerdem gab es einen weiteren Grund für die Eltern, nicht begeistert zu sein. Wenn Erika heiratete, würde sie ausziehen, und sie bekamen kein Geld mehr von ihr.

Diesen Grund nannte man natürlich nicht. Doch was tat man stattdessen? Man machte den jungen Mann schlecht und schimpfte. Aber je mehr sich die Eltern aufregten, umso fester blieb die Tochter bei ihrem Entschluss.

Erika wartete die wenigen Monate, bis sie achtzehn war; dann brauchte sie nicht mehr die Genehmigung der Eltern. Jetzt konnte sie ihren Gregory heiraten. Die Eltern kamen nicht zur Hochzeit, also wurde sie in der Kneipe mit den Kameraden gefeiert. Sie hatte sich zwar ihre Hochzeit ein wenig anders erträumt - nun gut, es war ja nur der Anfang. In ein, zwei Jahren würde alles ganz anders aussehen.

Da sie jetzt zur englischen Armee gehörte, erhielten sie in dem dortigen Viertel eine kleine Wohnung. Für sie war das eine Qual, denn sie konnte sich mit den Frauen kaum verständigen. Leiden mochte sie diese auch nicht, denn sie waren sehr einfache, arme Frauen. Zu einfach für Erikas aufstrebende Pläne. Sie selbst wurde wegen ihrer auffallenden Schönheit ebenfalls gehasst.

Sie aber dachte nur: Macht nichts, bald werden wir ohnehin versetzt, und dann reise ich um die ganze Welt. Zuerst einmal wird gespart.

Doch sehr bald musste sie feststellen, dass sie sich in Gregory gründlich geirrt hatte. Ihr Mann dachte gar nicht daran, zu sparen. Warum hatte er sie denn geheiratet? Er wollte jetzt ein flottes Leben haben. Vor allen Dingen musste er doch vor den Kameraden prahlen. So manches Mal kam er zu später Stunde in die Kneipe und spendierte eine Runde nach der anderen. Erika musste diese Eskapaden von ihrem Lohn bezahlen. Ja, sie war jetzt ärmer dran als vorher. Gregory war wie ein Klotz an ihrem Bein, der sie nicht hochkommen ließ. Aber noch gab sie die Hoffnung nicht auf. Er musste sich ändern.

Kam er denn nicht aus gutem Hause? Betonte er das denn nicht immer wieder? Ja, die Eltern besaßen sogar ein eigenes Haus. Darauf schien er sehr stolz zu sein. Doch von seiner Heirat hatte er den Eltern noch gar nichts geschrieben.

Erika tröstete sich mit den Gedanken an die bessere Zukunft: Wenn Gregory erst mal auf die Lehrgänge kommt und höher steigt, dann wird er sich mit diesen Leuten hier ganz gewiss nicht mehr treffen, und dann wird ein anständiger, nobler Bursche aus ihm.

Sie waren noch kein halbes Jahr verheiratet, als eines Tages Gregory heimkam und sagte, er würde nach England versetzt. Erika sah ihn glücklich an.

»Ach, endlich ist es soweit? Nicht wahr, jetzt wird alles anders.«

»Und ob«, knurrte er.

Von diesem Tag an ließ er sich nicht mehr in der Kneipe blicken. Jetzt war er es, der sie dazu antrieb, Geld auf die hohe Kante zu legen.

Manchmal hatte sie das Gefühl, als hätte er vor irgendetwas Angst. Doch wenn sie ihn direkt darauf ansprach, dann gab er nur dumme Sprüche von sich. In den Kasernendienst war er anscheinend auch nicht mehr einbezogen, denn er saß immer untätig zu Hause herum. Nach zwei Monaten dann endlich sagte er: »In zehn Tagen brechen wir auf.«

Die wenige Habe, die sie besaßen, wurde verkauft, und dann fuhr man mit dem Zug zur Küste und setzte mit einem Schiff über.

Noch heute sollte sie seine Eltern kennenlernen. Natürlich war sie aufgeregt. Sie hoffte nur, dass ihr das neue Kleid auch wirklich gut stand und man nicht allzu böse auf sie war, dass sie Gregory geheiratet hatte. Und sie freute sich darauf, dass sie jetzt wohl nicht mehr arbeiten gehen musste. Und so bemühte sie sich fleißig, die englische Sprache noch besser zu verstehen und zu sprechen.

