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Der Baron #9: Kap Hoorn – 11 Mann und eine Frau

2019 126 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #9: Kap Hoorn – 11 Mann und eine Frau

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Prolog

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Der Baron #9: Kap Hoorn – 11 Mann und eine Frau

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Der Verleger C. S. Leverton hatte sich mit seinem ganzen Geld samt Sekretärin abgesetzt und war seither wie vom Erdboden verschwunden. Zuvor hatte er Autorenhonorare unterschlagen – darunter auch über fünfzigtausend Dollar von Alexander von Strehlitz. Deshalb, und weil ihm der mehrfache Milliardär Leif Paulsen eine beträchtliche Prämie für das Auffinden Levertons zahlt, macht sich der Baron, wie von Strehlitz genannt wird, mit seiner Crew auf die Suche nach dem Flüchtigen. Schließlich benötigt der Baron viel Geld für seine diversen sozialen Projekte. Allerdings muss er Levertons betrogene Ehefrau Maud mitnehmen, die von Hass getrieben nur noch eins im Sinn hat: Rache ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen ... der Baron und seine Crew.

 

 

Prolog

London (rp) — Seit zwei Monaten sucht Scotland Yard nach dem amerikanischen Buchverleger C. S. Leverton, der seinen ständigen Wohnsitz seit einigen Jahren in England hat. Leverton ist dem Vernehmen nach mit all seinem Vermögen und der Kasse seines Verlages in Richtung Argentinien per Flugzeug geflohen, über den Falkland-Inseln aber zu einer Notlandung gezwungen gewesen. Wie wir erfuhren, hat sich einer von Levertons Gläubigern, Baron Alexander Strehlitz, aufgemacht, Leverton um jeden Preis zu finden. Leverton schuldet dem Baron Autorenhonorare von über fünfzigtausend Dollar. Maud Leverton, die Frau des Verlegers, hat sich dem Baron angeschlossen, um ihren Mann zu finden, dem sie zudem Treulosigkeit vorwirft ...

 

1

Das Kaminfeuer prasselte. Buchenscheite knackten, und im ganzen Zimmer war der Duft von Harz und Holz. Die Flammen warfen einen zuckenden Schein auf die Gesichter der drei Männer, dass es schien, als leuchte ihre Haut und funkelten ihre Augen. Im übrigen Zimmer war es dunkel.

„Ich warne Sie, Baron Strehlitz! Sie wetten mit dem Teufel! Diese Wette gewinnt keiner“, sagte Dr. Colbert eindringlich. Colbert war Anwalt, aber er hätte gut und gerne als Schauspieler auftreten können, sagte sich jedenfalls Baron Strehlitz. Denn Colbert sah gut aus, wie ein Mann Ende vierzig überhaupt aussehen konnte. Weißes Haar, eigentlich phänomenal weiß für sein Alter. Graumelierter Schnäuzer. Brille, tadelloses Aristokratengesicht. So stellen sich Millionen frustrierter Frauen einen Chefarzt vor, oder wem sonst sie ihr Vertrauen und insgeheim ihr Herz schenken, ohne dass derjenige es ahnt.

Baron Strehlitz war ein ganz anderer Typ. Jedenfalls wirkte er nach einer siebenwöchigen Seereise nicht so distinguiert wie Dr. Colbert. Sein Haar war trotz bester Pflege infolge des Seewassers borstig, sein Gesicht tief von Sonne und Wind gebräunt, und um Augen und Mundwinkel lagen tiefe Fältchen, die verrieten, dass Baron Strehlitz oft und gerne lachte.

„Ich fürchte den Teufel nicht“, sagte der Baron mit sonorer Stimme, die wie der dunkle Ton einer Bassgeige durch den Raum schallte.

Der dritte Mann vor dem Kamin war Leif Paulsen. Ein Berg von einem Manne, groß, wuchtig, breit. Er war zwischen fünfzig und sechzig, hatte kaum noch Haare auf dem Schädel und lag mehr als er saß in seinem Sessel, sodass sein weit gewölbter Falstaffbauch noch mehr in Erscheinung trat. Alles an diesem fettleibigen Menschen war erfülltes Leben, wie es schien. Weib, Wein und Gesang schien zu ihm zu passen wie zu keinem anderen. Aber noch mehr als das liebte er genussvolles Speisen. Seine Schlemmermahlzeiten wurden von Kennern gerühmt. Die Spuren davon trug er in Form seines Körpergewichtes spazieren.

Als Paulsen jetzt lachte, klang es, als käme Donnergrollen aus einem Gewölbe. Der riesige Bauch begann zu beben und zu wogen wie eine Vulkan, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstand. Und die winzigen Augen im Gesichtsspeck des Menschgiganten verschwanden nun völlig unter den Wülsten, die nach Tausenden kulinarischer Orgien entstanden waren.

Schnaufend und noch immer von Heiterkeit erfüllt, beugte sich dieser Koloss nach vorn, ergriff seinen Zinnbecher, der in der riesigen Pranke des Mannes winzig wirkte, trank und polterte dann mit glucksender Stimme:

„Ich bin nicht der Teufel! Aber Sie verlieren die Wette trotzdem, Baron, und womöglich verlieren Sie Ihr Leben. — Sie sind ein Mann, für den Frauen Selbstmord begehen oder sich zu Dirnen machen. Sie sehen wirklich gut aus. Ich habe nie so trainiert, so gelungen wie ein Adonis ausgesehen. Ich war immer ein Fass, Baron, schon als Kind. Es wird Ihnen aber nichts nutzen. Sie finden Leverton nie. Ihn nicht und auch sein Geld nicht. Niemals!“

Dr. Colbert warf ein Buchenscheit in die Flammen, dass die Funken aufsprühten und neuerlich ein Duft von Harz aus der Feuerstelle quoll und die Luft schwängerte wie ein kostbares Parfüm.

