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Dummes Herz macht, was es will

2019 75 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Dummes Herz macht, was es will

Copyright

Dummes Herz macht, was es will

Die Liebesprobe

Mein Kummer gehört mir allein

Geh an der Liebe nicht vorbei

Liebesgrüße per Flaschenpost

Dummes Herz macht, was es will

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 73 Taschenbuchseiten.

 

- Zwar hatte Anika einen Job in der Firma erhofft, doch was der Chef von ihr erwartete, bestürzte sie gewaltig. Sie sollte Liebe heucheln, um seinen Sohn vor einer folgenschweren Dummheit zu bewahren. Unmöglich!

- Anke hat zwei glühende Verehrer, aber für wen soll sie sich entscheiden. Man sollte sie auf die Probe stellen. Ihre Freundin und deren Bruder helfen ihr bereitwillig dabei. Aber dadurch wird es noch komplizierter.

- Sarahs Mann lässt sie mit einem Berg Schulden sitzen. Nun muss sie sich mit einem Gerichtsvollzieher auseinandersetzen, der zwar sympathisch ist, aber zur völlig falschen Zeit in ihr Leben tritt …

- Eine Unachtsamkeit bringt Kai nicht nur in eine peinliche Situation, er läuft vor allem Gefahr, einen gewinnträchtigen Geschäftsabschluss zu verlieren.

- Krista findet eine zehn Jahre alte Flaschenpost mit einem zu Herzen gehenden Liebesbrief. Spontan ist sie entschlossen, die darin verzweifelt gesuchte Carola zu finden.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Dummes Herz macht, was es will

"Sie haben keinen Termin, Frau Kurzke", stellte die Vorzimmerdame kühl fest und streifte Anika mit strafendem Blick, als sei sie die Chefin der Fa. Brabant persönlich. "Tut mir leid."

"Ich habe dreimal angerufen und wurde immer wieder vertröstet", verteidigte sich die 32jährige. Sie war fest entschlossen, sich nicht abweisen zu lassen, bevor sie wenigstens ihre Zeugnisse zeigen durfte. Seit Wochen bemühte sie sich nun schon um einen leidlich angemessenen Arbeitsplatz, aber es schien, als machte sie jeder für den plötzlichen Infarkttod ihres ehemaligen Chefs verantwortlich. Der Betrieb des Verstorbenen war von den Amerikanern aufgekauft, sie selbst wegrationalisiert worden.

"Lassen Sie Ihre Unterlagen hier", willigte die Frau hinter dem Schreibtisch gnädig ein. "Sie erhalten in den nächsten Tagen Bescheid."

"Ich möchte doch lieber selbst ..."

"Herr Direktor Brabant befindet sich zur Zeit außer Haus", wurde Anika ungeduldig unterbrochen. "Es ist völlig sinnlos, dass Sie warten."

Anika gab sich geschlagen. Sie legte ihre Zeugnisse auf den Tisch und wandte sich zum Gehen.

Da wurde die Tür aufgerissen.

"Tag, Kramerin! Liegt etwas Wichtiges an? Buchen Sie für morgen früh einen Flug nach Rom, und dann will ich Zärtner sprechen. Haben Sie die Umsatzlisten vom letzten Quartal?" Der Blick des hektischen Mannes mit der ausgeprägten Stirnglatze fiel auf Anika. "Waren wir verabredet?"

"Ich sagte Frau Kurzke bereits, dass Sie keine Zeit haben", meldete sich die Sekretärin eifrig. "Außerdem suchen wir doch meines Wissens zur Zeit keine neuen Mitarbeiter."

Oskar Brabant nickte flüchtig und hastete auf sein Allerheiligstes zu. Bevor sich die Tür hinter ihm schloss, drehte er sich noch einmal nach Anika um und kniff die Augen zusammen.

"Kommen Sie!", forderte er sie auf. "Vielleicht habe ich etwas für Sie."

