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Sie sind reif, Mister Braden - Ein Jack Braden Thriller #8

2019 115 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sie sind reif, Mister Braden

Copyright

Die Hauptpersonen:

1

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5

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8

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Sie sind reif, Mister Braden

Ein Jack Braden Thriller #8

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

Tom Morley, ein an sich unbescholtener Druckereibesitzer, war von dem Privatdetektiv Jack Braden überführt worden, seine Ex-Frau Susan ermordet zu haben. Nachdem ihm die Flucht aus der Todeszelle gelingt, droht er Braden, sich an ihm rächen zu wollen – schließlich hatte er immer beteuert, seine Ex nicht ermordet zu haben. Der smarte Privatdetektiv nimmt die Drohanrufe gelassen zur Kenntnis, trotzdem versucht er herauszufinden, wo sich der Entflohene versteckt hält. Aufgrund seines außergewöhnlichen Spürsinns gelingt es dem Detektiv, Morleys Aufenthaltsort ausfindig machen. Aber er kommt zu spät …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Die Hauptpersonen:

Jack Braden - verschenkt Ohrringe

Dawn Barris - steht Schmiere

Anthony Gilford - erscheint rechtzeitig

Tom Morley - wünscht Braden zur Hölle

Slim Sherman - besorgt es, aber anders

Maud Hazel - hat keine Hemmungen

Myrna Robish - hat welche, aber nicht immer

Warner Holt - fällt um

Donald Pinson - steigt zu spät aus

Rudy Hornblower – meint, der Klabautermann sei es gewesen

 

 

1

Braden verpasste Eddy gerade ein volles Pfund auf den Solarplexus, als im Hintergrund ein Telefon rasselte.

Was das volle Pfund anbetraf: Es war mehr ein Versehen als Absicht. Eddy nahm es auch nicht weiter übel. Er grinste schräg, nickte anerkennend und explodierte dann.

Es gab nicht viele Schwergewichtler, die derart explodieren konnten wie Eddy Harrison.

Er kam zweimal links durch, täuschte rechts an, kam noch einmal links und brachte dann zwei rechte Gerade ins Ziel.

„Es ist für dich, Jack!“, rief Herb Lowell, der zum Telefon gegangen war.

Braden ließ die Fäuste sinken. Er legte Eddy die in einem Acht-Unzen-Handschuh steckende Rechte auf die Schulter.

„Ich habe schon mit vielen Schwergewichtlern gesparrt!“, schnaufte er ziemlich atemlos, „aber noch mit keinem, der so fix war wie Sie, Eddy.“

„Danke für die Blumen!“, sagte Eddy — und feixte. Er war erst wenig über zwanzig, noch zu jung und zu unfertig, als dass er schon an große Gegner herangeführt werden konnte, aber er würde seinen Weg machen.

„Verdirb mir den Jungen nicht, Braden“, sagte Herb Lowell, der Trainer. „Zuviel Lob steigt den jungen Dachsen leicht zu Kopf.“

„Für einen Amateur sind Sie eine Wucht, Sir!“, sagte Eddy.

Braden nahm ein Handtuch vom Ringseil und begann, sich den Schweiß abzutrocknen. Der Junge hatte ihm verdammt eingeheizt.

Herb Lowell und Braden waren miteinander befreundet. So oft es sich einrichten ließ, besuchte ihn Braden im Trainingscamp und sparrte ein paar Runden mit Lowells Profis.

Braden kletterte durch die Seile.

Das Telefon hing an der Wand. Aber das Freizeichen tutete. Der Anrufer hatte schon wieder abgehängt.

„Wer war es denn?“, fragte Braden Herb Lowell.

„Keine Ahnung“, sagte Herb. „Irgendein Mann, der dich sprechen wollte.“

Paul Samson, ein anderer Schwergewichtler — alter Ringfuchs, mehr als zweihundert Kämpfe, vielleicht schon ein bisschen ausgebrannt, aber an einem guten Tag immer noch gut genug — nahm Braden das Handtuch ab.

„Ich habe nicht besonders gut ausgesehen, was, Paul?“, fragte Braden.

„Das will ich nicht mal sagen. Sie haben diesen Quirl immerhin ein paarmal getroffen, ich treff’ ihn überhaupt nicht, und wenn ich zehn Runden mit ihm geh’ ich treff’ ihn überhaupt nicht. Eddy hat schon, recht: Für einen Amateur sind Sie ’ne Klasse für sich.“

Das hob Bradens Stimmung.

Und da er noch neben dem Apparat stand, hob er ab, als wieder der Weckruf ertönte.

„Braden.“

„Braden?“, wiederholte der Anrufer.

„Braden!“, bestätigte Jack.

