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An deiner Hand ins Land der Liebe

2019 105 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

An deiner Hand ins Land der Liebe

Copyright

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An deiner Hand ins Land der Liebe

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

 

Sonja Brandrup - eine bezaubernde junge Frau, die nach einer schweren Ehekrise die neue Harmonie mit ihrem Mann Volker genießt. Doch in den Stunden größten Glücks schlägt das Schicksal erneut zu: Sandra wird Opfer eines dramatischen Unfalls - und droht für immer blind zu bleiben ...

Volker Brandrup - hat nach einigen Irrungen zu seiner Frau zurückgefunden. Aber gerade in dem Augenblick, in dem er eine Zukunft voller Sonnenschein vor sich sieht, trifft das junge Paar erneut ein grausames Geschick ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

„So, Herr Brandrup, dat war’s“, sagte Schwester Gudrun und nahm dem Patienten die Kontakte ab. „Hat überhaupt nich wehjetan, wa?“ Sie hatte in Dr. Sven Kaysers Auftrag ein EKG geschrieben. Nun riss sie den Papierstreifen ab, der aus dem Apparat hing, und faltete ihn zusammen.

„Darf ick mir uffsetzen, Schwester?“, berlinerte Volker Brandrup ebenfalls und lächelte jungenhaft dabei.

„Ick bitte darum“, gab die korpulente Arzthelferin zurück. „Und anziehen dürfen se sich ooch.“

„Wie sieht mein EKG aus, Schwester?“, erkundigte sich der junge Geschäftsmann mit nun wieder ernstem Gesicht.

„Darüber wird der Herr Doktor mit Ihnen sprechen. Ick bin dazu nich befugt.“

„Ach, kommen Sie, Schwester Gudrun, machen Sie nicht auf bescheiden. Jeder weiß doch, dass Sie im Grünwalder Arzthaus die graue Eminenz sind.“

„Weil ick jraue Haare habe?“

Volker Brandrup schüttelte den Kopf.

„Weil der Herr Doktor tut, was Sie ihm sagen.“

Gudrun Giesecke sah den Patienten ungläubig an.

„Dat wird behauptet?“

Volker Brandrup schlüpfte in sein Hemd und nickte dabei. „Das wird behauptet.“

Die Perle von der Spree lächelte geschmeichelt.

„Dann sind die Leutchen aber jewaltig uffm Holzweg, denn in diesem Jebäude is Dr. Sven Kayser der Chef, die unumstrittene Nummer eins, und daran wird sich ooch in Zukunft nüscht ändern.“

Volker schloss die Knöpfe seines Hemds.

„Also was ist nun mit meinem EKG?“

„Hamse noch fünf Minütchen Jeduld, Herr Brandrup, dann können se mit dem Herrn Doktor persönlich und janz ausführlich darüber palavern.“

Volker zog seine Hosen an, schob das Hemd hinein und ließ den Reißverschluss ratschen. „Haben Sie denn keine eigene Meinung?“

„Doch, aber die behalte ick für mich, wenn se jestatten.“

Volker schlüpfte in sein flaschengrünes Jackett.

„Dann muss ich wohl davon ausgehen, dass Ihnen mein EKG nicht gefällt.“

Die alte Sprechstundenhilfe lächelte kryptisch.

„Wenn ick nüscht sajen will, beißen se uff Jranit, mein Lieber.“

„Ja, langsam merke ich das.“ Volker schob seinen Krawattenknoten hoch.

„Also jeben se besser uff“, sagte Schwester Gudrun und verschwand durch eine Tür nach nebenan.

Wenige Augenblicke später saß Volker dem Grünwalder Arzt gegenüber.

„Schwester Gudrun wollte mir nicht verraten, wie mein EKG aussieht“, sagte er.

„Es ist nicht ihre Aufgabe, Elektrokardiogramme zu kommentieren“, erklärte der Allgemeinmediziner.

„Aber sie übt ihren Beruf doch schon so lange aus, dass man in ihr bereits so etwas wie eine Ärztin ohne Approbation sehen kann“, meinte Volker Brandrup.

Dr. Kayser stimmte dem nickend zu.

„Gudrun wollte nicht vorgreifen“, entschuldigte er die Arzthelferin. „Sie wollte mir die Freude nicht verderben, Ihnen zu sagen, dass Ihr EKG zufriedenstellende Werte zeigt.“

„Na, da bin ich aber froh!“ Volker atmete erleichtert auf. Er war zwar erst achtundzwanzig, aber vor einer Herzattacke ist man in keinem Alter gefeit. Er hatte seinen Vater auf diese Weise verloren, und seither schwelte in ihm die Angst, eines Tages genauso zu enden.

,,Dennoch möchte ich Sie warnen, Herr Brandrup“, sagte Sven Kayser. „Sie sind zu mir gekommen, weil Sie sich in letzter Zeit nicht wohlgefühlt haben.“

Volker nickte mit gefurchter Stirn.

„Das ist richtig. Mein Herz hat hin und wieder ziemlich heftig gerumpelt und da dachte ich, es könne nicht schaden, mal den Hausarzt zu konsultieren.“

„Das war sehr vernünftig von Ihnen, Herr Brandrup“, lobte Sven Kayser. „Und ebenso vernünftig wäre es, den Stress abzubauen, dem Sie Tag für Tag ausgesetzt sind, wie ich weiß.“

Volker atmete schwer aus. „Das ist leichter gesagt als getan.“

Dr. Kayser schüttelte langsam den Kopf.

„Warum muss immer erst etwas passieren, damit etwas passiert?“

„Ich habe eine Firma.“

Der Grünwalder Arzt nickte. „Das ist mir bekannt.“

Das Unternehmen richtete Büros und Lagerräume ein. Bei „VB&RK“ (Volker Brandrup und Roger Kirchberg) bekam man alles aus einer Hand - von der exquisiten Rosenholz-Elementdecke bis zum Teppichboden, vom stabilen Lagerregal bis zur futuristischen Schreibtischlampe ...

