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Ein Herz liegt an der Kette

2019 71 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Herz liegt an der Kette

Copyright

In Liebe, dein Y.

Überraschendes Wiedersehen

Ein Herz liegt an der Kette

Glück – was ist das?

Ein Herz liegt an der Kette

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 71 Taschenbuchseiten.

 

- Silvias Ehe steckt in einer Krise. Sie lässt sich gehen, und für ihren Mann Markus gibt es nur noch seine Arbeit. Dann erhält sie plötzlich von einem Unbekannten glühende Liebesbriefe. Sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll, als der Fremde schließlich ein Treffen vorschlägt …

- Linda wird auf der Straße überraschend von einem wildfremden Mann geküsst, der in ihr eine Jugendliebe wiederzuerkennen glaubt. Anfangs möchte sie den Irrtum aufklären, aber mehr und mehr findet sie großen Gefallen an dem Spiel. Leider wird es irgendwann zu Ende sein …

- Ausgerechnet, als Iris es besonders eilig hat, findet sie ihr Fahrrad mit einem fremden zusammengekettet. Da kann auch die Party mit dem aufdringlichen Armin ihre Stimmung nicht verbessern.

- Als sie Florian heiratet, fühlt sich Marina nicht nur an das Versprechen gebunden, das sie seiner sterbenden Mutter gegeben hat. Doch Florian sucht sein Glück bei einer anderen Frau. Bleibt Marina nur ihr Beruf mit einer Schar fremder Kinder?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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In Liebe, dein Y.

"Es kann heute ein bisschen später werden, Mutti." Silvia Kern steckte vergnügt den blonden Wuschelkopf durch die halb geöffnete Tür. "Ralf bringt mich nach Hause. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen."

Sieglinde Kern wischte sich mit dem feuchten Handrücken eine Haarsträhne aus der Stirn.

"Wolltest du nicht abtrocknen?", erinnerte sie.

Das Zuschlagen der Tür war eine ausreichende Antwort auf die Frage. Silvia hatte ihren Einwand schon nicht mehr gehört.

Sieglinde seufzte und blickte auf die Uhr. Schon halb acht. Markus war immer noch nicht da. Wenigstens anrufen hätte er können, dachte sie ungehalten.

Wie auf Befehl rasselte das Telefon in der Diele los. Sie verließ die Küche und hob den Hörer ab.

"Sei nicht böse, Murkel", hörte sie ihren Mann sagen. "Es wird heute wieder etwas später. Wartet nicht mit dem Essen auf mich."

"Ist schon recht", antwortete Sieglinde und versuchte, sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

Ewig diese Überstunden! Wie sie das hasste. Als würde die Existenz der Firma von Herrn Markus Kern abhängen. Dabei war er doch nur Abteilungsleiter. Einer von achtzehn.

Sieglinde legte den Hörer auf und wollte in die Küche zurückkehren. Vor dem Garderobenspiegel verharrte sie.

Sie betrachtete sich kritisch und entdeckte ein paar neue Fältchen. War das ein Wunder?

Frau Klinger hatte vor ein paar Tagen eine anzügliche Bemerkung gemacht. Dabei wurde diese schließlich auch nicht jünger. Aber was sie über Markus‘ Überstunden gesagt hatte, hatte Sieglinde doch zu denken gegeben. Dabei war das bestimmt Unsinn. Markus und eine andere Frau!

Wann denn? Er ist doch kaum noch zu Hause. Wenn er spätabends kommt, hat er schon auswärts gegessen, ist müde und zeigt wenig Bereitschaft, sich noch zu unterhalten.

"Du schmeißt den Laden hier schon", sagte er dann für gewöhnlich und klopfte ihr auf die Schulter. Ungefähr in der Art, wie man ein Pferd für einen gelungenen Sprung lobt oder den Hund belohnt, wenn er den Stock zurückbringt.

Sieglinde riss sich von ihrem Spiegelbild los. Dass die Zwanzigjährigen hübscher waren als sie, brauchte ihr Frau Klinger nicht zu sagen.

Aber Markus würde doch an die Kinder denken. Er würde seine Familie nicht aufs Spiel setzen.