„Ja, so unrecht hat er nicht“, meinte Dr. Colbert und sah den Baron an, der ihn lächelnd musterte, ungläubig und überlegen. „Baron, Paulsen hat recht. Ja, er hat wirklich recht. Sehen Sie doch: Leverton hat doch nicht nur das Geld einkassiert, das er mit Ihrem Buch und den Fernsehrechten eingenommen hat. Leverton ist ein erfolgreicher Verleger, und nach meiner Schätzung sind es gut drei Millionen, die er kassiert und mitgenommen hat. Die siebzigtausend von Ihnen sind nur ein geringer Teil. Entschuldigen Sie, aber als Ihr Anwalt muss ich es doch in dem Rahmen sehen, der sich hier zeigt. Leverton hat insgesamt zwanzig oder noch mehr Autoren geprellt und ist mit ihrem Gelde weg. Dass man sein Flugzeug gefunden hat, sagt nichts. Es kann ein Trick sein. Die Briten, die es auf den Falkland-Inseln gefunden haben, fanden bis heute keine Leichen. Nur das Wrack der Maschine. Trotzdem, ich würde nicht mit Paulsen wetten.“ Er blickte Paulsen an, der satt lachte wie ein Junge, der auf das Resultat eines Streiches wartet.

„Er hat ja schon gewettet, dass er Leverton findet und ihn zur Kasse bittet. Hat er schon!“, polterte der Menschberg Paulsen und geriet wieder in wabernde Bewegung.

Colbert, der Paulsen schon seit zwei Jahrzehnten kannte, sagte: „Er ist auch mein Mandant, Baron. Aber gerade deshalb rate ich, ziehen Sie die Wette zurück. Paulsen gehört zu der Sorte Mensch, die Geld verdient, ob sie will oder nicht. Sein Kapital vermehrt sich stündlich, und er kann nie und nimmer ausgeben, was hereinkommt. Allein die Zinsen sind jährlich mehr, als manch tüchtiger Geschäftsmann in seinem ganzen Leben einnimmt.“

Paulsen hörte auf zu lachen und wurde ernst. Er beugte sich vor, zeigte mit seinem wurstartigen Zeigefinger auf den Baron, der gegen ihn wie ein olympischer Zehnkämpfer wirkte. „Nichts da! Nix wird zurückgezogen! Sie haben mein Wort, dass Sie alle Kosten ersetzt bekommen, dass ich Ihnen alle Mittel zur Verfügung stelle, um Leverton zu finden. Finden Sie ihn, zahle ich Ihnen hunderttausend in bar. Dass Sie, Baron, dass Geld zum Teil für irgendeinen humanitären Humbug verwenden ...“

„Stopp! Ich verbiete Ihnen, Mr. Paulsen, meinen Plan vom Heim für alleinstehende alte Leute einen Humbug zu nennen!“, unterbrach ihn der Baron jäh. „Es wäre viel nützlicher, Sie würden von selbst darauf kommen, dass es Millionen alter Leute auf der Welt gibt, die früher auch einmal kräftig, gesund und unternehmungslustig waren, jetzt aber krank und alt und vielleicht hilflos sind. Auch Sie werden älter. Vielleicht sind Sie schon in ein paar Jahren in derselben Lage.“

„Ich kann mit meinem Geld die besten Ärzte der Welt bezahlen.“

„Aber Ihr Geld kann Ihre Seele nicht glücklich machen. Kein Geld kann es. Und jetzt reden Sie weiter, Doktor!“

Der an Londons Gerichten so berühmte Dr. Colbert lächelte zustimmend und sagte: „Mir gefällt auch Paulsens Bedingung nicht. Auf die Gefahr hin, dass er mir sein Mandat entzieht, das ich seit elf Jahren für ihn innehabe, ich sage es trotzdem: die Bedingung, dass Baron Strehlitz Maud Leverton mitnehmen soll, ist schlicht gesagt unmenschlich.“

Paulsen lachte. „Unmenschlich! Sie Narr! Ist es unmenschlich, wenn ich einem Manne eine Frau zur Begleiterin delegiere, die aussieht wie die personifizierte Sünde? Deren Anblick einen Mann bereits alles andere um sich vergessen lässt. So eine Frau macht einen Eunuchen zum Casanova!“ Wieder lachte Paulsen, und der Baron fragte sich, was wohl in Paulsens Gehirn herumgeistern mochte. Er hielt den mehrfachen Milliardär Paulsen für einen Mann, der selbst aus dem Rennen war, rein optisch und mit viel Fantasie aber noch Erlebnisse nachvollzog, die er rein körperlich nicht mehr erleben durfte.

„Aber sie hasst ihn!“, rief Colbert. „Sie hasst ihn, weil er der erste Mann ihres Lebens ist, der sie verschmäht hat. Der ihr nicht zu Füßen lag ...“

Der Baron winkte ab. „Das ist glatt übertrieben, Doktor. Ich habe diese Frau behandelt wie jede andere. Und das missfiel ihr. Sie wollte wie eine Königin bewundert werden. Da ich eine ganze Menge Königinnen kenne, die englische inklusive, die sich wie völlig normale Menschen benehmen und nicht solche übergeschnappte Klapse haben, kann ich nicht den Clown spielen, wie das Mrs. Leverton offenbar von allen Männern erwartet.“

„Eben, und deshalb würde sie alles tun, um Sie zu bekämpfen.“ Colbert sah den dicken Paulsen vorwurfsvoll an. „Das ist, was ich unmenschlich nenne.“

„Papperlapapp, Doktorchen!“, widersprach Paulsen und nahm einen Schluck aus dem Zinnkrug. „Leverton hat seine schöne Frau betrogen. Sie, die Königin, wie der Baron sagt. Er hat sie betrogen mit einer Sekretärin. Und wenn sie den Baron noch so hasst, sie wird mit ihm zusammengehen, um ihren Mann zu finden und sich an der Sekretärin zu rächen.“

Der Baron lachte plötzlich schallend, und auch Colbert lächelte amüsiert. Als Paulsen die beiden verblüfft und ein wenig unwillig ansah, meinte Paulsen: „Die Sekretärin ist Mrs. Levertons Schwester Ruth, lieber Freund. Sie ist nicht ganz zu hübsch wie Maud Leverton, aber vielleicht doch ein paar Sünden wert. Trotzdem, lieber Paulsen, streichen wir doch das alles. Die Geschichte könnte zu einer tödlichen Sache ausarten. Wer weiß, in welcher Einöde sich Leverton vergraben hat, um abzuwarten ...“

„Paulsen schüttelte den Kopf. „O nein, nirgendwo ist ein Mann so wenig sicher wie in einer Einöde. Dort fällt er auf. Sicher ist ein Flüchtling mitten in New York oder mitten in Paris. Aber niemals dort, wo außer ihm nur ein paar Leute leben. Nein, ich sehe das nicht als so gefährlich an. — Nun“, wandte er sich direkt an den Baron, „Sie bekommen, was Sie brauchen, und ich zahle eine Prämie. Denn mir, lieber Freund, schuldet Leverton weit mehr als Ihnen.“ Paulsen wurde todernst. „Mir schuldet Leverton meinen Ruf ...“