In seiner kurzatmigen Art eröffnete er Anika wenig später, dass sie vom Typ her die Idealbesetzung für eine Aufgabe sei, bei der er allerdings äußerste Diskretion verlangen müsse.

"Ich habe jahrelang als rechte Hand von Herrn Horstmann gearbeitet", betonte Anika. "Von mir hat niemand ein Betriebsgeheimnis erfahren."

"Schön, schön, aber was ich von Ihnen erwarte, ist sehr viel delikater. Ich muss mich auf Ihre absolute Verschwiegenheit verlassen können. Gegen jedermann. Habe ich darauf Ihr Wort?"

"Ich verspreche es, sofern es sich um nichts Ungesetzliches handelt."

Der Firmenchef überhörte diesen Einwand und vertraute ihr die Geschichte seines einzigen Sohnes an: "Volker wird einmal mein Nachfolger und eines Tages alles erben. Frauen wie Sie hatten es ihm seit jeher angetan. Nicht zu augenfällig proportioniert und doch weiblich, kastanienbraunes Haar, ausdrucksvolle, ein wenig verträumte Augen und dabei blitzgescheit und selbstbewusst. Mit einem Wort, Sie sind sein Typ."

Anika konnte nicht verhindern, dass sie bei dieser Feststellung errötete. Worauf wollte der Mann hinaus?

"Volker war kein Kind von Traurigkeit", fuhr dessen Vater fort. "Und immer wieder waren es die Kastanienbraunen, Rehäugigen, in die er sich verliebte. Bis zu jenem Tag, an dem er sich mit seinem Sportwagen überschlug und schwere Verletzungen davontrug. Hauptsächlich im Gesicht. Seitdem ist er auch seelisch völlig verwandelt, ja, ich muss leider fürchten, dass er irgendwann seinem Leben selbst ein Ende setzen wird, weil er keinen Sinn mehr darin sieht."

"Das tut mir sehr leid", versicherte Anika erschüttert.

"Ihr Mitgefühl in allen Ehren", sagte Oskar Brabant ernst, "aber Sie können mehr tun. Geben Sie ihm seinen Lebensmut zurück. Vermitteln Sie meinem Sohn das Gefühl, ihn zu lieben. Wenn Ihnen das gelingt, soll es Ihr Schaden nicht sein."

Anika starrte ihr Gegenüber bestürzt an.

"Sie erwarten, dass ich ihm Liebe vorheuchle?"

Oskar Brabant erhob sich erregt.

"Ich bin mir durchaus bewusst, was ich von Ihnen verlange, Frau Kurzke. Aber bedenken Sie, worum es geht. Sie können einem Menschen über die schlimmsten Monate seines Lebens hinweghelfen. Und Sie können diesem Betrieb mit seinen fast tausend Mitarbeitern den künftigen Chef erhalten. Das ist mehr, als Sie bisher geleistet haben. Es versteht sich von selbst, dass ich Ihnen nach Abschluss dieser Mission einen Arbeitsplatz verschaffen werde, der Ihrer Qualifikation voll entspricht."

Nun schob auch Anika ihren Stuhl zurück.

"Was hier gesprochen wurde, wird niemand von mir erfahren", versicherte sie bewegt. "Aber dieser Aufgabe fühle ich mich nicht gewachsen, Herr Brabant. Ich habe noch nie Empfindungen vortäuschen können. Es tut mir leid."

"Mir auch", antwortete der Mann enttäuscht. "Vielleicht ändern Sie Ihre Meinung aber noch. Rufen Sie mich dann an! Ich komme am Freitag aus Rom zurück und werde ... Was gibt es denn?" Ärgerlich hob er den Kopf, weil sich in diesem Moment die Tür öffnete, ohne dass Frau Kramer den Besucher angemeldet hatte. "Ach, du bist es, Volker. Zärtner kommt auch gleich. Wir müssen unsere Verkaufsstrategie für Italien festlegen."

