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Der Stier von Montana

2019 115 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Stier von Montana

Copyright

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Der Stier von Montana

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

Tony Anderson muss hilflos mit ansehen, wie Banditen sich in seinem Haus breitmachen, ihn und seine kleine Familie bedrohen. Als Sheriff Pledge mit mehreren Leuten bei der Farm auftaucht, befielt der Anführer der Banditen, sofort aufzubrechen und Tonys Frau Norma als Geisel mitzunehmen. Obwohl Tony angeschossen wurde, nimmt er die Verfolgung auf, denn er will seine Frau aus den Fängen der Banditen befreien ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Tony Masero

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Der Spaten blinkte in der Morgensonne. Unablässig schnitt der blanke Stahl ins Erdreich und zertrennte zähe Wurzelstränge. Tony Anderson hielt für einen Moment inne, wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Stolz glitt sein Blick über das Land, das ihm gehörte. Nur diesen Baumstumpf noch, dann konnte er mit dem Pflügen beginnen.

Plötzlich hob er den Kopf. Das Leben in der Wildnis hatte sein Gehör geschult. So nahm er die Hufgeräusche wahr, obwohl sie noch sehr weit entfernt waren. Er sah sich um. Das Land war flach, so weit das Auge reichte. Die Reiter kamen von Süden. Drei oder vier mochten es sein. Noch waren sie nur als Punkte am Horizont zu erkennen.

Tony Anderson arbeitete weiter. Das Auftauchen von Fremden beunruhigte ihn nicht. Es war eine friedliche Gegend, die er sich zum Siedeln ausgesucht hatte.

Das Hufgetrappel schwoll an. Schon war das Schnauben der Pferde zu hören, das Klirren des Zaumzeugs und das Knarren des Sattelleders.

Tony wandte sich um, stützte die Unterarme auf den Griff des Spatens. Furchtlos blickte er den Männern entgegen. Vier waren es. Und sie zügelten ihre Pferde vor ihm. Sie sahen nicht aus wie Weidereiter aus dem Süden. Und schon gar nicht wie Farmer, die hier in Montana hart zupackten, um sich eine Existenz aufzubauen. Nein, Tony Anderson wusste zunächst nicht, wie er diese Fremden einzuordnen hatte.

„He, Farmer!“, rief der eine. „Ist das dein Haus dort drüben?“

Tony nickte nur. Diese Art der Begrüßung gefiel ihm nicht. Aufkeimendes Unbehagen ließ seine Augen schmaler werden. Was für seltsame Burschen, die sich nicht an die einfachsten Gebote der Höflichkeit hielten.

Der Sprecher war groß und breitschultrig. Seine Worte hatten einen deutlichen Akzent. Ein Franzose? Aus Kanada vielleicht? Aber sie waren aus Süden gekommen.

„Fein!“, fuhr der Mann mit dem französischen Akzent fort. Er lachte dabei, schob den schwarzen Bowlerhut in den Nacken und ließ seine dunkle Haarpracht sehen, die sich in einem dichten Vollbart fortsetzte. Tony antwortete nicht. Normalerweise hätte er jetzt seine Gastfreundschaft angeboten. Doch etwas Unbestimmtes hielt ihn davon zurück.

„Ein schönes, solides Haus hast du“, lächelte der Mann mit dem Vollbart. „Es gefällt mir gut. Ich denke, wir werden eine Weile bei dir wohnen.“ Er schlug das Jackett seines gestreiften hellgrauen Stadtanzugs zurück und schob die Daumen in großspuriger Manier in die Westentaschen. Die drei anderen hockten teilnahmslos in ihren Sätteln.

Tony Anderson schüttelte verwirrt den Kopf. Hatte er sich verhört?

„Mister!“, knurrte er und bezwang seinen aufkeimenden Ärger, der leicht in Jähzorn umschlagen konnte. „Sie reden eine verdammt komische Sprache. Und ich kann nicht sagen, dass es sich gut anhört.“

Die vier Reiter brachen in schallendes Gelächter aus.

Zornesröte schoss in Tonys Gesicht. Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen.

„Du bist ein kleiner Witzbold“, rief der Bärtige amüsiert. „Aber ich will ehrlich zu dir sein. Farmer: Es interessiert uns einen Dreck, ob wir dir gefallen oder nicht. Wir werden uns für ein paar Tage in deinem Haus aufhalten. Und ich rate dir, reize uns nicht! Es würde böse für dich und deine Familie enden.“

Tonys Wut war stärker als seine Vernunft. Es war sein walisischer Dickschädel, der die Oberhand gewann.

„Verschwindet!“, brüllte er. „Für Leute eurer Sorte ist auf meiner Farm kein Platz!“

Es kümmerte ihn nicht, dass die Männer bewaffnet waren. Vor Jahren war Tony einmal auf einen Falschspieler losgegangen, der ihn mit gezogener Pistole bedroht hatte. In der Kneipe an der Ostküste erzählten sie noch heute die Geschichte von dem wütenden Stier aus Wales, der dem Kartenhai das Schießeisen weggefegt und ihn dann mit bloßen Fäusten erschlagen hatte. Es war gefährlich, Tony Anderson zu reizen. War sein Zorn einmal angestachelt, gab es für ihn kein Zurück mehr. Aber das konnten die Fremden nicht wissen.

„Cajun!“, bellte der Bärtige schneidend. „Bring den Witzbold zur Räson!”

Tony stieß ein grimmiges Lachen aus. Äußerlich völlig ruhig, stand er breitbeinig da. Doch in seinem Innern kochte es. Der Mann, der nun gemächlich aus dem Sattel stieg, stand dem Farmer an Körpergröße nicht nach. Etwas Tierhaftes lag in seinen federnden Bewegungen. Etwas, das die Gefährlichkeit dieses Cajun unterstrich. Seine scharfgeschnittenen Gesichtszüge erinnerten an einen Indianer, ebenso wie das blauschwarze Haar, das von einem bunten Stirnband gehalten wurde.

