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Die rollende Bombe

2019 98 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die rollende Bombe

Copyright

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Die rollende Bombe

Roman von Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 98 Taschenbuchseiten.

 

Die Trucker Sam Spare und Nigel Bowle haben sich entschlossen, eine hoch explosive Fracht mit dem Truck auf der Interstate nach Cedar City im Bundesstaat Utah zu transportieren. Begleitet werden sie von Security-Angestellten. Im Vorfeld verläuft alles reibungslos. Doch dann werden Sam und Nigel unterwegs brutal überfallen. Die Verbrecher verlangen, dass die beiden Trucker ihren Nitro-Truck Richtung Phoenix steuern.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Der Wagen in der Einfahrt war fremd.

„Deine Frau hat Besuch“, griente Nigel Bowle hinter dem Steuer der kümmerlichen Rostlaube, die er für nicht mal ganze 200 Liter Diesel von ,lnstman's Car Wreck Co.' losgeeist hatte. Es gab zwei Dinge, von denen Bowie glaubte, etwas zu verstehen: Autos und Essen. Letzteres hatte ihm seinen Spitznamen „Averell“ eingehandelt — frei nach den Brüdern Dalton.

Von Frauen verstand er nichts.

Das wusste auch sein Kompagnon Sam Spare. Dennoch versetzte ihm die Bemerkung einen Stich und das Lächeln, mit dem er sie quittierte, wirkte eher gequält.

„Bis morgen dann“, sagte er im Aussteigen, „zur verabredeten Zeit...“

Bowie tippte sich an die Schirmmütze. „Ahoi!“, rief er ihm übermütig nach. „Erschieß ihn nicht gleich!“

Feinfühligkeit war nie seine Stärke gewesen und der Gedanke an ein reichliches Mahl verdrängte ohnehin alles andere. Auch die Erkenntnis, dass sein Freund in letzter Zeit verändert wirkte, nicht mehr so unbeschwert wie früher.

Hätte Bowie länger darüber nachgegrübelt, wäre der Schuldige an der Misere schnell gefunden gewesen. Frauen waren immer an allem Schuld. Es gab nur eine Sorte dieser Spezies, mit der er etwas anzufangen vermochte und das waren die käuflichen Ladies in ihren schwülen Puffs oder an den Straßen.

Bowie winkte ein letztes Mal. Dann fuhr er davon. Nicht direkt nach Hause - erst mal hin zum nächsten „Burger King“.

Sam Spare umrundete das funkelnagelneue Oldsmobile, das die Einfahrt blockierte. Das Kennzeichen stammte aus der Nachbarstadt. Ein Handwerker vielleicht...

Aber ein Blick durch die Scheibe auf den sorgfältig aufgeräumten Innenraum ließ ihn diese Idee sogleich wieder verwerfen. Auf dem klinisch sauberen Armaturenbrett lag lediglich eine noch in Plastik geschweißte Packung Zigaretten.

Sam richtete sich achselzuckend auf und marschierte weiter zur Haustür. Das Holz hätte mal wieder einen Anstrich vertragen; nicht nur das der Tür, das des ganzen Hauses. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Selbst Farbe kostete heutzutage horrendes Geld. Meist verschob er solche Anschaffungen deshalb aufs nächste Jahr. Die Geschäfte liefen schlecht. Mehr als schlecht. Der hochbrisante Auftrag, den er sich mit Nigel zusammen unter den Nagel gerissen hatte, war so etwas wie ein Tropfen auf den heißen Stein, ein Geschenk des Himmels.

Oder der Hölle, dachte Sam.

Er senkte kurz die Augen und stellte sich Angels Gesicht vor, wenn sie davon erfuhr. Sie würde vorrangig die Dollarnoten sehen; von der Knochenarbeit seines Jobs bedeutete ihr nur das etwas, was am Monatsende auf dem Konto stand. Dass er jetzt überraschend nach Hause kam, würde sie eben so wenig interessieren wie der Umstand, dass er morgen schon wieder in aller Herrgottsfrühe abrauschen musste.

Sam lächelte ohne Freude und schob den Schlüssel ins Türschloss.

Mitten in der Bewegung stockte er jedoch.

Das Stöhnen drang scharf wie ein Messerschnitt an sein Gehör, ließ ihn erstarren.

Nigels blöder Witz fiel ihm ein. Erschieß ihn nicht gleich.

Aber er hoffte immer noch auf eine harmlosere Erklärung. Der Fernseher, ein heißes Video vielleicht. Angel lieh sich so was manchmal, wenn er länger wegblieb.

Er kam sich vor wie ein Dieb im eigenen Haus, als er die Tür klammheimlich aufschloss und den Kopf in den Flur streckte. Das Stöhnen war etwas lauter geworden und jetzt fast zweifelsfrei als das von Angel zu identifizieren. Der andere laute Atem, der sich dazwischen mengte, stammte von einem Mann.

In Sam krampfte sich alles zusammen. Einen Moment hatte er das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Punkte tanzten vor seinen Augen. Aber das konnte auch an den vielen Weckaminen liegen, die er zwischendurch schluckte, um nicht einfach hinter dem Steuer weg zu dösen.

Der Job wurde immer brutaler.

Sam drückte die Tür leise hinter sich ins Schloss zurück und ging auf Zehenspitzen an der Küche vorbei. Tausend Gedanken tausend Blutrünstigkeiten zuckten ihm durch den Sinn. Die üblichen Klischees vom betrogenen Ehemann, der seine Frau mit dem Rivalen ertappte und... Sams Schädel war ein Kaleidoskop, das nach jedem Schütteln neue Bilder entwarf.