Volker Brabant hörte überhaupt nicht, was sein Vater sagte. Fasziniert starrte er die Frau an, die an ihm vorbeihasten wollte.

"Sind Sie neu bei uns?"

Obwohl Brandnarben und Schnittverletzungen sein Gesicht entstellten, spürte Anika weder Entsetzen noch Abscheu. Vielleicht lag es an den Augen, die der schreckliche Unfall unversehrt gelassen hatte. In ihnen las sie Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, aber auch eine winzige Spur Trotz. Vor allem aber fassungsloses Staunen.

"Meine Bewerbung kam zum ungeeigneten Zeitpunkt", erwiderte sie rau. "Vielleicht klappt es ein andermal." Hastig verließ sie das Büro.

Auf dem Gang holte Direktor Brabant sie ein.

"Warum laufen Sie denn weg? Haben Sie nicht gemerkt, wie stark er von Ihnen beeindruckt ist? Wieviel verlangen Sie? Nennen Sie Ihren Preis! Es gibt für mich nichts Wichtigeres als meinen Sohn."

Anika schüttelte stumm den Kopf und eilte davon.

"Dann wird er sterben", hörte sie Oskar Brabant anklagend rufen, aber da schloss sich bereits die Lifttür hinter ihr.

Drei Tage später wählte sie die Privatnummer des Direktors. Hinter ihr lagen viele Stunden des Zweifelns und Schwankens. Immer wieder hatte sie sich gesagt, dass Brabants Idee absolut verrückt war. Doch dann hatte sie die Augen seines Sohnes vor sich gesehen und sich gefragt, was geschehen würde, wenn sie ihre Hilfe versagte. Wie sollte sie mit ihrem Gewissen ins Reine kommen, wenn sie eines Tages Volker Brabants Todesanzeige in der Zeitung las?

"Ich will es versuchen", erklärte sie schlicht. "Aber ich kann für nichts garantieren."

Oskar Brabant schlug einen neutralen Treffpunkt vor. In einem Restaurant weihte er seine Verbündete in die Eigenheiten seines Sohnes ein und gab ihr Tipps, auf welche Weise sie eine neuerliche Begegnung mit dem Ahnungslosen arrangieren könnte. Von nun an war Anika mit ihrer Aufgabe allein.

 

*

 

Die Idee mit der Panne stammte von ihr. Sie wusste, dass Volker Brabant um diese Zeit für gewöhnlich vom Betrieb heimwärts fuhr. Er stoppte seinen Wagen prompt und erkundigte sich, ob er helfen könne. Anika zeigte eine ratlose Miene.

"Ich fürchte, er muss in die Werkstatt. Könnten Sie mich vielleicht abschleppen?" Sie stutzte gekonnt. "Sind Sie nicht in der Fa. Brabant angestellt?"

Auch er erkannte sie sofort wieder.

"Und Sie wären es fast geworden. Die Welt ist klein, nicht wahr?" Er sagte dies beinahe spöttisch. Ob er den Braten roch?

Er schleppte ihren Wagen zur nächsten Tankstelle, und Anika bedankte sich überschwänglich. "Zum Glück gibt es noch Kavaliere. Vor Ihnen sind mindestens zehn Autofahrer einfach an mir vorbeigefahren."

Volker Brabant hob die Schultern und meinte: "Das Leben hat eben so seine Launen." Ohne den Versuch zu unternehmen, sich mit ihr zu verabreden, fuhr er davon.

Du musst ja einen enormen Eindruck auf ihn gemacht haben, dachte Anika betroffen. Von der Tankstelle aus rief sie Oskar Brabant an und meldete den totalen Misserfolg.

"Was haben Sie erwartet?", gab sich dieser keineswegs enttäuscht. "Volker weiß natürlich, wie er aussieht. Er kann sich nicht vorstellen, dass einer Frau seine Gesellschaft angenehm wäre. Sie müssen ihm eben deutlicher zeigen, was Sie für ihn empfinden. Denken Sie einfach daran, dass es ja nur für kurze Zeit ist, bis sich sein seelischer Zustand stabilisiert hat und die Gefahr eines Selbstmords gebannt ist. Mein Sohn eröffnet morgen eine neue Abteilung des Technischen Museums. Seien Sie dort!"