„Eine Firma, die mir bedauerlicherweise nicht allein gehört“, sagte Volker.

„Auch das weiß ich“, erwiderte Sven Kayser.

„Dadurch bin ich gezwungen, alles, was mein Partner tut, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen mitzutragen“, fuhr Volker fort. „Das ist nicht immer ganz leicht für mich. Ich bin mit vielem nicht einverstanden, was in unserem Unternehmen geschieht, aber ich habe nicht die Macht, meinen Partner in die Schranken zu weisen, weil uns die Firma zu gleichen Teilen gehört. Leider kommt es immer wieder vor, dass mein Kompagnon eine Situation falsch einschätzt und unrichtige Entscheidungen trifft, die sich dann oft nur mit großer Mühe - wenn überhaupt - korrigieren lassen. Roger Kirchberg läuft durch seine Gutgläubigkeit immer wieder Gefahr, unseriösen Leuten aufzusitzen, und seine Risikofreudigkeit hat uns schon so manche Turbulenz beschert. Wenn ich ihm nicht ständig auf die Finger sehe, geht die Firma in diesen ohnedies nicht besonders rosigen Zeiten den Bach runter.“ Er sah Dr. Kayser ernst an. „Das ist der eine Stress. Den anderen habe ich zu Hause.“ Er seufzte. „Mit meiner Ehe steht es seit geraumer Zeit nicht zum Besten. Was immer ich sage oder tue - es passt meiner Frau nicht.“

„Was macht sie so unzufrieden?“, wollte Dr. Kayser wissen.

„Vor allem die Tatsache, dass ich so wenig daheim bin, weil ich mich in diesen schwierigen Zeiten zwangsläufig mehr um die Firma kümmern muss. Das will Sonja aber nicht einsehen. Sie sagt, sie hat nicht geheiratet, um ihr Leben allein zu verbringen.“

„Da ist natürlich was dran.“

„Ja, aber ich kann das Geschäft, das ich - vor allem ich, denn Roger hat dazu nicht allzu viel beigetragen ... Ich kann das Unternehmen, das ich mit großer Mühe aufgebaut habe und von dem wir im Augenblick noch recht gut leben, nicht einfach zugrunde gehen lassen, nur um mehr Zeit für meine Frau zu haben.“

„Sie müssen einen Mittelweg finden.“

Volker nickte. „Danach suche ich seit Monaten, aber leider gibt es für dieses Problem keine Patentlösung.“ Er rieb seine Handflächen aneinander. „Alles, was ich von meiner Frau erwarte, ist etwas mehr Verständnis und ein wenig Geduld. Ist das denn zu viel verlangt?“

Dr. Kayser schwieg. Volker atmete abermals schwer aus.

„Na ja, damit muss ich irgendwie selbst fertigwerden.“ Er lächelte verlegen. „Ich darf Sie nicht länger aufhalten.“ Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter. „Im Wartezimmer sitzen eine Menge Patienten, die zu Ihnen wollen.“ Er stand auf.

Dr. Kayser erhob sich ebenfalls und gab ihm die Hand.

„Grüßen Sie Ihre Frau von mir!“

„Mach ich.“

„Wie geht es eigentlich Ihrer Mutter?“, erkundigte sich der Grünwalder Arzt. „Ich habe sie lange nicht gesehen.“

„Ich auch nicht.“ Volker Brandrup griente. „Ich werte das als gutes Zeichen. denn wenn ihr etwas fehlen würde, würde sie sich bei mir melden.“ Er ging zur Tür.

Dr. Kayser begleitete ihn. „Wie lange ist sie schon Witwe?“

„Im Juli werden es elf Jahre.“

„Elf Jahre.“ Dr. Kayser wiegte den Kopf. „Wie die Zeit vergeht.“

Volker spitzte die Lippen, als wollte er pfeifen.

„Ich glaube, meine Mutter kommt mit dem Alleinsein inzwischen recht gut klar. Sie ist viel unterwegs - Florenz, Rom, Wien, Prag, Berlin, Paris ... Ständig bucht sie irgendeine Busreise. Recht hat sie. Zu Hause sterben die meisten Leute.“

„Wie alt ist Ihre Mutter jetzt?“

„Sechsundfünfzig.“

„Möchte sie nicht noch mal heiraten?“, fragte Dr. Kayser.

„Ich glaube nicht.“

„Hätten Sie etwas dagegen?“

Volker schüttelte den Kopf.

„Überhaupt nicht. Sie soll ihr Leben so gestalten, wie es ihr am angenehmsten ist, da rede ich ihr nicht drein.“

Dr. Kayser gab dem Patienten noch einmal die Hand.

„Grüßen Sie auch sie ganz herzlich von mir, wenn Sie sie sehen. Und ...“ Er hob den Zeigefinger. „Reduzieren Sie den Stress ein wenig in Ihrem Leben, okay?“

„Ich werd’s versuchen“, gab Volker zurück und verließ das Sprechzimmer des Grünwalder Arztes.

 

 

2

Obwohl das EKG zufriedenstellend ausgefallen war, war Volkers Stimmung gedrückt. Dieses Jahr hatte es aber auch wirklich in sich! Seine Ehe war nicht so, dass er hätte jubeln können, die Firma lief gewissermaßen auch nur auf drei Zylindern und ... Ach, er wollte lieber nicht an all die Dinge denken, die schon mal besser funktioniert hatten.

Am Straßenrand stand ein kleines Mädchen mit Maiglöckchen. Er hielt seinen Wagen an, kaufte ihr ein Sträußchen ab und gab ihr mehr, als sie verlangt hatte. Sie strahlte ihn an.

„Dankschön“, sagte sie, und ihr süßes Kinderlächeln erwärmte sein Herz.

