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Zu hoch gepokert, Jim!

2019 124 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Zu hoch gepokert, Jim!

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Zu hoch gepokert, Jim!

Roman von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Die beiden Trucker Jim Sherman und Bob Washburn versuchen, sechs Mexikaner vor ihren gnadenlosen Jägern zu retten. Unter ihnen befindet sich auch die hochschwangere Julia, deren Wunsch es ist, ihr Kind auf amerikanischer Seite zur Welt zu bringen.

Tarango, ein gefährlicher und korrupter Cop, ist ihnen auf den Fersen.

So wird dieser Trail zur US-Grenze eine Wettfahrt mit dem Tod …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Jim Sherman und Bob Washburn - Verzweifelt versuchen sie, die sechs Mexikaner vor ihren gnadenlosen Jägern zu retten. Der Trail zur US-Grenze wird zur Wettfahrt mit dem Tod ...

Jesus Tarango - Der gefährlichste Mann aus der Killermeute der mexikanischen Schlepperorganisation zeigt seine ganze Grausamkeit, als ihm die beiden Trucker Peewee und Kane in die Hände fallen ...

Old Bench - Ein uralter Digger, der in einer Geisterstadt inmitten der Wüste haust. Und noch älter als er selbst ist seine „Geheimwaffe“, die beim Kampf gegen Tarangos Killer eine entscheidende Rolle spielt ...

Carla Sue Sherman - Sie fällt beim Versuch, Jim und Bob aus ihrer furchtbaren Klemme zu helfen, skrupellosen Kidnappern in die Hände ...

Nolan Curtis - Der „Hai“ reagiert knallhart und entschlossen auf Carla Sues Entführung. Doch nur aus eiskalter Berechnung ...

 

 

 

1

„Bald kocht die Kiste.“ Peewee sagte es mit schadenfrohem Grinsen.

„Eher kriegst du heiße Ohren“, entgegnete Jim Sherman, ohne den Blick von der hitzeflirrenden Wüstenstraße zu wenden. Er grinste ebenfalls, und dieses Grinsen brachte den Schmuggler ins Schwitzen — obwohl die Klimaanlage immer noch funktionierte. Das schmale Band aus Steinpflaster, das die Riesenhaube des Kenworth in sich hineinfraß, musste noch aus dem letzten Jahrhundert stammen. Der Caterpillar-Motor wummerte verhalten bei 1000 Umdrehungen. Feine Sandschwaden stiegen beiderseits der Steinpiste auf. In den Spiegeln schien der Peterbilt, der dem Kenworth folgte, zu tanzen — von Sand und Sonnenglut in Bewegung gebracht.

Das satte Geräusch der Maschine wurde jäh zerhackt. Harte Schläge mischten sich hinein. Reflexartig trat Jim auf die Bremse, kuppelte aus. Peewee schrie und riss die Hände vor das Gesicht, warf sich zur Seite und rutschte nach vorn, vor Bob Washburns Sitz.

Sandfontänen stiegen weit vor den Büffelhörnern des Trucks auf. Fast mannshoch. Und sie wanderten seitlich der Straße heran - in rhythmischem Abstand, wie von einem Uhrwerk getrieben.

Jims Fäuste lagen auf dem Lenkrad, das im Leerlauf leicht vibrierte. Er schüttelte ungläubig den Kopf und blinzelte. Aber das Bild wurde nicht klarer. Weder seine Augen noch sein Gehirn konnten unter der mexikanischen Hitze gelitten haben.

Schon in hundert Yards Entfernung ließen die sengenden Sonnenstrahlen die Landschaft zu einem flirrenden, unentwegt kochenden Brei aus Sand und Granitfarben verschmelzen, in den die altertümliche Straße mündete. Kandelaberkakteen, wie von einem Maler hingetupft, standen in der sandigen Weite. Undeutlich erhob sich eine Felsformation. Und diese verdammten Schläge hörten nicht auf.

Schüsse!

Jim konnte sich nicht entsinnen, jemals so sonderbar klingende Schüsse gehört zu haben. Seine Zweifel wurden jedoch fortgewischt, als die Sandfontänen nahe vor dem Kenworth über das Steinpflaster marschierten.

Ein Querschläger schrillte.

Peewee, in den Bodenraum geduckt, schrie von Neuem.

Die zuckenden gelben Fontänen erreichten die andere Straßenseite.

„Es muss an deinem schlechten Gewissen liegen“, brüllte Jim gegen den Lärm an. „Sonst hättest du nicht so schnell die Hosen voll.“

Der Schmuggler verstummte.

„Hosen voll?“, heulte er im nächsten Moment vorwurfsvoll. „Da schießt einer mit einer gottverdammten Flak auf uns. Wir sind hier in Chihuahua, Mann!“

„Danke für den Hinweis“, knurrte Jim. „Was es auch ist, und wer es auch ist - er hat nicht vor, uns in Stücke zu hämmern. Einen Schuss vor den Bug nennen die Sealords so was.“ Er zog die Feststellbremse an und stieß die Tür auf. Ein Schwall heißer Luft wehte in das klimatisierte Fahrerhaus.

„Bist du wahnsinnig?“, kreischte Peewee. „Hast du eine Ahnung, was für Kopfprämien hier gezahlt werden?“

Die Schüsse hörten auf.

„In deinem Fall dürfte wohl nur der Gegenwert einer Ratte drin sein.“ Jim lachte rau. „Rühr dich nicht vom Fleck, Amigo!“ Er schlug die Tür zu.

Der Thunder schickte seine satte und beruhigende Bassstimme in die Weite der Wüste. Jim wandte sich halb um und gab Bob ein Zeichen, zu bleiben, wo er war. Der schwarze Riese stieß den Daumen über dem Lenkrad des Peterbilt hoch. Seine Zähne blitzten, als er grinste. Kane, Peewees Kumpan, sollte keine Morgenluft wittern. Denn sobald die beiden Halunken auf sich allein gestellt waren, würden sie garantiert auf dumme Gedanken kommen.

Die Leute im Sattelauflieger des roten Büffels verhielten sich ruhig. Ihre Stunden und Tage bestanden aus Angst, nichts als Angst. Jim klopfte mit der Faust an die Aluminiumhaut des Kastens, um sie zu beruhigen.

Dann setzte er sich in Bewegung. Vorbei an der gewaltigen Hitze, die die mächtige rote Haube des Kenworth ausstrahlte. Vorbei an dem Bild des Büffels, das auf dem leuchtend roten Lack der Haubenflanken prangte. Jim trat hinaus in die Schutzlosigkeit der Sonnenglut. Das tiefe Dröhnen des Caterpillar begleitete ihn, als wollte er ihm den Rücken stärken.