Der Baron sah Paulsen an. Also hat ihn Levertons Buch doch sehr tief getroffen, dachte er. Ein Buch über die Reichen dieser Welt. Leverton hatte es geschrieben und im eigenen Verlag herausgebracht. Den Prozess gegen Leverton verlor Paulsen in allen Instanzen. Und das, obgleich er nachweisen konnte, dass sehr viele Leute nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten, dass ihm Schaden entstanden war und weiter entstehen würde. Man hatte sogar versucht, ihn zu erpressen. Seitdem zogen ihn auch nachträglich noch viele Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichtenmagazine durch den Kakao. Er lebte jetzt völlig zurückgezogen in diesem englischen Schloss und ließ seine amerikanischen Geschäfte von Beauftragten ausführen. Den Kontakt zur Außenwelt hielt Anwalt Dr. Colbert aufrecht. Das kleine Schloss war von Wächtern bewacht, die scharfe Hunde mitführten. Die Angst vor einem Attentat wuchs eher als dass sie nachließ. Und warum? Weil Leif Paulsen nach Levertons Schilderung ein skrupelloser, über Leichen gehender Geschäftsmann und Bankier gewesen war ... und noch immer sein sollte. Weil er auf eiskalte Manier Tausenden und Abertausenden in der Wirtschaftskrise die Luft zugedreht hatte. Wer die Kredite nicht pünktlich zurückzahlte, wurde gepfändet, wurde aufgrund von haarsträubenden, aber legalen Verträgen ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Leif Paulsen erwarb Ölquellen, Fabriken, Aktien, aber auch die kargen Vermögen kleiner Leute. Und gerade Letztere waren am meisten erbost, seit sich das herumgesprochen hatte, was Leverton veröffentlicht hatte.

Der Baron kannte Leverton, weil der sein Verleger war. Und er kannte auch Paulsen, den er für einen der schlimmsten Ausbeuter und kaltschnäuzigsten Finanzbetrüger hielt, die er je gesehen hatte. Und er kannte eine ganze Menge. Denn dieses Fass von einem Menschen war keine gemütliche Seele, keine Frohnatur wie Falstaff. Dieser Menschberg war in seinem Innersten so skrupellos, wie ein Mann nur sein konnte, der Aufstände und Kriege finanzierte und riesig daran verdiente. Denn im Waffengeschäft war Paulsen auch, und zwar ganz groß. Je mehr putschende Schwarze oder andere Menschen in Entwicklungsgebieten sich gegenseitig totschossen, umso öfter klingelte Paulsens Ladenkasse. Seine Agenten sorgten dafür, dass immer Grund zum Schießen vorhanden war. Paulsen belieferte grundsätzlich beide Parteien eines Krieges.

Dr. Colbert verdiente als Anwalt seinen Anteil, denn der Prozesse waren nicht wenige.

Der Baron aber hatte sich vorgenommen, Paulsen einmal zur Abwechslung zur Weihnachtsgans zu machen. Der Fall Leverton war nur der auslösende Anlass. Denn auf dem Zuge hatte der Baron den kaltschnäuzigen Fleischberg schon lange. Paulsen aber glaubte, der Baron sei sein Werkzeug einer Rache an Leverton. Weil er des Barons Mentalität zu kennen meinte, hatte er eine Wette ausgesetzt, und der Baron war ohne Weiteres darauf eingegangen.

Der Baron lächelte. Es war das Lächeln eines Mannes, der schon harte Nüsse geknackt hatte und der auch die Hölle nicht fürchtete. Und es war das Lächeln eines Pokerspielers. Niemand sah, was er dachte.

„Wir sind uns einig. Ich kenne die Fakten und werde sie kurz repetieren, liebe Freunde“, sagte er. „Die Flugzeugtrümmer sind auf den Falklands gefunden worden, und da diese rund 500 Kilometer vor der argentinischen Küste liegen, könnte Leverton dort gelandet sein. Ein Boot wurde im ehemaligen Ausrüstungshafen von Stanley vermisst, ein solches aber bei Rio Gallegos gefunden. Das würde heißen, Leverton ist tatsächlich mit dem Boot mit Westkurs nach Argentinien gefahren, dort gelandet und hält sich nun irgendwo da auf. Oder ist schon sonst wo. Gut, ich kenne diese Dinge. Und warum soll nun Maud Leverton tatsächlich mitfahren? Weil Sie mich ärgern wollen, Paulsen?“

Paulsen zuckte jedes Mal zusammen, wenn der Baron ihn einfach mit dem Familiennamen anredete. Aber er verbiss sich eine scharfe Antwort, sondern sagte: „Eine schöne Frau wird für Abwechslung sorgen. Außerdem hat sie mein Wort, dass sie mit Ihnen fahren kann. Sie war nämlich schon dabei, eine eigene Expedition auszurüsten.“

Der Baron begriff, was Paulsen wirklich wollte. „Ich habe verstanden. Sie wollen zu Ihrer Rache auch ein Familiendrama. Nun, ich behalte mir vor, Mrs. Leverton nach Hause zu schicken. — Und nun zu den Bedingungen. Sie zahlen sofort dreißigtausend bar. Als Ausrüstungsgeld.“

Colbert sah den Milliardär an. Der nickte. „Einverstanden. Veranlassen Sie das, Doktorchen!“

Der Baron fuhr fort: „Meine Helfer und ich fliegen mit einer Linienmaschine und öffentlichen Flugzeugen zunächst bis Rio Gallegos. Andere Transportmittel ...“

Paulsen unterbrach ihn. „Ich habe eine Interesse daran, dass Sie Leverton finden. Die Wette, falls Sie die gewinnen, betrachten Sie bitte als Finderlohn. Weil ich ein Interesse daran habe, bekommen Sie einen von meinen Jets, und in Argentinien wird einer meiner Agenten dafür sorgen, dass Sie auch ein hochseetüchtiges Schiff mitsamt Mannschaft zur Verfügung haben. Davon hören Sie in Rio Gallegos, wo mein Agent Sie erwartet. Es ist ...“ Er sah Colbert an. „Ja, wen schicken wir denn dorthin?“

„Cartenas, würde ich sagen“, schlug Colbert vor. „Er ist doch ein guter Mann, wie Sie selbst sagten ...“

„Also gut, nehmen wir Cartenas. Doktorchen, veranlassen Sie bitte alles Notwendige.“ Er sah wieder den Baron an. „Noch eine Frage?“

„Was wollen Sie mit Leverton machen, wenn ich ihn habe?“, fragte der Baron.

