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Heißes Herz und kalte Füße

2019 79 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Heißes Herz und kalte Füße

Copyright

Wie zähmt man einen Hausdrachen?

Liebe kommt oft unverhofft

Heißes Herz und kalte Füße

Kehre um, kleine Sonja

Liebe geht nicht durch den Magen

Heißes Herz und kalte Füße

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 79 Taschenbuchseiten.

 

– Tante Käthe ist ständig am Meckern. Das nervt die ganze Familie. Man müsste sie verheiraten. Wenn die Tante nur nicht so wählerisch wäre …

– Während ihres Kuraufenthalts lernt Anke den wesentlich jüngeren Rainer kennen, der sich in sie verliebt. Er ist viel aufmerksamer als ihr gleichgültiger Albert zu Hause, den sie aus gutem Grund verdächtigt, sie zu betrügen. Hat sie dann nicht auch das Recht auf etwas Zärtlichkeit?

– Margits Heizung streikt, aber der gerufene Installateur interessiert sich viel mehr für seine Auftraggeberin als für das technische Problem. Wenn er nur nicht so nett wäre!

– Für Sonja ist es die große Liebe. Leider zeigt ihr angebeteter Lehrer kein privates Interesse an ihr. Als ihr dann auch noch ausgerechnet die Frau, von der sie es am wenigstens erwartet hätte, diesen Traummann wegnimmt, meldet sich ihr Trotz …

– Sabine ist rasend in Norbert verliebt, doch für ihn ist sie nur eine dicke Hummel. Es muss etwas geschehen. Diät ist angesagt. Doch die Wirkung ist mäßig. Und ihr Kreislauf nimmt das Hungern auch übel. Nur Norbert reagiert nicht …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E–Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder–Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Wie zähmt man einen Hausdrachen?

Lutz Häusing stürzte ans geöffnete Fenster und knallte es zu. „O Mann!“, stöhnte er. „Wer soll bei diesem Lärm in die Geheimnisse von quadratischen Gleichungen eindringen? Das gibt morgen bestimmt einen glatten Fünfer.“

Seine 17-jährige Schwester Marion, die sich gerade seinen Kopfhörer für ihren CD-Player ausleihen wollte, hob die Schultern. „Wenn’s um ihre geliebten Blumen geht, versteht Mutti eben keinen Spaß. Tante Käthe hat sämtliche Tulpenzwiebeln aus dem Beet geholt, weil sie den Anbau von Mohrrüben und Suppengrün nützlicher findet.“

Der um zwei Jahre Jüngere verdrehte die Augen. „In unserem Garten wachsen doch ohnehin schon fast nur noch Petersilie und Schnittlauch.“

„Und Kartoffeln“, ergänzte Marion und ahmte die etwas kurzatmige Stimme der Tante nach: „Ich habe noch die schlechten Zeiten nach dem Krieg erlebt, liebes Kind. Wer seine eigenen Kartoffeln anbaut, kann nie verhungern.“

Lutz lachte nur kurz. „Wenn’s wenigstens nur der Garten wäre, aber sie mischt sich in alles ein. Vorgestern hat sie doch glatt den Fernseher ausgeschaltet, als gerade der Krimi lief. Dafür sei ich noch zu jung. Es gäbe so hübsche Tierfilme.“

„Dabei hat sie von Tieren keine Ahnung. Wenn es nach ihr ginge, würde Mohrli ausschließlich Milch bekommen, damit er Mäuse fängt. Ob alle Menschen zu spinnen anfangen, wenn sie auf die fünfzig zugehen?“

„Nur Frauen“, war Lutz sicher und wandte sich wieder seinen Hausaufgaben zu.

Marion zog sich gekränkt zurück. Mit Jungen konnte man eben nicht vernünftig reden. Schon gar nicht mit Brüdern.

In ihrem Zimmer legte sie eine CD von Michael Jackson auf. Ein Geschenk von Rolf. Den hatte Tante Käthe mit ihrem Gerede über die frühreife, verantwortungslose Jugend von heute vergrault. Marion traute sich schon gar nicht mehr, einen Freund ins Haus zu bringen.

