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Start ins Verderben: N.Y.D. – New York Detectives

2019 101 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Start ins Verderben: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

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Start ins Verderben: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.

 

Raf Raymond will seinen Partner loswerden und beauftragt einen Profikiller. Doch die Tochter des Toten lässt den Privatdetektiv Bount Reiniger nach dem Mörder suchen. Als sich dann auch noch herausstellt, dass zwei Angestellte gehört haben, wie Raymond den Killer beauftragte, eskaliert die Situation, und Reiniger muss zu ungewöhnlichen Mitteln greifen, um am Leben zu bleiben.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Na warte, du lebst nicht mehr lange!, dachte Raf Raymond. Er bemühte sich, kühl und gelassen zu wirken, während Danny Fraser, sein Partner, immer mehr in Fahrt kam.

Fraser, der Arbeitsame, der Korrekte, der Gewissenhafte, der Einmalige!

Gott, wenn du wüsstest, wie ich dich verachte, dachte Raymond. Was wirfst du mir vor? Dass ich lebe? Ist das denn ein Verbrechen? Ich genieße das Leben, nehme mit, was ich kriegen kann, na und? Soll ich auf die vielen Annehmlichkeiten verzichten, weil du andere Wertvorstellungen hast? Kommt nicht in Frage, mein Bester. Okay, wenn du es nicht mehr mit mir aushalten kannst, wie du behauptest, müssen wir uns eben trennen. Wir gingen gewissermaßen eine Ehe ein, Partner, als wir diese Fluggesellschaft gründeten. Und was versprechen einander die Ehepartner immer? Zusammenzubleiben ... „bis der Tod uns scheidet“. So soll es sein, Danny-Boy. Ich werde die Angelegenheit deinem Henker übergeben.

Fraser ging wie ein gereizter Tiger im Büro auf und ab. Er sah aus wie der perfekte englische Gentleman, war aber gebürtiger Amerikaner. Er hatte gewelltes Haar – sorgfältig frisiert – und einen dünnen Oberlippenbart – sorgfältig gestutzt. Der Nadelstreifzweireiher passte ihm wie angegossen.

Fraser war 43 Jahre alt, Raymond um zehn Jahre jünger, schwarzhaarig, sonnengebräunt, ein Tennistyp, der bei den Frauen von siebzehn bis siebzig hervorragend ankam.

„So geht es einfach nicht mehr weiter, Raf!“, wetterte Danny Fraser. „Kein Mädchen in dieser Stadt ist vor dir sicher.“

Raymond lachte.

„Jetzt übertreibst du aber, Partner. Aber selbst wenn es so wäre, was geht dich das an?“

„Es schadet dem Ruf unserer Firma.“

„Blödsinn!“

„Hatte ich nicht einen fetten Auftrag für uns an Land gezogen? Es war erst vergangenen Monat, du kannst es noch nicht vergessen haben. Ich redete mir den Mund fusselig und musste mich gewaltig anstrengen, um die Konkurrenz auszubooten. Als ich dann endlich den Auftrag nach hartem, nervenaufreibendem Ringen so gut wie in der Tasche hatte, ging Raf Raymond, unser Charming-Boy, Mister Strahlemann persönlich, hin und fing ein Verhältnis mit der Frau unseres Kunden an. Die Sache flog auf, und wir bekamen den Auftrag nicht.“

Raymond kniff die dunklen Augen unwillig zusammen. „Wir wollen doch hier eins mit aller Deutlichkeit klarstellen, Partner! Was ich in meiner Freizeit mache, ist meine Privatangelegenheit.“

„Das gilt nur, solange du dich an die ungeschriebenen Regeln hältst!“

„Und wie lauten die?“

„Finger weg von den Frauen und Töchtern unserer Auftraggeber! Aber bleiben wir gleich mal bei deinem Privatleben. Ich wäre dir dankbar, wenn du es nicht fast täglich bis in deine Arbeitszeit hinein verlängern würdest. Warum kannst du nicht wie ich um neun Uhr im Büro sein? Verdammt noch mal, ich sehe nicht ein, warum ich ständig deine Arbeit mit erledigen soll. Du versäumst wichtige Termine, verärgerst laufend unsere Kunden mit permanenten Verspätungen ... Wenn dir dein Job nicht mehr gefällt, dann steig doch aus der Firma aus.“

Raf Raymond grinste. „Du würdest schön um mich weinen.“

„Keine Träne. Du hältst mich wohl für einen vollkommenen Trottel. Der dämliche Danny Fraser schuftet schon für zwei, nicht wahr? Wozu einen Finger rühren? Wozu ins Büro gehen? Wenn doch ohnedies alles Danny Fraser tut. Aber damit hat sich’s nun endgültig, Raf!“ Fraser schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. „Ich spiele nicht mehr mit, hörst du? Ich habe den Kanal gestrichen voll.“

Ich auch, dachte Raf Raymond. Und zwar von dir. Bis der Tod uns scheidet! Ein wunderbarer Spruch. Ich werde die Firma allein weiterführen. Ohne dich, geschätzter Partner, und das Unternehmen wird noch besser gehen als jetzt, denn du bist zu korrekt, und das ist ein Hemmschuh für die Firma, aber das begreifst du nicht.

