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Dr. Florian Winter Band 18 - Die Tochter des Ministers

2019 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Tochter des Ministers

Copyright

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Die Tochter des Ministers

Dr. Florian Winter Band 18

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 158 Taschenbuchseiten.

 

Als Tochter eines Ministers hat Britta es schwer – nicht nur, dass sie ständig von Sicherheitsleuten umgeben war und auf Schritt und Tritt bewacht wurde, auch hat ihr Vater Dr. Kurt Enzinger nie Zeit für sie und schien nicht zu bemerken, wie seine Tochter litt. Obwohl sie schon lange volljährig war, wohnte sie noch zu Hause, weil ihre Eltern nicht wollten, dass man in der Presse über die Minister-Tochter berichtete. Ihre Freundin Eva kann Britta dazu überreden, aus dem goldenen Käfig auszubrechen, und so begeben sie sich auf eine Frankreich-Reise. Mit von der Partie ist Heiner, Evas Freund, und dessen Kollege Dietmar von Oertzen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Renate Angern blickte durch die regennasse Scheibe hinunter zur Auffahrt. Der schwarze Mercedes, den sie beobachtete, fuhr langsam vor, hielt, eine junge Frau und ein junger Mann stiegen aus. Der junge Mann warf einen Blick nach oben, prüfend, und Renate Angern hatte das Gefühl, er könnte sie hier oben am Fenster sehen.

Die junge Frau war inzwischen unter dem Vordach, der junge Mann folgte rasch.

Renate Angern schaute auf die Uhr. „Pünktlich auf die Minute“, murmelte sie. Dann wandte sie sich um, ging durch die Zwischentür in die Ordination Professor Winters und sagte zu dem blonden Chefarzt, der gerade ein Reagenzglas aus dem Regal genommen hatte:

„Herr Professor, die Tochter des Ministers ist da. Sie sind eben angekommen.“

Winter wandte sich um und blickte über den Rand seiner Brille hinweg, die auf der Nasenspitze hing, Renate Angern an. „Wieder mit Begleitung?“, fragte er lächelnd.

Sie nickte. „Diesmal hat sie einen jungen bei sich. Jedenfalls sah er von hier oben jung aus.“

„Haben Sie tatsächlich an der Fensterscheibe geklebt, um das zu sehen?“ Winter schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Dann fügte er, noch immer lächelnd, hinzu: „Schicken Sie sie gleich herein, wenn sie da ist, damit wir diesen Zauber so schnell wie möglich hinter uns haben.“

„Die Kladde liegt schon auf Ihrem Tisch, Herr Chefarzt.“

Winter nickte nur und wandte sich wieder dem mit einer gelben Flüssigkeit gefüllten Reagenzglas zu.

Ein paar Minuten später hörte Professor Winter, wie seine Sprechstundenhilfe sagte: „Gehen Sie nur durch! Der Herr Doktor ist nebenan. Er kommt gleich zu Ihnen herüber. Es ist doch die übliche Routineuntersuchung, nicht wahr?“

„Ja, die ist es“, sagte eine junge Frauenstimme.

„Dann können Sie schon ablegen. Sie sind ja schon ein paarmal hier gewesen und kennen sich aus. Da, hinter dem Schirm drüben.“

Kurz darauf kam Renate Angern zu ihm herein, schloss die Tür hinter sich und sagte mit gedämpfter Stimme: „Sie ist da, Herr Chefarzt. Ich hab ihr gesagt, sie soll sich schon ...“

„Ich hab es gehört“, unterbrach Winter sie. „Der Kriminalbeamte ist draußen, nicht wahr?“

„Ja, er wartet im Wartezimmer.“ Die junge blonde Sprechstundenhilfe lachte. „Der ist Warten gewöhnt. Jetzt hat sie wenigstens einen netten und nicht so einen griesgrämigen wie die letzten Male.“

„Ich komme sofort. Gehen Sie schon mal hinüber“, sagte Winter, und Renate Angern verschwand nach nebenan, wo sich die junge Dame bereits so weit entkleidet hatte, dass man eine Untersuchung vornehmen konnte.

Als Winter eintrat, hatte sie sogar schon im gynäkologischen Stuhl Platz genommen. Renate Angern stand neben ihr, und beide Frauen lächelten Winter an.

„Hallo, Fräulein Enzinger“, sagte Winter. Er wusste, dass sie Wert darauf legte, nicht, wie viele junge Frauen, mit der Anrede „Frau“ belegt zu werden. „Irgendwelche Beschwerden? Etwas, das nicht so ist wie sonst?“

„O nein. Ich bin eigentlich ganz zufrieden.“ Winter, der sich schon für die Untersuchung vorbereitet hatte, blickte ob des merkwürdigen Tonfalls überrascht auf, sah Britta Enzinger an, und in diesem Augenblick hatte er das Gefühl, dass sie alles andere war als zufrieden mit sich und ihrem Leben. Sie sah traurig, ja sogar ein wenig krank aus.

Er sah sie forschend an. Eine Schönheit war sie nicht. Aber sie hatte etwas Apartes in ihrem Gesicht, und sie gewann durch ihr Wesen. Deutliche Züge des Ausdrucks, den Winter von vielen Bildern und aus dem Fernsehen von ihrem Vater kannte, fanden sich in ihrem Gesicht wieder. Aber sonst wusste er eigentlich von ihr nichts bis auf den Bereich, der sein medizinisches Fach war: der gynäkologische Teil ihres Körpers. Alles andere war ihm weitgehend unbekannt. Die Öffentlichkeit wusste noch viel weniger von ihr als er. Sie gehörte nicht zu den Töchtern, die einen Minister zum Vater hatten und dann von sich reden machten. Sie war stets im Dunkeln geblieben. Skandale hatte es nie gegeben. Das Familienleben bei den Enzingers war keinesfalls in aller Munde und fand sich auch nicht in den Schlagzeilen der Klatschpresse wieder.

Und da Professor Winter noch nie unter Neugierde gelitten hatte, kümmerte es ihn wenig, was seine Patientinnen taten, vorausgesetzt, dieses Tun war nicht Bestandteil ihrer Gesundheit und spielte für ihn womöglich eine Rolle.

Als Winter sie untersuchte, war sie für ihn eine von Tausenden Patientinnen, nicht mehr und nicht weniger. Sie war jung und, wie er feststellte, in dem Bereich ihres Körpers gesund. Das einzige, was auffällig schien, war ihre Nervosität. Aber die hatte er jedes Mal festgestellt. Und das erschien ihm von mal zu mal stärker.

Schon die notwendige Berührung mit Instrumenten hatte eine Wirkung auf Britta Enzinger, dass ihr ganzer Körper zu erschaudern schien. Dies hatte Winter auch schon bei anderen jungen Mädchen festgestellt. Aber hier kam es ihm doch recht krass vor.

Er schloss die Untersuchung ab, stand dann auf, wandte sich an Renate Angern und sagte: „Wir sind fertig.“ Dann blickte er Britta Enzinger an und meinte scherzhaft: „An Ihnen kann ich kein Geld verdienen. Sie sind, was den Unterleib angeht, tipptopp gesund.“ Er wandte sich wieder Renate Angern zu. „Nehmen Sie bitte noch die notwendige Menge Blut für die Untersuchungen. Das wollen wir nicht auslassen. Und den Stuhltest geben Sie ihr bitte mit!“ Er sah abermals auf Britta Enzinger. „Das mit dem Stuhltest, das kennen Sie doch, nicht wahr?“

Britta Enzinger nickte. „Ich schicke es Ihnen wieder zu. Sagen Sie auch gleich Bescheid, wenn etwas ist?“

„Ich glaube nicht, dass Sie sich deshalb Sorgen machen sollten. Natürlich sagen wir Ihnen Bescheid. Im Grunde sind Frauen Ihres Alters nicht gefährdet. Dennoch wollten wir hier an der Klinik auch jüngere Frauen in diese Untersuchung einbeziehen. Bis jetzt hatten wir noch keinen Fall, bei dem das gerechtfertigt gewesen wäre ... Zum Glück!“

„Herr Professor“,sagte Britta Enzinger, als er schon in der Tür zum Raum nebenan stand, „kann ich nachher noch einmal mit Ihnen sprechen?“

„Natürlich“, antwortete er über die Schulter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Während ihr Blut abgenommen wurde und sie auch eine Urinprobe abgeben musste, las Professor Winter nebenan an seinem Schreibtisch einen Bericht seines Oberarztes zu einem ganz anderen Fall. Er hätte deshalb nicht sagen können, wie viel Zeit vergangen war, bis Britta Enzinger dann hereinkam und ein wenig zögernd vor seinem Schreibtisch stand.