Im Erdgeschoss knallten Türen. Dann zog Stille durch das Haus. Trügerische Stille, denn schon bald würde sich Tante Käthe mit einem anderen Mitglied der Familie anlegen. Dessen war Marion ganz sicher.

„Sie ist der reinste Tyrann“, klagte sie später, als sie ihrer Mutter beim Wäscheaufhängen half.

„Aus ihrer Sicht meint sie es nur gut“, lenkte Barbara Häusing, eine aparte Frau von vierzig Jahren, der das Leben seit dem Tod ihres Mannes nichts schenkte, ein. „Tante Käthe besitzt auch ihre guten Seiten.“

„Sie sollte sie nur öfter zeigen. Sei doch mal ehrlich, Mutti, wir lassen uns viel zu viel von ihr gefallen. Seit Vati tot ist, glaubt sie, seine Stelle einnehmen zu müssen. Ständig findet sie einen Grund, um an Lutz und mir herumzuerziehen. Wir müssen ausbaden, dass sie keine eigenen Kinder hat. Sie hätte ja nur zu heiraten brauchen, aber der arme Mann wäre zu bedauern.“

Barbara antwortete nicht, sie war es leid, dieses Thema zum hundertsten Mal zu diskutieren. Ein für alle Beteiligten annehmbares Ergebnis kam ja doch nie heraus.

Marion starrte den Kopfkissenbezug an, den sie gerade festgeklammert hatte, als sähe sie in ihm das Minikleid eines Gespenstes.

„Das ist die Lösung“, murmelte sie vor sich hin. „Tante Käthe muss heiraten.“

„Sei nicht albern“, tadelte ihre Mutter. Ein Schmunzeln glitt bei der Vorstellung, ihre Schwägerin in Kranz und Schleier zu sehen, über ihre Lippen. „In ihrem Alter!“

„Warum? Sie sieht doch noch ganz passabel aus“, fand die Siebzehnjährige und nahm sich vor, Lutz für diese Idee zu begeistern.

Zunächst tippte sich ihr Bruder nachhaltig gegen die Stirn, doch nach einer halben Stunde hielt er das Problem für leichter lösbar als eine quadratische Gleichung. Vor allem sah er darin einen erheblichen Nutzen.

Gemeinsam redeten sie am nächsten Tag auf ihre Mutter ein, doch zu ihrer Verblüffung schien diese selbst die ganze Nacht darüber nachgedacht zu haben.

„Vielleicht habt ihr wirklich Recht“, räumte sie ein. „Obwohl sie bei uns wohnt, fühlt sich Tante Käthe sicher oft allein und überflüssig. Wenn sie einen Mann hätte, könnte sie noch richtig glücklich werden.“

„Der Mann aber bestimmt nicht“, zweifelte Lutz.

„Bist du nun dafür oder dagegen?“, fauchte Marion ihn an und fuhr zweifelnd fort: „Tante Käthe will von unserem Vorschlag bestimmt nichts wissen. An den Männern lässt sie selten ein gutes Haar.“

„Sie hat eine große Enttäuschung hinter sich“, wusste Barbara, „aber die liegt schon zwanzig Jahre zurück.“

„Wir fragen sie erst gar nicht“, schlug Lutz vor. „Wir bringen ihr ein paar Kandidaten ins Haus, und einen davon nimmt sie. Basta!“

„Sie muss sich einbilden, dass es ihre eigene Idee war“, meldete sich Marion amüsiert.

„Kinder, Kinder!“, bremste Barbara den Überschwang ihrer Sprösslinge. „Es geht nicht darum, Tante Käthe aus dem Haus zu bekommen. Im Grunde ist sie eine herzensgute Haut. Der Mann, der sie richtig zu nehmen weiß, bekommt die beste Frau, die er sich wünschen kann.“

„Mit anderen Worten, wir sollen ihr einen Waschlappen besorgen“, glaubte Marion zu verstehen.