„Ich wollte Ihnen bloß sagen, dass ich Sie in allernächster Zeit umbringen werde.“

„Halten Sie das für eine originelle Idee?“, nörgelte Braden. „Falls ja, muss ich Sie enttäuschen. Diesen Einfall hat schon mancher gehabt.“

„Haben Sie mich nicht verstanden? Ich werde Sie umbringen.“

„Warum denn nicht! Munter, munter! Hopp, hopp! — Woran scheitert es denn?“

„Das Lachen wird Ihnen schon vergehen.“

„Ich bin nun mal eine sonnige Frohnatur.“

„Machen Sie lieber Ihr Testament!“

„Wozu? Ich habe keine Erben. — Darf man fragen, wann, wie und wo Sie diese Angelegenheit zu regeln gedenken? Vielleicht könnte ich Ihnen mit ein paar guten Ratschlägen dienen. Ich bin nämlich so eine Art Fachmann, müssen Sie wissen.“

„Heute ist ...“

„Montag, der 14. Dezember“, half Braden zuvorkommend aus.

„Montag, der 14. — Das Weihnachtsfest werden Sie nicht mehr erleben.“

„Das ist ein Wort!“, sagte Braden. „Wenn schon, denn schon. Da spare ich wenigstens das Geld für die Geschenke. Was ich mich frage, ist bloß: Warum kündigen Sie mir es vorher an?“

„Mir hat man es auch vorher angekündigt!“

„Verstehe! Die Vorfreude ist immer die beste.“

„Hier spricht Tom Morley!“

„Ich weiß, Tom! Oder was glauben Sie, wozu ich so lange geredet habe. Ihre Stimme kam mir gleich bekannt vor, aber ich wusste anfangs nicht, wo ich Sie hintun sollte.“

„Sie wissen nun Bescheid!“

Und das Freizeichen tutete.

„Was Wichtiges?“, fragte Paul Samson, der Braden die ganze Zeit trocken gerieben hatte.

„Ziemlich!“, sagte Braden und verfügte sich unter die Brause.

Thomas W. Morley war am 12. März, vor zwei Jahren, vom Schwurgericht von Albany, N. Y., wegen Mordes ersten Grades zum Tode verurteilt worden. Und der Mann, der ihn auf die Anklagebank gebracht hatte, war Jack Braden gewesen.

Zweimal hatte Morley einen Aufschub bekommen. Und ehe der dritte Hinrichtungstermin herangerückt war, hatte er sich eine Gallenkolik zugelegt.

Nachdem mit Diät nichts zu erreichen gewesen war, hatte man ihn operiert. Und fünf Tage nach Abschluss der schweren Operation hatte er nacheinander die Stationsschwester, einen Police Detective, der als Wächter fungierte, den Stationsarzt, die Oberschwester, den Portier und drei Besucher, die zufällig in der Halle gesessen hatten, ersucht, ihn seines Weges gehen zu lassen.

Dies Ansinnen hatte er mit einer 9mm Automatic untermauert. Und diesem Argument hatte sich niemand verschlossen.

Vor dem Portal hatte eine alte Dodge Limousine parat gestanden, die, wie sich später herausstellte, bei einem Bankangestellten namens James Pichler „ausgeliehen“ worden war.

Mehr hatte sich nicht herausgestellt, ganz speziell nicht, auf welche Weise Morley in den Besitz des Schießprügels gekommen war.

Die Ärzte hatten sich übereinstimmend dahingehend geäußert, dass Morleys Chancen den Ausbruch zu überleben, ziemlich gering seien.

Mit einer frisch vernähten Gallenblase liefe die Flucht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Selbstmord hinaus.

Tatsächlich war Tom Morley scheinbar spurlos verschwunden geblieben.

Bis zu dieser Stunde!

Was kann man tun — fragte sich Braden, während er unter der Dusche stand.

Und die Antwort war fatal eindeutig.

Sie lautete einfach: So gut wie nichts.

 

 

2

Mr. Anthony Gilford legte die gepflegten Hände flach gegeneinander und sprach über die Fingerspitzen hinweg.

„Ich an deiner Stelle würde das nicht auf die leichte Schulter nehmen, Jack!“

„Tue ich auch nicht.“

Anthony Gilford, First Agent und damit „Chef vom Dienst“ der FBI Zentrale New York — übergeordnet war ihm nur noch der Commander — war schon mit Bradens Vater befreundet gewesen — und er hatte diese Freundschaft auf den Sohn übertragen. Ein gutes Jahrzehnt älter als Jack, einer Diplomatenfamilie entstammend, hatte er seine Jugend im Wesentlichen in England verbracht. Und „the Brithish way of Life“— die britische Lebensart — haftete ihm unverlierbar an.

„Bist du sicher, dass es Tom Morley war, Jack?“

„Absolut. Es ist zwar zweieinhalb Jahre her, dass ich ihn zuletzt sprechen hörte, aber die Stimme kam mir sofort bekannt vor. Und schon ehe er seinen Namen nannte, hatte ich ihn an der Stimme wieder erkannt.“

„Die Frage ist nun: Woher wusste er, dass du in Lowells Trainingscamp warst.“

„Genau das ist der Punkt. Ich vermutete natürlich zunächst, er habe mich — telefonisch — im Office zu erreichen versucht. Und Sunny habe ihm gesagt, wo ich sei ...“ Dawn „Sunny“ Barris war Bradens Sekretärin. — „Aber das ist nicht der Fall.“

„Mit anderen Worten: Er ist in New York.“

„Sieht so aus. Er muss mir aufgelauert haben und mir nachgefahren sein. Entweder er selbst — oder zumindest ein Mittelsmann beziehungsweise eine Mittelsfrau. Es ergab sich rein zufällig. Ich hatte ein paar freie Stunden vor mir und beschloss, Herb Lowell, anzurufen. Ob ich mal wieder zu ein paar Trainingsstunden kommen dürfe. Es war ein spontaner Gedanke. Nicht einmal ich selber wusste vorher, dass ich den Vormittag im Camp verbringen würde.“

„Und außer Dawn hast du es niemandem gesagt?“

„Niemandem!“

„Unschön!“, sagte Gilford lapidar.