Wenn Peewee recht hatte, wenn dieser unsichtbare Schießer ein Prämienjäger war - nun, dann konnte dies das lausige Ende aller Highways sein.

Der hochgewachsene Trucker zog den breitkrempigen Stetson ein Stück tiefer ins Gesicht. Die Sonne blendete trotzdem. Die feinen Sandkristalle reflektierten das gleißende Licht erbarmungslos wie ein riesiger Spiegel. Jims Stiefel schlugen einen einsamen Takt auf den Steinen. Das Motorengeräusch blieb immer weiter zurück. Der Trucker hakte die Daumen in die Taschen seiner Lederweste. Die Sonne brannte durch den Stoff seines buntkarierten Hemds und der ausgebleichten Jeans.

Aus dem kochenden Glutbrei schälten sich mehr und mehr die Umrisse der Felsformation. Ein riesiger, zerklüfteter Schildkrötenbuckel, der sich da aus der Einsamkeit der mexikanischen Wüstenlandschaft erhob.

Jims Muskeln waren gespannt. Jeden Sekundenbruchteil konnte es geschehen. Ein Krachen und ... nein, wahrscheinlich sah er nur noch den Mündungsblitz. Dieser heimtückische Schießer schien seine Erfahrung zu haben. Jim ließ dennoch kein Zögern in seinen Schritten erkennen.

Im Grunde hatte Peewee recht. Hier, im Grenzland des mexikanischen Bundesstaats Chihuahua, waren Schmuggler wie Kane und er ein gefundenes Fressen für zweibeinige Wölfe, die sich auf ihre Art der ,Jagd‘ spezialisiert hatten. Das Dumme an der Geschichte war nur, dass man Jim und Bob mit Peewee und Kane in einen Topf werfen würde, sobald man einen Blick in den Auflieger des Kenworth geworfen hatte.

„Keinen Schritt weiter, Fremder!“, peitschte plötzlich eine Stimme, die den Klang einer rostigen Eisenraspel hatte.

Jim blieb abrupt stehen und ließ die Arme herabhängen. Er kniff die Lider zusammen und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Der Kerl hatte sich geschickt verborgen. Keine 50 Yards entfernt stand sein Pickup in einem Felseneinschnitt, bis eben noch durch eine riesige Kaktee in Jims Blickfeld verdeckt.

Und dieses Monstrum auf der Ladefläche ...

Jim erinnerte sich, so ein Ungetüm im Armeemuseum von Fort Worth gesehen zu haben.

Eine Gatling Gun.

Die vorsintflutliche Maschinenkanone hatte ein gewaltiges Laufbündel, ein noch gewaltigeres Rundmagazin und ein Dreibein, auf dem ein Zirkuselefant einbeinig Männchen machen konnte.

Der Mann hinter der Kanone passte mit ihr zusammen ins Museum - als Gatling-Vorführer. Unter seinem zerknautschten Stetson weitete sich eine silbergraue Haarmähne, die in einen dichten Vollbart überging. Die sonnengegerbten Hautfalten seines Gesichts bargen zwei zornfunkelnde graublaue Augen. Seine Lederjacke und die derbe Denimhose hatten die Sandfarbe der Wüste angenommen.

„Ich denke, die Warnung war deutlich“, krächzte die Roststimme. „Ihr dreht mit euren stinkenden Karren um und verschwindet! Dahin, wo ihr hergekommen seid! Hier habt ihr nichts verloren! Klar?“

Jim nickte und tippte mit dem Zeigefinger der Rechten an die Hutkrempe.

„Vollkommen klar, Sir. Wir würden Ihren Befehl auch sofort befolgen, mein Partner und ich - wenn wir nicht eine schwangere Frau dabei hätten.“

„Eine was?“ Dem Old Man wollte die Kinnlade ausrasten.

„Es ist so, wie ich sage“, entgegnete Jim ruhig. „Und die Lady braucht dringend Hilfe. Wenn Sie also so freundlich wären, uns weiterfahren zu lassen, Sir ...“

„In Ciudad Escano gibt es kein Hospital!“, brüllte der Graubärtige wütend. „Und einen Doc erst recht nicht. Das ist ein Trick, Fremder!“ Erneut duckte er sich hinter die Gatling. „Ihr wollt euch einschleichen, ihr elenden Mistböcke! Ich wette, in euren Eisenkästen hockt eine Eskadron uniformierter Greaser. Ihr wollt meine Stadt besetzen, mein Land, ihr Dreckskerle!“

Jim streckte abwehrend die Hand aus. Die Redeweise des alten Knaben war so altertümlich wie seine Gatling Gun. Ganz abgesehen davon, dass in seiner Stimme ein deutlicher texanischer Akzent mitschwang. Dem Trucker wurde es zu bunt.

„Was für ein lausiges Nest es auch sein mag“, brüllte er, „es interessiert mich einen Dreck! Kapiert? Ich habe eine Verantwortung zu tragen, Mister. Nehmen Sie mich meinetwegen als Geisel und überzeugen Sie sich! Okay, da sitzen sechs Mexikaner im Auflieger. Illegale, wenn Sie’s genau wissen wollen. Aber die armen Leute haben garantiert andere Sorgen, als irgendein Schmugglernest ausheben zu wollen.“ Jim hob die Hände und ging weiter.

„Ciudad Escano ist kein Schmugglernest!“, schrie der Old Man mit zornbebender Stimme. „Ist nie eins gewesen!“

„Umso besser“, knurrte Jim. „Dann können wir endlich aufhören, aneinander vorbeizureden. Sie lassen uns in Ruhe, und wir kümmern uns nicht um Sie. Klar?“

„So einfach wird kein Schuh draus“, krächzte der Alte. Erstaunlich behände schwang er sich von der Ladefläche und stapfte krummbeinig auf den Trucker zu. In der knochigen Rechten lag plötzlich ein langläufiger Colt Model Army, Kaliber 44. Das Perkussionsmodell. Und es war alles andere als eine dieser Repliken, die man heutzutage bei der Firma Colt in Hartford, Connecticut, mitsamt messingbeschlagener Schatulle bestellen kann. Nein, dieses riesige Schießeisen stammte tatsächlich aus dem letzten Jahrhundert. Jim kam aus dem Staunen nicht heraus. Er blieb abermals stehen. Doch er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Pass auf, dass dir das Ding nicht um die Ohren fliegt, Mister!“

Der Alte stoppte seine krummen Schritte und feuerte aus der Hüfte.