Paulsen winkte wild ab. „Erst fangen, dann hängen!“

„Wenn er lebt, Paulsen, bekommen Sie ihn. Also?“

Paulsens Gesicht verzog sich. „Er wird meinen Ruf wieder in Ordnung bringen — das wird er!“

„Sie wollen ihn doch nicht etwa ein kleines bisschen umbringen lassen, wie? Sozusagen im Anschluss an seinen Widerruf?“ Der Baron lächelte kühl.

„Sie sind wohl verrückt, Baron? Ich glaube, Sie sind von Levertons Lügenbuch auch schon angesteckt! Ich habe noch nicht mal einer Fliege etwas angetan in meinem ganzen Leben. Nicht mal ’ner Fliege!“

„Nein, Sie persönlich vermutlich nicht. — Finde ich Leverton nicht, schulde ich Ihnen hunderttausend.“

„Dollar, Baron, Dollar!“, schnaubte Paulsen.

„Natürlich. Aber dazu wird es niemals kommen. Unser Freund Colbert bürgt dafür, dass Sie nicht vergessen, die Hunderttausend zu bezahlen. Unser Vertrag ist ja wohl in Ordnung?“ Er sah Colbert an, und der nickte.

„Ich fürchte nur, Baron“, sagte der Anwalt, „dass Sie es nicht schaffen. Leverton konnte sich gewiss denken, dass man ihn verfolgt. Und seine Frau ... Nun, Sie müssen wissen, was Sie tun.“ Er zuckte die Schultern.

Der Baron nickte. „O ja! Ich weiß, was ich tue.“ Er sah dann auf Paulsen und meinte lächelnd: „Ist Ihnen auch der tote Leverton etwas wert?“

Auf einen verdeckten Wink des Barons hin stand Colbert auf und ging aus dem Zimmer, als müsste er einmal auf die Toilette. Als der Baron mit Paulsen allein war, fragte der Milliardär: „Was soll das heißen, Baron?“

„Es könnte doch sein, dass mein Zusammentreffen mit Leverton für ihn tödlich endet.“

Paulsen lehnte sich weit in den Sessel zurück, starrte gedankenverloren zur Decke, ohne zu antworten. Schon glaubte der Baron, Paulsen wollte nichts sagen oder wollte nicht begreifen, da erwiderte Paulsen langsam, fast zögernd, als müsste er jedes Wort ab wägen:

„Ja, so etwas kommt vor. Das würde mir aber nur dann etwas nützen, wenn es vorher noch einen Widerruf von ihm gäbe. Ein Bekenntnis, dass er Rufmord habe begehen wollen. Selbstkritik, und es müsste glaubhaft bewiesen sein.“

„Was wäre es wert?“

„Fünfmal das, was unsere Wette ...“ Der Baron begann zu ahnen, dass Leverton eigentlich weit mehr wusste. Er glaubte Paulsen die Sache mit dem Widerruf nicht. Paulsen wollte Leverton töten lassen. Das musste es wirklich sein, und der Baron spürte förmlich, wie richtig diese Vermutung war.

„Sie scherzen, lieber Freund. Fünfhunderttausend für einen Mord?“

„Wer sagt Mord?“

„Niemand. Es lag auf der Hand. Eine Million!“

„In Argentinien stirbt man, weil man ein Paar neue Schuhe besitzt.“

„Nicht unbedingt, aber in der Wildnis könnte es sein. Schicken Sie doch solche, die es für ein Paar neue Schuhe machen. Warum also mit mir reden, Paulsen?“

„Siebenhunderttausend. Und ich will nie wieder über ihn nachdenken müssen.“

„Welchen Beweis wünschen Sie?“

„Seine Leiche, was sonst?“

Der Baron lachte leise. „Das kann für Sie ins Auge gehen. Je nachdem, wo wir ihn finden. — Schicken Sie Colbert dorthin, wohin wir ihn bestellen. Er kann ihn sich ansehen.“

„Einverstanden. — Wann fliegen Sie?“

„Das muss ich erst mit meinen Partnern abstimmen. Und vorher muss erst der Scheck eingelöst sein, den mir Colbert gleich gibt. Der Scheck über die dreißig Mille!“

Paulsen nickte. Sein Robbengenick wölbte sich dabei wie eine Speckseite im Rauch. Die kleinen Schweinsäuglein blitzten den Baron listig an. Aber er sagte nichts.

Dann kam Colbert wieder ins Zimmer. „Draußen gießt es in Strömen“, sagte er und rieb sich die Hände. „Bei solchem Wetter schickt man keinen Hund vor die Tür, nicht wahr, Baron?“

Baron Strehlitz sah ihn ungerührt an. „Der Regen, der mich ins Haus treibt, ist noch nicht erfunden, Doktor. Vor Kap Hoorn erleben wir es bestimmt anders.“

„Ich denke, Leverton ist längst nicht mehr dort unten. Der sitzt vielleicht unter falschem Namen im Waldorf Astoria und löffelt Kaviar, seine Lieblingsspeise ...“

 

 

2

Sie hieß Leander und gehörte einem Manne, dessen Haut so faltig war wie uraltes Leder, und in dessen Augen das gelbe Fieber dunkle Flecke hinterlassen hatte, sodass kaum noch etwas weiß am Augapfel war. Er hieß Ariano, oder er nannte sich nur so, war sechzig, oder vielleicht auch siebzig, und auf seinem Lederkopf thronte eine Kapitänsmütze, die in allen Farben schillerte und offenbar nur noch vom Dreck zusammengehalten wurde. Die Leander war sein Schiff. Ein Zweimastschoner, wie man sie in der Südsee kannte, schnell, mit relativ viel Tiefgang für einen Schoner dieser Art und schnittigem Rumpf. So alt wie Arianos Mütze schien sie nicht zu sein. Solcher Art Schiffe waren für reiche Leute gebaut, die auf große Fahrt gehen wollten — entsprechend luxuriös waren Kabinen und Kajüte. Wie der vor Schmutz starrende Ariano an dieses Schiff gekommen war, interessierte den Baron mehr als das Schiff selbst, obgleich die Leander das war, was ein Segelschiffer einen Traum nannte.