„Wir wollen die Dinge beim Namen nennen, Tony. Wenn ein Mann ernsthaft entschlossen ist, einen andern Mann umzubringen, dann kann man das nicht verhindern. ’ne Zeit lang vielleicht. Aber nicht auf die Dauer.“

„So sieht das aus!“, bestätigte Gilford. „Es hat keinen Sinn, dass wir uns da etwas vormachen.“

„Ich bin nicht hier, weil ich mir einbilde, dass du mich schützen könntest“, sagte Braden sachlich.

„Das ist mir klar. Ich kann die Fahndung nach Morley wieder auf Touren, bringen, und damit sind meine Möglichkeiten im Grunde erschöpft.“

„Damit sind alle Möglichkeiten erschöpft?“

„Ich weiß“, sagte Gilford illusionslos. „Ich erinnere mich nicht mehr so genau an den Fall Morley. Hilf meinem Gedächtnis auf die Sprünge, Jack.“

„Da ist nicht viel zu erzählen. Ein Feld- Wald- und Wiesenmord sozusagen. Tom Morley, damals 42 Jahre alt, Eigentümer und Boss einer unbedeutenden Verlagsdruckerei in Dorset, einem Nest bei Albany, war mit einer gewissen Susan Alberty verheiratet. Drei Jahre lang. Fast auf den Tag genau nach drei Jahren wurde die Ehe geschieden. Wegen erwiesener Untreue des Ehemannes. Susan verlangte eine viertel Million als Abfindung, hunderttausend wurden ihr zugesprochen, zahlbar in Monatsraten zu zweitausend Dollar. Drei Monate nach der Scheidung starb Susan. Sie stürzte vom Balkon der Appartementwohnung, die sie nach der Scheidung bezogen hatte. Die Wohnung lag im sechsten Stock, und der Balkon war ein hypermodernes Schwalbennest, mit einer kaum kniehohen Brüstung. Der Coroner erkannte auf selbstverschuldeten Unfall, nachdem sich herausgestellt hatte, dass Susan im dritten Monat schwanger gewesen war. Sie stürzte, das schien festzustehen, über die Brüstung, während sie im Begriff war, die Blumen zu begießen. Die Gießkanne wurde auf dem Balkon gefunden. Es sah so aus, als ob ihr infolge der Schwangerschaft übel geworden sei. Aber ihre Schwester Myrna, die hier in New York lebt, wandte sich an die Braden-Detektei. Sie sagte, nach ihrer Überzeugung habe ihr verflossener Schwager Susan vom Balkon gestoßen. Motiv, hunderttausend Dollar Abfindung. Ich hängte mich ’rein, zerpflückte Morleys sogenanntes Alibi, wies nach, dass er zu dem betreffenden Zeitpunkt in Susans Wohnung gewesen war, und trieb ihn derart in die Enge, dass er sang. Kein kriminalistisches Meisterstück — gewissermaßen reine Routine. Ich brauchte nicht länger als zwei oder drei Tage dazu. — Ich war sprachlos, als ich dann von seinem dramatischen Ausbruch hörte. Das passte so gar nicht zu dem Bild, das ich bis dahin von ihm hatte ...“

„Und wie sah dieses Bild aus?“

„Ein Spießbürger mit in jeder Beziehung geringem Format. Er betrieb seine Druckerei und hätte sie vermutlich bis an sein mehr oder weniger seliges Ende betrieben, wenn Maud Hazel nicht gewesen wäre — seine Sekretärin.“

„Die Frau, mit der er Susan betrog?“

„Ja. Aber die Initiative ging dabei eindeutig von Maud aus, nicht von ihm. Maud gab das in der Verhandlung unumwunden zu. Sie brüstete sich sogar damit — du kennst diesen Typ.“

Gilford nickte.