Ihre schwarze, mit weißen Streifen durchbrochene Bluse und der beigefarbene Rock wirkten in ihrem Schnitt ein wenig hausbacken. Die Schuhe, mit breiten halbhohen Absätzen, hätten einer Frau um die fünfzig gestanden, aber nicht einem jungen Mädchen, wie Britta es war. Die Frisur sie trug ihr brünettes Haar straff zum Knoten gerafft machte sie erheblich älter, fast ein wenig altjüngferlich und ließ ihre Gesichtszüge streng erscheinen. Dabei verrieten die Falten um den Mund, dass Britta im Grunde sehr gern lachte. Im Augenblick wirkte sie allerdings ernst und wieder so kränkelnd, dass Professor Winter den Eindruck hatte, sich anfangs nicht versehen zu haben.

Er schaute von seinem Schriftstück auf, blickte sie nachdenklich an, faltete die Hände über Mittlers Bericht und sagte nach einer ganzen Weile in dieses Schweigen hinein:

„Sie wollten mir noch etwas sagen.“

Sie nickte. „Eigentlich“, erklärte sie und sprach ganz langsam, jede Silbe betonend, als fiele es ihr schwer zu sprechen, „müsste ich einen anderen Arzt konsultieren, ich meine, Sie sind ein Gynäkologe. Was mich bedrückt, wäre vielleicht etwas für einen Psychiater oder ...“ Sie zuckte hilflos die Schultern, schüttelte ein wenig unwillig den Kopf, fuhr dann forscher als eben, ja beinahe trotzig, fort: „Ich muss es trotzdem loswerden. Zu Hause würde mich niemand verstehen, wenn ich sagte, ich muss zu einem anderen Arzt, ich müsste zu einem Psychiater. Sie würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und es als eine Schande betrachten, wenn ich zu einem Psychiater ginge. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass wir so im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Alles, was wir tun, wird beachtet und beobachtet. Ich bin nie allein.“

„Das hört sich so bitter an, wie Sie das sagen.“

„Mir ist auch so zumute“, bekannte sie auf Winters Einwurf hin. Sie sprach nicht weiter, atmete tief ein und schien die Luft anzuhalten. Ihre Nasenflügel waren gebläht. Schließlich atmete sie geräuschvoll aus, was wie ein Seufzen klang, lehnte sich im Stuhl zurück, aber noch immer saß sie, die Beine dicht beieinander, wie ein Schulmädchen auf seiner Bank. Sie hatte die Hände auf ihrem Schoß liegen, eine brav wirkende, sicherlich anerzogene Sitzhaltung. Winter machte sich so seine Gedanken.

„Sprechen Sie frei von der Leber weg“, forderte er sie auf. Er lächelte ermutigend. „Was bedrückt Sie? Auch wenn ich kein Psychiater bin, habe ich mich im Zuhören geübt.“

Sie lachte wie ein Kind. „Das finde ich nett, wie Sie das sagen.“ Dann wurde sie sofort aber wieder ernst, fast traurig. Und sagte dann sehr nachdenklich: „Zu Hause kann niemand zuhören. Mein Vater hat nie Zeit. Die Regierungsgeschäfte, Wahlveranstaltungen, Konferenzen, hektische Raserei ins Ausland, überhaupt wird alles bei uns im Laufschritt erledigt. Wo sie kann, ist meine Mutter dabei. Auch mit ihr habe ich kaum noch ein Gespräch geführt. Seit drei Jahren nicht. Können Sie sich vorstellen, Herr Professor Winter, dass ich mir manchmal wünschte, von ganzem Herzen wünschte, er würde die nächste Wahl verlieren oder sein Kanzler wäre unzufrieden mit ihm und schickte ihn in die Wüste? Aber nein, er ist immer noch im Amt, und nichts ändert sich, nur dass wir jetzt noch mehr Sicherheitsbeamte haben, die auf uns aufpassen. Immerzu Fremde ums Haus herum, immerzu Fremde, wenn man unterwegs ist. Nichts tut man alleine. Ich bin wie eine Gefangene.“

„Übertreiben Sie nicht ein bisschen?“, fragte Winter zweifelnd. „Ich habe ja hier in Bonn einige Patientinnen, die unter ähnlichen Verhältnissen leben müssen wie Sie. Aber so bitter hat es sich noch nie angehört.“

„Ich bin nicht verheiratet, dass ich mir meine kleine Welt in der Intimsphäre erhalten kann, bei der die Sicherheitsbeamten draußen bleiben. Wenn ich mich mit jemandem treffen will, mit einer Freundin zum Beispiel, dann muss ich das sagen. Und damit erfährt es mein Vater, erfährt es meine Mutter, wenn sie da sind und Zeit haben, sich überhaupt darum zu kümmern. Nein, es ist nicht dasselbe wie bei meinen Eltern. Die wollten es ja so. Ich habe sie mir nicht ausgewählt als Eltern, verstehen Sie? Sie sind es ganz einfach, und ich möchte weg. Aber Papa hat Angst, wenn ich weggehe. Angst davor, dass man mich als Geisel nimmt und ihn erpresst, ihn zu irgendwelchen Dingen zwingt, die er nicht tun möchte. Also habe ich mich weiter dieser Sicherheitsbestimmung zu unterwerfen. In anderen Worten: Ich kann nie allein sein außer in meinem Zimmer im Haus, das abgeschirmt wird. Aber außerhalb bin ich bewacht wie eine Gefangene.“

„Sie sind nicht die Einzige, die ein solches Schicksal ertragen muss. Ich könnte mir vorstellen“, meinte Winter, „dass es Schlimmeres gibt. Eine schwere Krankheit zum Beispiel.“

„Ich halte es bereits für eine Krankheit, wenn auch nicht für eine schwere. Aber für ein zehrendes Leiden halte ich es schon“, erklärte Britta mit leidenschaftslos klingender Stimme. Alles an ihr wirkte apathisch. So kannte Winter sie nicht. Das letzte Mal, als sie vor einem halben Jahr da war, wirkte sie erheblich unternehmungslustiger.

Vielleicht, überlegte er, ist da irgendeine versteckte Krankheit. Etwas, von dem sie selbst noch nichts weiß, das aber auf ihr seelisches Befinden eingewirkt hat. Möglicherweise ist aber alles umgekehrt. Sie hat ein seelisches Tief und könnte früher oder später infolgedessen ein organisches Leiden bekommen.

Winter glaubte fest an die Richtigkeit der Psychosomatik, in der eine Verbindung zwischen seelischer Angegriffenheit und organischer Krankheit erkannt wird. Eine Tatsache, die von einigen Schulmedizinern abgelehnt wird. Winter jedoch war auf Grund seiner Erfahrungen überzeugt von der Richtigkeit dieser Annahme. Und er glaubte auch schon eine Reihe von Beweisen dafür zu haben.

Wo liegt aber, fragte er sich, bei Britta Enzinger der Ausgangspunkt? Im Seelischen oder im Organischen? Er hatte nichts feststellen können. Aber die Blutsenkung würde beweisen, ob nicht eine versteckte Krankheit vorlag.

Winters Zeit war bemessen. Aber Britta Enzinger betrachtete die Unterhaltung mit ihm als eine Art lang erwünschter Abwechslung. Endlich jemand, der sich die Zeit nahm zuzuhören.

Vielleicht hätte er die Unterhaltung jetzt mit einer höflichen Bemerkung abgebrochen, da sagte sie plötzlich: „Herr Professor, ich habe es noch niemandem gesagt, aber bei Ihnen hatte ich immer das Gefühl, dass Sie mich wirklich verstehen. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich aussteige.“

Er zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Aussteigen? Woraus?“

„Aus dieser Art Leben“, entgegnete sie. „Wissen Sie, wie es bei uns zu Hause zugeht? Puritanisch, kleinkariert, spießig. Nennen Sie es, wie Sie es wollen. Zu Hause leben wir wie im vorigen Jahrhundert. Wenn ich andere sehe, auf der Uni zum Beispiel, die sind völlig anders als ich. Aber selbst dort ist so was wie eine Wand zwischen ihnen und mir. Eine gläserne Wand. Ich bin im selben Hörsaal und doch allein, Niemand kommt an mich heran. Und wenn, dann identifizieren sie mich mit meinem Vater. Sie lassen mich spüren, dass sie seine Politik ablehnen. Sie lassen mich merken, jedenfalls einige von ihnen, wie sehr sie ihn hassen. Andere wieder biedern sich bei mir an. Und auch hier ist es die Politik meines Vaters, der sie lobhudeln. Ich bin nur die Vertreterin meines Vaters. Ich bin niemand. Und das, Herr Professor, macht mich krank. Ich bin verzweifelt.

