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Archibald Duggan und die Rebellin

2019 116 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Archibald Duggan und die Rebellin

Copyright

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Archibald Duggan und die Rebellin

Roman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Sie wussten nicht, wie sie hieß und wer sie war, aber es sollte eine Frau sein, die die Guerillas im Urwald anführte. Und da sie ihre Macht weit überschätzten, setzten sie eine Million Pesos auf ihren Kopf aus. Archibald Duggan lernte die schöne Rebellin in La Paz kennen. Aber kaum hatte er sie gesehen, befand er sich schon in einer Kiste und wurde in die grüne Hölle Boliviens abtransportiert.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Scheinwerferkegel durchbrachen das Schwarz der Nacht. Der grelle Lichtschein huschte über tropisches Buschwerk und nackte Felsen hinweg, erfasste das Betonband der Straße und fraß sich in das Dunkel des Urwaldes hinein, der am Fuß der Anden jäh begann.

Die große Limousine glitt zwischen riesige Bäume, die über der Straße wie ein Dach zusammenwuchsen.

Plötzlich ein Krachen und Splittern. Im Licht der Scheinwerfer neigte sich ein Baum aus dem Wald, stürzte auf die Straße und lag mit zitternden Ästen vor dem Wagen. Der Fahrer trat auf die Bremse, Reifen pfiffen, die Bremsen quietschten, und der dicke Ronald Sheppard wurde vom Rücksitz geschleudert. Der Wagen fuhr gegen das Hindernis, Blech zerbarst, und Äste brachen mit hellem Knacken.

Der Fahrer und der Mann neben ihm sprangen aus der Limousine und zogen ihre Pistolen. Aber noch bevor sie im Dunkel des Urwaldes etwas erkannten, zuckten ihnen Feuerstöße entgegen.

Der Fahrer schrie röchelnd auf, fiel auf die Motorhaube, rutschte zurück, und lag in der nächsten Sekunde auf der Betonpiste, die sein Blut rot färbte. Der andere Mann wurde von Kugeln durchsiebt gegen den Wagen geschleudert, taumelte noch zwei Schritte weiter und brach dann ebenfalls zusammen.

Dumpf und vielfältig drang das Echo der Schüsse aus dem Urwald. Ein erschrockener Affe rannte weit hinter dem Wagen über die Straße und wurde von der Nacht verschluckt.

Der dicke Amerikaner, der auf dem Boden vor den Rücksitzen lag, hatte den Kopf gehoben und lauschte.

„Wir schießen jetzt den Wagen in Brand!“, rief die Frau, die in der Urwaldnacht nicht zu sehen war.

Sheppard kniete, wischte sich den Schweiß vom Gesicht und blickte durch das Türfenster auf die Grenze des Waldes, die im Widerschein des Scheinwerferlichts lag. Es war ihm, als würden ihn verzerrte Fratzen angrinsen.

Maschinenpistolen ratterten, Geschosseinschläge pochten ins Blech, und Flammenzungen leckten aus dem Dunkel.

Sheppard hatte den Kopf eingezogen. Er hörte ein Zischen, dem ein Donnern und Bersten folgte. Eine Feuerlohe zuckte aus dem Kofferraum, Metallteile spritzten in die Luft, und der ganze Wagen bebte. Sheppard wusste selbst nicht, wie er so schnell die Tür aufbekommen hatte und ausgestiegen war. Er rannte von dem Feuer weg, stolperte in den Wald hinein und sah sich auf einmal einem Mann gegenüber, der mit einer Maschinenpistole auf ihn zielte. Sheppard stieß gegen die Mündung der Waffe und hob die Hände.

„Was wollt ihr denn von mir?“, stieß er ächzend hervor.

Hinter ihm brach Holz. Er wollte noch herumfahren, aber da traf etwas seinen Kopf mit solcher Wucht, dass sich plötzlich alles um ihn herum zu drehen schien, dann wurde es für ihn Nacht.

Ronald Sheppard stürzte zu Boden, aber er merkte es schon nicht mehr.

 

 

2

Archibald Duggan wollte den Arm bewegen, aber es gelang ihm nicht. Er wurde davon munter, öffnete die Augen und sah das lächelnde Gesicht der hübschen Blondine über sich.

Es war hell in dem kleinen Zimmer. Sonnenstrahlen spielten an der Wand auf den angestrichenen Bretterwänden.

Archibald seufzte und wollte den Arm wieder bewegen, aber Janet hielt ihn mit beiden Händen fest und lachte kichernd.

„Du schläfst wie ein Bär“, sagte sie, legte sich neben ihn und hielt ihn mit Händen und Füßen fest. Die Hitze ihres Körpers ging auf ihn über.

Archibald griff nach ihren Hüften und hob sie auf. Sie lachte schrill, klammerte sich an seine Oberarme, aber es half ihr nichts. Er stellte sie neben dem Bett auf den Boden und setzte sich.

„Was hast du denn?“, fragte das Mädchen. „Er kommt vor dem Nachmittag nicht zurück, Archibald.“

„Arbeitest du nur, wenn er hier ist?“

„Nein. Er ist selten hier.“

„Na also.“ Archibald stand auf und wollte an ihr vorbei, aber sie hielt ihn fest, schmiegte sich an ihn und flüsterte: „Wenigstens noch ein paar Minuten!“

Er blickte an ihrem Kopf vorbei und sah draußen vor dem kleinen Fenster das große Plateau, umrahmt von grauen Felsen, einer großen Abraumhalde, den Stolleneingängen der Mine, und den schäbigen Hütten, in denen die Arbeiter lebten. Es waren zum größten Teil jene anspruchslosen Indios, die weder lesen noch schreiben konnten und nicht wussten, dass sie fast wie Sklaven gehalten wurden. In der Ferne leuchtete ein Gletscher zwischen den Felsen und dem stahlblauen Himmel Boliviens.

„Was hast du denn?“, fragte Janet.

Archibald schob sie zurück. Sie hatte ein schönes Gesicht, eine schmale Nase und geschwungene Brauen über hellen Rehaugen, und sie war fast so groß wie er selbst.

