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Die Raumflotte von Axarabor - Band 91 - Die Kolonie in der Schleife

2019 74 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Kolonie in der Schleife

Copyright

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Die Kolonie in der Schleife

Die Raumflotte von Axarabor - Band 91

von Wilfried A. Hary

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 74 Taschenbuchseiten.

 

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Ein experimentelles Siedlerschiff wird auf eine fremde Welt geschickt, um dort eine eigenständige Kolonie zu gründen. Als Gregor Hansen loszieht mit seinem Sohn die neue Heimat zu erkunden, vermag er sich nicht vorzustellen, was er entdecken wird...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER 123rf 3000AD Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Das Siedlerschiff EXPANSION war eine Besonderheit. In jeglicher Hinsicht, also nicht nur auf Grund seiner schieren Größe, die für die Zeit seiner Entstehung jegliche Dimensionen sprengte.

Die größte Besonderheit war das neue Konzept der Expansionseinheiten. Immerhin fünfhundert dieser Art, mit der man tatsächlich eine fremde Welt erobern konnte, im wahrsten Sinne des Wortes.

Das alles diente zunächst einmal nur der Erprobung, blieb also auf die EXPANSION begrenzt. Immerhin: Um ein so riesiges Schiff mit ganzen fünfhundert ausgewachsenen Expansionseinheiten, jede einzelne davon voll flugfähig wie ein Beiboot, mit einer Reichweite auch über die Grenzen eines Sonnensystems hinaus, überhaupt über eine Distanz von einigen tausend Lichtjahren bringen zu können, bedurfte es ganz besonderer Maßnahmen.

Eine davon war, dass man ein vorhandenes Wurmloch benutzen musste. Dadurch konnte das Schiff ohne vollwertigen Überlichtantrieb auskommen. Es musste nur beschleunigt werden bis zur Mindestgeschwindigkeit von dreiviertel der Lichtgeschwindigkeit, um das Wurmloch zu erreichen. Dann musste es natürlich robust genug sein, um den Sprung durch das Wurmloch auch wirklich unbeschadet überstehen zu können.

Laut Berechnungen würde dieser Sprung nur wenige Stunden in Anspruch nehmen. Vielleicht sogar nur Minuten? Niemand konnte das wirklich berechnen. Man musste sich mit Annäherungswerten zufrieden geben. Und sobald das Wurmloch das Schiff am Ende wieder ausspie, einige tausend Lichtjahre vom Startpunkt entfernt, musste der Flug zur Zielwelt in Unterlichtgeschwindigkeit fortgesetzt werden.

Ein Teil der Zeit würde beansprucht werden auf Grund der Beschleunigung einer solch enormen Masse von Schiff, um das Wurmloch überhaupt zu erreichen. Da musste man immerhin mindestens vierzig Jahre veranschlagen.

Ungefähr genauso viel Zeit würde der Zielflug nach dem Sprung durch das Wurmloch beanspruchen. Also musste vom Erststart aus gesehen eine Zeitspanne von fünfundachtzig Jahren berücksichtigt werden. Jede Expansionseinheit war für eine komplette fünfköpfige Familie vorgesehen, was insgesamt immerhin zweitausendfünfhundert Siedler bedeutete.

Es wurden für die Besiedlung von vornherein ausschließlich fünfköpfige Familien berücksichtigt. Alle Familienmitglieder mussten zudem die erforderlichen Tests bestanden haben. Wenn nur ein Familienmitglied dabei versagte, wurde die ganze Familie für den Flug gestrichen.

Damit die fünfhundert Familien den Flug überhaupt überstehen konnten, ohne unterwegs zu verhungern und zu verdursten, war es nötig, sie in Kryoschlaf zu versetzen. Dafür wurde ein zentraler Teil des Schiffes EXPANSION benötigt. Immerhin handelte es sich ja nicht nur um zweitausendfünfhundert Siedler, sondern auch die Besatzung musste in den Kryoschlaf versetzt werden. Eine Besatzung, die genau zweihundert Mitglieder umfasste.

Das Konzept war letztlich ganz klar strukturiert: Es mussten immer fünf Besatzungsmitglieder wach bleiben in der Anfangsphase. Jedes Team hatte eine Arbeitszeit von drei Monaten. Nach den ersten fünf Jahren flog das Schiff selbstständig weiter, nur noch von der KI gesteuert.

