Lade Inhalt...

Krieg der Buchmacher: N.Y.D. – New York Detectives

2019 104 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Krieg der Buchmacher: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

Krieg der Buchmacher: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Dass er Stacy Glynn nicht mehr rechtzeitig helfen konnte, bedeutet für den Privatdetektiv Bount Reiniger nicht, dass er sich für den Ex-Boxer nicht weiterhin zuständig fühlt. Für Reiniger ist es Ehrensache, sich um die Aufklärung des Mordes an seinem Klienten zu kümmern, zumal Glynn für Reinigers Dienste bereits bezahlt hatte. Kurz darauf gerät der Detektiv zwischen die Fronten zweier illegaler Buchmacher, die sich gegenseitig unerbittlich bekämpfen, um des anderen Geschäfte zu übernehmen – und dabei auch vor Mord nicht zurückschrecken ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Warren Richardson stand in seinem Büro vor dem großem Aquarium und fütterte die Fische. Angeblich konnte er ihnen mehr Liebe entgegenbringen als den Menschen.

Er sah aus wie ein englischer Lord. Heller Anzug, sorgfältig gestutzter Oberlippenbart, Schalkrawatte, rassiermesserscharfe Bügelfalten.

In seiner Brust trug er ein Herz aus Granit.

Zwei Männer befanden sich bei ihm.

„Was machen wir mit Stacy Glynn?“, wurde er gefragt.

Langsam wandte er sich von den Fischen ab und den Männern zu, und er machte das Zeichen, das die römischen Cäsaren für die Gladiatorenkämpfe erfunden hatten.

Das Zeichen für die totale Niederlage, das Ende, den Tod!

Er streckte die rechte Faust vor, und sein Daumen wies nach unten. Seine Leute wussten, was er meinte. Stacy Glynn sollte sterben.

 

 

2

Bount Reiniger trank June Marchs köstlichen Kaffee. Sie hatte bestimmt ein Geheimrezept. Zwar bestritt sie es, aber Bount schmeckte der Kaffee nirgendwo so gut wie bei ihr.

Er stellte die leere Tasse auf seinen Schreibtisch, erhob sich und fischte sich sein Jackett.

June – blond, schlank und sexy – sah ihm dabei zu.

„Dann wollen wir mal“, sagte Bount.

Vor einer Viertelstunde hatte er einen Anruf bekommen, der es nötig machte, dass er sein Büro verließ. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, heute noch mal wegzugehen.

Es war geplant gewesen, nach Feierabend mit June essen zu gehen. Anschließend wollten sie noch irgendwo einen Drink nehmen.

„Soll ich auf dich warten, Bount?“, fragte das hübsche, blauäugige Mädchen. Sie trug ein grauschwarzes, hochmodisches Kleid mit erdbeerfarbenen Streifen, und der Stoff hörte überall an den genau richtigen Stellen auf.

„Keine schlechte Idee“, sagte Bount.

„Ich werde dir die Zeit als Überstunden in Rechnung stellen.“

Er grinste. „Geht in Ordnung, kriegst sie heute noch bezahlt. Und zwar in Naturalien. Wie wäre es mit einem saftigen Steak?“

Bount tätschelte ihr freundschaftlich die Wange.

Seit ungefähr einem Jahr hatte er eine Art Dauerauftrag. Der Millionär Mortimer Cole hatte eine minderjährige Tochter namens Julie. Sie sah zwar alles andere als minderjährig aus – man hätte sie leicht für zwanzig halten können –, aber sie benahm sich noch so unvernünftig und leichtsinnig wie ein Kind.

Vor einem Jahr war die Frühreife flügge geworden. Seither verschwand sie immer von zu Hause, wenn es sie überkam. Es war für Bount nur beim ersten Mal schwierig gewesen, sie wiederzufinden. Seither wusste er, dass sie stets in Greenwich Village versackte. Meistens hing sie in irgendeiner düsteren, verrauchten Bar am Hals eines großen, starken Mannes, den sie anhimmelte und der von ihr alles haben konnte.

Die Schwierigkeit bestand für Bount nicht darin, Julie Cole aufzustöbern, sondern dem Großen, Starken klarzumachen, dass es besser, war, die Finger von der Kleinen zu lassen.

Nicht alle Männer waren einsichtig. Einigen musste Bount mit schlagkräftigen Argumenten kommen, um sie zu überzeugen.

„Ich bin froh, dass ich keine Tochter wie Julie habe“, sagte Bount. „Sie sorgt dafür, dass ihr Vater graue Haare kriegt.“

„Kaum zu glauben, dass sie bis vor einem Jahr nicht das geringste Interesse an Männern hatte“, meinte June.