Es war sehr spät, als sie englischen Boden betraten. Gregory wurde noch aggressiver und wirklich böse über jede noch so kleine Kleinigkeit. Freute er sich denn nicht, dass er seine Eltern bald wiedersehen würde? So fragte Erika sich insgeheim.

»Wo wohnst du denn?«

»In Morpeth.«

»Wo liegt denn das?«

»Auf der Strecke nach Newcastle.«

Zum ersten Mal hörte sie den Namen dieser Stadt, so wusste sie auch nicht, wo diese Stadt in England lag. Sie merkte nur, dass sie ziemlich lange im Zug bleiben mussten. Ja, ein paarmal mussten sie sogar umsteigen. Gegen Morgen kamen sie dann in Newcastle an.

Aber Gregory sagte: »Jetzt fahren wir mit dem Bus weiter. Über Land, verstehst du?«

Erika schaute ihn mit großen, erstaunten Augen an.

»Wohnt ihr denn nicht in einer Stadt?«

»In einer kleinen«, wich er ihr aus.

Tapfer ging sie hinter ihm her und schleppte die Koffer. Dann kam der Bus. Als sie das Städtchen erblickte, war sie ein wenig betroffen, denn es lag sehr ländlich, und es tat sich kaum etwas. Sie hatte keinen Blick für die Schönheiten der alten Gemäuer und der Umgebung.

Dumpf schlug ihr Herz vor Enttäuschung.

Niemand schien sie zu erwarten.

»Sie wissen ja nicht genau, wann ich komme«, sagte er ärgerlich.

»Gregory, es ist doch alles in Ordnung?«

Seine Augen flackerten.

»Komm!«, rief er barsch.

Sie entfernten sich immer mehr vom Stadtkern. Nun gut, dachte sie, er hat ja gesagt, sie haben ein Haus. Es wird wohl ein wenig außerhalb stehen. Sicher können wir die erste Zeit dort leben, und dann suchen wir uns selbst eine kleine Wohnung.

Aber die Gegend wurde immer trister und eintöniger. Plötzlich hatte sie ein ungutes Gefühl. Und dann blieb ihr Mann auf einmal vor einem Haus stehen, vor einem grauen alten und windschiefen Haus. Es machte einen sehr verkommenen Eindruck. Alle Gebäude in dieser Gegend wirkten sehr ärmlich und düster. Hinter dem Haus befand sich ein kleiner Garten. Dort flatterte Wäsche.

»Komm«, sagte Erika, »bleib doch nicht immerzu stehen! Wir müssen weiter.«

»Nein«, sagte er nur.

»Was soll das heißen?«

»Wir sind da.«

Sie hatte plötzlich einen Kloß in der Kehle, der sich nicht hinunterschlucken ließ.

»Gregory, das darf nicht wahr sein, das ist ...«

Düster starrte er zum Haus hinüber. In diesem Augenblick kam eine Frau hervor. Sie hatte strähniges Haar und wirkte nicht gerade attraktiv. Erika fröstelte und zog die Schultern hoch. Als die Frau die beiden Menschen am Zaun stehen sah, kam sie sofort zu ihnen gelaufen. Aber statt sich zu freuen, den Sohn wiederzusehen, keifte sie gleich los:

»Du verdammter Saufkopp, jetzt hast du es mal wieder geschafft! Aber wenn du denkst, dass ich dich wieder aufnehme, dann bist du auf dem Holzweg! Warum bist du nicht drüben geblieben?«

Erika verstand noch nicht alles, aber sie konnte sich den Rest zusammenreimen. Warum hatte die Frau das gesagt? Sie starrte ihren Mann an. Aber sie konnte ihn jetzt nicht fragen, denn jetzt wurde sie in die Zange genommen. Aller Zorn und Ärger lud sich über Erikas Haupt aus. Sie aber stand nur da und starrte die Frau an.

Inzwischen waren eine Menge Kinder und Nachbarn zusammengelaufen. Sie alle umstanden das zankende Weib und grinsten die junge Frau schadenfroh an. Und das Schlimmste war, dass sie nicht in der Lage war, sich zur Wehr zu setzen, weil ihr in der Erregung nicht die richtigen Worte einfielen. Nicht einmal Gregory an ihrer Seite rührte sich.

