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Für Wells Fargo durch die Hölle

2019 132 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Für Wells Fargo durch die Hölle

Copyright

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Für Wells Fargo durch die Hölle

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 132 Taschenbuchseiten.

 

John Brockman will neu anfangen und da kommt das Angebot des Wells-Fargo-Mannes gerade recht. Er soll eine Poststation übernehmen. Die Bezahlung ist wirklich gut und so schlimm wird es mit den Überfällen schon nicht sein. Doch John irrt sich. Schon am ersten Arbeitstag bekommt er Ärger und muss die Waffe ziehen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Tony Masero

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Der Saloon kochte. Sprudelte über vom Höllenlärm aus rauen Männerkehlen und grellen Frauenstimmen. John Brockman war allein inmitten der Männer, die an der langen Theke lehnten. Niemand beachtete ihn. So schien es. Doch als John die Stimme zu seiner Linken hörte, wusste er, dass es damit vorbei war.

Das Mädchen hängte sich an seine Schulter. „Sie gefallen mir, Mister. Einen Drink würde ich nicht ausschlagen.“ Der Klang ihrer Stimme war nicht einmal unangenehm. Nein, im Gegenteil. Und der Duft des Parfüms erschien dem großen Texaner nach wochenlangem, hartem Trail wie der Hauch einer fremden Welt. Trotzdem sträubte sich etwas in ihm.

Er spürte ihren Atem an seiner Wange. Er drehte den Kopf ein wenig. Ein Lächeln kerbte sich in seine Mundwinkel. „Sie gefallen mir auch, Miss“, sagte er höflich. „Nur ist mir nicht nach Gesellschaft zumute.“

Sie löste sich abrupt von ihm, machte einen Schritt rückwärts. Dabei verzerrte sich ihr geschminktes Gesicht. „Hört euch das an!“, rief sie schrill.

„Dieser unverschämte Kerl glaubt, dass er mich beleidigen kann! Dabei ist er nicht mehr als ein ein dreckiger Kuhtreiber! Man riecht es zehn Meilen gegen den Wind, sage ich euch!“

Um John herum wurde es still. Er wusste in diesem Moment, dass er einen Fehler gemacht hatte.

John drehte sich um, den Rücken an der Theke. „Hören Sie, Miss! Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht beleidigen ...“

„Dummes Gewäsch!“, tönte es von rechts. „Natürlich hast du sie beleidigt, Fremder! Hier bei uns hat man einer Frau gegenüber höflich zu sein. Aber wenn einer nur mit Kühen umgehen kann...“ Der Rest ging im johlenden Beifall unter.

John musterte den Wortführer, der vortrat und sich breitbeinig aufbaute. Ein Jüngling, nicht viel älter als zwanzig Jahre. Aber aus seinen Augen blitzte Angriffslust, vom Alkohol wachgekitzelt. Es gefiel diesem Jungen, im Mittelpunkt zu stehen. So, dass es jeder sehen konnte, rückte er seinen Revolvergurt zurecht.

„Greenhorn“, murmelte John Brockman, und plötzlich stand er nicht mehr an der Theke. Eine einzige klatschende Ohrfeige hob den Jungen von den Füßen. Doch bevor er das Gleichgewicht verlor, riss ihn die stahlharte Faust des Texaners am Hemd nach vorn. Mit der Linken fischte Brockman den Sechsschüsser des Jungen aus dessen Holster und warf die Waffe hinter die Theke. Ein Stoß ließ den Jungen in die Reihen der anderen taumeln.

Alle Gespräche waren verstummt. Nur noch Piano und Banjo klimperten verzweifelt in die bedrückende Stille.

„Du hast höllisches Glück“, sagte John schneidend, und er deutete dabei mit einer Kopfbewegung auf das leere Revolverfutteral des jugendlichen Hitzkopfs.

Doch der verstand nicht. Die Demütigung machte ihn blind vor Wut. Mit geballten Fäusten schoss er auf den großen Mann los. John ließ ihn ruhig kommen, wehrte seinen Ansturm ohne Mühe ab. Nur mit halber Kraft feuerte er einen linken Haken ab, der den Jungen zurückwarf. Sein wilder Schrei war halb Schmerz, halb Wut — und das Startsignal für seine Kumpane.

Sie waren zu viert. Wilde Burschen, kaum älter als ihr Wortführer. Sie hatten es früh gelernt, sich im rauen Leben zurechtzufinden. Dem Fremden wollten sie es zeigen und sich hinterher feiern lassen. Der Jüngling hatte ihnen Mut gemacht mit seinen herausfordernden Reden.

„Ich setze fünf Dollar auf den Fremden!“, schrie jemand im Hintergrund. Alle waren aufgesprungen, und einige der Saloongirls standen auf den Tischen.

John Brockman hasste Auseinandersetzungen dieser Art. Aber er wusste, dass er sich nicht einfach umdrehen und weggehen konnte. Mit einem Ruck löste er den Revolvergurt mit dem schweren Sechsschüsser und legte ihn auf die Theke.

Sie gingen auf ihn los. Alle vier. In der Gewissheit ihrer Übermacht stießen sie ein siegessicheres Gebrüll aus. Der Junge, der Leslie Connors hieß, bekam die eisenharten Fäuste des Texaners als erster zu spüren. Ein blitzschneller Haken traf ihn zum zweiten mal auf die noch schmerzende Stelle am Kinn. Er verdrehte die Augen und taumelte rückwärts. Doch seine Kumpane stürzten sich auf den großen Mann, der jetzt hart bedrängt wurde. Mit dem Rücken zur Theke blockte er das Trommelfeuer der Faustschläge ab, so gut es ging. Ein paarmal konnte er brisante Haken landen, die seine Gegner mit der Gewalt eines Pferdehufs trafen. Einer von ihnen krachte auf den mit Sägemehl bestreuten Boden. Ein Spucknapf kippte dabei um, dessen Inhalt sich über den Oberkörper des Burschen ergoss.

Aber dafür hatte sich Leslie Connors wieder aufgerappelt. Er stürmte von neuem auf den Texaner ein. John Brockman konnte eine Menge einstecken. Er verdaute die Schläge, ohne mit der Wimper zu zucken. Jeder andere an seiner Stelle hätte vermutlich der Übermacht keine zwei Minuten standgehalten. Trotzdem wusste John, dass auch er es auf die Dauer nicht durchstehen konnte. Hatte er zwei zu Boden geschickt, kam der erste wieder hoch.

Plötzlich wendete sich das Blatt. Der Texaner begriff es nicht sofort, denn er war voll damit beschäftigt, sich gegen die wütenden Angreifer zur Wehr zu setzen.

John hatte nicht gesehen, von wo der Mann aufgetaucht war. Unvermittelt packte der Dunkelgekleidete einen der jugendlichen Raufbolde an der Schulter, riss ihn herum, und ehe der Bursche sein Erstaunen verwinden konnte, setzten ihn wenige gnadenlose Hiebe außer Gefecht.

Der wütende Angriff der Schläger stockte für einen Moment. Sie spürten, dass sich die Sache anders entwickelte als geplant. In diesem Moment war es bereits zu spät. John schnellte von der Theke ab, entschlossen, für ein rasches Ende zu sorgen. Seine Ausdauer machte sich jetzt bezahlt. Für Leslie Connors genügte ein einziger kraftvoller Haken. Und während John den Nebenmann

Connors’ ins Traumland beförderte, verhalf der Mann im dunklen Anzug dem dritten Raufbold zum gleichen Schicksal.