Barbara verneinte entschieden. „Im Gegenteil. Energisch sollte er schon sein, vor allem aber liebevoll. Wir wollen doch, dass sie das große Los zieht, oder?“

Es zeigte sich, dass alle der Tante das Beste wünschten, nur über den Weg, dieses Ziel zu erreichen, musste noch Einigkeit erzielt werden.

Lutz favorisierte eine Heiratsannonce. „Da kann sie sich in aller Ruhe einen aussuchen.“

„Quatsch!“, protestierte Marion. „Inserate sind altmodisch. Außerdem spielt Tante Käthe dabei nie mit.“

„Marion hat Recht“, war auch Barbaras Meinung. „Es müsste jemand sein, den wir kennen. Etwas Solides. Ein Foto kann täuschen. Die beiden sollen sich gut verstehen und in den wichtigsten Fragen übereinstimmen. Das müssen wir vorher unauffällig herausfinden. Sie brauchen auch nicht unbedingt zu heiraten. Eine echte Freundschaft hat schon manchen Menschen verwandelt.“

„Tante Käthe bleibt Tante Käthe“, war Lutz skeptisch.

„Und das soll sie auch“, fiel ihm seine Mutter ins Wort. „Wir wollen nicht ihre vielen guten Eigenschaften vergessen.“

„Wie wär’s mit Herrn Fellner?“, schlug Marion vor. „Er ist erst vor ein paar Wochen in Nummer 12 eingezogen.“

„Ja, der ist nett“, war der Junge sofort Feuer und Flamme.

„Aber zu jung“, lehnte Barbara ab. „Ich schätze ihn auf höchstens 45.“

„Du bist schon fast so altmodisch wie Tante Käthe“, rügte das Mädchen. „Das spielt doch heutzutage keine Rolle mehr. Ich könnte dir Beispiele nennen …“

„Geschenkt, Marion. Andere Vorschläge?“

Lutz bot seinen Fußballtrainer und den verwitweten Vater seines Schulfreundes an. „Die könnte ich unter einem Vorwand herlotsen.“

„Tante Käthe kann Fußball nicht ausstehen“, erinnerte Marion und meldete auch gegen Herrn Schenk ihre Bedenken an. „Der liebt doch den Rotwein. Nichts für Tantchen.“

Aber auch ihre Kandidaten mussten sich von der Gegenseite herbe Kritik gefallen lassen.

„Kind, Herr Wendig mag ja in seiner Jugend der beste Rock ’n-Roll-Tänzer der ganzen Stadt gewesen sein, aber ich fürchte, das macht auf eure Tante keinen Eindruck. Und bei Rolfs Onkel denkst du doch eher an den Neffen.“

Marion errötete leicht und entgegnete unwillig: „Weißt du vielleicht einen Besseren? Herr Lausmann liebt gutes Essen, und kochen kann Tante Käthe, das muss man ihr lassen.“

„Wem sagst du das?“, ließ sich Barbara seufzend hören. „An meinen Rezepten hat sie ja regelmäßig etwas auszusetzen.“

„Dabei kochst du auch prima“, beeilte Lutz sich, seine Mutter zu trösten.

„Danke, aber das ist nicht das Problem. Je länger ich darüber nachdenke, um so klarer wird mir, dass das eine Schnapsidee war. Wir haben einfach kein Recht, Schicksal zu spielen. Stellt euch vor, es geht mit den beiden schief und Tante Käthe wird unglücklich. Wir müssten uns ewige Vorwürfe machen.“

„Vorwürfe hören wir jetzt auch nur“, schimpfte Lutz und verzog sich. Wenn man schon mit Frauen etwas aushecken wollte!

So wurde zwar in den folgenden Tagen der Plan von allen Seiten ängstlich totgeschwiegen, aber insgeheim grübelte jeder weiter darüber.

Nur Tante Käthe nicht.