Janet machte sich frei, drehte sich um und ging zu einem großen Spiegel, vor dem ein Hocker stand. „Dann eben nicht“, sagte sie, setzte sich auf den Hocker und kämmte ihr langes Haar, in dem Funken zu sprühen schienen.

Archibald zog sich an, blieb dann hinter ihr stehen und fragte: „Wie viele Weiße leben ständig hier oben?“

„Ich und der Vorarbeiter.“ Sie legte den Kamm auf den kleinen, angenagten Tisch neben dem Spiegel und stand auf.

Archibald Duggan sah ihre Brüste im Spiegel und das jähe Lächeln in ihren Augen.

„Hast du Angst vor dem Vorarbeiter?“

„Er weiß sicher, dass du Abwechslung liebst“, gab Archibald Duggan zurück.

„Genau, Archi. Und er weiß auch, dass ich nicht mit ihm verheiratet bin.“ Sie ging an ihm vorbei.

Archibald Duggan blickte sich im Spiegel an. Er trug ein Buschhemd, eine Leinenhose und eine dünne, helle Jacke. Er strich sich das an den Schläfen angegraute dunkle Haar zurück, ging zu der Tür neben dem Tisch und öffnete sie. Dahinter lag Janets Büro, ein primitiv eingerichteter Raum mit einem Telefon, einer Schreibmaschine und einem Rechner, der noch mit einer Handkurbel zu bedienen war. Ein wurmstichiger Schreibtisch und ein eiserner Aktenschrank vervollständigten das Minenbüro, in dem sie praktisch die erste und einzige Kraft war.

Archibald hörte Stoff rascheln und blickte über die Schulter. Janet zog ihr Kleid auf die nackte Haut und zog sich den Reißverschluss zu.

Er ging durch das Büro und verließ die Baracke.

Der Vorarbeiter kam aus einem Stollen und über das Plateau. Er war ein wuchtiger Ire mit schrankbreiten Schultern und einem quadratischen Schädel. Er blickte Archibald böse entgegen, und Archibald Duggan wusste, warum. Er lehnte sich an die Wand der Baracke und wartete.

Der Vorarbeiter blieb vor ihm stehen und knurrte: „Wann kommt Sheppard wieder?“

„Heute oder morgen. Sicher heute.“

Der Vorarbeiter fluchte leise und blickte auf das kleine Fenster, neben dem Archibald Duggan lehnte.

In der Baracke trällerte Janet ein Lied.

„Die ist ziemlich aufgekratzt“, brummte der Vorarbeiter. „Ist sie selten.“

„Kein Wunder.“

„Was?“ Der Vorarbeiter legte die Stirn in Falten und warf die Lippen auf.

„Ach, nichts weiter.“ Archibald stieß sich von der Wand ab und blickte auf ein paar Indios, die eine Lore aus einem Stollen schoben und dem Förderband zustrebten, das vom Plateau bis über die Abraumhalde reichte.

Der Vorarbeiter drehte sich um und schrie: „Bewegt euch ein bisschen, ihr faulen Halunken!“

Die Indios reagierten nicht, weder mit Worten noch durch schnellere Bewegungen.

„Los, los, ihr Teufelspack!“, brüllte der Vormann. „Sonst mache ich euch Beine!“ Er fluchte abscheulich und ging auf die Indios zu.

Archibald schaute ihm nach, kreuzte die Arme vor der Brust und lehnte sich wieder an die Barackenwand.

Der Vorarbeiter beschimpfte die Indios noch, als er sie schon erreicht hatte, schlug einen von ihnen zusammen, packte einen anderen und warf ihn auf das Förderband. Der Indio wurde von dem Band ein Stück mitgenommen, dann sprang er herunter. Der Vorarbeiter fiel über ihn her und hieb ihm die Faust ins Gesicht, und der Arbeiter stürzte auf das Geröll, das herumlag.

Janet war aus der Baracke gekommen und sagte: „Jetzt lässt er den ganzen Dampf ab, der sich die Nacht über bei ihm gesammelt hat.“

Archibald ging über das Plateau.

Der Vorarbeiter schlug eben den dritten Indio zusammen, der offenbar nicht daran dachte, sich zu wehren.

Ein paar Frauen, alles Eingeborene, waren aus Hütten gekommen und folgten der grässlichen Szene mit unbewegten Gesichtern.

Archibald hörte hinter sich das Telefon klingeln, während sich der bullige Vormann vor ihm aufrichtete und mit dem Arm über seine Nase wischte.

„Jetzt wir zwei“, sagte Archibald. „Los, komm her!“

Der Ire begann tückisch zu grinsen, spuckte auf den Boden und stieg über die Feldbahnschiene. Archibald sprang ihn so plötzlich an, dass er überrascht wurde und keine Abwehrbewegung mehr machen konnte. Archibald Duggans Hieb traf ihn auf die Nase und ließ ihn heulend aufschreien, rückwärts taumeln und gegen die beladene Lore prallen.

Die drei Indios waren aufgestanden und traten zurück. Dem einen lief Blut aus der Nase, aber er schien es nicht zu merken.

„Ich mache dich fertig!“, zischte der Vorarbeiter, senkte den gewaltigen Schädel und rannte vorwärts.

Archibald sprang zur Seite und donnerte dem Iren die Handkante ins Genick. Der Vorarbeiter strauchelte, fing sich und fuhr herum. Und als er den Kopf hob, schlug Archibald erneut zu, traf ihn gegen das Kinn, dass es krachte, zog die Faust zurück und schlug blitzartig erneut zu. Wieder traf er den Iren ins Gesicht. Der Mann taumelte, blieb mit rudernden Armen fluchend stehen, senkte den Schädel und rannte wieder vorwärts.

Archibald krümmte sich zusammen und fing den Vorarbeiter mit der Schulter auf. Er stieß ihn zurück, setzte nach, blockte den Hieb des Iren mit dem linken Unterarm ab und setzte ihm einen Schwinger nach. Der Ire strauchelte, bekam einen Schlag auf die Nase und noch einen Kinnhaken. Archibald dachte schon, der Kerl würde umfallen, aber der senkte den Kopf und rannte wieder vorwärts. Archibald wollte zur Seite springen, stieß gegen das Geröll und konnte nicht weg. Da rammte ihm der Vorarbeiter den Kopf in den Leib. Er flog rückwärts und prallte gegen die Lore. Der Vorarbeiter senkte den Kopf wieder und kam ihm nach. Archibald ließ sich fallen, sah die Beine des Iren auf sich zukommen und hörte, wie der Kerl mit dem Kopf gegen die Lore knallte.

