Lade Inhalt...

Das Puma-Girl

2019 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Puma-Girl

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

Das Puma-Girl

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 139 Taschenbuchseiten.

 

Sie ritt und schoss wie der Teufel. Man sagte, in ihren Adern fließe glühend heiße Lava. Und für den Mann, den sie liebte, war sie bereit, mitten durch die Hölle zu gehen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Das Herandröhnen vieler Pferdehufe trieb den erschöpften Mann vom Stuhl hoch. Keuchend schwankte er quer durch den leeren dämmrigen Saloon. Ein gehetzter Ausdruck flackerte in seinen Augen. Draußen langte die Kavalkade vor der Veranda an. Eine heisere Stimme brüllte: „Da steht sein Gaul! Er ist drinnen, Jungs! Schnappt ihn euch!“

Als Jack Sheridan die Holztreppe erreichte, die zum Obergeschoss führte, polterten die Stiefel bereits die Veranda herauf. Gleich darauf flogen die Schwingtüren auf. Die wilde staubbedeckte Meute stürzte herein.

„Sheridan, du Hundesohn, gib auf!“

Jack befand sich auf halber Treppenhöhe. Verzweifelt griff er zum Colt. Seine Hand war zu langsam. Die stundenlange Flucht vor den Kimbrough Brüdern und ihrem aufgepeitschten Aufgebot hatte ihre Zeichen an ihm hinterlassen. Unten stach ein halbes Dutzend Mündungsflammen durch die Saloondämmerung. Die Detonationen verschluckten den Lärm der vorwärts hämmernden Stiefel, der kippenden Stühle und zerklirrenden Gläser.

Der Schmerz fuhr glühend in Jacks rechten Oberschenkel. Das Bein knickte unter ihm weg. Im letzten Moment hielt er sich krampfhaft mit der linken am Treppengeländer fest. Die Rechte brachte den 45er aus dem Holster. Mörtelbrocken rieselten auf ihn herab, Holzsplitter flogen ihm um die Ohren.

Verbissen stieß er die Waffe zwischen den Geländerpfosten durch und feuerte blindlings auf die Mündungslichter, die aus den Pulverschwaden glühten. Ein schriller Aufschrei antwortete, Flüche folgten. Tische wurden umgeworfen, Männer gingen dahinter in Deckung. Andere Gestalten huschten hinter die langgestreckte Mahagonitheke. Ein wahrer Kugelregen prasselte gegen die Treppe.

Jack biss die Zähne zusammen, raffte sich geduckt hoch und arbeitete sich weiter die Treppe hinauf. Blut sickerte warm sein rechtes Bein hinab. Schmerz und Erschöpfung drohten ihm jeden Augenblick die Besinnung zu rauben. Wie aus weiter Ferne hörte er Douglas Kimbroughs Stimme.

„Zum Teufel! Worauf wartet ihr noch?“, schrie er. „Haltet ihn auf!“

Mechanisch schoss Jack zwei, drei Kugeln in den Saloon hinab. Einer der vordersten Verfolger stürzte in die Schulter getroffen, riss einen Tisch um und behinderte die nachdrängenden Gefährten. Das kurze Durcheinander schenkte Jack Sheridan die Frist, das obere Treppenende zu erreichen. Völlig ausgepumpt brach er zusammen. In seinem Kopf dröhnte es, als würde er jeden Moment zerspringen. Nach Atem ringend, wälzte sich Jack auf den Bauch, unfähig, auch nur noch ein Yard zurückzulegen. Seine Hände zitterten wie im Fieber, als er die Colttrommel nachlud. Eine kleine Blutlache entstand unter seinem rechten Bein.

Drunten wurde eine Nebentür aufgerissen. Ein hünenhafter glatzköpfiger Mann stürmte mit hochrotem Gesicht in den Saloon. Das Schießen verstummte.

„Höllenfeuer, Pech und Schwefel! Seid ihr alle verrückt geworden?“, brüllte der Hüne, der im Saloon zugleich den Job eines Keepers, Rausschmeißers und Kochs versah. „Wenn ihr eure Schießkünste beweisen wollt, dann sucht gefälligst ’nen anderen Platz dafür aus. Hier wird nicht ...“ Er brach jäh ab, als ihm von links und rechts je ein Revolverlauf in den massigen Leib gedrückt wurde.