Bei der geringsten Störung musste ein Notfallteam geweckt werden. Nach weiteren fünf Jahren wurde dieses Notfallteam auch dann geweckt, wenn es keinerlei Störanzeige gab. Es hatte dann ein weiteres Vierteljahr Zeit, das Schiff eingehend zu überprüfen und eventuell anfallende Reparaturen einzuleiten und natürlich den ungestörten Kryoschlaf aller anderer weiterhin zu gewährleisten. Niemand durfte dadurch bis zum Ziel Schaden erleiden.

Die nächste Weckaktion, wobei fünf Teams gleichzeitig geweckt werden mussten, erfolgte vor Eintritt in das Wurmloch, bis zum Austritt aus diesem und dem genauen Festlegen der weiteren Flugroute.

Auf diese Weise vergingen an Bord ganz genau zweiundfünfzig Jahre, drei Stunden, vierundzwanzig Minuten und dreiundvierzig Sekunden, bis das Signal von der KI kam: Zielpunkt erreicht!

Hier musste die gesamte Besatzung geweckt werden, um das riesige Siedlerschiff in den Orbit um den gewünschten Planeten in der habitablen Zone vom Zielsystem mit dem vorläufigen Namen EXPANSIONSWELT einschwenken zu lassen. Dann erst wurden die ersten Siedler geweckt, vom Los entschieden, die dann an Bord ihrer Expansionseinheiten in dem von den Scouts gekennzeichneten Gebieten landeten. Wo genau, würde dann ihnen überlassen bleiben.

Hier erst griff die letzte Besonderheit: Jede Expansionseinheit wurde zum neuen Zuhause der zugeteilten Siedlerfamilie. So hatten sie von vornherein ein sicheres Dach über dem Kopf.

Ein Grundstück von der Größe immerhin einer herkömmlichen Siedlung wurde klar abgesteckt und gegen unerwünschte Eindringlinge gesichert. Das war durchaus nötig hier auf EXPANSIONSWELT, denn die Natur befand sich in einer Art Urzustand. Das hieß, es gab durchaus ernst zu nehmende Saurier, die möglicherweise mit der Besiedlung nicht einverstanden sein würden.

Jedenfalls hatte am Ende jede einzelne Expansionseinheit ein eigenes Land zu bewirtschaften, wobei die Expansionseinheit das jeweilige Zentrum bildete. Alle Einheiten standen ständig miteinander in Verbindung. Es gab unbegrenzte Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb des weiten Verbundes von fünfhundert Einheiten. Gleiter gehörten zu jeder Einheit natürlich dazu und selbstverständlich gepanzert, um unbeschadet die weitere Umgebung erkunden zu können.

Diejenigen, die für das Gesamtkonzept dieses Experimentes verantwortlich zeichneten, waren hellauf begeistert davon, lange vor der Vollendung. Was einige der Siedler allerdings von vornherein weniger begeisterte, waren die Bezeichnungen des Systems und ihres neuen Heimatplaneten: EXPANSIONSWELT? Wieso war den Konzeptionisten da nichts Originelleres eingefallen?

Die Mehrheit der künftigen Siedler wusste schon vor dem über fünfzig Jahre währenden Kryoschlaf, dass sie das Versäumte nachholen würden: Sobald sie auf der neuen Welt einmal Fuß gefasst hatten – und das im wahrsten Sinne des Wortes -, würden sie sich einen eigenen Namen ausdenken, der sicherlich origineller ausfallen würde. Da war man jetzt schon zuversichtlich.

Gregor Hansen, im alten Leben militärischer Berater innerhalb der Raumflotte von Axarabor, dachte bei seinem Erwachen aus dem langen Kryoschlaf tatsächlich zunächst nur daran. Erst dann kam ihm in den Sinn, sich um seine Familie zu kümmern. Immerhin hatte er Frau und drei Kinder, davon zwei Mädchen im Alter von sechzehn und vierzehn Jahren. Sie würden sicherlich seinen Beistand benötigen, genauso wie sein zehnjähriger Sohn.