Dann kam ein Mann aus dem Haus geschlurft und schimpfte sein Weib aus: Gregorys Vater. Er wies die beiden an, hereinzukommen.

Jetzt konnte Erika sehen, dass sie nicht nur ärmlich lebten, das Haus voll Kinder hatten - alles Geschwister ihres Mannes - sondern im Dreck fast verkamen. Sie hatte das Gefühl zu ersticken.

In welche Welt war sie nur geraten?

Da saß sie nun am Tisch und bekam Tee und böse Worte. Sie sah die Augen der Kinder, und wusste nicht wohin sie ihre eigenen wenden sollte. Irgendwann, inzwischen schienen ihrer Meinung nach Stunden vergangen zu sein, war sie mit ihrem Mann allein. Sie befanden sich in dem kleinen Garten hinter dem Haus.

»Ich will jetzt alles wissen!«, schrie sie ihn an. »Ich bleibe nicht eine Minute länger hier, darauf kannst du Gift nehmen, Gregory!«

Er blickte sie kalt an.

»Wo willst du denn hingehen?«

»Die Armee wird doch Wohnungen für ihre Angehörigen haben, Gregory.«

Er lachte rau auf.

»Schafskopf! Hast du es denn noch immer nicht kapiert? Aus, vorbei! Ich bin rausgeflogen, wegen Sauferei - sie haben es sogar meinen Eltern erzählt. Ich krieg noch nicht mal eine Abfindung.«

Ihr Herz wurde eiskalt.

»Das ist nicht wahr!«, stammelte sie entsetzt.

»Doch!«

Sie sah ihn an. Jetzt fiel ihr so vieles ein. Alle Einzelheiten bekamen auf einmal Sinn. Deshalb waren die Kameraden nicht mehr gekommen. Deswegen hatte er nicht mehr zum Dienst erscheinen müssen. Sie hatten die Wohnung in Deutschland räumen müssen. Und sie waren nach England gefahren, weil ein entlassener Soldat in Deutschland keine Arbeit bekam.

Aber noch wusste sie nicht die ganze Wahrheit.

»Oh, mein Gott!«, sagte sie leise.

Er starrte über den Zaun auf die Straße hinaus.

Erika straffte die Schultern. Ade, schöner Traum, dachte sie. Der war nun ausgeträumt. Ihr kamen die Tränen. Da stand sie nun in einem fremden Land und war völlig hilflos. Zurückfahren? Man würde sich totlachen! Hatte sie doch zum Schluss so große Töne gespuckt! Nie und nimmer würde sie sich dieser Schadenfreude ausliefern.

Da hatte sie nun einen Mann am Hals, der zu faul zum Arbeiten war und alle Augenblicke die Stelle wegen Trunkenheit verlor. Sie biss die Zähne zusammen.

»Nun gut«, sagte sie leise. »Nun gut, jetzt hast du mich, und ich werde dafür sorgen, dass wir nicht in so einem Dreckstall leben müssen. Hast du mich verstanden!«

Er blickte sie nur an.

»Hör zu, wir werden sofort losgehen und Arbeit suchen. Wir beide gemeinsam. Und wenn wir erst einmal mit einem Zimmer anfangen - aber wir geben nicht auf, hast du mich verstanden!«

»Du spinnst«, sagte er nur und ging ins Haus zurück.

Sie lief ihm nach.

 

 

4

Die Mutter starrte sie böse an. Erika dachte: Ich werde ihr nicht sagen, dass ich jetzt erst die Wahrheit erfahren habe. Sie mag denken von mir, was sie will.

»Du kannst oben bei den Mädchen schlafen«, sagte die Frau kurz angebunden.

Erika biss die Zähne zusammen. Ein paar Nächte werde ich das wohl tun müssen, dachte sie verzweifelt.

Maureen, das kleine Mädchen, führte sie nach oben. Es war, wie zu erwarten, eine enge und schmutzige Bude mit vier Betten. Ein Mädchen war nicht da, deshalb das leere Bett.