Für Augenblicke war es still. Dann setzte ohrenbetäubender Lärm ein, denn es ging darum, die abgeschlossenen Wetten zu begleichen.

John reichte dem unbekannten Helfer die Hand. „Danke, Mister...“

„Harvey Mandell“, erwiderte der andere lächelnd. Sein schmales Gesicht mit der hohen Stirn unter dunkelblonden Haaren war sympathisch. „Ich denke, wir können jetzt beide einen Whisky brauchen.“

„Einverstanden“, lächelte John. Er nannte Mandell seinen Namen. „Ich wüsste nur gern, womit ich die unerwartete Hilfe verdient habe.“

„Denken Sie nicht darüber nach“, meinte Mandell, „vielleicht habe ich einen Tick für Fairness.“

Die Umstehenden wichen zur Seite, als der Texaner seinen Revolvergurt an sich nahm und mit Mandell zu einem der Tische im Hintergrund neben der Theke ging. Harvey Mandell ließ eine Flasche Bourbon bringen. Er bot John eine Zigarre an.

Nachdem die beiden Männer schweigend die ersten Züge inhaliert und das erste Whiskyglas geleert hatten, sah Mandell den Texaner für Sekunden versonnen an.

„Sie kommen aus Texas, Mr. Brockman?“

„Richtig“, nickte John.

Mandell nahm die Flasche und schenkte die Gläser von neuem voll. Er prostete John zu. „Um ehrlich zu sein, Mr. Brockman, ich halte sehr viel von Texanern. Auch wenn ich nach dem unseligen Krieg zufällig zu der Seite gehöre, die bei Ihren Leuten verhasst sein dürfte.“

„Lassen wir das.“ John winkte energisch ab. „Ich verstehe nicht viel von Politik, und ich möchte auch nicht an diese Dinge erinnert werden.“

Mandell zeigte dafür volles Verständnis. Nachdem sie die Flasche halb geleert hatten, kam John Brockman zu der Überzeugung, dass er einen Mann kennengelernt hatte, der etwas wert war. Harvey Mandell war ein Draufgängertyp, der anscheinend nur durch Zufall in die Rolle des Stadtbewohners geschlüpft war.

John erfuhr bald, dass dies tatsächlich zutraf. Mandell hatte lange Jahre als Spezialagent für Wells Fargo gearbeitet. Jetzt war er Repräsentant der mächtigen Gesellschaft für Kansas und einige benachbarte Staaten.

Beiden Männern war kaum etwas anzumerken, als sie die Flasche geleert hatten. Nur kamen die Worte etwas langsamer über ihre Lippen. Mandell sorgte noch dafür, dass der Texaner ein gutes Zimmer für die Nacht bekam. „Und ... vergessen Sie nicht, mich morgen früh zu besuchen!“, rief er John nach, dessen Bewegungen nur wenig langsamer waren als sonst, während er die Treppe hinaufstieg.

 

 

2

Der Morgen kroch nebliggrau vom Horizont herauf.

John Brockman erwachte erst, als der Tag schon zehn Stunden alt war. Er blinzelte verschlafen gegen die weiße Zimmerdecke, sein Blick glitt über die geblümte Tapete, und dann sprang er mit einem Satz aus dem Bett, dessen Federn leise knarrten.

Er trat ans Fenster. Das also war Dodge City bei Tage.

Wochenlang, monatelang hatten sich seine Gedanken mit der Rinderstadt beschäftigt. Jetzt endlich war er am Ziel. Nicht so, wie die vielen anderen, die sich nach dem harten, entbehrungsreichen Trail ein paar Tage hier aufhielten, ihr mühsam verdientes Geld in Saloons und Spielhöllen ließen, um dann wieder in Richtung Süden aufzubrechen. Nein, für John Brockman bedeutete die Rinderstadt viel mehr. Es gab keine Umkehr in die bittere Vergangenheit. Nur ein Vorwärts in eine noch ungewisse Zukunft.

Er begann sich von Kopf bis Fuß zu waschen, den Staub abzuspülen, den der lange Ritt zurückgelassen hatte. Er zog die frischen Sachen an, die in seiner Deckenrolle staubdicht verpackt gewesen waren. Das leinenfarbene Hemd umspannte die Muskeln an Schultern und Oberarmen. Die Jeans lagen eng an den schmalen Hüften.

Nach einer gründlichen Rasur spürte John, wie das dumpfe Gefühl allmählich aus seinem Kopf wich.

Er ließ den Brustbeutel mit seinem Geld unter dem Hemd verschwinden. Mit dem, was er von zu Hause mitgebracht hatte, besaß er fünfhundert Dollar. Eine Menge Geld, aber vielleicht gerade genug als Startkapital für eine neue Zukunft. John schnallte die Sporen von den Stiefeln und packte sie in die kleine Ledertasche, die seine wenigen Habseligkeiten barg. Darin befand sich auch der Patronengurt mit dem schweren Sechsschüsser.

Er streifte die Lederjacke über und bedeckte seine blonden Haare mit dem hellen Stetsonhut, den er sich erst am Vorabend gekauft hatte. John nahm nur seine Tasche mit. Alle anderen Sachen ließ er in dem Zimmer zurück. Er wollte neu anfangen, und die verstaubten, schweißverkrusteten Sachen sollten keine Erinnerung wachrufen.

Mit leichten Schritten ging er die Treppe hinunter in die kleine Halle des Hotels, das dem Saloon angegliedert war. Hinter dem Tresen stand der Besitzer selbst, ein kleiner Mann mit breitem, gutmütigem Gesicht.

„Nehmen Sie das für mich in Verwahrung“, bat John und reichte ihm die Ledertasche. „Ich hole sie im Laufe des Tages wieder ab.“

Der Hotelbesitzer ließ die Tasche unter seinen Tresen sinken und fragte John Brockman nach dessen Wünschen, was das Frühstück anbetraf. Kurz darauf ließen frischer pechschwarzer Kaffee und Schinken mit Spiegeleiern sein körperliches Wohlbefinden zum gewohnten Maß zurückkehren. Zum Abschluss des Frühstücks gönnte sich John einen leichten Zigarillo. Die übrigen Tische in der gemütlichen Halle waren leer. John merkte erst jetzt, wie lange er in den Federn gelegen hatte.

Er bezahlte seine Rechnung und trat hinaus auf den Gehsteig. Vor dem Hotel zögerte er einen Moment. Diese Stadt war ihm fremd.

Nur einmal in seinem Leben war John Brockman in einer großen Stadt gewesen. Damals in New Orleans, als er in den Reihen der Konföderierten gegen die Übermacht der Nordstaatenarmee gekämpft hatte.

Der blonde Texaner lenkte seine Schritte nach rechts, wo er in einiger Entfernung den Mietstall wiederentdeckte. Dort hatte er gestern seinen Braunen verkauft. Fünfzig Dollar für das zähe Rinderpferd, dessen Qualitäten hier oben sehr geschätzt wurden. Nur der Sattel war noch Johns Eigentum.

In der Main Street waren bislang nur wenige Menschen zu sehen. Dodge City erwachte erst am Abend. Von weit draußen glaubte John das heisere Brüllen der Longhornherden zu hören, und er spürte eine Klammer, die sich um sein Herz legte.

Aber sein Entschluss stand fest. Daran gab es nichts zu rütteln. Jetzt nicht mehr.