 

 

2

Die Expansionseinheiten verließen das Schiff, nacheinander, genau nach Plan. Über die vernetzten Bord-KIs war es kein Problem, alle Einheiten so zu platzieren, dass die Siedler zufrieden mit dem zugeteilten Land waren und sich trotzdem niemals gegenseitig ins Gehege kamen. Dadurch entstanden zwar teilweise große Lücken zwischen den einzelnen Besiedlungsbereichen, mit jeweils einer Expansionseinheit im Zentrum, aber man hatte ja einen kompletten Planeten zur Verfügung, also würde das wohl kaum jemals zum Problem werden können.

Überhaupt war dieses Konzept der weiter verwendbaren Expansionseinheiten nicht für alle Zeiten gedacht, sondern lediglich so lange, bis die Siedler im wahrsten Sinne des Wortes ihre neue Welt in Besitz genommen hatten. Es war ihnen überlassen, wie es danach weitergehen würde.

Man musste ja auch berücksichtigen, dass in jeder Expansionseinheit eine ganze Familie steckte. Die drei Kinder würden sich irgendwann fortpflanzen, selber zu Eltern werden und sicherlich weiteres Land für sich beanspruchen. Ohne Expansionseinheit wohlgemerkt. Also konnte dieses Konzept nur für die ersten Jahre taugen.

Der eigentliche Vorteil von alledem war natürlich, dass die neuen Siedler es nicht nötig hatten, erst mühsam eine neue Siedlung auf dieser fremden Welt aufzubauen. Außerdem war jede einzelne Familie von vornherein autark und konnte sich komplett selbst versorgen.

Und noch etwas fiel dabei weg: Das Siedlerschiff wurde nicht, wie so oft, für den Aufbau der Siedlung benötigt, wurde also nicht komplett ausgeschlachtet, sondern konnte leer wieder zurückfliegen. Genau das geschah auch. Keiner der zweihundert Männer und Frauen der Besatzung hatte Interesse daran, sich auf der neuen Welt niederzulassen als Siedler. Sie waren eigentlich alle heilfroh, wieder die Heimreise antreten zu dürfen. Zumal diese ungefähr genauso lange dauern würde wie die Herreise, so dass sie insgesamt rund einhundert und siebzig Jahre nach ihrem Erststart zurückkommen würden. Für sie selber würden dann immerhin rund einhundert und zehn Jahre vergangen sein, die sie größtenteils im Kryoschlaf verbracht hatten.

Alles verlief so, wie geplant. Es gab keinerlei Störung. Also konnten die Heimkehrer irgendwann Vollzug melden. Das ganze Experiment schien ein voller Erfolg zu sein.

Und wieso wurde dieses Konzept später trotzdem nicht mehr angewendet?

Zum einen wohl, weil die Reisezeiten lang waren. Bis die Siedler das Geld zurückzahlen konnten, das ihre Übersiedlung letztlich gekostet hatte, würde einfach zu viel Zeit vergehen. Zumal dieses Konzept sogar teurer war als herkömmliche Konzepte, wie sie sich längst schon vorher durchgesetzt hatten.

Die Siedler selbst von EXPANSIONSWELT kratzte das allerdings nicht mehr. Sie eroberten ihre neue Welt, zumindest innerhalb der in Besitz benommenen Bereiche. Das nahm sie voll und ganz in Anspruch. Dass sie irgendwann einmal zur Kasse gebeten werden würden von der Gemeinschaft des Sternenreiches, das verschoben sie in weite Zukunft.

Genauso wie Gregor Hansen mit seiner Familie. Die Kinder David, zehn Jahre alt, Cora, vierzehn Jahre alt, und Sybille, sechzehn Jahre alt, waren daran sowieso desinteressiert, obwohl nach Lage der Dinge sie es sein würden, von denen das Imperium dereinst zur Kasse gebeten werden würde.

Genau genommen war ja Ellie Hansen, ihre Mutter, das Familienoberhaupt, allerdings nur inoffiziell. Sie hatte jedenfalls dafür gesorgt, dass die Familie ein Team geworden war, in dem jeder seinen passenden Platz inne hatte. Alle waren schon lange vor der Abreise in die neue Heimat optimal vorbereitet worden auf ihre Rolle als neue Siedler auf einem fremden Planeten, über den man nicht mehr wusste als das, was die ersten Untersuchungen der Scouts ergeben hatten, die als Entdecker dieser Welt in die Geschichte eingegangen waren. Obwohl die meisten Siedler noch nicht einmal ihre Namen behalten hatten.