Sie wies das Mädchen an, ihr heißes Wasser und einen Lappen zu bringen. Man glaubte, sie wolle sich waschen und tat ihr den Gefallen.

Erika aber dachte: Wenn ich hier schon schlafen muss, dann soll es auch sauber sein. Als man sie dort rumoren hörte, lachte man nur verächtlich. Aber sie blieb stur und verlangte immer mehr heißes Wasser. Man glaubte, sie hätte einen Tick. Etwas anderes konnte es doch wirklich nicht sein. Wenn sie normal wäre, hätte sie doch mit Sicherheit nicht Gregory geheiratet.

Das Essen schmeckte fade. Sie schluckte es lustlos. Erika fühlte sich todunglücklich zwischen diesen Menschen, die ja nun ihre Verwandten waren. Wenn sie schnell sprachen, verstand sie nicht ein Wort. Sie fühlte sich wie auf einer Insel mitten unter ihnen und dachte wehmütig an die Zeit in der Kneipe. Zorn wollte sie wieder erfassen, über ihren Mann, der so ein Trunkenbold war. Der Tausender, den man hatte, würde nicht lange reichen.

Wäre sie klug gewesen, hätte sei gleich am nächsten Tag ihr Gepäck und das Geld genommen und wäre heimgefahren. Aber sie tat es nicht.

Am nächsten Tag machte sie sich mit Gregory auf die Suche nach Arbeit. Man lachte sie nur aus. Gregory hörte man nicht einmal an. Ihn kannte man von früher. Auch sie bekam keine Arbeit. Wer von den Lavenhams kam, der konnte nicht gut sein.

Im Hause machten die Eltern ihnen die Hölle heiß. Sie dächten gar nicht daran, sie durchzufüttern, erklärten sie böse. Dazu würde es sowieso nicht reichen. Sie solle wieder dorthin gehen, woher sie gekommen sei.

Die erste Zeit zahlte Erika von dem Ersparten für sie beide das Essen, und sie hatten ein wenig Frieden. Gregory saß nur herum und dachte nicht daran, in einer anderen Stadt nach Arbeit zu suchen. Sie hatten ja noch Geld und wohnten bei den Eltern, das war doch so bequem.

Als er aber einmal Geld von seiner Frau verlangte, um in die Kneipe zu gehen, wurde Erika fast hysterisch. Zum ersten Mal hielt die Schwiegermutter zu ihr und beschimpfte den Sohn gottserbärmlich.

Erika schuftete sich im Hause ab und hatte auch das Kochen übernommen. Aber Dank erntete sie dafür nicht. Darauf hätte sie tausend Jahre lag warten können.

Allmählich war in ihr ein Plan gereift. So würde sie nicht weiterleben. Und eines Tages sagte sie zu ihrem Mann: »Wir gehen nach London. Dort werden wir beide Arbeit finden. Hast du mich verstanden? Noch reicht das Geld für die Fahrt und für eine billige Unterkunft.«

Gregory hatte den Streit mit den Eltern übersatt. London war eine feine Sache. Dort gab es bestimmt allerhand zu erleben.

So packte man denn eines Tages die wenige Habe und machte sich auf den Weg. Jetzt jammerte die Mutter, denn fortan musste sie ja wieder selbst alle Arbeit im Haus tun, und Geld bekam sie auch nicht mehr von der Schwiegertochter.

So fuhr Erika mit ihrem Mann nach London.

Sie fanden auch gleich eine billige Bleibe. Aber so sehr sie sich auch die Beine tagsüber ausliefen, sie fanden keine Arbeit. In England gab es genug Arbeitslose, da brauchte man keine Ausländerin, die dann auch nur mangelhaft Englisch verstand, vom Schreiben ganz zu schweigen.

Gregory war immer unterwegs und schien plötzlich eine Menge Freunde zu haben. Angeregt kam er eines Tages heim und sagte, er hätte jetzt einen Job für sie gefunden.

»Wirklich?«

»Ja, und du sollst ganz schön dabei verdienen. Hat Meg mir gesagt, und der muss es wissen. Also, wenn du willst, kannst du schon heute anfangen.«

»Heute?«

»Klar! Je schneller desto besser.«

»Aber es ist bald Nacht«, gab die junge Frau zu bedenken.

»Eben, gerade deshalb.« Gregory war wortkarg wie immer.