Die frische Morgenluft wirkte wohltuend. John lenkte seine Schritte nach rechts, automatisch, ohne besonderen Grund. Und nach einer Biegung der Hauptstraße sah er auf einmal weit hinten das Ende der Stadt. Dort wurden die großen Longhornherden zusammengetrieben, die den weiten Weg von Texas herauf hinter sich hatten. John schüttelte verwirrt den Kopf. War es ein Instinkt, der ihn diesen Weg hatte wählen lassen? Kam er nicht los von den Longhorns und allen Erinnerungen an seine Heimat, die sich damit verbanden?

Vor einem Store blieb John unwillkürlich stehen. Durch den offenen Eingang erkannte er ein Regal, in dem eine Winchesterbüchse neben der anderen lehnte. Modell 1866. Sollte er jedoch wieder ein Gewehr brauchen, so beschloss er, würde er sich für eine Winchester entscheiden.

Er riss sich von dem Anblick los und ging weiter. Die Fassade eines der nächsten Gebäude hob sich deutlich von den anderen ab. John schob die Hände in die Hosentaschen und betrachtete das Haus, das aus Stein gebaut war. Etwas, was in dieser Zeit von Wohlstand zeugte. Zwischen Erdgeschoss und dem oberen Stockwerk war an der Fassade eine längliche Holztafel mit Schriftzügen aus frischem Lack angebracht. „Wells Fargo“.

Unschlüssig blieb der Texaner stehen. Sicher, er erinnerte sich gut an die vergangene Nacht und an die Worte, die ihm Harvey Mandell zum Schluss zugerufen hatte. Trotzdem zögerte John Brockman. Sein Grundsatz war es, niemals übereilte Entschlüsse zu fassen. Und deshalb hatte er den Besuch bei Mandell noch aufschieben wollen. Denn dass der Wells-Fargo-Repräsentant eine bestimmte Absicht hatte, schien eindeutig.

Unten im Gebäude befand sich das Büro. Die beiden Fenster hingen mit Plakaten und Bekanntmachungen voll und gewährten kaum einen Blick ins Innere.

Der Texaner wollte weiter, als sich die Tür des Büros öffnete. Harvey Mandell trat heraus, und er wirkte frisch und ausgeruht. „Guten Morgen, John!“, rief er. „Ich freue mich, dass Sie gekommen sind!“

John erwiderte den Gruß. „Ich hätte es mir denken können, dass Sie alles beobachten, was vor Ihrem Haus passiert“, meinte er lächelnd, „und ich habe das Gefühl, Harvey ...“

„Kommen Sie erst einmal herein“, unterbrach Mandell ihn, „zwischen Tür und Angel redet es sich schlecht.“

Achselzuckend folgte John der Aufforderung. Es kostete nichts, wenn er sich anhörte, was Mandell zu sagen hatte.

Sie durchschritten ein Vorzimmer, in dem eine Frau mit hochgesteckten Haaren und ein glatzköpfiger Clerk an Stehpulten arbeiteten, eifrig die Federn in bauchige Tintenfässer tunkten, um dann mit geschickten, schnellen Handbewegungen Zahlen und Buchstabenkolonnen in dicke Bücher zu schreiben. Mandell bat die Frau, Kaffee zu bereiten, und dann ließ er Brockman in sein Büro treten, das hinter einer wuchtigen gepolsterten Tür lag. John genoss den ungewohnten Komfort eines weichen Sessels und dazu eine dunkle Zigarre, die ihm der Wells-Fargo-Beauftragte anbot. Sie wechselten belanglose Worte, bis die Frau den Kaffee servierte.

„Lassen Sie die Katze aus dem Sack“, bat der Texaner, nachdem sich die gepolsterte Tür wieder geschlossen hatte. „Welchen Job wollen Sie mir anbieten?“

„Ihnen kann man nichts vormachen“, erwiderte Mandell lächelnd. Er nippte an seinem Kaffee und sah den Texaner offen an. „Ich will ehrlich zu Ihnen sein, John. Ich habe Sie gut beobachtet. Und da ich mich einer gesunden Menschenkenntnis rühmen kann, weiß ich Sie einzuschätzen.“

„Ich verstehe“, nickte John, „nur... Weshalb machen Sie sich diese Mühe?“

„Es ist keine Mühe“, widersprach Mandell. „Sie sind ein harter Bursche, der mit seinen Fäusten und sicherlich auch mit dem Colt umgehen kann. Aber das ist nicht alles, John. Etwas unterscheidet Sie von den unzähligen Herdentreibern, die man hier in Dodge City beobachten kann. Ich kann nicht genau sagen, was es ist. Aber mir scheint, als seien Sie auf der Suche nach irgend etwas, das Sie selbst noch nicht kennen. Korrigieren Sie mich, wenn ich mich täuschen sollte.“

John sah den Wells-Fargo-Mann mit gerunzelter Stirn an. Konnte es angehen, dass diese Stadtmenschen Fähigkeiten besaßen, von denen sich in der texanischen Wildnis niemand etwas träumen ließ? „Sie irren sich nicht“, entgegnete John offenherzig, „ich gehe nicht nach Texas zurück. Wenn es das ist, was Sie meinen.“

„Ja, in etwa.“ Mandell lehnte sich zurück. „Und deshalb biete ich Ihnen an, für Wells Fargo zu arbeiten. John, Sie sind genau der Mann, den ich für eine bestimmte Aufgabe suche. Ein Mann, der so hart und unerschrocken ist, wie ein Texaner nur sein kann.“

Es überraschte John kaum noch. Harvey Mandell war ein Fuchs, aber weder hinterlistig noch unaufrichtig. Der Typ eines Mannes, den man akzeptieren konnte.

„Was für eine Aufgabe?“, fragte John, ohne überschwängliche Neugier zu zeigen. Er nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse.

„Es gibt da eine Poststation, die uns große Sorgen macht“, begann Mandell. „Die Station liegt in der Nähe von Preston in Nevada, nicht weit von der Grenze nach Utah. Wir brauchen dort einen Mann, der hart zupacken kann, der auf sich allein gestellt ist und trotzdem mit Schwierigkeiten fertig werden kann. Der Stationshalter, der jetzt noch dort arbeitet, ist zu alt, fast schon ein Greis. Er ist der Aufgabe nicht mehr gewachsen. Deshalb brauchen wir jemanden, der seine ganze Kraft einsetzen kann, um aus der Station das zu machen, was sie eigentlich sein sollte. Einen Stützpunkt nämlich, auf den sich Wells Fargo verlassen kann. Das ist alles, John. Nur eines noch: Diese Arbeit wird selbstverständlich gut bezahlt. Ich bin bevollmächtigt, Ihnen vierzig Dollar pro Woche dafür zu bieten.“

John zog die Augenbrauen hoch. Das war eine Menge Geld für einen solchen Posten. Erstaunlich viel Geld. Nun, die Verhältnisse waren hier sicher anders als in Texas, wo die Menschen immer noch unter den Folgen des Bürgerkriegs zu leiden hatten. Eine Gesellschaft wie Wells Fargo konnte es sich anscheinend leisten, ihre Leute erstklassig zu bezahlen, wenn man sich nur auf diese Leute verlassen konnte.

