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Die letzte Kugel war für Mary

2019 139 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die letzte Kugel war für Mary

Copyright

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Die letzte Kugel war für Mary

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 139 Taschenbuchseiten.

 

Wie ein Panther kämpfte Tom Bennet gegen eine gnadenlose Übermacht. Toms Todfeind Jack Winlock wollte nicht nur sein Leben, sondern auch die Frau, die er liebte. Bis zur letzten Patrone harrte Mary tapfer an Toms Seite aus. Sie war entschlossen, lieber zu sterben, als diesem Rudel menschlicher Bestien ausgeliefert zu sein.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die büffellederne Peitschenschnur fauchte wieder durch die Luft. Taumelnd presste Kirby Mills die angewinkelten Arme vors Gesicht. Sein Hemd wurde wie von einem Buschmesserhieb zerfetzt. Die Haut darunter platzte auf. Die Peitschenschnur wickelte sich schlangengleich um Mills‘ Oberkörper. Und schon kam der harte Ruck, der den untersetzten alten Cowboy von den Füßen riss.

„Noch immer nicht genug?“, hörte er Jack Winlocks kühle Stimme wie aus weiter Ferne. „Oder rückst du jetzt endlich damit ‘raus, wo wir Bennet finden?“

Mills wälzte sich im Staub des Ranchhofes. Das graue Haar hing ihm schweißverklebt in die Stirn. Sein zerfetztes Hemd war mit Blut getränkt.

„Dreckige Feiglinge!“, krächzte er. „Kein Wort bringt ihr aus mir ‘raus – kein einziges Wort!“

Jack Winlock hatte gelassen die Arme vor der Brust verschränkt. Unbeeindruckt starrte er auf den staub- und blutverschmierten Mann am Boden. „Mach weiter, Chihuahua!“

Der Mann mit der Peitsche war schlank und dunkelhäutig, trug einen riesigen Filzsombrero auf dem Kopf, und seine mexikanische Charrotracht war auffällig mit Silberfäden bestickt. Er grinste wild. Seine kohlschwarzen Augen funkelten.

„Bueno! Er soll es haben. So lange es ihm nur Spaß macht!“

Die Peitsche pfiff wieder und wieder, Mills krallte die Finger in den knöcheltiefen Sand. Ein dumpfes Stöhnen rang über seine zusammengepressten Lippen!

Der dritte Bandit – ein breitschultriger Kerl mit einem hässlichen, von Narben zerfressenen Gesicht, rauchte seelenruhig ein schwarzes Zigarillo.

Jack Winlock sagte kalt: „Mills, du Narr. Willst du dich für ‘nen Mann opfern, den wir ohnehin erwischen? Bennet ist schon so gut wie tot. Also, heraus mit der Sprache. Wo hält er sich auf? Wann kommt er zurück?“

„Fahr zur Hölle, verdammter Bandit!“, keuchte der alte Cowboy. „Ich hoffe bloß, Tom Bennet jagt dir eine Kugel durch den Schädel, ehe du …“ Er schrie heiser auf, als ihn die Peitsche des Mexikaners mit voller Wucht traf.

Kirby Mills wollte sich hochstemmen. Die Kraft fehlte ihm dazu. Dann entdeckte er seinen Revolver nicht mehr als vier Schritte von sich entfernt im Sand. Er biss die Zähne zusammen. Auf Ellenbogen und Bauch begann er vorwärts zu kriechen. Die Schleifspur im Staub färbte sich dunkel von seinem Blut.

Chihuahuas große Silbersporen klirrten. Die Peitsche sauste gnadenlos herab. Mills‘ Körper verkrümmte sich. Aber der Grauhaarige kroch weiter, den Blick am Sechsschüssigen wie festgebrannt.

Chihuahua entdeckte die Waffe und stieß einen mexikanischen Fluch hervor. Das Büffelleder schnitt wie eine Messerklinge durch Mills‘ Haut. Mit fast übermenschlicher Anstrengung streckte der Weidereiter die zitternde Faust nach dem Revolver aus.

Ein Schuss krachte. Die Waffe unter Mills‘ Hand wurde wie von einem Fußtritt weggeschleudert. Mills ächzte. Sein Kopf ruckte verzweifelt herum. Hinter ihm stand Jack Winlock, den rauchenden 44er in der Faust. Der sehnige Verbrecher mit dem glatten Gesicht schien sich überhaupt nicht bewegt zu haben. Mills‘ Faust fiel kraftlos in den Staub. Ein Laut wie ein trockenes Schluchzen brach über seine rissigen Lippen.

Der Bandit mit dem Narbengesicht stieß ein raues Lachen hervor. Chihuahua schaute auf Winlock und ließ die Rinderpeitsche sinken. Winlocks Coltmündung zielte genau auf Mills‘ Stirn.

„Los doch!“, schnaufte der Cowboy verzweifelt. „Worauf wartest du noch, du Hundesohn? Drück ab! Bring es zu Ende!“

Winlock befahl ruhig: „Powderface, stell ihn auf die Füße!“

Der massige Bandit spuckte das halb gerauchte Zigarillo aus, stiefelte zu Mills hinüber und zog ihn mit seinen wuchtigen Fäusten scheinbar mühelos in die Höhe. Wie ein lebloses Bündel hing Mills in seinem Griff. Winlock halfterte seinen Colt.

„Schafft ihn auf sein Pferd!“

„Boss“, brummte Powderface, „was soll das? Du gibst auf? Lass Chihuahua weitermachen, und ich wette, in fünf Minuten singt der Oldtimer in den schönsten Tönen!“

„Sein Pferd!“, wiederholte der Bandenführer nur.

Chihuahua führte das gesattelte struppige Rinderpferd heran, auf dem Mills von der Weide auf die kleine Ranch geritten war. Zusammen hoben sie den Cowboy in den Sattel. Sofort sank der blutverschmierte Mann nach vorn ein. Mit letzter Kraft hielt er sich krampfhaft am Sattelhorn fest. Das Pferd tänzelte nervös.

„Festbinden!“, kommandierte Winlock kalt. Während der Narbige mit mürrischem Gesicht der Aufforderung nachkam, trat Winlock langsam an Mills‘ Pferd heran.

Aus fiebrig glänzenden Augen starrte der Gepeitschte zu ihm hinab. Winlock lächelte. Ein eisiges Lächeln, bei dem seine hellen Augen ausdruckslos wie Kieselsteine blieben.

„Pass gut auf, Kuhtreiber. Du weißt, wo Bennet zu finden ist. Sag ihm Bescheid. Sag ihm, dass ich ins Land zurückgekommen bin, um mich für alles zu rächen, was vor einem Jahr in Blue Ridge geschah. Ich werde nicht eher von hier verschwinden, bis er tot vor mir im Staub liegt. Und dann werde ich Mary Duncan holen. Vergiss das nicht. Chihuahua, Powderface und ich – wir werden bis Sonnenuntergang hier auf Bennets Ranch warten. Wir werden es hier offen mit ihm austragen, hast du verstanden? Wenn er nicht kommt, dann suchen wir ihn. Und wir werden ihn finden. Nur soll er sich dann keine Chance mehr ausrechnen. Und jetzt los mit dir, Kuhtreiber. Verschwinde! Und berichte ihm alles, was ich dir aufgetragen habe!“

Winlock wich vom stampfenden Pferd zurück. Mills‘ verschwommener Blick folgte ihm. „Stell es dir nicht zu einfach vor, Bandit. Tom ist schon einmal mit dir fertig geworden.“

In Winlocks Augen blitzte es flüchtig auf. Wortlos riss er dem Mexikaner die Peitsche aus der Hand und zog sie dem Pferd über. Wiehernd sprang das Tier los. Der jähe Ruck warf Mills mit dem Gesicht auf die zottige Mähne. Nur die Lederriemen hielten ihn jetzt noch im Sattel. In eine Staubwolke gehüllt preschte der Gaul vom Ranchhof.