Ariano hockte auf dem Ankerspill, blickte mit seinen fleckigen Augen auf den Baron, der seinen Regenmantel über dem Arm trug, sodass Ariano die blaue Jacke sah, auf der sich ein goldenes Zeichen auf der Brusttasche befand, das auch Ariano kannte: den Anker mit den drei Sternen und dem C und dem H, die für Cape Horn standen. Von dem Augenblick an, als er das gesehen hatte, veränderte sich Arianos Benehmen. Er stand auf, tippte höflich an den Schirm seiner Mütze und fragte:

„Was steht zu Diensten, Señor?“

Der Baron wusste, was Arianos Benehmen so verändert hatte. Ariano sah nicht nur wie ein alter Seebär aus, er war einer. Und jedem Seemann imponierten Männer, die zehnmal mit einem Segelschiff Kap Hoorn umrundet hatten. Genau das besagte jenes auf gestickte Zeichen. Das bekamen Seeleute, die ein Schiff zehnmal um Kap Hoorn führten, wohlgemerkt ein Segelschiff, und mindestens zehn Mann Besatzung musste es haben.

Der Baron bot Ariano eine Zigarre an, der nahm sie, und danach zündeten sie sich beide die Havannas an. Während Ariano noch genießerisch den ersten Zug tat, ließ der Baron seinen Blick über den Hafen von Rio Gallegos schweifen.

Grelle, fast weiße Sonne schien auf die noch regennassen Kais und Schuppen herab. Vorhin war ein mittlerer Wolkenbruch niedergegangen, und bei den Fischerbooten drüben schöpften Männer und Frauen schon seit einer Viertelstunde Wasser aus den Booten. Vor den Häusern kehrten Leute das vom Regen herabgepeitschte Laub zusammen, das von den Bäumen heruntergedroschen worden war. Es waren übrigens kleine, sehr hässliche Häuser, zum Teil mit Wellblech gedeckt, und alles das erinnerte noch an die große Zeit des Walfangs. Auch die total verrosteten Tanks und Kräne gaben Zeugnis von einer Zeit, da hier große Fangschiffe Frischwasser und Treibstoff bunkerten, Proviant übernahmen und letzte Überholarbeiten vornehmen ließen. Jetzt war der Hafen nur noch eine Erinnerung, ein Stück Walfanggeschichte.

Der Baron sah Ariano an. „Ich bin in einem Geschäft gewesen, hier im Hafen. Dort sah ich einen Ring, einen Ring mit einem Rubin, in Platin gefasst. Ein herrliches Stück. Innen ist eine Gravierung. Da steht englisch: Maud 1960:

Ariano grinste, und sein Ledergesicht ähnelte einer zerknautschten Handtasche. „Señor, das alles hat mir der Detektiv von Scotland Yard auch schon gesagt. Die Engländer haben ihn hergeschickt. Er war mit einem von unserer Polizei bei mir. Auch wegen des Ringes. Ihm hat Parielo auch gesagt, dass er den Ring von mir gekauft hat. Aber denken Sie mal nach, Señor. Denken Sie gut nach, wenn Sie auf die Wahrheit kommen wollen. Wir können unten in meiner Kajüte ein Glas trinken und dabei noch besser überlegen. Die Zigarre von Ihnen ist sehr gut.“ Er stand auf und ging nach achtern. Sie kamen dabei an zwei Matrosen vorüber, die entweder Chilenen oder Argentinier waren, sehr betulich die Messingreling putzten und sich verständnisinnige Blicke zuwarfen, als der Baron mit Ariano an ihnen vorbeiging. Im Gegensatz zu ihrem Kapitän sahen die beiden immerhin halbwegs manierlich gekleidet aus.

Die Kajüte befand sich in einem tadellosen Zustand. Auch das passte nicht zu dem ziemlich lumpig gekleideten Schiffer.

„Wie lange führen Sie dieses Schiff?“, fragte der Baron, als Ariano zum Schrank ging, um eine Flasche und zwei Gläser zu holen.

Ohne sich umzuwenden, sagte Ariano: „Ich bin damit überhaupt noch nicht gefahren und will auch nicht damit fahren. Ich habe sie vor zwei Monaten gekauft, um sie eines Tages mit Gewinn wieder zu verkaufen. Oder ich verleihe sie an irgendeinen Reichen. Sie kommen jetzt öfters hierher. Das sind die, denen man nur noch am südlichen Polarkreis etwas Neues bieten kann. Erst hatte ich gedacht, Sie wären so einer. Aber Sie sind wieder ein Detektiv, der wissen will, wo dieser Leverton abgeblieben ist. Ich sage Ihnen, was ich auch dem Detektiv gesagt habe und unserer Polizei schon zehnmal sagen musste: Er ist zusammen mit einer Frau, einer sehr jungen und hübschen Frau, von den Falklands gekommen. Mit der Princess Ann, das ist eine Hochseefähre, die alle zwei Wochen kommt. Er kam wie ein Passagier, schien aber nicht viel Geld zu haben. Jedenfalls hat er Schmuck gegen Geld getauscht. Bei mir diesen Ring. Ich habe ihn wieder weiterverkauft.“

„Was haben Sie ihm dafür gegeben?“

„Ich spreche nicht über Geschäfte. Genug jedenfalls hat er bekommen.“ Ariano kam mit der Flasche und den Gläsern zum Tisch, goss ein und setzte sich. „Er ist bei mir nicht mehr aufgetaucht.“

„In einer kleinen Stadt wie dieser weiß doch jeder, wo ein Fremder bleibt. Sie wissen also, wohin er gegangen ist“, sagte der Baron.