Ich hatte einen jungen Mann kennengelernt, der mir gefiel. Ein wirklich netter Typ. Aber auch er sieht in mir die Politik meines Vaters, und das hat uns schließlich getrennt. Immer wieder wollte er mich in politische Diskussionen hineinziehen, die ich abgelehnt habe. Sie werden lachen, mich interessiert die Politik meines Vaters überhaupt nicht. Bis jetzt hab ich noch gar nicht gelebt. Vielleicht als Kind. Aber seit meinem fünfzehnten Lebensjahr, und das sind sieben Jahre, fühl ich mich tot, wie ausgebrannt, oder sagen wir, wie eine Puppe. Ich höre und fühle, rieche und schmecke, und das ist das Einzige, was mich von einer Puppe unterscheidet. Sonst meine ich tot zu sein, abgestorben.“

Winter sah sie fragend an. „Und wie stellen Sie sich das Aussteigen vor?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll. Ein Rezept hab ich noch nicht. Doch eines kann ich Ihnen dazu sagen: Ich muss es tun. Ich kann nicht mehr so weiter leben. Mein Bruder, der ist damit zufrieden. Der möchte Offizier werden, und der ist bei der Bundeswehr glücklich, jedenfalls behauptet er das immer. Am Anfang, da lagen wir mit vielen Dingen auf derselben Wellenlinie. Aber dann begann er Geschmack daran zu finden, Soldat zu sein. Nun gut, ich kann ja nur für mich sprechen. Ich möchte einfach weg. Ich habe schon einmal überlegt, ob man nicht ganz einfach einen anderen Namen und damit auch eine andere Identität annehmen könnte. Ich brauchte nicht Britta Enzinger zu heißen, ich könnte eine Britta Schulze sein oder Ursula Meier, Beate Müller oder was immer Sie wollen. Leider ist alles dagegen. Die Polizei würde nach mir suchen, mich irgendwann finden und dann zu meinen Eltern zurückbringen.“

„Aber Sie sind doch mündig. Niemand kann Sie zwingen, bei Ihren Eltern zu leben.“

„Nein“, bestätigte sie, „dazu kann mich niemand zwingen, aber selbst wenn ich woanders lebe, wird immer ein Sicherheitsbeamter rund um die Uhr bei mir sein. Vor meiner Tür sitzen oder vor meinem Haus. Und je nachdem würden es zwei sein. Ich bin ein Sicherheitsrisiko, und ich bin nie allein. Das macht mich krank. Die Einsamkeit. Ich bin nie allein und doch so einsam. Ich kann alles haben, was ich möchte. Bis auf eines: meine totale Unabhängigkeit, meine Freiheit da hin zu gehen, wohin ich will, ohne von jemand begleitet zu werden. Und wenn es jemandem ist, dann jemand meiner Wahl und nicht irgendein Kriminalbeamter, selbst wenn der sich noch so viel Mühe gibt, zu mir freundlich und nett zu sein.“

„Und Sie hatten nie Gelegenheit, mit Ihrem Vater darüber zu sprechen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hab es ein paarmal versucht. Ansätze gab es genug. Entweder wurden wir gestört. Irgendetwas Dringendes hat diese wenigen Möglichkeiten, mit ihm allein zu sein, unterbrochen. Oder aber, was noch häufiger vorkam, er hat nicht einmal den Versuch gemacht, mich zu begreifen. Er lebt in einer völlig anderen Welt. Und vor allem glaubt er, einen Anspruch darauf zu haben, dass seine Tochter Verständnis aufbringt für seine Rolle und zurücksteckt, Kompromisse schließt, kurzum, für ihn soll ich die Vorzeigepuppe bleiben. Und ich habe die Nase voll. Ich werde aussteigen. Können Sie mir nicht helfen?“

„Wie soll ich das?“ Winter schüttelte den Kopf und hob fast ein wenig hilflos die Hände. „Was kann ich tun? Soll ich mit Ihrem Vater sprechen oder mit Ihrer Mutter? Sie kommt ja immerhin einmal im Jahr zu mir. Dabei wäre es besser, sie käme zweimal, denn bei ihr sind diese Vorsorgeuntersuchungen erheblich wichtiger als bei Ihnen.“

„Da ist ein Unterschied“, erklärte Britta ernst. „Für mich ist das eine Gelegenheit, zu einem vernünftigen Menschen zu kommen. Bei ihr ist es wegen ihres Zeitmangels eine Tortur, und außerdem hasst sie den gynäkologischen Stuhl so sehr wie ich. Für mich ist es ein Opfer, das ich bringe, um hinterher mit Ihnen reden zu können, Herr Professor Winter. Weil Sie mir zuhören, weil Sie sich wirklich Mühe geben, mich zu verstehen. Ich habe jedes Mal ein anderes Problem gehabt. Aber dieses, was ich Ihnen jetzt vorgetragen hatte, ist wohl das einschneidendste, das größte. Ein Problem, mit dem ich einfach nicht zu Rande komme und bei dem Sie mir auch nicht helfen können.“

„Doch“, widersprach Winter. „Ich werde mit Ihrem Vater reden.“

„Sie werden nicht einmal Gelegenheit haben, an ihn heranzukommen. Selbst wenn ich Ihnen die Möglichkeit schaffe. Im passenden Moment läuft er Ihnen davon. Irgendeine angeblich wichtige Sache. Alles ist bei uns wichtiger als die Familie. Dass die im Mittelpunkt steht, das verkündet er nur auf den Wahlversammlungen. Für ihn selbst ist die Familie nur ein Anhängsel. Etwas zum Vorzeigen, aber sehr oft ein Hemmschuh. Meine Mutter hat das immer begriffen. Deswegen ist sie im Grunde seine beste Sekretärin, seine größte Hilfe. Sie ist überall dabei, wo es halbwegs möglich ist. Von mir hat er das wohl auch erwartet. Er liebt mich auf seine Art. Wie Väter Töchter lieben. Aber am meisten liebt er sein Amt, seine Partei, seine Aufgabe. Im Grunde seiner Seele ist er ein ewiger Junggeselle.“

Winter schmunzelte, sagte aber nichts. Und sie fuhr fort:

„Er weiß selbst nicht, dass es so ist. Er hält sich für einen tollen Familienvater. Sehr häufig tut er mir leid. Mama tut mir auch leid. Mein Bruder ist glücklich, ich denke es jedenfalls. Er hat sich irgendwie mit dieser Rolle abgefunden. Aber ich bringe das nicht fertig.“

Ein Anruf unterbrach das Gespräch. Winter wurde zu einer dringenden Sache gerufen und musste sich fast überhastet von Britta Enzinger verabschieden. Er hatte ein flaues Gefühl dabei im Magen. Das Gefühl nämlich, ihr diesmal keinen guten Rat mit auf den Weg geben zu können. Und er überlegte schon, ob er sie bitten sollte, einfach zu warten, bis er wiederkäme. Aber das, was ihn jetzt wegrief, ein Notfall, konnte womöglich eine ganze Weile dauern.

„Es tut mir leid“, sagte er. „Am liebsten würde ich übermorgen mit Ihnen weiterreden. Können Sie nicht um die gleiche Zeit kommen?“

Britta schüttelte mit traurigem Lächeln den Kopf. „Nein, übermorgen, da weiht er eine Brücke ein, und ich soll dabei sein. Es ist oben in Schleswig-Holstein. Der ganze Tag ist dafür futsch. Und danach muss ich mich auf eine Klausurarbeit vorbereiten. Nein, Herr Professor, übermorgen kann ich nicht und den Tag danach auch nicht. Darf ich Sie denn einmal anrufen? Anfang kommender Woche vielleicht?“

Winter war schon im Aufbruch. „Seien Sie mir nicht böse“, sagte er. „Rufen Sie an, wann immer Sie wollen. Wenn Sie mich erwischen, werde ich für Sie Zeit haben. Ich werde Frau Angern davon in Kenntnis setzen.“

Es war wirklich ein hastiger Abschied. Aber Britta hatte dafür Verständnis.

Im Wartezimmer saß Kriminalobermeister Causfeld, ihr Bewacher. Der ihr zugeteilte Sicherheitsbeamte legte die Zeitung weg, in der er bis jetzt gelesen hatte. Er stand auf. Er war ein großer muskulöser Mann. Sie wusste, dass Sport sein Hobby war. Die Aufgabe, die man ihm übertragen hatte, erfüllte ihn mit Stolz.

Von ihm kannte sie eine Menge. Er hieß Erwin mit Vornamen, war achtundzwanzig Jahre alt und spielte wunderbar Tennis, so gut, dass sie noch nie die winzigste Chance gegen ihn gehabt hätte. Tennis war die einzige gemeinsame Sache, die sie mit ihm verband. Ansonsten wäre sie ihn ganz gern losgeworden, nicht weil sie persönlich etwas gegen ihn hatte, sondern weil sie sich durch seine „Beschattung“ belästigt fühlte.