„Sie scheint nachholen zu wollen, was sie in ihrem fünfzehnjährigen Leben versäumt zu haben glaubt.“

„Mortimer Cole könnte sich eine Menge Geld sparen, wenn er nicht jedes Mal dich um Hilfe bitten würde.“

„Pst! Nicht so laut. Bring ihn doch nicht auf die Idee“, sagte Bount schmunzelnd. „Warum soll ich mir mein Geld nicht auch hin und wieder mal ein bisschen leichter verdienen? Sobald Cole merkt, dass seine Tochter wieder ausgerückt ist, greift er zum Telefon und ruft mich an. Und ich rufe meine Freunde in Greenwich Village an und bitte sie, die Augen offen zu halten. Meistens klingelt bei mir dann nach ein paar Stunden der Apparat, und ich erfahre, wo ich Julie diesmal auflesen kann.“

„Wenn Julie ihren neuen Lebensstil noch eine Weile so weiterführt, kann ich die Honorare, die wir von Mortimer Cole bekommen, als Fixeinnahmen verbuchen.“

„Der gute Mann ist unser Sponsor“, sagte Bount lächelnd. „Ich bin bald wieder zurück.“

„Lass dich nicht verprügeln. Ich habe keine Lust, heute Abend Krankenschwester zu spielen.“

 

 

3

June March reinigte die Kaffeetasse und stellte sie an ihren Platz. Dann setzte sie sich an ihren gläsernen Schreibtisch und nahm den Schreibblock in die Hand.

Bount hatte ihr einen Brief diktiert. Er hatte so schnell gesprochen, dass sie mit dem Stenografieren kaum mitgekommen war. Nun grübelte sie über den Hieroglyphen und konnte einen Teil davon nicht entziffern.

Ihr Stolz ließ es nicht zu, dass sie Bount fragte, was er diktiert hatte. Mühsam arbeitete sie sich durch das Gekritzel. Sie tüftelte so lange daran herum, bis es anfing, einen Sinn zu ergeben.

Die gewonnenen Erkenntnisse übertrug sie auf ein anderes Blatt, und später wollte sie darangehen, das Ganze fein säuberlich abzutippen.

Aber es kam etwas dazwischen. Ein Mann klopfte an die Tür, öffnete und trat ein.

June schätzte ihn auf Anfang dreißig. Er war groß und kräftig wie die Männer, zu denen sich Julie Cole so stark hingezogen fühlte.

Auf dem Kopf trug er einen zu kleinen Hut, den er jetzt abnahm und zwischen seinen großen Händen drehte. Er hatte dichtes schwarzes Haar, einen angeborenen Schlafzimmerblick und machte einen matten, lässigen Eindruck. Aber June fiel auf, dass sich hinter dieser Fassade sehr viel Nervosität verbarg.

„Bin ich hier richtig?“, fragte er mit einer leicht heiseren Stimme.

„Kommt darauf an, zu wem Sie wollen“, erwiderte June.

„Zu Bount Reiniger, dem Privatdetektiv.“

„Dann sind Sie hier richtig. Was können wir für Sie tun, Mister ...“

„Glynn“, sagte der Mann. „Stacy Glynn ist mein Name.“

„Ich bin June March, Mr. Reinigers Mitarbeiterin.“

Glynn grinste. „Sie machen Ihrem Chef bestimmt sehr viel Freude.“

„Wie meinen Sie das?“

„Na ja, wie Sie aussehen. Toll. Einfach toll.“

„Vielen Dank, Mr. Glynn“, sagte June kurz. „Also, was haben Sie auf dem Herzen?“

„Ach, wissen Sie, das sage ich Ihrem Boss lieber gleich persönlich. Ich halte nichts davon, alles ein paarmal zu erzählen. Ich bin stets für den direkten Weg. Das war immer schon so. Auch früher, als ich noch im Ring stand. Ja, Lady, ich habe mal geboxt.“

„Ich wette, Sie waren nicht schlecht“, sagte June.

„War ich tatsächlich nicht“, bestätigte Glynn. „Verstehen Sie denn was vom Boxen?“

„Bount – Mr. Reiniger nimmt mich hin und wieder zu einer großen Veranstaltung mit.“

„Wär’s möglich, dass Sie schon mal meinen Namen gehört haben?“, fragte Glynn. Seine Augen leuchteten hoffend.

„Möglich wär’s“, sagte June, und das war nicht gelogen. Aber tatsächlich hörte sie den Namen Stacy Glynn heute zum ersten Mal.