»Wo soll ich denn arbeiten?«

»Auf dem Strich«, sagte Gregory und schaute sie erwartungsvoll an.

Augenblicklich geriet Erika so in Wut, dass sie ihren Mann beinahe geschlagen hätte. Er flüchtete aus der Wohnung und blieb drei Tage fort. Erst als es zu spät war, merkte sie, dass er alles Geld mitgenommen hatte. Sie hatte nicht mal so viel, um ein Brot kaufen zu können. Und Hunger ist schrecklich. Erika wurde fast verrückt darüber.

Als er wiederkam, hatte er natürlich kein Geld mehr. Die Vermieterin wollte sie noch in dieser Nacht auf die Straße setzen. Er hatte sogar dieses Geld in Alkohol umgesetzt, und sie hatte angenommen, er hätte es pünktlich abgeliefert.

Da hockte er nun und starrte sie böse an.

Dann begann er seine großspurigen Reden: »Wenn du nur wolltest, dann könnten wir bald im Geld schwimmen.«

Sie schwieg.

»Verflucht, ich würde es ja tun. Aber ich bin nun mal keine Frau.«

Der Hunger nagte an ihren Eingeweiden, und sie hatte versprochen, morgen einen Teil der Miete zu bezahlen. Was sollte sie tun?

Wie ein gefangenes Tier lief sie hin und her.

»Was soll ich tun, verflixt, was soll ich tun?«

»Hingehen und den Kerlen das Geld abnehmen! Das ist doch wirklich keine Arbeit!«

Sie nahm ihren Schal von der Ablage.

»Nun gut«, sagte sie eiskalt. »Im Augenblick bleibt mir keine andere Wahl, oder ich müsste mich gleich ertränken. Aber das Eine sage ich dir: Die Sache ist noch nicht ausgestanden. Du wirst noch was zu hören bekommen.«

Gregory sprang sofort auf.

»Also, dann mach dich hübsch, und wir gehen sofort los! Meg wird sich freuen.«

»So, er wird sich freuen. Wunderbar!«

An diesem Abend war sie so apathisch, dass sie nicht in der Lage war, richtig zu denken.

Durch dunkle Gassen und Straßen kamen sie in ein Viertel, das ihr eine Gänsehaut verursachte. In einem verräucherten Pub stießen sie auf Meg.

»Na, hab ich zu viel versprochen?«

Der Mann warf Erika einen prüfenden Blick zu. Dann stellte er sich vor ihr auf und sagte leise: »In der Tat, du hast nicht geprahlt. Das ist ja eine Klassetülle! Woher hast du sie?«

»Sie ist meine Frau. Eine Deutsche!«

»Versteht sie unsere Sprache?«

»Sie kann sich verständigen.«

Erika hatte das Gefühl, wie ein Stück Vieh verkauft zu werden. Der Mann war ihr widerlich, und sie hasste seinen gierigen Blick. Am liebsten wäre sie wieder davongelaufen. Aber sie hatte solchen Hunger, dass sie sich schon fast nicht mehr auf den Beinen halten konnte.

»Ich sage dir, mit der können wir wirklich das große Geld machen, Greg. Natürlich muss sie noch ein wenig geschult werden. Aber das wirst du mir überlassen. Ich weiß, was die Kunden wünschen.«

Er griff nach ihr, doch sie riss sich heftig von ihm los.

»He, du weißt wohl nicht, wer ich bin, wie?«

Er kniff ein Auge zusammen, so dass er jetzt gefährlich und brutal wirkte. Er war ein so widerlicher Typ, dass sie ihm am liebsten vor die Füße gespuckt hätte. Doch in dieser Kneipe befanden sich nur Männer; mit Sicherheit würde man sofort über sie herfallen. Sie war ihnen ausgeliefert.

Erika hatte sich noch nie so elend gefühlt wie in diesen Sekunden. Ihr eigener Mann! Noch konnte sie es nicht so recht glauben. Aber Liebe war zwischen ihnen nie gewesen. Warum sollte sie da also Mitgefühl von ihm erwarten? Er war faul und versuchte jetzt, auf einfachste Art, durch sie zu Geld zu kommen. Oh, sie war in der Tat tief gesunken.