„Das Angebot hört sich zwar gut an“, sagte John in seiner breiten, bedächtigen Aussprache, die für einen Texaner so typisch ist, „aber Sie sprachen von Schwierigkeiten, Harvey. Angenommen, ich interessiere mich für den Posten. Schenken Sie mir dann reinen Wein ein?“

Mandell blies nachdenklich einen Rauchring gegen die Decke. „Ich habe mit dieser Frage gerechnet“, meinte er dann, „und das ist leider der einzige Haken an der Geschichte. Nevada ist weit weg, wissen Sie. Die Station bei Preston liegt in der Einöde, und es ist für Wells Fargo sehr schwierig, dort eine wirksame Kontrolle auszuüben. Tatsache ist jedenfalls, dass in der Gegend mehrfach unsere Postkutschen ausgeraubt wurden, ohne dass wir die Täter fassen konnten. Der zuständige Sheriff schickte uns lange Berichte, aber seine Ermittlungen hatten kein Ergebnis. Wir wissen nicht einmal, ob die Überfälle in direktem Zusammenhang mit der Station stehen. Die Dinge waren sehr rätselhaft. Deshalb ... Nun, Wells Fargo legt sehr viel Wert darauf, dass dort auf der Strecke Ordnung herrscht. Wir verlieren wertvolle Kunden, wenn wir nicht das Vertrauen wiederherstellen können, das man allgemein in unsere Gesellschaft setzt.“

„Verständlich“, nickte John. „Deshalb auch der gute Lohn, nicht wahr?“

„So ist es zu verstehen“, bestätigte sein Gegenüber. „Sie würden gleich gut bezahlt wie unsere Spezialagenten. Sie wären also mehr als nur ein Stationshalter ...“ Mandell brach ab und sah den Texaner forschend an. „Nun, John, mein Angebot ist fair und ohne Tücken. Das sollen Sie wissen, bevor Sie sich entscheiden.“

John brauchte lange, bis er sich eine Antwort überlegt hatte.

„Hören Sie, Harvey. Ihr Angebot klingt gut. Es ist vieles daran, was mich reizen könnte, vom Geld ganz abgesehen. Aber es ist nicht so, dass ich verzweifelt und händeringend nach einer Arbeit suche. Deshalb werde ich mir alles in Ruhe überlegen. Die Entscheidung wird dann nur ja oder nein heißen. Wie viel Zeit geben Sie mir?“

Mandell zeigte wieder sein sympathisches Lächeln. „So viel Sie wollen, John. Es hat keine Eile. Kommen Sie in mein Büro, wenn Sie gründlich nachgedacht haben.“

Als John Brockman hinausging, ertappte er sich bei dem Gedanken, dass er sich eigentlich schon längst entschieden hatte.

 

 

3

Es war noch dunkel, als John Brockman am nächsten Morgen sein Hotelzimmer verließ, ausgiebig frühstückte und sich dann auf den Weg machte. Die Stadt lag noch in tiefem Schlaf. Nur draußen bei den Verladekorrals herrschte schon Betrieb. Und vor dem Gebäude von Wells Fargo stand die Postkutsche bereit. Hinter einem der Bürofenster brannte schwaches Licht. Die Petroleumlampen der Kutsche streuten einen warmgelben Schimmer in die zu Ende gehende Nacht.

John Brockman konnte die Männerstimmen hören, als er näher kam. Er wusste, dass die Kutsche nur aus einem besonderen Grund vor dem Wells-Fargo-Büro hielt. Der Grund war er selbst.

Harvey Mandell war schon auf den Beinen. Er hatte sich mit den Fahrern unterhalten und begrüßte nun den Texaner, dem er eine kleine Ledermappe überreichte, die bequem in Johns Jackentasche passte.

„Darin befindet sich Ihre Legitimation, John. Und eine Vollmacht, mit der Sie auf Rechnung von Wells Fargo in Preston die nötige Ausrüstung einkaufen können. Außerdem eine Vorauszahlung auf Ihren ersten Lohn.“ Mandell ergriff die Hand des hochgewachsenen Texaners. „Ich wünsche Ihnen viel Glück, John. Nicht nur, was Ihre Aufgabe angeht. Auch für Sie persönlich.“

„Danke“, sagte John Brockman nur, und er stieg schnell in die Kutsche und blickte nicht zurück, als die Tür der Concord Coach zuklappte. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen, die Ledertasche, die seine Habseligkeiten barg, auf den Knien.

John öffnete erst die Augen als Dodge City weit zurücklag.

Die beiden Männer, die mitreisten, waren müde und schweigsam. Geschäftsleute aus dem Osten. Ihr Ziel war San Francisco, und wenn sie dieses Ziel erreicht hatten, würden sie eine ungeheure Strapaze hinter sich gebracht haben.

Die Kutsche fuhr Tag und Nacht, nur mit kurzen Unterbrechungen bei den Stationen, wenn das Gespann ausgewechselt wurde, sich die Fahrer ablösten, Achsen und Räder überprüft wurden und die Reisenden ihre Mahlzeiten einnahmen.

Fast tausend Meilen waren von Dodge City bis Preston in Nevada zu bewältigen. Tausend Meilen, die es in sich hatten. Sieben Tage, so hatte Harvey Mandell gesagt, würde die Fahrt dauern. Wenn es unterwegs keine Schwierigkeiten gab.

Der erste Teil der Strecke folgte dem Lauf des Arkansas River. In der bald hügelig werdenden Landschaft bahnte sich das Flussbett frei und ungebändigt seinen Weg. Der erste Reisetag war sonnig, der Himmel azurblau und fast wolkenlos. John Brockman wertete es als ein gutes Vorzeichen. Zeitweise konnte er am Horizont die Rockys erkennen, die gewaltige Felsbarriere, die es zu überwinden galt.

In Pueblo in Colorado wurden zwei zusätzliche Pferde vorgespannt. Harte Arbeit begann für die Kutscher, und die Ablösungen fanden jetzt häufiger statt. Die Pferde des Sechsspänners wurden bei jeder Station ausgewechselt. Die gigantische Berglandschaft der Rocky Mountains forderte ihren Tribut.

Die beiden Städter aus dem Osten erlebten es zum ersten Mal. Es schnürte ihnen die Kehle zu, wenn die Kutsche in waghalsiger Geschwindigkeit über schmale Passstraßen rollte, wenn auf der einen Seite Canyons tausend Fuß tief gähnten und auf der anderen Seite das Felsmassiv fast senkrecht in den Himmel wuchs. Noch schlimmer war es für Johns Reisegefährten in der Nacht, wenn sie all die Gefahren nicht sehen, aber dafür um so mehr ahnen konnten. Sie bekamen kein Auge zu. Der Texaner dagegen schlief entspannt trotz der Schaukelei.

Als sie Grand Junction erreichten, lag die Abfahrt in Dodge City bereits dreieinhalb Tage zurück. Mehr als die Hälfte der Strecke war geschafft, ohne dass es Schwierigkeiten gegeben hätte. Bald wechselte das Bild der Landschaft, und nach zwei weiteren Tagen wurde den Männern aus dem Osten von neuem angst und bange, als sie die südlichen Ausläufer der Großen Salzwüste von Utah durchquerten. Auch John Brockman erlebte die endlose Weite dieses menschenleeren Landstrichs zum ersten Mal. Die grenzenlose Macht der Natur war in dieser Einöde ebenso zu spüren wie in den Rockys, doch auf eine völlig andere Weise.

Ohne Zwischenfälle erreichte die Concord Coach am siebten Tag Preston in Nevada. John Brockman war am Ziel. Er hatte gespürt, welche Leistungen eine Gesellschaft wie Wells Fargo zu vollbringen imstande war, welcher Aufwand erforderlich war, damit in dieser mächtigen Organisation jedes kleinste Rädchen lückenlos ins andere griff.

Und John Brockman verstand jetzt, warum es sich diese Gesellschaft nicht leisten konnte, dass auch nur eines der kleinen Rädchen nicht funktionierte.