Jim zuckte ungewollt zusammen. Einen Yard vor seinen Stiefelspitzen stieg eine von diesen Fontänen hoch, die eine Spezialität des alten Giftzwerges zu sein schienen. Der Uralt-Colt brüllte tieftönend, stieß eine yardlange Mündungsflamme aus und ließ eine stinkende Wolke von Schwarzpulverrauch aufsteigen.

„Hier fliegt niemandem was um die Ohren!“, fauchte der Old Man. „Noch eine verdammte Frechheit von dir, und ich lass dich tanzen! Kannst dich drauf verlassen, dass die nächsten fünf Kugeln genauso gut gegossen sind.“ Er holte Luft und atmete schnaufend aus. „Kehrt marsch! Dein Angebot gilt. Deine angeblich so harmlose Fracht will ich sehen.“

Jim gehorchte. Peewee linste über die Unterkante der Windschutzscheibe. Das Dröhnen des Kenworth hatte nichts Beruhigendes mehr. Jim fragte sich, ob er dem Spiel ein Ende bereiten und dem verrückten Halunken das Schießeisen aus der Hand schlagen sollte. Doch da war etwas, das ihn bremste. Obwohl der Alte es verteufelt ernst zu meinen schien, wusste Jim doch, dass er es nicht fertigbringen würde, ihm eine Faust in den Graubart zu schmettern.

Jim löste die Riegel und ließ die Hecktür des Kastens aufschwingen. Aus den Augenwinkeln heraus sah er Bob und Kane. Beide starrten auf die Szene, die sich vor ihren Augen abspielte, als handelte es sich um ein Trugbild, vorgegaukelt von der Wüstensonne. Bob wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und blinzelte. Es half nichts. Das unglaubliche Bild verschwand nicht.

Die beiden Frauen im Auflieger stießen leise Laute des Entsetzens aus. Beide waren in den hintersten Winkel zurückgewichen. Kauernd legte Maria den Arm um Julias Schultern. Die Schwangere war leichenblass, ihr Gesicht schweißüberströmt. Im Halbdunkel war fast nur das Weiße in den Augen der Frauen zu sehen. Nackte Angst spiegelte sich darin.

Die im ersten Moment noch angriffsbereite Haltung der Männer war verschwunden. Juan, Pedro, Jose und Miguel starrten den Trucker fragend an. Umwillkürlich hoben auch sie die Hände.

„In Ordnung“, krächzte der Alte überraschend einsichtig. „Aber du legst mich nicht herein, Stranger. Ich will den zweiten Kasten auch noch sehen.“

„Nichts dagegen einzuwenden“, erwiderte Jim ruhig. Wieder ging er voraus, an der Fahrerseite des Peterbilt entlang. Wieder löste er die Verriegelungen. Auf der Ladefläche waren Kisten und Brettergestelle gestapelt. Stahlteile von Geräten schimmerten durch.

„Was ist das?“, fragte der Old Man. Es klang wie das Zuschnappen eines bissigen Hundes.

„Jedenfalls keine mexikanischen Cops.“

„Hüte deine Zunge, Fremder! Sonst fängst du doch noch an zu tanzen!“

Jim drehte sich langsam um und schüttelte den Kopf.

„Sei ehrlich, Mister, merkst du nicht langsam, dass du auf dem falschen Trail bist?“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, zischte der Alte.

Jim seufzte geduldig.

„Okay, okay. Das Zeug hier ist für eine illegale Uranmine. Abbaugeräte. Soweit klar? Die beiden Jungs im Peterbilt wollten die Sachen an den Mann bringen. Wir sind ihnen in die Quere gekommen. Und die Mexikaner ...“

Der Alte unterbrach ihn mit einer Handbewegung. Er entspannte den Hahn und ließ den Army Colt unter der Jacke verschwinden.

„Nimm die Hände runter. Du bist okay.“

Jim starrte ihn an, ließ die Arme sinken.

„Woher der plötzliche Meinungsumschwung?“

„Was ist daran plötzlich?“ Der Old Man lachte meckernd, und seine Augen blitzten belustigt. „He, Mann, ich hab’ dich jetzt mindestens zehn Minuten unter die Lupe genommen. Das reicht für mich, um in einem Kerl den falschen Hund zu erkennen, sofern vorhanden.“ Er streckte dem Trucker die knorrige Hand entgegen. „Old Bench ist mein Name. Nichts für ungut.“

Jim ergriff die Hand und schüttelte sie. Er war aus dem Staunen keineswegs schon heraus. Er nannte gleichfalls seinen Namen und erzählte die ganze Geschichte in wenigen Worten. Angefangen damit, dass man ihnen bei Forma Cargo in Chihuahua den falschen Auflieger angehängt hatte. Statt einer Ladung Pfeffer für Alamogordo hatten sie unverhofft eine Partie Rohkaffee und sechs illegale Grenzgänger am Hals gehabt. Den Menschenschleppern, die das schmutzige Geschäft an der Grenze Mexico - USA betrieben, war die Verwechslung der Auflieger natürlich sauer aufgestoßen. Die Jagd auf Jim und Bob hatte prompt begonnen. Klar, dass die Schlepperorganisation ernste Sorgen haben musste. Denn ihr ganzes System drohte aufzufliegen, wenn die sechs Mexikaner entdeckt wurden.

Peewee und Kane hatten Jim und Bob für Verfolger gehalten, und sie hatten den roten Kenworth in eine Felsspalte abgedrängt. Dann aber, waren die beiden Strolche selber steckengeblieben, und sie hatten Bob Washburns Profifäuste zu spüren bekommen. Seither waren Peewee und Kane gewissermaßen Gefangene von Jim und Bob; gemeinsam auf der Flucht vor den anwachsenden Rudeln der Verfolger.

Neben der Killermeute der Menschenschlepper beteiligte sich mittlerweile auch die Polizei an der Jagd. Und die US-Border-Patrol schickte bereits Patrouillen und Hubschrauber herüber. Jim und Bob hatten den einzig möglichen Ausweg gewählt, hatten sich aus dem Grenzgebiet zurückgezogen und auf unauffälligen Dirt Roads in der Wüste Zuflucht gesucht.

Old Bench nickte bedächtig, nachdem er alles angehört hatte.

„Ihr seid meine Gäste in Ciudad Escano“, entschied er. „Ich fahre voraus. Und lasst euch von der Gatling nicht irritieren. Das Ding geht nicht von selber los.“

 

 

2

Wenn Jim geglaubt hatte, dass es mit dem Staunen nun vorbei sei, so hatte er sich getäuscht. Das erkannte er Minuten später, als er dem staubaufwirbelnden Pickup in 30 Yards Abstand folgte und die Südseite der Felsen umrundete. Ein verwittertes Holzschild steckte neben der Straße windschief im Sand. Doch die schwarzen Buchstaben auf den Brettern waren frisch gepinselt: Ciudad Escano.