Wo ist denn deine Familie? Niemand ist da. Silvia hätte kein Verständnis für solche Probleme, und Jochen ist am liebsten mit seinen Freunden zusammen.

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss.

Sieglinde straffte sich. Wie schön! Ausgerechnet heute kam Jochen früher nach Hause. Dann konnten sie sich ein wenig unterhalten.

Der Achtzehnjährige war ein bisschen außer Atem.

"Hey!", sagte er und hob zwei Finger lässig zum Gruß. "Habt ihr schon gegessen? Macht nichts. Ich muss sowieso gleich wieder weg. Will mich nur umziehen. Die Anderen warten schon. Es wird spät. Bis morgen dann." Wie ein Wirbelwind war er an ihr vorbei.

Es wird spät! Zum dritten Mal hatte sie das heute nun schon gehört. Da blieb ihr wohl doch nur der Fernsehapparat.

Sieglinde ging in die Küche und beendete den Abwasch. Danach schaute sie kurz aus dem Fenster und nahm sich vor, es am nächsten Tag zu putzen. Dieses und auch alle übrigen im Haus. Das brachte sie auf andere Gedanken.

Draußen ging Herr Krüger mit dem Dackel vorbei. Er grüßte zu ihr herüber und blickte gleich wieder weg. Vielleicht hatte er Angst vor Grünen Witwen.

Sieglinde musste lachen. Sie schloss das Fenster, ging ins Wohnzimmer und setzte sich vor den Fernsehapparat.

Als Markus nach Hause kam, weckte er sie auf.

"Tut mir leid, Murkel", sagte er schuldbewusst. "Morgen komme ich bestimmt pünktlich."

Er kam zwar nicht pünktlich, aber immerhin schon gegen neun Uhr. Er fand, das sei ein erheblicher Fortschritt.

 

*

 

Silvia und Jochen änderten ihre Lebensgewohnheiten auch nicht. Von den Kindern durfte sie das am wenigsten erwarten. Es würde ohnehin nicht mehr lange dauern, dann verließen sie dieses Haus für immer und kehrten nur zu gelegentlichen Besuchen zurück. Das war der unabänderliche Lauf der Dinge.

Aber Sieglinde wollte sich damit nicht abfinden. Ihr wurde bei dem Gedanken Angst, die nächsten fünfzehn oder zwanzig Jahre auch noch die Abende allein zu verbringen. An die Tage hatte sie sich schwer genug gewöhnt.

Sie hatte es mit einem Gelegenheitsjob versucht, aber darauf warteten schon andere.

Ihr fielen die Nachbarn ein. Warum sollte sie sich nicht ein bisschen näher an die Krügers oder die Heumanns anschließen? Man konnte abends Karten spielen. Oder auch nur ein Schwätzchen halten.

Frau Krüger und Frau Heumann waren von dieser Idee begeistert. Eigenartigerweise hatten sie aber an den folgenden Tagen sehr viele Besuche zu absolvieren.

"Aber das machen wir bestimmt irgendwann einmal", versicherte Frau Krüger.

Und Frau Heumann betonte: "Mein Mann und ich freuen uns schon darauf. Schade, dass es jetzt nicht klappt."

Sieglinde lachte bitter. Mein Mann und ich! Sie würde wetten, dass Alfred Heumann überhaupt nichts von diesen Plänen wusste. Er war zweifellos der Grund, warum die geselligen Zusammenkünfte Frau Heumann ganz und gar ungelegen kamen.

Als ob sie es darauf anlegte, anderen Frauen ihre Männer wegzunehmen. Das war doch wirklich lächerlich. Aus dem Alter war sie heraus.

Sieglinde ärgerte sich einige Zeit. Dann verblasste ihr Unmut, und sie stürzte sich mit wahrer Besessenheit auf ihre Hausarbeit. Sie sah gar nicht ein, warum sie den Frühjahrsputz nicht schon im August wiederholen sollte. Das konnte ihr keiner vorschreiben.

"Wie geht’s denn hier zu", maulte Jochen jedes Mal, wenn er sie mit einer seiner Stippvisiten beehrte. Er stelzte über Wäschekörbe und Putzeimer und verzog sich noch schneller als früher.