Anika saß in einer der hinteren Reihen und verfolgte Volker Brabants leicht verständlichen Vortrag. Er besaß offensichtlich die Fähigkeit, auch komplizierte Zusammenhänge für einen Nichtfachmann durchschaubar zu machen.

Ihm dies zu sagen, hielt sie für einen unverfänglichen Vorwand, ihn anzusprechen, nachdem die Ehrengäste zu ihrem Recht gekommen waren. Er zeigte sich über das Kompliment nicht erfreut. "Was bezwecken Sie mit dieser Schmeichelei, Frau...?

"Kurzke. Anika Kurzke. Und es sollte durchaus keine Schmeichelei sein. Wissen Sie denn nicht, dass es nur wenige Männer gibt, die den Zuhörer auch mit scheinbar farblosen Themen in Atem halten können? Ich würde gern mehr darüber erfahren, aber wie ich sehe, warten bereits andere Leute auf Sie. Schade!"

"Glauben Sie an Zufälle?", wollte er wissen.

"Ich bin nicht sicher. Was meinen Sie konkret?"

"Nun, finden Sie es nicht merkwürdig, dass sich zwei Menschen, die sich vorher nie gesehen haben, plötzlich innerhalb weniger Tage gleich dreimal treffen?"

Anika musste sich Mühe geben, nicht verlegen zu werden. Ganz klar, dass ein Mann von Volker Brabants Intelligenz, dessen Sensibilität durch den folgenschweren Unfall besonders ausgeprägt war, bei ihrem Manöver misstrauisch wurde.

Sie lachte betont heiter.

"Ach, das meinen Sie. Ich gebe zu, dass ich heute hier bin, ist keineswegs ein Zufall. Ich erfuhr, dass Sie den Vortrag halten würden, und wollte ihn nicht versäumen."

"Sie sind also meinetwegen gekommen?" Ein bohrender Blick traf sie.

"Darf ich das als Frau nicht zugeben? Nennen Sie es technische Neugier oder wie auch immer. Die Hauptsache ist, dass ich mein Kommen nicht bereue."

"Wer hat Ihnen von dem Vortrag erzählt. Vielleicht mein Vater?"

Diese Frage traf Anika gut vorbereitet. Das Erstaunen gelang ihr perfekt.

"Unser Gespräch unlängst beschränkte sich leider auf ein paar vertröstende Worte für meine nächste Bewerbung", behauptete sie. "Aber ich sehe schon, Sie halten von Frauen als Gesprächspartner für technische Probleme nicht viel. Dabei hatte ich Sie völlig anders eingeschätzt."

"Ich Sie auch", entfuhr es Volker Brabant. Er kniff die Augen zusammen und musterte sie so eindringlich, dass es Anika unbehaglich zumute wurde. "Suchen Sie immer noch einen Job? Könnten Sie sich vorstellen, für mich zu arbeiten?"

Eigentlich hatte ihr eher eine Einladung zum Essen vorgeschwebt, doch wertete sie dieses Angebot als ersten Schritt in die gewünschte Richtung und willigte ein.

Noch am Abend informierte sie Oskar Brabant.

"Ich vermute, er ahnt etwas", fürchtete sie.

"Das glaube ich nicht", war der Industrielle sicher. "Er will Sie in Ihrer Nähe haben. Machen Sie weiter so, dann haben Sie die Schlacht bald gewonnen!"

 

*

 

"Wo bleiben denn die Listen, Frau Kurzke?", rief Volker Brabant ärgerlich aus seinem Büro herüber. "Die Kunden warten nicht, bis Sie sich die Fingernägel lackiert haben."