„Ohne diese Hazel wäre Morley vermutlich nie aus der Bahn geworfen worden Die Scheidung machte ihn dann vollkommen fertig: weniger die Scheidung als solche als vielmehr die hunderttausend Dollar. Nicht, dass die Summe seine Existenz ernsthaft in Frage gestellt hätte, er hätte sie durchaus aufbringen können, ohne sich dabei zu ruinieren, wie ihm, während der Verhandlung, ein Wirtschaftssachverständiger vorrechnete. Aber er war eben eine Art geistiger Kleingärtner, die Höhe des Betrages schreckte ihn, kam ihm astronomisch vor. Anstatt einen kühlen Kopf zu bewahren, drehte er durch, sah sich schon am Bettelstab. Er behauptete vor Gericht, er habe mehrfach versucht, sich mit seiner geschiedenen Frau gütlich über eine Herabsetzung der Raten zu einigen — und das glaube ich ihm. Susan aber blieb hart. Und so verfiel er auf den Ausweg, sie zu töten, wobei das Motiv letztlich Lebensangst war, die Furcht davor, dass er es nicht schaffen würde, das Geld aufzubringen, ohne Bankrott zu machen.“

„Immerhin scheint er den Mord kaltblütig geplant zu haben. Du sagtest doch, er habe ein Alibi konstruiert.“'

„Ja, schon. Aber das war alles kläglich, hatte nicht Hand und nicht Fuß.“

„Und wie verträgt sich das mit Morleys Ausbruch aus dem Hospital?“

„Überhaupt nicht. Weder mit Morleys Persönlichkeit noch sonst wie.“

„Anders ausgedrückt — du hast dir ein völlig falsches Bild von ihm gemacht.“

„Sieht so aus. Wenngleich es schwer in meinen Schädel will.“

„Dieser Ausbruch erforderte eine unerhörte Willenskraft.“

„Eben. Und nicht nur das. Irgendwer muss ihm schließlich die Pistole zugespielt haben. Irgendwer hat den alten Dodge gestohlen, hat auch sonst alles vorbereitet. Ich schätzte Morley als einen harmlosen Spießbürger ein, der nur durch eine Verkettung von Umständen, denen er nicht gewachsen war, zum Mörder wurde. Aber irgendetwas kann da nicht stimmen. Die Flucht jedenfalls ist organisiert worden, und zwar glänzend organisiert.“

„Wann genau war das übrigens?“

„Auf den Tag genau weiß ich’s auch nicht. Vor rund drei Monaten.“

„Als du zum Trainingscamp fuhrst — hast du da darauf geachtet, ob du beschattet wurdest?“

„Warum hätte ich, es bestand ja kein Anlass, natürlich achtete ich routinemäßig auf den Rückspiegel, mehr aber auch nicht.“

„Es muss dir aber jemand gefolgt sein!“

„Natürlich. Nur Sunny wusste, wohin ich wollte.“

„Und Herb Lowell wusste, dass du kommen würdest.“

„Das auch, stimmt. Aber er sagt, er habe es niemandem mitgeteilt. Und ich habe keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln.“

„Ich frage mich, ob die Drohung wirklich ernst zu nehmen ist. Es ist doch ziemlich verrückt, sein Opfer vorher zu warnen.“

„Einerseits ja. Andererseits gab er eine Art Antwort darauf, als er sagte, ihm sei es auch vorher angekündigt worden. Das Unmenschliche an der Todesstrafe ist das Warten, Tony. Er will eben auch, dass ich warte, und Angst habe. Und zum dritten: Wenn er ernsthaft entschlossen ist, mich umzulegen, dann wird er auch eine Gelegenheit dazu finden — auch wenn ich gewarnt bin. Er hat über anderthalb Jahre in der Todeszelle gesessen, Tony. Anderthalb Jahre die Hölle! Gut möglich, dass ihm seine Rache wichtiger ist als irgendetwas auf der Welt.“

„Was willst du unternehmen?“

„Fest steht nur eines — nämlich, dass er mich und alle anderen über seine Persönlichkeit getäuscht hat. Dieser scheinbar harmlose Spießbürger verfügt über eine Willensstärke, die ihresgleichen sucht. Und er hat Freunde und Helfershelfer, die mit allen Hunden gehetzt sind. Dich möchte ich bitten, die Fahndung nach ihm neu anzukurbeln — viel mehr kannst du nicht tun. Ich selber werde ...“

Das Telefon schlug an.

„Gilford?“, meldete sich Tony.

Er hörte etwa fünf Sekunden lang zu, legte dann auf.

„Es war Morley!“, sagte er. „Jedenfalls behauptete er, Tom Morley zu sein. Er sagte nur: Richten Sie Braden aus, dass er mir nicht entkommen wird!“

Braden schüttelte verbiestert den Schädel. „Verdammt noch mal — wie ist das möglich? Ich bin vom Trainingscamp aus direkt hierhergefahren — und niemand konnte wissen, dass ich hierhergefahren bin. Das habe ich mir ja erst unterwegs überlegt, und bin absolut sicher, dass mir niemand gefolgt ist.“

Gilford fragte bei der Telefonzentrale nach. Er erfuhr, dass der Anrufer seinen vollen Namen genannt hatte.

„Hier spricht Tom Morley. Ist Mr. Braden im Haus?“

Das Telefongirl — das wusste, dass Braden und Gilford befreundet waren — hatte in Gilfords Vorzimmer nachgefragt — und dann durchgestellt.