Der Vorarbeiter schwankte, seine Knie knickten ein, und langsam ging er zu Boden.

Archibald Duggan stand auf, schlug sich den Schmutz von der Hose und blickte auf die drei Indios, die noch immer mit unbewegten Gesichtern in der Nähe standen und nichtssagend auf ihn blickten.

Er wandte sich ab und ging zur Bürobaracke zurück, neben der Janet wieder aufgetaucht war.

„Sie haben aus La Paz angerufen“, sagte das Mädchen. „Sheppard ist nicht angekommen. Sie wollten wissen, ob er noch hier ist oder erst heute früh gefahren sein könnte. Verstehst du das?“

Archibald lehnte sich an die Ecke der Baracke und schaute das Mädchen an.

„Er hätte ungefähr gegen Mitternacht in der Stadt sein müssen“, setzte Janet hinzu. „Es gibt unterwegs auch kein einziges Haus an der Straße, in dem er geblieben sein könnte. – Verstehst du das, Archibald?“

„Das hast du schon mal gefragt. Nein, ich verstehe es nicht.Vielleicht haben sie eine Panne. Das soll ja vorkommen.“ Archibald Duggan wandte sich um und blickte auf den Buick, den er in der Stadt gemietet hatte, und der drüben neben dem Lagerschuppen stand.

„Sie wollen jedenfalls die Polizei verständigen“, sagte Janet und zuckte die Schultern. „Sie wollten noch wissen, ob sein Leibwächter mitgefahren wäre. Ich hab gesagt, sein Gorilla und der Fahrer.“

„Gorilla, hast du das wirklich gesagt?“ Archibald lächelte das blonde Mädchen an.

„Nein, natürlich nicht.“

Archibald Duggan schaute über das Plateau. Der bullige Ire stand an der Lore auf und blickte auf die Indios, die wie zu Stein erstarrt noch immer auf der Feldbahnschiene standen. Dann schleppte der Vorarbeiter sich an den Männern vorbei und verschwand im ersten Stollen.

„Wie heißt er eigentlich?“, fragte Archibald.

„Hank Wynn. – Was machen wir denn nun wegen Sheppard?“ Janet strich sich eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht. „Wir müssen doch was machen, oder?“

„Wir können ja ein Stück die Straße hinunterfahren. Vielleicht hat er wirklich eine Panne.“

„Es gibt Guerillas im Urwald, falls du davon noch nichts gehört haben solltest“, erwiderte das Mädchen.

Archibald lächelte wieder. „Davon redet man in der ganzen Welt, Janet. Warum sollte ausgerechnet ich nichts davon gehört haben. Na ja, du kannst auch hierbleiben. Ist vielleicht besser.“ Er ging zum Lagerschuppen und setzte sich in den Buick. Der Zündschlüssel steckte in der Lenksäule. Archibald drehte ihn herum und startete den Motor, der rumpelnd ansprang und eine Rauchwolke aus dem Auspuff schickte.

Janet kam über das Plateau gerannt und blickte in den Wagen. „Ich habe natürlich keine Angst, Archibald. Warte, ich sage nur Hank Bescheid, dann komme ich mit!“

 

 

3

Die Straße beschrieb einen Bogen, die Bäume wurden höher, und auf einmal reichte das Sonnenlicht nicht mehr bis auf das Betonband, das hinein in den dichten Urwald führte.

„Dort!“, rief Janet und stieß mit dem Finger gegen die Scheibe.

Archibald trat auf die Bremse und brachte den betagten Buick hinter dem ausgebrannten Wagen und dem auf der Straße liegenden Baum zum Stehen. Er tastete über seine Jacke, spürte die Pistole in der Innentasche und blickte draußen auf die dicken Baumstämme und die Lianen, die die Sicht ins Dunkel des Urwalds versperrten. Dann wanderte sein Blick zu dem ausgebrannten Wrack zurück, und er sah die Toten. Er blickte abermals rechts und links auf den Wald.

Nirgends bewegte sich etwas.

Archibald öffnete den Schlag, zog die Pistole aus der Innentasche der Leinenjacke und entsicherte sie. Er warf dem Mädchen einen kurzen Blick zu und hatte den Eindruck, als wäre sie eher neugierig als ängstlich.

„Bleib sitzen, Janet.“

„Warum denn?“ Sie öffnete die quietschende Tür und stieg aus. „Da drin bin ich nicht sicherer als hier draußen. Und außerdem, ich bin kein Kapitalist.“

„Der Fahrer und der Gorilla waren auch keine“, gab Archibald Duggan zurück, stieg aus und näherte sich dem Wrack. Die Farbe war verbrannt, das Blech hatte sich unter der Einwirkung der Hitze verbogen, und die Scheiben waren geplatzt und sahen milchig aus, großen Spinnweben gleich. Die Toten lagen ausgestreckt auf dem Boden, der eine mit dem Gesicht nach unten, der andere blickte mit seinen gebrochenen Augen in die Wipfel der Bäume, die sich über der Straße gegeneinander neigten. Im Wagen waren die Polster verbrannt und die Armaturen geplatzt. Federn sprossen aus verbrannten Stoffresten.

„Ist er mit dem Wagen verbrannt?“, fragte Janet, die sich genähert hatte und auf den Wald blickte.

„Nein, sieht nicht so aus.“ Archibald wandte sich um, blickte über die Straße und ging auf die Lianen zu, die sich bis an das Betonband schoben und an einer Stelle abgerissen auf dem Boden lagen.

„Wir sollten hier auf die Polizei warten“, sagte Janet.

Archibald drang tiefer in das Dunkel ein, sah ein paar Geschosshülsen auf dem Boden herumliegen, ein Stück Stoff und einen abgerissenen, schwarzen Knopf, den er aufhob.