Noch hieß die Firma RRDF-Airways. Bald würde auf den Flugzeugen nur noch RR-Airways stehen, denn DF würde tot sein.

 

 

2

Autoschlangen krochen am Battery Park vorbei. An den Steuern saßen gehetzte Menschen, die nervös und gereizt auf das Lenkrad trommelten. Der geringste Stau genügte, und das Hupkonzert ging los. Rushhour in Manhattan, die schlimmste Zeit des Tages.

Raf Raymond kümmerte sich nicht darum. Er war mit der U-Bahn gekommen. Das war schön anonym, und es war ihm sehr wichtig, dass von diesem Treffen niemand etwas mitbekam, denn er hatte sich hier mit einem Mann verabredet, dessen Spezialität Mord war.

Der professionelle Killer hieß Keith Daltrey. Für Geld hätte er sehnen eigenen Bruder erschossen, wenn er einen gehabt hätte. Es gab einfach nichts, was Daltrey für Geld nicht erledigte, denn die schönste Musik war für ihn das Knistern einer Banknote.

Diesmal war Raf Raymond ausnahmsweise mal pünktlich. Er fand es nicht ratsam, einen Killer zu verärgern. Er brauchte den Mann, wusste nur von diesem einen, und es war nicht leicht gewesen, ihn zu kontaktieren. Selbstverständlich schirmte sich Daltrey ab, so gut es ging, denn schließlich war die Polizei ziemlich scharf auf seinen Skalp.

Einmal war Raymond pünktlich – und musste warten. Das ärgerte ihn, doch er schluckte den Groll hinunter und nahm sich vor, Daltrey gegenüber kein Wort darüber zu verlieren.

Er schlenderte auf die Südspitze des Parks zu und blickte Richtung Freiheitsstatue. Der kühle Wind zerrte an seinem Trenchcoat. Er zog den Hut tiefer in die Stirn und stellte den Kragen auf.

„Mister Raymond?“, sprach ihn plötzlich jemand an. Er hatte nicht bemerkt, dass sich ihm jemand näherte. Verwundert drehte er sich um.

Keith Daltrey war ein nichtssagender Typ mit stechenden Augen. Er trug einen dunklen Mantel. Raymond sah eine dezent gemusterte Krawatte, die der Killer zu einem kleinen Knoten gebunden hatte. Die Krempe des Huts warf einen düsteren Schatten auf die niedrige Stirn des Mannes.

„Ich habe mich verspätet“, sagte der Profikiller. „Tut mir Leid. Bei dem Verkehr sollte man zu Hause bleiben und den vielen Verrückten die Straße überlassen.“

Raf Raymond musterte sein Gegenüber wie eine Ware, die er zu kaufen beabsichtigte. „Gehen wir ein Stück?“, fragte er.

„Okay.“

Raymond glaubte, den richtigen Mann gefunden zu haben.

„Also“, sagte Daltrey im gemütlichen Plauderton, „Sie haben ein Problem.“

Raymond nickte. „Es ist Danny Fraser, mein Partner. Ich ertrage ihn nicht mehr.“

„Und Sie möchten die Fluggesellschaft für sich allein haben.“

„Schließlich habe ich mich mächtig angestrengt, sie aufzubauen.“

„Und Danny Fraser?“

„Der auch, aber den Hauptanteil der Arbeit habe ich geleistet.“

„Und nun möchten Sie Fraser ausbezahlen ... Mit einer Kugel“, stellte der Killer sachlich fest.