Der Mann blies seinen breiten Brustkorb auf. „Ich war ein verdammt unangenehmer Gegner. Deshalb machten die meisten auch einen großen Bogen um mich. Sie nannten mich den Gigantenkiller. Ich bin Linkshänder, müssen Sie wissen. Auf solche Fighter können sich die wenigsten einstellen. Soll ich Ihnen ein paar Namen nennen? Namen von Kerlen, die ich im Ring windelweich geprügelt habe? Es sind ein paar Typen dabei, die heute das ganz große Geld verdienen.“

Glynn zählte etwa ein Dutzend Namen auf. Bei einigen hob er die Augenbrauen, um ihnen mehr Gewicht zu verleihen. Er unterstrich sie gewissermaßen auf diese Weise. Vier davon waren June tatsächlich bekannt.

Bei einem ließ sie sich sogar ein anerkennendes Donnerwetter entlocken.

Glynn nickte lachend. „Ja, da staunen Sie, was? All die Brüder bekamen von mir die Hucke voll. Ich hätte es weit bringen können, wenn mir nicht Pamela in die Quere gekommen wäre. Jimmy Wynes, mein Trainer, sagte sofort, ich solle die Finger von ihr lassen, sie wäre Gift für mich. Aber sie war ein so süßes Gift, dass ich mich von ihr einfach nicht losreißen konnte. Jimmy prophezeite mir: Pam ist dein Untergang – und damit hatte er leider recht. Ich verlor einen Kampf nach dem anderen. Das war dann eben das Ende einer vielversprechenden Karriere. – Wissen Sie, worauf ich trotz allem stolz bin?“

„Nein. Worauf?“

Glynn drehte den Kopf zur Seite. „Sehen Sie sich mein Profil an. Nach fast hundert Kämpfen ist mein Nasenbein immer noch ganz. Es gibt wenige Boxer, die das ebenfalls behaupten können. – Würden Sie Ihrem Chef jetzt bitte sagen, dass ich ihn sprechen möchte?“

„Tut mir leid, Mr. Glynn. Mr. Reiniger ist nicht da.“

„Verdammt! Entschuldigen Sie, Miss March. Ich wollte ihn engagieren. Die Sache wäre mir tausend Dollar wert.“

„Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

Stacy Glynn musterte sie lächelnd. „Sie sind ein ganz bezaubernder Käfer, Miss March, aber Sie sind ein Mädchen. Nicht dass ich etwas gegen schöne Mädchen hätte. Das dürfen Sie nicht denken. Pam war auch sehr hübsch. Aber ich denke, dass die harten Jobs von Männern getan werden sollten.“

„Wenn ich Sie recht verstehe, haben Sie einen harten Job zu vergeben“, sagte June leicht eingeschnappt.

„So ist es“, pflichtete Glynn ihr bei. Er zückte seine Brieftasche und blätterte das Geld auf Junes Schreibtisch.

„Hier“, sagte er. „Damit ihr Boss sieht, dass es mir ernst ist.“

„Das ist nicht nötig“, sagte June.

„Ich will es aber so. Das Geld soll ein Anreiz für Mister Reiniger sein.“

„Es steht ja noch nicht einmal fest, ob er Ihren Fall übernimmt“, bemerkte June.

„Sagen Sie ihm, er soll zu mir kommen. Er wird dann alles, was er wissen muss, erfahren. Sollte er nicht interessiert sein, kann er mir die Piepen ja wiedergeben. Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird.“ June forderte den Ex-Boxer auf, wenigstens eine Andeutung zu machen, doch er war dazu nicht zu bewegen.

Es gibt Männer, die sehen in einer Frau nur einen hübschen Aufputz, dachte June beleidigt.

Zu dieser Sorte Männer gehörte Stacy Glynn. Dass June March nicht nur schön, sondern auch imstande war, ihren Kopf zu gebrauchen, schien er für unmöglich zu halten.

Sie gab ihm eine Quittung für das Geld, die er achtlos zusammenknüllte und in seine Hosentasche schob.

„Wohin soll Mr. Reiniger kommen?“, fragte June jetzt leicht unterkühlt.

„Wie?“

„Ich habe Ihre Adresse noch nicht.“

„Ach so.“ Glynn bat um Kugelschreiber und Papier und notierte die Anschrift. „Wann denken Sie, wird er bei mir aufkreuzen?“

„Das kann ich nicht sagen.“

„Auf jeden Fall heute noch“, bat Glynn. „Sagen Sie ihm, die Sache wäre dringend.“

„In Ordnung, Mr. Glynn.“

Der Ex-Boxer drückte sich seinen kleinen Hut auf den Kopf und trabte hinaus. Die Bürotür mit der Milchglasscheibe fiel hinter ihm zu, und ganz kurz war noch Glynns Schatten zu sehen. June holte die Metallkasse aus der Schreibtischlade, schloss sie auf und legte die tausend Dollar hinein. Nachdem sie die Kassette wieder geschlossen hatte, stellte sie sie in die Lade und erhob sich.