Der Alte nickte. „Natürlich weiß ich das. Er ist mit einem Boot weg, das ihm Parielo verkauft hat. Es hat einmal mir gehört.“

„Was für ein Boot?“

Ariano lächelte versonnen. „Die Maria ist ein feines Boot. Ich bin schon mehrmals damit um Kap Hoorn gefahren.“

„Ein Segler?“

„Nein, ein altes englisches Küstenwachboot. Aber sehr seetüchtig. Ich habe damals einen Hilfsmast einsetzen lassen, und man kann damit ganz gut segeln, wenn auch nicht schnell.“

„Man müsste wissen, wo das Boot eingelaufen ist.“

Ariano zuckte die Schultern. „Was kümmert’s mich?“

„Mich schon. Mir wurde gesagt, Sie hätten keinen roten Heller besessen und alles verkaufen müssen. So wohl auch die 'Maria'. Und dann auf einmal, ziemlich gleichzeitig mit Levertons Auftauchen, waren Sie so reich, dieses Schiff kaufen zu können. Wem hat es gehört?“

„Leverton.“

Der Baron schluckte vor Überraschung. „Was sagen Sie? Und warum kommen Sie erst jetzt damit heraus?“

„Sie haben nicht danach gefragt, Señor. Leverton hatte dieses Schiff hier im Hafen liegen. Er war ja auf dem Wege hierher. Aber auf den Falklands ist er notgelandet. Kein Treibstoff mehr.“

„Hören Sie, Ariano, da stimmt einiges nicht! Er verkauft Ihnen dieses Schiff, um ein mieses Boot zu kaufen?“

„Er hat kein mieses Boot. Er hat ein Motorschiff, mit dem er allein oder mit der Hilfe eines Mädchens um Kap Hoorn fahren kann. Mit einem Segler muss er eine Mannschaft haben. Er muss gegen den ewigen Westwind kreuzen. Stunden, Tage. Wem erzähle ich das? Sie wissen das selbst. Deshalb hat er verkauft, und auch, weil er Geld brauchte. Dieses Schiff und das Boot, da stecken mehr als zweihunderttausend Dollar Differenz drin. Und die hatte er wohl nötig.“

„Das Geld für den Ring hätte er doch auch ...“

Ariano lachte. „Er hat zu mir gesagt: 'Das Weib, das ihn mir geschenkt hat, soll der Teufel braten!' — Und den Ring hätte er verkauft, wenn er eine Million in der Tasche gehabt hätte.“

„Verkaufen Sie dieses Schiff?“, fragte der Baron überraschend.

„Wenn Sie vierhunderttausend hinlegen, gehört es Ihnen.“

„Wir sehen uns bald wieder, Ariano!“, erwiderte der Baron und ging.

 

 

3

Cartenas war der Agent von Paulsen, ein Typ, bei dessen Anblick man sich den Reichtum seines Auftraggebers erklären konnte. Was Cartenas von einem Gangster vom Schlage der Chicagoer Unterwelt unterschied, waren, äußerstenfalls sein argentinischer Pass und Name. Als Cartenas aus seinem museumsreifen Chevrolet in den gemieteten Land Rover des Barons umstieg, dellte sich seine Jacke so weit aus, dass der Baron eine Wette um tausend englische Pfund gemacht hätte, in der er behauptete, Cartenas trage ein Schulterholster mit einem großkalibrigen Ballermann, einen sogenannten Mannstopper.

Cartenas war dunkelhaarig, kräftig gebaut und sah genau so aus, wie Filmregisseure die Ganovenrolle besetzen. Sein Gesicht war ziemlich ramponiert, brutal wirkte er auch, und irgendwann war er ganz sicher auch Boxer gewesen.

Seine Hände waren mit Brillantringen vollgepflastert, an seinen Wurstfingern hatte eine Maniküre unter dem Schweiß der Edlen versucht, aus seinen Vogelkrallen vernünftige Nägel zu machen. Cartenas trug einen gestreiften grauen Anzug, roch zehn Meilen gegen den Wind nach Warenhausparfüm und trug eine weiße Kunststoffnelke im Knopfloch.

Die beiden Wagen standen in einem verlassenen Steinbruch, der noch aus der Zeit Perons stammte, als man voller Optimismus eine Autostraße ins Landesinnere hatte bauen wollen. Mit Perons Sturz war das Projekt dann begraben worden. Seitdem galt der Steinbruch als Idylle, weil Menschen hierher nur abends kamen, und zwar Verliebte, die sich hier ungestört wähnten.

Cartenas setzte sich neben den Baron. Vorn auf dem Fahrersitz saß Le Beau, eigentlich Michel Dupont. Ein drahtiger Bursche mit einer gewissen Ähnlichkeit mit Jean Belmondo — weshalb ihn böse Zungen immer als dessen Bruder bezeichneten, und zwar als den unehelichen.

Le Beau trug es mit der Würde eines Menschen, dem Kampf Religion, Liebe eine Tugend und ein guter Tropfen Seelennektar war.

Es war nicht das erste Zusammentreffen mit Cartenas, sodass man sich nur knapp begrüßte. Cartenas lehnte sich auf dem Rücksitz zurück und sah den Baron an, der hier in Rollkragenpullover. Lederjacke und Khakihosen absolut nicht wie ein Lord wirkte.

„Ich habe jetzt eine neue Spur.“ Cartenas hob die Augenbrauen wie ein Schauspieler, der nach dem Vortrag der ersten Strophe auf Applaus wartet. „Er ist auf den Falklands gelandet, und es gibt nicht nur Ariano und andere Zeugen, dass er hier angekommen ist. Aber mit der 'Maria' ist er jedenfalls nicht weit gekommen. Ein Beamter vom Küstenschutz hat mir gesagt, dass die 'Maria' ohne jede Besatzung vor der Ostzufahrt der Magalhãesstraße von chilenischen Wachschiffen aufgetrieben und abgeschleppt wurde.“

„Und?“, fragte der Baron gespannt.

„Ich denke, die beiden sind von einem anderen Schiff übernommen worden.“ Wieder sah Cartenas seine Zuhörer beifallheischend an.

„Ja, das könnte sein. War das Rettungsboot noch da?“, fragte der Baron.

„Keine Ahnung.“

„Na, da steigen wir noch dahinter. — Ist Mrs. Leverton schon eingetroffen?“

„Kommt morgen früh“, erwiderte Cartenas. Er grinste breit. „Wollen Sie die wirklich hier haben?“

„Warum denn nicht?“

„Ich würde sie vernaschen und dann zu den sieben Zwergen schicken.“ Cartenas lachte. „Der Boss hat sie Ihnen doch nur auf den Pelz gesetzt, weil er sie hasst. Er hasst Leverton und alles, was zu ihm gehört hat und noch gehört.“

„Man sagt, sie hasst ihren Mann.“

„Möglich“, meinte Cartenas. „Möglich schon, aber ich kenne da etwas viel von der Story. Wissen Sie, Herr Baron, Leverton hatte schon immer sein Schiff hier unten. Jetzt sitzt ja Ariano drauf und ...“ Cartenas schlug sich an die Stirn. „Ich habe es! Menschenskind, wie konnte ich das übersehen! Ich habe es! Herr Baron, ich muss sofort zu Ariano. Ich muss wissen, wohin er ihn geschafft hat, ihn und sein Geld. Ja, das ist es! Ariano hat das Schiff. Bezahlt hat er es niemals. Dazu fehlt ihm das Geld. Er war ein armes Schwein, so arm, dass er sogar vor einem halben Jahr die 'Maria' verkaufen musste. Ja, jetzt begreife ich. Warten Sie in Ihrem Hotel auf mich, Herr Baron. Ich werde mit Ariano reden. Am besten allein.“

Cartenas sprang aus dem Land Rover, rannte zu seinem Chevrolet Baujahr 1950, warf ihn an und donnerte davon, dass es sich anhörte, als würde das Probeschießen einer Maschinengewehr Kompanie veranstaltet.