Spuren zogen sich in das Dunkel hinein.

„Archibald, lass uns auf die Polizei warten!“, rief Janet von der Straße herüber.

Archibald Duggan blickte noch einen Moment in das fahle Dunkel vor sich, dann ging er zurück.

Janet stand neben dem ausgebrannten Wagen und den beiden Leichen, die Schultern fröstelnd zusammengezogen, obwohl es sehr schwül hier war. Sie rieb sich über die Oberarme mit gekreuzten Händen und sah nun doch ziemlich bleich aus. Sie lächelte verlegen und sagte: „Sie haben ihn verschleppt, was?“

„Ja.“

„Die Urwald-Lady.“ Janet lachte leise.

„Was?“

Janet ließ die Hände sinken. „Hast du das noch nicht gehört?“

„Nein.“

„Alle behaupten, eine Frau würde die Guerillas anführen, die hier irgendwo stecken müssen. Ein Schätzchen für eine Million bolivianischer Pesos!“

„Eine ganze Million?“

„Ja.“ Janet nickte. „Für ihren Kopf, ob er noch auf ihrem Hals sitzt oder auch nicht.“

„Und wie heißt sie?“

Janet hob die Schultern an. „Das weiß keiner. Sie haben noch nicht mal eine Ahnung, wie sie aussieht. Aber sie sind von ihr angerufen worden, Verfolgte wollen ihre Stimme gehört haben, sie malen Bilder von ihr, die Rebellen in den Städten. Es ist ein tolles Durcheinander um sie. Schließlich wurde sie Urwald-Lady genannt. Ihre Verehrer malten sie mit Castro-Mütze und Stern, mit langem, schwarzem Haar und großen Augen, so wie die schönsten Frauen hier aussehen.“

„Das ist schon eine Art Legende“, sagte Archibald.

„Ja, so ungefähr. Und gerade vor so etwas hat die Regierung panische Angst. Vielleicht wurde die Million Pesos deshalb ausgesetzt. Und vielleicht gibt es die Urwald-Lady gar nicht. Ich meine, vielleicht ist es nur irgendein Mädchen, das Nachrichten übermittelt, wenn es notwendig wird, und nichts weiter.“

Archibald ging zu dem Buick zurück, setzte sich hinter das Lenkrad und klappte die Tür zu.

Janet war ihm gefolgt, lehnte sich aber draußen an den Wagen und blickte herein.

„Wann kann die Polizei von La Paz hier sein?“, fragte Archibald.

„Sie müsste jeden Moment kommen, wenn sie sich ein bisschen beeilt hat. Sie werden eine Menge Fragen stellen. Gegen Ausländer sind sie doppelt misstrauisch, seit damals die Geschichte mit dem Kubaner war. – Wir hätten vielleicht in der Mine bleiben sollen.“

„Sie hätten dort am Ende die gleichen Fragen gestellt“, erwiderte Archibald. „Es ist ja auch komisch genug.“

„Was?“

Archibald blickte das blonde Mädchen an. „Dass Sheppard hier überrascht wurde. Mitten in der Nacht. Irgendwer muss ihnen doch geflüstert haben, dass es sich lohnen würde, ihn hier in der Nacht zu erwarten.“

„Die Straße führt von La Paz zur Mine“, erklärte Janet. „Und sonst an keinen anderen Ort der Welt. Wenn die Rebellen wussten, dass Sheppard unterwegs ist, dann war alles andere einfach für sie. Denn hier sind erfahrungsgemäß niemals zwei Personenwagen gleichzeitig unterwegs. Und die Lkws der Mine fahren auch nicht jeden Tag. Aber das weißt du doch alles.“

„Ja-ja.“

Janet ging um den Wagen herum, stieg ein, ließ die Tür aber offen und hängte die langen Beine hinaus. „Die lassen ganz schön auf sich warten.“

„Trotzdem“, sagte Archibald Duggan gedehnt.

„Was?“

„Trotzdem müssen die Rebellen gewusst haben, dass Sheppard unterwegs ist.“ Archibald Duggan blickte das blonde Mädchen neben sich an. „Wer wird das alles gewusst haben?“

Janet lächelte. „Ich, zum Beispiel. Und in der Zentrale des Konzerns in La Paz vielleicht ein ganzes Dutzend Menschen, oder zwei Dutzend, oder noch mehr!“

Archibald blickte wieder auf das ausgebrannte Wrack, hörte entfernte Geräusche, sah, wie sich Äste bewegten und in den Wipfeln ein Schatten von einem Baum zu einem anderen sprang.

Laut drang das Heulen einer Polizeisirene in den Wald herein.

„Die machen alles mit so viel Krach, dass sie die Rebellen niemals überraschen können“, sagte Janet und gähnte. „Bist du auch so furchtbar müde?“

„Nein.“

„Mir ist es, als hätte ich letzte Nacht noch nicht mal eine Stunde geschlafen.“

Das Heulen der Sirene wurde lauter und lauter und schallte aus dem Wald zurück.

„Die wecken die Toten auf“, sagte Janet.

 

 

4

Männer in grünen Uniformen, Helme, die weiß angestrichen waren, auf den Köpfen, tauchten auf. Ein paar kletterten mit Maschinenpistolen über den umgestürzten Baum hinweg, blieben stehen, duckten sich, und einer jagte einen Feuerstoß aus seiner Waffe über den Buick hinweg.

„Na, was hab ich gesagt?“, fragte Janet offenbar unbeeindruckt. „Die können eine Welle angeben, sag ich dir. Und die drehen einen Menschen durch den Fleischwolf, wenn sie sich einbilden, dabei könnte irgend etwas herauskommen.“

Einer der Polizisten rief auf spanisch, sie sollten aussteigen. Er machte dazu eine heftige Bewegung mit der Maschinenpistole nach der Seite.

Janet seufzte, stieg aus und hob die Hände.

Archibald öffnete den Schlag, stieg aus und schob die Hände in die Hosentaschen.

Zwei Polizisten kamen auf ihn zu, zielten mit den Maschinenpistolen auf ihn und kommandierten, dass er die Hände heben sollte.

Archibald Duggan nahm die Hände aus den Taschen und hob sie über den Kopf.