Kopfschmerzen.

Die verdammten Kopfschmerzen, die ihn seit Wochen peinigten, kamen überfallartig über ihn.

Die Geräusche wurden indes immer eindeutiger, je näher er der angelehnten Schlafzimmertür kam.

Angel, dachte Sam verzweifelt. Tu mir doch das nicht an.

Aber die Indizien waren niederschmetternd. Angel hatte Besuch. Das Auto in der Einfahrt bewies es.

Was soll ich bloß tun? dachte Sam. Der Schweiß brach ihm aus den Poren. Das Bild eines Revolvers blitzte durch sein Bewusstsein. Die Waffe lag drüben in der engen Kammer, die er für die Buchführung benutzte.

Fast mechanisch bog er vom Schlafzimmer ab und schlich an seinen Schreibtisch.

Die Waffe eine 45er Magnum, die ihm mal ein Kumpel besorgt hatte und die in der Lage war, Löcher in Betonwände zu stanzen, lag wie eine teuflische Versuchung in seiner Hand. Das Stöhnen drang bis in die Kammer. Momentan schwoll es sogar noch an.

Sams Faust schloss sich um den hellen Perlmuttgriff der geladenen Waffe. Außer zu ein paar Zielübungen im Wald hatte er die Magnum niemals benutzt.

Noch nie hatte er sie auf etwas Lebendiges gerichtet.

Als ihm das einfiel, ließ er die Waffe zurück in die Schublade fallen. Drüben schrie seine Frau. Vor blanker Wollust. Schrie, wie sie es bei ihm noch nie getan hatte.

Sam zog den Stuhl beiseite und ließ sich darauf niedersinken. Mit dem Absatz versetzte er der Tür einen Kick, damit sie zu glitt. Dann kreuzte er die Arme über dem Tisch, legte das Gesicht hinein und wartete darauf, dass die entsetzlichen Geräusche endlich verstummten.

Dass Angel und der Fremde damit aufhörten.

Wartete...

 

 

2

Cyrus Vance traf den Angestellten der „Fort Security“ auf einem mitternächtlich verwaisten Parkgelände.

„Alles okay?“, fragte Vance. Er leuchtete dem Mann mit einer mitgebrachten Lampe ins Gesicht.

„Schalten Sie das Ding aus! Bitte!“

„Warum so nervös?“ Der Ausdruck auf Vances Gesicht ging in der Finsternis verloren. Und das war gut so. Der Security-Mann, dem es nur ums Geld ging, hätte große Probleme gehabt, den Fanatismus zu verstehen, der in den Augen seines gutaussehenden, aber nicht unbedingt Sympathie erweckenden Gegenübers brannte.

„Ich bin nicht nervös! Haben Sie das Geld?“

Vance lachte und zog einen Umschlag aus der Tasche. Er leuchtete darauf.

„Wie abgesprochen“, meinte er spöttisch.

Sein Handelspartner, vermummt wie bei einer Studenten-Demo, griff zu. Die Gier, das erkannte Vance deutlich, übertraf die Skrupel und auch die Nervosität des Security-Mitarbeiters um ein Vielfaches.

Darauf ließ sich bauen. Darauf kam es an. Es war nicht einfach gewesen, den Kontakt zu knüpfen.

Vance ließ sein Ende des Kuverts noch nicht los. „Wann?“, fragte er mit plötzlicher Härte.

Die Entschlossenheit des anderen geriet wieder ins Straucheln. Vance spürte es, ohne das Gesicht richtig zu sehen. Hoffentlich hält er durch, dachte er skeptisch. Viel hing von der Verlässlichkeit dieser Marionette ab.

„Morgen“, erfuhr er schließlich. „Morgen früh geht es los. Von hier über Denton und Oklahoma City Richtung New Mexico, Arizona...“

„Die genaue Route“, unterbrach Cyrus Vance.

Ein zweites Kuvert, ein neuer vager Fleck in der Dunkelheit, tauchte auf. Diesmal von dem Security-Angestellten ins Spiel gebracht.

Vance griff zu, ohne auf Widerstand zu stoßen und ließ danach auch seinen Umschlag los.

Der Gierige konnte es nicht erwarten. Er riss den Umschlag auf und hielt die Scheine in den Lampenstrahl. „Das ist zu wenig!“, bellte er auf wie ein getretener Hund.

Vance schüttelte den Kopf. „Es ist deine Anzahlung“, stellte er richtig. „Das war nicht vereinbart!“

„Es war aber abgemacht, dass du mir ein paar Tage vor dem Start einer solchen Aktion Bescheid gibst, nicht erst die Nacht davor!“

„Es ging aber nicht anders...“ „Siehst du“, unterbrach Vance erneut, „bei mir geht es auch nicht anders. Wenn du aussteigen willst...“ Es war kein Angebot. Es war eine Drohung. Das erahnte auch sein Gegenüber.

„Nein.“

„Dann sind wir uns einig.“

Sie tauschten noch ein paar notwendige Details aus. Später setzte sich jeder von ihnen in seinen eigenen Wagen und fuhr in die Nacht davon.