Tony Anderson hatte nie gewartet, bis ein Gegner seine Angriffsabsicht zu Ende führen konnte. Der Mann aus Wales explodierte wie ein Fass Dynamit. Mit einem blitzartigen Satz, den ihm die Fremden angesichts seiner Statur sicher nicht zugetraut hatten, stürzte er auf den Cajun los. Dieser wollte zur Seite ausweichen, doch er reagierte um einen Sekundenbruchteil zu spät. So traf Tony zwar nicht das Kinn des Cajun. Doch dafür schmetterte seine Faust mit der Gewalt eines Vorschlaghammers auf die rechte Schulter des anderen. Der Cajun stieß einen wilden Schrei aus. Mit schmerzverzerrtem Gesicht torkelte er unter der Wucht des Hiebes. Doch er verlor das Gleichgewicht nicht, hatte sich sofort wieder gefangen. Er duckte sich rasch genug ab, als ein erneuter Fausthieb kam. Diesmal hatte Tony Anderson keinen Erfolg. Sein eigener Schwung riss ihn nach vorn. Und plötzlich war der Cajun neben ihm und feuerte zwei blitzschnelle Schläge in seine Nierengegend.

Die drei Männer auf den Pferden stießen Beifallsrufe aus. Für sie schien es ein heiteres Schauspiel zu sein. Sie zweifelten offenbar nicht am Erfolg ihres Gefährten. Jeder andere wäre zusammengeklappt. Nicht so Tony Anderson. Er verdaute die Hiebe, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann wirbelte er ruckartig herum und zog dem völlig überraschten Cajun die harte Faust durchs Gesicht. Im nächsten Atemzug setzte er mit der Linken nach, die er dem Burschen gnadenlos aufs Zwerchfell hieb. Es raubte dem Cajun die Luft. Er wankte zurück, ruderte mit den Armen und stürzte.

Die Beifallsrufe waren verklungen. Keuchend kam der Cajun auf den Rücken zu liegen. Blut rann aus seinen aufgeplatzten Lippen.

„Komm nur, Freundchen!“, knurrte Tony Anderson. Breitbeinig, mit geballten Fäusten, stand er vor dem angeschlagenen Mann.

..Komm nur, damit ich dir den Kopf abreißen kann!“ Die anderen drei beachtete der Waliser nicht. Selbst wenn sie eingreifen sollten, so fürchtete er sich nicht vor ihnen.

Tony sah das tückische Funkeln in den Augen des Cajun nicht. Umso deutlicher wurde ihm dessen Gemeinheit, als der Cajun plötzlich unter die Lederjacke griff und ein blitzendes Bowiemesser herausriss. Und ehe Tony es verhindern konnte, war sein Gegner mit dem tödlichen Stahl auf den Beinen.

„Lass ihn am Leben, Cajun!“, rief der Bärtige. Die anderen lachten dazu und stimmten von neuem ihre Beifallsrufe an.

„Ho!“, rief Tony zornig. „So ein Halunke bist du also!“ Und mit einem raschen Satz brachte er sich vor dem Messer in Sicherheit, das in der Faust des Cajun heranzischte.

Tony hatte sein Ausweichmanöver gut kalkuliert. Er brauchte sich nur zu bücken. Ein Griff genügte, und der Spaten lag in seiner Linken. Er bewegte das schwere Werkzeug mit der einen Hand, als sei es ein Spielzeug. Der Cajun stieß einen Wutschrei aus, wollte Tonys Abwehr durch einen blitzartigen Überraschungsangriff zunichte machen. Aber er schaffte es nicht.

Tony wich zur Seite weg, und im nächsten Moment sirrte der Spaten mit blitzendem Lichtreflex durch die Luft, nicht mehr als eine Handbreit über dem Erdboden.

Der Cajun sah es, wollte emporschnellen.

Zu spät.

Die Seitenkante des Spatens traf seinen Reitstiefel knapp über dem Fußknöchel.

Es war, als habe jemand dem Cajun die Beine unter dem Leib weggetreten. Er stieß einen gellenden Schmerzensschrei aus und stürzte hart zu Boden. Er ließ das Messer fallen und krümmte sich wimmernd, suchte mit beiden Händen nach der Wunde, als könnte er so die Schmerzen lindern.

Erst jetzt sahen seine Gefährten, dass der Spatenhieb das Stiefelleder glatt durchtrennt hatte und eine böse Wunde verursacht hatte. Dunkelrotes Blut quoll hervor.

Tony wandte sich langsam um. Den blutigen Spaten hielt er drohend in der Linken. Die drei Fremden bildeten eine stumme Front. Stumm und fassungslos. Sekundenlang wurde das bedrohliche Schweigen nur vom Wimmern des Cajun unterbrochen. Das Gesicht des Bärtigen war weiß vor Wut.

„Farmer ...“, flüsterte er kaum hörbar, „dafür wirst du mir bezahlen ...“

„Kommt nur, ihr Hundesöhne!“, rief Tony Anderson grimmig. „Ihr müsstet mir schon eine Kugel verpassen, um mich kleinzukriegen. Und selbst mit einem Stück Blei im Leib schlage ich euch noch den Schädel ein, bevor ich diese Welt verlasse.“

Statt einer Antwort zog der Mann rechts neben dem Bärtigen plötzlich seinen Revolver. Der Bursche war hager und trug einen breitkrempigen Hut, der keinen Sonnenstrahl in sein bleiches, eingefallenes Gesicht vordringen ließ.

Tonys Augen verengten sich. Solche Kerle waren das also! Mit den Fäusten kamen sie nicht weiter. Da nahmen sie das Schießeisen. Feiges Pack! Tony packte den Spaten jetzt mit beiden Fäusten. Aufrecht stand er da. Entschlossen, sein Land, seine Habe mit ganzer Kraft zu verteidigen. Gewiss, es hatte alles erst begonnen. Und das Leben hier draußen sollte erst anfangen, schön zu werden. Aber darüber dachte Tony Anderson in diesem Moment nicht nach. Er war nie ein Mann von rührseligen Gedanken gewesen.

Der Bleiche hob plötzlich den Sechsschüsser. Und im gleichen Augenblick sprang das Mündungsfeuer einer Lanze gleich auf den Farmer zu. Tony spürte einen harten Ruck, der durch seine beiden Fäuste ging. Dann sah er voller Verwunderung, was das Blei angerichtet hatte: Der Spatenstiel war knapp oberhalb des Stahlschafts zersplittert. Nur noch an wenigen Holzfasern hing das Spatenblatt herunter.

Der Bleiche hielt den rauchenden Colt weiter im Anschlag und richtete einen fragenden Blick auf seinen Nebenmann.