„So ist es.“

„Haben Sie ihm damit gedroht?“

„Mit keiner Silbe.“

„Er ist also ahnungslos.“

„Völlig. Sie brauchen nur hinzugehen und ihn auszuknipsen. Das ist für Sie ein Job von wenigen Minuten.“

„Der Ihnen fünfzig Prozent von der Fluggesellschaft einbringt.“

„Das stimmt nicht, denn Fraser hat eine Tochter. Sie wird die Firmenanteile erben. Da sie aber keine Ahnung vom Geschäft hat, werde ich das Unternehmen dann allein lenken. Es wird nur noch das geschehen, was ich sage. Keiner wird meine Anweisungen mehr sabotieren, wie es in der Vergangenheit mehrmals der Fall war.“

„Mit einem Wort, Sie werden allein über das kleine Flugimperium herrschen. Niemand wird Sie kontrollieren, und es ist nur noch das richtig, was Sie für richtig halten.“

„So ist es. Werden Sie die Sache übernehmen?“

„Ich bin nicht ganz billig.“

„Das hat man mir gesagt.“

„Ich verlange auch nicht immer denselben Preis, Mister Raymond. Beinhaltet ein Auftrag Risiken, gibt es einen Aufschlag.

Raymond lachte. „Wenn ich ein besserer Schütze wäre, würde ich die Sache selbst erledigen. Aber ich treffe mit einem Revolver auf drei Meter gerade noch einen Elefanten, das ist alles.“

„Ich sehe mir auch an, wie viel mein Auftraggeber von meiner Arbeit profitiert“, sagte Keith Daltrey grinsend. „Erst dann setze ich den Preis fest.“

Raf Raymond blieb stehen und blickte den Killer gespannt an. „Und wie hoch ist der in meinem Fall?“

„Zwanzigtausend“, antwortete Daltrey, ohne mit der Wimper zu zucken. „Zahlbar im Voraus.“

Bist du wahnsinnig?, wollte Raymond dem Killer ins Gesicht schreien. Es fiel ihm verflucht schwer, den Mund zu halten und sich zu beherrschen. Er lachte schief. „Sie haben recht, Daltrey. Billig sind Sie wirklich nicht.“

„Ich weiß, was ich wert bin. Ich liefere erstklassige Arbeit – mit Gütesiegel, wenn Sie so wollen.“

„Aber zwanzigtausend ... Meine Güte.“

„Sie können auch irgendeinen Stümper engagieren. Der macht es für einen Bruchteil davon, und in spätestens zwei Wochen sitzen Sie mit ihm in derselben Zelle. Am billigsten kommen Sie weg, wenn Sie’s selbst erledigen. Da Sie im Schießen aber eine Niete sind, können Sie Ihre Waffe gleich mit Platzpatronen laden, damit erzielen Sie den gleichen Effekt: Es knallt, und keiner kommt zu Schaden.“

Raymond atmete tief durch. „Ein dicker Brocken, den Sie mir da zu schlucken geben.“

„Möchten Sie sich’s in Ruhe überlegen?“

„Nein, nein, ich will, dass die Sache so schnell wie möglich über die Bühne geht. Zwanzigtausend ... Ich könnte sie bis morgen beschaffen.“

„Fein“, sagte der Profikiller. „Dann bis morgen.“ Er legte zwei Zeigefinger an seine Hutkrempe und ging.

 

 

3

Etwas mehr als vierundzwanzig Stunden später verschaffte sich Keith Daltrey Einlass in ein leerstehendes Apartment. Die Zimmer waren möbliert. Daltrey begab sich in den netten Livingroom und trat an eines der beiden Fenster. Er schob die milchweiße Gardine ein Stück zur Seite und blickte auf die Amsterdam Avenue hinunter.

Es war Abend, die Fahrzeuge fuhren mit eingeschalteten Scheinwerfern. Dem Apartmenthaus direkt gegenüber befand sich der „Flamingo Club“, den Danny Fraser mit seiner Tochter Anne aufgesucht hatte. Sie würden nicht allzu lange bleiben. Fraser war ein gewissenhafter Mensch, der darauf achtete, dass er täglich seine acht Stunden Schlaf bekam.

Ein bisschen plaudern, gut essen, ein bisschen tanzen, das war alles, was Vater und Tochter im „Flamingo Club“ wollten. Und dann ab nach Hause in dem funkelnagelneuen weißen Cadillac, der auf dem Clubparkplatz stand.

Das Werkzeug des Killers befand sich in einem flachen schwarzen Koffer. Daltrey trug Lederhandschuhe aus feinstem, geschmeidigem Nappaleder. Sie schmiegten sich wie eine zweite Haut an seine Hände.

Er ließ die Messingverschlüsse aufschnappen, setzte sieh in einen bequemen Ledersessel und öffnete den Koffer. Mit oft geübten Handgriffen setzte er sein Gewehr zusammen. Er versah den Lauf mit einem Schalldämpfer und setzte ein lichtstarkes Zielfernrohr auf die Waffe.