 

 

4

Es war später Abend, als die Kutsche in der Main Street von Preston ausrollte.

John stieg aus der Kutsche, und dabei spürt er sämtliche Knochen, die von der langen Fahrt müde und steif geworden waren. Bevor er sich von seinen beiden Reisegefährten verabschiedete, schnallte er den Patronengurt um, an dem der schwere Sechsschüsser baumelte. Der Aufenthalt der Postkutsche war nur kurz, denn die beiden Reisenden aus dem Osten hatten darauf verzichtet, eine Essenspause einzulegen. Schon nach wenigen Minuten zogen die Pferde wieder an. John wusste, dass das Gespann bei der Station ausgewechselt werden würde, die er im Auftrag von Wells Fargo übernehmen sollte.

Er nahm die Tasche in die Linke und ging die wenigen Schritte bis zum Saloon. Ein halbes Dutzend Männer stand auf dem Gehsteig vor der Pendeltür. Die Ankunft der Postkutsche war Grund genug für sie gewesen, den Saloon für ein Weilchen zu verlassen. Und ihre Neugier wurde belohnt. Schweigend musterten sie den Ankömmling, als dieser die drei ausgetretenen Stufen erklomm und dem Eingang des Saloons zustrebte.

Der Texaner grüßte höflich im Vorbeigehen. Ihm genügte ein kurzer Blick, um diese Männer einzustufen. Es waren die typischen Bürger einer kleinen Stadt im Westen, mit Gesichtern, die von harter Arbeit gezeichnet waren. Diese Männer hatten sich hier eine Existenz aufgebaut, und für den Rest ihrer Tage wollten sie nichts weiter als in Ruhe und Frieden leben.

John stieß die Pendeltür auseinander und steuerte zielstrebig auf die breite Theke zu, die vor Sauberkeit blitzte. Hier war es anders als in Dodge City, und doch irgendwie ähnlich.

Was anders war, spürte John sehr schnell. Bei seinem Eintreten waren alle Gespräche verstummt. Fast körperlich fühlte er die Blicke, die ihn von allen Seiten abtasteten. Hinter ihm kamen jetzt auch die Männer wieder herein, die draußen Ankunft und Abfahrt der Kutsche beobachtet hatten.

Der Barkeeper war ein kleiner, gedrungener Mann mit spiegelblanker Glatze. Er stützte beide Hände auf den Thekenrand und sah dem Fremden mit scheinbar unbeteiligter Miene entgegen.

„Ein Bier und etwas zu essen“, gab John seine Bestellung auf. „Und dann hätte ich gern ein Zimmer für die Nacht.“

„Für eine Nacht?“, fragte der Keeper so laut, dass alle es hören konnten.

„Für eine Nacht“, nickte John. Dann ging er hinüber zu einem freien Tisch in der Nähe der Treppe, die zum Obergeschoss führte. Er setzte sich und stellte die Tasche neben sich auf den Stuhl. Von hier aus konnte er fast den gesamten Raum überblicken. Und er ließ sich Zeit dabei, seine Umgebung mit forschendem Blick unter die Lupe zu nehmen.

Genau gegenüber, halb links vom Schanktisch, gab es einen großen runden Tisch, an dem gepokert wurde. Fünf Männer saßen daran, umringt von einigen Zuschauern. Zu Johns Erstaunen waren mehrere raue, verwegen aussehende Burschen darunter, die nicht recht zu dem ersten Eindruck passten, den er von dieser Stadt gewonnen hatte. Die Männer, die John draußen auf dem Gehsteig gesehen hatte, saßen dicht beim Eingang. Es schien so, als ob sie bewusst Abstand von dem Pokertisch hielten. Auch fast alle übrigen Tische waren besetzt, und der Texaner zählte insgesamt fünf Girls in den üblichen Flitterkleidern. Diese Mädchen sahen so aus wie überall in den Saloons des Westens. Und ihre Aufgabe war wie überall: den Männern, die draußen in der Wildnis schufteten, die mühsam erarbeiteten Dollars möglichst schnell zu entlocken.

Allmählich setzten die Gespräche wieder ein, und bald waren es nur noch vereinzelte Blicke, die von Zeit zu Zeit auf dem Fremden haftenblieben.

Der Barkeeper brachte das Bier. „Sie können ein Steak mit Bohnen und Kartoffeln bekommen, Mister. Oder Spiegeleier mit Bohnen und Speck.“

„Ein Steak“, nickte John, „und vorher eine Zigarre.“

Der kleine Mann mit der spiegelnden Glatze erfüllte die Wünsche des Texaners, und John genoss die Würze des dunklen Tabaks zum herben Geschmack des gut gekühlten Biers. Das Essen kam kurze Zeit später. John ließ sich dazu ein zweites Bier bringen. Während er aß, verlor er seine Umgebung nicht aus dem Blick. Sein Instinkt war so wach, wie es ihn das harte Leben in der Wildnis gelehrt hatte. Und dieser Instinkt war es, der ihn spüren ließ, dass sich etwas anbahnte. John witterte förmlich, dass die Impulse, die ihn erreichten, von dem Pokertisch kamen. Er verstand kein Wort von dem, was die rauen Burschen dort redeten. Trotzdem fühlte er, dass sich die Gedanken dieser Männer mit seiner Person beschäftigten.

Nicht nur aus oberflächlichem Interesse. Nein, es war mehr ...

John aß ruhig weiter. Er wünschte sich, nicht gleich zu Anfang in dieser Stadt Verdruss zu bekommen. Vielleicht hatte er sich auch getäuscht.

Eines der Saloongirls kreischte plötzlich auf. Als John den Kopf hob und Messer und Gabel beiseite legte, wusste er, dass ihn sein Instinkt nicht getrogen hatte.

Dieser Bursche da drüben zerrte das Mädchen zur Theke, roh und mit brutaler Gewalt. „Du wirst mit mir trinken, Baby!“, grölte er lauthals und triumphierend. „Auch wenn ich nicht fein genug bin! Tut mir leid, Baby, aber ich stinke nicht nach Geld, sondern nach Dreck!“ Er lachte brüllend, und die anderen — hinten am Pokertisch — stimmten ein.

Das Mädchen versuchte sich dem harten Griff zu entwinden. Ohne Erfolg. Der Mann war bärenstark. Er hatte ein ungepflegtes Gesicht mit sprießenden Bartstoppeln. Das schwarze Haar hing ihm in fettigen Strähnen ins Gesicht.

„Los, Sam! Her mit der Whiskyflasche!“, brüllte der Schwarzhaarige. Dabei hielt er das Girl fortwährend mit der Linken umklammert. Das Mädchen gab nicht auf und versuchte immer wieder, sich loszureißen. Doch jeden Versuch dieser Art quittierte der Schwarzhaarige nur mit Gelächter. Und dann hielt er ihr das gefüllte Glas an die Lippen. „Trink!“, befahl er herrisch. „Oder du wirst zu spüren bekommen, was es heißt, einen Drink von Milt Horton abzulehnen!“

John Brockman war völlig ruhig. Der Zorn, der ihn erfasste, ließ ihn nicht unüberlegt werden. Von Anfang an hatte er dieses lächerliche Theaterspiel durchschaut. Trotzdem ließ es ihn nicht kalt, denn das Spiel ging zu Lasten des armen Mädchens.