„Gut“, nickte der Bärtige, „nun gebt es ihm! Aber ich will nicht, dass er getötet wird.“ Er hatte erkannt, dass er sein Ziel nur erreichen konnte, wenn er den Willen dieses hartnäckigen Farmers brach.

Tony Anderson begriff indessen nicht, weshalb die Fremden es mit Gewalt darauf anlegten, ihn zu bezwingen. Er konnte es nicht begreifen. Noch nicht.

Die beiden Gefährten des Bärtigen schwangen sich nun aus dem Sattel. Der vierte Mann war dunkelhäutig. Kein Schwarzer, denn er hatte die Gesichtszüge eines Weißen. Er war groß und herkulisch gebaut, und unter seinem hellen Leinenhemd spielten die Muskelpakete seiner Oberarme. Diese beiden gingen jetzt lauernd auf den Farmer los. Und Tony wusste, dass er kein leichtes Spiel haben würde. Denn es waren keine fairen Gegner, mit denen er es zu tun hatte.

Der zersplitterte Spaten nützte ihm nichts mehr. Also schleuderte er das Ding von sich und spannte die Muskeln, ballte die Fäuste, deren Kraft manch einer zu fürchten gelernt hatte.

Sie nahmen ihn in die Zange. Der Mischling drang plötzlich von rechts auf ihn ein, stieß einen wilden Schrei aus und schoss ein wahres Trommelfeuer von Fausthieben auf den unbeugsamen Farmer ab.

Tony war gezwungen, gegen diesen Angriff eine wirksame Deckung aufzubauen. Er musste seine Aufmerksamkeit vor allem dem Mischling widmen, der in diesem Moment sein gefährlichster Gegner war. Darauf hatte der Bleiche nur gewartet. Er kam von der anderen Seite, passte den richtigen Augenblick ab und traktierte Anderson mit brutalen Schlägen, die allesamt unterhalb der Gürtellinie lagen.

Normalerweise hätte Tony diesen hageren Kerl wie eine lästige Fliege abgeschüttelt. Aber da war der Mischling, der ihm an Körperkraft nahezu ebenbürtig war. So konnte sich Tony nicht genügend auf den Bleichen konzentrieren, dem es keine Mühe bereitete, seinen flüchtigen Abwehrreaktionen auszuweichen.

Sie brauchten lange, bis sie den breitschultrigen Farmer ins Wanken brachten. Und mehr als einmal verteilte Tony brettharte Hiebe, die sie nur schwer verdauen konnten. Aber es war vorauszusehen, dass er diesen unfairen Kampf auf die Dauer nicht durchstehen konnte. Schleier begannen bereits vor seinen Augen zu wallen, als sein Blick für einen Moment zum Haus fiel.

Norma stand dort in der geöffneten Tür, starr vor Entsetzen.

Tony wollte ihr noch etwas zurufen. dass sie weglaufen und den Jungen in Sicherheit bringen sollte. Aber bevor er einsehen konnte, dass seine Frau und das Kind den Fremden niemals entkommen wären, gaben ihm seine Gegner den Rest.

Der Bleiche riss triumphierend den Revolver heraus und hieb dem Farmer den Knauf auf den Schädel. Er musste es zweimal wiederholen, ehe Tony Anderson die Besinnung verlor und wie ein Baum zu Boden stürzte.

 

 

2

Jean Maurier, der Bärtige, gab seinem Pferd die Sporen und ritt voraus, zum Wohngebäude der Farm. Dort blickte er in die Mündungen einer doppelläufigen Schrotflinte. Norma Anderson hielt die schwere Waffe nur mit Mühe. Doch ihre Hände zitterten nicht, und ihre seeblauen Augen spiegelten den Mut der Verzweiflung. Der sanfte Wind fächerte ihr seidig schimmerndes Blondhaar. Wie sie dem Bärtigen die Waffe entgegenreckte, zeigte ihre Haltung, dass sie an der Seite ihres Mannes manche Gefahr überstanden hatte, die auf dem beschwerlichen Weg zu meistern gewesen war.

Doch Jean Maurier konnte darüber nur lächeln. Er schwang sich aus dem Sattel und wollte auf die Frau zugehen.

„Halt!“, rief Norma Anderson. „Keinen Schritt weiter, Mister! Ich schieße sofort.“

Maurier zog es vor, zunächst stehenzubleiben. Diese Frau war ähnlich dickköpfig wie ihr Mann. Sicher dachte sie nicht daran, dass die anderen bei einem einzigen Schuss aus der Schrotflinte den Farmer töten würden. Aber das nützte dem Bärtigen wenig, wenn er vorher von einer Ladung Bleischrot gespickt wurde. Er hing zu sehr an seinem eigenen Leben, als dass er ein unnötiges Risiko einging.

Der Bärtige zwang sich ein Lächeln ab, obwohl er wusste, dass es auf die Frau wirken musste wie die Freundschaftsbezeigungen eines ausgehungerten Wolfes.

„Hören Sie, Farmersfrau, Sie sollten besser dieses gefährliche Ding da weglegen. Sie würden sich damit nicht helfen. Stattdessen würden Sie Ihrem Mann schaden. Was glauben Sie, was meine Freunde tun werden, wenn sie einen Schuss hören?“ Zufrieden stellte Maurier fest, dass seine Worte nicht ohne Wirkung blieben..

Die verzweifelte Entschlossenheit im Gesicht der Frau wich einer resignierenden Nachdenklichkeit. Und dann ließ sie die doppelläufige Flinte sinken. Jean Maurier war mit drei Schritten bei ihr und nahm ihr die Waffe ab.

„Gehen Sie ins Haus! Bereiten Sie heißes Wasser und Tücher vor. Es gibt Arbeit für Sie. Und anschließend brauchen wir etwas Handfestes für unser leibliches Wohl.“

Norma Anderson bedachte den unheimlichen Fremden mit einem Blick, als sei er direkt aus dem Höllenfeuer heraufgekommen. Irgendwie spürte sie, dass dies erst der Anfang eines schlimmen Verhängnisses war, das auf sie und ihre kleine Familie zukam. Aber sie sagte nichts. Denn ihr Gefühl machte ihr deutlich, dass es sinnlos war, mit dem Bärtigen zu reden. Jedes Wort wäre überflüssig gewesen. Und Norma Andersons Stolz verbot es, um Gnade zu flehen.