Im Übrigen fand sie ihn sehr sympathisch. Aber sie wusste auch, dass er eine Freundin hatte. Einmal war sie gekommen, um ihn abzuholen. Dann hatte ein anderer den Bewachungsdienst übernommen. Immerhin war sie froh, dass nicht mehr der ältere Beamte um sie herum war. Der hätte ihr Vater sein können. Und sie mochte ihn nicht. Von seinen Blicken fühlte sie sich ausgezogen. Aber bei Papa sich darüber zu beschweren, wagte sie auch nicht. Er nahm dann oft die Partei des Angegriffenen ein. Es hätte wieder lange Diskussionen und am Ende einen Streit gegeben. Das war ihr die Sache nicht wert.

Causfeld sagte gar nichts. Ob eine Sache lange dauerte oder nicht, Gespräche mit ihr waren ihm zwar nicht verboten, aber er fing von sich aus keine Unterhaltung an. Er wirkte überhaupt ziemlich einsilbig. Und das nicht nur heute. Aber manchmal hatte sie das Gefühl, er wartete direkt darauf, dass irgendjemand versuchte, sich ihr zu nähern, sodass er dann die Gelegenheit gehabt hätte, seine Kenntnisse als Sicherheitsbegleiter zu zeigen, vor allen Dingen sein Können als Karatekämpfer. Sie wusste, wie stolz er darauf war. Einmal hatte er ihr an einem Nachmittag eine ganze Reihe von Griffen beigebracht. Damals hatte das ihre Mutter gesehen und ihm daraufhin empört verboten, ihr noch mehr solche, wie sie es nannte, für eine Frau „unziemlichen Verrenkungen“ beizubringen. Ein Anraunzer seines Vorgesetzten war dann noch hinzugekommen. Und seitdem gab es keine privaten Unterhaltungen mehr. Erwin Causfeld tat seinen Dienst. Mehr nicht.

Auch der Fahrer in der Limousine wartete. Und als Britta und Causfeld eingestiegen waren, fuhr Habermas, der dunkelhaarige, fünfunddreißigjährige Fahrer, los, als käme es nun auf jede Sekunde an.

Sie waren noch nicht weit gefahren, da sagte Britta: „Ich möchte aber noch nicht nach Hause. Fahren Sie mich bitte zu meiner Freundin! Sie wissen ja Bescheid.“

„Zu Eva Reinhold?“, erkundigte sich Habermas und wandte sich über die Schulter nach hinten um.

„Ja“, bestätigte Britta. „Zu ihr. Und rasen Sie bitte nicht so! Es gibt doch keinen Grund.“

„Ihre Sicherheit ist der Grund, Verehrteste. Wie oft hab ich Ihnen das schon erklärt“, sagte Habermas.

„Meine Sicherheit ist gefährdet, wenn Sie so rasen. Wir fahren in der Ortschaft.“

Habermas lachte. „Machen Sie sich keine Gedanken. Das sind Probleme, auf die wir geeicht sind.“ Er lachte wieder, und Britta hatte das Gefühl, dass er noch ein bisschen schneller fuhr.

Sie wusste, dass ihr Vater diesen Geschwindigkeitsrausch liebte. Ihm konnte es nicht schnell genug gehen. Im Gegenteil. Er trieb Habermas oft noch an, von einer Wahlveranstaltung zur anderen zu hetzen; selbst dann, wenn es nicht so eilig war, über die Autobahn zu rasen.

Wenige Minuten später war Britta bei ihrer Freundin Eva Reinhold. Und dieser Besuch sollte zum Wendepunkt in ihrem Leben werden ...

 

 

2

Eva Reinhold wohnte in einem älteren Haus im zweiten Stock. Als Britta ausstieg, sagte sie nur zu Habermas: „Sie können nach Hause fahren. Ich komme dann mit einem Taxi.“ Habermas wandte sich Causfeld zu, und der machte ein Gesicht, als hätte er Essig geschluckt. Dann fragte Causfeld:

„Sie bleiben doch hoffentlich nicht so lange wie letztes Mal?“

Fast ein wenig arrogant antwortete sie: „Wenn Sie keine Lust haben, brauchen Sie nicht zu warten.“

„Ich muss warten. Und Sie wissen das genau. Oder wollen Sie etwa über Nacht bleiben? Dann muss ich noch jemanden anfordern.“

„Ich weiß nicht“, entgegnete Britta und stieg aus. Sofort war Causfeld neben ihr. Dann verschwand sie im Hauseingang. Causfeld war dicht hinter ihr.

Sie hätte sonst etwas dafür gegeben, ihn jetzt loszuwerden. Aber sie wusste, er würde auf der Treppe warten. Und wenn es sein musste, stundenlang. Habermas hingegen fuhr davon. Der Wagen wurde womöglich noch gebraucht. Sie machte sich jetzt keine Gedanken mehr darüber. Sie freute sich auf Eva. Und als sie ihr öffnete, rief sie begeistert: „Eine deiner besten Ideen, mich zu besuchen.“

Eva hatte etwa die gleiche Figur wie Britta. Sie war allerdings zwei Jahre älter. Aber sonst sahen sie sich vom Äußeren her fast ein wenig ähnlich, wie Schwestern. Nur trug Eva ihr Haar hellblond. Eigentlich war sie so brünett wie Britta. Aber sie hatte einen Freund, und er mochte sie hellblond. Britta gefiel es auch. Eva kleidete sich immer modern. Und darum wurde sie von Britta beneidet.

Aber Eva verdiente auch Geld. Sie war Dolmetscherin. Daher kannten sich die beiden Mädchen überhaupt, denn eine Zeit lang hatte Eva im Bundessprachenamt gearbeitet und war oft zu Brittas Vater gekommen. Beinahe wäre sie sogar in den Stab seiner Sekretärinnen aufgenommen worden. Aber das hatte Eva dann selbst abgelehnt und damit Brittas Respekt herausgefordert.

Causfeld, der draußen blieb, grinste Eva säuerlich an, murmelte einen Gruß, und seine Gedanken waren ihm im Gesicht abzulesen. Sehr freundlich schien er von Eva nicht zu denken.

Eva schloss die Tür hinter Britta, und dann waren die beiden Freundinnen allein in der Wohnung.

„Fürchterlich, dieser Kerl. Den immer bei sich zu haben ...“ Eva schüttelte unwillig den Kopf. „Na, ich weiß nicht. Dass du das aushältst? Mir ginge das auf den Geist.“

„Es geht mir auch auf den Geist, aber was soll ich machen?“

„Am besten, du haust ab!“

Britta lachte. „Den Ratschlag hab ich mir schon selbst gegeben. Ich war eben bei Professor Winter.“

„Ist was mit dir?“, erkundigte sich Eva sofort besorgt und sah Britta prüfend an.

„Nein, es ist nichts. Rein gar nichts. Mir geht es blendend. Er meinte“, fügte sie lächelnd hinzu, „an mir könne er kein Geld verdienen.“

„Jedenfalls eine prima Idee von dir, mal herzukommen. Ich werde uns einen Kaffee kochen. Oder möchtest du lieber Tee?“

„Nein, nein. Schon lieber Kaffee“, sagte Britta, und beide gingen in die Küche.

„Du wolltest doch vermieten? Hast du das getan?“, erkundigte sich Britta, als sie in die modern eingerichtete, nicht sehr große Küche kam.

„Nein, ich hab es nicht getan. Weißt du, wenn ich abends nach Hause komme, möchte ich allein sein. Und dann möchte ich mit Heiner allein sein. So groß ist die Wohnung nun auch wieder nicht. Übrigens wird Heiner hier einziehen. Er macht nur noch diesen einen Kursus.“

„Bekommt er dann die Zweigstelle?“, erkundigte sich Britta.