Dieser Vorwurf war ungerecht. Anika gab sich nicht nur Mühe, ihren Vorgesetzten mit ihrer Arbeit zufriedenzustellen, sie leistete auch wesentlich mehr, als man von ihr erwarten durfte. Trotzdem fand Volker Brabant ständig etwas auszusetzen. Dabei konnte er unglaublich verletzend sein.

Sie ging zu ihm hinüber und machte ihn auf einen Fehler in seinen Berechnungen aufmerksam. "Ich habe ihn inzwischen korrigiert und die Listen neu geschrieben."

Achtlos schob er die Blätter beiseite und gönnte seiner Sekretärin keinen Blick.

"Möchten Sie einen Kaffee?", fragte Anika, während ihr ein wenig ratloser Blick auf diesem seltsamen Mann ruhte. Der Ausdruck seiner Augen und sein aufbrausendes Wesen widersprachen einander. Sie wurde den Verdacht nicht los, dass er mit seiner Unnahbarkeit nur einen Schutzwall um sich aufbaute und selbst am meisten unter seiner cholerischen Art litt. Wenn sie ihn telefonieren hörte, war er nämlich völlig anders. Da zeigte er sein wahres Ich. Zielbewusst, aber gerecht. Knallhart und doch sympathisch.

"Ich bezahle Sie nicht fürs Kaffeekochen", fuhr er sie an. "Schreiben Sie!" Er begann zu diktieren, obwohl Anika ihren Block erst holen musste. Nach zwei Stunden überließ er sie der Schreibmaschine.

Während von nebenan das rhythmische Klappern zu ihm herüberdrang, starrte Volker Brabant vor sich hin und ballte die Fäuste. Es fiel ihm unsagbar schwer, diese wunderbare Frau so schlecht zu behandeln. Aber es musste sein, war er doch nach wie vor davon überzeugt, dass sie mit seinem Vater unter einer Decke steckte. Wie er seinen alten Herrn kannte, wollte dieser wieder einmal Schicksal spielen, indem er ihm seine Traumfrau über den Weg schickte. Anika Kurzke spielte ihm etwas vor. Er zog den kleinen Spiegel, den er ständig bei sich trug, aus der Sakkotasche und schnitt eine Grimasse hinein, wodurch sein Gesicht kaum abstoßender als vorher wurde.

Nein, so einen Mann konnte man nicht lieben. Niemand wusste das besser als er. Hatte nicht Nathalie geschworen, in ihm den Mann fürs Leben gefunden zu haben? Hatten sie nicht als das ideale Paar gegolten? War die Festsetzung des Hochzeitstermins nicht nur noch eine Formsache gewesen?

Aber nach dem Unfall, der ihn entstellte, empfand sie plötzlich nichts mehr für ihn. Allenfalls Abscheu. Wie sollte er jemals mit dieser Enttäuschung fertig werden?

Und nun wollte Anika Kurzke ihm weismachen, ihn zu mögen. Als Mensch. Als Mann. Aber er würde ihr das Gegenteil beweisen. Erstaunlich, dass sie es bereits drei Wochen bei ihm ausgehalten hatte. Sein Vater musste sie gut dafür bezahlen. Doch früher oder später würde sie diesen Job aufgeben. Dann hatte er auch sie verloren.

Volker Brabant erinnerte sich noch genau ihrer ersten Begegnung im Büro seines Vaters. Ihr Anblick hatte ihn wie ein Blitz getroffen. Fast hätte er sein Aussehen vergessen und sie um ein Wiedersehen gebeten. Sie war die erste Frau, neben der selbst Nathalie verblasste. Aber sie trieb ein grausames Spiel mit ihm.

"Wo bleibt mein Kaffee!", tobte er los. Er konnte nicht anders. Er musste sie quälen, um ihr nicht zu zeigen, wie es in ihm aussah, wie verwundbar sein Herz geworden war.