"Willst du mir nicht ein bisschen helfen?", forderte Sieglinde ihre Tochter auf. "Das kommt später einmal deinem eigenen Haushalt zugute."

Silvia wehrte entschieden ab.

"Das muss ich noch lange genug machen. Verschone mich damit!"

"Aber sauber möchtest du es schon haben."

Die Zwanzigjährige verzog ihr hübsches Gesicht zu einer Grimasse.

"Es ist mir nie aufgefallen, dass es früher bei uns schmutzig war. Aber da hast du nicht so übertrieben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Papa einen Unterschied sieht."

Da irrte sie sich aber.

Markus Kern bemerkte den Unterschied zum ersten Mal, als er über den Staubsauger fiel, der quer hinter der Haustür stand. Er knallte mit der Stirn gegen den Schuhschrank und vergaß für die Dauer eines Fluches seine gute Erziehung.

Dass sich im Hause Kern etwas Großes tat, spürte er ganz deutlich, als er zwei Abende hintereinander durch knöcheltiefes Wasser waten musste, als er sich ein Bier aus dem Keller holen wollte. Beide Male lag es an dem Schlauch der Waschmaschine. Dass der repariert werden musste, sah er ein.

Umso unverständlicher, dass er heftig reagierte, als er zwei Tage später mitsamt dem Läufer durch den ganzen Flur schlitterte und erst durch Sieglinde aufgehalten wurde, die dabei war, auch den Fußboden unter dem Wohnzimmerteppich auf Hochglanz zu bringen.

"Was, zum Teufel, treibst du hier?", wollte er wissen, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass alle Knochen heil geblieben waren.

"Ich halte dein Haus in Ordnung", antwortete Sieglinde spitz und funkelte ihn angriffslustig an. Sie war genau in der richtigen Stimmung. Das Haar hing ihr ins Gesicht. Sie trug den Rock, den sie schon vor einem halben Jahr hatte wegwerfen wollen. Im Haus war er noch gut genug.

Markus ging dem sich anbahnenden Streit aus dem Weg. Er wunderte sich nur, warum auch unter dem Teppich gebohnert werden musste.

"Das verstehst du nicht, Papa", meldete sich Jochen, der durch den Lärm angelockt worden war. "Früher war hier alles nur oberflächlich sauber. Aber jetzt ist es porentief rein."

Er wich geschickt dem Lappen aus, den seine Mutter entrüstet nach ihm warf. Dass dafür sein Vater voll getroffen wurde, beeindruckte ihn nicht.

Markus ließ den Lappen mit spitzen Fingern auf den Boden fallen.

"Vergiss nur nicht, auch hinter den Tapeten Staub zu wischen", mahnte er.

Die größte Beachtung schenkte er den Bemühungen seiner Frau aber ohne Zweifel, als er eines Abends gegen zehn Uhr nach Hause kam und Sieglinde, mit Lockenwicklern bewehrt, beim Umräumen des Gästezimmers traf.

"Erwarten wir Besuch?", wollte er erstaunt wissen.

"Wer sollte uns besuchen? Ich fand, dass das Sofa an dieser Wand viel besser wirkt. Außerdem hatte ich die Möglichkeit, gründlich darunter aufzuwischen. Jetzt wird alles blitzblank."

Markus schüttelte entgeistert den Kopf.

"Ja, hast du denn für diese Dinge tagsüber keine Zeit?"

Sieglinde zeigte ihr unschuldigstes Gesicht.

"Ach, weißt du", sagte sie, "ohne Überstunden wird man mit dem Haushalt einfach nicht fertig."

Ob Markus diese Anspielung verstand, ließ er nicht erkennen. Dass ihm die Reinigungssucht seiner Frau missfiel, zeigte er durch ein lautes Knallen der Haustür.

Überraschenderweise ließ Sieglinde sich selbst längst nicht die gleiche Sorgfalt angedeihen wie dem Haus. Für ihr Äußeres tat sie nur noch das Nötigste. Sie sah keinen Sinn mehr darin.