 

 

3

Sam Spare wartete bereits auf der Veranda, als Nigel vorfuhr. Sein Outfit ließ zu wünschen übrig. Nigel kam es vor, als wäre sein Freund seit gestern überhaupt noch nicht aus den Klamotten herausgekommen. Er trug noch immer den bereits leicht schäbig gewordenen Jeans-Anzug, darunter ein schwarzes hauteng die Muskulatur nachzeichnendes Shirt und um den Hals ein rot weiß kariertes Tuch. Darüber hinaus baumelte der obligatorische Talisman, der Sam den Spitznamen „Manitu“ eingebracht hatte, an einer Kette. Ein Sioux-Schamane hatte ihm den magischen Stein einst geschenkt, als Dank für Sams selbstlose Hilfe bei einem Unfall im Dakota Reservat. Seither trug er ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit mit sich herum, legte ihn nicht einmal zum Schlafen oder beim Liebesspiel ab. Um nicht ständig darauf angesprochen zu werden, hatte er ihn etwas respektlos als Schlüsselanhänger zweckentfremdet und mit allerlei neumodischem Firlefanz ergänzt. Der Talisman selbst ging unter dem ganzen anderen Zierrat fast unter, aber Nigel wusste aus vielen Gesprächen, dass Sam im Grunde seines Herzens wirklich an die wundersame mystische Kraft des runenübersäten Steins glaubte.

„Mann, du siehst aus wie dein eigenes Gespenst!“, konnte er sich die Wahrheit nicht verkneifen.

Sam verstaute mit ausdruckslosem Gesicht seine Tasche auf dem Rücksitz und quetschte sich neben seinen Freund. „Schlecht geschlafen“, erklärte er kurz angebunden.

Aber da war er bei Nigel beim Richtigen. Er trat zwar gleich wieder aufs Gas, ohne Zeit zu verlieren, fand aber auch genügend Muße, den Kopf zu drehen und sich zu erkundigen: „Und?“

„Was und?“

„Das Auto gestern...“ Nigel verfiel in hexenhaftes Gelächter. „War es nun der Staubsaugervertreter?“ Es klang richtig gehässig.

Sam zuckte die Schultern. „Er hat sich mir nicht vorgestellt. Als ich reinkam, lag meine Frau schon mit ihm im Bett. Ich habe beide erschossen.“

Der untypische Ton, mit dem Sam sprach, irritierte Nigel nur kurz. Dann hieb er Sam mit der Hand auf den Oberschenkel und jauchzte: „Klar doch, old Boy. Hätte ich genauso gemacht! Ganz genauso!“

„Dacht’ ich mir...“

Nach halbstündiger Fahrt erreichten sie den Speditionshof, wo schon einiges in Bewegung war.

„Gut, dass ihr pünktlich seid“, empfing sie der Lademeister. „Die Burschen wurden schon etwas nervös.“ Sein Finger stach in Richtung der Begleiteskorte. Vier Mann in blauer Phantasieuniform. Sie hielten sich neben ihren eigenen Fahrzeugen auf, zwei Motorräder und ein blauer Pick up, der das Emblem der privaten Wachschutzgesellschaft trug.

„Was sollen wir da erst sagen?“, grollte Nigel. „Wir sitzen in dem rollenden Pulverfass!“

Sein Blick schweifte zu dem braunen Spezialtruck, der im Windschatten einer Lagerhalle stand. Wer ihn flüchtig sah, konnte ihn für einen überbreiten Baustellenlader halten, aber dieser Eindruck hielt keiner näheren Betrachtung stand. Allein die Reifen waren schon außergewöhnlich. Nicht nur was die Größe betraf, mehr noch das Material, aus dem sie bestanden und die Profilierung. Die rostbraune Panzerung erinnerte an ein militärisches Nutzfahrzeug, doch war diese Panzerung, was der Laie bei rein äußerlicher Betrachtung kaum abschätzen konnte, nicht nur von außen nach innen ausgelegt, sondern schwerpunktmäßig von innen nach außen!

Das hatte seinen Grund.

Und dieser Grund war die brisante Ladung, die Sam Spare und Nigel Bowie über den Interstate 40 von Fort Worth bis hinauf nach Cedar City im Bundesstaat Utah schaffen sollten. Den Jahresbedarf einer Minengesellschaft, die bereits dringend auf Nachschub wartete. Eine Fracht, ähnlich sensibel wie rohe Eier, nur ungleich explosiver!

„Mann, machst du heute auf kaltblütig!“ Nigel knuffte seinen Partner in die Seite. „Dich juckt es wohl gar nicht, dass nur noch ein tiefer Krater von uns übrigbleibt, wenn es zum Crash kommen sollte?“

Sam hatte auch auf den Truck gestarrt, geistesabwesend.

„Doch, doch“, murmelte er jetzt. „Aber was soll schon passieren? Du kennst doch die hundertfachen Sicherheitsvorkehrungen. Das Nitro ist in dem Ding sicherer gelagert als in Abrahams Schoß. Da müsste schon jemand selbst mit einer Bombe ran, um den Kasten hochgehen zu lassen ...“

„Toll“, knurrte Nigel. „Dein Optimismus in Gottes Ohr.“

Sie übernahmen die Papiere und wurden der Eskorte vorgestellt, alles ledige Männer zwischen 25 und 35 Jahren mit allerbestem Leumund. Nigel wusste Bescheid; er hatte selbst mal versucht, bei einem solchen Haufen unter zu schlüpfen. Absolut chancenlos. Seine Jugendstrafe für ein paar geknackte Autos hing ihm an wie eine obszöne Tätowierung, unmöglich, den Makel in diesem Leben noch einmal loszuwerden.

Neid empfand er allerdings nicht. Immerhin waren er und Sam (in Maßen, versteht sich) ihre eigenen Herren. Auch wenn sie in der Knochenmühle des Highways nie reich werden würden. Das schafften nur wenige Glückspilze. In diesen schlechten Zeiten vielleicht gar keiner mehr. Die unabhängigen Trucker nicht, und die in den großen Companies angestellten noch weniger.