Ein kaltes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er an Raf Raymond dachte. Der Mann hatte sich schweren Herzens von dem vielen Geld getrennt, aber warum sollte nur Raymond von diesem Mord profitieren?

Der Killer legte eine Fotografie auf den Lesetisch, der neben ihm stand. Sie zeigte Danny Fraser. Außerdem hatte ihm Raf Raymond das Opfer noch ganz genau beschrieben. Es würde keinen Irrtum geben, die Kugel würde mit Sicherheit den richtigen Mann treffen.

Daltrey trat mit dem Gewehr ans Fenster. Er öffnete es, legte die Waffe auf die Fensterbank und visierte den Türsteher an, der goldbetresst wie ein Fregattenkapitän dastand und die Gäste begrüßte, ihnen die Tür aufmachte und gekonnt dezent die Hand aufhielt, damit man ihm ein Trinkgeld hineinlegen konnte.

Es gab nur wenige Gäste, die die Hand geflissentlich übersahen. Daltrey fragte sich, auf wie viel Geld der Türsteher in einer Nacht wohl kommen mochte.

Vielleicht ist das ein Job für meine alten Tage, dachte der Killer. Wenn das Auge nicht mehr so richtig will, wenn die Hand nicht mehr so sicher ist. Auch dann muss man noch leben.

Der Killer kam zu dem Schluss, dass er sich für so eine Arbeit nicht eignete. Er konnte nicht buckeln, zu allen Leuten freundlich sein, sich jede abfällige Bemerkung gefallen lassen. Wenn ihn einer kariert angequatscht hätte, hätte es Krach gegeben.

Nein, er als Türsteher war für jedes Lokal untragbar.

Daltrey zog das Gewehr zurück, lehnte es neben das Fenster und wickelte einen grauen Pfefferminzkaugummistreifen aus dem Papier, warf es aber nicht auf den Boden, sondern steckte es in die Hosentasche. Keine Spuren ...

Langsam und gewissenhaft lud er das Gewehr wenig später mit nur einer Kugel. Sie würde reichen. Er erledigte alle seine Aufträge mit einem einzigen Schuss.

 

 

4

Der Abend war nicht aufregend, er war wie immer, wenn Anne mit ihrem Vater ausging. Keine Tiefen, aber auch keine Höhepunkte. Danny Fraser war nicht das, was man einen blendenden Unterhalter nennt, aber das Gespräch blieb im Fluss. Er war ein leidlicher Tänzer, der an Abenden wie diesem sehr oft erlauben musste, dass seine hübsche, attraktive Tochter von jungen Männern zum Tanz aufgefordert wurde.

Er gestattete es gern, denn er wollte kein Hemmschuh für Anne sein. Sie war einundzwanzig und sollte sich amüsieren. Die harmlose Art, in der sie das tat, bewies ihm, dass er volles Vertrauen zu ihr haben konnte.

Anne wusste, wie weit sie gehen durfte, und sie verletzte die unsichtbare Grenze niemals, dafür war sie viel zu gut erzogen. Sie verlor ihre Mutter, als sie zehn war. Seither war Danny Fraser Witwer, und keine andere Frau war ihm danach gut genug gewesen, um gemeinsam mit ihr den weiteren Lebensweg zu beschreiten. Er maß alle an Ethel, und diesen Vergleich hielt keine aus. Mit jedem Jahr, das verging, wurde der Glorienschein der Verstorbenen größer. Sie hatte keinen einzigen Fehler gehabt. Jedenfalls konnte sich Danny Fraser an keinen erinnern – und wie viele Heilige gibt es schon in New York?

Fraser nippte an seinem blutroten Campari und blickte zur Tanzfläche. Er beobachtete seine blonde, schlanke Tochter, die sich dem Rhythmus mit wilden Verrenkungen leidenschaftlich hingab.

Sie ist wie Ethel, dachte Fraser, und ein Lächeln überzog sein Gesicht. Ethel lebt in ihr weiter. Ich habe meine Frau nicht ganz verloren. Ethel ist in Anne.

Der Tanz endete mit schrillen Synthesizer-Tönen. Anne lachte über etwas, das ihr Partner sagte. Er brachte sie an ihren Tisch, bedankte sich bei Fraser und zog sich zurück.

Anne schüttelte ihre blonde Löwenmähne zurück und ließ sich atemlos auf den Stuhl fallen. Ein dünner Schweißfilm glänzte auf ihrem aparten Gesicht.