Doch was sich da an den Rand der felsigen Anhöhe duckte, war in der Tat wie ein Trugbild.

Eine Ansammlung von Bretterruinen, deren von klaffenden Lücken durchsetzte Wände der Wüstenwind in die unterschiedlichsten Richtungen gedrückt hatte. Noch immer sahen diese Reste einer menschlichen Ansiedlung aus, als suchten sie Schutz im Schatten der Felsen. Möglich, dass es dieser Schutz auch war, der sie die Jahrzehnte hatte überdauern lassen.

Ciudad Escano - eine Geisterstadt.

Die Bremslichter des Pickup glühten auf. Jim trat auf die Bremse, brachte den Thunder zum Stehen.

„Langsam wundert mich gar nichts mehr“, murmelte Peewee entgeistert. „Dieser Runzel-Gent muss irgendwie aus dem vorigen Jahrhundert, übrig geblieben sein, was?“

Jim nickte. „Scheint so, als ob du es erfasst hast, Hombre.“

Old Bench lief behände auf seinen krummen Beinen, nachdem er sich vom Fahrersitz seiner Klapperkiste geschwungen hatte. Mit geradezu jugendlichem Elan zog er sich auf die Ladefläche des Pickup. In stolzer Herrscherpose stützte er sich mit der Rechten auf die Gatling Gun. Mit dem ausgestreckten linken Arm wies er auf Ciudad Escano, die Ghost Town, die vielleicht noch ein oder zwei Jahrzehnte vorhanden sein würde.

Jim konnte nicht anders, er musste einfach die Tür öffnen, sich aufrichten und dem Alten zuhören.

„Ciudad Escano!“, rief Old Bench mit bedeutungsschwerer Stimme. „Da staunst du, was? So was hättest du nicht erwartet, stimmt’s?“

„Nein“, gestand Jim kopfschüttelnd. „So ein feines Städtchen hätte ich dir nicht zugetraut.“

„Brauchst dich nicht über mich lustig zu machen“, entgegnete der Alte und kicherte. „Für dich und jeden anderen mag das ein wertloser Bretterhaufen sein. Für mich nicht. Für mich ist es das Leben, das ich gelebt habe, und ich lasse es mir, verdammt nochmal, nicht wegnehmen!“

„Wer versucht denn so etwas?“

„Ha! Was glaubst du, Jim! Die Wüste ist voll von Bastarden, die immer und überall den schnellen Dollar wittern. Ich habe sie alle vertrieben, sogar die mexikanischen Polizisten, die glaubten, mich mit einem gefälschten Haftbefehl einschüchtern zu können. Ein anderes Mal kamen sie mit einer Enteignungsurkunde. Auch gefälscht! Hab’ ich sofort erkannt!“

„Die Stadt gehört dir wirklich?“

„Klar“, antwortete Old Bench, und seine Brust schien vor Stolz zu schwellen. „Jeder verdammte Quadratyard von Ciudad Escano gehört mir. Hab’ damals alles aufgekauft, als sie abbauten. Alle dachten, es gibt kein Gold mehr. Aber ich finde doch noch was. Immer wieder. Für mich reicht es. Ich will hier nicht mehr weg, verstehst du?!“

„Sicher“, antwortete Jim und meinte das Gegenteil. Er hatte das Gefühl, in einem Märchenfilm mitzuwirken. Als unfreiwilliger Statist. Dieser Bursche, der sich Old Bench nannte, war ein Goldgräber. Einer von diesen alten Diggern, die es eigentlich gar nicht mehr geben konnte.

„Sie haben sogar die Stadt nach mir benannt“, fuhr der Alte fort. „Das war schon damals, als sie noch alle hier waren. Hast du dich noch gar nicht gewundert, weshalb ich ausgerechnet Old Bench heiße?“

„Doch, natürlich“, erwiderte Jim rasch. „Hab’ mich bloß noch nicht getraut zu fragen.“

Mit einem Zwinkern gab Old Bench zu erkennen, dass er dem Trucker bis auf den Grund der Seele schauen konnte. Aber der Spott schien ihm, dem weltentrückten Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit, nichts anhaben zu können.

„Ich war damals Richter. Nebenamtlich natürlich. Alle waren in erster Linie Digger. Frauen gab’s nur von der käuflichen Sorte, und deshalb kriegten sich die Kerle oft in die Haare. Well, ich habe ihnen die Köpfe zurechtgerückt, und ich habe meist beide Parteien bestraft. Dann musste sich keiner wirklich schuldig fühlen. Du glaubst nicht, Jim, wie beliebt ich bei den Leuten war. Sie haben mich jedes Mal wiedergewählt, wenn der Richterposten zu vergeben war. Yeah, und weil das Nest noch keinen Namen hatte, haben sie’s nach mir benannt.

„Escano, das Pult“, sagte Jim.

„Das Richterpult!“, rief Old Bench strahlend. „Auf gut englisch ,the bench“!“

Sie fuhren weiter. Die schmale Steinpiste führte an der Felsenhöhe entlang auf die Geisterstadt zu. An dieser Seite war der Berg von Löchern durchsetzt wie ein kranker Riesenzahn. Die Stadt war ehemals nach amerikanischem Vorbild gebaut worden. Sicher waren es in erster Linie Männer aus Texas, New Mexico und Arizona gewesen, die hier ihr Glück versucht hatten. Und das Mexico der siegreichen Revolutionäre hatte sie geduldet, mehr noch, einen wirkungsvollen Beitrag zur Erschließung des wilden Landes erhofft. Niemand hatte wohl recht erkennen können, dass Old Benchs Zeitgenossen von damals einzig und allein an ihr eigenes Wohlergehen gedacht hatten.

Selbst die feste Straße hatten die Digger bestimmt nur deshalb gebaut, damit sie ihre Gerätschaften und Maschinen sicher herbeischaffen konnten.

Old Bench geleitete die Trucker über eine Nebenstraße, zwischen verwitterten Bretterhaufen hindurch, auf den Vorplatz der früheren Minenanlagen. Die ausgehöhlte Felswand erhob sich fast senkrecht über dem von Granitschotter übersäten Gelände. Verrottete Reste von Förderanlagen, Sortiermaschinen und Hammerwerken waren zu einem Haufen aufgeschichtet, der an eine Ansammlung von Skeletten erinnerte. Frische Balkenversteifungen im Eingang eines der Stollen zeigten, dass Old Bench seine Arbeit immer noch ernst nahm.