Ein Baby müsste Sonja haben, dachte er. Dann wäre sie beschäftigt und würde mich nicht so sehr vermissen. Ein Baby, ja, das wäre vielleicht die Lösung! Aber obwohl wir beide gesund sind, wie Dr. Kayser und sein Freund und Kollege Dr. Seeberg uns bestätigt haben, wird Sonja trotz all unserer Bemühungen einfach nicht schwanger.

„Dankschön“, sagte das Mädchen - er schätzte sie auf acht, neun Jahre - noch einmal.

Er lächelte die Kleine freundlich an.

„Schon gut.“ Er fuhr weiter.

Andere pflanzen sich fort wie Kaninchen, ging es ihm durch den Sinn. Und uns ist nicht einmal ein Kind gegönnt.

Zu Hause stellte er seinen Wagen in die Garage und schloss das große weiße Aluminiumtor. Als er gleich darauf das Haus betrat, vernahm er Stimmen. Sonja hatte Besuch. Er warf im Vorzimmer einen prüfenden Blick in den großen Wandspiegel und ging dann weiter. Der weiße Marmorboden glänzte makellos wie immer. Sonja war eine perfekte Hausfrau, die ihre Arbeit sehr gewissenhaft erledigte. Man fand nirgendwo ein Staubkörnchen, und es lagen niemals Zeitschriften oder Wäschestücke herum.

Im Wohnzimmer saßen seine Frau und seine Mutter. Kaffeegeschirr stand auf dem Tisch. Volker Brandrup küsste die beiden Frauen. Sonja bekam von ihm die Maiglöckchen. Zu seiner Mutter sagte er: „Wenn ich geahnt hätte, dass du hier bist, hätte ich zwei Sträußchen gekauft.“

„Macht nichts, mein Junge“, erwiderte Hildegard Brandrup mild lächelnd. „Ich wusste vor zwei Stunden noch nicht einmal selbst, dass ich euch besuchen würde.“

Sonja roch an den Maiglöckchen.

„Diese Blumen duften einfach himmlisch.“ Sie stand auf, holte eine kleine Vase, füllte diese in der Küche mit Wasser, stellte den kleinen Strauß hinein, kehrte ins Wohnzimmer zurück und stellte die Vase auf den Couchtisch aus blaugrauem Rauchglas.

Volker setzte sich neben seine Mutter, die, obwohl sie auf die Sechzig zuging, noch äußerst attraktiv war und sich gut, geschmackvoll und damenhaft zu kleiden verstand.

„Wie war’s in Hamburg?“

„Danke, sehr schön.“

„Hast du die Hafenrundfahrt mitgemacht?“, wollte Volker wissen.

„Selbstverständlich.“

„Danke für die Karte.“

Hildegard Brandrup schmunzelte.

„Man kann nicht sagen, dass ich schreibfaul bin, nicht wahr?“

„Nein, das kann man nicht“, bestätigte ihr Sohn.

„Und man kann auch nicht sagen, dass ich nicht an euch denke, wenn ich fort bin.“

Sonja Brandrup setzte sich wieder. Sie strich ihr dunkles Haar mit einer graziösen Handbewegung zurück. Sie war eine wunderschöne Frau von vierundzwanzig Jahren, klug, gebildet und anmutig. Neugierig musterte sie ihren Mann.

„Was war bei Dr. Kayser?“

Hildegard Brandrup horchte auf. Besorgnis erschien in ihrem Blick.

„Du warst bei Dr. Kayser?“

Sonja nickte.

„Ich hatte noch keine Gelegenheit, es dir zu sagen, Mama.“

„Es ist alles in Ordnung“, berichtete Volker.

„Das ist schön“, befand Sonja.

„Wozu gehst du zum Arzt, wenn alles in Ordnung ist?“, fragte Volkers Mutter.

Er lächelte. „Um es mir von ihm bestätigen zu lassen.“

„Volker hatte in letzter Zeit ein bisschen Probleme mit dem Herzen“, erklärte Sonja Brandrup ihrer Schwiegermutter. Hildegard Brandrup war sofort alarmiert.

„Mit dem Herzen?“

„Na ja“, meinte Volker beschwichtigend, „es hat ein paar Bocksprünge gemacht, die mich beunruhigten, aber nun weiß ich, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche. Das EKG hat einwandfrei gezeigt, dass alles bestens ist.“

Frau Brandrup hob den Zeigefinger.

„Mit solchen Beschwerden darf man nicht leichtfertig umgehen, mein Junge.“

„Ich weiß, Mama.“

„Dein Vater ...“

„Papa hatte ein schwaches Herz“, fiel Volker seiner Mutter ins Wort. „Meines ist völlig okay.“

Frau Brandrup hob noch mal den Finger.

„Du hast gesagt, es hat Bocksprünge gemacht.“

„Das muss wohl so etwas wie eine nervöse Entladung gewesen sein“, spielte Volker die Sache herunter.

„Vielleicht solltest du einen Herzspezialisten aufsuchen.“

Volker schüttelte entschieden den Kopf.

„Ich glaube nicht, dass das nötig ist, Mama. Dr. Kayser ist ein ganz hervorragender Arzt, oder bist du diesbezüglich anderer Meinung?“

„Nein, ich halte sehr viel von Dr. Kayser, aber ...“

Volker unterbrach seine Mutter erneut.

„Ich möchte einen Themenwechsel vorschlagen“, sagte er lächelnd. „Wann bist du von Hamburg zurückgekommen?“

„Gestern Abend“, antwortete Frau Brandrup. „Ziemlich spät. Unser Bus hatte einen Motorschaden. Wir mussten stundenlang auf einen Ersatzbus warten.“

Volker grinste.