Da sie fast ständig mit Putzen beschäftigt war, lief sie nur noch in ihren ältesten Sachen herum. Wenn sie zum Einkaufen ging, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich umzuziehen. Aber auch dann blieb sie weit hinter ihrem früheren Schick zurück.

Ihr fiel nicht auf, dass die anderen Frauen hinter ihrem Rücken tuschelten. Und auch der Postbote, der hin und wieder einen Einschreibebrief für Markus brachte, schüttelte den Kopf über diese Veränderung. Gerade Frau Kern hatte doch früher so attraktiv gewirkt. Trotz ihrer beiden erwachsenen Kinder.

Auch heute brachte der Briefträger einen Schwung Post.

Sieglinde wollte ihn schon, wie gewohnt, auf den Schreibtisch ihres Mannes stapeln, als sie stutzte. Nanu! Dieser Brief dort war ja an sie selbst adressiert, und er sah nicht so aus, als enthielte er die einmalige Chance, ein Lotterielos zu erstehen oder die Sammelbestellung für ein Versandhaus zu übernehmen. Die Anschrift war mit der Maschine geschrieben. Ein Absender fehlte.

Sieglinde wischte automatisch mit dem Staubtuch über die Schreibtischplatte. Dann riss sie den Umschlag auf.

Es war nur ein kurzer Brief.

"Sehr geehrte Frau Kern!", stand dort geschrieben. "Lange habe ich gezögert, Ihnen diese Zeilen zu schreiben, von denen ich auch jetzt weiß, dass sie ungehörig sind. Aber ich ertrage es nicht länger, Sie fast täglich zu sehen und Ihnen nicht sagen zu dürfen, wieviel Sie für mich bedeuten. Heute fing ich einen Blick von Ihnen auf, als Sie am offenen Fenster standen. Sicher haben Sie mich gar nicht zur Kenntnis genommen und wissen nicht, in welche Verwirrung mich dieser Blick gestürzt hat. Ich bin mir bewusst, Ihnen meine Liebe nie persönlich gestehen zu dürfen. In Verzweiflung, Ihr Ypsilon."

Sieglinde musste sich erst einmal setzen. Sie las den Brief erneut und sagte sich dann, dass sich jemand einen Scherz mit ihr erlaubte. In ihrem Alter erhielt man keine Liebesbriefe mehr.

Ohne dass es ihr bewusst wurde, trat sie ans Fenster und schaute hinaus. Herr Krüger ging wieder mit dem Dackel vorbei. Er grüßte und wurde von der krummbeinigen Clementine weitergezerrt.

Herr Krüger? Unmöglich! Den hielt sie für durch und durch fantasielos. Außerdem würde er es nie wagen, derartige Briefe zu verfassen.

Herr Neumann vielleicht?

Unsinn! Der schaute zwar den Mädchen nach, die aus der Berufsschule kamen, aber nicht einer Zweiundvierzigjährigen.

Fast täglich sieht mich der dicke Brandt vom Supermarkt, überlegte sie grübelnd. Doch der galt als Frauenfeind. Trotzdem wollte sie nun Gewissheit haben. Sie strich sich flüchtig übers Haar und wollte das Haus verlassen.

Ein Blick in den Spiegel sagte ihr, dass sie in der alten Kleiderschürze unmöglich gehen konnte. Sie sah ja fürchterlich darin aus.

Und erst die Haare! Sie musste dringend zum Friseur. Was sollte dieser Ypsilon von ihr denken, wer auch immer es sein mochte.

Es dauerte über zwei Stunden, ehe Sieglinde endlich den Supermarkt betrat und unauffällig nach Herrn Brandt Ausschau hielt.

Der Mann dienerte eifrig, als er sie begrüßte. Fast überschwänglich. Allerdings reagierte er bei den Frauen, die nach ihr kamen, genauso. Sie konnte keinen Unterschied erkennen.

Als sie an der Kasse stand, bemerkte sie einen Mann mit leicht angegrauten Schläfen, der anscheinend interessiert die vor dem Geschäft angepriesenen Sonderangebote studierte. Ihre Blicke trafen sich für einen flüchtigen Moment.

Der Fremde wandte sich hastig ab und ging weiter. Er drehte sich kein einziges Mal um.