Es war eindeutig, dass diese Kerle ihn, den Fremden, auf die Probe stellen wollten. Nicht ohne Grund. Ohne Zweifel witterten sie, dass die Ankunft des hochgewachsenen Mannes etwas zu bedeuten hatte. Kein Mensch verließ die Überlandkutsche, um in Preston eine Nacht zu schlafen. Nein, so etwas war ungewöhnlich. Und nun wollten sie herausbekommen, welches Format dieser Fremde hatte. Sie fingen es schlau an. Die Würde einer Frau verletzte man nicht, egal ob sie ein Saloonfiittchen oder eine Ranchertochter war.

John lächelte grimmig, während er die Szene beobachtete. Griff er nicht ein, stempelte er sich von Anfang an zum Waschlappen. Einen solchen Ruf konnte er nicht brauchen. Außerdem würde dieser Milt Horton das Mädchen bis aufs Blut quälen.

Es gab nur eine Entscheidung.

Der Texaner trank einen Schluck, und als er das Glas absetzte, knallte er es hart auf die Tischplatte.

Horton schien es nicht gehört zu haben, denn er versuchte noch immer, dem Mädchen Whisky einzuflößen. Doch alle anderen wurden schlagartig stumm, und der Pianist verließ wie auf einen geheimen Befehl seinen Hocker, um sich in einer Ecke zu verkriechen.

Der Texaner stand langsam auf und trat mit zwei, drei Schritten ans Ende der Theke. Erst das schien das Signal für Horton zu sein. Der Kopf des Schwarzhaarigen flog herum. Mit breitem, unverschämtem Grinsen musterte er den hochgewachsenen Mann. Der harte, zwingende Blick des Texaners machte ihn für einen Moment unsicher. Doch das kurze Flackern in seinen Augen wich schnell einem heimtückischen Glimmen.

„Sie mag keinen Whisky trinken. Also lass sie los!“ Die Worte Brockmans tropften wie glühendes Blei in die Stille.

Horton stieß ein höhnisches Lachen aus. „Lebensmüde, Fremder? Willst du dich wegen einer billigen Saloonpuppe ins Verderben stürzen, he? Ich rate dir, überleg’s dir noch einmal!“

„Du bist ein dummer, einfältiger Schwätzer!“, sagte der Texaner kalt. „Du wirst das Mädchen in Frieden lassen, oder ich zeige dir, was Höflichkeit ist!“

Der Schwarzhaarige war zusammengezuckt. Wilder Hass loderte plötzlich in seinen Augen auf. Rücksichtslos stieß er das Mädchen von sich, das schmerzerfüllt aufschrie und angstvoll zurückwich.

Horton machte einen Schritt zur Seite, von der Theke weg. Sein Oberkörper neigte sich nach vorn, und die Finger seiner Rechten hingen wie eine Klaue über dem tiefgeschnallten Revolver. „Hier wagt es niemand, mich zu beleidigen!“, fauchte er böse. „Merk dir das, Fremder!“

John Brockman hatte den Schwarzhaarigen genau beobachtet, nicht das kleinste Zucken eines Gesichtsmuskels war ihm entgangen. Und er wusste sofort, dass Horton beim letzten Wort ziehen würde.

Der Texaner stand ruhig da. Wie ein Fels, der sich nicht aus dem Weg räumen ließ.

Hortons Rechte zuckte hinunter. Unglaublich schnell flog sein Revolver aus dem Holster.

Doch grenzenloses Erstaunen und tödlicher Schreck verzerrten sein Gesicht, als ihm das Mündungsfeuer glühendrot entgegensprang. In das Donnern des Schusses hinein mischte sich ein harter Schlag und ein rasender Schmerz, der seinen Arm hinaufkroch und sich in der Schulter austobte. Fassungslos und mit offenem Mund sah Milt Horton das Blut von seiner Rechten tropfen und den Revolver am Boden liegen. Er konnte es nicht begreifen.

John Brockman schob seinen Sechsschüsser zurück ins Holster. „Scher dich zum Doc!“, befahl er ruhig. „Und komm nicht noch einmal auf die Idee, solch ein dummes Spiel mit mir zu treiben!“ Ohne sich weiter um Horton zu kümmern, drehte John sich um und ging zu seinem Tisch zurück.

Die Kumpane des Verletzten eilten herbei und brachten ihn hinaus. Einer hob den Revolver auf, aber niemand dachte daran, sich noch mit John Brockman anzulegen. Die anderen, die aus der Schusslinie gewichen waren, gingen zögernd zu ihren Tischen zurück.

John bestellte ein neues Bier und eine neue Zigarre.

Er spürte deutlich die Bewunderung, die in den Mienen der Bürger von Preston lag. Und sicher würde es nicht lange dauern, bis sie herüberkamen, um mit ihm zu reden und um ihre Neugier zu befriedigen.

Doch plötzlich hatte John das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Es waren Blicke, die ihn von der Seite trafen. Und dann wusste er, woher diese Blicke kamen. Die Tür lag im Halbdunkel, rechts hinter der Theke, nur eine Handbreit geöffnet.

John erkannte das Mädchen, das von dem schwarzhaarigen Revolverschwinger gepeinigt worden war. Nur undeutlich war ihr Gesicht in dem schmalen Türspalt zu sehen. Doch ihre Augen — diese Augen ...

Der Texaner spürte etwas, das ihn bis ins Innerste traf. Ein brennendes Gefühl, das er sich nicht erklären konnte. Noch nicht...

Ein magischer Bann ließ ihn aufstehen, mit mechanischen Bewegungen zu dieser Tür im Halbdunkel gehen. Und auf einmal überwältigte ihn die Erkenntnis. Es war wie ein Schock, der ihn festnagelte, bewegungsunfähig machte.

„Das ist unmöglich“, flüsterte er, „das kann nicht sein!“

Doch in den Augen des Mädchens lag das gleiche grenzenlose Erstaunen, und in diesem Augenblick wusste der Texaner, dass es keine Sinnestäuschung war.

Seine Lippen formten ihren Namen, der unauslöschlich in seinem Gedächtnis haftengeblieben war. „Lily — Lily Enders ...“

„John!“ Sie rief nur dieses eine Wort und flog aus der Tür heraus in seine Arme.

Ihre Nähe, ihre plötzliche körperliche Nähe rief schlagartig auf eine fast schmerzhafte Weise all die Jahre wach, die längst im Dunkel der Vergangenheit begraben gewesen waren.

Sie sahen sich lange an, und beide brachten kein Wort hervor. Dann löste sie sich aus seinen Armen, nahm seine Hand und zog ihn sanft mit sich ins Hinterzimmer, wo sie allein waren und ungestört reden konnten.

Lily senkte den Kopf. „Ich schäme mich“, sagte sie leise, „weil du mich so wiedersehen musst. Ich meine, weil ich...“

Er saß ihr gegenüber und nahm ihre beiden Hände in die seinen. „Hör auf damit“, bat er. Dann sagte er für eine Weile nichts mehr, als sie sich lange in die Augen sahen. Ob er es wollte oder nicht, die Erinnerung an die Heimat ließ sich nicht wegwischen. Nicht in diesem Moment, wo ihn eine unergründliche Laune des Schicksals dieses Mädchen hatte wiedersehen lassen. Denn Lily Enders war mit seiner Erinnerung fest verknüpft...