„Solche Unannehmlichkeiten können dich bestimmt nicht entmutigen. Ich wette, du hast bereits deine nächste Reise gebucht - oder zumindest ins Auge gefasst. Wo soll es diesmal hingehen? Nach Madrid? Nach Lissabon? An die Normandie?“

„Ich hatte Marseilles im Sinn, aber nun bleibe ich doch lieber in München.“

„Die Zigeunerin wird sesshaft?“ Volker lachte. „Das kann ich kaum glauben.“

Hildegard Brandrup betrachtete angelegentlich ihre Hände.

„Dieses viele Reisen - das ist doch bloß Flucht vor der Einsamkeit.“

„Wieso fühlst du dich einsam?“, fragte ihr Sohn überrascht. „Du kannst doch jederzeit zu uns kommen.“

„Ach, ich kann euch doch nicht ständig heimsuchen wie ... wie ... wie eine lästige Krankheit.“

Volker schüttelte den Kopf. „Vergleiche hast du.“

„Du bist uns immer willkommen“, versicherte Sonja.

Ein kleines Lächeln huschte über Hildegard Brandrups Gesicht, das noch nahezu faltenfrei war. „Es ist schön, dass ihr das sagt, aber ich halte mich lieber an den Grundsatz: Komme selten, dann wirst du gelten. Ihr habt euer Leben, ich habe meines. Ich möchte nicht zur Last für euch werden, möchte vermeiden, dass ihr irgendwann denkt: Jetzt steht die schon wieder vor der Tür.“

„Das würden wir niemals denken“, entgegnete Volker entrüstet. „Das weißt du.“

Sonja sah ihren Mann an.

„Möchtest du Kaffee?“

„Ja, bitte.“

Sie holte eine Tasse für ihn und füllte sie.

„Danke, Liebling“, sagte er.

„Wisst ihr, wem ich heute Vormittag nach vielen, vielen Jahren wieder begegnet bin?“, fragte Hildegard Brandrup mit einem sonderbaren Glanz in den Augen.

„Wem?“, wollte Volker wissen.

„Thorsten“, sagte Frau Brandrup. „Thorsten Albrecht.“

„Thorsten Albrecht?“ Sonjas Blick ging zwischen ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter hin und her. Sie hörte diesen Namen heute zum ersten Mal.

„Er war Mutters allererste Liebe“, erklärte Volker.

„Ich kannte ihn lange, bevor ich Volkers Vater traf“, erzählte Hildegard Brandrup ihrer Schwiegertochter. „Gott, was war ich verliebt in ihn.“ Sie verdrehte die Augen. „Vier Jahre dauerte diese wunderschöne Romanze.“

„Und dann?“, fragte Sonja interessiert.

„Thorsten wurde von seiner Firma nach Kanada geschickt“, fuhr die Witwe fort. „Er sollte die Leitung eines neu gegründeten Büros übernehmen. Er wollte mich mitnehmen. Ich aber wollte hierbleiben. Ich dachte, er würde mir zuliebe auf seinen großartigen Job verzichten, aber das war ein Irrtum. Er reiste ohne mich ab, schrieb mir von drüben glühende Liebesbriefe, flehte mich an, nachzukommen, doch ich konnte mich nicht dazu entschließen.“ Sie machte eine kleine Pause. Ein düsterer Schleier legte sich über ihre Augen. Schließlich sagte sie: „Seine Briefe wurden allmählich weniger, und sie glühten auch nicht mehr so sehr - und zu guter Letzt blieben sie ganz aus.“ Sie warf ihrem Sohn einen sanften Blick zu. „Ich lernte Volkers späteren Vater kennen, und als Thorsten zurückkam und sich wieder bei mir meldete, war ich verheiratet und sah Mutterfreuden entgegen.“

Sonja sagte: „Du hast deinem Mann einen Sohn geschenkt ...“

Hildegard Brandrup nickte. „Und wir wurden eine glückliche Familie.“

„Hast du Thorsten Albrecht noch mal wiedergesehen?“, fragte Sonja.

Ihre Schwiegermutter nickte abermals.

„Einige Male.“ Sie lächelte. „München ist ein Dorf.“

„Was hast du bei diesen Begegnungen empfunden?“, wollte Sonja wissen.

„Für Thorsten?“, fragte Hildegard Brandrup. „Eigentlich nichts mehr. Jedenfalls bekam ich kein entsetzliches Herzrasen mehr, wenn ich ihn sah.“ Sie hob die Augenbrauen. „Aber er nahm in meinem Herzen für immer einen ganz besonderen Platz ein. Er blieb der Mann, der meine allererste große Liebe gewesen war.“

„Und dem bist du heute Vormittag begegnet“, sagte Sonja.

Frau Brandrup nickte.

„Auf dem Viktualienmarkt. Er hat mich zum Essen eingeladen, und wir haben sehr, sehr lange über die alten Zeiten geplaudert. Mir hat dieses Wiedersehen sehr gut getan.“

„Das sieht man dir an“, stellte Volker fest.

„Wirst du Thorsten Albrecht wiedersehen?“, fragte Sonja.

„Er wird mich anrufen.“

„Ist er der Grund, weshalb deine Reiselust so plötzlich abgeflaut ist?“, fragte Volker.

„Schon möglich.“

„Du bist verwitwet“, sagte Sonja. „Und er?“

„Er ist verheiratet.“

Volker rümpfte die Nase. „Dann finde ich es aber nicht gut, wenn du ...“

„Er führt keine glückliche Ehe“, behauptete Frau Brandrup.

Volker winkte ab.

„Das sagen alle Männer, wenn sie bei einer anderen Frau punkten wollen.“

„Die Ehe, die ihm seine Frau an manchen Tagen zur Hölle macht, besteht nur noch auf dem Papier“, sagte Hildegard Brandrup.

„Warum lässt er sich dann nicht scheiden?“

Frau Brandrup hob die Schultern.