»Komm mit!«, befahl der Mann.

Sie klammerte sich noch immer am Tresen fest. Der ganze Raum schien sich vor ihren Augen zu drehen. Ihr wurde so schlecht, dass sie schon glaubte, sterben zu müssen. Alles war schwarz, und die Stimmen waren so weit weg.

Meg starrte Gregory an.

»Hat sie etwa ein paar Schrauben locker?«

»Nein, ich glaube, sie hat Hunger«, erklärte Erikas Mann.

Meg stieß ihn in die nächste Ecke. »Was soll das heißen?«

Gregs Augen flackerten.

»Wir haben kein Geld.«

»Mistkerl, ich habe dich seit drei Tagen beobachtet, du hast Geld gehabt.«

Die junge Frau taumelte und wäre gestürzt, wenn der Wirt sie nicht aufgefangen hätte.

»Mit dir rede ich noch«, sagte Meg ätzend.

Greg erwiderte nichts. Meg packte das Mädchen und zog es mit sich nach draußen. Das wurde ihr gar nicht bewusst. Automatisch setzte sie Fuß vor Fuß. Sie schwebte schon über dem Sein, spürte auch keinen Hunger mehr. Auf rosa Wolken tanzte sie dahin; dieses Gefühl war sehr schön.

Plötzlich aber umwehten Düfte ihre Nase, und sie erwachte aus ihrer Trance und starrte gierig auf die Speisen. Meg war an ihrer Seite. Sie konnte alles bestellen, wonach sie gelüstete. Dann setzte sie sich in eine Ecke und aß es gierig in sich hinein. Dabei dachte sie an zu Hause. Wenn man sie so sehen würde! Wieder sah sie Gregs gemeinsames Elternhaus vor sich und schluckte.

Das Essen hatte sie zu neuem Leben erweckt.

Meg stand in der Nähe und beobachtete sie unverhohlen. Wo Greg geblieben war, wusste sie nicht.

»Bist du fertig?«

»Ja«, antwortete sie gehorsam.

Und er befahl: »Komm mit!«

Schwerfällig erhob sie sich und folgte ihm. Sie durchwanderten einige schmutzige Gassen. Gestank drang in ihre Nase, und sie wusste nicht, was es war - bis sie das Wasser entdeckte.

Sie befand sich in den Londoner Docks. Sie ahnte nicht, dass dies ein sehr gefährliches Pflaster war, dass hier Nacht für Nacht Verbrechen geschahen. Sie waren so verwirrend angelegt, dass ein Fremder sich hier nicht auskannte.

Meg packte sie bei den Schultern.

»Fürs Erste wirst du hier stehen, ist das klar?«

Sie antwortete nicht.

»Es ist ein Dreckloch, ich weiß es. Aber ich werde dich hier nicht lange lassen. Ich werde dafür sorgen, dass du einen viel besseren Platz erhältst. Aber es kommt auf dich an. Ich will sehen, ob du gut arbeiten kannst. So, jetzt lauf los, und komm mir nicht ohne Geld zurück, verstanden!«

Das grobe Pflaster tat ihren Füßen weh. Sie wanderte einfach dahin. Irgendwo sah sie dann Laternen. Dort hinten waren auch Menschen. Als sie näher kam, erkannte sie Mädchen und Frauen.

Aber wie sahen die aus?!

Sofort lief eine Gruppe auf sie zu.

»Hau ab, sofort, oder wir schlagen dich zu Brei!«, riefen sie schon von weitem und drohten mit Fäusten und Handtaschen.

Vor so viel Bösem wich sie entsetzt zurück. Sie wusste nicht, dass es sich um Dirnen handelte, die ihr Revier verteidigten. Vielleicht wäre man sofort handgreiflich geworden. Doch zu ihrer Verwunderung sah Erika, wie die Dirnen plötzlich stehenblieben. Zwar keiften sie noch, aber sie verstand nicht alles. Und das war gut so.

Meg kam herangeschlendert, blieb vor der Gruppe stehen und grinste sie böse an.

»Na?«, fragte er herausfordernd.

Eine tat sich hervor. Sie war alt und verkommen, und man roch schon aus weiter Ferne, dass sie getrunken hatte.