„Du hältst den Schnabel, Pete Haskel! Los, an die Wand mit dir, mein Lieber! Und keinen Mucks mehr, sonst kracht es!“

„He, Miller, Jones, was ist in euch gefahren? Ich ...“

„Keinen Mucks! Hast du nicht gehört, du Elefantenbaby? Du hältst uns bestimmt nicht davon ab, ’nem verdammten Mörder das zu geben, was ihm zusteht!“ Die Revolvermündungen drängten den Hünen gegen die tapetenbespannte Bretterwand. Sein Kopf wurde so rot, als würde er in der nächsten Sekunde platzen. Auch kein Wort kam mehr über seine zusammengepressten Lippen.

Von allen Seiten huschten und krochen sie zwischen Tischen und Stühlen auf die Treppe zu. Jack Sheridan sah sie wie durch milchige Nebelschleier. Es kostete ihn Mühe, den schwerkalibrigen Colt in die Höhe zu bringen.

„Kimbrough, rufen Sie die Leute zurück!“ Die Worte kamen als verzerrtes Krächzen über seine rissigen Lippen. „Ich habe mit dem Überfall nichts zu tun! Ich bin kein Mörder!“

Ein zorniges Auflachen schallte. Drei, vier Männer wagten den Sturm auf den Treppenabsatz.

Jack versuchte krampfhaft zu zielen. Der Colt zitterte in seiner Hand. Als der Schuss brach, pfiff die Kugel hoch über die Angreifer weg und zerschlug eine Fensterscheibe. Triumphgeschrei brandete auf. Die ersten Gegner waren schon auf den ausgetretenen Holzstufen. Jack besaß noch die Kraft, die Waffe in Anschlag zu halten. Verzweiflung schnürte ihm die Kehle zu.

Plötzlich stockte im Saloon jede Bewegung. Jemand schrie warnend: „Achtung, das Puma-Girl!“

Draußen trommelte rasender Hufschlag, ein Pferd schnaubte, und Staub quirlte über die halbhohen Türflügel herein. Die Männer schwärmten aus und wandten sich dem Eingang zu. Von einer Sekunde zur anderen herrschte Stille. Jack wollte sich hochstemmen und einen Warnruf ausstoßen. Die Kraft fehlte ihm dazu, er brachte nur ein tonloses Krächzen aus der Kehle. Und dann knallten die Türflügel schon auseinander, und das Puma-Girl stand im Saloon.

 

 

2

Kitty Ryans funkelnder Blick glitt über die von Pulverrauch umhüllten Männer. Mit ihrer klaren festen Stimme fragte sie scharf: „Was geht hier vor?“

Sie war mittelgroß, schlank und strahlte Elastizität und die Tatkraft eines Mädchens aus, das in einem rauen Land unter rauen Männern aufgewachsen ist. Ihr schmales hübsches Gesicht mit den roten Lippen und dunklen Augen war ausdrucksvoll und von einer kühlen Klarheit. Unter der Krempe ihres flachkronigen Hutes ergoss sich eine Fülle pechschwarzen Haares auf ihre Schultern. Niemand hatte sie je ohne den 36er Remingtoncolt an ihrer Hüfte gesehen. Sie war die Besitzerin des Puma-Saloons. Aber das Puma Girl wurde sie hauptsächlich deshalb genannt, weil sie wild und gefährlich wie eine Raubkatze sein konnte.

„Nun?“ Sie stampfte ungeduldig mit einem Fuß auf. Ihre schmale Rechte näherte sich unauffällig dem Coltholster.

„Miss Kitty!“, schnaufte Pete Haskel drüben an der Wand. „Jack ist da oben! Sie wollen ihn ...“ Er stöhnte, als ihm einer seiner Bewacher die Coltmündung in die Seite rammte.

„Jack?“ Die Farbe wich aus Kittys Gesicht. „Was ist mit ihm?“

Douglas und Emmet Kimbrough kamen von der Theke herüber. Beide waren große Männer in dunklen teuren Tuchanzügen. Emmet, dem die First Western Bank in Harper Wells gehörte, besaß einen buschigen blonden Backenbart. Sein Bruder Douglas hatte ein hartliniges Gesicht mit kalten Augen. Er verschränkte selbstbewusst die Arme vor der Brust.