Er sah aus wie Cary Grant in jungen Jahren, dachte Sieglinde verwirrt. Und nicht wie einer, der sich für preiswertes Kalbfleisch interessiert.

Sie ging nach Hause, wo sie überrascht feststellte, dass sie ausgerechnet die Wurstsorte gekauft hatte, die keiner in der Familie mochte. Das war ihr noch nie passiert.

Jetzt musste sie sich aber beeilen. Den Nachmittag hatte sie eigentlich ursprünglich anders verplant.

Sie kochte Kartoffelgulasch. Das ging schnell, und auf diese Weise ließ sich die ungeliebte Wurst verwerten.

Sie hätte sich gar nicht so zu beeilen brauchen. Lediglich Silvia erschien pünktlich zum Essen, und auch sie hatte kaum Zeit, sich an den Tisch zu setzen.

Immerhin musterte sie ihre Mutter und schnalzte anerkennend mit der Zunge.

"Die neue Frisur macht dich jünger", fand sie.

Sieglinde war gespannt, was Markus dazu sagen würde, aber er merkte nichts. Dafür stocherte er lustlos auf seinem Teller herum, bis ihm einfiel, dass er ja schon in der Firma gegessen hatte.

"Es kann nicht jeden Tag Steaks geben", sagte Sieglinde ärgerlich.

"Steaks würden auch nichts ändern", antwortete Markus.

Was meinte er damit? Seinen mangelnden Hunger? Oder aber ihre Ehe, die in der Eintönigkeit zu versanden drohte?

Es musste wohl tatsächlich eine andere Frau dahinterstecken. Die Klinger hatte ja gleich so etwas vermutet.

Sieglinde starrte auf die Zeitung, hinter der sie ihren Mann erriet, weil sie die Hose kannte, die darunter hervorschaute.

So eine Zeitung ist sehr dick. Und wenn man auch den Wirtschaftsteil und die Sportberichte gründlich studiert, braucht man dazu eine volle Stunde. Danach ist man rechtschaffen müde. Wer will einem das nach einem langen Arbeitstag verdenken?

Markus gähnte herzhaft.

"Gehst du auch schlafen, Murkel?", erkundigte er sich.

Warum nannte er sie nur immer Murkel? Das hörte sich so unbedeutend an.

Sieglinde hatte keine Lust, alleine aufzubleiben. Im Bett konnte sie lange nicht einschlafen. Deutlich sah sie den Brief vor sich, den sie im Laufe des Tages mindestens zehnmal gelesen hatte, und sie fragte sich, ob der elegante Herr mit den grauen Schläfen vielleicht dahintersteckte.

 

*

 

Am nächsten Morgen holte sie die Arbeit, die sie am Vortag versäumt hatte, nach. Sie trällerte einen Schlager vor sich hin und ertappte sich dabei, wie sie häufiger als nötig zum Fenster ging.

Die Männer aus der Nachbarschaft befanden sich in ihren Büros. Keiner von ihnen hatte Zeit, sich nach Frau Kern die Augen aus dem Kopf zu schauen.

Als sie den Briefträger auf seinem Fahrrad sah, durchzuckte sie ein Verdacht. Vor einiger Zeit lief ein Fernsehfilm, in dem eine ältere Frau Verehrerbriefe von einem Unbekannten erhalten hatte. Die Frau war darüber sehr glücklich. Doch zum Schluss stellte sich heraus, dass der Postbote die Briefe selbst verfasst hatte. Aus Mitleid.

Dieser Gedanke gefiel Sieglinde nicht. Hatte sie etwa Mitleid nötig? Außerdem war die Dame im Film schon mindestens siebzig gewesen.

"Was ich Sie schon lange fragen wollte, Herr Kunitz", sagte sie mit harmlosem Gesicht, als sie die Tür öffnete und die Post in Empfang nahm, "sind Sie eigentlich verheiratet?"

Der Briefträger hob abwehrend beide Hände.

"Wo denken Sie hin, Frau Kern! Ich bin ein gebranntes Kind. Zweimal war ich verlobt. Aber zum Glück habe ich beide Male noch rechtzeitig einen Rückzieher gemacht. Das wäre schiefgegangen."