»Ist das deine Hure?«

»Hast du was dagegen?«

»Verflucht, kann sie denn das Maul nicht aufmachen?«

»Ihr habt sie ja gar nicht soweit kommen lassen. Außerdem ist sie Ausländerin.«

Die Alte spuckte verächtlich auf die Straße.

»Ausländerin! Jetzt geht das schon wieder los! Wir wollen den Strich für uns, verflucht noch mal!«

»Du bist doch schon lange abgefahren«, sagte Meg verächtlich. »Ich frage mich, warum du dich noch aufbaust. Bei dir beißen doch nicht mal Haie an. Selbst die spucken dich Giftnudel wieder aus.«

Sie tobte, doch Meg schob sie mit einer Geste zur Seite und winkte Erika heran.

»Du wirst hier stehen, verstanden! Und wenn sie dir etwas antun, dann sage mir Bescheid! Ich bin dort drüben in der Kneipe und werde sofort kommen. Du hast ein Recht, hier zu stehen.«

Erika ließ den Kopf hängen. Die Gruppe verzog sich, und Meg ging davon.

Sie hatte Angst. Die Gegend war unheimlich. Hinter jedem Stapel glaubte sie einen Verbrecher zu sehen. Früher hatte sie so viele englische Krimis gesehen, und wie viele davon hatten im Hafen von London gespielt! Ihre Kopfhaut zog sich vor Entsetzen zusammen.

 

 

5

Aus dem dunklen Hintergrund löste sich eine Gestalt. Erika sah zuerst nur Umrisse. Sie bekam feuchte Hände. Sollte sie fortlaufen? Und wenn man sie jetzt lautlos umbrachte? Sie würde keinen Schrei über die Lippen bringen. Stocksteif stand sie da und erwartete den Aufprall!

Dann sah sie, dass es sich um eine Frau, vielmehr um ein junges Mädchen handelte.

»Hallo? Ich habe alles gesehen und gehört«, sagte die andere.

Der Schock machte ihre Glieder wieder weich.

»Gehst du hier auch auf den Strich?«

Sie kam jetzt noch näher. Ihr Haar war blond, und sie sah in der Tat noch sehr jung aus. Sie mag vielleicht so alt sein wie ich, überlegte Erika.

»Ja, das tue ich.«

Sie musterten sich gegenseitig.

»Woher kommst du?«, fragte die andere. Es war die erste freundliche Stimme in England, die sich nach ihr erkundigte. Tränen schossen ihr in die Augen.

»Aus Deutschland«, flüsterte sie.

»Ich bin Leslie«, sagte das Mädchen. »Wir sind Landsleute, ich komme auch von dort.«

»Wirklich?«

»Mein richtiger Name ist Anita Pilla. Ich bin seit einem Jahr hier in den Docks.«

»Oh, mein Gott!«

»Ich habe gesehen, dass Meg dein Lude ist. Wie bist du denn an den gekommen?«

Erika wusste nicht, was sie sagen sollte. Durfte sie ihr vertrauen?

»Er ist der gemeinste und widerlichste Kerl. Wie heißt du eigentlich?«

»Erika!«

Leslie lacht gurgelnd.

»Also, das Eine sage ich dir: Wenn du hier wirklich auf Anschaffe gehen willst, dann musst du dir schon einen anderen Namen zulegen. Das ist doch das mindeste, klar!«

Erika fand keine Erklärung dafür. Leslie zündete sich eine Zigarette an und sagte: »Ich will dir mal was sagen: Um die Meute da drüben brauchst du dich nicht zu kümmern, verstanden. Sie ist der letzte Dreck. So tief sind wir noch nicht gesunken. Wir sind Klassetüllen, verstehst du. Wir nehmen noch großes Geld für einen Strich. Also sind wir auch was Besseres. Du siehst wirklich gut aus; wenn du dich noch ein wenig zurechtmachst, dann fliegen die Kerle nur so auf dich. Wie hoch ist dein Soll?«

»Ich weiß nicht, was du meinst!«

Leslie riss erstaunt ihre Augen auf.

»Hör mal, bist du gar keine Strichpuppe? Du scheinst ja wirklich keine Ahnung zu haben.«

»Nein, ich bin keine ...«, brach es jetzt aus Erika hervor. »Ich bin anständig, aber man hat mich gezwungen. Ich ...« Nun kamen endlich doch die Tränen.