Der Platz war für die Trucks jedenfalls hervorragend geeignet. Unmittelbar an der Felswand waren sie zumindest zur östlichen Richtung hin sichtgeschützt. Nach Westen sorgten die Reste der Bretterbuden für brauchbaren Schutz. Nur dann, wenn jemand von Norden oder von Süden heranschlich, konnte er die Schnauze des Kenworth oder das Heck des Peterbilt erkennen.

Die Mexikaner waren froh, endlich einmal die stickige Behausung zwischen den Kaffeesäcken verlassen zu können. Julias Zustand hatte sich kein bisschen gebessert. Aus eigener Kraft konnte sie sich nicht auf den Beinen halten. Old Bench ließ deshalb kurzerhand die Heckklappe der Pickup-Ladefläche herunter. Ein paar Decken aus dem Peterbilt genügten. Die Männer betteten Julia vorsichtig auf das behelfsmäßige Transportlager neben der Gatling Gun.

Old Bench tuckerte im Schritttempo voraus. Die anderen folgten zu Fuß. Jim und Bob und auch die vier Männer aus dem Auflieger hielten ein waches Auge auf Peewee und Kane. Doch die beiden Schmuggler gaben sich gefügig, trotteten willig hinter dem Pickup her und schienen nicht den leisesten Gedanken an Flucht zu hegen.

Der Wind sang in den Bretterruinen. Durch klaffende Löcher in noch halbwegs intakten Häusern waren staubbedeckte Möbelstücke zu erkennen. Irgendwo standen sogar noch eine Whiskyflasche und Gläser auf dem Tisch. Die meisten Leute schienen nichts mitgenommen zu haben, als sie gegangen waren. Denkbar, dass sie genug Gold in den Taschen gehabt hatten, um woanders das ersehnte neue Leben anzufangen.

„Ich kriege ein komisches Gefühl im Magen“, sagte Bob leise. „Wenn ich mir vorstelle, was sich hier so alles abgespielt hat. Man könnte meinen, dass die Einwohner noch gar nicht so lange weg sind.“

„Mach dir keine Sorgen!“, entgegnete Jim schmunzelnd. „Das komische Gefühl im Magen hat bei dir fast immer mit Hunger zu tun.“

Er erntete einen vorwurfsvollen Blick.

„Du kannst einem die beste Stimmung verderben“, knurrte Bob dumpf. Mit einer ausladenden Handbewegung deutete er auf die verwitterte Umgebung. „Da fängt man an, Geschichtsbewusstsein zu entwickeln, und was tust du?“

„Ich hole dich auf den Boden der Tatsachen zurück.“ Jim lachte. „Im Übrigen brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Wenn ich den Old Man richtig einschätze, wird er uns einen Riesentopf Frijoles vorsetzen. Und Tortillas. Und Chili von carne. Und ...“

„Hör auf!“, knurrte der schwarze Riese, der früher Boxprofi gewesen war. „Du hast es mal wieder geschafft. Jetzt wird mir richtig schlecht vor Hunger.“

Er wurde von seiner Übelkeit abgelenkt, als sie die Main Street erreichten. Drei Gebäude, von außerhalb der Ghost Town nicht zu erkennen, hoben sich deutlich vom schäbigen Rest ab.

Der Saloon „Cantina de la Sierra“, dessen Vordach von verschnörkelten Stützen getragen wurde.

Ein kleineres Haus mit der Fassadenaufschrift „Vigilancia“, also Bürgerwehr, und daneben das „Juicio“, das Gericht.

Old Bench stieg aus.

„Ich wohne natürlich in der Cantina“, rief er. „Aus praktischen Erwägungen. Da muss man abends nicht mehr nach Hause, wenn man den Kanal voll hat.“ Er stimmte sein meckerndes Lachen an. „Ich schlage im Übrigen vor, dass ihr eure lieben Gefangenen im Gerichtshaus unterbringt. Wir haben da zwei sehr solide Zellen.“

Peewee und Kane erbleichten. Einen Atemzug lang sah es aus, als wollten sie davonrennen. Doch allein der Anblick Bob Washburns, der sich freundlich lächelnd vor ihnen aufbaute, genügte, um sie jegliche Art von Auflehnung vergessen zu lassen.

Juan meldete sich freiwillig für die erste Wache. Das Innere des Gerichtshauses, hauptsächlich aus dem Verhandlungsraum und dem Zellentrakt bestehend, war von Old Bench durch liebevolle Pflege im ursprünglichen Zustand erhalten worden. Die Waffenschränke im Zellenvorraum waren blitzsauber wie am ersten Tag.

Old Bench stattete den Mexikaner mit einem frisch gefetteten Revolvergurt und einem Sechsschüsser aus. Ein neueres Modell immerhin, das bereits mit Patronen geladen war. Bei den Gewehren in den Schrankhalterungen handelte es sich überwiegend um Winchestermodelle.

„Einzelzimmer ohne Ausblick!“, verkündete der Alte feixend und hielt den beiden Schmugglern die Eisengittertüren auf. „Wo wir schon den Komfort bieten können, sollt ihr ihn auch haben.“

Mit sauren Mienen zogen Peewee und Kane in ihr neues Quartier ein. Juan bezog an einem Tisch im Korridor Stellung.

Auch die beiden anderen Gebäude waren im Urzustand erhalten. Allein mit dieser Arbeit musste Old Bench in den vergangenen Jahren mehr zu tun gehabt haben als mit dem Abbau von Gold. Aus der ,Neuzeit‘ stammten in der Cantina lediglich die Getränke in Flaschen und Dosen, die Lebensmittelvorräte und die Kücheneinrichtung.

Julia, deren Gesicht immer noch blass und schweißüberströmt war, wurde auf eines der Sofas im Saloon gebettet.

„Die Wehen kommen immer häufiger“, flüsterte Maria den Männern zu, bevor sie in der Küche verschwand. Old Bench hatte nicht protestiert. Es passierte ihm wahrscheinlich seit Jahrzehnten zum ersten Mal, dass eine Frau ihm die Arbeit abnahm.

Pedro, Jose und Miguel kümmerten sich um die Schwangere. Ihren Traum, das Kind auf dem Boden der Vereinigten Staaten zur Welt zu bringen, konnte sie wahrscheinlich begraben. Wann Jim und Bob die Grenze überqueren würden, stand vorerst noch in den Sternen. Der Zeitplan, den die Schlepperorganisation für die schwangere junge Frau aufgestellt hatte, ging auf jeden Fall daneben. Julias Baby würde noch in Mexico geboren werden, und es würde folglich nicht die ersehnte amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten.

Old Bench stapfte hinter die Theke.