Powderface spuckte grimmig in den Sand. „Wenn das nur kein Fehler war, Boss. Vielleicht bekommen wir Bennet jetzt nie mehr zu Gesicht!“

Aus engen Augen spähte Jack Winlock der kleiner werdenden Reitergestalt nach. Seine Stimme war ruhig und sicher. „Im Gegenteil, Muchacho. Ich kenne ihn besser als du. Ehe die Sonne sinkt, wird er zur Stelle sein … und sterben!“

 

 

2

Die Holzbänke in der kleinen Methodistenkirche waren bis zum letzten Platz gefüllt. Abgrundtiefe Stille herrschte, als sich der Geistliche langsam und würdevoll zur vordersten Bank herumdrehte. Der große sonnengebräunte Mann im dunklen Anzug und die junge hübsche Frau an seiner Seite waren aufgestanden. Vor ihnen lagen die beiden goldenen Ringe in einer mit rotem Samt ausgelegten Schatulle. Tom Bennet spürte, wie Mary Duncan sich fester an ihn drückte. Er schaute in ihr schmales Gesicht. Ein warmes Leuchten war in ihren Augen. Tom lächelte ihr zu.

Die sonore Stimme des Predigers drang bis in den hintersten Winkel.

„Thomas William Bennet, ich frage dich: Willst du die hier anwesende Maria Duncan zur Frau nehmen? Willst du …“

Das unerwartete wuchtige Poltern gegen die Kirchentür ließ ihn abbrechen. Die Köpfe der Frauen und Männer in den Bänken flogen herum. Tom und Mary standen ruhig da. Der Geistliche räusperte sich und wollte zum Sprechen ansetzen. Wieder donnerte es von außen gegen die Tür. Im nächsten Moment sprangen die schweren hölzernen Flügel nach innen auf.

Ein staubbedecktes struppiges Pferd trottete herein. Auf seinem Rücken hing verkrümmt ein blutbesudelter Mann. Ein einziger Aufschrei füllte die Kirche. Die Hufe klapperten den Mittelgang entlang. In den Bänken entstand ein wildes Durcheinander. Stimmen schwirrten unter dem hochgewölbten Dach. Eine Frau brach in hysterisches Schluchzen aus. Der Geistliche stand wie gelähmt. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.

Tom Bennet war herumgefahren. „Kirby!“, stieß er erschrocken hervor. Er machte sich von Mary los.

Männer drängten im Mittelgang und brachten das Pferd zum Stehen. Mills lag wie tot auf dem Pferdehals. Das Hemd hing in Fetzen von ihm herab. Überall war Blut. Er bot einen schrecklichen Anblick. Die Lippen zusammengepresst, bahnte sich Tom einen Weg durch das lärmende Durcheinander.

„Ein Messer. Schnell, schneidet ihn doch endlich los!“

Als die Lederriemen fielen, verlor Kirby Mills den Halt im Sattel. Tom fing ihn auf und legte ihn behutsam auf den Boden. Männer und Frauen drängten sich in dichtem Kreis. Toms Gesicht war grau. „Doc! Wo steckst du? Lasst den Doc durch, Leute!“

Aaron Duncan, Marys Vater, schob sich in den Kreis. Seine Tochter folgte ihm. Tom blickte nur flüchtig auf.

„Hilf mir, Doc. Er ist übel zugerichtet!“

Duncan flüsterte betroffen: „Großer Himmel. Wer hat das getan?“ Dann kniete er rasch bei Mills nieder. Der Cowboy schlug die Augen auf. Seine Stimme war nur ein heiseres Flüstern. „Tom? Bist du da, Tom?“

„Ganz ruhig, Oldtimer!“, raunte Tom. „Hier bist du in Sicherheit. Doc Duncan ist zur Stelle. Er wird dafür sorgen, dass du …“

Mills schüttelte mühsam den Kopf. „Nicht den Doc! Das hat Zeit. Tom, du musst mich zuerst anhören. Du musst!“ Ein Zittern durchlief seine geschundene Gestalt. Warm und klebrig fühlte Tom Bennet das Blut an seinen Händen.

„Du sollst dich nicht anstrengen, Kirby, alter Satteldrücker!“

Mills tastete nach Toms Ärmel und klammerte sich wie Halt suchend fest. Die Anstrengung und die Schmerzen zerwühlten sein ledern wirkendes Gesicht.

„Jack Winlock ist zurückgekommen, Tom!“

Auf einmal war in der Kirche jeder Laut verstummt. Es war, als hallten die leisen Worte des alten Cowboys zwischen den dämmrigen Holzwänden nach. Jede Bewegung erstarb. Tom und Aaron Duncan starrten einander an. In den Augen des hageren Docs war für etliche Atemzüge nichts als blankes Entsetzen. Toms Blick wanderte zu Mary hin. Sie war kreidebleich geworden und hielt die Hände vor der Brust verkrampft.

Mills flüsterte kratzend: „Er hat mich auspeitschen lassen. Er wollte wissen, wo du zu finden bist. Ich schwieg. Da schickte er mich los, um dir zu sagen, dass du …“ Seine Finger krallten sich fester in Toms Arm. „Tom, Junge, du musst aus dem County verschwinden. Nimm Mary mit. Jetzt gleich! Verlier keine Zeit. Winlock will …“

„Kirby!“, unterbrach ihn Tom rau. „Was solltest du mir sagen?“

„Er ist draußen auf der Ranch, Tom!“, ächzte der Schwerverletzte. „Er will bis Sonnenuntergang auf dich warten!“

Tom Bennets Miene wurde steinern. „Allein?“

„Nein! Er hat zwei Burschen bei sich, skrupellose Verbrecher wie er selber. Tom, er ist versessen darauf, dich zu töten. Er ist krank vor Gier nach Rache. Und … er will Mary. Er will dich töten und dann Mary mitnehmen. So wie er es damals vor einem Jahr versprochen hat!“

Der hagere Arzt von Blue Ridge erhob sich ruckartig, trat neben seine junge Tochter und legte einen Arm um ihre Schultern. Marys rote Lippen waren zusammengepresst, als müsste sie alle Kraft aufbieten, um keinen Laut hervorzubringen. Im Hintergrund begann die Frau wieder laut zu schluchzen. Zwei Männer führten das erschöpfte Pferd ins Freie. Goldener Sonnenschein brandete durch die weit offene Kirchentür.

„Kirby“, murmelte Tom, „es tut mir leid, dass du meinetwegen …“

„Nein, nein! Mach dir keine Sorgen um mich. Ich war dein Deputy, als du noch den Marshalstern in Blue Ridge trugst. Und draußen auf der Ranch warst du ebenfalls mein Boss. ‘s war nur meine Pflicht, Tom. Jetzt musst du an dich denken. Winlock wäre bestimmt nicht zurückgekommen, wenn er nicht hundertprozentig damit rechnet, dass er es schafft. Tom, leg dich nicht mehr mit ihm an. Er ist wie ein Raubtier. Noch gefährlicher und gerissener als damals. Nimm ein paar schnelle Pferde und …“ Sein Körper bäumte sich auf, seine Augen wurden ganz groß.

„Tom, ich …“ Er fiel zurück.

Tom packte ihn an den Schultern. „Kirby! Oldtimer!“ Er brach ab, als er in die gebrochenen Augen schaute. Der Schatten einer bleiernen Müdigkeit huschte über sein Gesicht. Langsam zog er die Hände zurück. Sein Kopf war gesenkt. Die Menge machte Platz für den Prediger, der Tom gegenüber neben Mills niederkniete. Der Geistliche zeichnete das Kreuz auf Mills‘ Stirn und begann mit leiser monotoner Stimme zu beten. Tom erhob sich.