„So schlau, wie Morley glaubt, ist er nun auch wieder nicht“, sagte Gilford grimmig. „Bislang wusste ich nur von dir, Jack, dass Morley dir ans Leder will. Jetzt hat er es dem FBI sozusagen offiziell mitgeteilt, hat nicht nur dir, sondern auch dem FBI den Fehdehandschuh vor die Füße geworfen. Und das FBI ist in dieser Beziehung sehr eigen!“

Gilford drückte auf einen Knopf und sprach dann in ein Mikrophon: „Hören Sie zu, George! Rufen Sie sofort die Zentrale in Albany an. Die Kollegen dort sollen umgehend nach Dorset fahren. Ich brauche alle erreichbaren Informationen über Thomas W. Morley. Über sein Vorleben von Kindesbeinen an — und so weiter. Speziell interessiert mich, ob und wann er Verbindungen zur Unterwelt gehabt hat. Ferner brauche ich die Prozessakten. Morley ist vor zwei Jahren vom Schwurgericht Albany zum Tode verurteilt worden. Ferner: Was ist aus seiner Druckerei geworden? Existiert sie noch? Wenn ja, unter wessen Leitung? Was macht Morleys frühere Sekretärin, Maud Hazel? Und so weiter!“

„Rufen Sie im Polizeihauptquartier an, Tony!“, sagte Jack.

„Warum?“, stutzte Gilford.

„Morley muss auf gut Glück hier angerufen haben. Niemand ist mir gefolgt. Er kann also nur vermutet haben, dass ich entweder zum Polizeihauptquartier oder zum FBI fahren würde. Vielleicht hat er beim Hauptquartier mehr gesagt!“

„Augenblick!“

Es zeigte sich, dass Tom Morley tatsächlich beim Hauptquartier angefragt hatte, ob Mr. Braden im Haus sei. Mehr allerdings nicht.

Gilford drückte auf einen anderen Knopf. „Großfahndung nach Thomas W. Morley aus Dorset, N. Y., Fotos und Personalbeschreibung beim Erkennungsdienst! Großfahndung mit allen Mitteln!“

Gilford sah Braden an.

„Und nun, Jack, auf ins Hospital!“

„Was denn sonst!“, sagte Braden.

Der Lift brachte sie nach unten.

Die Adresse der FBI Zentrale New York ist: 201 Ost 69. Straße. Es war gegen zwei Uhr nachmittags, und um diese Zeit ist es so gut wie unmöglich, nahebei einen Parkplatz zu finden. Braden hatte seinen Carrera also zwei Blocks weiter abgestellt.

Unter dem Scheibenwischer klemmte ein Zettel. Es handelte sich um die Titelseite eines Kriminalromans von C. A. I. Housten, den es in diesen Tagen an jedem Kiosk und in jeder Buchhandlung zu kaufen gab.

Der Roman hieß: „Du entkommst mir nicht!“

„Reizender Herr, dieser Mr. Morley!“, sagte Braden trocken. „Er gibt sich wirklich jede nur erdenkliche Mühe!“

Eine Umfrage bei den Anwohnern blieb ohne Ergebnis.

Niemand hatte beobachtet, wie die Titelseite unter den Scheibenwischer geklemmt worden war.

 

 

3

Das Staatsgefängnis von New York — weltbekannt unter der volkstümlichen Bezeichnung Sing Sing — hat zwar ein internes Krankenrevier aber keine interne Klinik im eigentlichen Sinne des Wortes.

Tom Morley war in einem der öffentlichen Krankenhäuser der Stadt New York operiert worden.

Nach Morleys Flucht hatte die Metropolitan Polizei das Personal selbstverständlich durchleuchtet — aber ohne jeden Erfolg.

Das lag drei Monate zurück.

Gilford und Braden ließen sich beim Chefarzt der Chirurgischen Abteilung melden.

Dr. Maxwell Fitzgerald war ein stämmiger Mittfünfziger mit einem kahlen Turmschädel. Er machte zunächst darauf aufmerksam, dass „seine Zeit sehr bemessen“ sei.

„Was kann ich für Sie tun, Gentlemen?“

Gilford sagte, es handele sich um den Ausbruch Thomas W. Morleys.

„Aber meine Herren, ich verstehe nicht recht. In dieser Angelegenheit ist das unmittelbar und mittelbar beteiligte Personal doch schon x-mal vernommen worden. Ich wüsste wirklich nicht, was ich Ihnen dazu noch sagen könnte. Im Übrigen habe ich die Ansicht der vernehmenden Police Detectives, einer meiner Leute müsse Morley die Pistole zugespielt haben, keine Sekunde geteilt. Das habe ich schon damals erklärt, und mein Standpunkt ist unverändert.“

„Das spricht für die Lauterkeit Ihrer Gesinnung, Doktor, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Morley die Pistole bekommen hat. Und zwar in diesem Haus. — Wie viele Leute hatten — rein theoretisch — die Möglichkeit, ihm die Waffe zuzustecken?“

„Niemand!“, erklärte Dr. Fitzgerald bestimmt. „Allenfalls ich selber — aber außer mir niemand.“

„Wie das?“

„All das habe ich doch schon damals zu Protokoll gegeben ...“

„Dennoch! Ich würde es gern noch einmal hören!“

Der Arzt seufzte.