Zwei große Männer, die schwarze Anzüge und flache Hüte trugen, halfen einem weißhaarigen Sechziger über den gefällten Baum.

„Danke, danke“, sagte der Mann, befreite sich aus dem Griff seiner beiden Leibwächter und kam näher. „Ah, Mister Duggan, da sind Sie ja! – Macht euch nicht lächerlich, nehmt die Pistolen weg!“ Er winkte den Polizisten mit ärgerlichem Gesicht und schüttelte den Kopf. „Die sind zu eifrig, Mister Duggan. Entschuldigen Sie!“

Die Polizisten traten zurück und ließen die Waffen sinken.

„Die sind immer übereifrig“, sagte der weißhaarige Mann. „Die sehen in jedem einen Landesverräter, einen Guerilla, verstehen Sie.“

„Ja-ja.“ Archibald hatte die Hände sinken lassen und blickte auf weitere Polizisten, die nun über den umgestürzten Baum geklettert waren und den ausgebrannten Wagen besichtigten. Die Toten wurden fotografiert und dann zur Seite getragen.

„Hallo, Mister Milliam!“, rief Janet, die um den Wagen herumkam. „Ist das nicht schrecklich? Mister Sheppard muss entführt worden sein. In den Urwald! Stellen Sie sich nur einmal vor, mitten in die Wildnis hat man ihn geschleppt!“

Archibald blickte sie aus zusammengekniffenen Augen an, weil ihm der plötzliche Eifer und ihr Ton missfielen.

„Warum wollte er nach La Paz kommen?“, fragte der ältere Herr, ein Amerikaner, genauso wie seine beiden Leibwächter.

„Ja …“ Janet blickte auf Archibald. „Ich weiß nicht, Mister Milliam. Es war von Papieren die Rede. Und von Karten, die im Minenbüro nicht liegen.“

„Wir brauchten genauere Karten, einen Geologen und spezielle Geräte. Das alles wollte Sheppard besorgen. Hat er Ihnen das nicht am Telefon gesagt, ehe er wegfuhr?“

„Er hat mir nur gesagt, dass Sie noch nicht wüssten, ob sich die weitere Suche nach Wolfram lohnt.“

Archibald lächelte den weißhaarigen Mann an. „Das könnte Ihnen aus dem Handgelenk auch kein anderer Mensch sagen, Mister Milliam. Im Übrigen, ich bin kein Geologe, und das haben Sie und Sheppard genau gewusst, als Sie mich hierher kommen ließen. Ich hätte Ihnen niemals sagen können, ob die Zinnmine auch größere Mengen von Wolfram hergibt, ob sich das lohnt oder nicht.“

„Dann wusste Sheppard offenbar nicht über Sie Bescheid“, sagte der alte Mann grollend.

„Ist das jetzt wichtig?“, fragte Janet. „Mister Sheppard ist mit großer Wahrscheinlichkeit entführt worden, Mister Milliam!“

Der weißhaarige Mann wandte sich um und blickte auf die Polizisten, die nun in den Urwald eindrangen.

„Wer hat denn alles gewusst, dass er in der Mine ist?“, fragte Archibald.

Milliam blickte ihn an. „Davon ist wochenlang geredet worden.“

„Das wusste eine Menge Menschen“, setzte Janet hinzu. „Das hab ich doch schon mal gesagt.“

Milliam folgte den Polizisten, begleitet von seinen beiden Leibwächtern. Das Dunkel verschluckte die Männer.

„Das hab ich doch gesagt“, wiederholte Janet.

Archibald lächelte sie an, griff nach ihrem Kleid und zog sie an sich. „Sheppard ist aber überfallen worden, als er von der Mine zur Stadt wollte, mein Schatz. Und das haben nur verdammt wenige gewusst. Genaugenommen nur ich, du, der Vorarbeiter und Milliam, mit dem er gesprochen hat, bevor er abfuhr.“

Janets Gesicht wurde schmal und ernst, und sie trat zurück.

Archibald Duggan ließ sie los.

„Wer weiß, wem es Milliam alles erzählt hat.“

„Das weiß ich natürlich auch nicht. Aber Sheppard hat erst kurz vor seiner Abfahrt mit ihm gesprochen, Janet. Wenn die Rebellen von Milliam in La Paz davon erfahren haben, müssen sie ziemlich fix gewesen sein.“

„Na und?“

„Nichts weiter.“ Archibald ging an ihr vorbei und um den Wagen herum. Er blickte über die Schulter, lächelte wieder und sagte: „Langsam interessiert mich das Schätzchen, das eine Million Pesos wert ist.“

„Willst du dir das Kopfgeld verdienen?“

„Ich sagte, mich interessiert das Schätzchen. Nicht die Million Pesos.“

„Du kannst ja nach Guerillas suchen, wenn die Polizisten dich jetzt laufenlassen. Aber ich fürchte, das geschieht nicht.“

Archibald lief über die Straße, wollte in den dichten Wald hinein, aber die Polizisten, Milliam und die beiden Leibwächter kamen schon zurück.

„Rufen Sie Verstärkung, und kämmen Sie den Wald durch!“, bestimmte Milliam. „Spuren gibt es genug.“

„Wir haben schon früher Spuren gefunden und wieder verloren“, erklärte ein Polizist. „Im Urwald halten sich die Spuren nur sehr kurze Zeit, Señor.“

„Angst habt ihr, das ist alles“, knurrte Milliam. „Los, räumt das Hindernis weg, wir fahren nach La Paz!“

 

 

5

Eine Quarzlampe blendete Archibald Duggan mit jäh aufspringendem Licht.

„Was soll denn das?“, schimpfte Milliam.

Die Lampe erlosch. Archibald sah den Polizisten wieder, der auf der anderen Seite des langen Tisches vor der grauen Wand saß.

Ein paar halbhohe Schränke standen an den Wänden, ein Waschbecken mit zwei Wasserhähnen darüber und ein paar weißgrauen Handtüchern, die an Haken hingen. Stühle standen um den rohen Tisch. Das einzige Fenster des Raumes war vergittert.