„Ihr werdet lachen“, verkündete er augenzwinkernd, „aber die Bierkühlung funktioniert.“

„Darüber lachen wir nicht“, sagte Bob, „darüber brechen wir höchstens in Freudengeheul aus.“

Old Bench zapfte das Bier, wie er es dem Saloonkeeper in jungen Jahren abgeguckt haben musste. Nach der stundenlangen Fahrt durch die Wüste, die sie an diesem Tag schon hinter sich hatten, war es vor allem für die Mexikaner ein Genuss. Old Bench erkundigte sich, was Jim und Bob weiter planten.

„Wenn mit Julia alles in Ordnung ist“, sagte Jim, „müssen wir eine Möglichkeit finden, ungesehen über die Grenze zu kommen.“

Der Alte zog das Gesicht in listige Falten.

„Ich denke, da seid ihr bei mir an der richtigen Adresse, Gents. Ich nehme an, dass ihr den offiziellen Grenzübergang Las Palomas kennt. Östlich davon, nahe der Sierra del Potrillo, gibt es eine erstklassige Stelle. Völlig unbewacht.“

„Denk dran, dass wir mit ausgewachsenen Trucks unterwegs sind und nicht mit Maultieren!“, sagte Jim.

Old Bench kniff die Augen zusammen.

„Bin ich etwa von gestern?“

 

 

3

Der Mann, der am frühen Nachmittag auf dem Flughafen von Chihuahua aus einer TransAm-Maschine stieg, war klein und unauffällig grau - vom leichten Anzug bis zur Farbe seines Gesichts.

Matt Slater führte nur Handgepäck mit sich - einen anthrazitfarbenen kleinen Koffer, der nicht zur teuersten und auch nicht zur billigsten Sorte gehörte. Die Kontrollen waren streng, gingen jedoch zügig vonstatten. Bei den Abfertigungshäuschen standen Polizisten mit schweren Automatikpistolen in den Gürtelholstern. Slater wusste, dass die Schießausbildung der mexikanischen Polizei als hervorragend galt. Er beglückwünschte sich dafür, dass er nicht in den Fahndungslisten stand. Diesen schnellziehenden Burschen hätte er nicht in die Hände fallen mögen.

Er durchquerte die Halle, in der es trotz der Siesta-Zeit wie in einem Bienenhaus summte. Das Renta Car Office befand sich in einem Seitenkorridor. Slater legte seine MasterCard vor und mietete einen Pontiac Sunbird für voraussichtlich zwei Tage.

Er fuhr bis zum anderen Ende der sonnendurchglühten Stadt, wo die Straßen weniger prachtvoll und die Hotelpreise niedriger waren. Nachdem er seinen Koffer in einem Einzelzimmer verstaut hatte, fuhr er drei Straßen weiter und stoppte in der Nähe einer Telefonzelle. Eine Schar von kichernden Chiquitas trieb irgendwelche Telefonspäße. Die schwarzhaarigen Girls hüpften hinein und heraus, und ihre Gesten zeigten, dass sie trotz ihrer Jugend aus dem Unschuldsalter längst heraus waren. Dem bedauerns- oder beneidenswerten Burschen am anderen Ende der Leitung musste abwechselnd heiß und kalt werden.

Slater blieb im Wagen, rauchte eine Zigarette und wartete, bis die Kicherpuppen sich in einen amerikanisch gestylten Burger-Laden auf der anderen Straßenseite verzogen. Er betrat das Telefonhäuschen, in dem noch der Geruch billigen Parfüms lag. Sorgfältig zog er die Tür zu, ehe er Geld einwarf und die Telefonnummer tippte, die er auswendig gelernt hatte.

„Matt the Rat“, sagte er, nachdem am anderen Ende abgehoben worden war. Er schätzte seinen Spitznamen nicht, den besonders Nolan Curtis gern verwendete. Lobo gehörte ebenfalls zu den Leuten, die ihn ,die Ratte' nannten. Slater nahm es in Kauf. Wer ein guter Geschäftspartner war, einer, von dem er große Summen erwarten konnte, der durfte ihn getrost titulieren, wie er wollte.

Er erkannte Martino Lobo an der Stimme.

„Was willst du?“, fragte der Anführer jener Schlepperorganisation, mit der Slater zusammenarbeitete.

„Mich mit Ihnen treffen“, antwortete der Privatdetektiv aus San Antonio. „Ich bin hier in Chihuahua.“

„Sag, was du zu sagen hast!“

„Bitte nicht am Telefon, Señor“, entgegnete Slater höflich. „Lässt es sich einrichten, dass wir uns treffen?“

Lobo knurrte widerwillig.

„Meinet wagen. Calle Puya. Casa de las Hermosas. In einer halben Stunde. Sag, dass ich dich herbestellt habe!“

„Vielen Dank, Señor!“, rief Slater hocherfreut. Aber es knackte schon nach der ersten Silbe. Der Mann am anderen Ende hatte aufgelegt. Slater klinkte den Hörer in die Automatengabel und verließ die Telefonzelle nachdenklich. Hatte er Lobo bei der Siesta gestört? Zum Teufel, er hatte jetzt andere Sorgen!

Slater stieg in den Wagen und ließ den Motor an, damit die Klimaanlage arbeitete. Er studierte den Stadtplan, den die Verleihfirma aus Servicegründen ins Handschuhfach gelegt hatte. Die Calle Puya befand sich am Rand der City. Eine der kleineren Nebenstraßen.

Slater brauchte nur eine halbe Stunde, um ans Ziel zu gelangen. Im ersten Moment glaubte er zu wissen, wobei er Lobo gestört hatte. Aber unmöglich. Dieses Bordell war garantiert nicht Lobos Privatquartier. An einem solchen Ort konnte sich ein Mann seiner Position nie ganz sicher fühlen. Slater rauchte eine weitere Zigarette in der klimatisierten Behaglichkeit des Pontiac. Noch bevor er den Stummel in den Aschenbecher stopfte, sah er seine Schlussfolgerung bestätigt.

Ein silbergrauer Mercedes 500 rollte in die Seiteneinfahrt der Casa de las Hermosas, des „Hauses der Schönen“. Obwohl durch die dunkel getönten Scheiben der schweren Limousine niemand zu erkennen gewesen war, war Slater jedoch sicher, dass es nur Martino Lobo gewesen sein konnte, der da eben vorgefahren war.

Er ließ dem Mexikaner noch ein paar Minuten Zeit. Slater war zuversichtlich. Dass Lobo überhaupt gesprächsbereit war, konnte schon als halbe Zusage gewertet werden. Während seiner Ermittlungen in Presidio hatten sich die Weichen in Richtung Chihuahua wie von allein gestellt. Er hatte die alte Tankstation gefunden, auf der Luke Ryland früher einmal gearbeitet hatte. Und er hatte von einer Familie Rodriguez erfahren, die damals eine Rolle gespielt haben sollte und vor langer Zeit nach Chihuahua gegangen war.