Als Gregor Hansen die Expansionseinheit verließ, die ihn her gebracht hatte, konnte er das Ergebnis der sogenannten Expansion bewundern: Alles war von der KI vollautomatisch gesteuert worden. Die Einheit hatte Ausleger ausfahren lassen. Landwirtschaftliche Kleinroboter hatten bereits die Aufbereitung des Bodens abgeschlossen und mit der Anpflanzung aller mitgebrachter Setzlinge und auch dem Ausbringen von Saatgut begonnen, natürlich mit entsprechenden Bodenproben verknüpft, die im vollautomatischen Labor überprüft worden waren, damit die Anpflanzung optimiert werden konnte…

Der Mensch selber durfte sich zunächst als Zaungast betätigen, musste also in die Abläufe nicht unbedingt eingreifen. Es sei denn, er wollte das.

Gregor Hansen jedoch hütete sich davor. Er als militärischer Berater hatte eigentlich von Landwirtschaft keine Ahnung. Außer dem, was er hatte lernen müssen, um den Tauglichkeitstest als potenzieller Siedler bestehen zu können. Dabei hatte man sich jedoch rein auf die Theorie beschränkt, und eigentlich war die ganze Familie außerstande, mit eigenen Händen Landwirtschaft zu betreiben. Es war den Ausbildern wichtiger erschienen, sie darauf vorzubereiten, eventuelle Reparaturen zu überwachen, die dann von speziell dafür gebauten Reparaturbots durchgeführt werden konnten.

Er sah zum Horizont. Die gelbe Sonne mit einem leicht rötlichen Stich war gerade erst aufgegangen. Der Tag dauerte hier nur zwanzig Stunden. Auch die Jahreszeiten waren kürzer als auf der Welt gewohnt, auf der sie gestartet waren und die eine starke Ähnlichkeit gehabt hatte mit Axarabor. Hier war alles ein wenig anders. Auch die Natur.

„Was sagen denn eigentlich die Ergebnisse von der Bodenuntersuchung?“, fragte er scheinbar ins Leere hinein.

Die KI an Bord der Expansionseinheit, die mindestens für die nächsten Jahre sein Zuhause war, antwortete prompt:

„Der Boden ist sehr fruchtbar, wie erwartet.“

„Insofern haben wir ja mit der Landauswahl Glück gehabt“, meinte Gregor dazu.

„Sicherlich ist das meiste Land hier ungewöhnlich fruchtbar“, belehrte ihn die KI prompt, „wie die Untersuchungsergebnisse der Scouts bereits vermuten ließen. Und wenn nicht, wäre es kein Problem, den Boden künstlich fruchtbarer zu machen.“

„Ja, ich weiß!“, behauptete Gregor Hansen seufzend.

Da hörte er ein Geräusch hinter sich: Sein Sohn David verließ gerade die Einheit. Er kam die fünf Stufen herab, die hoch zur geöffneten Außenschleuse führten.

Die Expansionseinheit sah jetzt aus wie ein ziemlich futuristisch gebautes großes Haus. Aber Gregor Hansen wusste, dass man das auch rückgängig machen konnte. Falls es wider Erwarten Probleme geben würde in dem Gebiet, das man in Anspruch genommen hatte, konnte man wieder die Einheit flugfähig machen und einen Standortwechsel vornehmen.

Zwar waren auf dieser Welt fünfhundert Expansionseinheiten insgesamt nieder gegangen, aber was war das schon, wenn man den Platz einer ganzen Planetenoberfläche zur Verfügung hatte? Selbst Millionen von Expansionseinheiten hätten hier niedergehen können, ohne sich jemals gegenseitig ins Gehege zu kommen.

Gregor Hansen sah in die Richtung, in der die Sonne untergehen würde, also gen Osten. Aber egal, in welche Richtung er seinen Blick richtete: Er konnte mit unbewaffnetem Auge gar keine der nächstgelegenen Expansionseinheiten sehen. Wenn sie sich gegenseitig besuchen wollten, dann benötigten sie ihre mitgeführten Gleiterfahrzeuge. Zu Fuß würde es zu mühsam und zeitraubend werden.

Der zehnjährige David zupfte an seinem Rockzipfel.