Eva nickte. „Ich hoffe es sehr. Er nimmt es auch an, und sie haben es ihm versprochen. Natürlich muss er mit 'sehr gut' oder 'gut' bestehen. Aber bis jetzt ist er als Bester über die Runden gekommen. Na ja, ich nehme an, die letzten vier Wochen schafft er noch. Und dann zieht er hier ein, was soll ich da noch einen Mieter aufnehmen? Das Geld hätte ich schon gebrauchen können, weißt du?“

Britta hatte Geld genug. Das war das Einzige, worüber sie einfach verfügen konnte. Papa hatte ihr ein stolzes Konto eingerichtet. Davon brauchte sie nur sehr wenig. Aber jetzt, wo sie das von Eva hörte, ihrer einzigen Freundin, fragte sie sofort:

„Brauchst du Geld? Ich gebe dir welches. Wie viel möchtest du haben?“

Eva lachte. „Du bist gediegen, willst mir Geld schenken. Bist du verrückt? Behalt es! Wer weiß, wozu du es noch brauchst.“

Britta hatte sich gesetzt, während Eva an der Spüle Wasser in den Kessel laufen ließ und ihn dann auf den Gasherd setzte. Als sie die Flamme entzündete, sagte sie zu Britta: „Weißt du, manchmal beneide ich dich. Aber wenn ich deinen Gorilla sehe, der immer hinter dir hertrabt, dann tust du mir richtig leid. Ich würde echt bescheuert, wenn immer einer um mich herum wäre und das nicht zufällig mein Heiner ist.“

„Ich kriege auch langsam einen Tick“, stellte Britta fest. Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und streckte die Beine weit aus. „Es ist herrlich schön bei dir. Weißt du, was ich manchmal möchte? So viel Geld nehmen, wie ich kriegen kann und einfach abhauen. Mir ist heute so. Ich habe sogar zu Professor Winter gesagt, ich würde am liebsten aussteigen. Da hat er mich noch gefragt, wie ich denn das machen wollte.“

„Und was hast du gesagt?“ Eva setzte sich jetzt an die andere Seite des Tisches und sah Britta gespannt an.

„Ich hab ihm gesagt, dass ich noch kein Rezept habe. Aber dass mir verdammt danach zumute ist. Menschenskind, wie ich dieses Leben zu Hause hasse.“

„Also, ich verstehe deinen Vater nicht“, meinte Eva. „Er muss doch wenigstens einmal Zeit haben für dich.“

„Er hat nie Zeit. Er würde es gar nicht mitbekommen, wenn ich durch eine Klausur segele, glaubst du? Nein, ich möchte raus, raus aus allem. Wenn ich nur wüsste, wie.“

Eva lachte. „Das ist doch ganz einfach. Du gehst. Geh doch einfach weg!“

„Die rennen doch hinter mir her. Die passen auf mich auf, ob ich will oder nicht. Die sind immer um mich herum. Das müssen sie. Ich muss mich am Ende noch bei ihnen bedanken.“

„Na ja, dann musst du eben gehen, ohne dass sie es merken.“

„Ohne dass sie es merken? Hast du eine Ahnung. Da kennst du Causfeld nicht. Der will sich einen Orden verdienen. Ich glaube, der liegt abends vor seinem Bett und betet zu seinem lieben Gott, dass der einen bösen Buben schickt, der mich entführen will, nur damit er mich retten kann.“

„Du hast mir gar nicht gesagt, dass er hinter dir her ist.“

„Ist er nicht. Er passt nur auf mich auf. Er will Ruhm und Ehre sammeln. Er hat ja eine Freundin. Hab ich dir doch erzählt. Hast du das vergessen?“

„Ach ja, stimmt. Und er ist so pflichteifrig?“

„Er will befördert werden. Ganz klar. Er hat ja vor zu heiraten. Da braucht er Geld, und ich bin das Opfer. Der würde mich am liebsten selbst entführen, wenn das nicht zu riskant wäre.“

„Na, jetzt spinnst du aber“, meinte Eva.

„Na ja, dann spinn ich eben. Aber den schüttele ich nicht ab.“

Eva sagte eine Weile nichts, und Britta dachte schon, sie hätte kein Interesse an der Unterhaltung, da sagte Eva plötzlich:

„Sag mal, nimm dir doch mal meine Perücke, drüben im Schlafzimmer.“

„Was soll ich mit deiner Perücke?“

„Ich möchte nur mal sehen, ob dir blond steht.“

Britta war es gewohnt, dass Eva manchmal solche spontanen und ihr verrückt erscheinenden Einfälle hatte. Aber mit Eva war es niemals langweilig gewesen. Wer weiß, was sie sich wieder ausgedacht hatte?

Also ging Britta nach nebenan ins Schlafzimmer und sah auf der Frisierkommode die Perücke auf dem Frisierkopf stehen. Sie ging hin, nahm die Perücke herunter und versuchte sie aufzusetzen. Aber inzwischen war Eva hereingekommen und rief:

„Nein, so nicht. Du musst den Knoten lösen und das Haar nach oben tun. Sonst sieht man doch hinten diesen Berg.“

Sie half Britta noch den Knoten zu lösen und setzte ihr die Perücke fachkundig auf.

„Mein Gott, da seh ich ja behämmert aus“, meinte Britta, die sich im Spiegel bewunderte. „Wie eine Löwenmähne ist das.“

„Ach was, das muss ich noch etwas kämmen. Pass mal auf, wie gut das aussieht.“

Eva kämmte das Haar durch, bürstete es, und dann beugte sie sich nach vorn, sodass sie ihren Kopf neben dem von Britta hatte.

In diesem Augenblick stellte Britta etwas fest, dass ihr noch nie aufgefallen war. Aber jetzt, da sie selbst diese blonde Perücke trug, sah sie es zum ersten Mal.

„Hör mal, wir sehen uns richtig ähnlich.“

Eva lachte. „Merkst du das jetzt erst? Du hast dich von dem Haar ablenken lassen. Wenn ich mein Haar naturfarben ließe, wie deins ist, dann hättest du es längst gemerkt. Wir sehen uns ähnlich. Schon mit dieser Perücke und mit einem meiner Kleider und mit ein Paar anständigen Pumps könntest du zur Tür rausgehen, ohne dass dein Causfeld, oder wie er heißt, etwas mitbekommt. Der hält dich glatt für mich.“

„Denkst du wirklich? Na, hör mal, so ähnlich sehen wir uns wiederum nicht. Du bist hübscher als ich.“

„Du hast einen Knall. Du musst dich ein bisschen zurechtmachen. Etwas für die Augen tun. Was denkst du, wie das verändert. Lidschatten und so. Du machst doch rein gar nichts.“

„An meinen Körper lass ich nur Seife und Wasser heran“, entgegnete Britta, die es scherzhaft meinte.

„Das glaube ich dir unbesehen. Du solltest mehr als Seife und Wasser an dich heranlassen. Vor allen Dingen mal einen richtigen Mann.“

Britta wurde sofort rot. „Nu hör aber auf! So hab ich es nicht gemeint.“

„Aber ich meine es so“, entgegnete Eva. „Du brauchst einen Freund, einen wie ich habe. So einen wie Heiner. Einen richtigen Freund. An dem man sich festhalten kann. Der da ist, wenn man ihn braucht. Der irgendwie in jeder Beziehung hinhaut, weißt du? Das wünsch ich dir.“

„Aber nicht, solange ich die Tochter meines Vaters bin“, sagte Britta.

„Dann werden wir dich mal mit Gewalt von deinem Vater abnabeln.“

„Wie meinst du das?“, wollte Britta wissen.

Eva machte ein schelmisches Gesicht. „Die Perücke hast du schon auf. Du hast Größe 38, nicht wahr? Dann passen dir meine Kleider. Wollen wir doch gleich mal sehen. Ein Paar Schuhe von mir und die richtigen Strümpfe, und ab geht die Post. Dann kannst du mal deinen Causfeld sehen.“

„Du meinst, ich soll einfach durchbrennen?“

„Warum denn nicht? Du musst nur ordentlich Geld mitnehmen.“

„Und wo soll ich hinfahren?“

Eva überlegte kurz. Dann schien ihr eine Idee zu kommen. Sie tippte sich vor die Stirn. „Ich hab’s! Du fährst zu meinem Onkel.“

„Ich denke, du hast überhaupt keine Angehörigen mehr?“

„Ich habe noch einen Onkel. Er lebt in einem kleinen Dorf in Frankreich. Ich habe ihn wenigstens acht Jahre nicht mehr gesehen. Vielleicht sind’s auch sogar zehn Jahre. Ja, zehn sind es. Ich war damals noch ein Teenager. Er ist ein Bruder meiner Mutter. Du weißt ja, dass sie Französin gewesen ist. Du könntest zu ihm fahren. Ich gebe dir ein paar Zeilen mit, und wenn Heiner seine Prüfung gemacht hat, dann komm ich nach. Heiner wollte sowieso mit mir nach Spanien, sobald er die Prüfung hat. Na ja, dann fahren wir dort vorbei. Wir besuchen euch, und der Onkel wird sich freuen.“

„Aber wenn ich die Papiere vorzeigen muss, wird man mich festnehmen. Mein Vater lässt doch nach mir suchen. O nein, Eva, du meinst es gut, aber so einfach ist das nicht.“

„Ich habe einen Pass und einen Personalausweis. Meinen Personalausweis kannst du von mir aus bekommen. Dann sagst du eben, du heißt Eva Reinhold. Und wer es nicht glaubt, dem zeigst du meinen Ausweis. Damit ist alles ganz einfach, nicht wahr?“ Britta lachte ungläubig. „Das meinst du doch nicht ernst?“