„Er ließ die Dinge bisher einfach laufen, sah keinen Grund für diesen Schritt.“

„Obwohl seine Frau ihm die Ehe zur Hölle macht?“, meinte Volker ungläubig. „Und das kaufst du ihm ab?“

„Thorsten war immer ehrlich zu mir“, erklärte Frau Brandrup bestimmt. „Ich habe keine Veranlassung, an seinen Worten zu zweifeln. Er hat mich nie belogen.“

Volker trank einen Schluck Kaffee.

„Ich meine, es wäre besser, wenn du diesen Mann nicht wiedersehen würdest, Mama.“

Hildegard Brandrup warf ihrem Sohn einen scharfen Blick zu.

„Seit wann mischst du dich in meine Angelegenheiten?“, fragte sie kühl. „Ich habe das Alleinsein satt. Elf Jahre sind genug. Ständig bin ich auf Achse, umso wenig wie möglich zu Hause zu sein. Jedes Mal, wenn ich heimkomme, zieht es mich gleich wieder fort, weil ich die Einsamkeit in diesem leeren Haus nicht ertrage. Du weißt nicht, wie das ist, Junge. Du bist nicht allein. Du hast eine Frau. Du kannst dir nicht vorstellen, wie scharf die Zähne der Einsamkeit sind und wie schmerzhaft sie nagen können.“

„Aber stellt dir das einen Freibrief dafür aus, dass du einer anderen Frau den Ehemann wegnimmst?“, fragte Volker seine Mutter.

„Ich kann ihr nichts wegnehmen, was sie schon lange nicht mehr besitzt“, entgegnete Frau Brandrup unwirsch.

„Dem Gesetz nach ist Thorsten Albrecht nach wie vor ihr Mann.“

Hildegard schüttelte ärgerlich den Kopf.

„Ich lehne es ab, mit dir darüber zu diskutieren. Es tut mir leid, dass ich euch von diesem für mich so erfreulichen Wiedersehen erzählt habe.“ Sie erhob sich. „Es ist wohl besser, wenn ich gehe.“

 

 

3

„Na, Chef, jeht es wieder?“, erkundigte sich Schwester Gudrun, als Dr. Kayser vor Ordinationsbeginn vom privaten Bereich seines Hauses herunterkam.

„Sind Sie wieder okay?“, fragte Marie-Luise Flanitzer, seine zweite Sprechstundenhilfe. Sie war alles das, was Gudrun Giesecke nicht war: Schlank, jung und verheiratet.

„Guten Tag, die Damen“, gab der Grünwalder Arzt lächelnd zurück. „Ich bedanke mich für Ihr Interesse. Ja, ich bin wieder auf dem Damm. Es geht mir wieder gut.“

Sven Kayser hatte sich einen Virus eingefangen und drei Tage das Bett gehütet. Fünf Tage war seine Ordination „wegen Krankheit“ geschlossen gewesen, und er war nun auf einen heftigen Patientenansturm gefasst.

„Und wie geht es Ihnen?“, erkundigte sich Dr. Kayser.

„Mustergültig, Chef“, behauptete Schwester Gudrun.

„Hervorragend“, antwortete Schwester Marie-Luise.

Sven rieb sich die Hände.

„Na, dann kann’s ja losgehen. Stürzen wir uns in die Schlacht. Ich muss mein Image aufpolieren. Es wirft kein gutes Licht auf einen Doktor, wenn er selber krank wird.“

„Quatsch mit Soße“, widersprach Gudrun Giesecke. „Dat beweist lediglich, dat ’n Doktor ooch nur ’n Mensch is.“

Dr. Kayser ging ins Sprechzimmer, und Schwester Gudrun schickte ihm den ersten Patienten rein. Nach zwei Stunden brachte ihm Gudrun eine Tasse Kaffee. Nachdem er ihn getrunken hatte, fragte er: „Wer ist der Nächste, Icke?“

„Der Nächste is ’ne Sie und hört uff den schmucken Namen Sonja Brandrup“, antwortete die dicke Arzthelferin.

Jedes Mal, wenn Sonja mit ihrer Regel ein paar Tage über die Zeit war, kam sie voller Hoffnung zu Dr. Kayser, um von ihm zu hören, dass es endlich geklappt hatte, aber er musste sie bisher stets enttäuschen. So war es auch diesmal. Nachdem er sie untersucht hatte, schüttelte er seufzend den Kopf und sagte: „Tut mir leid, Frau Brandrup, Sie sind nicht schwanger.“

„Wieder nicht.“ Sie seufzte frustriert. „Ich war mir diesmal so sicher.“

„Sie sollten sich diese Schwangerschaft etwas weniger verbissen wünschen“, riet der Grünwalder Arzt der Patientin. „Wer gewissermaßen mit der Brechstange an die Sache herangeht, ist naturgemäß viel zu verkrampft - und das führt nach meiner Erfahrung in den seltensten Fällen zum heiß ersehnten Erfolg.“

Tränen traten in Sonjas Augen.

„Mein Mann und ich ... Wir brauchen ganz dringend ein Baby, Herr Doktor. Kinder sind der Kitt der Ehe, sagt man. Ein Kind könnte den Riss, den unsere Ehe abbekommen hat, schließen.“

„Sie könnten ein Baby adoptieren.“

Sonja schüttelte den Kopf. „Es müsste ein eigenes Kund sein.“

Sven Kayser hob die Schultern.

„Nun, dann kann ich Ihnen nur empfehlen, es weiterhin zu versuchen.“

Sonja schlug traurig den Blick nieder.

„Leider gestaltet sich dies in letzter Zeit immer schwieriger. Mein Mann ist ja kaum noch zu Hause.“

Dr. Kayser nickte. „Der Firma geht es nicht gut.“

Um Sonjas Lippen zuckte ein bitterer Ausdruck.

„Wenn er sich nur wegen der Firma so selten daheim blicken ließe, könnte ich das noch verschmerzen ...“

„Gibt es noch einen anderen Grund?“

Sonja Brandrup nickte, und jetzt kullerten die Tränen über ihr Gesicht.