Mary löste sich von ihrem Vater und warf sich ihm an die Brust. Tom presste sie an sich. An seinen Händen klebte noch immer Kirbys Blut. Sein Blick ging über Marys seidiges langes Haar weg ins Leere. Die Stimmen ringsum setzten wieder heftig und erregt ein. In Toms Ohren waren sie nur ein dumpfes Rauschen.

„Tom!“ Eine Hand rüttelte ihn an der Schulter. „Tom, so hör doch!“ Er wandte den Kopf. Aaron Duncans hageres Gesicht war von Unruhe gezeichnet. „Du hast gehört, was er sagte. Er hatte recht. Du musst verschwinden! Ich werde einen Wagen anspannen lassen …“

„Nein, Doc!“

Duncans Hand fiel von seiner Schulter. „Tom, um Himmels willen, sei vernünftig! Jack Winlock war schon immer ein gefährlicher Mann. Auch damals, als er noch den Golden Horn Saloon in Blue Ridge besaß, ‘s war ‘ne Menge Glück dabei, dass du es schafftest, ihn aus dem County zu verjagen. Rechne nicht ein zweites Mal damit. Tom, der Reverend soll die Trauung zu Ende bringen. Dann verlässt du mit Mary noch in dieser Stunde das Land. Geh irgendwohin, wo ihr sicher vor Winlock seid. Eines Tages …“

„Ich werde vor Sonnenuntergang auf meiner Ranch sein!“

„Du bist verrückt. Tom. Mein Gott! Du hast doch den Stern abgelegt! Es ist nicht mehr deine Aufgabe, dich mit Banditen herumzuschlagen.“

„Wer soll es dann tun? Der neue Marshal für Blue Ridge ist noch nicht gewählt.“

„Das hat mit der Stadt nichts zu tun. Die Männer, die damals an deiner Seite gegen Winlock kämpften, leben nicht mehr hier. Winlock hat es allein auf dich abgesehen, Tom – und auf Mary! Ja, Tom, du musst an Mary denken.“

„Ich tue es! Doc, ich sage dir eines, es hat keinen Sinn vor Winlock davonzulaufen. Wenn er seine Rache will, wird er mich überall aufspüren. Und wenn ich bis nach Kanada ginge! Es muss hier an Ort und Stelle ausgetragen werden. Das bin ich auch Kirby schuldig.“

Ein paar Männer hoben Mills auf und trugen ihn hinaus. Langsam leerte sich die Kirche. Duncan schüttelte verzweifelt den Kopf. „Mary, sag du ihm, wie verrückt er ist. Winlock ist nicht allein! Es ist reiner Selbstmord. Sag es ihm doch.“

Die junge Frau schaute auf. Ihr Blick war fest, nur ein leises Beben war in ihrer Stimme. „Es ist seine Entscheidung, Dad!“

„Danke, Mary!“, sagte Tom. „Sei tapfer, ich werde jetzt reiten!“ Er löste sich von ihr. Ihre roten Lippen zuckten. Aber sie nickte ihm voller Vertrauen zu.

Er wandte sich zum Gehen. Doc Duncan rief heiser: „Tom, du setzt deine ganze Zukunft aufs Spiel! Willst du Mary unglücklich machen? Tom, geh nicht! Hör auf mich, ich bitte dich, Tom!“

Gleichmäßig klopften Toms Stiefel den Mittelgang entlang. Duncan machte eine Bewegung, als wollte er ihm nacheilen. Mary fasste ihn ruhig am Arm. „Lass ihn, Dad! Wenn er jetzt bliebe, wäre er nicht der Mann, für den ich ihn immer gehalten habe!“

Duncan starrte sie überrascht an. Sie wandte schnell das blasse Gesicht zur Seite, um ihm die hervorbrechenden Tränen nicht zu zeigen.

 

 

3

Als Tom im Hotelzimmer den schweren Kreuzgurt mit den beiden langläufigen Frontiercolts umschnallte, fiel sein Blick in den Spiegel. Da stand er wieder in seiner einfachen Reitertracht, das hartlinige Gesicht vom breitkrempigen Stetson beschattet, die Bandana um den Hals, und die Radsporen an den hochhackigen Cowboystiefeln. Es war wie damals, als er noch den Stern am Hemd getragen hatte. Seine Finger streichelten wieder die glatten Walnussholzkolben der Colts, und wie damals vor einem Jahr band er die tiefhängenden Holster mit dünnen Lederschnüren an den Oberschenkeln fest. Er bewegte sich locker und ruhig, und mit jedem Handgriff wurde die Erinnerung an jenen denkwürdigen Tag lebendiger.

Genauso wie heute hatte die Sonne auf die kleine texanische Rinderstadt Blue Ridge herabgebrannt, als er mit diesen beiden schweren Frontiers an den Seiten aus dem Office auf die Main Street getreten war. Draußen hatte sein Deputy Kirby Mills mit einem halben Dutzend bärtiger wettergegerbter Männer gewartet. Männer, die sich endlich aufgerafft hatten, unter Toms Führung dem Terror des Saloonbesitzers Jack Winlock in Blue Ridge ein Ende zu machen.

In geschlossener Gruppe, Tom und Kirby an der Spitze, waren sie die Straße entlang zum Golden Horn Saloon marschiert. Winlocks Revolvermänner warteten schon auf der schattigen überdachten Veranda. Von Winlock selber war nichts zu sehen.

„Halt! Das ist weit genug! Keinen Schritt weiter, sonst knallt es!“ Lew Coburn, der Anführer von Winlocks rauem Rudel, war an die Verandakante getreten. Ein großer hagerer Mann, dessen Hände krallenartig gekrümmt über den tiefhängenden Revolverkolben schwebten.

Die Gruppe auf der Straße wurde langsamer. Tom aber ging unbeirrt weiter. Kirby Mills blieb an seiner Seite. Aus dem Mundwinkel flüsterte Tom: „Kirby, achte auf die Fenster! So, wie ich Winlock kenne, lauert er irgendwo im Hinterhalt.“ Laut rief er zur Saloonveranda hinüber: „Coburn! Ich warne dich und deine Freunde nur einmal! Im Namen des Gesetzes fordere ich euch auf, sofort die Stadt zu verlassen!“

Coburns Raubvogelgesicht verzog sich zu einem wilden Grinsen. „Der beste Witz seit langer Zeit, Marshal! Hast du‘s darauf abgesehen, dass wir uns totlachen? Ich wüsste ‘ne wirkungsvollere Methode. Noch ein Schritt, Marshal, und ich werde sie dir zeigen.“

Tom und Kirby blieben stehen. Hinter ihnen schwärmten ihre Helfer aus.

Unsicherheit malte sich plötzlich auf den bärtigen Gesichtern. Ein Mann murmelte rau: „Bennet, vielleicht ist Winlock längst über alle Berge. Sollten wir nicht lieber abwarten?“

Tom ließ die Banditen auf der Saloonveranda nicht aus den Augen. Kirby brummte leise: „Von mir aus kann es losgehen, Amigo. Siehst du den Burschen, der halb von Coburn verdeckt wird? Er hat sein Eisen schon in der Faust. Den musst du zuerst übernehmen.“

Lew Coburn grinste noch immer. Ein Grinsen, das auf seinem scharf geschnittenen Gesicht wie eingefroren wirkte. „Sehr vernünftig, Marshal, dass du stehenbleibst! Wetten, dass du dem Tod niemals näher warst? Und jetzt kehr schon um, mein Lieber, und nimm diese Herde wild gewordener Schafe wieder mit!“

„Coburn, du Revolverschwinger, du irrst dich!“, erklärte Tom sanft. „Eure Zeit in Blue Ridge ist vorbei. Ich gebe dir und deinen Partnern nur noch eine Minute zum Nachdenken. Dann kommen wir!“

„Wie großzügig!“, höhnte Coburn verbissen. „Ich hab‘ dafür auch ein nettes Geschenk für dich, Sternträger!“ Blitzartig schnappten seine Hände nach den Revolverkolben.