Nolan Curtis, der ihn beauftragt hatte, Nachforschungen wegen des Codeworts „Amarillo“ in Rylands Testament anzustellen, hatte natürlich keine Ahnung, dass Slater zweigleisig fuhr. Der Grund dafür war die überaus schlechte Geschäftslage des Privatdetektivs. Slater hatte mit der Schlepperorganisation Kontakt aufgenommen und vermittelte illegale Grenzgänger in Arbeitsplätze auf texanischem Boden.

Dass er nun auch in Chihuahua Nachforschungen anstellen musste, kam ihm gelegen. Er konnte bei dieser Gelegenheit Martino Lobo mitteilen, dass er mehr Geld brauchte. Gute Arbeit hatte eben ihren Preis. Und ein Matt Slater lieferte immer gute Arbeit. Er selbst war davon überzeugt, wenn andere auch manchmal nicht dieser Meinung waren.

Er stieg aus und klingelte. Die Fassade der Casa de las Hermosas war eine fensterlose weiße Wand. Über der knallrot lackierten Tür hing eine rot verglaste Lampe. Oben rechts in der Türfüllung hing eine Videokamera, die ihn mit ihrem kalten Glotzauge abtastete.

„Haben sie besondere Wünsche, Señor?“, erkundigte sich eine gurrende Stimme aus einem kleinen Lautsprecher.

Slater beugte sich zur Sprechanlage.

„Leider nicht“, antwortete er mit unüberhörbarem amerikanischem Akzent. „Ich bin mit Señor Martino Lobo verabredet. Mein Name ist Matt.“

„Nur Matt?“

„Das genügt, meine Schöne. Seien Sie so nett und halten Sie Rückfrage! Señor Lobo wird es Ihnen bestätigen.“

„Warten Sie einen Moment!“

Der Lautsprecher wurde stumm, gab nun nicht einmal mehr ein Rauschen von sich. Einen bangen Moment lang hatte Slater das Gefühl, ausgesperrt und abgeschottet zu werden. Aber er täuschte sich. Lobo war schließlich nicht aufgekreuzt, um nur die Dienste des Hauses in Anspruch zu nehmen. So etwas hatte ein Mann seines Ranges doch wohl nicht nötig.

Slater blickte auf seine Armbanduhr. Die gurrende Stimme meldete sich nach einer guten Minute wieder.

„Sie dürfen eintreten, Americano. Sie haben mir tatsächlich nichts Falsches erzählt. Im Namen des Hauses werde ich Sie persönlich empfangen.“

„Ich bin mir der Ehre bewusst“, sagte Slater und grinste den Lautsprecher an.

Vor ihm schwang die rote Tür auf. Er betrat einen schwach beleuchteten Flur, der an zwei Seiten Spiegel hatte. Hinter der Tür tauchte die Señorita auf, die ihm geöffnet hatte. Ehe er zweimal hinsehen konnte, fiel sie ihm um den Hals. Er spürte den Druck ihrer großen Brüste, die offenbar nur von einem winzigen Bikinioberteil gehalten wurden.

„Du brauchst dich nicht zu beeilen, Matt“, flüsterte sie in sein Ohr. „Señor Lobo wird volles Verständnis haben, wenn ich ihm sage, dass du etwas später kommst.“

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, nuschelte der Privatdetektiv in ihr langes schwarzes Haar. Er konnte ihre Rückfront betrachten. Eindrucksvoll. Ein pralles Weib in jeder Beziehung. Ihr außergewöhnliches Hinterteil bewies es. Slater spürte, wie sich sein Pulsschlag beschleunigte. Dennoch schob er sie von sich.

Sie schmollte gekonnt.

„Wirst du auch wirklich an mich denken? An Mariquita?“

„Klar“, antwortete er großspurig. „Nach dem Gespräch mit Señor Lobo habe ich noch eine andere geschäftliche Sache zu erledigen. Wir sehen uns heute Abend.“

Sie lächelte ihn mit verschleiertem Blick an. Scheinbar schweren Herzens wandte sie sich um und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, ihr zu folgen. Slater wurde fast schwindlig, als sie vor ihm die Treppe hinaufging. Die hübsche Mexikanerin öffnete eine schallschluckend gepolsterte Tür und flüsterte in sein Ohr: „Vergiss deine kleine Mariquita nicht, Matt!“

Er schüttelte den Kopf und wartete darauf, dass sich sein Herzschlag beruhigte, während er einen luxuriös ausgestatteten Salon betrat.

Martino Lobo trug einen weißen Anzug. Ansonsten war er nur mittelgroß und eine unauffällige Erscheinung. Er lehnte an der mit viel funkelndem Kristall ausgestatteten Bar und wandte sich langsam um. Seine Augen waren stechend.

„Nimm dir einen Drink, und dann fang an zu reden, Matt the Rat!“ Es war eine scharfe und befehlsgewohnte Stimme.

Slater hatte plötzlich das Gefühl, dass überhaupt nichts mehr glattgehen würde. Mit weichen Knien ging er über nahezu knöcheltiefen Teppichboden und nickte zwei elegant gekleideten Senores zu, die in Sesseln lümmelten. Vermutlich waren es Lobos Leibwächter, denn sie bemühten sich nicht, die Lederriemen ihrer Waffenholster unter den Jacketts zu verbergen. Und sie machten sich nicht die Mühe, den Gruß des Amerikaners zu erwidern.

Slater nahm das Glas, das Lobo ihm entgegenhielt. Die ,Ratte‘ schnupperte daran und lächelte schief. „Tequila, stimmt’s?“

„Sehr scharfsinnig“, sagte der Mexikaner spöttisch. „Auf dein Wohl, Mister Rat.“

Slater leerte sein Glas in einem Zug und stellte es auf den Tresen. Er räusperte sich: „Ich ... also ... es geht darum ...“ Unter dem stechenden Blick Lobos verlor er jegliche Selbstsicherheit.

Lobos Stimme peitschte: „Reden, hatte ich gesagt! Nicht stottern!“

Slater zuckte zusammen, zog den Kopf zwischen die Schultern. Er wusste, wenn er jetzt versagte, konnte er alle Hoffnung begraben. Lobo war ein Typ, der Entschlossenheit schätzte - nicht die Art eines Jammerlappens. Slater gab seinem Selbstbewusstsein einen Stoß.