„Ma’am, dies hier ist momentan nicht der richtige Platz für eine Lady. Sie sollten ...“

„Vielleicht interessiert es Sie, dass Sie sich in meinem Saloon befinden, Mister!“

Douglas Kimbrough zuckte die Achseln. „Wir bezahlen selbstverständlich den Schaden, der hier entsteht.“

Kitty machte einen entschlossenen Schritt auf ihn zu. „Mich kümmert nicht der Schaden, sondern der Mann, hinter dem ihr her seid. Jack Sheridan ist mein Verlobter.“

Emmet Kimbrough räusperte sich, zupfte nervös an seinem Backenbart und meinte: „Tut mir leid, Miss Kitty. Sheridan war dabei, als der Geldtransport für meine Bank überfallen wurde. Sechzigtausend Dollar wurden geraubt, das Begleitpersonal niedergeschossen. Sheridan ist ein Mörder!“

Kitty erstarrte. „Niemals!“

Emmet Kimbrough deutete auf einen hageren scharfgesichtiger Mann, der zwei Coltholster an einem gekreuzten Patronengurt trug. „Sie kennen Link Duane? Er arbeitet als Wächter und Revolvermann für meine Bank. Er hat den Überfall als einziger überlebt. Er ist Zeuge ...“

„Duane lügt!“

Die Köpfe zuckten herum. Dort oben, hatte sich Jack Sheridan halb hinter dem Treppengeländer emporgezogen. Sein Gesicht war grau und von Schweiß überströmt.

„Jack!“, schrie Kitty.

Douglas Kimbrough gab den Männern einen herrischen Wink. „Gebt es ihm!“

Da zog das Puma-Girl ihren Remington, schnell und flüssig. „Niemand rührt sich, sonst jage ich diesem Mann ein Stück Blei zwischen die Rippen!“

Die Mündung ihrer Waffe zielte auf den Bruder des Bankbesitzers. Douglas Kimbrough schob sein massiges Kinn vor, seine Augen wurden ganz eng.

„Sie haben den Verstand verloren, Ma’am! Den Verbrecher da oben retten auch Sie nicht mehr!“

„Wir werden sehen! Jack ist kein Bandit. Jack, sag es ihnen!“

„Sinnlos!“, grollte Douglas Kimbrough. „Niemand glaubt einem Mörder! Duane hat selber gesehen, wie Sheridan den Kutscher vom Bock schoss. Er hat ihm nicht die geringste Chance gelassen!“

Wütendes Gemurmel durchlief die Reihen der Umstehenden. Oben klammerte sich Jack mit beiden Händen krampfhaft am Geländer fest. „Wenn Duane das behauptet, steht er selber mit den Banditen im Bunde. Ich habe den Lärm des Überfalls gehört, als ich für meinen Rancher nach verstreuten Rinderrudeln suchte. Als ich die Poststraße erreichte, war es schon zu spät. Ich geriet in einen Schusswechsel mit der Bande und musste abziehen. Die Verbrecher waren maskiert. Ich kann nur noch sagen, dass ihr wertvolle Zeit auf falscher Fährte verliert, Leute. Vielleicht will Duane nur das erreichen!“ „Verdammter Schuft!“, fauchte Link Duane. „Dafür werde ich dir noch selber den Strick um den Hals legen! Du erwartest doch nicht, dass dir auch nur ein Mensch ein Wort glaubt!“

„Ich auf jeden Fall!“, erklärte Kitty Ryan entschieden. „Und deshalb werdet ihr jetzt alle brav hier verschwinden! Sofort, verstanden? Ich halte noch immer den Finger am Abzug, vergesst es nicht!“

Die Aufgebotsmitglieder tauschten unschlüssige Blicke. Douglas Kimbrough knurrte rau: „Sie wird es nicht tun! Sie blufft nur! Lasst diesen Mordbanditen nicht entwischen, Männer!“

„Sie irren sich, Mister!“, sagte Kitty kalt. „Sie sind neu in Harper Wells. Fragen Sie Ihren Bruder, fragen Sie die anderen. Die werden Ihnen bestätigen, dass ich ...“

In diesem Augenblick konnte sich Jack Sheridan am oberen Treppenende nicht mehr auf den Füßen halten. Der dumpfe Aufschlag seines Körpers ließ Kitty herumzucken. Einen Moment waren ihre dunklen Augen groß vor heißer Sorge. Douglas Kimbrough handelte blitzschnell.