Ganz kurz hatte sie sich über Glynns Einstellung geärgert, doch das war schon längst wieder verflogen. Sie trat ans Fenster und blickte in die Tiefe der Straßenschlucht hinunter.

Da sich das Büro im 14. Stock befand, dauerte es eine Weile, bis Stacy Glynn unten erschien.

Er überquerte die Straße. Es hatte den Anschein, als wollte er das gegenüberliegende Lokal – Musis Bar & Grill – aufsuchen. Als er die Fahrbahnmitte erreichte, passierte es.

June erkannte nicht sofort, dass es gleich eine Katastrophe geben würde, aber dann krampfte sich plötzlich ihr Herz zusammen. Ein Wagen hatte sich von der Gehsteigkante gelöst.

Das Fahrzeug nahm Kurs auf Stacy Glynn und wurde schneller. Da das Fenster geschlossen war, lief für June March alles wie ein Stummfilm ab.

Sie sah Passanten, die stehen blieben, und beobachtete, wie sich Glynn umdrehte und dem nahenden Auto entgegenblickte. Es blieb ihm keine Zeit mehr zu reagieren. Er versuchte zwar, sich aus dem Gefahrenbereich zu katapultieren, setzte noch zum Sprung an, aber dann erwischte ihn der Wagen.

Wie eine Strohpuppe wurde der Ex-Boxer hochgeschleudert. Er landete auf dem Asphalt und stand nicht mehr auf. Der Wagen fuhr noch schneller weiter und verschwand um die Ecke. Von allen Seiten liefen Menschen auf die Fahrbahn und umringten den Überfahrenen.

June March schluckte trocken. Sie brauchte einige Sekunden, um sich zu sammeln. Dann drehte sie sich hastig um. Sie stürzte sich buchstäblich aufs Telefon und rief einen Rettungswagen für Stacy Glynn.

Atemlos berichtete sie, was passiert war. Sie nannte ihren Namen.

„Und wo ist dieser Unfall passiert, Ma’am?“, fragte der Mann am andern Ende.

„Das war kein Unfall. Das war ein Mordanschlag“, stieß June aufgeregt hervor. „7th Avenue, Ecke 54. Straße West.“

„Wir kommen sofort.“

June legte auf. Einen Moment war sie unschlüssig. Dann eilte sie aus dem Büro. Sie glaubte, endlos lange auf den Lift zu warten. Endlich traf die Kabine ein. June betrat sie und fuhr zum Erdgeschoss hinunter.

Die Menschentraube war so groß, dass es nicht leicht war, sich bis zu Glynn vorzudrängen. Als es June dann geschafft hatte, spürte sie ein furchtbares Würgen in der Kehle.

Glynn lag mit verrenkten Gliedern da. Neben seinem Kopf glänzte eine Blutlache. Sein kleiner Hut lag ein paar Meter weiter.

„Mr. Glynn“, flüsterte June mit belegter Stimme.

„Kennen Sie den Mann?“, fragte jemand.

„Ja: Ist er ...“

„Er lebt noch. Gerade noch.“

Aber der Ex-Boxer war bewusstlos, und vielleicht würde er auch nie mehr zu sich kommen. Für June stand fest, dass dieser Mordanschlag in Zusammenhang mit Glynns Besuch in der Detektei stehen musste.

Wenn der Mann nicht so verschlossen gewesen wäre, würde es Bount möglicherweise etwas leichter fallen, den oder die Täter auszuforschen und zur Verantwortung zu ziehen.

Die Ambulanz kam.

Ein junger Arzt schaute sich Glynn kurz an. „Den hat es ziemlich schlimm erwischt.“

„Glauben Sie, dass er durchkommt?“, fragte June.

„Ich bin nicht der liebe Gott, Miss.“

„In welches Hospital bringen Sie ihn?“

Der Rettungsarzt nannte den Namen des Krankenhauses. Glynn wurde auf einer Trage zum Wagen gebracht und hineingeschoben.

June March kehrte ins Büro zurück und versuchte Bount Reiniger zu erreichen, aber damit hatte sie kein Glück.