Sie überraschte Barbara mit dem Vorschlag, ein Treibhaus in den Garten zu stellen, um die Gemüseproduktion zu verbessern. „Und die Jungpflanzen ziehe ich in dem leerstehenden Zimmer, für das du ohnehin keine Verwendung hast.“

„Habe ich doch“, behauptete Barbara, „und so ein Treibhaus würde in unserem kleinen Garten sehr hässlich aussehen.“

Um dem nun unvermeidlichen Streit aus dem Wege zu gehen, zog sie sich in die Küche zurück, aber Käthes Worte klangen noch lange in ihr nach.

Das leere Zimmer! Warum eigentlich nicht?

Während ihre Schwägerin eifrig Prospekte über Treibhäuser studierte, setzte sie eine Anzeige auf: „Zimmer in ruhiger Lage an alleinstehenden Herrn zu vermieten.“

Zwei Tage später erschien das Inserat in der Zeitung, und noch am gleichen Abend meldete sich telefonisch der erste Interessent.

Tante Käthe war verschnupft. „Das tust du nur, um mich zu ärgern“, war sie sicher. „Jetzt muss ich mit den Sämlingen in den Keller ziehen. Brauchen wir denn das Geld so dringend? Und ausgerechnet ein Mann!“

„Frauen panschen den ganzen Abend mit ihrer Wäsche im Bad herum“, argumentierte Barbara listig. „Und in die Küche wollen sie auch. Ich mache dir einen Vorschlag, Käthe. Du siehst dir die Bewerber selbst an, und wer dir nicht gefällt, bekommt auch das Zimmer nicht.“

„Du bist vielleicht raffiniert, Mutti“, staunte Marion. Zwei Stunden später öffnete sie Herrn Haferfeld die Haustür.

„Bisschen klein“, nörgelte er, als er das Zimmer sah. Bei seiner Leibesfülle war dieser Einwand durchaus berechtigt.

„Die Dicken sind gemütlich“, wusste Lutz. „Deshalb ist Tante Käthe auch so dürr.“

Ob gemütlich oder nicht, Herrn Haferfeld sagte das Zimmer nicht zu, und Tante Käthe weinte ihm keine Träne nach. Sie hoffte, dass sich sonst niemand melden würde.

Da irrte sie sich gewaltig. Am folgenden Tag stand das Telefon kaum still, und manche Männer kamen auch gleich persönlich vorbei.

Einer brachte sogar zwei Koffer mit. „Ich nehme es unbesehen“, verkündete er selbstbewusst.

„Aber wir dich nicht“, giftete Tante Käthe vor sich hin und blickte Barbara finster an. „Du hast versprochen, dass ich ein Wort mitreden darf. Das Wort heißt: Nein.“

Barbara nickte ergeben. Auch sie befremdete die überfallartige Ankunft dieses Herrn, aber würde Käthe nicht bei jedem gleich reagieren?

„Wie stellst du dir denn unseren idealen Untermieter vor, Käthe?“, erkundigte sie sich lauernd.

„Unauffällig und höflich müsste er sein“, bequemte sich die Ältere zu einer Meinung. „Er sollte weder trinken noch rauchen, und Damenbesuche müsstest du von vornherein untersagen. Schon wegen der Kinder. Marion sieht manche Dinge ohnehin viel zu unbekümmert. Und wenn er den Jungen ein bisschen in Mathematik auf Vordermann bringen könnte, wäre das auch nicht schlecht.“

Wenn Tante Käthe auch weniger ihr eigenes Traumbild zeichnete, sondern eher an den Einfluss auf Marion und Lutz dachte, so schien Herr Bötig doch ziemlich exakt ihren Anforderungen zu entsprechen. Deshalb musste sie auch wohl oder übel ihr grimmiges Einverständnis erteilen.

Herr Bötig war 52 und passte also ideal. Er küsste den Damen zur Begrüßung die Hand, fand das Zimmer ganz reizend und schwor, Tabakrauch zu verabscheuen. Quadratische Gleichungen entlockten ihm nur ein müdes Lächeln. „Das kriegen wir schon hin, junger Mann“, sagte er zu Lutz, und dieser sah harte Zeiten auf sich zukommen.