Seit John Brockman denken konnte, hatte sie zu der kleinen Welt gehört, in der er aufgewachsen war. Damals in Greenville, der Stadt im Dornbuschland im Nordosten von Texas. John war dort geboren worden, nachdem seine Eltern kurz zuvor als Einwanderer aus Deutschland herübergekommen waren. Auch Lily Enders’ Eltern stammten aus Deutschland, und in Greenville waren sie Nachbarn gewesen, hatten versucht, sich eine Existenz aufzubauen. Lily und John waren zusammen aufgewachsen, hatten wenig gespürt von den Sorgen, mit denen sich ihre Eltern in den ersten Jahren plagen mussten. Dann hatten sich die Nachbarn getrennt, als die Brockmans das Glück hatten, eine kleine Ranch in der Brasada erwerben zu können. Doch Lily und John gingen in Greenville zur Schule. Aus ihrer kindlichen Zuneigung erwuchs bald eine unerschütterliche Freundschaft. Bis zu jenem Tag, an dem es Lily Enders plötzlich nicht mehr gab. Ihre Eltern hatten weniger Glück gehabt, und sie wollten es im Norden neu versuchen. Sie schlossen sich einem Siedlertreck an. Das Ziel war Nebraska, wo es viel freies Land gab, auf dem man sich eine Farm einrichten konnte, von der Regierung begünstigt. John hatte es schmerzlich getroffen, doch die harte Arbeit, die er schon als Jugendlicher auf der Ranch seiner Eltern leisten musste, hatte ihm ein wenig darüber hinweggeholfen.

„Wir haben damals Nebraska nie erreicht“, sagte Lily. „Im Indianerterritorium wurde der Treck von den Rothäuten überfallen. Meine Eltern kamen dabei um und...“ Sie hatte schnell weiterreden wollen, doch die grauenvollen Bilder, die jetzt vor ihrem geistigen Auge erschienen, ließen sie stocken.

Auch John traf es schmerzlich. Er hatte damals nie wieder etwas von der Familie Enders gehört. Die Zeit war zu wild und zu grausam gewesen. „Es tut mir sehr leid“, murmelte er betroffen, „obwohl ich weiß, dass dir Mitleid sicherlich nichts nützt.“

Lily sah ihn an und lächelte wieder. „Bei dir weiß ich, dass es echtes Mitleid ist, John. Damals, als ich mit meinen fünfzehn Jahren allein und hilflos war, wurde mir viel Mitleid entgegengebracht. Doch ich konnte nicht unterscheiden, ob es ernst gemeint oder nur geheuchelt war. Nun, John, ich will dich nicht mit meiner Geschichte langweilen. Der Rest ist ohnehin schnell erzählt. Ich geriet an die falschen Menschen und wurde ausgenutzt. Immer wieder. Die Leute, die mich mitnahmen, ließen mich auf ihrer Farm in Kansas schuften wie ein Tier. Ja, und als dann bei einem Tanzvergnügen ein junger Mann auftauchte, der mir das Paradies versprach, wenn ich mit ihm gehen würde — da habe ich nicht lange gezögert. Zu spät merkte ich, dass er den Mund viel zu voll genommen hatte. Er war ein Spieler, dem viel Geld durch die Finger rann. Anfangs konnte ich noch als Lady im Hotelzimmer wohnen, während er unten saß und pokerte. Aber dann musste auch ich arbeiten. In den Saloons, die mir schnell zur gewohnten Umgebung wurden. Eines Tages war ich dann gerissen genug, um für mich selbst sorgen zu können. Ich trennte mich von dem Burschen, doch von dem Milieu konnte ich mich nicht mehr losreißen. Siehst du, John. Nun weißt du, wie es kommt, dass ich hier gelandet bin.“

Er hätte sie in diesem Augenblick am liebsten in die Arme geschlossen und zärtlich geküsst. Doch er wagte es nicht.

Sie blickte ihm forschend in die Augen, wollte seine Verlegenheit verscheuchen und fragte leise: „Warum hast du Texas verlassen, John?“

Es fiel ihm höllisch schwer, darüber zu reden. Doch Lily Enders hatte ein Recht darauf, es zu erfahren. „Es fing schon vor dem Krieg an“, begann er. „Wir, die Brockmans, zählten zu den Germans, die angeblich mit den Yankees sympathisierten. Alle wurden über einen Kamm geschoren. Es zählte nicht, dass ich in Texas geboren bin und in der Konföderierten-Armee für die Südstaaten kämpfte. Nein, das zählte auch nicht, als ich wieder nach Hause kam und miterlebte, wie sich die stolzen Texaner gegen ihre Unterdrücker auflehnten. Auch ich fühlte mich als Texaner, doch sie ließen es mich spüren, dass ich in ihren Augen keiner war. Nun, meine Eltern waren schon zu alt, als dass die anderen an ihnen noch ihre Wut auf die Germans auslassen konnten. Aber ich war eine willkommene Zielscheibe. Und als sich einige der Brasada-Rancher zusammenschlossen und eine Fehde gegen die Yankee-Freunde anzettelten, da wurde ich gezwungen, mit der Waffe um mein Leben zu kämpfen. Eines Tages wurde ich in Greenville auf offener Straße herausgefordert. In Notwehr erschoss ich einen jungen Cowboy. Zum Glück hatte ich genug Zeugen. Doch das hätte mir für die Zukunft wenig genützt. Meine Eltern sahen ein, dass es sinnlos war, weiter in der Brasada zu bleiben. Sie verkauften alles, was sie hatten, und zogen für den Rest ihrer Jahre nach Austin. Dort leben sie jetzt von dem Geld, das ihnen die Ranch einbrachte.“

„Mein Gott!“, hauchte Lily. „Rede nicht weiter, John. Ich sehe, wie sehr es dich schmerzt.“

Er schüttelte den Kopf, lächelte krampfhaft. „So weich bin ich denn doch noch nicht, Lily. Ich ritt damals noch am gleichen Tag weg, denn ich wollte weiteres Blutvergießen vermeiden und meinen Eltern ersparen, dass ihnen meinetwegen das Haus über dem Kopf angesteckt wurde. Ich ging nach Amarillo, wo ich mich einem der ersten Rindertrails anschloss, die in Richtung Norden aufbrachen. In Dodge City fand ich dann jemanden, der mir zu einer neuen Aufgabe verhalf.“

„Ausgerechnet in Preston?“

John nickte. „Ich werde für Wells Fargo arbeiten und die Station übernehmen, die nördlich von hier in der Einöde liegt. Das ist alles, Lily. Meine ganze Geschichte.“

Sie musterte ihn mit einem besorgten Blick. „Du wirst es hier nicht leicht haben, John. Du wirst dich durchsetzen müssen.“

„Gerade das reizt mich, Lily. Ich weiß, dass es mit der Station Schwierigkeiten gibt. Und ich bin gekommen, diese Schwierigkeiten beiseite zu räumen. Das ist mein Ziel.“

Sie legte plötzlich ihre Arme um seine Schultern und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Ich bin sicher, dass du dein Ziel erreichen wirst“, flüsterte sie.

John schlief fest und ohne Unterbrechung. Um sechs Uhr morgens wachte er auf und sprang mit einem Satz aus dem Bett. Der beginnende Tag zeigte sich von seiner besten Seite. Die Morgensonne leuchtete strahlend hell.

Der Texaner frühstückte, bezahlte seine Rechnung und verließ den Saloon durch den Seiteneingang, der den Hotelgästen vorbehalten war. Er trat an die hölzerne Brüstung, die den Gehsteig begrenzte.