"Dann fühlen Sie sich wohl manchmal ziemlich allein", vermutete Sieglinde.

Herr Kunitz lachte fröhlich.

"Nicht im Geringsten. Abends kann mir niemand meinen Stammtisch verbieten. Und welche Frau wäre schon von meiner Krötenzucht begeistert?"

"Kröten?" Sieglinde spürte, wie sich auf ihrem Rücken eine Gänsehaut bildete.

"Reizende Tiere", beteuerte Kunitz. "Und so gelehrig. Nicht um alles in der Welt gäbe ich sie her."

Sieglinde glaubte zu wissen, aus welchem Grund die Verlobung zweimal geplatzt war. Sie musste zugeben, dass sich die Leidenschaft für Kröten und Frauen wirklich nicht leicht vereinbaren ließ.

Es hätte sie gekränkt, wenn Kunitz ihr geschrieben hätte, weil er sie bedauerte.

Als sie den länglichen Briefumschlag zwischen all den anderen entdeckte, zitterten ihre Hände leicht. Dieser Mann hatte ihr schon wieder geschrieben.

Diesmal setzte sie sich, bevor sie den Umschlag öffnete. Würde der Unbekannte sein Geheimnis lüften?

"Liebe Frau Kern! Wer ist stärker als sein Herz? Ich hatte mir befohlen, nicht mehr an Sie zu denken, doch es gelingt mir nicht. Ich weiß wohl, dass Sie über meine Briefe nur lachen. Das Schlimmste ist, dass ich dieses Lachen nicht hören kann. Ich muss im Ungewissen bleiben, wie Sie über mich urteilen. Ein winziges Zeichen Ihres Wohlwollens würde mich zum glücklichsten Mann dieser Stadt machen. Leider werde ich dieses Zeichen nie erhalten. Ihr unglücklicher Ypsilon."

Sieglinde fand, dass sich das ein bisschen theatralisch anhörte. Es erinnerte sie an ein unmodern gewordenes Liebesepos.

Sie zermarterte sich den Kopf, wer in ihrem Bekanntenkreis mit einer übersteigerten Ausdrucksweise ausgestattet war. Ihr fiel nur der sechzehnjährige Sohn ihrer besten Freundin Roswitha ein, die sie aber nicht mehr gesehen hatte, seit diese mit ihrem Mann nach Süddeutschland gezogen war.

Volker war in Duisburg geblieben, um seine Lehre zu beenden. Er war ein romantischer Junge. Von Roswitha wusste sie, dass er heimlich Gedichte verfasste. Aber dass er sich in die wesentlich ältere Freundin seiner Mutter verliebt haben sollte, erschien ihr unwahrscheinlich.

Diese Möglichkeit beschäftigte sie bis zum späten Nachmittag. Sie kam zu dem Schluss, dass sie keinesfalls zulassen durfte, dass sich Volker ihretwegen quälte und womöglich seine Arbeit darunter litt. Sie wusste, wo er wohnte, und nahm sich vor, mit ihm zu reden.

Das war gar nicht so einfach. Wie sollte sie beginnen? Schließlich durfte sie den Jungen nicht in Verlegenheit bringen.

Sie wollte das Gespräch auf den nächsten Tag verschieben. Doch dann rief Markus an, dass er mit einem Kunden aus Frankreich zum Essen gehen müsse. Also biss sie die Zähne entschlossen zusammen und machte sich auf den Weg.

Volker teilte sich mit einem Arbeitskollegen eine Zweizimmerwohnung ganz in der Nähe. Er hatte also durchaus die Möglichkeit, sie jeden Tag zu sehen, wenn er das wollte.

Mit bangem Herzen stieg sie die vier Treppen hoch. Sie fürchtete sich vor der Begegnung.

Aus der Wohnung klang Musik. Richard Clayderman. Sehr gefühlvoll. Das passte zu dem Jungen. Vielleicht schrieb er gerade wieder einen Brief. An seiner ersten Reaktion würde sie die Wahrheit erkennen.

Volkers Erschrecken, als Sieglinde vor ihm stand, war nicht zu übersehen.