„Mühsam nährt sich das Eichhörnchen“, murmelte Nigel.

„Was?“ Sam schaute ihn schief an.

„Nur so ’ne Redensart“, wiegelte Nigel ab. „Wer fährt als erster?“

„Wirf von mir aus ’ne Münze.“

„Kopf oder Zahl?“

Kragen, dachte Sam düster, wählte aber „Kopf“, gewann und durfte als erster das Steuer drücken.

 

 

4

Und das alles, dachte der kraushaarige Mann am Steuer des feuerroten Kenworth W 900, für mickrige viertausend Dollar!

Natürlich waren 4000 Dollar nicht wirklich „mickrig“, aber in Anbetracht des Aufwandes näherte sich die Gewinnspanne bedrohlich dem Nullpunkt.

Der Truck holperte mit 55 Stundenmeilen über eine Flickstelle im Asphalt. Die beiden markanten schwarzen Büffelköpfe an den Flanken der Motorhaube, von denen das offizielle CB-Handle des „Thunder“ abgeleitet war, schienen einen Satz nach vorn zu vollführen.

Der Truck rollte, von Missouri kommend, auf dem Interstate 40 kurz hinter Oklahoma City und das missfiel dem weiblichen Fahrgast, der zwischen Bob Washburn und seinem blonden Freund Jim Sherman saß, gründlich!

Der Highway schlängelte sich verkehrsreich durch eine von Industrie geprägte Landschaft. Die Schornsteine eines nahen Kraftwerks schickten blütenweiße Wolken zum Himmel; die Tücke, die sich darin verbarg, sah man ihnen nicht an.

„O Herr, lass Abend werden!“, wiederholte der dunkelhäutige Shotgun das am meisten strapazierte Stoßgebet der letzten Tage. Verstohlen schielte er zu der ebenso zierlichen wie rothaarigen Person hinüber, die zwischen zwei ausgewachsenen Mannsbildern eigentlich etwas verloren hätte wirken müssen.

Aber das war weit gefehlt.

Amy Ryder thronte auf dem Starrsitz des Beifahrers wie die berühmte Prinzessin auf der Erbse!

Aufrecht.

Unnahbar.

Zornbebend.

Jim lehnte derweil ganz rechts außen gegen die Tür und mimte die drei berühmten Äffchen in einer Person: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen! Er hatte die Stiefel an der Armaturenverkleidung abgestützt und den Stetson weit in die Stirn gedrückt. Seine Haltung signalisierte, dass er sich eisern aus allem heraushalten wollte. Darin hatte er seit Beginn der Fahrt eine unglaubliche Routine entwickelt, während Bob ständig mit Amy herumstritt.

Die beiden waren wie Feuer und Eis.

Und jetzt hatte sie gerade zum xten Mal reklamiert, dass man nicht, wie vertraglich vereinbart, auf der alten Route 66 fuhr, sondern auf dem neueren 40er Interstate, der die marode Strecke Mitte der Sechziger abgelöst hatte. Überall entlang der legendären Sixty-Six zwischen dem kalten Chicago und dem paradiesisch warmen L.A. war das heutzutage so. Bob stieg die Blässe unter die rabenschwarze Haut, als ihm klar wurde, dass er es Amy schon wieder erklären musste.

„Ich würde dir ja herzlich gern den Gefallen tun und über die Sixty-Six pflügen, aber das ist hier leider nicht drin, einfach deshalb, weil von der ursprünglichen Straße in diesem Gebiet nichts mehr übrig ist. Kein einziger Teerbrocken! Man hat alle Spuren beseitigt oder der Natur freien Lauf gelassen. Du findest im Umkreis vieler Meilen nicht mal mehr ein rostiges Schild, das auf die Legende verweist. Finde dich damit ab!“

„Wir haben ja nicht einmal danach gesucht!“, protestierte Amy, den Notebook-Computer, auf dem sie pausenlos herumhämmerte, fest zwischen ihre herrlich geformten Schenkel geklemmt.

Bob hätte längst mehr als nur ein Auge riskiert, wenn er sich nicht strikt geweigert hätte, sich ihr gegenüber eine Blöße zu geben. Verdammt, sie sah wirklich toll aus, aber das gab ihr noch lange nicht das Recht, auf seinen Nerven herumzutrampeln. Noch dazu, wo sie diesen Job mehr aus einem Gefallen heraus angenommen hatten. Nach langem gutem Zureden mehrerer Leute unter ihnen Ryland selbst. Denn mit Vertretern der „schreibenden Zunft“ hatten sie schon öfter hautnah zu tun gehabt und selten bis nie zufriedenstellend.

„Haben wir doch!“, widersprach Bob „Aber dann fing es an zu dämmern und jetzt müssen wir sehen, dass wir irgendwo Unterschlupf für die Nacht finden!“

„Aber bitte...“, setzte Amy an.

„... möglichst nostalgisch, ich weiß!“ Bob beherrschte sich mühsam. Unterkühlt schnaubte er in Jims Richtung: „Sag auch mal was! Die bringt mich noch um den letzten Rest Verstand!“

Jim reagierte nicht. Seine Atemgeräusche schienen zu beweisen, dass er schlief. Er war ein begnadeter Schauspieler.

„Verstand?“ Amy lachte. „Hörte ich gerade,Verstand?“

Bob war nahe dran, die blendend weißen Zähne ins Lenkrad zu versenken oder in das helle Fleisch unterhalb der verboten knappen Shorts, die Amys Endlosbeine ohne jede Falschheit zur Schau trug.