„Hast du begriffen, was der sich da zusammenfaselt?“, fragte Le Beau.

Der Baron nickte. „Und ob. Ich glaube, der ist auf den Trichter gekommen. Ich wette mit dir, dass er uns heute Abend ein paar interessante Dinge berichtet.“

Doch der Baron irrte sich gründlich. Cartenas würde ihnen gar nichts zu berichten haben ...

 

 

4

Sie sahen Cartenas im Hafen wieder. Es war später Nachmittag. Der Himmel hatte sich schon wieder eingetrübt, und dicke, regenschwere Wolken trieben über die Bucht.

Cartenas lag auf den noch vom letzten Regen glänzenden Katzenkopfsteinen der Pier, und unter seinem leblosen Körper hatte sich eine braune Pfütze gebildet. Das weiße Hemd zeigte verwaschene Blutflecken an der Brust, und an seinen Beinen waren die Fußgelenke nackt. Die Haut dort zeigte Schürfspuren, als seien die Gelenke mit einer Kette gefesselt gewesen.

Cartenas war tot. Erschossen, oder zumindest angeschossen und dann womöglich ertrunken. Der Polizist, der die Untersuchung leitete, hatte eine Deutung der Tat bereits gefunden und verkündete sie den umstehenden Fischern, Seeleuten und sonstigen Zuschauern.

„Einer hat ihn umgelegt“, sagte er, „eine Kette um die Beine gebunden, ’nen Sack Kohlen oder sonst was Schweres dran, und hinein in den Bach. Aber die Kette geht ab, und die Jungs von der 'Rosario' sehen ihn auftreiben, fischen ihn heraus, und da liegt er. Wir müssen nur noch herausbekommen, wer ihn umgelegt hat.“

Le Beau, der neben dem Baron stand, flüsterte dem Baron ins Ohr: „So ein primitives Gequatsche!“

„Unsinn, der hat seine Methode. Ich finde das nicht so dumm“, erwiderte der Baron leise.

Unvermittelt sah der Polizist den Baron an. „Sie sind fremd hier, Señor. Haben Sie Cartenas gekannt? Wir kennen ihn alle. Aber Sie kennen wir nicht.“

„Nein“, sagte der Baron, „wir haben ihn nicht gekannt. Nicht direkt. Ich sah ihn einmal auf Señor Arianos Schiff gehen.“

„Auf die 'Leander'?“, fragte der Polizist überrascht. Auch die anderen Einheimischen blickten verblüfft drein.

„Ja, auf den Schoner. Ich war heute noch bei Señor Ariano. Er verkauft mir vielleicht das Schiff. Aber der Preis ist mir zu hoch.“

Die Männer nickten verständnisvoll, und der Polizist sagte: „Na ja, wir kennen Ariano. Aber haben Sie Geduld, Señor, viel Geduld, dann wird der Preis sinken. Und ob er sinkt!“ Alle brachen in Gelächter aus, und das angesichts eines Toten, aber den hatten sie momentan vergessen. Der Polizist blickte zum Hafen hinaus, wo die „Leander“ an der Dückdalbe lag. Ein halsbrecherischer Steg führte von der Pier von einer Dalbengruppe zur nächsten.

„Wir werden Ariano besuchen“, sagte der Polizist. „Marinius, sorg dafür, dass er in die Kapelle gebracht wird ...“ Er deutete auf den Toten. „Ihr anderen geht mit mir. Sie können auch mitkommen, Señores!“, wandte er sich an den Baron und Le Beau.

Der Baron nickte. Und Le Beau sagte auf Französisch: „Hier scheint sich alles in der Öffentlichkeit abzuspielen. Eine Mordaufklärung vor den Augen des Publikums.“

„Ist das so schlecht?“, fragte der Baron. „Ich wette mit dir, der erreicht mehr als ein FBI-Agent.“

Sie gingen nun allesamt — und sie waren mehr als zwanzig Mann — zum Hafen hinaus, balancierten über den Bootssteg zu den Dalben, aber da waren nur noch vierzehn mit von der Partie. Die Restlichen warteten gottergeben auf festem Boden.

Der schnittige Schoner schaukelte sanft in den Wellen. Seine Fender knarrten an den Dalben, und die Trossen ächzten rhythmisch im Takt dazu. Von Ariano oder sonst jemandem an Bord keine Spur. Als so gut wie alle auf Deck waren, tauchte jemand im Niedergang der Back auf. Es war ein etwa siebzehnjähriger Schwarzer in schmutzigem Trikothemd, fleckigen Bluejeans und mit einem Brot unter dem Arm. Verblüfft sah er auf die vielen Leute, und besonders auf den Polizisten.

Der fragte sofort: „Wo ist der Kapitän?“

„Der ... der schläft vielleicht ... oder er liest ... ja, ich weiß auch nicht, was macht. Er ist in seiner Kajüte.“ Der Schwarze sprach ein hartes Spanisch, dazu noch mit so deutlichem Yankeeakzent, dass die Leute unwillkürlich das Gesicht verzogen. Hierzulande war ein Chinese, ein Bantuneger, ein griechischer Tramp oder ein spanischer Landstreicher immer noch willkommener als ein Amerikaner, für den es hier nur den Begriff Gringo gab. Dass der Junge dort ein Farbiger war, entschuldigte seinen Dialekt ein bisschen, und so sagte keiner etwas.

Der Polizist nickte und marschierte nach achtern. Alle anderen folgten ihm in Gänsereihe, denn zum Nebeneinandergehen war mittschiffs an Steuerbord kein Platz.

Der Baron ging rein zufällig direkt hinter dem Polizisten und war der zweite, der die Kajüte betrat. Und so sah er noch vor den anderen hinter ihm, die zum Teil auf dem Niedergang standen, den Mann in der Koje. Und auch das Blut und den aus der Hand entglittenen Revolver.