Seine Faust traf Kittys Handgelenk. Sie schrie auf. Der Colt wirbelte auf die Bodenbretter. Im nächsten Moment hatte Kimbrough sie an beiden Oberarmen gepackt und riss sie zu sich heran. Kein Laut kam über ihre Lippen. Stumm und verzweifelt wand sie sich in seinem rohen Griff, trat mit den Stiefelabsätzen nach ihm und versuchte ihn zu beißen.

„Verdammte Katze!“, schimpfte er. „Zum Teufel, was glotzt ihr so? Helft mir! Haltet sie fest!“ Ein paar Männer sprangen hinzu, rissen das schwarzhaarige Mädchen in ihre Mitte und pressten ihr die Arme auf den Rücken. Sie keuchte und gab noch immer nicht auf, ihre Augen glühten.

„Lumpenpack!“, schnaufte Pete Haskel. „Lasst die Finger von dem Girl!“ Er hatte die schussbereiten Revolver vergessen und stieß sich wie ein angeschossener Bisonbulle von der Wand ab. Seine rudernden Fäuste fegten zwei, drei Männer zur Seite. Dann traf ihn ein Revolverlauf schräg über die Glatze. Pete taumelte. Ein Mann sprang ihn von vorn an. Er wischte ihn mit einem wilden Schwinger zu Boden. Dann wurde er wieder von einem Coltlauf getroffen. Der Hüne brach zusammen.

Auf dem oberen Treppenabsatz kam Jack Sheridan nach Atem ringend auf die Knie. „Weg von dem Mädchen, ihr gemeinen Kojoten! Sonst schieße ich!“ Der Revolverhahn knackte unter seinem Daumen.

Douglas Kimbrough lachte wild auf, packte Kittys volles schwarzes Haar und riss ihr den Kopf in den Nacken. Sie ließ keinen Ton hören. Kimbrough schrie heiser: „Na los, du Narr! Drück doch ab! Wer garantiert dir, dass du nicht das Girl triffst, he?“

Jack stöhnte vor Schmerzen, Wut und Verzweiflung. Kimbrough rief: „Nehmt ihn fest, Freunde! Morgen früh wird er hängen!“

Die Männer rannten sporenklirrend zur Treppe. Kitty schrie: „Wehr dich, Jack! Um Himmels willen, du musst schießen!“

Kimbroughs Leute polterten die Stufen hinauf. Jack starrte auf seinen 45er.

„Denk an das Girl!“, warnte Douglas Kimbrough scharf. „Wenn du willst, dass sie ungeschoren bleibt, dann sei vernünftig.“

„Elender Schuft!“, fauchte ihn das Mädchen an. „Jack, du musst kämpfen!“ Jacks Kinn sank ihm auf die Brust. Er ließ den Colt fallen. Grölend legten die Angreifer die letzten Stufen zurück. Jack wehrte sich nicht, als sie ihn brutal in die Höhe zerrten. Schmerzen und Hoffnungslosigkeit zeichneten sein erschöpftes Gesicht. Schlaff hing er zwischen den kräftigen Gestalten. Sein rechtes Hosenbein war dunkel von Blut. Niemand kümmerte sich um seine Verletzung. Lärmend schleppten sie ihn die Treppe hinab.