Tom Bennet zog schnell wie selten zuvor. Neben ihm riss Kirby Mills den Colt aus dem Holster. Der Mann, der schräg von Coburn verdeckt wurde, stieß den Revolverlauf nach vorn. Der Mündungsblitz blendete Tom. Aber seine Kugel traf den entscheidenden Sekundenbruchteil früher. Der Bandit wurde gegen die Bretterwand zurückgestoßen und brach zusammen. Seine Kugel jaulte über Toms Kopf weg und zersplitterte irgendwo eine Fensterscheibe.

Coburn feuerte auf den Marshal, wurde aber gleichzeitig von Kirbys Kugel erwischt. Der Revolvermann schrie heiser auf, prallte hart gegen einen kantigen Stützpfeiler und sank abwärts rutschend auf die Knie.

Tom und Kirby warfen sich in den Staub. Tom brüllte aus voller Lunge: „In Deckung, Leute!“

Eine ganze Serie von Mündungsflammen raste über die Straße weg. Pulverrauch trieb in milchigen Schwaden durchs Sonnenlicht. Die Detonationen brachen sich wie Donnergrollen an den Häuserfronten. Männer schrien, Holz knirschte und Fensterscheiben zersplitterten klirrend. Tom und Kirby sprangen auf und hetzten zur gegenüberliegenden Straßenseite. Die anderen folgten. Direkt neben Tom wurde ein Blue-Ridge-Bürger halb herumgeschleudert und in den Staub geschmettert, ohne dass auch nur ein Laut noch über seine Lippen kam. Tom und Kirby nahmen ihn zwischen sich und schleppten ihn mit hinter einen Verandavorbau. Der Rest des kleinen Aufgebots war bereits hinter Tränketrögen, Regenfässern und Hausecken in Deckung gegangen.

Die Front des Golden Horn Saloon schien Feuer zu speien. Der Lärm war ohrenbetäubend. Auf Händen und Knien kroch Coburn über die Veranda und verschwand durch die Pendeltür. Zwei, drei Banditen rannten hinter dem Saloon hervor und versuchten die Straße zu überqueren. Tom traf einen mitten in die Brust. Die anderen kehrten überstürzt in Deckung zurück. Ein wahrer Kugelhagel zwang den Town Marshal und seine Gefährten hinter die Vorbauten, Hausecken und Tröge nieder. Der Verwundete neben Tom und Kirby wollte sich aufrichten und den Revolver zur Hand nehmen. Eine Kugel zischte hinter die Deckung und warf ihn auf den Rücken.

Kirby stieß Tom grimmig an und deutete zum Oberstock des massiven Saloongebäudes. „Der große Boss persönlich!“

„Wenn wir ihn haben, ist der ganze Kampf zu Ende!“

„Wenn!“, grinste Kirby Mills bitter. „Tom, seit wann träumst du am helllichten Tag, eh?“

Tom ließ das Fenster nicht aus den Augen. Jack Winlock schoss mit der selbstsicheren Ruhe eines Mannes, der von seiner Unantastbarkeit überzeugt ist.

Tom murmelte grimmig: „Oldtimer, streng dein Gehirn ein bisschen an! Auf irgendeine Weise müssen wir den Kerl herauslocken! Er muss mir allein gegenübertreten. Dann kann die Entscheidung fallen.“

Mills wiegte seufzend den Kopf. „Eher kannst du zehn ausgewachsene Grizzlybären aus ihrer Winterhöhle kitzeln als diesen Bastard! Der weiß genau, was für ihn auf dem Spiel steht!“

Kugeln fetzten Holzsplitter von der Vorbaukante, und Mills zog hastig den Kopf ein. Eine leise Stimme sagte hinter ihnen: „Tom, vielleicht kann ich es schaffen! Ich werde es versuchen!“

Sie fuhren herum. Mary Duncans schmale Gestalt schälte sich aus dem Schatten einer Häuserpassage. Ihr Gesicht war blass, aber in den großen klaren Augen funkelte Entschlossenheit. Sie hielt das knöchellange Sommerkleid mit einer Hand gerafft.

Tom keuchte heiser: „Um Himmels willen, Mary, zurück!“

Neue Kugeln fauchten heran. Staub flog in hohen Fontänen über den Vorbau. Tom sprang auf und versuchte Mary hinter die Hausecke zurückzuschieben. „Sei vernünftig, Girl, ich bitte dich. Diese Kerle schießen wie die Verrückten! Egal, wohin sie treffen!“

Sie schaute ihm fest in die Augen. „Winlock wird nicht zulassen, dass mir etwas geschieht!“

Toms Hände sanken herab. „Du … weißt, dass er dich zur Frau nehmen will?“

„Ja, Tom!“

„Willst du deshalb …“

„Tom, versteh mich nicht falsch!“ Weich und warm klang ihre Stimme in seinen Ohren. „Ich will nicht, dass noch mehr Männer in diesem Kampf umkommen, und ich will nicht, dass du darunter bist! Zweifelst du an meiner Liebe zu dir, Tom? Nein? Dann lass mich gehen! Vertrau‘ mir, Tom – und halte dich bereit!“

„Mary, es ist zu gefährlich! Du wirst …“

Schnell drängte sie sich an ihm vorbei. Seine Hände griffen ins Leere. Kirby Mills riss verblüfft die Augen auf und schnappte nach Luft, als Mary Duncan plötzlich mitten im Sonnenlicht auf der Main Street stand. Die Aufgebotsmitglieder stellten sofort das Schießen ein. Drüben krachten noch zwei oder drei Colts. Dann schallte Winlocks schneidende Stimme auf die Straße herab.

„Aufhören! Sofort aufhören!“

Das Echo der Schüsse verklang. Stille breitete sich aus. In diesen Minuten schien die ganze Stadt den Atem anzuhalten. Der Sand knirschte leise unter Marys Tritten. Tom Bennets Kinnladen mahlten. Er umkrampfte die Coltgriffe so hart, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Mary ging bis zur Straßenmitte. Der Gewehrlauf verschwand aus dem Fenster im Obergeschoss.

Winlock rief: „Mary, gehen Sie aus der Schusslinie! Um Himmels willen, machen Sie jetzt keinen Fehler! Es würde mir leid tun, wenn Ihnen etwas zustieße!“

Schlank und aufrecht und völlig reglos stand sie da. Der Sonnenschein vergoldete ihr langes seidiges Haar. „Winlock, es ist genug! Es sollen nicht noch mehr Männer sterben! Sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen aufhören!“

„Damit uns Bennet mit seinen Kerlen zusammenschießen kann? Mary, Sie verlangen zu viel! Gehen Sie jetzt!“

„Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis ich weiß, dass der Kampf zu Ende ist!“

„Großer Himmel!“, flüsterte der alte Mills hinter dem Verandavorbau. „Ein großartiges Mädel! Tom, du kannst dir alle zehn Finger abschlecken, wenn du sie jemals zur Frau bekommst!“

Toms Gesicht war kalkweiß. Er schien Mills überhaupt nicht zu hören. Aus dem Obergeschoss schallte wieder Winlocks harte Stimme: „Mary, meine Männer werden schießen.“

„Erst wenn Sie es befehlen! Und das tun Sie nicht!“

„Sie sind sehr sicher, Mary!“

„Winlock, ich werde mit Ihnen die Stadt verlassen, wenn Sie jetzt aufgeben!“

Tom zuckte zusammen. Er wollte hinter der Deckung hervorspringen. Mills packte ihn hart an der Schulter.