„Der Gefängnisarzt hatte mich hinzugezogen. Ich stimmte mit ihm dahingehend überein, dass eine Operation notwendig war. Morley willigte ein. Wir vereinbarten einen Termin, und als Morley hier ankam, war er schon für die Operation vorbereitet und wurde direkt in den OP gebracht. Ich will damit sagen: Vor der Operation kann ihm die Waffe unmöglich zugespielt worden sein. Die Operation war gegen zwölf Uhr mittags beendet. Der Patient wurde von zwei Angestellten in das für ihn vorgesehene Zimmer gebracht. Dieses Zimmer war von zwei Detectives vom 42. Revier begutachtet und durchsucht worden. Es liegt im zweiten Stock ganz am Ende des Flurs, das Fenster ist vergittert, die Tür hat innen keinen Drehknopf, ist also — ohne den Schlüssel — nur von außen zu öffnen. Im Vorzimmer saß die ganze Zeit ein Detective — Tag und Nacht — nicht immer derselbe, versteht sich. Während der ersten vierundzwanzig Stunden nach der Operation stand der Patient — zunehmend weniger — noch unter den Nachwirkungen der Narkose, ich bezweifle sehr, dass er während dieser Zeit überhaupt ansprechbar war. Er kann die Waffe also allenfalls an einem der folgenden vier Tage bekommen haben. Während dieser Zeit ist er ausschließlich von zwei Schwestern — der Tag- und der Nachtschwester — und von mir selber betreut worden. Er war immerhin ein zum Tode verurteilter Mann, und ich hielt den Personenkreis, der mit ihm zu tun hatte, ganz bewusst so klein wie möglich. Beide Schwestern tun schon über zwanzig Jahre in diesem Haus Dienst, sie sind über jeden Zweifel erhaben, ganz abgesehen davon, dass der jeweils anwesende Detective keinen Blick von ihnen ließ, wie sowohl die Schwestern als auch die Detectives übereinstimmend sagten. Ich selber war zweimal täglich bei dem Patienten, gleichfalls unter den Augen des Detectives. Ich räume ein, dass ich — wenn ich es darauf angelegt hätte — dennoch die Möglichkeit gehabt hätte, eine Pistole einzuschmuggeln und unter das Kopfkissen zu schieben — aber, Gentlemen: Mein Jahreseinkommen beläuft sich auf zweihunderttausend Dollar, was Sie jederzeit überprüfen können. Ganz davon abgesehen, dass ich zwanzig Jahre hart gearbeitet habe, bevor ich mein Lebensziel erreichte, nämlich Chefchirurg einer großen Klinik zu werden. Ich müsste wahnsinnig sein, wenn ich — für eine noch so beträchtliche Bestechungssumme — das alles auf’s Spiel gesetzt hätte.“ Hier lächelte der Arzt flüchtig. „Und ich halte mich für in jeder Hinsicht zurechnungsfähig.“

„Schön und gut, Doktor, aber als denkender Mensch müssen Sie doch — vor sich selber — irgendeine Erklärung gesucht ...“

„Ich dachte, ich hätte mich deutlich genug ausgedrückt.“

„Einer der Detectives?“

„Sehen Sie eine andere Möglichkeit?“

„Nicht, wenn ich ausklammere, dass jemand von Ihren Leuten ...“

„Genau das klammere ich aus. Und zwar vollständig.“

„Ich würde das Zimmer gern sehen. Und außerdem möchte ich mit den beiden Schwestern reden.“

„Wenn Sie sich etwas davon versprechen.“

„Doktor!“, schaltete sich Braden ein. „Wie stehen Sie zur Todesstrafe?“

„Ich verabscheue sie. Jeder, der sich jemals ernsthaft mit diesem Thema befasst hat, weiß, dass die Quote der Gewaltverbrechen überall dort gesunken ist, wo die Todesstrafe abgeschafft wurde. Gewalt zeugt nichts als Gewalt, das gilt auch und vor allem für die Todesstrafe. Es ist dies — wenn ich so sagen darf — ein Thema, das mir seit Jahren am Herzen liegt. Sehen Sie: Die britische Polizei — um ein Beispiel zu nennen — ist unbewaffnet, man sollte meinen, dass das dem Verbrechertum Tür und Tor öffnet, dass Jahr um Jahr soundsoviele wehrlose Polizisten niedergeschossen, niedergestochen oder zusammengeschlagen werden. Wer die Statistiken kennt, weiß es besser. Wie Gewalt Gewalt zeugt, so ebnet umgekehrt Gewaltlosigkeit der Gewaltlosigkeit den Weg. Die USA sind das Land mit der höchsten Quote an Gewaltverbrechen überhaupt. Ich behaupte, dass sich das bald ändern würde, wenn man den Gesetzeshütern die Schusswaffen wegnähme.“

 

 

4

Sie sprachen nicht nur mit der Tag- und der Nachtschwester, die schlief und geweckt werden musste, sondern auch mit dem Stationsarzt und etlichen andern.

Alle sagten übereinstimmend, dass nur die beiden Schwestern und der Chefarzt mit Morley Kontakt gehabt hätten.

Die Schwestern hießen Fay Hayden und Agatha March, waren beide Anfang vierzig und sahen aus, wie man das in den USA von einer Krankenschwester erwartet: hübsch und gepflegt, mit tadellosem Make-up. Lichtblicke für die Kranken, nicht irgendetwas Fades und Tristes, wie man es anderswo für angebracht hält.