 

 

4

Bount nahm noch einen Zug von der Pall Mall, dann drückte er sie in den Aschenbecher im Armaturenbrett. Er erreichte das Haus Nummer 1133 in der 7th Avenue, wartete den Gegenverkehr ab und visierte die Abfahrt zur Tiefgarage an.

Er dachte an Julie Cole, die er wieder einmal bei ihrem besorgten Vater abgeliefert hatte. Liebe Güte, hatte sie protestiert! Der Kerl, den sie sich diesmal ausgesucht hatte, war besonders groß und stattlich gewesen.

Zunächst hatte es danach ausgesehen, als wollte der Große den Detektiv ungespitzt in den Boden rammen, aber als Bount Reiniger dann fallenließ, dass Julie noch nicht einmal sechzehn war, nahm der Bursche Vernunft an und verzog sich.

Julie hatte geschrien, dass die Wände des Künstlerlokals wackelten, aber das half ihr nicht. Bount nahm sie mit und brachte sie nach Hause, und Mortimer Cole zeigte sich einmal mehr mit einem Scheck für die Hilfe erkenntlich.

Bount stoppte seinen silbergrauen Mercedes 450 SEL auf der markierten Parkfläche und stieg aus. Er klappte die Tür zu und ging zum Fahrstuhl.

Als er wenig später sein Büro betrat, war er völlig auf Feierabend eingestellt. Er freute sich auf einen schönen Drink mit seiner reizenden Mitarbeiterin.

Doch sobald er seinen Fuß ins Vorzimmer gesetzt hatte, wusste er, dass daraus nichts werden würde. Er kannte diesen speziellen Blick von June March, der nichts Erfreuliches verhieß.

„Du hast eine Hiobsbotschaft auf Lager, stimmt’s?“, fragte er.

„Ging mit Julie Cole alles glatt?“

„Ja.“

„Wenigstens ein Erfolgserlebnis für heute“, sagte June.

„Und welchen Dämpfer gedenkst du mir aufzusetzen?“

„Kennst du einen Mann namens Stacy Glynn?“

„Nein.“

„Er war vorhin hier und wollte dich engagieren. Er hält von Mädchen nicht allzu viel. Jedenfalls nicht, was deren geistige Qualitäten angeht. Deshalb zog er mich auch nicht ins Vertrauen. Es wäre besser gewesen, er hätte es getan.“

„Was war los?“, fragte Bount Reiniger. „Was ist passiert?“

June berichtete es ihm mit allen Einzelheiten. Auf seinen Wunsch wiederholte sie den Namen des Krankenhauses.

„Da muss ich sofort hin“, entschied er. „Mal sehen, wie es dem Mann jetzt geht.“ Bount nahm auch den Zettel an sich, auf den Glynn seine Adresse geschrieben hatte.

„Soll ich dich begleiten?“, fragte June.

„Ist nicht nötig. Ich denke, du kannst für heute den Laden dichtmachen und nach Hause gehen.“

„Ich werde wieder mal nicht gebraucht“, brummte June leicht gesäuert.

„Komm, sei vernünftig! Es ist wirklich nicht nötig, dass wir gemeinsam zum Krankenhaus fahren“, sagte Bount. „Vielleicht ergibt sich bald ein anderer Job für dich, okay? Mach dir einen netten Abend.“

„Allein? Mein Abend war bereits verplant.“

„Du musst ein bisschen flexibler werden, June.“

„Ich hätte wissen müssen, dass aus dem, was man sich mit dir vornimmt, zu neunzig Prozent nichts wird. Diese Erfahrung mache ich ja nicht zum ersten Mal. Wieso ziehe ich nicht allmählich eine Lehre daraus?“

„Wir holen alles ein andermal nach“, versprach Bount und war schon aus der Tür.

Einige Minuten später war er zum Hospital unterwegs. Das Krankenhaus befand sich in der Amsterdam Avenue, Ecke Cathedral Parkway. Ein altes Gebäude mit dicken Mauern und düsteren Gängen.

Das Personal war hier so unfreundlich, dass Bount fast die Galle überlief. Zuerst ärgerte er sich über den Portier, dann über eine fette Schwester in der Aufnahme und schließlich testete ein Arzt die Strapazierfähigkeit seiner Geduld.

Der hagere Mann im weißen Kittel wollte Bount so schnell wie möglich abfertigen. Er behandelte den Detektiv von oben herab, wirkte penetrant arrogant und näselte wie ein europäischer Graf aus einem degenerierten Adelsgeschlecht.

„Tut mir leid, Mr. Reiniger, ich kann Ihnen nicht helfen.“

„Ich möchte doch nur wissen, wie es Mr. Glynn geht“, sagte Bount mit unterdrücktem Ärger.