„Geben Sie mir noch einen Drink, bitte! Scheint so, als ob ich mich erst an euer knochentrockenes Klima gewöhnen muss.“

Lobo sah ihn eine Sekunde lang an. Dann forderte ihn der Mexikaner mit einer Handbewegung auf, sich selbst zu bedienen.

„Eine texanische Ratte, die die Sonne nicht verträgt“, sagte Lobo gedehnt. Er grinste. „Eine richtige Seltenheit!“

Die Leibwächter lachten glucksend. Slater tat, als hörte er es nicht. Er schenkte sich ein und leerte sein Glas wiederum in einem Zug. Mit einem harten Ruck stellte er es auf den Tresen. „Unsere geschäftliche Zusammenarbeit, Señor Lobo, klappt hervorragend. Sie werden gewiss festgestellt haben, dass Sie dank meiner Vermittlertätigkeit einen guten Ruf bei Interessenten haben. Es genügt eben nicht, die Leute einfach nur über die Grenze zu bringen.“

Lobo zog die Brauen hoch; er spielte den Beeindruckten.

„Danke!“, rief er. „Vielen Dank, dass du dir so sehr den Kopf für mich zerbrichst, Mister Rat.“ Slater spürte den Sarkasmus nicht. Zu sehr war er von dem überzeugt, was er sagte.

„Ich übertreibe nicht“, fuhr er fort, „wenn ich sage, dass Ihre Organisation seit Beginn meiner Mitarbeit einen spürbaren Aufschwung erlebt hat.“

„Mhm“, brummte Lobo, „sicher übertreibst du nicht, Matt, alter Junge. Ganz bestimmt nicht. Du wirst schon wissen, wovon du redest.“

Slater nahm es als Ermunterungszeichen.

„So ist es.“ Er nickte bekräftigend. „Nun, in Anbetracht aller Umstände halte ich es für richtig, Sie um eine Erhöhung meiner ... Gewinnbeteiligung zu bitten.“

Lobo rieb sich das Kinn, tat nachdenklich.

„So, so. Im Klartext: Du willst mehr Geld dafür, dass du mir den Aufschwung ins Haus bringst.“

„Genau das ist meine Bitte, Señor.“

„Und deshalb bist du nach Chihuahua gekommen?“

„Nicht nur deshalb, Señor Lobo. Ich habe auch noch in anderen geschäftlichen Angelegenheiten hier zu tun.“

„Warum versuchst du dann nicht, aus diesen anderen Geschäften mehr herauszuholen?“

„Oh, das tue ich, das tue ich. Aber Sie wissen ...“ Slater zog die Schultern hoch und ließ die Arme gegen den Körper fallen, „... bei den Lebenshaltungskosten heutzutage ... nun, ich muss mich nach der Decke strecken. Wie jeder andere in dieser verrückten Zeit.“

„Wie wahr, wie wahr“, seufzte Lobo. „Zu diesen anderen gehöre auch ich.“

Slater starrte ihn blinzelnd an und begriff, dass er ein Eigentor geschossen hatte.

„Aber bei Ihnen ist das doch etwas anderes“, sagte er hastig. „Ich meine ...“

Lobo schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.

„Um ehrlich zu sein, Mister Rat, ich schlage mich nur äußerst mühsam durch. Das Geschäft wirft zur Zeit einfach nichts ab. Ich trage mich mit dem Gedanken, es ganz aufzugeben. Willst du das?“

„Um Himmels willen, nein!“, rief Slater erschrocken.

„Siehst du, siehst du“, sagte der Mexikaner. „Dann musst du auch beweisen, dass du bereit bist, für den Fortbestand der Organisation zu kämpfen. Wir sitzen alle in einem Boot, Mister Rat. Nur gemeinsam kriegen wir den Kahn wieder flott. Und wenn wir dann eines Tages den richtigen Aufschwung geschafft haben, dann soll auch jeder davon profitieren. Ich werde dich als treuen Mitarbeiter jedenfalls nicht vergessen - wenn du mich nicht enttäuschst.“

„Danke, Señor“, sagte Slater mit einer angedeuteten Verbeugung. Er traute sich nicht, noch einmal auf den Kern der Sache zu kommen. Alles in allem war Lobo ja durchaus wohlwollend. Vielleicht musste man ihn nur ein bisschen gründlicher bearbeiten. Slater spielte mit dem Gedanken, seinen Aufenthalt in Chihuahua um ein paar Tage zu verlängern.

Lobo nickte und lächelte knapp.

„Ich will aber beweisen, dass gute Mitarbeiter mir durchaus am Herzen liegen. Hast du für den Rest des Tages noch etwas vor?“

„Nur noch eine Kleinigkeit, Señor. Wird vielleicht zwei oder drei Stunden dauern.“

„Gut. Dann bist du für den Abend eingeladen, hier im Haus alles zu genießen, was zu genießen ist. Auf meine Kosten.“

Slater bedankte sich überschwänglich. Er hatte das Gefühl, dass er sich nur besser der mexikanischen Lebensart anpassen musste, um zum Erfolg zu kommen. Bei diesen Burschen durfte man nur nicht mit der Tür ins Haus fallen. Slater verabschiedete sich mit der Gewissheit, dass er mit Lobo beim nächsten Gespräch schon viel besser klarkommen würde.

Der Mexikaner schickte einen seiner Leibwächter hinaus, gleich nachdem Slater gegangen war. Der Mann kehrte nach zwei Minuten zurück.

„Ein hellblauer Pontiac Sunbird, Señor.“

Lobo nickte, griff zum Telefon und tastete eine Durchwahlnummer des Polizeihauptquartiers von Chihuahua ein. Er nannte seinen Namen nicht, doch der Mann am anderen Ende erkannte ihn offenbar sofort an der Stimme.

„Hier ist ein komischer Vogel aufgetaucht. Ich denke, du solltest mir einen Gefallen tun, Amigo. Er ist ein Gringo, ein Privatschnüffler namens Slater. Er fährt einen hellblauen Pontiac Sunbird.“ Lobo fügte hinzu, von welchem Haus in der Calle Puya der Pontiac soeben abfuhr.

Die Polizeibeamten in Chihuahua hatten einen erstklassigen Ruf. Sie verstanden ihr Handwerk. Und Beschattungen gehörten zu ihren Spezialitäten.

 

 

4

Aufgeregte Stimmen wehten aus der Cantina herüber. Juan hatte das Fenster am Ende des Korridors geöffnet, um frische Luft hereinzulassen. Doch die Hitze, die im alten Gerichtsgebäude lastete, nahm trotzdem nicht ab.

Details

Seiten
124
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929522
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491820

Autor

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Titel: Zu hoch gepokert, Jim!