Kitty hatte alle Gegenwehr aufgegeben. Ihr dunkler Blick war an dem Mann, den sie liebte, wie festgebrannt. Jack versuchte ihr zuzulächeln. Es wurde eine verzerrte Grimasse daraus. „Du bist ein tapferes Girl, Kitty! Ich danke dir.“

Seine mühsamen Worte schnitten ihr ins Herz. Douglas Kimbrough rief: „Schafft ihn in die Stadt hinab! Ihr habt eine Nacht lang Zeit, den Galgen für diesen Mörder zu bauen!“

„Kimbrough! Dazu habt ihr kein Recht! Ihr müsst warten, bis Sheriff Dwyer zurück ist!“

Emmet Kimbrough legte seinem Bruder eine Hand auf die Schulter. „Vielleicht hat sie recht, Doug!“

„Unsinn! Der Sheriff sucht draußen im Rattlesnake Canyon nach Viehdieben. Es kann Tage dauern, bis er wieder in Harper Wells auftaucht. Zum Geier, willst du riskieren, dass uns dieser Lump wieder durch die Lappen geht? Ein skrupelloser Mörder? Der Kerl, der dich ruiniert hat, Emmet? Nein, Bruder, im Morgengrauen wird er hängen, verlass dich drauf! – Bringt ihn weg!“

Sie schleiften Jack zur Tür. Seine Blicke blieben dem Puma-Girl zugewandt, Blicke, die seine ganze Bitterkeit und Not verrieten. „Was auch geschieht, Kitty, du darfst nie glauben, dass ich es getan habe ...“

Sie schüttelte den Kopf, während sich die Fäuste ihrer Bewacher fester in ihre Schultern und Arme krallten. Ihre Stimme war hell und klar: „Ich liebe dich, Jack! Ich werde nicht zulassen, dass sie dich töten! Ich werde für dich kämpfen!“ Dann war das grimmige Rudel mit dem Gefangenen schon aus dem Puma Saloon verschwunden.

Douglas Kimbrough drehte sich langsam zu dem Mädchen herum. „Schlag dir diese Idee aus dem Kopf, meine Süße. Wenn du auf die Moneten scharf bist, die dieser Kerl mit seinen Kumpanen erbeutet hat, dann bereite dich schon jetzt auf ’ne Enttäuschung vor.“

Kitty wich seinem stechenden Blick nicht aus. Sie sagte herb: „Ich fange an, Sie zu hassen, Kimbrough! Gehen Sie mir aus den Augen! Sie widern mich an!“

Die Miene des schwergewichtigen Mannes verzerrte sich. Sekundenlang sah es so aus, als würde er dem Mädchen, ins Gesicht schlagen. Sein Bruder Emmet zog ihn zurück. Douglas knurrte den Männern, die Kitty festhielten, zu: „Ihr bleibt hier und sorgt dafür, dass diese Wildkatze und Haskel den Saloon keinen Fußbreit verlassen! Ihr haftet mir dafür, verstanden? Diese Banditenbraut wird ihren Liebsten nur als Leiche wiedersehen!“

Mit einem Ruck wandte er sich zum Gehen. Seine letzten Worte hatten Kitty wie unter einem Peitschenhieb zusammenfahren lassen. Zum ersten Mal war nichts als blankes Entsetzen auf ihrem schmalen hübschen Gesicht ...

 

 

3

Samtschwarze Nacht hatte sich vor die Fenster des Puma-Saloons gesenkt. Die Petroleumlampen an der Decke verbreiteten trübe Helligkeit und malten die Schatten der Menschen groß und verzerrt an die Wandtapeten. Einer der drei Wächter, die die Kimbrough Brüder zurückgelassen hatten, hockte mit ausgestreckten Beinen auf einem Stuhl direkt vor dem Ausgang, hatte den Hut halb übers Gesicht gezogen und schien zu dösen. Die zwei anderen hatten sich an einem Tisch in der Nähe niedergelassen. Der eine reinigte gelangweilt seinen Revolver, der zweite drehte sein leeres Whiskyglas zwischen den Fingern. Seit geraumer Zeit ließ er Kitty Ryan nicht mehr aus den Augen. Sie lehnte gedankenverloren an der Theke. Pete Haskel war in einer Ecke auf einen Stuhl gefesselt und konnte nur noch den Kopf bewegen. Die Nebentür stand offen, und das laute Ticken einer Standuhr zerklopfte das abgrundtiefe Schweigen.