Tante Käthe unterzog ihn einem Test, indem sie sein Verhältnis zu jungen Gurkenpflanzen überprüfte. Danach wirkte sie versöhnlicher und ließ Herrn Bötig sogar von ihren selbst gezogenen Radieschen kosten.

„Es klappt“, zwinkerte Barbara ihren Kindern zu. „Die beiden sind wie geschaffen füreinander.“

Auf der Straße sprach sie Herr Fellner von Nummer 12 an. „Sie haben wohl neuerdings vermietet, Frau Häusing?“

Barbara bestätigte es. „Das Zimmer stand leer.“

Udo Fellner seufzte. „Das hätte ich früher wissen sollen.“

„Wieso?“, wunderte sich Barbara und dachte daran, dass Marion den Mann aus der Nachbarschaft spontan als Lebensgefährten für Tante Käthe in Erwägung gezogen hatte. „Haben Sie nicht genug Platz in Ihrem Haus? Meines Wissens leben Sie doch ganz allein.“

„Das ist es ja eben. Die Burg ist viel zu groß für mich. Ein Zimmer hätte mir vollauf genügt. Oder hätten Sie mich nicht genommen?“ Er schaute sie an und machte sein bravstes Gesicht.

„Nun, in erster Linie hätten Sie nicht mit meiner Schwägerin auf Kriegsfuß stehen dürfen.“

„Aha! Das ist sicher die nette Dame, die immer so fleißig im Garten arbeitet.“

Barbara lächelte gequält. „Volle Punktzahl.“

„Sie stellt wohl hohe Anforderungen an einen Untermieter, wie?“

„Und ob. Kein Alkohol, kein Tabak, keine Frauengeschichten. Ihre einzige Leidenschaft hätte Kopfsalat und Buschbohnen gelten müssen.“

Udo Fellner musste lachen. „Sie übertreiben. Schade! Ich glaube, wir hätten uns vertragen, aber jetzt ist das Zimmer ja vergeben, und ich habe für das Haus einen langfristigen Mietvertrag unterschrieben. Zu dumm!“

Sie unterhielten sich noch eine Weile über alle möglichen Themen, wobei Barbara immer wieder geschickt die Sprache auf Tante Käthe brachte. Abgesehen von dem doch recht geringen Altersunterschied wäre Udo Fellner durchaus ein Mann, wie sie ihn sich für ihre Schwägerin vorstellte. Bei ihm hätte es Käthe bestimmt gut.

„Wie schaffen Sie das eigentlich alles neben Ihrem Beruf?“, forschte sie. „Das Haus muss in Ordnung gehalten werden. Dazu der Garten.“

Udo Fellner legte die Stirn in Falten. „Im Garten erledige ich gerade das Nötigste, und im Haus bleibt auch vieles liegen. Wissen Sie, das Angebot erschien mir so günstig, da habe ich gar nicht an die Arbeit gedacht, die damit verbunden ist.“

„Sie brauchen eben eine Hilfe“, fand Barbara und wusste auch schon, wer dafür in Frage kam. Tante Käthe konnte dort drüben nach Herzenslust schalten und walten. Dabei würde sich gleichzeitig zeigen, ob sie sich mit Herrn Fellner vertrug.

„Das habe ich mir auch schon überlegt“, antwortete der Mann, „aber man möchte schließlich nicht irgendeine Fremde im Haus haben. Woher weiß ich, ob sie ehrlich ist?“

„Vielleicht kann ich Ihnen da helfen“, stellte Barbara in Aussicht.

„Das wäre ja wunderbar“, strahlte Udo Fellner und drückte ihr voller Dankbarkeit die Hand.

Als sie nach Hause kam, wartete sie auf eine Gelegenheit, mit ihrem Vorschlag herauszurücken.