In Sekundenschnelle kam Anika mit der dampfenden Tasse. Sie brachte auch ein paar Kekse mit. "Sie haben heute noch nichts gegessen", erinnerte sie mit Nachdruck und erwiderte tapfer seinen wütenden Blick.

Er riss ihr die Tasse aus der Hand, dass sie unweigerlich überschwappen musste.

"Passen Sie doch auf!", herrschte er sie an und hätte sie doch am liebsten gestreichelt.

"Ich wasche den Fleck sofort heraus", entgegnete Anika und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an. Als sie ihm aus dem Sakko half, berührten sich ihre Hände. Anika zog ihre Hand nicht weg. Ihr Blick wurde wieder klar. Ihre Lippen öffneten sich staunend. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass sie die Ungerechtigkeiten dieses Mannes nicht deshalb ertrug, weil sie mit dessen Vater ein Abkommen getroffen hatte, sondern weil sie etwas weitaus Stärkeres als Mitleid für ihn empfand.

"Wollen Sie hier festwachsen?", knurrte Volker Brabant.

Anika zog sich zurück und entdeckte in der Sakkotasche den Spiegel.

"Mein Gott!", flüsterte sie. "Wie soll das nur enden?"

 

*

 

Oskar Brabant wirkte am Telefon kurzatmig wie immer.

"Haben Sie den Scheck erhalten?", erkundigte er sich.

"Gestern", bestätigte Anika beklommen. "Ich fürchte aber, ich habe ihn mir nicht verdient. Ihr Sohn kann mich nicht ausstehen."

"Erzählen Sie mir nichts. Ich kenne ihn besser. Wenn es so wäre, hätte er Ihnen niemals den Job angeboten. Volker hat Feuer gefangen. Ein Vater spürt so etwas."

"Eine Frau normalerweise auch", hielt Anika dagegen. "Manchmal habe ich den Eindruck, als machte er mich für seinen Unfall verantwortlich. Ich würde ihm so gerne helfen, aber er verschließt sich völlig."

"Dann müssen Sie eben die Initiative ergreifen. Fliegen Sie nicht kommende Woche mit ihm nach Madrid? Sorgen Sie dafür, dass es dort passiert. Sie wissen schon, was ich meine." Er hüstelte in den Hörer und beendete kurz darauf das Gespräch.

Anika presste die Lippen aufeinander. Ja, ihr war völlig klar, was Oskar Brabant von ihr erwartete. Sie sollte seinen Sohn kurzerhand verführen.

Ein paar Tage darauf saß sie neben Volker Brabant im Flugzeug. Er vertiefte sich in irgendwelche Geschäftsunterlagen und schien überhaupt nicht zu merken, dass sie vorhanden war.

Im Hotel bezogen sie zwei nebeneinanderliegende Zimmer mit einem gemeinsamen Balkon. Anika fand gerade noch Zeit zum Duschen. Da klopfte Volker Brabant bereits gegen die Wand. "Können wir fahren?"

Die Verhandlungen mit den Spaniern erwiesen sich als schwierig und drohten sogar zu scheitern. Nur Anikas Charme war es schließlich zuzuschreiben, dass der Vertrag nach zähem Ringen doch noch unterzeichnet wurde.

"Um ein Haar hätten Sie alles verdorben", beschuldigte Volker Brabant sie dennoch, als sie im Hotellift nach oben fuhren.

"Warum sagen Sie so etwas?", mahnte Anika erregt. "Sie wissen, dass es nicht stimmt. Sie wissen überhaupt, dass ich gute Arbeit leiste. Ich will, dass Sie mit mir zufrieden sind. Sie können mich jederzeit entlassen, aber verhindern, dass ich Sie mag, das können Sie nicht."

Als sich die Lifttür öffnete, hauchte sie ihm einen Kuss auf die narbige Wange und hastete zu ihrem Zimmer, dessen Tür sie eilig hinter sich schloss. Sie presste ihre glühende Stirn gegen das kühle Holz. Nebenan fiel eine Tür ins Schloss. Schwere Schritte durchmaßen den Raum, bevor Stille eintrat.