»Verflixt, hör auf zu flennen! Ich will dir ja helfen« brauste die Dirne auf.

»Kannst du mir denn helfen?« Sofort glomm ein Hoffnungsfünkchen in Erikas Augen.

»Hör zu, ich kann eine ganze Menge, wie mir scheint. Als ich vor einem Jahr hier anfing, da war ich auch allein. Und ich wäre froh gewesen, wenn ich jemanden gehabt hätte, dem ich hätte vertrauen können. Du kannst mir vertrauen. Schon weil wir beide Landsleute sind. Sonst sind wir doch verraten und verkauft zwischen diesem Pack. Und ich sage dir noch eins - wir halten uns hoch, verstanden.«

»Ja«, antwortete Erika kläglich.

»Die Strichzeit hat noch nicht angefangen, wir haben noch ein wenig Zeit. Also kannst du mir ruhig erzählen, wie du dazu gekommen bist, hier auf den Strich zu gehen, Mädchen.«

Irgendwie hatte Erika jetzt tatsächlich das Bedürfnis zu reden. Sie musste es einfach jemandem erzählen, sonst würde sie daran platzen. All die Wochen hindurch hatte sie keinen Menschen gehabt, mit dem sie wirklich hätte reden können. Und so begann sie denn ihre traurige Geschichte zu berichten. Leslie hörte ihr schweigend zu.

»Du hast wirklich einen Ehemann?«

»Ja!«

»Und der hat dich an Meg verkauft?«, fragte die Dirne, als hätte sie nicht richtig verstanden.

»Das weiß ich nicht.«

»Natürlich hat er das! Und wie ich Meg, diesen Schuft kenne, wird er deinen Greg auch noch übers Ohr hauen.«

»Das ist mir egal. Ich möchte nur fort, verstehst du. Es ist die reinste Qual.«

»Nun, ich hab mir auch was anderes darunter vorgestellt. Ehrlich, als ich von Deutschland fortging, da brannten mir die Hacken. Mein Lude war scharf darauf, mir ein Messer ins Herz zu rammen, also musste ich fliehen. Das hab ich dann auch geschafft.«

»Arbeitest du für dich selbst?«, fragte Erika.

Leslie lachte rau auf.

»Kindchen, du hast ja keine Ahnung! Dieses Revier ist in Megs Hand, verstehst du. Ich muss ihm die Hälfte abgeben, und ich kann dir sagen, mir geht es da noch besser, als so vielen anderen und auch besser als dir. Denn du musst deinen ganzen Lohn abliefern. Du musst ja nicht nur Meg unterhalten, sondern auch noch deinen Mann.«

»Nein«, sagte sie verzweifelt. »Nein, das will ich nicht! Ich will anständig bleiben, ich will mir einen vernünftigen Job suchen. Gleich morgen mache ich mich auf. Es muss doch etwas für mich geben! Und wenn nicht, dann will ich wieder nach Hause. Bei uns bekomme ich sofort eine Stellung, ehrlich.«

»Da hättest du nicht Meg in die Arme laufen dürfen. Der lässt dich erst abzittern, wenn du nicht mehr kannst, klar? Dem bist du doch jetzt ausgeliefert.«

»Nein«, stotterte sie.

»Oh, doch! Und ich möchte dir noch einen Tipp geben: Lehne dich nicht gegen ihn auf! Das geht nur böse aus. Ich kann davon ein Lied singen. Das haben schon andere versucht, Erika. Und die habe ich alle nicht mehr wiedergesehen.«

Sie schluckte.

»Leslie?«, fragte sie nach einer Weile.

»Ja?«

»Willst du denn hier wirklich für immer bleiben?«

Das Gesicht der Dirne wurde kantig.

»Nein, verflucht noch mal! Aber ich bin klug, ich warte ab. Einmal wird der Augenblick kommen, da ich fliehen kann, ohne dass man mir den Bauch aufschlitzt. Und darauf warte ich, Mädchen.«

»Also hast du die Hoffnung noch nicht aufgegeben?«

Details

Seiten
108
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929744
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492914
Schlagworte
redlight street freier

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #31: Der unheimliche Freier