Von der Stadt herauf klang fern und gedämpft Hammerschlag und das monotone Singen einer Säge. Der eine Mann stellte mit hartem Ruck das leere Glas auf die Tischplatte. „Der Galgen! Wetten, dass sie in ’ner Stunde fertig sind! Hallo, Kitty, meine Süße, gib mir ’nen neuen Drink. Nimm gleich die ganze Flasche mit. Die Nacht wird lang ...“

Das schwarzhaarige Mädchen rührte sich nicht. „He!“ Der Mann schlug die Faust auf den Tisch, dass das Glas hüpfte. „Was ist das für ’ne Bedienung in dieser Bruchbude? Muss ich erst aufstehen und dir zeigen, wie man mit guten Gästen umgeht, mein Schätzchen, eh?“

Kittys Blick richtete sich kalt und durchdringend auf ihn. Dann langte sie ruhig hinter sich und kam mit einer vollen Whiskyflasche langsam zum Tisch herüber. Der zweite Mann schaute vom Waffenreinigen nicht auf. Der Bursche bei der Tür begann auf seinem Stuhl unter dem Hut hervor laut zu schnarchen.

„So ist’s brav!“ Das unrasierte Gesicht des Wächters verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Als zahmes Kätzchen gefällst du mir bedeutend besser, Puma-Girl.“ Er fasste nach ihrem Handgelenk. „Komm, setz dich zu mir! Sheridan ist es nicht wert, dass du dir seinetwegen den Kopf zerbrichst. Wir beide …“

Er wollte Kitty auf seinen Schoß ziehen. Ihr schmales Gesicht war völlig unbewegt. Wortlos und schnell holte sie mit der vollen Whiskyflasche aus und schlug zu. Der Unrasierte verdrehte die Augen, ächzte und kippte vom Stuhl.

Mit einem Satz war sein Partner auf den Füßen, wischte mit dem Ärmel den zerlegten Revolver vom Tisch und griff zum Gewehr neben sich. Da hatte Kitty blitzschnell dem Unrasierten den Colt aus dem Holster gezogen.

„Keine Bewegung! Weg mit dem Gewehr!“

Der Mann, ein knochiger Kerl mit strähnigem flachsblondem Haar, fluchte und zögerte unschlüssig. Bei der Tür war ein scharrendes Geräusch. Der dritte Wächter war aufgewacht, hatte den Hut aus dem Gesicht geschoben und starrte aus aufgerissenen Augen auf die Szene. Kitty fuhr halb herum. Der Knochige schrie: „Greif an, Jim!“

Da fuhr aus Kittys Revolver bereits ein Feuerstrahl. Der nächste Schuss verschmolz mit dem ersten. Kittys rote Lippen waren fest zusammengepresst, sie zuckte mit keiner Wimper. Der Stuhl besaß plötzlich nur noch zwei Beine. Jim landete unsanft auf dem Hosenboden und schrie erschrocken auf, als ihm Kittys dritter Schuss den Hut vom Kopf fegte.

Pete Haskel in der dämmerigen Ecke stieß einen heiseren Warnschrei aus. Da war der Knochige schon mit einem Tigersprung über den Tisch weggehechtet und packte Kittys Handgelenk. Sein Anprall schleuderte das Mädchen zu Boden. Keuchend fiel der Angreifer über sie.

„Verdammtes Biest! Dir werd’ ich ...“

Kitty hatte den Colt verloren. Ihre Fingernägel zogen rote Kratzer über das Gesicht des Mannes. Der Knochige brüllte vor Schmerzen und rollte von ihr weg. Mit katzenhafter Geschmeidigkeit kam das Puma-Girl hoch. Von der Tür stürzte Jim mit wutverzerrter Miene auf sie zu. Gleichzeitig umklammerte der Knochige, auf den Brettern kniend, ihre schlanken Beine und versuchte, sie zu Fall zu bringen. Kitty kämpfte wie ein Pumaweibchen, riss ihr linkes Knie mit aller Kraft empor und traf den Knochigen mitten ins Gesicht. Er verlor das Gleichgewicht. Sie versetzte ihm einen Stoß mit ihren kleinen festen Fäusten, und er fiel auf die Seite. Da war Jim bei ihr.