Gregor Hansen wandte sich ihm zu.

„Mir ist langweilig!“, beklagte sich David.

Gregor Hansen verzog das Gesicht. Er wusste gar nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er war schließlich Militärberater und hatte nie gelernt, mit Kindern umzugehen. Noch nicht einmal mit seinen eigenen. Wieso wandte sich David denn nicht an seine Frau Ellie, die darin jahrelange Erfahrung hatte?

Ihre Blicke begegneten sich, und da wurde ihm schlagartig bewusst, wie sehr und vor allem wie unwiderruflich sich alles geändert hatte. Nicht nur für ihn, sondern für die ganze Familie. All die Jahre war er mit seinem Job beschäftigt gewesen. Seine Familie war sozusagen nebenbei mitgelaufen. Ellie hatte sich ja gekümmert. Und jetzt war er voll integriert in die Familie. Rund um die Uhr. Da gab es keinen Job mehr, der ihn anderweitig in Anspruch nahm und notfalls auch mal als Ausrede herhalten konnte.

Hatten sie das wirklich ausreichend durchdacht, was dies alles für sie bedeuten würde?

Die Kinder waren ja kaum gefragt worden. Auch sie hatten schließlich alles aufgeben müssen, was bisher gewesen war. Ihre Freunde, die gewohnte Umgebung…

Bei Setna, dachte er bestürzt, und inzwischen sind für die Zurückgelassenen über achtzig Jahre vergangen. Die meisten werden sowieso gar nicht mehr leben. Selbst wenn wir dorthin zurückgekehrt wären mit dem Siedlerschiff, das sich inzwischen auf den Weg gemacht hat… Nichts würden wir so antreffen, wie wir es verlassen haben.

Er strich mehr unbewusst seinem zehnjährigen Sohn über den Kopf und hörte sich murmeln:

„Ich langweile mich auch!“

Denn das war die unbeschönigte Wahrheit. Sie hatten hier ein relativ großes Gebiet in Beschlag genommen, doch eigentlich hatten sie nichts zu tun. Seine Kenntnisse und Fertigkeiten als militärischer Berater waren hier und heute null und nichtig geworden, und so alt war er noch nicht, dass ihm das nichts ausgemacht hätte. Die Zeit, die er im Kryoschlaf verbracht hatte, konnte man ja nicht rechnen.

„Ja, ich mich auch!“, betonte er.

David sah ihn überrascht an. Er gewahrte es erst, als ihre Blicke sich wieder begegneten.

 

 

3

Ellie rief von der offenen Schleuse her, die nun ihr Hauseingang war:

„Kommt ihr beiden? Essen ist fertig!“

Sie wandten sich ihr zu.

Ellie strahlte über das ganze Gesicht.

„Ich habe selber gekocht!“, verkündete sie fröhlich.

Gregor und sein zehnjähriger Sohn warfen sich einen bedeutsamen Blick zu. Dann tat Gregor ganz so, als würde er sich jetzt auf das Essen ganz besonders freuen, obwohl er überhaupt keinen Appetit verspürte.

Die Tatsache, die ihm jetzt erst mit aller Härte bewusst geworden war und die sich nicht mehr länger leugnen ließ, geschweige denn, dass man auch nur das Geringste daran noch ändern konnte, lag ihm schwer auf dem Magen:

„Dies alles ist für immer und ewig! Zumindest bis zu meinem unabwendbaren Lebensende irgendwann. Jeder Tag wird ablaufen wie vorbestimmt. Alles Bisherige ist für immer verloren!“

Er wusste im Nachhinein nicht mehr, ob er das wirklich nur gedacht oder sogar laut ausgesprochen hatte. Wenn er den erschrockenen Gesichtsausdruck seines Sohnes berücksichtigte, dann hatte er es zumindest vor sich hin gemurmelt.

Nur Ellie hatte es nicht mehr mitbekommen, weil sie sich abgewandt hatte.

Vater und Sohn stiegen Hand in Hand in ihr Haus hinein, das vor nicht allzu langer Zeit immerhin die Strecke vom Mutterschiff bis hierher geflogen war, was man ihm jetzt irgendwie nicht mehr ansehen konnte.