Der Mietstall lag gleich neben dem Saloon. Als John sich dem Mietstall näherte, schob dessen Besitzer gerade die beiden Torflügel auseinander, um Licht in die Pferdeboxen fallen zu lassen. Der Mann war breit und untersetzt. Das linke Bein zog er etwas nach. John glaubte sich zu erinnern, ihn am Vorabend im Saloon gesehen zu haben. Er wünschte einen guten Morgen und brachte sein Anliegen vor. Das Geschäft war schnell abgewickelt. Für dreißig Dollar erstand John einen langbeinigen Schecken, der nach Auskunft des Mietstallbesitzers einen gutmütigen Charakter hatte und überdies sehr ausdauernd war. Der Sattel war im Preis inbegriffen. John ließ das Pferd im Mietstall und versprach, es in etwa einer Stunde abzuholen.

Dann erledigte er seine übrigen Einkäufe. Proviantvorräte, Kleidung und warme Decken erwarb er im General Store. Der Storekeeper sagte zu, die Sachen noch am gleichen Tag mit einem Wagen zur Station hinausbringen zu lassen. Wells Fargo war einer seiner besten Kunden. Beim Waffenschmied kaufte John eine nagelneue Winchester und dazu jeweils fünfhundert Schuss Munition für das Gewehr und für seinen 44er Conversion Colt. Er bat den Waffenschmied, die Sachen mit auf den Wagen zu laden, den der Storekeeper hinausschicken würde.

Der Sheriff war ein wortkarger, verschlossen wirkender Mann. John fand ihn in seinem Office bei einer Tasse Kaffee, die auf dem Schreibtisch dampfte.

John reichte ihm die von Wells Fargo ausgestellte Legitimation. „Ich übernehme die Postkutschenstation nördlich von Preston“, erklärte er.

Der Vertreter des Gesetzes studierte das Papier. Während er es zurückreichte, musterte er den hochgewachsenen Texaner mit einem abschätzenden Blick. „Mein Name ist Henry Sheldon“, sagte er dann. „Ich denke, wir werden nicht oft miteinander zu tun bekommen.“

John zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Die Station gehört nicht zu Ihrem Bezirk?“

„Doch, doch“, brummte Sheldon. Er machte sich nicht die Mühe, dem Besucher einen Stuhl anzubieten. „Aber die Station ist fünfzehn Meilen entfernt, und ich habe nur einen Deputy. Hier in der Stadt gibt es genug Arbeit.“

John zog es vor, keinen Kommentar dazu abzugeben. „Es soll Überfälle gegeben haben“, sagte er nur.

Der Sheriff zuckte die Achseln. „Stimmt, Mr. Brockman. Aber Postkutschen werden nicht nur in Nevada ausgeraubt. Das gibt es überall, wo für Banditen die Gelegenheit günstig ist. Ich tue jedenfalls, was ich kann. Übrigens habe ich gehört, dass Sie gestern Abend im Saloon einen Streit hatten...“

„Ich habe einen Revolverschwinger zur Vernunft gebracht“, korrigierte John trocken.

Sheldon winkte ab. „Erledigt, Brockman. Man hat mir den Vorfall geschildert. Seien Sie nur in Zukunft etwas zurückhaltender mit dem Schießeisen. Das ist ein gutgemeinter Rat.“

„Danke.“ Der Texaner hielt sich nicht länger im Office des Sheriffs auf. An einem weiteren Wortwechsel lag ihm nichts. Er wollte erst Klarheit über diesen Mann haben, dessen Reserviertheit ihm merkwürdig erschien.

Während John zum Mietstall zurückging und sein Pferd abholte, dachte er an Lily Enders. Er hatte ihr versprochen, sie zu besuchen, sobald er sich in der Station häuslich eingerichtet hatte und mit der Arbeit vertraut war.

Der blonde Texaner war erleichtert, als er Preston verließ. Es war ein gutes Gefühl, wieder im Sattel zu sitzen und der Zukunft entgegenzureiten.

Der Weg zur Station war nicht zu verfehlen. Tiefe Wagenfurchen und unzählige Hufabdrücke zogen sich in sanften Windungen durch die hügelige Landschaft. Die Vegetation war spärlich, und der Creek, den John gegen Mittag erreichte, fast ausgetrocknet. Doch das Rinnsal in der Mitte des steinigen Flussbettes reichte aus, um das Pferd zu tränken. Der Weg führte an dieser Stelle über eine primitive Brücke aus dicken Holzbohlen. Ohne Wells Fargo hätte es diese Brücke vermutlich nicht gegeben.

Am Rand des Creeks, im Schatten der Brücke, rastete John für eine halbe Stunde. Dann setzte er seinen Weg fort. Kurze Zeit später endete die Hügellandschaft und wich einer öden Sandebene. Es gab nichts, was Schatten spendete, wenn man von den vielen riesigen Kakteen absah. Am Horizont wuchs eine schroffe Felsbarriere empor. Der Weg, den die Postkutsche fuhr, war mit Pflöcken abgesteckt.

Die Hufe des Schecken wirbelten staubfeinen Sand auf. Schon nach wenigen hundert Yard, die er in der ausgetrockneten Ebene zurückgelegt hatte, spürte John, wie seine Kehle auszudörren begann. Seit Tagen und Wochen hatte es hier offenbar nicht geregnet.

Die rötlich schimmernden Felsen kamen bald näher. Über dem heißen Sand flimmerte die Luft in der Mittagshitze, und John zog die Krempe seines Stetsons tief ins Gesicht, um seine Augen zu schützen.

Nach etwa einstündigem Ritt durch die Ebene konnte er das Felsmassiv deutlich erkennen. Die Berge waren bizarr geformt. Es gab unzählige tiefe Einschnitte in dem zerklüfteten Massiv, Schluchten und Canyons. Irgendwo dort verlief die Route der Wells-Fargo-Kutschen.

Nach einer weiteren halben Stunde entdeckte John die Station. Diese Bezeichnung war im Grunde übertrieben für die armselige Ansammlung von Holzgebäuden, die sich wie Schutz suchend in den Schatten der Felsen duckten. Eine dünne Rauchsäule stieg kerzengerade aus dem Schornstein des Hauptgebäudes. Daneben gab es ein Stallgebäude mit dem angrenzenden Korral für die Gespannpferde. Ein Ziehbrunnen bildete den Mittelpunkt des steinigen Vorplatzes.

John musste sich eingestehen, dass der Anblick alles andere als ermutigend war. Würde er die Einöde ertragen können? Denn dies hier war eine andere Art von Einsamkeit als die, die er kennengelernt hatte, wenn er tagelang halbwilde Longhorns in der Brasada zusammengetrieben hatte. Hier gab es keine Menschenseele und kein lebendes Wesen außer den Pferden. Nur die kurzen Aufenthalte der Postkutschen waren eine Unterbrechung.

Doch es gab eine Menge Arbeit. Das sah der Texaner auf den ersten Blick. Der Korral war überall zusammengeflickt und ausgebessert. Das Stallgebäude altersschwach und windschief. In den

Holzwänden klafften unübersehbare Ritzen. Nur wenig besser, war das Hauptgebäude. Eines der beiden vorderen Fenster war mit Blech zugenagelt, die Glasscheiben des anderen nahezu blind. Und überall fehlte Farbe. Das Holz schimmerte mattgrau im Sonnenlicht. Seit Jahren hatte es keinen Anstrich gegeben, der den Verfall aufhielt.

Als die Hufe des Schecken auf den Vorplatz klapperten, öffnete sich die Tür mit vernehmlichem Knarren.

Details

Seiten
132
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929430
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491033
Schlagworte
wells fargo hölle

Autor

Zurück

Titel: Für Wells Fargo durch die Hölle