„Ein netter Bursche“, sagte Fraser. „O ja, und sehr amüsant.“

„Und ein hervorragender Tänzer.“

„Wenn hier mehr Platz wäre, könnte er glatt John Travolta ausstechen“, sagte Anne lachend. „Der nächste Tanz gehört aber uns beiden, und ich erlaube nicht, dass du kneifst.“

„Na schön, wenn es dir nichts ausmacht, mit deinem alten Herrn zu tanzen.“

„Von wegen alter Herr. Du bist ein Mann in den besten Jahren.“

„So?“ Fraser schmunzelte. „Wer sagt das?“

„Ich, deine Tochter, und die muss es schließlich wissen.“

Als die Musik begann, griff Anne nach seiner Hand, erhob sich und sagte schelmisch: „Darf ich bitten? Es ist Damenwahl.“

„Es ist mir eine Ehre“, erwiderte Fraser, begab sich mit seiner Tochter auf die Tanzfläche. Erinnerungen wurden in ihm wach. Erinnerungen an Ethel. Anne tanzte leicht wie eine Feder. Genau wie Ethel. Er schloss die Augen, dachte, er würde Ethel im Arm halten, und war glücklich.

Sie blieben noch eine Stunde, dann wurde Danny Fraser langsam unruhig. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Er winkte dem Kellner, verlangte die Rechnung und bezahlte.

Zwischen den Tischreihen schlängelte sich ein schlanker Mann durch. Es war Raf Raymond. „Hallo ihr beiden. Ist das eine freudige Überraschung, euch hier, anzutreffen, Seid ihr schon länger hier? Anne, du siehst heute Abend wieder mal ganz bezaubernd aus. Ist sie nicht eine Prinzessin, Danny? Das schönste Mädchen in diesem Lokal. Habt ihr was dagegen, wenn ich mich zu euch setze?“

„Wir wollten eben gehen“, sagte Danny Fraser kühl.

Du weißt nicht, was draußen auf dich wartet, dachte Raymond, sonst wärst du nicht so erpicht darauf, den „Flamingo Club“ zu verlassen.

„So früh schon?“, fragte er. „Die Nacht hat doch noch nicht, einmal richtig angefangen, Danny-Boy. Nun komm schon, spring mal über deinen Schatten und nimm noch einen Drink mit mir. Ich lade euch ein.“

Dein letzter Drink, Danny Fraser! Eine flüssige Henkersmahlzeit. Auf die kannst du doch nicht verzichten. Wer weiß, ob es drüben was zu trinken gibt. Nütz noch mal die Gelegenheit, bevor du diese Welt verlässt.

Raymond wartete Frasers Antwort nicht ab. Er erblickte den Kellner, hob die Hand und schnippte mit dem Finger.

„Ja, Mister Raymond?“

„Eine Flasche Krimsekt und drei Gläser, Frank.“ Der Kellner entfernte sich. Raf Raymond grinste Anne und Danny Fraser an. „Ich bin hier bekannt wie’n bunter Hund.“

„In welchem Lokal bist du das nicht“, brummte Fraser.

„Oh, mach doch nicht so ein griesgrämiges Gesicht, Danny. Sei doch mal ein bisschen fröhlicher. Oder bist du mir etwa immer noch böse?“ Er wandte sich an Anne. „Wir hatten gestern eine kleine Auseinandersetzung“,

„Ich weiß“, sagte Anne. „Daddy hat mir davon erzählt.“

„Ich wette, er hat mich so schlecht gemacht, wie’s nur ging.“ Raymond zuckte mit den Schultern. „Ich habe das Kriegsbeil jedenfalls längst wieder begraben. Ihr kennt mich. Ich bin nicht nachtragend. Bin ich nachtragend, Danny?“

Der Kellner brachte den Sekt. Raymond trank auf Annes Schönheit und auf seine Partnerschaft mit Fraser. Er behauptete, sich keinen besseren Partner als Danny Fraser vorstellen zu können.

Und draußen lauerte der Killer, den Raymond angeheuert hatte.

„Wir sind zwar nicht immer einer Meinung“, sagte er lächelnd, „aber wenn es darauf ankommt, ziehen wir ja doch beide am selben Strang, und mit vereinten Kräften erreichen wir, was einem allein niemals gelingen würde. Danny-Boy, ich hoffe, du bleibst mir als Partner noch recht lange erhalten.“ Er zwinkerte wie ein Spitzbube. „Ich verspreche dir, mich zu bessern. Ich arbeite bereits an mir. Ich muss dich nur um etwas Geduld bitten. Der Mensch kann sich nicht von heute auf morgen ändern, aber er kann seinen guten Willen zeigen.“ Er leerte sein Glas. „Noch eine Flasche? Ich hab’ heute die Spendierhosen an, hab’ was ganz Privates zu feiern.“

Fraser schüttelte den Kopf. „Es reicht, wir müssen jetzt gehen.“

„Nur noch einen Tanz mit Anne, ja?“, bat Raf Raymond.