Eine Stimme aus dem Stetson sagte überraschend: „Bleibt friedlich, ihr beiden Sturköpfe! Bob hat Recht ausnahmsweise. Morgen ist wieder ein besserer Tag für deine Recherchen, Amy.“

Auch die hoffnungsvolle Nachwuchsreporterin schien nicht mit einer Stellungnahme aus dieser Richtung gerechnet zu haben. Jim hatte, was Streitigkeiten anging, seit Illinois geschwiegen und dies auch den ganzen Tag durch Missouri konsequent durchgehalten. Manchmal hatte es gar ausgesehen, als genieße er richtig das Scharmützel zwischen seinem Shot gun und der zahlenden Mitreisenden.

Wie es aussah, fügte sich Amy in ihr Schicksal.

Notgedrungen.

Bob steuerte einen vertrauten Truck Stop nahe der Abzweigung Rerio an, wo sie die Nacht verbringen wollten.

Von Vergangenheitsbewältigung hatte Bob die Schnauze allerdings gestrichen voll. Die Reste der alten 66er Route waren für einen heutigen Trucker, der seinen fahrbaren Untersatz liebte, eine Zumutung sondergleichen. Wo die Sixty-Six noch existierte, glich sie dem Endzeitszenario eines Mad-Max-Filmes. Von keinem staatlichen oder privaten Unternehmen mehr gepflegt, rottete sie in einem täglich schlechter werdenden Zustand dahin. Nur weil der „Thunder“ langsam fuhr und alle Klippen in weitem Bogen umschiffte, waren sie noch nirgendwo zu Schaden gekommen.

Gleich hinter Chicago, am Beginn der alten Streckenführung, wäre es aber fast passiert gewesen. Heftige Regenfälle hatten Passagen der rissigen Asphaltdecke so stark mit Wasser gefüllt und die Tücken kaschiert, dass der Kenworth ums Haar mit den Vorderrädern in einen riesigen Spalt gesackt wäre. Im letzten Moment hatte Bob das Steuer herumreißen und die Gefahr bannen können.

Von da an war er auf der Hut gewesen und bei Regen weigerte er sich sogar prinzipiell, auf der oft nur von Idealisten mit losem Kies gestopften Piste weiterzufahren.

Seitdem lag er in ständigem Clinch mit Amy, die die Auffassung vertrat, für ihr Anliegen teuer genug bezahlt zu haben. Besagte 4000 Dollar nämlich, zwei im voraus, zwei nach Beendigung des Nostalgie-Trips, der ihr Ruhm, Ehre und eine Dauerberücksichtigung beim „American Trucker Magazine“ bescheren sollte.

„Hunger!“, knurrte Bob, als die Lichter der Anlage endlich in Sicht kamen. „Schlaf ...“

„Sex!“, vollendete Amy abfällig.

„Ihr Männer seid doch alle gleich - wie die Tiere ...!“

 

 

5

„Wyatt... wiederholte der beinlose Golf-Veteran hinter dem schmuddeligen Verschlag. Seine von Alkohol getrübten Augen versuchten kurz, den Mann im Schein der 25-Watt-Birne zu fixieren. Doch er war viel zu fahrig, um die Augäpfel stillzuhalten. „Ihre Schwester erwartet Sie bereits. Zimmer achtzehn. Linker Flügel. Er klappte das Buch mit der Belegungsliste zu, erschlug beiläufig eine Baby-Kakerlake, die sich an den Krümeln eines Donuts gütlich tat, und stakste dann zu seinem zerfledderten Sessel zurück, in dem er schon vor Cyrus Vances Eintreten gekauert hatte.

Vance wandte sich ab und trat ins Freie. Die Nacht war klar. Alle Regenwolken hatten sich zwischenzeitlich verzogen. Ein funkelndes Firmament spannte sich vielversprechend von Horizont zu Horizont.

Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr die kurze Allee entlang. Dabei zählte er die Nummern an den Türschildern ab.

Die Achtzehn lag im Schatten eines mächtigen Baumes. Das Außenlicht brannte.

Vance stellte den Motor ab und stieg aus. Auf das vereinbarte Klopfzeichen wurde die Tür so rasch geöffnet, als hätte die ganze Zeit jemand dahinter gewartet.

Eine dunkelhaarige splitterfasernackte Frau zog Vance ins Innere des Motel-Rooms und fiel ihm in die Arme. Wäre sie wirklich, wie ins Gästebuch eingetragen, seine Schwester gewesen, der ganze Vorgang hätte als höchst inzestuös bezeichnet werden müssen. Aber die vorgeblichen Familienbande waren so falsch wie der Name Wyatt, unter dem Donna logierte.

Als sie ungeduldig an seiner Kleidung zu zerren begann, befreite er sich aus ihrer Umklammerung. „Dafür, fürchte ich, haben wir jetzt keine Zeit mehr!“

Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Das Schummerlicht der Nachttischlampe zeichnete weich die Konturen eines von der Natur reich beschenkten Körpers nach. Die Brustwarzen waren keck auf Vance gerichtet und hatten sich die ganze Zeit hart durch sein Hemd gebohrt. Der Schmuckstein in ihrem Nabel glomm grünlich wie ihre Augen.

„Keine Chance, dich umzustimmen?“ Ihr Atem streichelte über sein Brusthaar, nachdem sie sein Hemd einfach auseinandergerissen hatte. Knöpfe flogen durch die Luft.