Jean Maurier warf einen kurzen Blick zum Feld hin, wo seine beiden Gefährten damit beschäftigt waren, den verletzten Cajun und den bewusstlosen Farmer auf die Pferde zu werfen.

Dann folgte Maurier der Frau ins Haus. Er blinzelte ein wenig, bis sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten.

Im nächsten Moment stieß er einen leisen Pfiff aus. Im Türrahmen blieb er stehen. Der Junge kauerte neben dem Herd in der Küchenecke. Aus großen, furchtsamen Augen blickte er den Bärtigen an. Vier oder fünf Jahre alt mochte der Kleine sein. Er hatte das blonde Haar seiner Mutter, auch die Farbe ihrer Augen und die Gesichtszüge des Vaters.

„Sieh an!“, rief Maurier überrascht. „Euer einziges Kind, Farmersfrau?“

Norma Anderson eilte auf den .Jungen zu, stellte sich schützend vor ihn.

„Wagt es nicht, ihn anzurühren!“, schrie sie. „Wenn ihm etwas geschieht, dann ...“

Maurier zog spöttisch die Augenbrauen hoch.

„Nun, Farmersfrau, was dann?“

Norma Anderson senkte den Kopf. Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern: „Mein Mann würde euch töten. Euch alle. Und wenn er euch bis in die Hölle folgen müsste.“

Der Bärtige lachte heiser.

„Merken Sie sich eines, kleine Lady: Wenn ich es gewollt hätte, wäre Ihr geliebter Mann längst nicht mehr am Leben. Aber meine Freunde und ich töten nicht aus purer Mordlust. Und schon gar nicht, wenn wir unser Ziel auf einfachere Weise erreichen können.“

„Was wollen Sie?“, stieß Norma Anderson hervor.

Maurier nickte.

„So gefallen Sie mir besser, Farmersfrau. Wir wollen nichts als ein paar Tage Ruhe, denn wir haben einen langen Ritt hinter uns. Es liegt an Ihnen und an Ihrem Mann, ob es weiteren Verdruss gibt, oder ob für Sie alles vergessen ist, wenn wir weiterziehen.“

Norma antwortete nicht. Es schien, als müsste sie die Worte des Fremden erst verdauen.

Von draußen waren jetzt die Hufgeräusche der Pferde zu hören.

„Bringen Sie das Kind in ein Nebenzimmer!“, ordnete Maurier an. „Und dann kümmern Sie sich um meinen Freund, den Ihr Mann böse zugerichtet hat!“

Norma gehorchte. Leise und beruhigend redete sie auf den Jungen ein, und er ließ sich bereitwillig von ihr in den Schlafraum führen. Als Norma in die Küchenecke zurückkehrte, polterten bereits die Männer herein. Sie schleppten schwer an der Last des bewusstlosen Tony Anderson. Und so ließen sie ihn gleich neben der Tür einfach zu Boden sinken. Mit einem leisen Aufschrei wollte Norma zu ihm eilen.

„Stopp!“, herrschte Maurier sie schneidend an. „Erst das heiße Wasser und die Tücher! Für meinen Freund. Ihr Mann hat nur ein paar Beulen abbekommen. Er wird es schnell überstehen.“

Der Bärtige hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und zündete sich nun genüsslich eine Zigarre an. Während sich Norma Anderson am Herd zu schaffen machte, brachten der Bleiche und der Mischling den Cajun herein, der kalkweiß im Gesicht war. Sie hatten ihn in der Mitte, seine Arme über ihren Schultern. Mit dem gesunden Bein humpelte er. Als sie ihn auf einen der Stühle setzten und das verletzte Bein auf einen zweiten Stuhl legten, streifte sein Blick den bewusstlosen Farmer, der in seiner Reichweite am Boden lag. Jean Maurier sah es. Lächelnd blies er den Zigarrenrauch zu den dunklen Deckenbalken empor.

„Vergiss die bösen Gedanken, Cajun! Ein Mann begeht zu leicht Fehler, wenn er sich von Rachsucht treiben lässt.“

„Ich werde ihn töten!“, zischte der Cajun kaum hörbar, ohne den Kopf zu Maurier zu wenden.

„Nichts wirst du“, widersprach der Bärtige. „Nicht, solange ich am Leben bin.“

Der Cajun zog es vor, zu schweigen. Die Schmerzen machten ihm so sehr zu schaffen, dass er keine Lust zu einer Auseinandersetzung mit dem Bärtigen verspürte. Nicht einmal zu einer Auseinandersetzung mit Worten. Die beiden anderen standen da und betasteten die Frau mit glitzernden Blicken.

„Zavalla! Charly!“, rief Maurier frostig. „Steht nicht herum! Zieht ihm den Stiefel aus! Aber vorsichtig, verstanden?“

Die beiden Männer gehorchten. Der Cajun schrie auf und zappelte, als sie seinen blutüberströmten Stiefel nur berührten. Der Mischling, der auf den Namen Zavalla hörte, brachte den Cajun mit einem Fausthieb zum Schweigen. Nun konnten sie ihm fast mühelos den zerschnittenen Stiefel abziehen. Darunter kam eine furchtbare Wunde zum Vorschein, die dadurch noch schlimmer aussah, dass sich die Fasern des zerrissenen Wollstrumpfes in die Wundränder hineingefressen und eine dunkelrote Farbe angenommen hatten. Zavalla und Charly Durand, der Bleiche, mussten sich für einen Moment abwenden.

Norma Anderson trat heran. Ihre Miene zeigte keine Spur von Erschrecken, als sie die Wunde sah.

„Ich kann den Wasserkessel nicht allein tragen“, wandte sie sich an Maurier.

Der Bärtige gab seinen beiden Gefährten einen Wink. Sie trabten los und holten den großen eisernen Kessel vom Herd, um ihn neben dem Cajun auf den gestampften Lehmboden zu stellen. Der Dampf des heißen Wassers stieg empor.

Norma Anderson hatte weiße Leinentücher herbeigeholt, außerdem eine Flasche, in der sich reiner Alkohol befand. Wortlos machte sie sich an die Arbeit, entfernte den Strumpf, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Dann säuberte sie das verletzte Fußgelenk mit heißem Wasser. Als sie die Wunde selbst mit Alkohol reinigte, bäumte sich der Cajun trotz seiner Bewusstlosigkeit auf, um im nächsten Moment wieder in sich zusammenzusinken. Der Rest war schnell getan. Mit geübten Handgriffen legte Norma dem Mann einen Verband an und räumte die benutzten Tücher beiseite.