Auf dem festgeschraubten Kartentisch lag ein Brief ... nein, es waren zwei. Einer war kuvertiert und mit einer Anschrift versehen. Der andere lag ausgebreitet zwischen einem Lineal und einem Winkel.

Der Polizist begriff verblüffend schnell, wandte sich um und rief: „Halt! Nicht weiter! Sonst verwischt ihr mir die Spuren. Ariano ist tot!“

Das war eine Vermutung, aber als der Baron dann den Mann auf dem Bett untersuchte, bestätigte sich der Verdacht des Polizisten. Ariano war tot, erschossen durch den Mund. Alles sah nach Selbstmord aus, auch der aus der Hand gerutschte Revolver Marke Smith & Wesson Kaliber 38; ein sogenannter Masterpiece. Der Polizist nahm die Waffe mit einem Tuch und legte sie auf den Tisch. Dann las er den Brief, der dort lag.

„Bis auf den Moses habe ich alle an Land geschickt. Dem Moses habe ich gesagt, dass er die verbogene Gitterstange gerade schmiedet. Er wird den Schuss nicht hören. Ich werde aus diesem Leben aussteigen. Es gefällt mir nicht mehr. Lange war ich arm, und jetzt, wo es mir gut geht, fühle ich mich saumäßig. Mein Magen will nicht mehr, alles tut mir weh. Ich bin jetzt dreiundsiebzig. Alt genug. Gebt den anderen Brief diesem Ausländer, der im Hotel wohnt. Baron Strehlitz heißt er. Das Schiff soll Maud bekommen, Maud Leverton. Sie wird dem Manne alles heimzahlen, der einen alten Mann wie mich betrügen und sogar umbringen wollte. Wie er auch Maud betrogen hat. Schulden habe ich keine mehr, und die Mannschaft hat ihr Geld. Grüßt meine Freunde in der Stadt und in der Welt, grüßt sie vom alten Ariano, der mehr als tausend Male Kap Hoorn bezwungen hat. Lebt wohl, Freunde!“

Der Polizist hob den Kopf. „Unterschrieben hat er auch. Es ist seine Handschrift, die kenne ich. Also Selbstmord.“ Er nahm den kuvertierten Brief und reichte ihn dem Baron. „Sie können ihn gleich bekommen. Erfahren wir, was drinsteht?“

„Ja, wenn ich ihn gelesen habe“, erwiderte der Baron und steckte das Kuvert ein. Das gefiel den Leuten am Niedergang nicht, und sie maulten, aber der Baron störte sich nicht daran. Der Polizist war jedoch offenbar einverstanden und sagte:

„Gut, und wissen Sie vielleicht, wie wir diese Maud Leverton erreichen? Ist das vielleicht die Frau von dem, den alle nasenlang jemand sucht?“

„Ja, es ist seine Frau, und sie kommt morgen.“ Der Baron sprach leise, dass nur der Polizist es hörte.

„Gut, dann werden wir ihr das Schiff übergeben können. Sie bleiben in der Stadt, Señor?“

„Vorerst ja.“

„Ich muss dann morgen früh mit Ihnen reden. Das Protokoll, wissen Sie, und Sie müssen auch mit unterschreiben.“

Der Baron nickte und ging. Auf dem Niedergang musste er sich eine Gasse bahnen, denn dort standen die Leute dicht an dicht. Le Beau folgte ihm, und als sie dann auf Deck waren, sahen sie den Schiffsjungen, diesen Schwarzen.

„Er ist tot?“, fragte er und sah den Baron aus großen Augen an, in denen sich die Angst spiegelte.

„Ja, er ist tot.“ Der Baron sprach englisch.

„Umgebracht?“, fragte der Junge in breitem New Yorker Harlem-Slang. „Nein, vermutlich Selbstmord.“ Der Baron sah den Jungen an. „Glaubst du, es hätte ihn einer ermordet?“

„Es hat schon mal einer versucht. Ein Argentinier. Cartenas hieß er. Aber unser Bootsmann Harkos geriet dazu. Es ist nichts weiter passiert. Cartenas ist am nächsten Tage verschwunden.“

„In Ordnung, komm am Abend mal zu mir ins Hotel. Frag nach Baron Strehlitz. Bis dann!“ Er klopfte dem Jungen auf die Schulter und ging von Bord. Le Beau balancierte hinter ihm über den glitschigen Bootssteg.

 

 

5

Sie kam mit derselben Maschine — einem Flugboot der ACL —, mit der auch der Baron, Le Beau und James gekommen waren. Als das Boot, das die Passagiere an Land brachte, am äußeren Steg festmachte, standen der Baron und Le Beau schon dort, um Maud Leverton zu empfangen. Sie war der einzige Passagier. Als Le Beau sie sah, pfiff er leise durch die Zähne. Der Baron sagte gar nichts und blickte sie nur an.

Maud Leverton war schön, das war der erste Eindruck von der großen schlanken Frau im dunklen Hosenanzug. Der zweite, den der Baron gewann, war weniger gut. Als passionierter Pokerspieler beobachtete er stets die Augen eines Menschen. Und die Augen von Maud Leverton mochten von vielen als ebenso schön empfunden werden, weil sie mit ihrem hellen Grün in einem reizvollen Kontrast zum dunklen Haar standen. Für den Baron waren es die Augen einer berechnenden, sehr intelligenten Frau, die letztlich nur sich selbst liebte. Es hatte sich nichts an ihr geändert, seit er sie vor Monaten zum letzten Male gesehen hatte. Damals hatte Leverton sie noch als Werkzeug benutzt, seinen Autoren unvorteilhafte Verträge aufzuschwatzen. Auf Grund dessen war der Baron damals von ihr abgerückt. Denn Frauen, die ihre Schönheit zur Ware machen, um Vorteile für sich oder andere herauszuschinden, konnte er nicht ausstehen.

Sie kam an Land, sah den Baron an, lächelte hochmütig und meinte auf seinen knappen Gruß hin: „So sieht man sich wieder, nicht wahr?“

Der Baron gab dem Bootsführer ein Trinkgeld, machte Maud Leverton mit Le Beau bekannt und sagte dann: „Das Hotel ist zweihundert Meter von hier. Ein Wagen lohnt nicht. Haben Sie gar kein Gepäck?“

Details

Seiten
126
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929478
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491617
Schlagworte
baron hoorn mann frau

Autor

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Titel: Der Baron #9: Kap Hoorn – 11 Mann und eine Frau