„Einen blonden, vollbusigen, einundzwanzigjährigen Grund.“

„Ihr Mann hat eine Freundin?“

„Er hat ein Verhältnis mit seiner Sekretärin“, behauptete Sonja.

„Wissen Sie das genau?“

„Ich habe keine Beweise, aber es deutet alles darauf hin.“

„Vielleicht irren Sie sich“, sagte der Allgemeinmediziner.

„Nein, Herr Doktor, ich irre mich nicht.“ Sonja schüttelte unglücklich den Kopf. „Ganz bestimmt nicht. Eine Frau spürt, wenn ihr ihr Mann nicht mehr allein gehört.“ Sie blickte den Grünwalder Arzt durch einen dichten Tränenschleier an. „Wenn ich nicht bald schwanger werde, sehe ich schwarz für unsere angeknackste Ehe.“

 

 

4

„Du siehst heute wieder bezaubernd aus“, sagte Volker Brandrup zu seiner Sekretärin.

„Vielen Dank“, erwiderte Christa Hallberg geschmeichelt. Sie nahm die Schultern zurück, damit ihre unübersehbaren Vorzüge noch besser zur Geltung kamen.

„Und wie du duftest ...“ Er zog die Luft genussvoll ein.

„Wie denn?“, fragte Christa mit gekonntem Augenaufschlag. „Verführerisch?“

Er nickte. „Könnte man sagen.“

„Möchtest du, dass ich dich verführe?“ Sie öffnete einen Knopf ihrer Bluse.

Er deutete unruhig auf ihr Dekolleté.

„Untersteh dich!“, stieß er nervös hervor. „Du bist hier, um zu arbeiten.“

„Man könnte doch das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden“, meinte Christa so unschuldig, wie sie schon lange nicht mehr war.

„Komm in mein Büro!“, verlangte Volker.

Sie schmunzelte, und in ihren Augen flackerte mit einem Mal ein wildes Feuer.

„Sehr gerne.“

„Nimm deinen Notizblock mit!“

„Ach so.“ Sie war enttäuscht. „Ich dachte ...“

„Alles zu seiner Zeit“, sagte Volker streng und befahl ihr, den Blusenknopf wieder zu schließen.

Sie gehorchte, ging mit ihm in sein Büro und schrieb auf, was er ihr sagte. Eine halbe Stunde später saß sie wieder an ihrem Schreibtisch.

Roger Kirchberg erschien. Das gewellte Haar des Fünfunddreißigjährigen war stark gelichtet und hatte bereits viel von seiner Stirn freigegeben. Er war leicht übergewichtig und hatte Basedowaugen. Wenn er nicht immer tipptopp gekleidet gewesen wäre, wäre er ein äußerst unattraktiver Mann gewesen. So aber interessierte sich die Damenwelt doch für ihn. Kleider machen Leute. An ihm bewahrheitete sich der Spruch.

Er deutete mit dem Kopf in Richtung Volkers Büro. „Ist er da?“

„Er ist da und arbeitet - im Gegensatz zu anderen Leuten“, antwortete Christa Hallberg keck.

Kirchberg starrte sie wütend an.

„Sei vorsichtig, Flittchen, sonst bist du deinen Job hier los!“

„Willst du mich rausschmeißen?“ Christa sah ihn furchtlos an. „Das kannst du nicht. Ich bin Volkers Sekretärin, nicht deine.“

„Vielleicht kann ich meinen Partner davon überzeugen, dass wir auch mit einer Sekretärin auskommen.“

„Die arme Frau Krause wird eimerweise Tränen vergießen, wenn du sie auf die Straße setzt.“

„Da Frau Krause doppelt so viel leistet wie du, werden wir uns selbstverständlich nicht von ihr, sondern von dir trennen.“

„Ich glaube nicht, dass du bei Volker damit durchkommst“, meinte Christa Hallberg unbekümmert.

Er maß sie verächtlich.

„Und ich weiß auch, warum.“ Er ging weiter und betrat Volker Brandrups Büro.

Volker sah seinen Partner an und sagte: „Du siehst aus, als hättest du dich geärgert.“

Roger Kirchberg zeigte auf die Tür.

„Verdammt noch mal, was findest du an diesem rotzfrechen Luder?“

Volker Brandrup grinste breit.

„Sieh sie dir genau an, dann weißt du es. Da kann Frau Krause nicht mit.“

„Frau Krause ist eine kreuzbrave, ehrenwerte, arbeitsame Frau ...“

Volker nickte. „… die ihre Schönheit in sich trägt und nicht marktschreierisch zur Schau stellt, wie Christa das tut.“

„Ich bin mit ihr hoch zufrieden.“

„Das bin ich mit Christa ebenfalls.“

Roger Kirchberg lachte gepresst.

„Den Grund dafür kenne ich. Mensch, Volker, ich verstehe dich nicht. Du hast zu Hause eine wunderschöne Frau ...“

„Das geht dich nichts an, Roger“, unterbrach Volker seinen Partner schneidend. „Gebe ich dir Ratschläge, die dein Privatleben betreffen? Nein. Also halte es bitte genauso!“ Er maß ihn von Kopf bis Fuß. „Hast du sonst noch was auf dem Herzen? Wenn nicht, dann mach die Tür von außen zu! Ich habe zu tun.“

„Korritke wackelt“, sagte Kirchberg mit belegter Stimme.

„Wer?“

„Florian Korritke. Seine Firma ist in erhebliche Turbulenzen geraten.“

„Von wem weißt du das?“, fragte Volker Brandrup.

„Jemand aus Korritkes Büro hat mich soeben angerufen.“

„Na wunderbar.“ Volker lehnte sich zurück und nickte bitter. Die Schulden, die Korritke bei ihnen hatte, waren enorm.