„Es ist nicht sehr schlimm“, sagte sie zu Maurier, „der Stiefel hat das Meiste abgehalten. Ihr Freund wird sicher wieder gehen können.“

„Umso besser für Ihren Mann“, nickte der Bärtige. „Kümmern Sie sich nun um das Essen!“

Norma wollte hinaus, um den Kessel zu entleeren und frisches Wasser zu holen. Maurier sah es und stoppte sie mit einer herrischen Handbewegung.

„Nein!“, entschied er. „Zavalla erledigt das!“ Er gab dem Mischling einen Wink. Der brummte unwillig, schnappte sich dann aber den eisernen Kessel und schlurfte hinaus.

Nur zögernd begab sich Norma zum Herd, wo sie bereits vor dem Auftauchen der Fremden begonnen hatte, das Mittagessen vorzubereiten. Immer wieder sah sie zu ihrem Mann, der noch ohne Bewusstsein war. Aber sie konnte ihm nicht helfen, denn sie wusste, dass der Bärtige es nicht zuließ. Norma spürte die forschenden, gierigen Blicke der Männer. Auch der Bärtige hielt sich nicht zurück, sie genüsslich zu betrachten. Norma fröstelte trotz der Hitze am Herdfeuer. In ihr stieg eine dumpfe Ahnung auf. Ihr wurde in diesem Augenblick zum ersten Mal bewusst, dass sie den Fremden hilflos ausgeliefert war, denn Tony konnte ihr nicht helfen. Diese finsteren Burschen würden ihn zur Untätigkeit verdammen, indem sie seine Frau oder gar das Kind bedrohten.

Der Mischling kam vom Brunnen zurück. Keuchend schleppte er den gefüllten Kessel zum Herd. Durand sah grinsend zu, ohne einen Finger zu rühren. Zavalla war der Frau ganz nahe. Sie war eine Weiße, und in seinen Händen kribbelte es entsprechend heftig. Aber Maurier machte ihm die Hoffnungen zunichte.

„Ihr beide geht hinaus!”, befahl er und erhob sich von seinem Platz am Tisch. „Seht euch um, für den Fall, dass wir unerwarteten Besuch bekommen sollten! Und sucht einen günstigen Platz zum Wachehalten!“

„Verdammt, ich habe Hunger!“, knurrte Zavalla mürrisch.

Durands bleiches Gesicht blieb ausdruckslos.

„Wenn das Essen fertig ist, werdet ihr etwas bekommen“, bellte Maurier. „Und nun haltet euch an meinen Befehl!“ Seine drohende Haltung genügte, um die beiden Männer gefügig zu machen. Sie ahnten wohl, dass Maurier sie aus einem anderen Grund hinausschickte. Doch sie wagten nicht zu widersprechen. Die Tür schlug hinter ihnen zu, und Jean Maurier stellte mit Genugtuung fest, dass sowohl der Cajun als auch Tony Anderson noch ohne Bewusstsein waren.

Er näherte sich der blonden Frau, die mit Töpfen und Pfannen hantierte. Sie war gewiss nicht das, was man in den Städten eine Schönheit nannte. Aber ihre Reize waren auf eine völlig andere Art denen der geschminkten Saloonpüppchen aus den noblen Etablissements der Rotlichtviertel ebenbürtig. Nein, diese bezaubernd einfache junge Farmersfrau reizte Maurier sogar noch mehr, wenn er es sich recht überlegte. Ihr derbes graues Baumwollkleid war bestimmt selbstgeschneidert. Ganz auf die Hausarbeit zugeschnitten. Und daher verhüllte es beinahe alles. Haargenau das war es, was die anfängliche Beherrschtheit des Bärtigen in ungestümes Verlangen umschlagen ließ.

Sicher würde es noch Gelegenheiten genug geben. Doch er wollte es jetzt und auf der Stelle herausfinden, ob sich seine Bemühungen lohnten. Wenn es auch anders war als in New Orleans, wo man nur mit Geldscheinen zu winken brauchte, um die hübschesten Girls zur Probe vorbei flanieren zu lassen, so hatte diese Situation für Jean Maurier einen außergewöhnlichen, nie erlebten Reiz.

Norma Anderson wich instinktiv zur Seite, als der Mann neben ihr auftauchte. Maurier schob lächelnd den Bowlerhut vom Kopf.

„Hast du Angst vor mir, Farmersfrau?”

Norma wurde blass. Reflexartig packte sie einen Feuerhaken, der in ihrer Reichweite am Herd hing. Maurier quittierte es mit einem trockenen Lachen.

„Vielleicht solltest du es dir überlegen, ob du dich wehrst. Hast du es jemals mit einem anderen probiert, als mit so einem Klotz von einem Kerl, wie es dein Mann ist? Ich könnte mir vorstellen, dass er im Bett nicht sehr einfallsreich ist. Da, wo ich herkomme, kennt man eine Menge netter Spielchen ...“ Er machte einen Schritt auf sie zu.

Norma erstarrte. Nie zuvor hatte sie eine solche Sprache gehört. Es war wie ein Schock. Gewiss war sie nicht puritanisch erzogen worden. Auch hatte sie schon als Mädchen manche zweideutigen Bemerkungen Erwachsener anhören müssen. Doch derart gemeine, unverhohlene Worte hatte noch nie ein Mann zu ihr gesagt. Und dieser Kerl wagte es, sich über Tony lustig zu machen.

Norma hob den Feuerhaken. Mauriers Miene verfinsterte sich.

„Wage es nicht!“, zischte er böse. „Ich müsste dich sonst schlagen. Und das tue ich nicht gern, denn ich habe es lieber, wenn eine Frau gefügig ist.“

 

 

3

Das Erste, was Tony Anderson spürte, war ein unangenehmer Geschmack im Mund. Dann folgte ein fast unerträgliches Übelkeitsgefühl, und schließlich setzten die Schmerzen im Schädel ein.

Schleier tanzten feurig rot vor Tonys Augen, als er langsam zur Besinnung kam. Dann hörte er den Schrei. Es war Normas Stimme — voller Angst.