Eva nickte emsig. „Natürlich meine ich es ernst.“ Sie machte eine verschwörerische Miene. „Hör mal, willst du nun hier raus oder nicht?“

„Aber es wird nicht gutgehen, glaube mir. Das ist doch einfach verrückt.“

„Was soll dir denn passieren? Du willst deine Freiheit. Du hast doch nichts verbrochen. Du willst lediglich weg. Dafür kann dir niemand etwas anlasten.“

„Aber denk doch mal an den Skandal. Wenn mein Vater ...“

Eva machte ein vorwurfsvolles Gesicht, und sie unterbrach Britta mit den Worten:

„So ist es. In Wirklichkeit bist du doch das Opfer. Was kann dich im Grunde seine politische Karriere angehen? Muss eigentlich eine ganze Familie deshalb durcheinandergewirbelt werden? Sollen deine Chancen im Leben geschmälert werden, nur weil dein Vater eine politische Karriere macht? Das ist nicht einzusehen.“

„Vielleicht ist es doch besser, ich gehe ganz offiziell woanders hin. Sollen sie mir doch jemanden mitschicken. Das ist nicht dasselbe, als wenn ich von hier weggehe.“

Eva war ein wenig eingeschnappt, schüttelte den Kopf und sagte nichts mehr. Inzwischen begann das Wasser im Kessel zu dampfen. Eva stand auf und legte die Hand auf den Griff, als wartete sie, dass der Inhalt des Kessels zum Kochen käme.

„Du musst doch zugeben, dass es einen unheimlichen Aufruhr geben wird, wenn ich verschwunden bin“, sagte Britta.

„Was willst du nun?“ Eva streckte den linken Arm nach vorn und spreizte die Finger. „Entweder geht eben alles so weiter bei dir oder du brichst aus. Ein Ausbruch ist natürlich eine Art Revolution. Es wird stauben. Das ist doch klar. Und du kannst dir denken, dass sie erst einmal aufgeregt sind. Aber es ist ein heilsamer Schock, selbst wenn du nach einer Weile wiederkommst. Er muss begreifen ...“ Britta schüttelte entschieden den Kopf. „Er begreift gar nichts. Überhaupt nichts begreift er.“

„Willst du damit sagen“, Eva machte schmale Augen und sah Britta nachdenklich an, „willst du wirklich behaupten, dass dein Vater auch dann nicht darüber nachdenkt? Dann hätte es ja auch keinen Zweck, mit ihm zu reden. Was zerbrichst du dir da den Kopf?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Aber so wie ich jetzt lebe, möchte ich nicht weiterleben. Ich kann es nicht.“

„In Ordnung. Dann mach doch mal einen Versuch. Setz die Perücke auf, du brauchst das Unternehmen ja nicht heute zu starten. Teste es ganz einfach. Versuch sie etwas nervös zu machen. Zieh ein Kleid von mir an, und dann marschiere hinaus! Du wirst sehen, wie er reagiert: So eine Art Probe. Dann fährst du mit ihm mit.“

„Der Wagen ist gar nicht mehr da. Wir werden ein Taxi rufen müssen.“

„Das kann ich von hier aus vom Telefon“, sagte Eva. Sie schien eine spitzbübische Freude daran zu haben, dieses Versteckspiel einmal auszuprobieren. Auch Britta hatte die Versuchung erfasst. Sie zog sich ein Kleid von Eva an, und es passte tadellos. Eva trat ein paar Schritte zurück und schaute Britta abschätzend an. „Wirklich“, lobte sie, „du siehst prächtig aus. Es steht dir hervorragend. Mein Gott, warum trägst du nicht sonst solche Kleider? Du hast immer so ’n Zeug, wo man denkt, es ist zwanzig Jahre alt.“

„Es ist aber beste Qualität“, beteuerte Britta.

Eva lachte. „Mein Gott, so ein Fähnchen ist doch viel schöner. Auch wenn es nur einen Bruchteil dessen gekostet hat, was du da trägst. Denn du hast diese Klamotten ja immer an. Ich kenn dich gar nicht anders als mit diesen Röcken, der Bluse und deiner merkwürdigen Samtjacke. Manchmal denke ich, du kaufst, wenn sie ein wenig abgeschabt sind, absolut die gleichen Sachen noch einmal.“

„Tu ich auch. Wenn ich doch damit zufrieden war?“

„O Himmel!“ Eva schlug sich vor die Stirn. „Das darf doch nicht wahr sein! Du bist doch eine Frau. Du bist doch nicht irgendein Trampeltier. Sei doch froh, dass es so eine Vielfalt von modischen Artikeln gibt. Nun nutze sie doch aus. Es macht dich auch begehrenswert. Warte! Mit deinem Make-up müssen wir auch noch eine Menge tun. Im Augenblick hast du ja gar keins. Aber die Perücke und das Kleid, du siehst wunderbar aus. Und dann noch die richtigen Schuhe. Welche Größe hast du?“

Britta schaute auf ihre Fußspitzen. „39. Manchmal fällt es auch größer aus.“

„Das trifft sich gut. Ich habe 39 1/2. Früher, da schlug meine Mutter immer die Hände über dem Kopf zusammen, weil ich so große Füße habe. Für ein Mädchen, meinte sie, sei das ein viel zu großer Fuß. Heute haben viele Frauen so große Füße.“

Aber die Schuhe von Eva waren Britta ein ganz klein wenig zu knapp.

„Hör mal“, sagte Eva, „für das bisschen Weg von hier oben zum Taxi, da wirst du das schon aushalten. Und dann zu Hause aus dem Wagen ins Haus hinein. Beschaff dir eben größere! Überhaupt solltest du mit mir zusammen einkaufen gehn. Was hältst du davon? Wir zwei gehen zum Shopping.“ Britta war plötzlich von dieser Begeisterung erfasst. Und Eva, die das Eisen schmieden wollte, solange es heiß war, setzte sofort nach mit der Frage: „Und übermorgen, da gehen wir mal ganz groß aus. Heiner kann einen Freund mitbringen, und dann ziehen wir durch die Lokale. Das wird deinen Gorilla ganz schön nervös machen.“

„Ach, er tut mir leid. Wenn ich abends etwas unternehme, dann kann er nicht zu seiner Freundin gehen.“

„Ist das dein Bier?“, fragte Eva kopfschüttelnd und schaute Britta verwundert an. „Ein bisschen Rücksicht ist ja ganz gut. Aber so viel ... Dein Leben ist doch schließlich auch noch etwas wert. Wie wäre es mit übermorgen? Samstagabend? Damit muss er ja rechnen. Und im Übrigen können sie ihn ja durch einen anderen ablösen lassen. Wir werden uns ganz einfach nicht darum kümmern.“ „Wenn es in öffentliche Lokale geht, schicken sie mir am Ende sogar zwei Mann mit“, meinte Britta.

„Von uns aus ein ganzes Dutzend. Wir ignorieren das. Vielleicht hat er auch einmal Lust zu tanzen. Wir gehen in eine Disco. Da ist ordentliches Durcheinander. Das wird ihn aus seiner Ruhe bringen.“

„Du bist gemein“, sagte Britta lachend. „Er hat dir doch nichts getan.“

„Doch. Er hat mir etwas getan“, behauptete Eva. „Wenn sie dir das Leben zur Hölle machen, tut mir das auch weh.“

„Aber das geschieht doch nicht auf seine Initiative hin. Sie wollen doch mein Leben schützen. Irgendwie muss ich das doch auch verstehen, selbst wenn es unbequem ist. Und deshalb allein geh ich doch nicht weg. Alles andere ist es noch viel mehr als die Bewachung. In erster Linie stört mich dieses Zuhause, was in Wirklichkeit gar kein Zuhause ist. Ich komme mir manchmal vor wie auf dem Präsentierteller. Und dann die Anfeindungen in der Uni. Und die mich nicht anfeinden, die buhlen um meine Freundschaft. Das mit den Parteien, das zieht sich durch mein ganzes Leben. Die einen wollen mich vergöttern, und die anderen am liebsten erschlagen. Und wenn Wahlkampf herrscht, ist das alles noch viel schlimmer. Es widert mich an. Es ist ganz einfach ekelhaft. Das meine ich.“

„Dein Vater scheint sich in diesen Stimmungen zu baden. Jedenfalls habe ich immer das Gefühl, wenn ich ihn im Fernsehen sehe, ganz besonders dann, wenn er die Hände in der Menge schütteln kann.“

„Da müsstest du mal wissen, wie da seine Sicherheitsbeamten zittern. Aber du hast recht, Papa liebt das wirklich. Man sagt, die Töchter gehen nach dem Vater, so bin ich in dieser Beziehung überhaupt nicht nach ihm geraten. Im Gegenteil. Ich möchte mich am liebsten in einem Mauseloch verkriechen.“

„Rede jetzt nicht!“, sagte Eva entschlossen. „Am besten probieren wir’s jetzt aus. Setz dich drüben auf den Schemel! Das mit dem Make-up, das mach ich dir. Und pass gut auf! Du musst es auch zu Hause selbst üben. Für den Anfang gebe ich dir etwas mit. Später besorgst du dir alles, was dazu nötig ist. So, nun setz dich hin! Ich binde dir das Tuch um, und dann fangen wir an.“

Im ersten Augenblick war Britta entsetzt, als Eva anfing, in ihrem Gesicht herumzupinseln. Und sie erschrak auch, als sie sich danach sehen konnte. Doch dieses Erschrecken wich der Begeisterung. Was sie da sah, war eine völlig andere. Und nun, als Eva wiederum ihren Kopf neben den ihren hielt und sie beide in den Spiegel blickten, da war die Ähnlichkeit verblüffend.