 

 

4

Die Familie rund um den Esszimmertisch. Eine Idylle. Eigentlich. Gregor Hansen lächelte dazu, aber es war ein aufgesetztes Lächeln. Gut, dass die Familie nicht seine pessimistischen Gedanken lesen konnte.

Er erinnerte sich daran, wie es zu allem gekommen war: Seine Ellie. Er sah sie an, lächelte stärker. Sie lächelte zurück. Die schlanke, blonde Ellie. Als er sie kennengelernt, als er zum ersten Mal dieses überwältigende Gefühl in seiner Brust gespürt hatte… Das war Liebe. Davon war er bis heute überzeugt. Und obwohl einige Jahre seitdem vergangen waren, hielt er sie immer noch für eine Schönheit. Sie war einfach nur reifer geworden.

Eigentlich war sie ein fröhlicher Mensch, immer zu Scherzen aufgelegt, immer bemüht, in allem das Positive zu sehen. Im Gegensatz zu ihm. Er war nicht umsonst militärischer Berater geworden. Ein Stratege durch und durch. Da konnte man sich keine Fröhlichkeit leisten.

Ellie war immer und überall beliebt gewesen, obwohl sie eine ziemlich dominante Persönlichkeit hatte und ihre Entscheidungen durchaus resolut durchzusetzen vermochte. Es war letztlich ja sowieso ihre Idee gewesen, sich dem Siedlerprogramm anzuschließen. Hatte er eigentlich jemals die Wahl gehabt, sich anders zu entscheiden?

Genauer betrachtet: Nein! Aber es hatte ihm nichts ausgemacht. Die ganze Zeit über nicht. Er hatte sich die Schwärmereien Ellies angehört, genauso wie die Kinder. Er hatte sich davon mitreißen lassen – eben genauso wie die Kinder. Keiner hatte sich bewusst dafür entschieden. Sie hatten sich der Entscheidung Ellies im Grunde genommen nur gebeugt.

Sein Blick ging zu David hin. Der Zehnjährige hatte noch nicht so ganz begriffen, in was sie sich hier eingelassen hatten. Er war erst zehn Jahre alt, und die Tests, die natürlich mit einem entsprechenden Training und noch mehr theoretischer Ausbildung verbunden gewesen waren, hatten ihm keine Zeit zum Nachdenken gelassen.

Cora, die Vierzehnjährige. Mitten in der Pubertät. Sie wirkte irgendwie verbittert, aber wirkten nicht die meisten Teenager so, wenn sie sich nicht gerade unter Ihresgleichen befanden? Es war nicht klar, was sie über alles dachte. Bis jetzt hatte sie sich noch nicht offen beklagt. Eigentlich hatte das nur David getan, indem er sich darüber beschwert hatte, sich zu langweilen.

Sein Blick fiel auf Sybille. Die Sechzehnjährige war nicht so schlank wie Cora oder ihre Mutter. Sie war schon immer ein wenig mollig gewesen, aber das passte zu ihr. Niemand konnte sich vorstellen, dass Sybille anders hätte aussehen sollen. Eine hübsche Mollige, die natürlich altersgemäß in erster Linie Interesse an irgendwelchen Jungs hatte.

Gab es hier überhaupt Jungs?

Natürlich, denn bei immerhin insgesamt zweieinhalb tausend Siedlern war sicherlich der eine oder andere mit dabei, an dem sie verstärkt Interesse gehabt hätte – und sicherlich auch umgekehrt. Dafür durften sie sich jedoch nicht allzu sehr abkapseln von allen anderen. Bis jetzt hatten sie noch keinen anderen Siedler zu Gesicht bekommen, seit sie die Expansionseinheit betreten hatten, die nun ihr Zuhause geworden war.

Endlich setzte sich auch Ellie an den Tisch. Sie war mit allem zufrieden und wünschte ihrer Familie einen guten Appetit.

Wenigstens einer in der Runde, der glücklich und zufrieden ist!, dachte Gregor ketzerisch und griff stumm nach dem Essbesteck.

 

 

5

„Die Schmittgens haben uns eingeladen“, verkündete Ellie nach dem Essen, noch bevor sie mit dem Abräumen begonnen hatte.

Nur Sybille zeigte Interesse. Gregor erinnerte sich: Hatten die Schmittgens nicht einen achtzehnjährigen Sohn? Mit seinen achtzehn Lebensjahren war er hart an der Altersgrenze gewesen. Ein viertel Jahr älter und die Familie der Schmittgens wäre keine Familie mehr nach vorgeschriebenem Muster gewesen.