Milliam lehnte neben der Tür an der Wand und sagte: „Er ist ein international anerkannter Sachverständiger und hat mit den Guerillas ganz bestimmt nicht das Geringste zu tun. Dafür verbürge ich mich!“

Der Vernehmungsoffizier schob Archibald seinen Pass über den Tisch. Er blickte auf einen zweiten Polizisten, der das Protokoll aufnahm, den Kopf hob und nickte.

„Sie werden uns unterschreiben, dass Sie sich für ihn verbürgen“, erklärte der Offizier.

„Selbstverständlich!“ Milliam kam an den Tisch. „Geben Sie her, Señor!“

„Nicht das Protokoll!“ Der Vernehmungsoffizier schüttelte den Kopf. „Wir schreiben eine gesonderte Erklärung. Eine Bürgschaft. – Señor Duggan, Sie können dann gehen!“

Archibald stand auf.

„Warten Sie, Mister Duggan, ich komme mit“, brummte Milliam. „Verdammter Papierkrieg hier! Wenn wir in den Staaten alles so genau nehmen wollten, wären wir in Papieren schon umgekommen!“

„Wir sind nicht in den USA, Señor Milliam!“

„Das merkt man.“ Milliam wandte sich ab und verließ das Zimmer.

Archibald folgte ihm. Die beiden Polizisten sprachen in dem anderen Raum noch miteinander, und Milliam sagte: „Unsere Erfahrungen und unser Geld, das haben die Halunken genommen. Jetzt würden sie uns am liebsten zum Teufel jagen!“

„Ich dachte, das wollen nur die Guerillas“, erwiderte Archibald Duggan leise.

„Das wollen sie alle. Aber die jetzt noch dran sind, wagen es nicht zu sagen.“

Das Vorzimmer war so spartanisch wie der Raum mit dem vergitterten Fenster eingerichtet. Eine Birne hing an Litzen von der Decke und verbreitete trübes Licht.

Die Polizisten kamen aus dem Nebenraum. Der Protokollbeamte setzte sich an eine alte Schreibmaschine und schrieb eine Erklärung, unter die Milliam seinen Namen setzte.

Archibald war schon an der Tür zum Flur und hatte die Hand auf die Klinke gelegt. Milliam kam ihm nach. Archibald öffnete die Tür.

„Señor Milliam!“, rief der Offizier. Archibald Duggan blickte zurück. Milliam war stehengeblieben und wandte sich um.

„Wir wollen sofort in Kenntnis gesetzt werden, wenn es sich um eine Erpressung handelt!“, sagte der Offizier. „Rufen Sie mich sofort an, wenn die Guerillas Verbindung mit Ihnen aufnehmen.“

„Natürlich.“

Archibald ging hinaus und durch den Flur. Draußen in der Stadt war es bereits dunkel. Sie stiegen eine breite Treppe hinunter, kamen durch ein riesiges Tor und hatten einen großen Platz vor sich. Ein von Scheinwerfern angestrahlter Brunnen jagte Wasserfontänen in die Luft. Autokolonnen schoben sich um den Platz. Milliams Leibwächter kamen aus dem Schatten des großen Gebäudes und warteten unten am Fuß der Treppe.

„Gehen wir etwas essen, Mister Duggan?“

Archibald zuckte die Schultern. „Warum nicht. – Sagen Sie, Mister Milliam, wer hat von Ihnen erfahren, dass Mister Sheppard gestern Abend überraschend nach La Paz zurückkommen würde?“

Milliam war schon auf die nächste Stufe der breiten Freitreppe getreten, blieb stehen und blickte über die Schulter. „Von mir? Wieso?“

„Irgendwoher müssen die Guerillas schließlich gewusst haben, dass er während der Nacht durch den Urwald kommen würde. Damit war vorher nicht zu rechnen gewesen.“

„Na eben.“ Milliam stieg die Stufe wieder herauf. „Darauf ist der arrogante Kerl da oben gar nicht gekommen. Na ja, die halten sich ja auch daran fest, die Glaubwürdigkeit der Menschen zu überprüfen, anstatt richtig was zu tun. Methoden haben die hier … Also, ich kann Ihnen sagen, wenn Sie hier länger bleiben, da erleben Sie was!“

„Ich will bestimmt nicht länger bleiben“, erwiderte Archibald. „Also, mit wem haben Sie gestern kurz nach dem Telefongespräch mit Sheppard über seine Rückkehr gesprochen?“

Milliam blickte zu seinen Leibwächtern hinunter. „Mit keinem Menschen, Mister Duggan.“

„Sind Sie sicher?“

„Was heißt sicher. Man trifft eine Menge Leute und redet viel. Ich kann mich natürlich nicht an jedes Wort erinnern. Aber direkt nach dem Gespräch …“ Milliam schüttelte den Kopf.

„Ist anzunehmen, dass die Guerillas Funk im Urwald haben und Nachrichten empfangen können?“

„Kann ich mir nicht vorstellen, Mister Duggan. Das hätten Polizei oder Armee doch längst aufgeschnappt. Sie haben es doch erlebt! Die sind so misstrauisch, die überwachen alles.“

„Haben Sie hier viele Soldaten?“

„Vor ein paar Jahren waren es zehntausend Mann. Vermutlich sind es mehr geworden, aber das weiß von uns niemand genau. – Gehen wir nun?“

„Ja. Das heißt …“ Archibald blickte auf seine Armbanduhr. „Es ist später geworden, als ich dachte, und ich bin mit Janet verabredet.“

Milliam grinste ihn an. „Hübsches Mädchen, was? Und gar nicht sehr zugeknöpft. Na ja, dann gehen Sie nur.“

Sie stiegen zusammen die Treppe hinunter und gingen zwischen den Leibwächtern zu Milliams amerikanischer Limousine, einem Lincoln, der reichlich mit Zierrat versehen war.

„Ein Anruf für Sie von der Zentrale, Sir!“, rief der Fahrer, der schon den Hörer des Autotelefons in der Hand hatte.

„Hatte Sheppard auch Telefon im Wagen?“, fragte Archibald schnell.

Milliam schüttelte den Kopf, griff in den Wagen hinein und nahm den Hörer. „Ja, was ist denn?“

Archibald sah trotz des ungewissen Lichts, wie sich die Augen des weißhaarigen Mannes verdunkelten.