„Wir müssen schnellstens zusehen, dass wir zu unserem Geld kommen, Volker“, sagte Kirchberg gehetzt. „Wenn Korritke in Konkurs geht, reißt er uns mit.“

„Er ist dein Kunde. Lass dir was einfallen!“

„Mein Kunde - dein Kunde. Das ist in einer solchen Situation doch völlig egal.“

„Du hättest dieses Geschäft mit Korritke nicht machen sollen“, knurrte Volker.

„Herrgott noch mal, bin ich Hellseher?“, brauste Roger Kirchberg auf. „Ich konnte doch nicht wissen, dass er in Schwierigkeiten gerät.“

„Ich habe dich gewarnt.“

„Du konntest das genauso wenig wissen.“

„Du hättest auf mich hören sollen.“

„Du hast mich doch bloß um dieses große Geschäft beneidet“, behauptete Kirchberg.

„Was ist denn geworden aus diesem großen Geschäft?“, fragte Volker Brandrup zornig. „Zerplatzt ist es wie eine Seifenblase. Korritke ist ein Troublemaker. Das weiß jeder in der Branche, das ist ein offenes Geheimnis. Nur du hattest keine Ahnung davon, denn schlecht informiert bist du immer gut. Du dachtest, einen dicken Fisch an Land gezogen zu haben. Dabei ist allgemein bekannt, dass alle Welt mit ihm Schwierigkeiten hat. Er ist unseriös, zahlt nicht gern, arbeitet mit allen unerlaubten Tricks, und jeder, der sich auf ein Geschäft mit ihm einlässt, muss um sein Geld bangen. Du aber hast dir in deinem grenzenlosen Optimismus eingebildet, es würde alles super für dich laufen.“

„Es hätte ja auch gutgehen können“, verteidigte sich Roger Kirchberg.

„Mit Florian Korritke? Niemals! Zeig mir einen, der mit Korritke ein Geschäft abgewickelt hat, das er zu guter Letzt nicht bereute. Kennst du so jemanden? Ich nicht.“

Kirchbergs Wangenmuskeln zuckten.

„Verdammt, Volker, was hat es jetzt noch für einen Sinn, mir diese unnötigen Vorhaltungen zu machen?“

„Ich möchte, dass du endlich anfängst, aus deinen Fehlern zu lernen“, gab Volker kriegerisch zurück. Er starrte seinen unfähigen Partner feindselig an. „So kann das nicht weitergehen, Roger. Die Zeiten sind ohnedies schon schlecht genug. Hör endlich auf, ständig dazu beizutragen, dass sie für unsere Firma noch schlechter werden! Hör endlich auf, an dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen!“ Er griff nach dem Telefonhörer. „Christa, verbinde mich mit Florian Korritke.“ Zwei Minuten später läutete der Apparat. Volker nahm erneut ab und hatte den Krisenmann an der Strippe.

„Hallo, Herr Brandrup!“, rief Florian Korritke, anscheinend über alle Maßen erfreut, aus.

„Hallo, Herr Korritke“, gab Volker reserviert, aber nicht unfreundlich, zurück.

„Wie geht es Ihnen?“, erkundigte sich der Mann, über dem angeblich der Pleitegeier kreiste.

„Sehr gut“, antwortete Volker. Wer sagt schon mal die Wahrheit, wenn diese unnützen Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht werden.

„Freut mich zu hören“, bemerkte Korritke. Auch das war natürlich eine Lüge. In Wirklichkeit war Volker ihm völlig egal. „Was machen die Geschäfte?“

„Sie könnten nicht besser laufen“, behauptete Volker.

„Ist ja wunderbar“, jubelte Korritke, als hätte er etwas davon.

Roger Kirchberg stand in Volkers Büro und lauschte dem Gespräch gespannt.

„Haben Sie Zeit und Lust, mal mit mir essen zu gehen?“, fragte Volker den Mann, der ein Händchen für handfeste Schwierigkeiten hatte.

„Jederzeit.“

„Wie wär’s mit morgen Mittag?“, erkundigte sich Volker.

„Das kann ich einrichten.“

Volker nannte ein Restaurant in der City.

„In Ordnung“, sagte Korritke.

„Vierzehn Uhr?“, fragte Volker.

„Passt mir prima.“

„Dann bis morgen“, sagte Volker.

„Ja, bis morgen.“

Volker legte auf, sah seinen Partner an und seufzte: „Mal sehen, was zu retten ist.“

 

 

5

Christa Hallberg hatte eine hübsche kleine Dachterrassenwohnung in Schwabing. Volker fühlte sich wohl bei ihr. In letzter Zeit war er jedoch geschäftlich so eingespannt, dass er immer nur auf ein, zwei Stunden zu ihr kommen konnte. Dr. Kayser hatte ihm geraten, kürzer zu treten, aber das war ihm einfach nicht möglich. Es gab bedauerlicherweise zu viele Probleme, die dringend gelöst werden mussten, bevor sie zu Dolchen wurden, die der Firma den Todesstoß versetzten.

Die Insolvenzanzeigen in den Zeitungen waren ellenlang und wurden immer länger, und Volker Brandrup hatte keine Lust, die Liste auch mit seinem Namen zu zieren.

Christa Hallberg schmiegte sich an ihn. Sie lagen im Bett. Es war später Nachmittag, und sie hatten eine heiße Umarmung hinter sich.

„Wie ist das Essen mit Korritke gelaufen?“, fragte die Sekretärin.

„Er wird zahlen.“

„Tatsächlich?“

Volker spielte mit ihrem seidenweichen blonden Haar.