„Siehst du“, sagte Eva, „man kann mit Schminken und Haarfarben und dem Äußeren sehr viel Ähnlichkeit herbeizaubern. Du siehst jedenfalls wie sonst wer aus, nur nicht mehr wie die Britta, als die du hereingekommen bist.“ Eva lachte. „Deinen Causfeld möchte ich sehen. Ich würde etwas dafür geben, in sein Gesicht zu blicken, wenn du aus der Tür kommst.“ Schließlich bekam Britta noch eine Handtasche von Eva geliehen, tat ihre wichtigsten Dinge, die sie in ihrer Jacke gehabt hatte, hinein und sagte schelmisch: „Und was ist, wenn er mich gar nicht in seinem Wagen mitnimmt?“

„Ich rufe jetzt ein Taxi an“, erklärte Eva. „Und wenn es kommt, gehst du hinunter und steigst ein. Wenn er nicht mitfährt und dich nicht erkennt, dann weißt du, wie gut diese Maske ist. Dann könntest du ihn ständig an der Nase herumführen. Mal mit dieser Perücke, mal mit jener. Ich habe auch noch dunkle da. Sogar eine pechschwarze. Das war mal ein Tick von mir. Da hab ich mir auch die Augenbrauen schwarz gemacht, und natürlich ein ganz anderes Make-up verwendet. Ich bildete mir ein, Schwarzhaarige hätten ganz einfach mehr Schlag bei den Männern. Aber Heiner mag das gar nicht. Er liebt blond. Na ja, nun hab ich mein Haar so gefärbt. Vielleicht lässt du dein Haar auch anders färben.“

„Nein.“ Britta bekam es nun doch mit der Angst. „So weit möchte ich nicht gehen.“

„Wieso denn nicht? Fast jede Frau lässt sich ihr Haar tönen, wie sie es haben will. Was denkst du denn, wie viel Grauhaarige es gäbe, wenn die Haare nicht getönt werden könnten. Also komm! Das ist auch alles nicht wichtig. Jetzt probieren wir es aus.“

Sie machten beide eine verschwörerische Miene. Dann rief Eva ein Taxi. Und danach hieß es warten.

Die Zeit schien einfach nicht zu vergehen. Die beiden jungen Frauen standen am Fenster, blickten hinunter und sahen endlich das Taxi vorfahren.

Kurz darauf schellte es.

Eva machte die Gebärde des Daumendrückens, hielt den Finger an den Mund, dass Britta nicht sprechen sollte, und dann gab sie ihr das Zeichen, die Wohnung zu verlassen.

Britta öffnete die Tür, schloss sie wie verabredet sofort wieder hinter sich und ging dann aufgeregt wie ein Teenager beim ersten Rendezvous die Treppe hinunter.

Causfeld lehnte auf der halben Treppe am Treppenfenster, blickte ihr aufmerksam entgegen, sagte aber kein Wort. Nur als Britta schon an ihm vorbei war und die nächsten Stufen hinuntergehen wollte, hörte sie ihn hinter sich sagen: „Was ist denn mit Fräulein Enzinger? Ist die noch drinnen?“

Gewonnen, dachte Britta. Ich hab ihn reingelegt. Er hat mich nicht erkannt.

„Ja“, sagte sie nur und ging weiter.

„Hallo, Moment mal“, rief er ihr nach. „Da oben ist doch alles in Ordnung oder?“

„Was soll denn nicht in Ordnung sein?“, fragte sie mit leicht verstellter Stimme. Und als sie dann an der ersten Etage zur nächsten Treppe ging, schielte sie kurz zu ihm empor. Er schaute aus schmalen Augen auf sie herab. Offensichtlich hatten ihn irgendwelche Zweifel gepackt.

Sie ging einfach weiter und dachte schon alles hinter sich zu haben, da stürmte er ihr nach, packte sie plötzlich am Arm und sagte barsch: „Hören Sie mal, ich möchte sehen, was mit Fräulein ...“

In diesem Augenblick erkannte er sie. Bass vor Erstaunen trat er einen Schritt zurück und ließ sie sofort los.

Britta konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. „Ist was?“, fragte sie kess und ging weiter.

„Verdammt!“, hörte sie ihn sagen. „Darauf soll einer kommen! Warum wollten Sie mich reinlegen? Wenn Sie jetzt allein gefahren wären, hätte mich das meinen Job gekostet. Ist Ihnen das klar? Ich werde eine Meldung machen.“

Britta hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge. Aber sie sagte kein Wort. Unten stieg sie ins Taxi, und er setzte sich vorne neben den Fahrer, der ein wenig unentschlossen zwischen beiden hin und herblickte.

Britta nannte die Adresse der Dienstvilla ihres Vaters. Überrascht zog der Fahrer die Augenbrauen hoch, dann fuhr er los. Unterwegs sprach niemand ein Wort. Als das Taxi in den Sperrbezirk einfuhr, wurde es nicht durchgewinkt wie sonst, obgleich Causfeld dem Posten, der ihn ja kannte, Zeichen gegeben hatte.

Der Posten trat an den Wagen heran. „Wer ist die Dame?“, fragte er nur.

„Die Dame ist Fräulein Enzinger“, erwiderte Causfeld mit gepresst klingender Stimme.

Der Posten schluckte, schüttelte ungläubig den Kopf, und Britta sagte: „Ja, ich bin es.“

Sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Dann wandte sie sich ab, und schließlich winkte der Posten sie durch. Aber Causfeld sah, wie er, kaum dass der Wagen fuhr, sein Sprechfunkgerät an den Mund hielt und etwas sagte. Wahrscheinlich informierte er den zweiten Posten im Haus.

Als der Wagen den Parkweg hinter sich hatte und vor dem Haus hielt, begann die Aufregung der Sicherheitsbeamten zu wachsen. Jetzt waren schon zwei da, und sie hatten beide die Hände in den Taschen. Ein dritter in Uniform tauchte auf mit einer Maschinenpistole, und da machte einer der beiden in Zivil die Tür auf.

Wenig später wurde die Haustür geöffnet. Maria Enzinger, Brittas Mutter, stand dort und schaute aus großen Augen auf die ihr fremd vorkommende junge Frau.

„Kennst du mich etwa auch nicht, Mama?“, fragte Britta triumphierend.

„Aber Kind!“, stieß Maria Enzinger hervor und schien völlig fassungslos zu sein. Aber Beherrschung und Haltung ist alles. Sofort lächelte sie wieder, wenn auch sehr verkrampft und fragte leise: „Bist du das wirklich? Britta, mein Kind, wie siehst du denn aus?“

Britta ging jetzt auf ihre Mutter zu, stand direkt vor ihr und sagte leise: „Wie soll ich aussehen? Endlich wie ein Mensch.“

„Du lieber Gott, wenn Papa das sieht. Nun komm schnell ins Haus, bevor noch mehr Aufregung ist.“

„Gnädige Frau“, sagte einer der beiden Sicherheitsbeamten in Zivil, „ist alles in Ordnung?“

„O ja, was soll denn nicht in Ordnung sein?“, entgegnete die Frau des Ministers, nahm ihre Tochter am Arm und zerrte sie förmlich ins Haus hinein.