Warum quälst du uns so, Volker?, dachte Anika unglücklich. Warum nimmst du mich nicht endlich in den Arm und sagst, dass du mich liebhast?

Sie glaubte, in dem Zimmer zu ersticken, und öffnete die Balkontür. Milde Kühle schlug ihr entgegen und erfrischte sie. Sie trat ans Geländer und starrte hinunter auf die tausend Lichter der Metropole. Aus der Nähe klang fröhliche Musik. Irgendwo lachten Menschen. Anika wandte sich ab. Unbeschwerte Heiterkeit war ihr fremd geworden.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie zuckte zusammen, denn sie hatte den Mann nicht bemerkt.

"Verzeih mir!", sagte Volker leise, bevor er sie küsste.

Anika gab dem Wunsch, die Augen zu schließen und sich dem Glücksgefühl gänzlich hinzugeben, nicht nach. Er hätte es falsch auffassen können. Aufseufzend schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und erwiderte seine Küsse, nach denen sie sich so lange gesehnt hatte. Es folgten eine wunderbare Nacht und ein Erwachen, das sie nichts bereuen ließ.

"Jetzt kannst du ja getrost zugeben, dass dich mein Vater auf mich angesetzt hat", meinte Volker während des Frühstücks.

Nein, das durfte sie trotz allem nicht. Oskar Brabant hatte ihr Wort, dass sie über ihre Vereinbarung schweigen würde. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie sich in Volker verliebt hatte.

"Ich liebe dich, Volker", wich sie zärtlich aus. "Kann man Liebe vertraglich arrangieren?"

Mit dieser Antwort gab sich Volker zufrieden, und Anika fand, dass selbst dieses gezeichnete Gesicht seine Schönheiten besaß. Eine Schönheit, die von innen kam.

Sie kehrten aus Madrid zurück, und von nun an war es eine Freude, für Volker zu arbeiten. Er war wie ausgewechselt, was auch seinem Vater nicht entging.

"Ich wusste ja, dass Sie es schaffen würden, Frau Kurzke", triumphierte er. "Volkers früherer Schwung ist wieder lebendig. Kein Zweifel, er ist über den Berg. Ich bin so froh, dass ich Sie kennengelernt habe."

Diese Begeisterung schlug bereits nach wenigen Wochen in kühle Ablehnung um.

"Sie machen Witze", presste er hervor, nachdem er sich von Anikas überraschender Mitteilung leidlich erholt hatte.

"Volker wird es Ihnen noch selbst sagen", bekräftigte Anika. "Er hat mich gebeten, ihn zu heiraten."

"Heiraten?", schnaubte der Industrielle. "Sie? Lächerlich! Ich weiß sehr wohl zu schätzen, was Sie für ihn getan haben. Ich befürworte auch durchaus, dass Sie noch einige Zeit seine Geliebte bleiben. Aber seine Frau? Sie sehen wohl selbst ein, dass eine einfache Tippse nicht als meine Schwiegertochter in Betracht kommen kann."

Eine Ohrfeige hätte Anika nicht empfindlicher treffen können. Sie schickte Oskar Brabant sämtliche Schecks, von denen sie bisher keinen einzigen eingelöst hatte, kommentarlos zurück.

Prompt läutete bei ihr das Telefon.

"Was soll das? Sind Sie jetzt etwa beleidigt? Ich habe Sie für eine intelligente Person gehalten. Wir haben einen Vertrag. Ich fühle mich an unsere Vereinbarungen gebunden. Wenn Sie das Geld nicht brauchen, dann stiften Sie es für einen wohltätigen Zweck. Das geht mich dann nichts mehr an." Am nächsten Tag lagen die Schecks wieder in ihrem Briefkasten.

Details

Seiten
75
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929690
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
dummes herz

Autor

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Titel: Dummes Herz macht, was es will