„Keine“, sagte er bedauernd. „Stehen die anderen bereit?“

„Sie warten auf dein Zeichen.“ Ihre Lippen glitten über seine Haut. Sie züngelte dabei wie eine sündige Schlange.

„Bei Adam und Eva hättest du Karriere gemacht“, lachte Vance. Sie wusste, wie sie ihn zu nehmen hatte und er wusste, dass sie es wusste.

„Wir brauchen ja nicht dabei einzuschlafen“, flüsterte sie. „Aber ich brauche das jetzt dringend. Wer weiß, wann und ob wir überhaupt jemals wieder dazu kommen...“

Da hatte sie Recht.

„Okay“, sagte Vance. „Generalprobe für deinen späteren Auftritt. Fünf Minuten...“

Aber nach fünf Minuten fing der Spaß erst richtig an.

Eine halbe Stunde später trafen sie sich, züchtig bekleidet, mit ihren Komplizen in einem anderen Motel Zimmer.

Donna glühte noch nach.

Sie führte die Debatte mit dem größten Eifer von allen und war ein Phänomen selbst für Vance, der sie nun schon seit einer kleinen Ewigkeit kannte.

Ein Mensch, der ihr nur flüchtig begegnete, hätte nie vermutet, dass dieses anmutige Geschöpf bereit war, zur Durchsetzung seiner Ziele eiskalt über Leichen zu gehen. Auch über die eigene. Seit Wochen lebte Donna nur noch für ein Ziel.

Wie Vance.

Deshalb war es nur folgerichtig, dass sie sich den mit Abstand mörderischsten Part bei diesem Selbstmord-Unternehmen verordnet hatte...

 

 

6

„Hör dir das an.“ Bob segelte heran, mit einem Päckchen Peanuts und der neuesten Tageszeitung beladen.

Jim und Amy, die über der Speisekarte brüteten, blickten synchron auf.

„Eine Organisation namens Peace Squad hat ein Schreiben an die New York Times gerichtet, in dem sie eine spektakuläre Aktion gegen den Rüstungswahnsinn ankündigt. Man will ein ,Fanal' entzünden, das weltweit Beachtung findet.“

„Was für Herzchen.“ Jim schüttelte den Kopf. „Manchmal frage ich mich, wohin es noch führt, wenn neuerdings jeder Psychopath unter dem Deckmäntelchen des Heilsbringers oder Friedens-Gurus die Welt in Brand stecken will.“

„Die Sorte gab’s doch schon immer“, behauptete Bob, an Amy gewandt, fügte er hinzu: „Darüber solltest du mal schreiben. Das gäbe was her. Mehr jedenfalls als eine Legenden zerfressene Route...“

„Ich habe nie erwartet, dass ihr mich versteht“, erwiderte Amy. „Ihr habt ja überhaupt keine Ahnung.“

„Hört, hört“, grinste Bob „Wir sind ja auch nur zwei doofe Highway-Cowboys.“

Jim legte die Speisekarte beiseite. „Ich nehme ein Chicken, schön knusprig...“

Amy packte die Gelegenheit beim Schopf, auch an ihrer schlechten Laune teilhaben zu lassen. „Da freut sich die Gesundheitsbehörde“, lästerte sie.

„Wieso?“

Sie beugte sich zu Jim hinüber, dass tiefere Einblicke in die Welt unter ihrer Bluse unumgänglich wurden. Hinter vorgehaltener Hand wisperte sie: „Salmonellen!“

So wie sie es sagte, klang es wie etwas Unanständiges.

Jim griff sich erneut die Karte und ließ suchend den Blick darüber schweifen. „Wo steht das?“, fragte er scheinheilig. „Muss ich glatt übersehen haben. Habe schon viel darüber gehört und wollte es auch schon immer mal probieren. Teuer?“

Bob explodierte fast vor unterdrücktem Lachen.

Amy lief ketchupfarben an, schnappte nach Luft für einen saftigen Kommentar, wurde nicht fündig und schmollte statt dessen stumm vor sich hin, bis die Kellnerin mit dem Block erschien. CINDERELLA stand auf dem Sticker an ihrer Schürze. Die wasserstoffblonde hochtoupierte Frisur wurde mühsam von einer bunten Spange gebändigt, in die der Name des Motels eingraviert war: Dust Bowl „Staubschüssel“.

Vielversprechend klang das wohl in Anlehnung an die verheerenden Sandstürme, die die Great Plains von Oklahoma im April ’35 heimgesucht hatten, nicht gerade.

„Hi, Cindy, die Lady hier möchte eine Portion Salmonellen“, polterte Bob auch schon los. „Sie schwärmte gerade ausgiebigst davon, vielleicht nehm’ ich dasselbe...“

Jim reagierte am schnellsten auf das bedrohliche Stirnrunzeln der Truck-Stop-Angestellten.

„Schattenmorellen“, korrigierte er mit Sie-müssen-ihm-das-nachsehen-Miene. „Amy wollte Schattenmorellen mit Sahnehäubchen bitte...“

Amy verfärbte sich erneut. Cinderellas Blick wurde steinern. „Haroooold!“, trompetete sie in Richtung einer offenen Tür, die zu den Toiletten oder sonst wohin führen konnte. Als keine sofortige Reaktion erfolgte, wiederholte sie ihren Ruf mit einer Schärfe, die einige Stammgäste dazu verleitete, sich zu ducken.

Schlagartig erstarben alle Gespräche, selbst die Jukebox verstummte nach einem Stiefeltritt und die Augen der Anwesenden richteten sich ausnahmslos auf das helle Türviereck, aus dem Dampfschwaden strömten.