Alles in allem waren rund zwei Stunden vergangen, bis Braden und Gilford das Hospital wieder verließen.

Was sie sich erhofft hatten, liegt auf der Hand. Irgendwer musste Morley die Pistole zugesteckt haben, und wer auch immer es sein mochte — er musste gekauft worden sein.

Kaum von Morley selber, sondern sehr wahrscheinlich von der Person, die die Flucht organisiert hatte.

Anders ausgedrückt: Wenn man den „Gekauften“ fand, dann konnte man den Namen des Organisators aus ihm herausquetschen. Und wenn man den Organisator hatte, dann bestand zumindest die Chance, zu erfahren, wo sich Morley verborgen hielt. „Na?“, fragte Gilford.

„Dürftig!“, stellte Jack fest. „Zwar ist Fitzgerald ein erklärter Gegner der Todesstrafe und in diesem Punkt so etwas wie ein Missionar — und sein Sendungsbewusstsein treibt manchmal seltsame Blüten. Gar nicht einmal ausgeschlossen, dass ein solcher Mann von seinem Sendungsbewusstsein etwas durchdrungen — unberechenbar reagiert. Ich traue ihm unter Umständen zu, dass er einen zum Tode Verurteilten entkommen lassen würde, wenn es in seiner Macht läge. Aber ich halte es für ausgeschlossen, dass er dem Delinquenten eine Schusswaffe zuspielt und damit das Leben Unschuldiger gefährdet.“

„Das Risiko bestand nur dann, wenn die Pistole geladen war.“

„Stimmt!“, murmelte Braden, für Augenblicke betroffen. Doch dann schüttelte er den Kopf.

„Vergiss den gestohlenen Dodge nicht, Tony! Ich kann mir zur Not vorstellen, dass Fitzgerald sich dazu durchgerungen hätte, Morley zur Flucht zu verhelfen, aber ich kann mir unmöglich vorstellen, dass er dazu den Dodge stehlen ließ.“

„Akzeptiert!“, sagte Gilford. — „Also auf zum 42. Revier!“

Boss des 42. Polizeireviers war um diese Zeit Detective Lieutenant Amber Lake.

„Ja, stimmt!“, sagte er. „Wir sind damals mit der Überwachung betraut worden. Ich selber habe das Zimmer inspiziert. Zusammen mit den Detectives Herbeth und Holt. Wir waren dabei, als Morley vom OP in dieses Zimmer gebracht wurde. Sozusagen nackt, will heißen, mit nichts am Leib als dem Nachthemd. Von da an haben Herbeth und Holt abwechselnd im Vorzimmer gesessen

Sie erfuhren in diesem Punkt — nichts Neues.

„Mac Herbeth ist 37 Jahre alt, Werner Holt 39“, fuhr der Lieutenant fort. „Beide haben bei der Stadtpolizei angefangen, der eine hat 16, der andere 18 Dienstjahre auf dem Buckel. Ich kenne beide seit über zehn Jahre. Keine ausgesprochenen Leuchten der Kriminalistik, das vielleicht nicht,d aber unbedingt anständig und zuverlässig.

Nachdem es passiert war, schickte das Hauptquartier Lieutenant Hornblower vom Morddezernat hierher. Hornblower hat sowohl Herbeth als auch Holt stundenlang in der Mangel gehabt. Hinterher hat er sich für ihre Vergangenheit besonders für ihr Privatleben interessiert. Das Resultat hätte ich ihm voraussagen können: nichts! Nicht einmal der Schatten eines dunklen Punktes. In Zusammenarbeit mit Hornblower habe ich dann die Vergangenheit und das Privatleben der beiden Schwestern und Dr. Fitzgeralds durchgekämmt. Ebenfalls nichts. Nicht der leiseste Hinweis. Alles in Ordnung.“

„Kann ich Herbeth und Holt sprechen?“

„Im Augenblick nicht. Sie sind beide unterwegs.“

„Würden Sie sie zu mir in mein Office schicken, sobald sie zurückkommen!“, sagte Gilford. „Und zwar einzeln — und ohne ihnen zu sagen, was ich von ihnen will.“

„Wird gemacht, aber Sie verschwenden Ihre Zeit, Mr. Gilford.“

„Das bleibt abzuwarten“, sagte Mr. Anthony Gilford. Und er sagte: „Pistolen fallen nicht vom Himmel! Irgendeine Erklärung müssen Sie sich schließlich zurechtgelegt haben, Lieutenant.“

„Sicher“, sagte Amber gelassen. „Nach Lage der Dinge kann es nur der Chefarzt gewesen sein. Das ist meine Meinung, und ich habe — Hornblower gegenüber — damit nicht hinter dem Berg gehalten. Aber Fitzgerald ist ein großer Mann — und ich bin bloß ein kleiner Detective Lieutenant. Hornblower wollte nichts davon wissen!“

Rudy Hornblower — Chef H. S. VI beim Police Head Quarter of New York City — hatte rund vierzig Dienstjahre hinter sich gebracht und war immer noch Lieutenant. In zwei oder drei Jährchen würde er pensioniert werden, und der Gedanke daran war ihm ein ständiger Quell innerer Freude.