„Ich habe ihm ziemlich unmissverständlich gedroht und ihn mächtig unter Druck gesetzt.“

„Wird er sich an seine Zusage halten?“

„Das hoffe ich - sowohl für ihn als auch für uns, denn wenn er nicht zahlt, können wir nicht zahlen ... Er würde damit eine schlimme Kettenreaktion auslösen, deren Folgen kaum abzusehen wären.“ Volkers Miene verdüsterte sich. „Roger ist ein hirnverbrannter Idiot. Mit Leuten wie Korritke macht man keine Geschäfte. Die fasst man nicht an, weil man sonst Gefahr läuft, sich gehörig die Finger zu verbrennen. Das habe ich Roger mit aller Deutlichkeit und großer Eindringlichkeit gesagt, aber er hat nicht auf mich gehört. Er hört ja nie auf mich, meint immer, klüger sein zu müssen als ich - und wenn ich ihn nicht jedes Mal auffangen würde, sobald er stolpert, würde er ganz fürchterlich auf die Schnauze fallen.“

„Warum lässt du ihn nicht mal fallen?“ Christa Hallberg streichelte sanft seine glatte Wange.

„Das kann ich nicht. Ich bin sein Partner. Wenn er stürzt, stürze ich mit ihm.“

„Er ist ein Klotz an deinem Bein.“ Christa küsste ihn zärtlich.

„Ein riesiger Klotz.“

„Warum bist du diese Partnerschaft eingegangen?“ Christas schlanke Hand glitt langsam über seinen Körper.

„Ich hielt das damals für einen vernünftigen Schritt. Inzwischen habe ich ihn schon mindestens tausendmal bereut.“

Christa rückte noch etwas näher. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

„Schau nicht auf die Uhr!“, bat sie mit rauchiger Stimme. „Vergiss die Zeit, wenn du mit mir zusammen bist!“

„Das ist leider nicht möglich. Du kennst meinen Terminkalender besser als ich. Du weißt, dass für mich heute noch lange nicht Feierabend ist.“ Er wollte sich von ihr lösen. Sie schlang die Arme um ihn. „Bleib doch noch ein bisschen!“

„Sei vernünftig!“

„Nur noch ein paar Minuten.“

„Tut mir leid.“ Er befreite sich mit sanfter Gewalt aus ihrer Umarmung, stand auf und zog sich an. Christa sah ihm dabei zu.

„‘Ich hatte einen Traum!’ So begann Martin Luther Kings Rede, die in die Geschichte einging.“ Sie setzte sich auf, zog die Beine an und umfasste ihre Knie. „Ich hatte auch einen Traum.“

Volker hörte nur mit halbem Ohr zu. Er suchte seinen zweiten Schuh.

„Möchtest du hören, was ich geträumt habe?“, fragte Christa.

Volker legte sich auf den Boden und holte seinen Schuh unter dem Bett hervor.

„Es war ein sehr schöner Traum“, sagte Christa.

Er zog den Schuh an.

„Für mich jedenfalls“, meinte Christa.

Volker schloss den Kragenknopf seines Hemds.

„Ich träumte, du hättest dich von deinem Partner und von deiner Frau getrennt, wärst frei gewesen wie ein Vogel und hättest mit mir einen wunderbaren Höhenflug angetreten“, erzählte Christa. „Wie gefällt dir dieser Traum?“

Er beugte sich zu ihr hinunter, küsste sie flüchtig auf die Stirn und sagte: „Ich muss gehen.“

Ihre Augen wurden nass. „Du liebst mich nicht.“

„Aber ja liebe ich dich. Würde ich sonst ...“

„Du benutzt mich nur. Sobald du deinen Spaß gehabt hast, gehst du wieder und lässt mich allein.“

Er seufzte, schaute wieder auf die Armbanduhr, wollte nicht zu spät kommen.

„Ich bin ein vielbeschäftigter, verheirateter Mann, das wusstest du von Anfang an. Ich habe dir nichts vorgemacht, und du wolltest keine Ansprüche stellen, sondern dich mit dem bescheiden, was ich dir geben kann.“

„Das reicht mir aber nun nicht mehr.“ Christa schluchzte. „Wie hätte ich voraussehen können, dass ich mich so sehr in dich verliebe? Ich dachte, wir hätten bloß eine kurze, kleine Affäre und danach wäre es vorbei. Ich konnte nicht ahnen, dass die Dinge sich so entwickeln.“ Sie sah ihn unglücklich an. „Warum trennst du dich nicht von Roger? Warum lässt du dich von deiner Frau nicht scheiden? Warum fängst du mit mir kein neues Leben an? Ich würde alles tun, um dich so glücklich zu machen, wie du es noch nie im Leben warst.“

„Wir reden ein andermal darüber.“ Volker zog seinen Rock an.

Christa schlug mit den Fäusten auf die Matratze.

„Ich möchte jetzt darüber reden.“

Volker seufzte. „Du weißt sehr gut, dass ich mich von Roger nicht trennen kann.“

„Er ist unfähig. Nahezu alle Schwierigkeiten, die die Firma hat, gehen auf sein Konto.“

„Wenn ich Roger Kirchberg auszahle, bin ich nicht mehr liquid“, erklärte Volker. „Dann kann mich der schwächste Luftzug umhauen - und in der Geschäftswelt wehen zur Zeit sehr raue Stürme, wie du weißt.“

„Und wie stehst du zum Thema Scheidung?“

„Ich habe im Augenblick weder die Nerven noch die Zeit, so etwas durchzuziehen.“

„Du liebst deine Frau nicht mehr.“

„Das habe ich nie behauptet.“

„Aber es liegt doch auf der Hand“, behauptete Christa Hallberg.

„Wieso? Weil ich mit dir schlafe? Das eine muss nicht zwangsläufig das andere ausschließen. Männer sind polygam veranlagt. Ist dir das nicht bekannt?“ Er küsste sie noch einmal auf die Stirn, verließ hastig ihre kleine Dachterrassenwohnung und überlegte sich im Aufzug eine Ausrede für seine Verspätung.

 

 

Details

Seiten
105
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929652
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492574
Schlagworte
hand land liebe

Autor

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Titel: An deiner Hand ins Land der Liebe