Leider erwies sich Tante Käthe als taub. Sie griff keines der Stichworte auf und wusste nur von Herrn Bötigs Angebot zu berichten, ihr im Herbst beim Schneiden der Obststräucher behilflich zu sein.

Nun, das konnte Barbara nur recht sein. Ob die Wahl auf Herrn Bötig oder Herrn Fellner fiel, spielte schließlich keine Rolle. Sie hätte dem netten Nachbarn nur gerne aus der Klemme geholfen. Aber Käthe war wohl nicht die einzige Frau in der Stadt, die etwas von der Hausarbeit verstand.

„Du siehst“, bohrte Barbara weiter, „die Idee mit der Vermietung war gar nicht so übel. Jetzt hast du wenigstens jemand zum Fachsimpeln.“

Käthe nickte. „Na ja“, räumte sie ein. „Von Gemüse scheint er wirklich einiges zu verstehen.“

„Besonders von jungem“, platzte Marion dazwischen. Sie war hochrot im Gesicht, und ihre blauen Augen funkelten empört. „Wisst ihr, was der Opa gerade versucht hat?“

„Doch nicht etwa …“

„Genau, Mutti. Knutschen wollte er mit mir. Igitt! Ich sei doch ein so liebes Ding.“

Die Frauen zeigten sich in Entrüstung vereint. „Der fliegt!“, entschied Barbara und hatte ein ganz schlechtes Gewissen.

„Männer!“, war Tante Käthes knapper, aber vielsagender Kommentar, bevor sie ihr Zimmer aufsuchte.

„Marion kriegen wir eben eher unter die Haube als Tantchen“, flachste Lutz, als er von dem Zwischenfall erfuhr.

„Das Zimmer bleibt leer“, sagte seine Mutter bekümmert. „Das kommt davon, wenn man der Vorsehung ins Handwerk pfuschen will.“

Ungeachtet dieser Einsicht nahm sie an einem der nächsten Tage Udo Fellners überraschenden Besuch mit Genugtuung zur Kenntnis. Er wollte sich den Rasenmäher ausleihen. „Meiner streikt nämlich.“

Barbara führte ihn in den Garten, wo sie Tante Käthe wusste. „Himmel, mein Nudelauflauf!“, rief sie bestürzt und ließ die beiden allein.

Das Mittagessen war nicht in Gefahr. Vom Fenster aus beobachtete Barbara, wie ihre Schwägerin mit dem Mann umging. Ihre Art ließ durchaus hoffen.

Udo Fellner hatte es mit dem Mähen auch gar nicht eilig. „Hörte ich vorhin: Nudelauflauf?“, erinnerte er sich und schnalzte mit der Zunge. „Den habe ich noch in keinem Gasthaus bekommen.“

„Ich habe Herrn Fellner zum Essen eingeladen“, verkündete Tante Käthe und fügte mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete, hinzu: „Es ist dir doch recht?“

Barbara lachte sich ins Fäustchen, und auch Marion und Lutz merkten bei Tisch, was die Glocke geschlagen hatte.

„Das schmeckt traumhaft, Frau Häusing“, lobte Udo Fellner.

„Mit einer Prise Muskat wäre er noch besser“, fand Tantchen und warf Barbara einen bitterbösen Blick zu, als hinge ihr Lebensglück von einer Muskatnuss ab.

Der Gast meinte diplomatisch, dass dies Geschmackssache sei und man ihn beim nächsten Auflauf mit dieser pikanten Würze um Himmels willen nicht vergessen solle.

Später schleppte er den Rasenmäher davon und winkte ein paarmal fröhlich über die dazwischenliegenden Gärten hinweg den beiden Frauen zu.

„Netter Mensch!“, urteilte Tante Käthe. „Und so höflich.“

„Er braucht ein bisschen Hilfe im Haus“, ließ sich Barbara hören. „Stundenweise. Hättest du nicht Lust? Das wäre doch ein wenig Abwechslung für dich.“

„Du weißt ja gar nicht, ob er mit mir einverstanden wäre“, hielt Tante Käthe spröde dagegen, aber in ihren Augen blitzte es auf.