„Na schön, dann ist aber endgültig Schluss.“

„Okay, okay. Ich weiß, wie wichtig dir der Schlaf vor Mitternacht ist“, sagte Raymond, und er dachte: In wenigen Minuten wirst du deine Augen schließen, Partner, und zwar für immer!

Es gefiel Danny Fraser nicht, wie Raymond mit Anne tanzte. Es war etwas Besitzergreifendes in seiner Haltung, und er presste das Mädchen an sich, als hätte er seit Langem ein Verhältnis mit ihr.

Der ändert sich nie!, dachte Fraser ärgerlich.

Als der Tanz zu Ende war, verabschiedeten sie sich von Raf Raymond. Er wünschte ihnen eine gute Heimfahrt, obwohl er wusste, dass Danny Fraser nie mehr nach Hause kommen würde.

Fraser holte die Mäntel und verließ mit seiner Tochter den „Flamingo Club“. Sie traten in die kühle Nacht hinaus. Anne fröstelte leicht und schob ihre Hand unter den Arm ihres Vaters. Der Türsteher wünschte ihnen eine gute Nacht.

Da fiel der Schuss, den keiner hörte!

Anne spürte, wie ihr Vater heftig zusammenzuckte, und im selben Augenblick sackte er wie vom Blitz getroffen zu Boden.

 

 

5

Was am Anfang wie eine harmlose Pokerrunde ausgesehen hatte, entpuppte sich nach und nach als ein Spiel mit List und Tücke. Sechs Mann saßen an dem runden Tisch, der mit grünem Tuch bespannt war, und drei davon spielten falsch. Sie taten dies nicht gleich vom Beginn an, sondern ließen Bount Reiniger und seinen Freund Toby Rogers zunächst gewinnen, um sie in Sicherheit zu wiegen und offener für höhere Einsätze zu machen. Sie sollten denken, sie hätten eine Glückssträhne an diesem Abend.

Als der erste Spieler dann aber eine unreine Gangart einschlug, fiel es Bount Reiniger auf, und er gab diese Wahrnehmung mit einem heimlichen Blick an den Captain weiter.

Sie kannten einander schon so lange, dass sie sich auch ohne Worte verständigen konnten.

Vorsicht, Freund!, sagten Bount Reinigers helle Augen. Hier wird gemogelt!

Da sie selbst auch ein paar gute Tricks beherrschten und sich jetzt an keine Fairness mehr gebunden fühlten, gewannen sie auch dann noch, als es die Falschspieler nicht mehr wollten.

Vor allem Bount Reiniger strich einige satte Gewinne ein, die die anderen vor Neid und Wut erblassen ließen.

Eine Weile ließ sich Ted Timson, einer der drei Falschspieler, das gefallen. Dann brummte er: „Also ich kann mir nicht helfen, aber hier geht’s doch nicht mit rechten Dingen zu.“

„Glückssträhne“, sagte Bount Reiniger schmunzelnd. „Sie begann, als ich mich an diesen Tisch setzte, und riss seither nicht mehr ab.“

Ross Ferry, Falschspieler Nummer zwei, rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf. „Ich denke, mit Glück hat das nichts mehr zu tun.“

Abe Ryder, der Dritte im Bunde, blaffte: „Verdammt, warum nennen wir das Kind nicht beim Namen?“ Er wies auf Bount Reiniger und Toby Rogers. „Die beiden haben geschummelt!“

„Ja“, dehnte Ted Timson. „Das glaube ich auch.“

„Ich hasse es, wenn man mich für blöd verkauft“, sagte Ross Ferry.

„Und ich mag es nicht, wenn jemand denkt, mich wie ein dämliches Schaf scheren zu können“, bemerkte Timson, und es funkelte böse in seinen Augen.

Der sechste Spieler witterte den Ärger, der plötzlich über dem Tisch hing, und brachte sich rechtzeitig in Sicherheit.

„Okay, Jungs“, sagte Timson zu Bount und Toby. „Dann rückt mal rüber mit den Moneten, die ihr euch widerrechtlich angeeignet habt. Von Rechts wegen müssten meine Freunde und ich euch jetzt eine Tracht Prügel verabreichen, aber wir wollen mal nicht so streng mit euch sein. Ihr gebt uns den ergaunerten Zaster zurück, und wir trennen uns als Freunde. Ist das ein faires Angebot?“

Bount wies mit dem Daumen auf seinen Freund, „Ich weiß nicht, wie er darüber denkt, ich lehne euer Angebot jedenfalls ab.“

„Kannst du ja gar nicht“, sagte Ferry aggressiv.