„Ruhig, Amigo! Hat sie dich nicht gebeten, ihr zu vertrauen?“, fragte Mills.

Tom schluckte trocken. Die Stille auf der Straße war bleischwer. Die Revolverläufe der Banditen schimmerten kalt über der Verandabrüstung. Das Fenster im Oberstock, wo vorher Winlocks Gewehr zu sehen gewesen war, lag leer. Es dauerte eine Weile, und dann stand Jack Winlock plötzlich im offenen Salooneingang. Groß, sehnig, mit einem eleganten grauen Tuchanzug bekleidet und die Winchester 73 unter den Arm geklemmt. In seinen sonst so kalten und leblos wirkenden Augen glitzerte es.

„Mary“, fragte er langsam, ,,hab‘ ich vorhin richtig gehört?“

Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute ihm fest ins Gesicht. „Ja, Winlock!“

Plötzlich lächelte er wild. „Eine Falle!“, flüsterte er rau. „Mary, Sie wollen mich in eine Falle locken! Sie setzen Ihr Leben aufs Spiel, um Bennet zu helfen, das ist es!“

„Vielleicht!“

„Mary, Sie treiben es zu weit!“

„Was wollen Sie eigentlich noch, Winlock?“, fragte sie herb und herausfordernd. „Ich stehe hier nicht mehr als sieben Schritte von Ihnen entfernt! Wenn Sie mich wollen – warum holen Sie mich dann nicht? Ist der große Jack Winlock nicht Manns genug, für einen hohen Gewinn ein hohes Risiko einzugehen?“

In dieser Sekunde hatte Tom das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Winlock stand da wie vor den Kopf geschlagen. Getuschel durchlief die Schar seiner Revolverleute. Winlocks Fäuste öffneten und schlossen sich. Er starrte die junge Frau an, und Gier, Wildheit und Siegesgewissheit zerbrachen die Undurchdringlichkeit seiner Miene.

„Ich hab‘ noch nie ein gutes Angebot ausgeschlagen!“, keuchte er plötzlich. Dann kam er schon mit einem tigerhaften Satz von der Veranda herab. Er schien darauf zu warten, dass sich Mary zur Flucht wandte. Aber sie ließ ihn unbeweglich herankommen. Triumph brach in seinen Augen durch. Er streckte die Hände nach ihr aus. Drüben hielt es Tom Bennet nicht mehr aus. Die Colts hochschwingend schnellte er aus der Deckung.

„Schießt ihn nieder!“, brüllte Winlock seinen Gunmen zu.

Da hielt Mary Duncan plötzlich einen kleinen doppelläufigen Sharps Derringer in der Hand. „Es würde Ihren Tod bedeuten, Winlock!“

Der Saloonbesitzer erstarrte. Die Colts der Desperados waren vorgestoßen, aber kein Mündungsblitz brach daraus hervor. Ein Bandit stieß eine ächzende Verwünschung aus. Tom rannte in langen Sätzen über die Main Street. Sein Herz hämmerte wie rasend.

Winlocks Schultern sanken ein. „Sie haben gewonnen, Mary!“, murmelte er dumpf. „Es war mein Fehler, Sie zu unterschätzen.“ Er hob langsam die Hände.

Tom sah, dass er sich ein wenig drehte, und schrie in heißer Sorge: „Vorsicht, Mary! Er …“

Winlocks linke Hand sauste mit voller Wucht herab und traf Marys Handgelenk. Das Mädchen schrie auf. Der Derringer wirbelte davon. Mit einem Ruck riss Winlock Mary an sich heran. Gleichzeitig griff er zum Holster.

Tom war zur Stelle, als Winlock den Hammer spannte. Gnadenlos schlug er mit dem Coltlauf zu. Winlock brach in die Knie und ließ die Waffe fallen. Mary wich erschrocken zur Seite. Hinter der Verandabrüstung schnellten die Revolverschwinger in die Höhe. Einen schrecklichen Moment sah es aus, als würde ein Kugelregen den Marshal von Blue Ridge niedermähen. Tom setzte Winlock die kalte Coltmündung ins Genick.

„Ich habe immer noch Zeit, ihn mit auf den langen Weg zu nehmen! Vergesst das nicht! Und ich frage euch nur eines: Wer bezahlt euch dann?“

Es ging wie ein Aufstöhnen durch die Banditenschar. Die schussbereiten Revolver sanken herab. Coburn kam taumelnd aus der Saloontür. „Lasst euch nicht bluffen, Jungs! Alles ist besser als der Galgen!“

Die Desperados schwankten. Alles stand jetzt auf Messers Schneide. Tom hörte Kirby und seine anderen Helfer hinter sich herankommen. Aber wenn sich jetzt die Verbrecher nochmals aufrafften, würde ihn nichts mehr vor dem sicheren Tod bewahren können. Er rief scharf: „Keine Voreiligkeiten! Mir liegt nur daran, dass in dieser Stadt Ordnung und Frieden herrschen. Keinem von euch wird ein Haar gekrümmt, wenn ihr in den nächsten zehn Minuten eure Pferde sattelt und Blue Ridge den Rücken kehrt.“

„Beim Henker! Ein besseres Angebot werdet ihr in eurem ganzen verpfuschten Leben nicht mehr bekommen!“, ließ sich Kirby Mills krächzend vernehmen. Ein paar Sekunden verstrichen noch, dann polterten die Desperados einer nach dem anderen die Verandastufen herab und verschwanden in Richtung zum Mietstall. Nur Coburn blieb zurück.

„Und Winlock?“

„Lasss ihn gehen, Tom!“, bat Mary leise. „Nimm ihm die Waffen ab, und schick ihn fort!“

„Mary, ich bin Marshal! Es ist meine Pflicht …“

„Tom, ich habe dir geholfen, weil ich dich liebe. Ich könnte es nicht ertragen, einen Mann an den Galgen zu liefern. Und wenn er ein noch so schlimmer Verbrecher wäre.“

In Toms Gesicht arbeitete es.

„Ich werde deine Frau sein, Tom!“, sagte sie sanft. „Willst du, dass dieser Schatten über unserer Zukunft liegt?“ Er nahm die Coltmündung von Winlocks Genick. Seine Linke kroch hoch und riss mit einem Ruck den fünfzackigen Stern vom Hemd. Das Abzeichen landete neben Winlock im Staub.

„Steh auf, Bandit!“

Halb benommen richtete sich der Verbrecher hoch. Tom tastete ihn schnell ab und holte einen kurzläufigen 36er Remington-Colt unter seiner Anzugjacke hervor. Dann trat er von Winlock zurück. Straßenabwärts führten die Revolvermänner ihre Gäule aus dem Mietstall, saßen auf und fegten im Galopp aus der Stadt hinaus.

Tom erklärte kalt: „Ich gebe dir noch drei. Minuten, Winlock! Sehe ich dann auch nur deine Nasenspitze noch in Blue Ridge, bist du geliefert!“

Jack Winlock klopfte den Staub von seiner Kleidung. Er blinzelte Tom argwöhnisch an. Tom halfterte seine Waffen. „Kom, Lew!“, murmelte Winlock Coburn zu und ging davon.

Coburn humpelte hinterdrein.