Scheiße, fuhr es ihm durch den Kopf: Pech gehabt, dass wir haargenau in dieses Muster gepasst haben.

Und: Ich habe meinen gut dotierten Job aufgegeben, nur um hier für den Rest meiner Tage zu versauern. Der Familie zuliebe. Nein: Ellie zuliebe.

Er liebte sie. Nicht weniger als am ersten Tag. Eher mehr. Und wenn Ellie Bock darauf hatte, sich am Siedlerprogramm zu beteiligen, wie hätte er da auch nur in Erwägung ziehen können, nein zu sagen?

Er schüttelte den Kopf, wie um einen Alpdruck los zu werden.

„Für wann?“, fragte er.

„Für morgen!“, erläuterte Ellie strahlend. „Zum Mittagessen.“

„Wir alle?“

„Aber natürlich, Schatz, was denkst du denn? Soll ich etwa allein hin gehen oder nur die Kinder mitnehmen? Und du? Willst du allein hier zurückbleiben, um die Stellung zu halten? Nein, Schatz, ich denke schon, es ist Zeit, dass wir untereinander persönlichen Kontakt aufnehmen.“

„Haben wir doch schon. Jede Expansionseinheit hängt am Netzwerk, jederzeit, ohne die geringste Unterbrechung. Wir sind eine unverbrüchliche Gemeinschaft.“

„Aber doch nicht persönlich, Dummerchen!“, tadelte Ellie ihn gutmütig. „Auge in Auge ist besser, wenn du verstehst, was ich meine.“

Er zuckte gleichmütig die Achseln.

„Na gut, wieso eigentlich nicht? Aber wir sollten uns allmählich überlegen, wie wir überhaupt an die Sache herangehen sollen.“

„An welche Sache?“, wunderte sich Ellie.

„Na, ich meine, wir sitzen hier eigentlich nur dumm herum.“

„Das stimmt nicht, Gregor: Die Kinder haben ihre individuellen Schulungsprogramme. Bildung ist nach wie vor wichtig.“

„Wofür?“, wunderte sich jetzt Gregor. „Um am Ende besser beobachten zu können, wie die Maschinen alle Arbeit erledigen? Alles, was man wissen und können muss, wissen und können wir bereits. Das war die Voraussetzung gewesen, um überhaupt hierher kommen zu dürfen.“

„Muss ich dir das jetzt wirklich erklären, dass wir auch in Zukunft unsere Kultur hoch halten müssen? Damit wir nicht in einen Zustand der Primitivität zurück fallen?“, regte sich auf einmal Ellie auf.

Die Kinder duckten sich unwillkürlich. Sie wagten nicht, sich an dem Gespräch zu beteiligen.

Fürchteten sie den ersten Familienstreit seit der Landung?

Nein, kein Streit!, nahm Gregor sich vor. Ellie hatte hier das Sagen. Es war im Grunde genommen ihr Team, die ganze Familie. Er war nur so eine Art Mitläufer geworden im Laufe der Jahre. Wann immer er die Zeit aufgebracht hatte, um daheim zu sein, und das war insgesamt gesehen nicht gerade viel Zeit gewesen, wenn er ehrlich war.

Er beschwichtigte sie mit erhobenen Händen.

„Du hast mich missverstanden, Ellie“, behauptete er. „Ich habe mir nur gedacht: Wir haben den Gleiter, ohne ihn bis jetzt richtig benutzt zu haben. Damit sollten wir einen kleinen Trupp bilden, der die Umgebung erkundet.“

„Umgebung erkunden?“, echote sie nachdenklich. Dann nickte sie. „Du meinst, du willst einfach mal in der Gegend herumfahren, um unsere neue Welt genauer in Augenschein zu nehmen?“

„Genau das meine ich!“, bestätigte er erleichtert.

Prompt strahlte Ellie wieder:

„Aber wieso hast du das denn nicht gleich gesagt, Schatz? Aber du willst das doch nicht etwa allein machen?“

Details

Seiten
74
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929393
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v490897
Schlagworte
raumflotte axarabor band kolonie schleife

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor -  Band 91 - Die Kolonie in der Schleife