„Und wieso nicht? “

„Weil wir zu dritt sind.“

„Und wir sind zu zweit!“, warf Captain Rogers ein.

„Betrachtet die verlorenen Scheine als Lehrgeld, das ihr an uns bezahlt habt“, sagte Bount Reiniger. „Ihr wolltet uns die Haare schneiden, und weil das nicht geklappt hat, seid ihr sauer. Wir haben euch ein Lehrspiel gegeben, Kameraden. Ihr seid an die Falschen geraten. Pech gehabt, tut uns Leid. Wir werden das Geld, das wir euch Halunken abnahmen, einem wohltätigen Zweck zuführen. Ich hoffe, das ist in eurem Sinn.“

Timsons Augen verengten sich. „Wie hast du uns eben genannt?“

„Halunken!“, sagte Bount unerschrocken.

Ferry wurde jetzt wütend. Obwohl die Bezeichnung stimmte, fasste er sie als Beleidigung auf, die er nicht auf sich sitzen lassen wollte. Zornig sprang er auf. Er krallte seine Finger in Bount Reinigers Jacke und riss ihn vom Stuhl hoch.

Bounts Arme fegten nach oben. Auf diese Weise befreite er sich von Ross Ferrys Händen. Der Falschspieler wollte ihn sofort wieder packen, doch Bount Reiniger federte zurück, und als Ferry nachkam, stoppte er ihn mit einem trockenen Haken.

Timson und Ryder griffen in das Geschehen ein. Zu dritt wollten sie Bount zusammenschlagen, aber sie machten die Rechnung ohne den Wirt, und der hieß in diesem Falle Captain Toby P. Rogers.

Der gewichtige Leiter der Mordkommission Manhattan C/II warf sich mitten hinein in das Kampfgetümmel. Er boxte und schlug um sich, während Bount Reiniger mit seinen Karatekenntnissen auftrumpfte.

Rücken an Rücken kämpften Bount und Toby. Sie erteilten den Ganoven noch eine Lehre.

Bounts Gerade streckte Ted Timson nieder. Daraufhin drehte der Mann durch. Der Verstand hakte bei ihm aus. Er riss sein Springmesser aus der Tasche, ließ es aufschnappen und stach zu.

Bount fing die Messerhand des Gegners mit gekreuzten Armen vor seinem Bauch ab. Fast im selben Moment ergriff er Timsons Handgelenk und drehte es mit Schwung herum.

Ted Timson schrie auf. Sein Gesicht verzerrte sich. Bount verstärkte den Druck so lange, bis sich Timsons Finger öffneten und das Messer zu Boden fiel. Danach musste der Mann feststellen, dass man sich nicht ungestraft mit Bount Reiniger einließ.

Ein harter Schlaghagel ging auf Timson nieder. Als der Bursche zusammensackte, rief Toby: „Vorsicht, Bount!“

Bount Reiniger schnellte herum. Er sah Ross Ferry, der Timson zu Hilfe eilen wollte. Aus der Drehung heraus schlug Bount zu. Der Treffer warf den Ganoven weit zurück. An seinem glasigen Blick erkannte Bount Reiniger, dass der Falschspieler stehend k.o. war.

In Toby Rogers Fäusten steckte noch eine ganze Menge. Das bekam alles Abe Ryder ab. Als er genug hatte, gab er Fersengeld, und Timson und Ferry folgten ihm auf unsicheren Beinen.

Der Captain grinste seinen Freund zufrieden an. „Die werden es sich nächstens gründlich überlegen, ob sie noch mal falsch spielen sollen.“

„Auf jeden Fall werden sie sich die Leute besser ansehen, die sie hereinlegen wollen“, meinte Bount Reiniger.

Der feiste Wirt betrat aufgeregt das Hinterzimmer. Er atmete erleichtert auf, als er sah, dass die Einrichtung heil geblieben war. Er senkte die Lider und blickte Bount und Toby wie ein geprügelter Hund an.

„Ich hätte Sie vor diesen Typen warnen sollen. Die versuchen jeden übers Ohr zu hauen.“

„Verkehren sie oft hier?“, fragte Toby.