Mary trat neben Tom und legte ihm den Arm um die Hüften. „Ich danke dir, mein Lieber!“

Er zuckte lächelnd die Schultern. „Ich stehe noch immer in deiner Schuld!“

An der Einmündung einer Seitengasse drehte sich Winlock nochmals um. Der Hass verzerrte sein gut geformtes Gesicht. „Das war eben der größte Fehler deines Lebens, Bennet. Ein Fehler, den du eines Tages vergeblich bereuen wirst! Bennet, ich komme zurück! Ich schwöre es dir! Ich komme zurück, und dann wirst du das Zittern lernen. Ich werde nicht ruhen, bis du tot vor mir im Staub liegst, du Hund! Und Mary wird mir gehören, mir allein!“

Dann nahm ihn und Coburn der Schatten der Seitengasse auf. Pferde schnaubten, Sattelleder jankte. Gleich darauf setzten schnelle Hufschläge ein, die sich zum Stadtrand hin entfernten.

Obwohl seitdem ein Jahr vergangen war, hallten Winlocks Worte deutlich wie damals in Toms Ohren nach. Er ging mit den umgeschnallten Colts zur Tür und öffnete. Direkt vor der Schwelle standen drei kräftige Männer, die Hände gegen die Hüften gestemmt, und starrten ihm finster entgegen. Im ganzen Haus war es totenstill. Die drei Männer standen wie festgenagelt.

Toms Augen wurden eng.

„Gordon, Burkley, Cheegan – ich hoffe, ihr seid nicht auf Ärger aus.“ Burkley, der massigste von ihnen, hob die breiten Schultern. „Es liegt bei dir, Bennet. Wir werden dafür bezahlt, dass du nicht zu deiner Ranch reitest. Und ich finde, du solltest uns dafür dankbar sein. Also, sei friedlich, Bennet.“

„Duncan?“, fragte Tom nur.

Burkley nickte. „Wundert dich das? Der Doc will nur vermeiden, dass seine Tochter zur Witwe wird, ehe sie noch richtig verheiratet ist. Wer will ihm das verdenken?“

„Sag mir bloß nicht, dass sich einer von euch darüber den Kopf zerbricht!“, knurrte Tom grimmig. „Ich kenn‘ euch, Freundchen. Solange die Kasse stimmt, ist euch alles andere piepegal.“

Burkley grinste finster. „Und wenn‘s so ist, solltest du noch vorsichtiger sein, Bennet. Doc Duncan hätte sich keine besseren Hombres aussuchen können, was meinst du?“

„Gebt den Weg frei!“, verlangte Tom ruhig.

„Wir sind taub, Bennet!“, sagte Burkley und schüttelte den massigen Schädel. „Wir haben keine Ahnung, was du willst, mein Lieber!“

Tom ballte die Fäuste. Dann seufzte er tief, drehte sich ab und tat, als wolle er ins Zimmer zurücktreten. Die drei Schläger entspannten sich. Im nächsten Moment wirbelte Tom wie von einer Stahlfeder getrieben herum. Und noch aus dieser Bewegung heraus zuckte seine geballte Rechte in die Höhe und erwischte Burkley genau am Kinn.

„Das ist meine Zeichensprache, Muchachos!“, stieß Tom wild hervor. „Und die werdet ihr ja hoffentlich kapieren!“

Er feuerte den nächsten Schwinger blitzschnell auf Gordon ab, während Burkley gegen die Korridorwand taumelte und sich ächzend auf den Hosenboden setzte. Gordon stolperte rückwärts. Gleichzeitig wurde Tom von Cheegan erwischt. Der Mann drang wie ein angeschossener Bisonbulle auf ihn ein. Seine Schläge kamen kurz und hart. Tom wurde förmlich gegen den Türrahmen gehämmert. Die Luft blieb ihm weg. Die Schmerzen brannten wie Feuer. Eine Hand gegen die Korridorwand gestützt, schob sich Gordon auf unsicheren Beinen wieder heran.

Tom nahm den nächsten Haken Cheegans hin und ließ sich auf die Knie fallen. „Genug, Bennet?“ Cheegan wich zurück.

Tom schnellte vor, schlang seine Arme um Cheegans Beine und rammte ihn mit der Schulter aus dem Gleichgewicht. Cheegan prallte gegen Gordon. Beide gingen zu Boden. Gleichzeitig mit Tom kamen sie wieder hoch. Sofort griff Cheegan erneut an. Tom tauchte unter einer zackigen Geraden weg, fing Cheegans Anprall mit dem Oberkörper auf und hieb dem Mann aus allernächster Nähe die Faust an den Kinnwinkel. Cheegans Augen wurden glasig. Er fiel auf die Knie, ächzte und spuckte und murmelte mühsam: „Bennet, Mann, bist du unter ‘ner Wildpferdeherde aufgewachsen? Mich hat mal ein Mustanghuf erwischt. Das war genauso.“ Er kippte vornüber und blieb mit ausgebreiteten Armen reglos liegen.

Gordon half Burkley auf die Füße. Der Hüne schnaubte und knurrte halb benommen: „Bennet, du Teufelskerl. Ich werd‘ dir …“ Er schlug blindlings mit der Faust zu und erwischte seinen Partner mitten in den Leib. Nach Luft schnappend, krachte Gordon gegen die tapetenbespannte Bretterwand.

„Burkley, du verdammter Narr!“

Burkley rieb sich die Augen. „He, was ist denn los? Hast du zu viel getrunken, Gordon, dass du mir in die Faust läufst? Bennet, du Kanonensohn, wo steckst du?“

„Hier, Burkley!“, sagte Tom sanft direkt neben dem Hünen.

Burkley ruckte herum – direkt, in Toms Faust hinein. Er stellte sich auf die Zehenspitzen. Tom traf ihn wieder. Mit einem gehauchten Seufzer und verdrehten Augen kippte Burkley nach vorn. Tom fing ihn auf und legte ihn neben Cheegan. Er wandte sich Gordon zu. Der massierte seine Magengrube und drängte sich, mit dem Rücken zur Wand, an Tom vorbei.

„Lass es gut sein, Bennet. Ich bin bedient. Höllenfeuer, ich zahl‘ dem Doc die Moneten auf der Stelle zurück!“ Er stolperte den Gang entlang und verschwand auf der Treppe, die zur Hotelhalle hinaufführte.

Tom rieb sich die aufgeschlagenen Knöchel. Seine Hände schmerzten. Er fragte sich grimmig, ob er mit diesen Händen schnell genug sein würde, wenn er draußen auf seiner kleinen Ranch Jack Winlock und dessen Kumpanen gegenübertrat. Er zog die Zimmertür hinter sich zu. Als er die ersten drei Schritte zur Treppe zurückgelegt hatte, knackte hinter ihm ein Gewehrschloss.

„Du hast wie ein Panther gekämpft, Tom. Aber es war umsonst. Schnall deine Eisen ab, sonst mache ich den Finger krumm!“

Tom erkannte die Stimme. Einen Moment stand er stocksteif. Dann drehte er sich langsam herum. Aaron Duncan hielt einen Spencerkarabiner auf ihn angeschlagen. Seine Haare schimmerten weiß in der Dämmerung des Korridors. Eine Weile schauten sich die beiden Männer wortlos an. Tom schüttelte den Kopf.

„Das tust du nicht, Doc!“, sagte er ruhig. „So weit gehst du nicht!“

„Täusche dich nur nicht, mein Junge!“, stieß Duncan heftig hervor. „Ich leb‘ lange genug in diesem höllischen Land, um mit einem Schießeisen richtig umgehen zu können. Ich werde dir ein Ding in die Schulter verpassen, wenn du nicht sofort tust, was ich verlange. Tom, ich hab‘ immer eine Menge von dir gehalten. Es tut mir leid, dass ich dir so kommen muss. Aber Mary …“

„Meinst du, sie ist damit einverstanden?“ Mit einer Kopfbewegung wies Tom auf das Gewehr.