In die jähe Stille drang ein bedrohlich anschwellendes Rumoren; die Gläser auf den Tischen begannen zu zittern und, wie von einer Bebenwelle erfasst, gegeneinander zu klirren. Selbst die Temperatur schien um einige Grade zu fallen...

Dann erschien Harold.

In der Tracht eines Mannes, der nicht ganz zu wissen schien, wo seine größeren Talente verschüttet lagen: als Koch, Metzger oder schlicht als der geborener Rausschmeißer.

Das Skelett dieses Allround-Wunders wuchtete seine drei bis vier Zentner durch die Gegend, ohne sich dabei von überflüssiger Muskulatur einengen zu lassen.

Fett pur geriet in unaufhaltsame Bewegung.

Selbst Bob stöhnte leise auf. Derweil schlurfte Harold wie eine wandelnde Götterspeise auf ihren Tisch zu. Sein gestreiftes Hemd spannte sich prall über der Masse, die auch von den zirkuszeltgroßen Hosen kaum zu fassen war. Beine wie Säulen ließen den Boden bei jedem Tritt mitschwingen. Schweiß lief in Bächen über sein feistes gerötetes Gesicht, wo Nase und Augen unter wogendem Fleisch zu verschwinden drohten. Nur die scharlachrote Warze, die ganz vorn auf der Nasenspitze prangte und wesentlich dazu beitrug, dass die beschlagene Hornbrille ihren Halt fand, ragte noch wie der rote Punkt eines Feuermelders hervor. Die traurigen Hängebacken hätten jedem Pittbull zur Ehre gereicht...

Cinderella wartete erstaunlich geduldig, bis Harold endlich heran war und vor dem Vierertisch auspendelte, dann klärte sie ihn über den eigenwilligen Humor ihrer Gäste auf.

„Wer seid ihr Komiker? Doch keine Okies, oder? Etwa von der Gesundheitsbehörde...?“

Harolds Stimme klang geradezu sensationell sanftmütig.

Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Backe und schüttelte ihn im gleichen Atemzug über den Tisch.

Jim und Co. duckten sich. Harold knetete seine Fäuste in Erwartung einer Antwort, die ihm den Einsatz dieser „Heilsbringer“ erlaubte.

Selbst Bob, der mit Sicherheit der Beweglichere und damit wohl Sieger in einer Auseinandersetzung geblieben wäre, war auf eine direkte Konfrontation nicht unbedingt versessen, die aber unumgänglich zu werden schien.

Doch dann schritt Amy, überraschend für alle Beteiligten, ein. Mit einem jovialen Lächeln erhob sie sich vom Stuhl und trat unerschrocken in den direkten Dunstkreis des Kolosses. Für den Betrachter sah es aus wie ein Zusammentreffen zwischen zarter Erdschönheit und grässlich mutiertem Alien aus dem All...

Harold schnaubte.

Plötzlich hielt Amy einen Ausweis in den Fingern, mit dem sie Harold stoppte.

Cinderella trat neugierig hinzu.

American Trucker Magazine stand auf dem eingeschweißten Karton. Redaktion Gourmetführer.

Harold konnte lesen. Das war der Silberstreif am Horizont dieses elenden Tages.

„Wollt ihr mich verscheißern?“, grollte er dennoch oder gerade deshalb in Richtung der schwarzweißen Trucker-Eintracht. „Gourmetführer... das ATM macht keinen solchen Schwachsinn!“

„Noch nicht“, nickte Amy selbstbewusst. „Aber es ist in der Planung. Ein Führer, in dem alle Truck Stops Amerikas entlang des Interstate-Netzes aufgeführt werden sollen. Ich bin nur eine von Dutzenden Prüfern und Prüferinnen, die ausgeschwärmt sind, um eine bestimmte Route auszuloten und die Sterne zu vergeben...“

„Und was soll das für eine Route sein?“, fragte Harold immer noch eher dumpf ungläubig.

„Die alte Sixty-Six entlang“, antwortete Amy zögernd, als fürchtete sie, erneut auf wenig Gefallen an alten Mythen zu treffen.

Aber das war ein Trugschluss. Unvermittelt nahm Harold eine entspannte Haltung ein. Seine ganze Drohgebärde verpuffte wie die Luft aus einem undicht gewordenen Ballon und Cinderella, die hinter ihm stand, trat rasch einen Schritt vor, um sich tröstend an seinen Arm zu schmiegen.

Und plötzlich strahlte Harold übers ganze Gesicht wie ein überfüttertes Honigkuchenpferd. Das Thema „Sixty-Six“ schien eine verborgene Saite in ihm zum Klingen zu bringen.

Jim, der das Ganze aus dem Hintergrund verfolgte, empfand, wie schon öfter auf der gemeinsamen Tour, eine ziemliche Portion Respekt vor dieser jungen selbstbewussten Frau. Sie verfolgte ihre Ziele zielstrebig und das war legitim, solange sie anderen nicht damit schadete. Schon das Abkommen, das sie mit ihr getroffen hatten, sprach dafür, dass Amy ihren Weg machen würde. Die Story für das ATM war eine große Chance, die sie um jeden Preis nutzen wollte. Deshalb verzichtete sie völlig auf das vereinbarte Honorar. „Stilecht“ wollte sie die 66er Route zurücklegen, wie Trucker es vor fast dreißig Jahren das erste Mal getan hatten.

Spurensuche.

Off-Road-Archäologie.

„Kommen Sie“, forderte Harold die junge Journalistin nach kurzem Überlegen auf. „Ich zeige Ihnen was.“

Amy erhob sich.