„Wir geben Fremden prinzipiell keine Auskunft über das Befinden unserer Patienten.“

„Können Sie in meinem Fall nicht eine Ausnahme machen?“

„Nein, das ist ausgeschlossen.“

„Ich bin kein Fremder. Mr. Glynn ist mein Klient.“

„Das klingt zwar gut, aber es macht auf mich nicht den geringsten Eindruck.“

„Hören Sie, Glynn fiel einem Mordanschlag zum Opfer. Finden Sie nicht, dass Sie Ihre lächerlichen Spielregeln in so einem Fall ein bisschen ändern sollten?“

„Ich habe meine Vorschriften, und ich gedenke, mich daran zu halten. Guten Tag.“

Bount war auch nur ein Mensch, und ihm gingen die Nerven durch. Als der Hagere sich von ihm abwenden und fortgehen wollte, packte Bount ihn am Kittel und riss ihn zurück.

„Was erlauben Sie sich?“, stieß der Mann entrüstet hervor.

„Sie sollten sich eines freundlicheren Tons befleißigen, mein Lieber. Sonst sorge ich dafür, dass Sie Ärger von oben kriegen. Ich kenne eine Menge Leute ...“

„Bount!“, rief plötzlich jemand. „Bount Reiniger!“

Bount ließ den Hageren los, der mit den Schultern rollte, um wieder richtig im Kittel zu stehen.

Dann warf er einen Blick zurück. Hinter ihm stand Dr. Anderson, ein alter, weißhaariger Mann, dickbäuchig, mit rosigen Wangen.

„Dr. Anderson“, rief Bount überrascht aus. „Was für eine Freude.“

„Liebe Güte, es gibt Sie noch?“, fragte Frank Anderson lächelnd. „Sind Sie denn nicht totzukriegen, bei all dieser Gangsterjagerei?“

„Sagen Sie mal, was soll denn diese Frage? Freuen Sie sich nicht, mich wiederzusehen?“

„Aber ja doch. Und wie. Was führt Sie hierher?“

Bount wollte dem Hageren einen triumphierenden Blick zuwerfen, doch der Arzt hatte sich anscheinend in Luft aufgelöst. Er war nicht mehr da.

„Einer meiner Klienten wurde hierhergebracht“, sagte Bount.

Vor einigen Jahren verband ihn mit Dr. Anderson ein fast freundschaftliches Verhältnis. Zahlreiche seiner Blessuren, die er sich im Kampf gegen die New Yorker Unterwelt zugezogen hatte, waren von Frank Anderson in dessen Praxis behandelt worden.

Familiäre Gründe veranlassten Dr. Anderson damals, nach Chicago zu gehen, und Bount hatte sich um einen anderen „Leibarzt“ umgesehen.

„Ich hatte keine Ahnung, dass Sie wieder in New York sind“, sagte Bount.

„Ich kam vor drei Jahren zurück.“

„Wie geht es Ihrer Frau?“

„Sie starb vor vier Jahren in Chicago an Krebs.“

„Das tut mir leid“, sagte Bount.

„Wie Sie wissen, war sie der Grund, weshalb ich nach Chicago ging. Nach ihrem Tod hielt mich dort nichts mehr. Ich bewarb mich um die Leitung dieses Hospitals und kehrte in mein geliebtes New York zurück. Mögen andere noch so sehr über diese Stadt schimpfen. Ich habe sie in mein Herz geschlossen. – Wie ich sehe, hatten Sie Schwierigkeiten mit Dr. Snyder.“

„Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte ihn in seine Bestandteile zerlegt“, sagte Bount.

„Er ist ein guter Arzt. Ein hervorragender Diagnostiker. Äußerst zuverlässig. Aber leider auch überkorrekt. Er eckt überall an.“

„Wir müssen uns demnächst mal zusammensetzen und über die alten Zeiten plaudern, Dr. Anderson.“

„Sehr gern. Jederzeit.“

„Ich rufe Sie an, sobald ich Luft habe.“

„Immer noch ständig im Stress, Bount?“

Der Detektiv schmunzelte. „Wer kann schon aus seiner Haut heraus?“

„Einer Ihrer Klienten liegt bei uns?“

„Ja, und Dr. Snyder wollte mir unter keinen Umständen sagen, wie es ihm geht. Er berief sich auf die Vorschriften.“

Frank Anderson nickte. „So ist er. Übergenau, und damit eine Plage für seine Mitmenschen. Aber das wird ihm niemand abgewöhnen. Wie heißt Ihr Klient?“