"Sie?", würgte er hervor und lief rot an. Einen klareren Beweis gab es nicht.

Sieglinde hatte sich die Worte genau zurechtgelegt. Da sie aber insgeheim gehofft hatte, sich zu irren, war sie nun doch etwas durcheinander.

"Deine Mutter hat mir geschrieben, Volker", behauptete sie. "Sie wäre beruhigt, wenn sie wüsste, dass es dir gut geht."

Seine Verlegenheit blieb.

"Ich – habe ziemlich lange nichts von mir hören lassen", gab er zu. "Aber es ist alles in Ordnung."

"Bestimmt?" Sieglinde sah ihn fest an.

"Bestimmt, Frau Kern. Ich kann Sie leider nicht hereinbitten. Es ist nicht aufgeräumt. Es geht zu wie in einem …"

"… wie in einer Junggesellenbude, in der eine weibliche Hand fehlt", ergänzte Sieglinde lächelnd.

"Genau so", bestätigte Volker erleichtert.

"Vielleicht könnte ich …", schlug Sieglinde vor. "Dabei könnten wir uns ein wenig unterhalten. Was hältst du davon?"

"Das ist wirklich unheimlich nett. Aber das möchte ich auf keinen Fall."

"Aber warum nicht, Volker?"

Hinter dem Jungen öffnete sich eine Tür. Ein schwarzhaariges Mädchen erschien und zeigte eine gehörige Portion Ungeduld.

"Wo bleibst du denn so lange, Tarzan?", schmollte es. Als es die Frau entdeckte, wollte sie wissen: "Wer ist denn die?"

"Meine Mutter schickt sie", erklärte Volker.

Das Mädchen brachte schleunigst den Sitz seiner Bluse in Ordnung.

"Au Backe!", sagte sie. "Ich – ich wollte sowieso gerade gehen. Bei den Hausaufgaben kannst du mir auch morgen helfen."

Sieglinde hätte im Erdboden versinken können. Sie war wütend, weil sie die jungen Menschen in eine peinliche Situation gebracht hatte.

Unsicher zwinkerte sie Volker zu.

"Ich bin schon wieder weg", sagte sie. "Ich werde deiner Mutter gelegentlich schreiben, dass hier alles in Ordnung ist. Entschuldigt die Störung." Sie hastete die Treppen hinunter.

Wie hatte sie auch nur eine Sekunde lang glauben können, dass Volker sich nicht lieber mit Mädchen seines Alters beschäftigte? Diese Briefe machten sie noch ganz verrückt.

 

*

 

Am folgenden Tag verbannte Sieglinde die beiden Briefe in die hinterste Schubladenecke. Eigentlich hatte sie sie wegwerfen wollen, es dann aber einfach nicht übers Herz gebracht.

Gegen Mittag erfasste sie eine seltsame Unruhe, die sie sich nicht erklären konnte. Erst als sie den Briefträger Kunitz hörte, wusste sie, was die Glocke geschlagen hatte. Sie wartete auf ihn.

Nur mit Mühe konnte sie ihre Enttäuschung verbergen. Diesmal war kein Brief für sie dabei.

Sie ging in die Küche und schalt sich eine Närrin. Sie benahm sich wie ein Teenager.

Um sich auf andere Gedanken zu bringen, unternahm sie einen Einkaufsbummel. Sie stellte dabei fest, dass sie die Männer, denen sie begegnete, genauer ansah als früher.

Ist es der?, dachte sie dann. Oder vielleicht der dort drüben? Er sieht nicht übel aus. Aber was bedeutete das schon? Markus ist auch noch immer ein gut aussehender Mann. Das hat seine Sekretärin vermutlich schon festgestellt.

Sie kaufte sich zum Trotz ein sündhaft teures Kleid. Markus würde es wahrscheinlich nicht einmal an ihr bemerken.

Kaum war sie wieder zu Hause, um ihre neue Errungenschaft vor dem Spiegel anzuprobieren, als es an der Tür läutete.

Sieglinde sah auf die Uhr. Halb fünf. Wer konnte das sein? Silvia hatte erst um sechs Feierabend. Jochen fuhr nach der Schule gleich zum Training. Na, und Markus überlegte bestimmt schon wieder, welche Ausrede er heute benutzen sollte, um seinen langen Dienst zu erklären.