Schlagartig riss es ihn in die Wirklichkeit zurück. Trotz seiner Benommenheit kam er rasch auf die Beine. Noch torkelnd, erfasste er. was sich in seinem Haus abspielte. Der Bärtige hielt Normas rechten Unterarm mit brutalem Griff. Der Feuerhaken, den sie eben noch in der Hand gehalten hatte, fiel klirrend auf die Herdplatte. Norma wehrte sich verzweifelt gegen die Körperkraft des Mannes, doch er drängte sie zurück bis zur Wand.

„Tony!“, schrie die Frau, und das war ein Fehler, denn Maurier hatte noch nicht bemerkt, dass der Farmer zu sich gekommen war.

Anderson wollte um den Tisch herum, sich auf den Bärtigen stürzen. Doch Maurier warf den Kopf herum, erkannte die Gefahr und riss blitzschnell ein Messer aus dem Gürtel.

„Keinen Schritt weiter!“, rief er höhnisch. „Oder deine Frau wird höllische Schmerzen leiden!“

Tony Anderson hielt inne, wie von einer unsichtbaren Macht aufgehalten. Die ohnmächtige Wut hatte sein zerschundenes Gesicht gerötet. Plötzlich hörte er das Weinen des Kindes.

Tony war kaum noch fähig, seinen Zorn zu bezwingen. Er ballte die Fäuste, zitterte am ganzen Körper. Der Junge hatte den Angstschrei seiner Mutter gehört. Hatte die Tür geöffnet und musste etwas sehen, was er nicht begreifen konnte. Etwas, das ihm vielleicht für sein ganzes Leben böse Träume bescheren würde.

„Geh zurück, Farmer!“, befahl Maurier. „Setz dich auf einen Stuhl und verhalte dich ruhig! Nur dann werde ich deine Frau in Frieden lassen.“

Tony hatte keine andere Wahl. Zähneknirschend tat er, was der Bärtige verlangt hatte. Maurier stieß die Frau von sich. Norma eilte sofort zu dem Jungen, um ihn zu beruhigen. Das Schluchzen des Kindes verstummte augenblicklich.

Auch der Cajun war inzwischen wach geworden. Doch die Schmerzen, die mit unverminderter Heftigkeit in seinem Bein tobten, ließen ihn stumm bleiben. So beschränkte er sich darauf, den Farmer, der auf der anderen Seite des Tisches saß, mit feindseligen Blicken zu bedenken.

Maurier behielt das Messer in der Hand. Er war nahe genug bei Norma Anderson, um jeden Angriff ihres Mannes sofort zu verhindern.

Tony Anderson kämpfte einen schweren Kampf. Mit sich selbst und mit dem furchtbaren Dröhnen in seinem Kopf. Ein einziger dumpfer Schmerz schien sich auf seinen ganzen Körper auszudehnen. Doch körperliche Qualen allein hätte er leicht ertragen. Was ihn fast an den Rand des Wahnsinns brachte, war die Tatsache, dass er nicht das Geringste unternehmen konnte. dass er tatenlos zusehen musste, wie sich die Schmarotzer in seinem Haus breitmachten und seine Familie in höchste Gefahr brachten.

„Du solltest einsehen“, begann der Bärtige mit spöttischem Lächeln, „dass es besser ist, vernünftig zu sein. Du wirst es nicht schaffen, deinen Dickschädel durch die Wand zu rammen. Wir dagegen sind Verdruss gewohnt. Du machst es dir nur selbst schwer, wenn du nicht anfängst, dich mit deiner Lage abzufinden.“

Tony Anderson presste die Zähne zusammen, nagte auf der Unterlippe. Sein Stolz verbot es ihm noch, mit diesem Halunken zu reden. Also antwortete er nicht. Maurier gab sich indessen betont selbstsicher. Er hatte allen Grund, sich als Herr der Lage zu fühlen.

„Ich will dir reinen Wein einschenken, Farmer. Du sollst wissen, woran du bist. Dann wird es dir vielleicht leichter fallen, uns keine Schwierigkeiten zu machen.“

Tony blieb still. Er dachte nicht daran, Interesse zu zeigen. Dazu hatten ihn die Fremden viel zu sehr gedemütigt. Maurier betrachtete ihn lächelnd, blies lediglich die Luft durch die Nase. Dann sprach er weiter: „Meine Freunde und ich haben einen höllischen Ritt hinter uns, Farmer. Ja, ich will ruhig eingestehen, dass wir auf der Flucht sind. Leute, die etwas vom sogenannten Recht und Gesetz halten, nennen uns Banditen. Dann gibt es noch Männer, die aus einem anderen Grund hinter uns her sind. Solche, die uns unsere Beute abjagen wollen. Nun - es ist uns gelungen, die Meute vorerst abzuschütteln. Deshalb wollen wir uns ein wenig Ruhe gönnen, bis wir unseren Weg zur kanadischen Grenze fortsetzen.“

Tony Anderson knurrte verächtlich.

„Outlaws verdienen den Galgen. Nichts weiter.“ Es tat ihm im gleichen Moment leid, dass er überhaupt auf die Worte des Bärtigen reagiert hatte. Dieser registrierte es jedoch mit einem zufriedenen Nicken.

„Deine Meinung interessiert mich nicht, Farmer. Es wäre lediglich gut für uns beide, wenn wir ein Abkommen auf Gegenseitigkeit schließen würden. Vergiss nicht, dass ich dir damit entgegenkomme. Du hättest mein Wort, dass deiner Frau und dem Kind kein Haar gekrümmt wird. Vorausgesetzt, dass du dich während unseres Aufenthaltes nach meinen Anordnungen richtest.“

„Pah“, stieß Anderson hervor. „Das Wort eines Outlaws gilt für mich nicht.“

Maurier lachte nur.

„Ich sagte schon einmal, dass mich deine Meinung nicht interessiert. Wenn du nicht bereit bist, dich zu fügen, werden wir dich eben zwingen müssen. Und dazu benutzen wir deine Frau und den Kleinen. Ziemlich einfach für uns.“

Tony Anderson wollte aufbrausen. Doch der Bärtige brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

„Deine Farm ist für uns bestens geeignet. Das Land ringsherum ist flach wie ein Brett. Niemand kann sich heranschleichen, um uns zu überraschen. Deshalb haben wir uns für dein Haus entschieden. Etwas Besseres konnten wir nicht finden, um auszuruhen und uns auf den weiteren Ritt vorzubereiten.“

Tony konnte nur mitleidig den Kopf schütteln. Es reizte ihn auf einmal, diesem unverschämten Kerl Kontra zu geben. Und wenn es nur mit Worten war.