„Zum Glück nicht. Sie machen ganz Manhattan unsicher. Kein Lokalbesitzer sieht sie gern, aber was soll man machen? Ich will mit ihnen keinen Ärger haben. Sie können sehr grob sein, und ich bin – ich geb’s ehrlich zu – ein Feigling. Aber mein Vater – Gott hab ihn selig – sagte schon immer: Lieber fünf Minuten lang feige, als ein Leben lang tot.“

„Ihr Vater war ein weiser Mann“, sagte Bount Reiniger.

„O ja, das war er. Er hatte sehr viel Lebenserfahrung.“

Hinter dem feisten Wirt erschien ein großer, schlaksiger, sommersprossiger Mann: Lieutenant Ron Myers, Captain Rogers Stellvertreter.

„Hier bist du“, sagte er zu Tom. Er nickte Bount Reiniger zu. „Hallo, Bount. Ich suchte euch schon in vier Lokalen. Ihr wolltet den Abend doch bei Dutchies verbringen.“

Toby Rogers nickte. „Das hatten wir vor, aber da war es so langweilig, dass wir uns entschlossen, weiterzuziehen.“

„Ist es hier amüsanter?“

Der Captain grinste. „Du hättest zehn Minuten früher hier sein sollen, da war was gefällig. Wieso suchst du uns?“

„Nicht euch beide“, stellte der Lieutenant richtig. „Nur dich, den Chef der Mordkornmission.“

„Ich bin nicht im Dienst“, brummte Toby.

„Hast du nicht mal behauptet, ein Polizist wäre immer im Dienst – auch dann, wenn er frei hat?“

„Das war nur so dahergeredet. Wieso merkst du dir so etwas jahrelang?“

„Glaub mir, ich würde dich nicht behelligen, wenn es sich um einen alltäglichen Mord handelte“, sagte Ron Myers. „Aber wenn du morgen ins Büro kommst, ist es sowieso dein Fall, und so meine ich, es wäre besser, wenn du von Anfang an dabei bist.“

„So, das meinst du.“ Toby blickte Bount Reiniger an. „Ist es nicht eine Plage, wenn man mitdenkende Mitarbeiter hat?“ Er wandte sich an den Lieutenant. „Na schön, schieß los. Was gibt’s?“

„Einen Mord.“

„Darauf wäre ich von selbst nicht gekommen.“

„Mit einem Dumdumgeschoss. Die Kugelspitze war mit Quecksilber gefüllt. Der Killer wollte auf Nummer Sicher gehen. Du weißt, was für schreckliche Wunden diese Geschosse reißen. Das war die Arbeit eines Profis.“

„Wen hat die Kugel getroffen?“, wollte der Captain wissen. Sein Interesse war erwacht, denn auf diese Weise waren in der Vergangenheit etliche Menschen ums Leben gekommen. Die Tat trug die Handschrift eines Mannes, dessen Name nicht bekannt war, den Toby Rogers aber schon lange auf seiner Wunschliste stehen hatte.

„Danny Fraser“, sagte Ron Myers. „Den Co-Chef von RRDF-Airways.“

„Wann?“, fragte der Captain.

„Vor einer halben Stunde.“

„Und wo?“

„Nicht weit von hier. Amsterdam Avenue, vor dem Flamingo Club.“

„Was dagegen, wenn ich mitkomme?“, fragte Bount Reiniger.

„Meinetwegen“, erwiderte Toby. „Aber ich wäre dir dankbar, wenn du dich in meine Arbeit nicht einmischen würdest.“

Bount grinste und hob abwehrend beide Hände. „Nichts liegt mir ferner, als deinen Job zu tun, und das auch noch ohne Bezahlung.“

Sie verließen das Lokal. Toby stieg zu Ron Myers in den Dienst-Chevrolet, Bount Reiniger folgte ihnen in seinem Mercedes 450 SEL.

In der Amsterdam Avenue war einiges los. Patrolcars standen mit zuckenden Rotlichtern vor dem „Flamingo Club“. Cops bemühten sich, die vielen Schaulustigen vom Tatort fernzuhalten. Reporter knipsten den auf dem Gehsteig liegenden Toten, und sie stürzten sich auf den Captain, als er aus dem Wagen stieg, um ihn mit Fragen zu bombardieren.

„Im Augenblick kann ich überhaupt noch nichts sagen!“, bemerkte er ruppig. „Aber ich warne Sie! Schreiben Sie deshalb nicht gleich wieder: Die Polizei steht vor einem Rätsel! Ich werde den Täter finden, aber ich brauche ein bisschen Zeit dazu. Für Wunder ist ein anderer zuständig.“

Details

Seiten
101
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929515
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491819
Schlagworte
start verderben york detectives

Autor

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Titel: Start ins Verderben: N.Y.D. – New York Detectives