Als sie die Tür öffnete, wurde ihr ein riesiger Blumenstrauß entgegengestreckt. Blassrosa Rosen.

Dass es das heutzutage noch gab! So hatte sie Ralf, Silvias Freund, gar nicht eingeschätzt. Sonst hatte ihre Tochter immer topmoderne Typen angeschleppt. Cool bis zu den Haarwurzeln. Nur kein Gefühl zeigen. Und nun schickte Ralf ihrer Tochter Silvia Rosen.

Sieglinde spürte ein beklommenes Gefühl. Das tat der Bursche doch nicht ohne Grund. Sollte dieser romantische Gruß etwa schicksalhafte Bedeutung haben?

Aber Silvia war doch erst zwanzig Jahre jung. Sie hatte noch nie den Wunsch geäußert, jetzt schon zu heiraten. Dann würde es in diesem Haus noch einsamer werden.

Sieglinde verabschiedete den Boten mit einem Trinkgeld und überlegte, welche Vase wohl am besten passte. Da fiel ihr Blick auf das Kuvert, das mitten in dem Strauß steckte. Es durchrieselte sie siedend heiß. Sie kannte diesen Umschlag. Zwei davon lagen bereits im Schubfach unter alten Stromrechnungen.

Sie wagte kaum, ihn zu öffnen. Als sie es endlich tat, las sie nur vier Worte: "In Liebe, dein Ypsilon!"

Sieglinde war unschlüssig. Sollte sie sich über diese Kühnheit ärgern? Oder hatte sie eher Grund, sich über diese herrlichen Rosen und das Geständnis zu freuen?

Je länger sie darüber nachdachte, umso deutlicher wurde ihr bewusst, dass ihr etwas widerfuhr, womit sie kaum mehr gerechnet hatte. Sie wurde begehrt.

Diese Erkenntnis war nicht leicht zu verkraften. Die Nachricht eines Lottosechsers hätte sie kaum stärker aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen.

Abends war wunderbarerweise die ganze Familie im Haus versammelt. Wann hatte es das in der letzten Zeit gegeben?

Die Briefe hatte Sieglinde sorgfältig versteckt. Die Blumen konnte und wollte sie auch nicht verbergen.

Jochen fielen sie sofort auf.

"Oha!", sagte er und verdrehte die Augen. "Ich glaube, Mutti hat einen Hausfreund, der ihr Blumen schenkt."

Sieglinde protestierte entrüstet, musste sich aber abwenden, um ihre Verlegenheit nicht sehen zu lassen.

Markus schielte über den Rand seiner Zeitung und brummte etwas, das sich anhörte wie: "So’n Quatsch! Eure Mutter ist eine anständige Frau."

Sieglinde war sich nicht sicher, ob dieses Urteil als Kompliment zu werten war.

"Ich habe sie ganz billig gekauft", log sie. Dabei hätte sie am liebsten geschrien: "Jawohl! Die Rosen sind von einem Mann. Und er schreibt mir jeden Tag, weil er mich offensichtlich im Gegensatz zu euch anziehend genug findet."

Natürlich sagte sie das nicht. Sie wollte keinen Ärger. Außerdem wurde ihr der Unbekannte selbst unheimlich. Es gefiel ihr nicht, dass sie gar keine Chance besaß, ihre Ansicht zu dieser stürmischen Verehrung zu äußern.

"Mutti hat auch ein tolles, neues Kleid", wusste Silvia. "Warum ziehst du es nicht an?"

O diese Quälgeister! Endlich blieben sie einmal zu Hause, und dann fiel ihnen nichts Besseres ein, als ihre Verwirrung noch zu vergrößern.

Sieglinde war froh, dass Jochen sich den Krimi im Fernsehen anschauen wollte. Damit verstummten ohnehin alle Gespräche. Nach dem Kriminalfilm folgten noch die Spätnachrichten. Danach suchten sie ihre Schlafzimmer auf.

Details

Seiten
71
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929560
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491839
Schlagworte
herz kette

Autor

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Titel: Ein Herz liegt an der Kette