„Ich habe Nachbarn und auch Freunde in der Stadt“, entgegnete er. „Es vergeht kaum ein Tag, an dem mich nicht jemand besucht. Ihr werdet also nicht unentdeckt bleiben. Sheriff Pledge aus Miles City wird dann sehr schnell ein Aufgebot zusammenstellen und euch hinter Gitter bringen.“

„Du vergisst einiges“, widersprach Maurier ironisch. „Erstens tätest du gut daran, deinen Freunden nichts von unserer Anwesenheit zu erzählen. Aber selbst wenn du es tätest, würde der Sheriff sich bestimmt hüten, einzugreifen. Oder glaubst du, dass er die Verantwortung übernimmt, das Leben deiner Familie aufs Spiel zu setzen?“

Tony Anderson blickte resignierend zu Boden. Vielleicht lag es an dem Dröhnen in seinem Kopf, dass er nicht in der Lage war, seine Gedanken zu sortieren. Im Moment war da nur die erdrückende Gewissheit, dass die Banditen in jedem Fall die Oberhand behalten würden.

Die Worte des Bärtigen klangen einleuchtend. Und Tony kam zu der Überzeugung, dass er tatsächlich zurückstecken musste. Wenigstens zum Schein. Und nur vorübergehend. Auf diese Weise bekam er vermutlich eher eine Gelegenheit, es den Burschen heimzuzahlen. Dann, wenn sie am allerwenigsten damit rechneten. Umso zu verfahren, musste er seinen Stolz überwinden. Es fiel ihm höllisch schwer. Aber er schaffte es.

„Also gut“, murmelte er mit gesenktem Kopf, „Ich habe keine andere Wahl.“

„Sehr vernünftig!“, lobte ihn der andere. „Es zeigt mir, dass du doch noch Grips im Schädel hast. Du wirst also deine tägliche Arbeit verrichten, wie sonst auch. Und denke immer daran, dass mindestens einer von uns stets in der Nähe deiner Frau ist!“

„Daran werde ich denken!“, versicherte Tony grimmig. „Und ich werde es nie vergessen!“ Es klang wie eine Drohung, und das sollte es auch sein. Aber Maurier ging gelassen darüber hinweg.

Norma Anderson hatte das Kind beruhigt, und auf einen Befehl des Bärtigen setzte sie ihre Arbeit am Küchenherd fort. Wenig später rief Maurier seine beiden Gefährten herein. Charly, Durand und Zavalla hatten sich inzwischen umgesehen und festgestellt, dass der Wachtposten am besten auf dem Dach der Scheune Stellung beziehen sollte. Von dort oben hatte man einen noch besseren Ausblick, als es das flache Gelände ohnehin schon ermöglichte.

Nach dem Essen teilte Jean Maurier den Mischling Zavalla zur ersten Wache ein. Nur widerstrebend folgte Tony Anderson der Anordnung, seine Arbeit auf dem Feld wiederaufzunehmen. Während er den Rest des Baumstumpfes beseitigte, musste er ständig an Norma und den Jungen denken, die die Anwesenheit der drei Banditen im Haus ertragen mussten. Es war eine mächtige Belastung für Tony, sich zu fügen, und nur die Hoffnung, dass er auf diese Weise irgendwann eine Chance bekommen würde, half ihm, es durchzustehen.

Wider Erwarten kam an diesem Tag weder einer der Farmer aus der Umgebung noch jemand aus der Stadt, um die Andersons zu besuchen. Tony wusste nicht, ob er ärgerlich oder froh darüber sein sollte. Konnte er denn überhaupt von anderen auch nur die geringste Hilfe erwarten? War es nicht vielmehr so, dass alles von ihm abhing?“

Tonys Unruhe legte sich ein wenig, als er beim Abendessen aus Normas Blicken las, dass die Fremden sie nicht behelligt hatten. Während der Nacht verzichteten die Banditen auf die Wache auf dem Scheunendach.

Dafür zwangen sie Tony jedoch, bei ihnen im Wohnraum des Farmhauses zu übernachten. Einer von ihnen blieb wach. Sie wechselten sich ab, damit der Farmer nicht Gelegenheit bekam, sie im Schlaf zu überraschen.

Tony wusste zwar, dass Norma die Schlafraumtür hinter sich und dem Jungen verriegelt hatte, trotzdem bekam er in dieser Nacht kaum ein Auge zu. denn er rechnete jeden Moment damit, dass einer der skrupellosen Kerle sich nicht mehr zurückhalten konnte.

 

 

4

Tony Anderson richtete sich erschrocken auf, als er am frühen Morgen erwachte. Er hatte sich fest vorgenommen, wach zu bleiben, doch der Schlaf musste ihn übermannt haben.

Minutenlang blinzelte er schlaftrunken in das Sonnenlicht, das durch die Fenster hereinfiel. Dann begriff er jäh, dass er keinen bösen Traum gehabt hatte. Die unerwünschten Besucher der Anderson-Farm gehörten zur unabänderlichen Wirklichkeit. Ebenso wie die Tatsache, dass sich Norma und der Junge nach wie vor in Gefahr befanden.

Tony warf mit einem Ruck die Decke beiseite und richtete sich von seinem Schlafplatz am Fußboden auf. Sein Kopf war erstaunlich klar, und er spürte fast nichts mehr von den gemeinen Schlägen, die ihm die Fremden gestern versetzt hatten.

Tony erstarrte, als er in die Revolvermündung blickte. Der Cajun hockte bewegungslos auf einem Stuhl, ganz in der Nähe der Tür zum Schlafraum. Sein gesundes Bein hatte er angezogen, das verwundete lang ausgestreckt. Der Sechsschüsser lag völlig ruhig in der Rechten des Mannes mit dem indianerhaften Gesicht.

Maurier und die beiden anderen schliefen noch.

„Es würde mir mächtigen Spass machen“. sagte der Cajun kalt, „dich mit Blei vollzupumpen. Wenn ich es nicht tue, hast du es nur Maurier zu verdanken.“

„Dir drehe ich eines Tages den Hals um“, versicherte Tony Anderson grimmig. Und er sagte es nicht einfach so daher. Das Gesicht des Cajun verzerrte sich.