Drinnen keuchte Maria Enzinger: „Was du da tust, wie du herumläufst, du siehst ja aus wie eine ... wie eine ... ja wie eine von der Straße.“

„Mama, das stimmt einfach nicht. Ich bin es nur leid, herumzulaufen wie ein Aschenputtel. Verstehst du das nicht?“

„Nicht so laut! Das Personal hört doch zu. Komm mit in den kleinen Salon!“

Der kleine Salon und der große Salon, dachte Britta. Das Herrenzimmer, das Konferenzzimmer. Nur ein richtiges Wohnzimmer haben wir nicht. Etwas, wo man gemütlich wohnen kann. So wie bei Eva. Bei uns gibt es nur Salons. Selbst in den Familien der anderen Minister geht es nicht so steif, nicht annähernd so förmlich zu wie bei uns. In diesen Salons sitzen sie herum, als hätten sie einen Ladestock verschluckt. Ich möchte endlich einmal aus mir herausgehen können. Endlich einmal ich selbst sein dürfen.

Diese Gedanken beseelten sie, als sie mit ihrer Mutter in den sogenannten kleinen Salon trat, in dem wertvolle Biedermeiermöbel standen, die ein wahnsinniges Geld gekostet hatten und die Mama so sehr liebte.

Im Salon saßen sie sich dann gegenüber. Maria Enzinger, die einen halben Kopf kleiner als ihre Tochter war und in den letzten Jahren trotz aller Hungerkuren deutlich zur Korpulenz neigte, wofür sie ihren Körper mit immer neuen Salatkuren bestrafte. Trotz allem wirkte sie frisch, schaute jetzt aber noch sehr entsetzt drein.

„Tu mir einen Gefallen und wisch das Zeug aus dem Gesicht. Was hast du nur mit deinem Haar gemacht?“

Britta hätte lauthals lachen können. Aber sie blieb ernst. Sie beherrschte sich und erklärte gelassen:

„Mir gefällt es, wie ich jetzt bin. Mir gefällt es wirklich. Und ich habe mich zu etwas entschlossen. Ich werde von euch weggehen. Ja, ich verlasse euch.“

Maria Enzinger war so entsetzt, dass sie zunächst keinen Ton herausbrachte, nachher aber die Worte regelrecht herauswürgte:

„Das kannst du doch nicht. Du bist nicht irgendeine Tochter, du bist unsere Tochter. Du bist die Tochter eines Ministers.“

Britta lächelte nachsichtig und sagte sanft, als erkläre sie etwas einem kleinen Kind:

„Ich bin eure Tochter, das ist richtig. Aber dass mein Vater Minister ist, geht mich persönlich nichts an. Ich bin erwachsen.“

„Aber du musst an die Sicherheitsbestimmungen denken“, erregte sich ihre Mutter. Ihr Gesicht war mittlerweile dunkelrot. In ihren Augen flackerte es. Britta kannte diesen Gesichtsausdruck. Mama neigte zu hohem Blutdruck.

„Beruhige dich doch. Es hat keinen Zweck, dass du dich aufregst. Die Gesetze dieses Landes gelten auch für mich. Mit achtzehn ist man mündig. Und ich fühle mich auch mündig. Ich bin längst nicht mehr achtzehn, das heißt, ich kann schon lange tun, was ich will. Es ist mein Entschluss. Sicherheitsbestimmungen hin und her. Sie interessieren mich nicht.“

„Aber dein Vater ist erpressbar. Das musst du doch begreifen. Wenn sie dich entführen, dann ...“

„ ... dann sollte er sich nicht um mich kümmern. Ich will keine Sicherheitsbegleitung. Ich bin es einfach leid, mit Schritt und Tritt bei Tag und Nacht überwacht zu werden wie eine Kriminelle. Ich möchte auch einmal Mensch sein.“

„Aber das kannst du doch, Kind. Deshalb brauchst du doch nicht von uns weg.“

Britta schüttelte den Kopf. Sie sah ihre Mutter betrübt an, weil die nicht begriff, um was es hier ging. Vielleicht, dachte sie in diesem Augenblick, wird sie es nie begreifen. Wie sollte sie auch? Sie denkt ja ganz anders. Für sie ist das, was Papa macht, etwas ganz Großes, etwas Einmaliges. Sie ist stolz auf ihn. Stolz, eine Frau Minister zu sein. Und für mich selbst hat er einen Beruf wie tausend andere auch. Einen, der ihn noch das Leben kosten wird. Diese Hetzerei. Neuerdings hat er, wie Mama neulich behauptet hat, Herzbeschwerden. Kein Wunder bei dieser Hektik, diesem Stress. Ich möchte nicht wie er auf diese Weise meine Zeit verbringen. Der ist kein Mensch, der vegetiert, und er glaubt, es sei seine patriotische Aufgabe. Vielleicht ist das wirklich so.

Ich teile nicht einmal seine politischen Ansichten. Ich habe ganz andere. Doch bisher konnte ich mit niemandem darüber sprechen. Wollte es auch nicht. Allein Eva weiß, wie ich wirklich denke. Manches von dem, was Papa und seine Regierung tun, missfällt mir, und trotzdem habe ich immer geschwiegen. Ich werde vielleicht auch weiter schweigen. Ich bin kein Typ, der sich profilieren will. Ich lebe gerne im zweiten Glied, aber ich möchte leben! Und wenn es im zweiten oder dritten Glied ist. Ich möchte leben! Ich will nicht mehr in den Tagesablauf meines Vaters eingereiht werden, als sei ich ein Stück Möbel in seinem Büro oder einer seiner dienstbaren Geister. O nein! Es ist Schluss mit all dem.

„Und dein Studium?“, fragte Maria Enzinger ihre Tochter. „Willst du etwa daheim in München weiter studieren?“

„Ich möchte nicht in München studieren, und ich werde hier nicht weiter studieren. Ich gehe irgendwohin, wo man mit Mühe weiß, wer mein Vater ist. Und schon gar nicht, dass ich seine Tochter bin.“

„Du kennst die Presse nicht. So eine gewisse Presse, die dich verfolgt. Journalisten, Reporter, die immer hinter dir her sein werden, die das, was du tust, in die Zeitung bringen, dass es jeder erfährt. Davon bist du jetzt weitgehend abgeschirmt. Aber nachher hast du da keine Chance mehr. Du bist Freiwild, Kind. Ob du es willst oder nicht.“

Britta schüttelte ungläubig den Kopf. Mama, dachte sie, versteht mich nicht. Natürlich weiß ich, dass es Leute gibt, die mein Tun und Lassen überall verbreiten möchten. Die sich eine Sensation erhoffen. Die das auch ganz sicher tun würden, wenn sie wüssten, was für eine Unterhaltung ich mit meiner Mutter führe. Aber sie werden es nicht erfahren. Jedenfalls nicht, wenn es nach mir geht. „Ich werde Bonn verlassen und nicht mehr hierher zurückkehren. Mein Entschluss steht fest. Und ich werde ...“

Draußen auf dem großen Flur waren laute Stimmen zu hören. Eine plötzliche Unruhe, die Britta sehr vertraut war: ihr Vater war gekommen.

Brittas Mutter sprang auf, warf einen kurzen Blick auf ihre Tochter und sagte ungehalten: „Du hörst, Papa ist da. Nun wisch endlich das Zeug aus dem Gesicht! Und diese Haare! Ist das überhaupt echt? Ist das nicht eine Perücke?“

Ohne auf Britta weiter zu achten, lief Maria Enzinger nach draußen, und Britta dachte: Der Herr Gemahl ist gekommen, der liebe Gott der Familie. Jetzt rennt sie zu ihm, und ich weiß nicht, ob ich lachen oder nur verwundert den Kopf schütteln soll. Mein Gott, wie lange hat es gedauert, bis mir selbst ein Licht auf gegangen ist. Jetzt versteh ich es.

Sie zögerte keine Sekunde. Kaum war die Mutter draußen, verließ sie den Salon durch die zweite Tür. Er führte zum sogenannten Nähzimmer ihrer Mutter, dabei konnte sich Britta beim besten Willen nicht erinnern, ihre Mutter jemals nähen gesehen zu haben. Aber tatsächlich standen da ein paar Utensilien herum. Und eine Angestellte saß an der Nähmaschine, schaute überrascht auf, als Britta hereinkam, erkannte sie nicht, und Britta sagte nur:

„Ich bin es, Conni. Du brauchst dich nicht aufzuregen.“ Dann lief sie weiter, und auch hier gab es zwei Türen. Durch die eine gelangte Britta in einen zweiten kleinen Flur, von dem aus sie über eine Wendeltreppe nach oben gelangte.

Sie brauchte nur wenige Minuten, um das Nötigste in einen Koffer zu stopfen, ein Koffer, der immer bereit war, wenn sie mit ihrem Vater mitfahren musste. Aber diesmal würde sie allein fahren. Allein, um nicht mehr hierher zurückzukehren. Was scherten sie diese Sicherheitsbedingungen und der ganze Aufwand ihrer Überwachung.

Details

Seiten
110
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929614
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492343
Schlagworte
florian winter band tochter ministers

Autor

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Titel: Dr. Florian Winter Band 18 - Die Tochter des Ministers