„Ja, verstanden“, sagte Milliam. „Ich komme gleich.“ Er gab den Hörer an den Fahrer zurück und schaute Archibald an. „Die Entführer haben sich schon gemeldet. Sie wollen zwanzigtausend US-Dollar für Sheppard. In kleinen Scheinen.“

„Und weiter?“

„Die Bedingungen wollen sie später bekanntgeben. Zunächst sollen wir das Geld beschaffen. – Zwanzigtausend Dollar.“ Milliam schüttelte den Kopf.

„Werden Sie soviel bezahlen?“

„Natürlich. Dazu ist der Konzern sogar verpflichtet. Das steht in jedem Vertrag, den ein amerikanischer Staatsbürger abschließt, wenn er hierher kommt. Jeder Staatsbürger in einer solchen Position“, setzte Milliam leiser hinzu und hustete.

„Das wäre der Ire also nicht wert, der die Indios zusammenschlägt“, meinte Archibald.

„Wie bitte?“

„Ach, nichts. – Ja, ich muss dann gehen, Mister Milliam. Einen angenehmen Abend noch.“

Milliam nickte zerstreut und stieg in seinen Wagen. Die Leibwächter schoben sich zwischen Archibald und das chromblitzende Gefährt, Türen klappten, der Motor röhrte auf, und der Wagen schob sich davon.

 

 

6

„Da bist du ja!“ Janet öffnete die Tür strahlend weiter und machte eine einladende Handbewegung.

Archibald Duggan betrat das Zimmer. Gegen die Baracke oben in den Bergen war es ein Palast. Schwere Gardinen reichten von der Decke bis zu den Teppichen, die den ganzen Boden bedeckten. Die Möbel waren aus Kunststoffen gefertigt, die Wände grün, rot und gelb angestrichen, und an der Decke unter den Neonlampen drehte sich ein Ventilator.

Janet schloss die Tür, ging zu dem breiten Bett, auf dem eine bunte Decke lag, und setzte sich. „War es schlimm?“

„Gar nicht. Sie wissen ja mit ihrem verdammten Misstrauen selbst nichts anzufangen.“

„Haben sie viele Fragen gestellt?“

„Nein. Milliam war dabei. Die sind nicht mal darauf gekommen, dass Sheppards Fahrt von der Mine zur Stadt gestern Mittag noch unbekannt war, dass Sheppard zu dieser Zeit davon selbst noch nichts wusste. Komisch, was?“ Archibald setzte sich auf einen Stuhl und lächelte sie an.

„Ich werde das Gefühl nicht los, als wolltest du mich damit in Zusammenhang bringen, Archibald.“

„Will ich das?“ Er legte den Kopf schief und strahlte sie an.

„Es klingt so.“

„Hast du denn damit zu tun?“

„Wie kommst du denn darauf?“ Sie stand heftig auf und blitzte ihn aus ihren sprühenden Augen an.

„Milliam hat mit niemandem darüber gesprochen, sagt er. Jedenfalls nicht unmittelbar nach Sheppards Anruf. Es muss aber schnell gegangen sein, denn es ist von hier zum Überfallort weiter zu fahren als von der Mine aus. Und die Guerillas standen ja sicher auch nicht gleich an der Straße bereit.“

Janet ging aufgeregt vorbei, öffnete den Schrank, warf ihre Handtasche auf den Tisch und suchte darin nach Zigaretten. Sie war so nervös, dass sie erst zwei Streichhölzer abbrach, bis das dritte brannte. Sie hielt es an die Zigarette, rauchte aufgeregt, und lief hin und her, um schließlich am Fenster stehenzubleiben. „Na und? Rede doch weiter! Ich könnte den Rebellen also Bescheid gesagt haben, meinst du! Und wie? Soll ich sie angerufen haben? Im Urwald?“

Archibald stand auf und schob die Hände in die Hosentaschen. „Du könntest einen Mittelsmann in La Paz angerufen haben. Und das schon eine Stunde, bevor Sheppard selbst in La Paz anrief. Soviel früher stand ja bereits fest, dass er fahren würde.“

„So.“ Janet wandte sich um. „Und warum?“

Archibald setzte sich wieder und schlug das eine Bein über das andere. „Dafür kann es eine Menge Gründe geben, Janet. Zum Beispiel die Ideologie, der die Guerillas nachlaufen. Aber das ist ja sicher nicht dein Fall. – Wären noch die zwanzigtausend Dollar, die die Leute für Sheppard haben wollen.“

Sie rauchte immer noch aufgeregt und fragte ganz nebenbei: „Zwanzigtausend? Woher weißt du das?“

„Von Milliam. Er ist der nächste Mann des Konzerns hier in La Paz, und an ihn müssen sie sich schon wenden, wenn sie Geld haben wollen.“

„Ich hab aber nichts damit zu tun, verstehst du!“

„Ja-ja.“ Archibald nickte.

„Oder bildest du dir etwa ein, ich wäre die Frau, die ihnen eine Million Pesos wert ist?“ Sie kam an den Tisch und starrte ihn an. „Es gibt eine Menge Bilder von ihr, das hab ich dir doch gesagt! Sie sieht schwarz aus und hat große, dunkle Augen. Sie ähnelt mir überhaupt nicht. Nicht im entferntesten!“

„Du hast aber auch gesagt, keiner würde wissen, wie sie aussieht, und man würde sich nur einbilden oder vorstellen, sie wäre schwarz und sähe wie eine Spanierin aus.“

Janet lächelte plötzlich überlegen. „Du bist verrückt, Archibald. Du scheinst dir wirklich einzubilden, ich hätte damit etwas zu tun. Ich arbeite für den Konzern, genauso wie Sheppard, und ich gehöre so wenig wie er hierher.“

„Aber Sheppard hat Aktien an seinem Konzern. Und nicht zu knapp, hat mir Milliam verraten. Du hast sicher nichts, Janet. – Und noch etwas: Mich interessiert das gar nicht.“

„Wenn es dich nicht interessiert, wieso redest du dann soviel davon?“

„Das weiß ich auch nicht. Es hat mich eben beschäftigt.“

„Es interessiert dich!“ Janet zog an ihrer Zigarette und setzte sich. Sie blickte ihn forschend an und schien nachzudenken, und Archibald wurde immer sicherer, dass sie ihre Finger in dem Spiel hatte. Es konnte gar nicht anders sein.