„Stacy Glynn.“

„Aha. – Deshalb bekamen Sie nichts aus Dr. Snyder heraus.“

„Wie meinen Sie das, Frank?“

Dr. Anderson legte die Hand auf Bount Reinigers Arm. „Ihr Klient ist leider tot, Bount. Wir haben getan, was wir konnten, aber dem Mann war nicht mehr zu helfen. Schädelbasisbruch. Zahlreiche innere Verletzungen. Der enorme Blutverlust löste einen Schock aus, gegen den wir machtlos waren. Es tut mir leid.“

Bount Reinigers Augenbrauen waren zusammengezogen. Über seiner Nasenwurzel stand eine tiefe Falte.

„Das war Mord, Frank!“, sagte er heiser.

 

 

5

Für Mord war Captain Toby Rogers zuständig. Der schwergewichtige Leiter der Mordkommission Manhattan C/II erschien am nächsten Tag in Bount Reinigers Büro. In seinem Kielwasser schwamm der schlaksige Lieutenant Ron Myers.

Rons Gesicht war mit Sommersprossen übersät. Toby fragte sich immer wieder, wie sein Stellvertreter es anstellte, so gut beim weiblichen Geschlecht anzukommen.

Tatsächlich wechselte Ron Myers manchmal die Mädchen öfter als Toby Rogers seine Hemden. Nur von June March ließ er die Finger. Nicht, dass sie ihm nicht gefallen hätte. Aber sie war nun einmal die Sekretärin von Bount Reiniger und damit tabu.

In Bount Reinigers Allerheiligstem sagte Toby vorwurfsvoll: „Du hast uns also wieder mal eine Leiche beschert.“

Bount blickte den Captain irritiert an. „Das hört sich ja beinahe so an, als würdest du in mir einen Berufskiller sehen. Komm zu dir, Freund! Ich bin bestrebt, das Gleiche zu tun wie du: Menschen vor Schaden zu bewahren und dem Gesetz zu seinem Hecht zu verhelfen. Bei aller Bescheidenheit darf ich noch hinzufügen, dass mir das in den meisten Fällen sogar besser gelingt als dir.“

„Du brauchst bei uns keine Reklame für deine Detektei zu machen, Bount“, brummte der Captain unwillig. „Deshalb ist es auch nicht nötig, so dick aufzutragen.“

„Es ist die Wahrheit.“

„Du hältst uns wohl für ausgemachte Stümper.“

„Nun ja, Toby, ich will dir wirklich nicht zu nahe treten, aber ...“

„Für Vollidioten.“

„Das hast du gesagt“, erwiderte Bount grinsend.

„Wenn ihr euch noch ein paar solcher Nettigkeiten an den Kopf werft, gibt’s Beulen“, wandte Ron Myers ein, um zur Sache zu kommen.

„Kannst du mir vielleicht erklären, warum Bount sich immer für Mr. Superschlau persönlich hält?“, wandte sich der Captain an seinen Stellvertreter.

Bount hätte noch ein paar Bosheiten auf Lager gehabt, aber er kam nicht mehr dazu, sie an den Mann zu bringen. June March gesellte sich zu ihnen, und Toby richtete seine Aufmerksamkeit auf sie.

„Tut mir leid, June, aber ich muss dir ein paar Fragen stellen“, sagte der Captain.

Das blonde Mädchen zuckte mit den Schultern. „Okay.“

„Also, wie war das mit Stacy Glynn? Er kam hierher und wollte Bount engagieren. Machte er irgendeine Andeutung, worum es ging?“

„Nein“, antwortete June. „Er wollte es Bount persönlich sagen.“

„Bount war aber nicht da.“

„Glynn zahlte tausend Dollar im Voraus und hinterließ eine Adresse, wo er zu erreichen sein würde. Bount sollte ihn so bald wie möglich aufsuchen. Er bekam von mir eine Quittung und ging.“

„Aber er kam nicht weit“, stellte Toby Rogers fest. „Nur bis auf die Straße. Da wurde er dann von einem Auto über den Haufen gefahren. Er erlag seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus, ohne noch einmal das Bewusstsein zu erlangen.“

June überlief es kalt. „Es passierte direkt vor meinen Augen. Es war schrecklich.“

„Das kann ich mir vorstellen“, sagte der Captain.

„Kann ich die Adresse haben, Bount?“, fragte Ron Myers.

„Ich hatte vor, da mal vorbeizuschauen“, erwiderte der Detektiv.