Der einzige Freudenborn allerdings, der ihm zu Gebote stand.

Denn Hornblower war seiner ganzen Natur nach ein cholerischer Pessimist, litt zudem chronisch an Magengeschwüren, die ihn mal mehr und mal weniger plagten.

An guten Tagen blickte er düster in die Welt, an weniger guten ganz düster.

Dessen ungeachtet war er nicht ohne Witz — aber sein Humor war sozusagen mit Galle getränkt.

Außerdem war er sparsam — wie er selber es ausdrückte. Seine Kollegen nannten ihn schlicht, aber zutreffend, einen seinesgleichen suchenden Geizhals.

Der Geiz dokumentierte sich unter anderem darin, dass sein neuester Anzug gut und gern zehn Jahre alt war — und sein verbeulter Filzhut mindestens fünfundzwanzig.

Gilford ließ sich von Braden zum FBI Centre zurückfahren: Er hatte mehr Zeit geopfert, als ihm an sich zur Verfügung stand. So kam es, dass Braden allein in Hornblowers Dienstzimmer aufkreuzte.

Rudy Hornblower sah aus wie immer: nämlich wie ein griesgrämig zerknitterter Landstreicher.

„Setzen Sie sich!“, muffelte er wenig begeistert. „Soviel ich kapiert habe, will Tom Morley Ihnen den Garaus machen. Hoffentlich sind das nicht bloß leere Versprechungen.“

Das war so Hornblowers Art von Humor.

„Ich müsste zwar einen Kranz spendieren“, fuhr er nörgelnd fort, „und das Ding würde mich bare drei Dollar kosten, ein schauderhafter Gedanke. Andererseits töten Sie mir seit Jahr und Tag sämtliche Nerven. So rum gesehen wären die drei Silbermänner ganz gut angelegt.“

„Ich habe schon immer behauptet: Sie sind ein edler Mensch, Rudy!“

„Erzählen Sie mir nicht, was ich ohnehin weiß!“, sagte Hornblower angeödet. Dann kam er zur Sache: „Wo brennt es, Jack?“

„Sagen Sie, Rudy, Sie haben damals die Detectives Herbeth und Holt überprüft ...“

„Nicht nur!“

„Und?“

„Was heißt: Und? — Wenn ich einen Haken gefunden hätte, hätte ich irgendwen eingebuchtet.“

„Rudy. Irgendwer muss Morley das Schießeisen zugesteckt haben.“

„Das weiß ich selber. Oder glauben Sie, ich leide an Gehirnerweichung?“

„Wer also? Sie haben keine Beweise finden können, aber Sie haben doch sicher Ihre private Meinung.“

„Ich werde nicht dafür bezahlt, dass ich eine Meinung habe, sondern dafür, dass ich Beweise ...“

„Rudy!“, sagte Braden mahnend.

Hornblower klappte das linke Auge zu und beglotzte Braden mit dem rechten und blieb im übrigen stumm.

„Rudy!“, drängte Braden.

„Der Klabautermann!“, sagte Hornblower hohl. „Der Klabautermann oder sonst ein Gespenst. Jedenfalls kein Wesen aus Fleisch und Blut. Ehrlich, Jack, ich bin mir nie im Leben bescheuerter vorgekommen als damals. Lauter Ehrenleute. Dr. Fitzgerald, einer der erfolgreichsten Chirurgen des Landes, mehr noch, eine Weltnummer. Sogar der Staatschef einer sogenannten Volksdemokratie hat sich — in aller Heimlichkeit — von ihm operieren lassen. Die Schwestern, die eine aus einer Pastorenfamilie und die andere aus einer Offiziersfamilie stammend, beide makellos wie frisch gefallener Schnee. Lieutenant Amber vom 42. Revier: schon sein Großvater hat im Polizeidienst gestanden. Die Detectives Herbeth und Holt: biedere Cops, die zehn Jahre oder länger bei der uniformierten Polizei Dienst taten, ehe sie von der Kripo übernommen wurden. Nichts als lautere Charaktere — wohin Sie auch fassen.“

Das Telefon!

Braden ahnte es schon.

Und seine Ahnung trog nicht.

„Es ist Patterson!“, behauptete Hornblower allerdings.

„Ja, George?“, meldete sich Braden demzufolge, nachdem Hornblower ihm den Hörer gereicht hatte.

George Patterson war so etwas wie ein freiberuflicher Mitarbeiter der Braden-Detektei.

Aber es war nicht Pattersons Stimme, sondern einwandfrei die von Tom Morley.

„Braden! Ich habe es mir überlegt. Ich werde Sie erst nach dem Weihnachtsfest töten. Zwischen Weihnachten und Neujahr, um es genau zu sagen.“

„Das finde ich nobel! Besten Dank!“, sagte Braden — und das Freizeichen tutete.

Details

Seiten
115
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929584
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
mister braden jack thriller

Autor

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Titel: Sie sind reif, Mister Braden - Ein Jack Braden Thriller #8