„Ich fahre morgen nach Peru“, sagte er, um sie abzulenken. „Ich will damit nichts zu tun haben, verstehst du. Solche Sachen sollen die Leute untereinander austragen, die es angeht.“

„Geht es Sheppard denn an? Er ist Amerikaner!“

„Sie sind eben der Meinung, dass er hier als Ausbeuter wirkt. Und reich geworden sind hier schon ein paar Ausländer. Sie geht es an.“

„Was haben sie bei der Polizei noch gefragt?“ Janet zog noch einmal an ihrer Zigarette und drückte sie dann im Aschenbecher aus.

„Nichts.“

„Haben sie dir nicht von der Million Pesos erzählt, die sie für ihren Kopf ausgeben?“

„Kein Wort, Janet.“

Sie stand auf und sah aus, als würde sie ihm nicht glauben. „Ich lasse uns was zu essen aufs Zimmer kommen, Archibald. Wenn du morgen nach Peru willst, musst du schlafen. Und ich bin auch ziemlich müde und muss morgen in die Mine zurück.“

„Ist gut.“

Janet nahm ihre Tasche vom Tisch, schob die Schranktür zu und verließ das Zimmer. Sie kam nach zehn Minuten zurück, strahlte, warf ihre kleine Tasche auf den Tisch und sagte: „Wir bekommen gleich etwas.“

„Es hat ziemlich lange gedauert.“

„Ich habe unten einen Bekannten getroffen.“

„Kommst du oft nach La Paz?“

„Jede zweite Woche drei Tage.“

Archibald dachte an den bulligen Iren in der Mine, mit dem sie den größten Teil ihres Lebens verbrachte. Er wollte sie fragen, warum sie hier in diesem Land blieb, aber er ließ es.

 

 

7

Er erwachte irgendwann während der Nacht. Janet lag neben ihm und hatte das eine Bein angewinkelt und auf seiner Hüfte liegen.

Archibald lauschte, sah die hellen Flecke hinter den zugezogenen Gardinen und wollte sich aufrichten.

Da bewegte Janet sich, hielt ihn fest und legte sich auf ihn. „Was ist, Archi, kannst du nicht schlafen?“ Sie küsste seinen Hals und legte dann den Kopf auf seine Brust.

Er meinte den Widerschein von Licht durch das Zimmer huschen zu sehen, aber gehört hatte er nichts.

Janet hob den Kopf und schaute ihn an. Dunkel sprühten ihre Augen, und ihre feuchten Lippen lockten ihn.

„Es ist gut, wir sind da, Janet!“, sagte eine helle, barsche Stimme auf spanisch.

Janet stützte die Hände auf Archibalds Schultern und setzte sich auf ihn.

Das Deckenlicht zuckte ein paarmal, dann tauchte es den Raum in grelle Helligkeit.

Archibald und Janet blickten auf die Frau, die neben das Bett trat. Sie war sehr groß und schlank und trug ein schwarzes Kleid, das über ihren Knien endete, fast bis zum Gürtel ausgeschnitten und mit silbernen Perlen besetzt war.

Zwei Männer in dunklen Anzügen, Pistolen in den Händen, näherten sich rechts und links der Frau. Die Frau hatte schwarzes, bläulich schimmerndes Haar, ein schmales Gesicht und große, dunkle Mandelaugen mit langen, schwarzen Wimpern.

„Ist sie das?“, fragte Archibald.

„Ja, das ist sie“, sagte Janet, die immer noch auf ihm saß und die Hände auf seine Schultern stützte. „Bist du gar nicht erschrocken?“

„Nein. Ich habe zwar nicht damit gerechnet, aber erschrecken kann sie mich nicht. – Ich fahre morgen nach Peru.“

Die beiden Kerle in den dunklen Anzügen grinsten. Sie sahen wie Mestizen aus und waren sicher auch welche. Ihre Haut war dunkel getönt, sie hatten ziemlich dicke Lippen und breitknochige Gesichter.

„Oder wollt ihr mich in eure Geschichte mit reinziehen?“, fragte Archibald Duggan.

„Steh auf, Janet“, sagte die schwarzhaarige Frau, die noch keine dreißig Jahre alt sein konnte.

Janet ließ Archibald los und stand auf. Der eine Kerl packte sie, aber sie stieß ihn zurück, hob ihr Kleid vom Boden auf und streifte es über den Kopf.

„Und Sie auch“, fuhr die schwarzhaarige Frau fort.

Archibald setzte sich. „Ich fahre morgen nach Peru und komme vielleicht nie nach La Paz zurück, Schätzchen. Mich interessiert euer Spielchen mit den fremden Millionären nicht, verstehst du?“

„Helft ihm“, sagte die Frau.

Die beiden grinsenden Kerle steckten die Pistolen in die Taschen, schnappten die Decke und rissen sie mit Archibald vom Bett herunter. Er sprang auf, rammte dem einen den Ellenbogen in den Arm und donnerte dem anderen die Faust ins Gesicht.

Da bekam er von hinten eine Pistole auf den Kopf geschlagen, meinte, das Zimmer würde zu tanzen beginnen, stolperte gegen den Kerl vor sich und wurde zurückgestoßen.

Nebel schienen aus den Wänden zu kommen. Plötzlich war eine Faust dazwischen. Ein Schlag traf Archibald mitten ins Gesicht, und er meinte, etwas in seinem Kopf würde explodieren. Er strauchelte, schlug irgendwo an und stürzte zu Boden.

„Zieht ihn an“, sagte die Frau in scheinbar endloser Ferne.

Archibald sah Feuer vor seinen Augen zerplatzen, hatte wieder das Gefühl zu fallen, und verlor auf einmal das Bewusstsein.

Details

Seiten
116
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929546
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491824
Schlagworte
archibald duggan rebellin

Autor

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Titel: Archibald Duggan und die Rebellin