„Ich weiß, dass sie Angst hat!“, murmelte Duncan kratzend. „Höllische Angst. Um dich, Tom! Und ich frage mich allmählich, ob du das überhaupt verdienst. Wenn Mary dich nicht so sehr liebte, beim Himmel, ich würde dich ungehindert vor Winlocks Revolver rennen lassen, du Narr. Und jetzt keine Reden mehr, ‘runter mit deinen Eisen!“

„Nein. Doc!“

„Tom!“, knirschte der Doc. „Unterschätze mich nicht. Zwing mich nicht dazu, dich zu hassen.“

„Gib mir das Gewehr, Doc. Sei vernünftig!“ Tom ging langsam auf Duncan zu. Dieser wich unwillkürlich einige Schritte zurück. Das Flackern in seinen Augen verriet Tom, dass er nahe daran war, die Nerven zu verlieren.

„Stehenbleiben, Tom. Mann, sei nicht so verrückt. Ich warne dich. Komm mir nicht näher!“

„Doc, entweder gibst du mir das Gewehr – oder du musst schießen. Ich lasse dir keine andere Wahl. Meinst du wirklich, dass du mich richtig triffst? Wenn ich sterbe, Doc, was wird dann Mary sagen?“ Er kam näher und näher.

Duncan atmete keuchend. „Beim Henker! Ich fange an, dich zu hassen, Tom. Wie kann ein Mann nur so stur und kaltschnäuzig sein? Mary? Du redest von Mary, Tom? Und dabei kümmerst du dich in Wirklichkeit einen Dreck darum, was sie denkt und empfindet. Sonst würdest du nicht …“

Tom streckte die Hand nach dem Spencerkarabiner aus, der heftig in Duncans Händen schwankte. Da schrie der weißhaarige Doc schrill: „Ich schieße, Tom. Du willst es nicht anders!“ Der Finger begann sich um den Abzugshebel zu krümmen.

„Dad!“, gellte ein entsetzter Schrei vom Treppenaufgang her.

Für einen Moment war Aaron Duncan abgelenkt. Tom packte blitzschnell den Karabinerlauf. Donnernd entlud sich der Schuss. Die Kugel fauchte an Toms Kopf vorbei und grub sich in die tapetenbespannte Wand. Tom und Duncan standen Brust an Brust, jeder das Gewehr mit beiden Fäusten umklammert.

Mary rannte atemlos heran. Ihre Wangen glühten vor Erregung. „Dad! Tom! Um Himmels willen!“

Duncan starrte aus weiten Augen auf das Loch in der Wand, nur wenige Handbreit neben Toms Kopf. Er zitterte plötzlich, schluckte würgend und ließ den Karabiner los.

„Mein Gott!“, flüsterte Mary erschüttert. „Um ein Haar hättest du ihn getötet!“

Tom schleuderte das Gewehr zu Boden. Duncan lehnte sich an die Wand und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Er hat es herausgefordert!“, flüsterte er dumpf. „Er wollte nicht auf mich hören. Mary, ich hab‘ es für dich getan!“

„Ich will Tom nicht halten!“

„Aber ich weiß, was du empfindest. Ich weiß, wie dir die Angst zusetzt. Mary, warum sagst du es ihm nicht?“

Sie senkte den Kopf und schwieg. Tom trat vor sie und nahm ihr Gesicht zwischen seine kräftigen Hände. „Du hast Angst?“

Sie nickte krampfhaft und versuchte zu lächeln. Ihre Stimme war kaum hörbar. „Welche Frau hätte das nicht?“

„Mary“, sagte er rau, „ich kann es dir nicht ersparen, so gern ich es auch wollte. Ich muss es austragen. Wir wären nirgends vor Winlock sicher. Wir könnten niemals in Frieden leben.“

„Ich weiß, Tom. Du brauchst nichts zu erklären!“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. „Geh jetzt, Tom. Geh schnell – ehe ich dich vielleicht doch bitte, es nicht zu tun.“ Sie wandte sich rasch von ihm ab, und er sah, wie sich ihre schmalen Schultern verkrampften.

Aaron Duncan starrte ihn stumm und brennend an. Tom, atmete tief ein und ging mit langen Schritten davon. Das Gewicht seiner beiden tief geschnallten Frontiercolts schien ihm schwerer als je zuvor.

 

 

4

Lauernd standen sie nebeneinander vor dem niedrigen Ranchhaus, die Hände griffbereit über den Revolverkolben, ein wildes Funkeln in den Augen. Keiner rührte sich, keiner sagte ein Wort.

Toms Blick wanderte über ihre kantigen gnadenlosen Gesichter, und eine seltsam kalte Leere entstand in ihm. Er saß ruhig im Sattel. Eine Minute lang war kein Laut zu hören. Die ganze Szene wirkte wie erstarrt.

Dann sagte Jack Winlock gelassen: „Ich freue mich, dass du so schnell gekommen bist, Bennet.“

„Keine Voreiligkeit, Winlock. Es wäre besser für dich gewesen, wenn du nicht ins Blue Ridge County zurückgekehrt wärst. Jetzt hast du ein Menschenleben auf dem Gewissen. Kirby Mills ist tot!“

Winlock lächelte kalt. „Eine gute Nachricht. Wetten, dass der gute alte Mills nicht lange allein bleibt?“

„‘s kommt nur darauf an, wer an der Reihe ist!“, erwiderte Tom schwer. Er glitt aus dem Sattel und band das Tier am Corralzaun fest, ohne die drei Banditen einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen. Sie bewegten sich noch immer nicht. Tom ging langsam auf den Ranchhof. Nur das leise Klirren seiner Sporen und das Knirschen des Sandes waren zu hören. Die Luft schien mit Elektrizität geladen.

„Du machst dir doch keine Hoffnungen, Bennet?“, lächelte Winlock kalt. „So verrückt bist du doch nicht, wie?“

„Vielleicht genügt es mir vollauf, wenn ich dich erwische, Winlock. Und das werde ich todsicher schaffen.“

Winlocks Lächeln erlosch. „Noch immer die alte Überheblichkeit, Bennet. In ein paar Minuten wird davon nichts mehr übrig sein, verlass dich darauf. Und weißt du, was ich tun werde, wenn du im Staub liegst? Dann reite ich nach Blue Ridge, Hombre. Dann hol‘ ich mir Mary Duncan. Wie gefällt dir das, he? Niemand wird mich stoppen können. Sie wird mir gehören, wie ich‘s damals versprochen habe!“

Toms Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. „Du redest zu viel, Winlock. Das war schon immer dein Fehler!“

Der sehnige Verbrecher fand sein Lächeln wieder. „Und du erträgst es nicht, mir zuzuhören, was? Insgeheim weißt du nämlich genau, dass alles so kommen wird, wie ich es sage. Schlimm für dich, Bennet. Du verlierst nicht nur dein Leben, sondern auch die Frau, die du liebst. ‘ne verdammt hübsche Frau! Ich werde mit ihr …“

„Vergiss nicht, dass du vorher kampfen musst, Winlock!“

„Ein Kinderspiel. Du bist schon so gut wie tot. Pass auf, Bennet, mein Freund Powderface wird jetzt bis zehn zählen, Dann ziehen wir. ‘ne faire Sache, oder? Nur – du musst uns alle drei schaffen, wenn du überleben willst.“ Sein kaltes Lächeln wurde breit. „Powderface, Amigo, fang an!“^

Der narbengesichtige Hüne räusperte sich „Verteufelt viel Mühe für diesen hergelaufenen Staubfresser. Meinetwegen soll er das Vergnügen haben. Aufgepasst, Mr. Bennet. ‘s geht los! Eins – zwei …“

Sie neigten die Oberkörper nach vorn und spreizten die Beine. Powderface zählte langsam und schwer. In Tom Bennet war jeder Nerv bis zum Zerreißen angespannt. Eine merkwürdige Unruhe hatte ihn erfasst. Es war nicht die Angst vor dem Augenblick, an dem Powderface zu Ende gezählt haben würde. Diese ganze Sache passte nicht zu einem Mann wie Winlock. Winlock war skrupellos und hinterhältig. Es war nicht seine Art, ein Risiko einzugehen, wenn sich dies vermeiden ließ. Und im merhin musste Winlock damit rechnen, dass Toms erste Kugel ihm gelten würde, auch wenn Tom dann von Chihuahua und Powderface erwischt wurde.