„Keine Dummheiten!“, zischte er. „Sonst könnte ich es mir anders überlegen.“

Tony erinnerte sich an die Taktik, die er sich zurechtgelegt hatte. Er sah ein, dass es im Moment besser war, den Mann nicht weiter zu reizen. So fragte er: „Kann ich hinaus, um mich am Brunnen zu waschen?“

Der Cajun nickte grinsend und zog eine silberne Taschenuhr hervor, die nicht zu seinem abgerissenen Äußeren passen wollte.

„Fünf Minuten, Farmer. Wenn du dann nicht zurück bist ...“ Den Rest sprach er nicht aus.

Aber Tony verstand auch so. Er stieg über die Schlafenden hinweg und atmete draußen die frische Luft des Morgens. Die Erde strömte einen herben Duft aus, der von den frischgepflügten Feldern der Anderson-Farm herrührte. Tony pumpte den Hauch der freien Natur tief in seine Lungen und ging zum Brunnen, wo er einen Eimer mit eiskaltem, klarem Wasser empor hievte.

Er entblößte seinen muskulösen Oberkörper und wusch sich. Nur noch einige verschorfte Platzwunden erinnerten an den ungleichen Kampf vom Vortag.

Als er ins Haus zurückkehrte, fühlte er sich frisch und ausgeruht, obwohl seine Nachtruhe nur unvollkommen gewesen war. Inzwischen waren auch Maurier, Durand und Zavalla aufgewacht.

Norma kam aus dem Schlafzimmer. Sie hatte sich bereits angekleidet. Tony warf ihr einen beruhigenden Blick zu. Er spürte, dass sie verstand, was er sagen wollte: Sei tapfer, halte durch! Wir werden es überstehen - wie alles, was wir bisher gemeinsam geschafft haben.

Er brachte es nicht fertig, in Gegenwart der Banditen tröstende Worte an seine Frau zu richten, denn er wollte nicht, dass sie dies zum Anlass nahmen, ihn zu verspotten. Er wusste zu gut, dass er sich in einem solchen Moment kaum noch hätte beherrschen können.

„Leider musst du auf das traute Beieinander mit deinem Eheweib verzichten, Farmer“, höhnte Maurier. „Aber es gehört nun einmal zu unseren Sicherheitsvorkehrungen, dass du nicht in ihre Nähe kommst.“

Maurier schickte den Mischling los, um einen Eimer Wasser hereinzuholen. Ihnen allen behagte es nicht, sich unter freiem Himmel, in der Kühle des Morgens, zu waschen.

Tony kam zu der Überzeugung, dass sie nicht zu jenen Männern des Westens gehörten, die an das entbehrungsreiche Leben in der Wildnis gewöhnt waren. Diese Burschen hatten offenbar das angenehme Dasein in einer größeren Stadt genossen. Es erschien Tony nützlich, dies zu wissen. Je genauer man einen Gegner kannte, so sagte er sich, desto eher konnte man ihn bekämpfen.

Er übernahm es, das Frühstück zu zubereiten, damit Norma sich um den Jungen kümmern konnte. Nachdem sie Kaffee und Schinken mit Eiern genossen hatten, besprachen Maurier und seine Gefährten den Ablauf des neuen Tages. Kein Wort fiel indessen darüber, wann sie die Farm verlassen wollten.

Charly Durand, der Mann mit dem bleichen Gesicht, übernahm die erste Wache auf dem Scheunendach. Maurier und Zavalla beaufsichtigten Norma Anderson dabei, wie sie den Wundverband des Cajun erneuerte. Der Bärtige genehmigte es, dass das Kind zum Spielen ins Freie durfte.

Tony bereitete sich auf seine Arbeit vor. Einen Moment verweilte er bei seinem Jungen und strich ihm über das Haar.

„Bleibe im Haus, Timmy! Du versprichst es mir, ja?“

Der Blondschopf sah seinen Vater aus großen Augen an.

„Warum dürfen die bösen Männer in unserem Haus sein, Daddy?“

„Weil man immer freundlich zu Fremden sein soll“, erwiderte Tony heiser, „und diese Männer haben einen langen Weg hinter sich. Sie wollen sich ausruhen und bald weiter reiten.“

Der Junge gab sich mit dieser Erklärung zufrieden. Es tat Tony Anderson weh, ihn nicht mit aufs Feld nehmen zu können, wie er es sonst oft tat.

Ein wildes Feuer brannte in ihm, als er Timmy zurückließ und den Pflug aus der Scheune holte. Dann legte er dem Pferd das Geschirr an und begann an der Stelle mit dem Pflügen, wo er gestern den letzten Baumstumpf beseitigt hatte. Es war nicht mehr als ein Steinwurf vom Haus entfernt.

Es beruhigte ihn ein wenig, dass er notfalls rasch zur Stelle sein konnte.

Die Sonne stieg am Himmel empor und tauchte das weite Land in gleißende Helligkeit. Die harte Arbeit tat Tony Anderson gut. Die körperliche Anstrengung half ihm, die seelischen Nöte zu ertragen. Seit einer Stunde ging er bereits hinter dem Pflug, als er im Südosten eine Bewegung am Horizont ausmachte. Er unterbrach seine Arbeit, bis er deutlich erkennen konnte, dass es ein von zwei Pferden gezogener Wagen war, der dort herannahte. Es konnte sich nur um den Wagen des General Store aus Miles City handeln. Und auf dem Kutschbock saß vermutlich Tom Mulligan, der Gehilfe des Geschäftsinhabers.

Tony Anderson war mit Mulligan gut befreundet, denn dieser stammte ebenfalls aus Wales, wo die schlechten Lebensbedingungen viele Menschen zur Auswanderung trieben.

Auch Charly Durant, der noch auf dem Scheunendach hockte, hatte inzwischen festgestellt, dass sich der Frachtwagen der Anderson-Farm näherte. Tony hörte, wie der Bleiche seine Gefährten herbeirief und ihnen seine Beobachtungen mitteilte.

Maurier kam mit langen Schritten zu Tony Anderson aufs Feld.

Der Wagen war noch knapp eine Meile entfernt.

„He, Farmer!“, rief der Bärtige. „Kennst du den Kutscher, der dort kommt?“

Details

Seiten
115
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929423
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v490900
Schlagworte
stier montana

Autor

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Titel: Der Stier von Montana