„Ich rufe ihn an.“

„Geh lieber rüber. Dann erfahren wir wenigstens gleich, welches Chaos mich erwartet.“

Udo Fellner staunte. „Sie kümmern sich ja rührend um mich, Frau Häusing. Wenn Ihre Schwägerin versuchen würde, Ordnung in meine Junggesellenbude zu bringen, wäre ich Ihnen beiden sehr dankbar. Kommen Sie doch herein und schauen Sie sich mein Reich an.“

Deswegen war sie ja hier. Barbara ließ sich alle Räume zeigen und fand sie längst nicht so schlimm, wie sie erwartet hatte. Sie brauchte nicht zu befürchten, dass Tante Käthe geschockt war.

Sie ließ sich zu einem Likör überreden. „Das muss doch gefeiert werden“, fand Udo Fellner gutgelaunt.

Nach dem dritten Schnäpschen kapitulierte Barbara. Zu spät dachte sie an Tante Käthes Abneigung gegen Alkohol.

Ganz beiläufig brachte sie einiges über Udo Fellners Vergangenheit in Erfahrung. Er war geschieden und kinderlos, arbeitete als Filialleiter einer Bank, interessierte sich stärker für Tennis als für Fußball und hielt sich für einen durch und durch uninteressanten Menschen.

Von wegen!, dachte Barbara und hätte gerne den Grund für die Scheidung gewusst. Seelische Grausamkeit hielt sie für ausgeschlossen. Ob er seine Frau betrogen hatte? Gut sah er ja aus.

Damit ihre Neugier nicht zu deutlich ins Auge sprang, erzählte sie auch von ihrem eigenen Leben. Aber was gab es da schon Interessantes zu berichten.

„Meine Schwägerin ist fleißig und gewissenhaft“, übte sie sich lieber in Lobeshymnen. Dabei kam sie sich vor, als wollte sie auf dem Sklavenmarkt gute Ware an den Mann bringen. Irgendwie hatte sie dem Udo Fellner gegenüber ein schlechtes Gewissen. Und natürlich auch gegenüber Tante Käthe.

Diese überfiel sie bei ihrer Rückkehr mit hundert Fragen, und Barbara geizte nicht mit ihrer positiven Beurteilung.

Von nun an verschwand Tante Käthe dreimal wöchentlich im Haus Nummer 12, und wenn sie von ihrer Tätigkeit dort berichtete, glühten ihre Wangen vor Aufregung.

Marion und Lutz blinzelten sich zu. Wer hätte das für möglich gehalten? Die Tante hatte angebissen.

„Sollte ich ihn nicht zu meinem Geburtstag einladen, Barbara?“, schlug sie eines Tages vor. „Ich finde, das gehört sich so.“

„Unbedingt!“, bekräftigte Barbara und musste schmunzeln, als Tante Käthe einen Friseurbesuch für dringend erforderlich hielt.

Sie betrachtete sich nachdenklich im Spiegel und kam zu dem Ergebnis, dass auch ihr eine frische Dauerwelle nicht schaden würde. Na, und Lutz’ Haare schrien förmlich nach einer Schere. Was musste Herr Fellner von einer solchen Familie denken, in die er immerhin einheiraten sollte?

Von einer Bindung hatte Tante Käthe zwar noch nicht gesprochen, aber ihr war anzusehen, dass sie sich von ihrer Geburtstagsfeier einiges erwartete. Sie tat sehr geheimnisvoll und summte sogar leise vor sich hin.

Noch etwas Anderes fiel Barbara und ihren Kindern angenehm auf. Lutz sprach es aus. „Tante Käthe ist längst nicht mehr so streitsüchtig, seit sie Herrn Fellner kennt.“

„Er ist aber auch ein Supertyp“, schwärmte Marion.

Details

Seiten
79
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738929386
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
heißes herz füße

Autor

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Titel: Heißes Herz und kalte Füße