„Fünf – sechs – sieben …“

Powderfaces Gesicht, dessen Narben von einer Pulverexplosion stammten, wirkte hässlicher als jemals zuvor. Chihuahua war wie eine sprungbereite Raubkatze. Die Rinderpeitsche hing zusammengerollt an seinem Gürtel, und die dick geflochtene Lederschnur war noch dunkel von Kirby Mills‘ Blut. Winlocks Miene war glatt und straff, die hellen Augen ausdruckslos wie Eissplitter.

„Acht!“, zählte Powderface heiser. „Neun!“

Und dann vernahmen sie alle das rasende Trommeln von Pferdehufen. Ein Schuss peitschte. Eine vor Anspannung schrille Stimme wehte auf den sonnenhellen Ranchhof.

„Achtung, Tom. Eine Falle! Sie sind nicht allein!“

Alles ging jetzt Schlag auf Schlag. Winlock fluchte und griff zum Colt. Chihuahua und Powderface ebenfalls. Durch das Hufehämmern krachte wieder ein Schuss. Die Kugel schleuderte vor den Banditen eine Staubfahne in die Höhe. Die Verbrecher prallten unwillkürlich zurück.

Instinktiv ließ sich Tom fallen und riss seine beiden Frontiercolts heraus. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie es zwischen den Ranchgebäuden und Corrals lebendig wurde. Überall waren auf einmal huschende dunkle Gestalten. Winlock war mit einer ganzen Bande ins Land zurückgekommen. Von Anfang an hatte er nicht daran gedacht, Tom zum Schuss kommen zu lassen. Ein paar Kugeln aus dem Hinterhalt hätten für ihn jedes Risiko ausgeschaltet!

Mündungsfeuer flammten. Tom rollte über den Sand. Staub und Pulverrauch verschleierten den Hof. Winlock war aus seinem Blickfeld verschwunden. Er feuerte aufs Geratewohl auf die angreifenden Banditen. Neben ihm gruben sich Kugeln in die Erde. Das Krachen war ohrenbetäubend. Die Hölle schien losgebrochen.

Plötzlich war ein Pferd bei Tom. Eine schmale Gestalt glitt aus dem Sattel. Eine weiße Bluse leuchtete. Marys Haar war zerzaust und staubgepudert.

„Schnell, Tom! Weg von hier!“

Eine Kugel streifte das Pferd. Das Tier wieherte schrill und wollte ausbrechen. Tom war schon wieder auf den Beinen und packte das Holster. Beim Ranchhaus war ein wildes Durcheinander von stolpernden und springenden Männern. Die Schüsse knatterten pausenlos.

„Zur Scheune, Mary!“, keuchte Tom. „Komm!“ Er zog das Pferd als Deckung neben sich her. Mary blieb dicht neben ihm. Winlocks schneidende Stimme drang durch den Lärm. Ein paar Desperados kamen vom Corral gestürmt, wo Tom seinen Braunen angebunden hatte. Tom feuerte im Laufen. Ein Bandit begann zu taumeln und fiel schließlich auf die Knie. Dann wurde Marys Pferd wieder erwischt. Wie von einer Riesenfaust getroffen, knickte es nach vorn ein. Tom ließ das Holster los.

„Lauf, Mary!“, brüllte er heiser.

Die junge Frau rannte los. Tom folgte ihr geduckt und feuerte dabei aus allen Rohren. Eine Kugel furchte ihm die linke Wange auf. Dann war er schon in der Scheune. Das breite Tor hing schief in den Angeln. Die wütenden Schüsse der Winlock-Leute hielten ihn davon ab, es zu schließen. Das hereinflutende Sonnenlicht zeichnete eine breite Goldspur auf den festgestampften Lehmboden.

Keuchend drückte sich Tom neben das Tor an die Bretterwand. Mary war dicht neben ihm. Er spürte die Wärme ihres jungen erhitzten Körpers. Draußen verstummte das heftige Schießen. Der Pulverdampf zerflatterte im Sonnenschein. Die Scheune war fensterlos und niedrig. Altes Zaumzeug und Sättel hingen an den Wänden, Kisten und Fässer waren gestapelt, und gleich neben der breiten Lichtbahn stand ein reparaturbedürftiger Ranchwagen. Strohballen und Heu türmten sich in einer Ecke bis zu den Dachsparren hoch.

Tom wagte einen vorsichtigen Blick ins Freie. Der Ranchhof lag leer. Nur das tote Pferd, der aufgewühlte Sand und die verstreuten Patronenhülsen verrieten den heftigen Kampf, der da draußen eben noch getobt hatte. Hinter den Ecken des Ranchhauses und des gegenüberliegenden Stalles schimmerten Revolverläufe. Ein Schuss dröhnte, und neben Toms Gesicht wirbelten Holzsplitter vom Tor. Schatten bewegten sich hinter den Corralzäunen näher an die Scheune heran. Tom gab einige Schüsse ab, und die Bewegungen erstarben.

Er wandte sich Mary zu. „Du hast mir das Leben gerettet. Aber ich wünschte fast, du wärst nicht gekommen. Ich will dir nichts vormachen, Mary. Wir sitzen hier fest.“

Der gedrungene schwere 36er Colt wirkte fremd in ihrer schmalen Rechten. Noch immer hob und senkte sich ihre Brust unter der leichten Sommerbluse. Das Pulver hatte dunkle Spuren auf ihrem schmalen hübschen Gesicht zurückgelassen.

„Ich hielt es in Blue Ridge einfach nicht mehr aus, Tom. Ich bin froh, dass ich es noch rechtzeitig geschafft habe. Ich gehöre zu dir, Tom, und ich habe keine Angst.“ Ihre Augen wichen ihm nicht aus.

Seine Hände zitterten leicht, als er die Colts nachlud. Winlock hatte nahezu ein Dutzend hartgesottener Burschen bei sich. Und aus dieser Scheune gab es nur den einen Ausgang, den die Banditen mit ihren Revolvern unter Kontrolle hielten. Seine eigene Ranch hatte sich in eine Todesfälle verwandelt.

Irgendwo im Freien mahlte Sand unter behutsamen Stiefelschritten. Er wusste, dass er es auf die Dauer nicht verhindern konnte, dass sie näher herankamen. Sein Blickfeld war begrenzt. Es gab genug Deckungsmöglichkeit für die Verbrecher.

Winlocks harte Stimme trieb heran.

„Bennet, ich hoffe, du freust dich nicht zu früh. Du hast nur eine Frist herausgeschunden, nichts weiter! Wir sind zwölf Mann, Bennet. Es ist besser, du gibst auf, Hombre. Dann machen wir es kurz und schmerzlos. Also los, reiß dich zusammen!“

„Ich seh‘ nicht ein, warum ich euch die Arbeit ersparen soll. Warum kommst du nicht, Winlock, und holst mich?“

Details

Seiten
139
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738928792
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v489216
Schlagworte
kugel mary

Autor

Zurück

Titel: Die letzte Kugel war für Mary