„Geht in Ordnung“, sagte Toby. „Wir sind dankbar, wenn du uns ein bisschen was von der Laufarbeit abnimmst. Aber behalte nicht wieder wichtige Anhaltspunkte für dich, wie du’s so gern machst. Sonst sorge ich wirklich mal dafür, dass man dir die Lizenz wegnimmt.“

Bount grinste. „Er kann’s nicht lassen. Immer muss er mir drohen. Du machst es einem nicht leicht, dich zu mögen, Toby.“

Der Lieutenant bekam die Anschrift und schrieb sie auf. Dann gab er Bount den Zettel zurück, und Captain Rogers erkundigte sich nach dem Wagen, der Glynn angefahren hatte. „Er war schwarz“, sagte June. „Es könnte sich um einen Buick gehandelt haben, aber ich bin nicht sicher.“ „Wie viele Leute saßen in dem Auto?“

„Das konnte ich nicht sehen.“

„Toby“, warf Bount Reiniger ein. „Wir befinden uns hier im 14. Stock. Du hast es mit June zu tun und nicht mit einem Adler.“

„Halt die Klappe, Bount. Wenn du meine Ermittlungen störst, schicke ich dich hinaus.“

„Moment, Captain, du befindest dich nicht in deinem, sondern in meinem Büro!“

Toby überging diesen Zwischenruf und wandte sich an Ron Myers. „Hast du noch eine Frage an June?“

Der Lieutenant nickte. „Du warst doch nachher noch auf der Straße.“

„Ja. Aber Glynn konnte nichts mehr sagen“, erwiderte June.

„Darum geht es mir nicht“, sagte Ron. „Mich würde interessieren, ob du einen Augenzeugen namentlich nennen kannst. Vielleicht hat jemand aus nächster Nähe mitgekriegt, was passierte. Von ihm könnten wir dann möglicherweise erfahren, wer in dem schwarzen Wagen saß.“

„Die ganze Straße war voller Menschen“, sagte June. „Aber ich habe keinen einzigen gekannt.“

„New York ist eben kein Dorf, in dem jeder jeden kennt“, sagte der Captain. „Hast du mal eine Zigarette für mich, Bount?“

„Willst du symbolisch mit mir die Friedenspfeife rauchen?“, erkundigte Bount Reiniger sich.

„Nicht unbedingt. Ich verkaufe doch meine Seele nicht für eine Pall Mall.“

„Nun, dann sehe ich mich außerstande ...“

„Wenn Toby nichts zu rauchen hat, kann er ziemlich unleidlich werden“, bemerkte der Lieutenant.

„Noch unleidlicher?“, fragte Bount grinsend und warf dem Captain die Packung zu. „Das kann ich dir natürlich nicht antun, Ron. Wo du noch den ganzen Tag mit ihm zusammen bist.“

Toby brannte sich das Stäbchen an. „Du hältst uns auf dem Laufenden, Bount, klar?“

„Es wird mir ein Vergnügen sein, euch wieder mal zu zeigen, wie man so einen Fall löst“, erwiderte Bount lächelnd.

 

 

6

Green Point. 1827 Driggs Avenue. Das war die Adresse, die Stacy Glynn aufgeschrieben hatte. Bount Reiniger überquerte den East River auf der Williamsburg Bridge. Er fuhr mit dem Mercedes aber nicht bis nach Brooklyn hinein, sondern bog gleich links ab und fuhr nach Norden.

Vor einem Fotogeschäft fand Bount einen Parkplatz. Im Schaufenster türmten sich japanische Billigprodukte.

Bount ging etwa zweihundert Meter zu Fuß. Ein Mann humpelte ihm auf zwei Krücken entgegen. Sonst war hier niemand unterwegs.

Der Detektiv betrat das Haus, in dem Glynn gewohnt hatte. Er stieg die Treppen hoch. Im dritten Stock stand Glynns Name an einer Tür. Aus der Wohnung kam Musik.

Bount läutete. Die Musik wurde leiser gestellt. Ein Mädchen öffnete. Ihr Blick huschte interessiert an ihm auf und ab. Sie trug ein weißes T-Shirt und nichts darunter. Außerdem eine Stretch-Jeans, die so eng war, dass man sie als zweite Haut bezeichnen konnte. Ihr rotblondes Haar war hochgesteckt, der Pony hing ihr fast über die Augen.

„Hallo“, sagte sie freundlich. „Ich bin Heather Keach.“

„Mein Name ist Bount Reiniger.“

Details

Seiten
104
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929577
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491840
Schlagworte
krieg buchmacher york detectives

Autor

Zurück

Titel: Krieg der Buchmacher: N.Y.D. – New York Detectives