Jim und Bob wollten ihr mechanisch folgen, aber Cinderella verbaute ihnen entschlossen den Weg. Mit erhobenem Zeigefinger schüttelte sie den Kopf. „Das geht nur Harold und die Kleine etwas an.“

Die „Kleine“ verschwand bereits mit dem „Großen“ in der Tür, ohne dass Amy eine Lanze für ihre Chauffeure gebrochen hätte. Sofort lebten an den Tischen die Gespräche wieder auf.

Bob öffnete den Mund zum Protest, aber Cinderella kam ihm zuvor.

„Und jetzt“, sagte sie, weder freundlich noch wohlwollend gestimmt, „zu dem von euch favorisierten Gericht...“

 

 

7

„Eine rollende Bombe“, unkte Nigel etwa zur gleichen Zeit an anderer Stelle.

Er machte sich gerade über sein mitgebrachtes Fresspaket her und bewältigte dabei die Navigation des utopisch aufgemotzten Trucks fast nebenbei. Vor ihm auf dem Schoß lag das Kartenmaterial, beschwert mit einem angebissenen Doppel-Wopper.

„Diesmal sind die Kröten hart erkämpft, wenn wir im Ziel eintreffen. Wie sind die bloß auf uns gekommen...?“

Er wusste es genau, ließ es sich aber gern öfter mal bestätigen. Und nervte damit in Ermangelung eines verfügbaren anderen Opfers seinen Kumpel.

Er und Spare hatten bei der Army eine Spezialausbildung für den Transfer von Gefahrenstoffen genossen und sogar mit Auszeichnung bestanden. Keine einfache Sache, aber auch nichts, womit sich im Alltag die dicke Kohle verdienen ließ. Dafür gab es zu viele Ex-GIs, die sich als Trucker den Hals über Wasser zu halten versuchten. Dumping-Preise beim Transport von Gefahrengut gehörten dadurch leider allzu oft zur Tagesordnung. Lukrative Sonderaufträge wie dieser Sprengstofftransport eher in die Kategorie Seltenheit. Die meisten Unternehmen, die Risikofracht zu bewegen hatten, verfügten ohnehin über eigene Fahrzeuge und Fahrer.

Spare ging nicht auf ihn ein. Einmal mehr schwieg er sich hinter dem Steuer aus.

„Welche Laus ist dir bloß über die Leber gejoggt?“ Nigel verstand die Welt nicht mehr. Der Trauerkloß neben ihm in der großräumigen, mit High Tech vollgestopften Fahrerkabine war nur noch ein Schatten des früheren Sonnyboys, mit dem er manche lustige Nacht durchgezecht hatte.

Nicht allein die Zeiten änderten sich nachteilig, auch Sam tat dies. Nur der Grund war Nigel nicht offenbar.

„Klappe!“, verlangte „Manitu“ Spare, die Augen starr auf die Frontscheibe gerichtet, feine Schweißperlen in den Augenbrauen. „Konzentriere dich auf die Strecke oder den Schrott, den du gerade wieder in dich hineinstopfst, aber gib Ruhe!“

Es dämmerte bereits.

Im Cockpit herrschte grünliches Zwielicht, verursacht von den oszillierenden Anzeigen, die das Spezielle Armaturenbrett übersäten und für einen Laien ein Buch mit sieben Siegeln darstellten.

Nigel war stolz darauf, dass er die Skalen und Zeiger zu deuten vermochte. Er und Sam.

Stolz war so ziemlich das einzige, was ihre Army-Zeit überdauert hatte.

„Sag den anderen Bescheid, dass unser Etappenziel gleich in Sicht kommt“, verlangte Spare, ohne den Blick vom Highway zu nehmen. „Noch fünf Meilen bis Waynes Saloon.“

Nigel biss ein letztes Mal zu, schluckte, ohne zu kauen, nickte und faltete die Reste im Papier zusammen. Dann griff er sich das Mikro des CB-Radios und nahm Kontakt mit der Begleiteskorte auf.

Die beiden Motorräder fuhren voraus, der Pickup hielt sich dicht hinter dem Spezialtruck. Die Vorausfahrenden signalisierten sofort mit Handzeichen, dass sie verstanden hatten. Der Helmfunk funktionierte problemlos, wurde aber kaum genutzt, da man sich nicht viel zu sagen hatte. Die Jungs vom Begleitschutz waren ein Verein für sich; sie hielten sich für ein auserwähltes Völkchen hart und clever, den Normalsterblichen haushoch überlegen. Nach einem kurzen Konversationsversuch war dies bereits klargeworden; seitdem begnügten Nigel und Sam sich damit, unter sich zu bleiben. Auch wenn dies in Sams momentaner Verfassung nicht gerade die leichtere Wahl war.

Wenig später erreichten sie den Truck Stop, der in ihrem exakt ausgeklügelten Routenplan als erster von insgesamt vier Aufenthalten bis Cedar City, Utah, eingezeichnet war.

Der nächste Ort hieß Shamrock und ein Kleeblatt war auch das Wahrzeichen von Waynes Saloon; darunter zwei wie Säbel gekreuzte Colt Peace maker und inmitten des vierblättrigen Symbols ein stilisierter Totenschädel.

Die beiden Trucker kannten den Besitzer. Sie verkehrten hier, wann immer es ihr Job erlaubte und sie mit Fracht nach Südwesten unterwegs waren.

Details

Seiten
98
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929539
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491822
Schlagworte
bombe

Autor

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Titel: Die rollende Bombe