„Jim!“, brüllte Pete und zerrte wie verrückt an den Fesseln. „Sie ist ’ne Frau! Das kannst du nicht tun!“

Jim zerrte sie roh herum und holte mit der Faust aus. Sie rammte ihm mit verzweifelter Kraft die geballte Rechte mitten in den Leib. Jim krümmte sich ächzend zusammen. Im nächsten Moment hatte Kitty das Gewehr des Knochigen erwischt und schlug zu. Jim fiel hart nach vorn. Als der Knochige taumelnd hochkam, schaute er direkt in die Mündung seiner eigenen Waffe. Kittys helle Stimme war etwas atemlos.

„Steh auf, Pratt! Die Hände nach oben!“

Der Mann starrte zuerst ungläubig auf sie, dann auf seine beiden besinnungslosen Gefährten, schließlich schüttelte er sich, als wollte er damit seine Benommenheit abstreifen.

„Teufelsweib! Das wird dir noch leidtun!“ Geduckt und die Hände krallenartig gespreizt, glitt er auf sie zu. Kitty rührte sich nicht vom Fleck.

„Ich habe dich gewarnt, Pratt!“ Ihre Augen funkelten.

Er schielte auf das Gewehr und grinste tückisch. „Keinen Bluff, Wildkatze! So leicht jagt man keinem Menschen ’ne Kugel in ...“

Das Gewehr dröhnte. Direkt vor Pratts linker Stiefelspitze klaffte plötzlich ein Loch im Boden. Wieder brüllte die Waffe. Ein Wirbel von Holzsplittern flog Pratt ins Gesicht. Er wurde bleich und wich langsam zurück. Die Gewehrmündung folgte und spie wieder eine grell färbende Feuerlanze. Die Kugel streifte Pratts Stiefelsohle. Er machte unwillkürlich einen erschrockenen Luftsprung. Und nun feuerte das Puma-Girl mit einer Schnelligkeit und Präzision, wie Pratt sie noch nie erlebt hatte. Repetieren und schießen – die Bewegungen verschmolzen ineinander. Kugel um Kugel hämmerte in den Bretterboden. Und Pratt hüpfte wie ein Irrer, um den schmetternden Einschlägen zu entgehen. Sein Mund stand offen, seine Augen quollen hervor. Er schwitzte und keuchte.

Pulverqualm lagerte beizend, unter der Decke, als das Gewehr schwieg. Kitty lächelte kalt. „Genug, Pratt? Ich hab’ noch ein paar Kugeln im Magazin. Ein gutes Gewehr hast du da.“

Total erschöpft hielt er sich an einer Tischkante fest. „O Höllenfeuer! Es reicht, Miss Ryan!“ Er schüttelte sich.

Kitty winkte mit dem Gewehrlauf. „Dann geh zu Pete hinüber und binde ihn los.“

Kurz darauf massierte sich Pete Haskel grinsend die Handgelenke. Sein breitflächiges Gesicht glühte vor Aufregung. „Prächtig, Miss Kitty, wirklich prächtig. Ich wollte, ich könnte jemals so mit ’nem Schießprügel umgehen.“ Er betrachtete bekümmert seine klobigen ungeschickten Fäuste.

Kitty ging zur Theke und schnallte ihren Revolvergurt mit dem 36er Remington um. Von einem Haken nahm sie einen siebenschüssigen Spencerkarabiner, überprüfte kurz das Magazin und klemmte das Gewehr unter den Arm. „Pete, du sorgst dafür, dass diese drei Gentlemen die Nacht auch weiterhin in unserem Saloon verbringen. All right?“

„Mit Vergnügen, Ma’am!“ Der glatzköpfige Hüne packte Pratt an der knochigen Schulter und drehte ihn zu sich herum. „Hast du gehört, Freundchen? Jetzt haben wir ’ne Menge Zeit, uns darüber zu unterhalten, wie man mit ’ner Lady umgeht.“

„Pete!“, krächzte Pratt erschrocken. „Du kannst doch nicht ...“

„Und ob ich kann!“, brummte Pete Haskel freundlich und hieb ihm die geballte Rechte ans Kinn. Pratt wurde vom Boden weggehoben und landete auf einer Tischplatte. Der Tisch ging in Trümmer. Pratt lag schlaff darüber.

Kitty sagte vorwurfsvoll: „War das nötig, Pete?“

Der Hüne bewegte verlegen die massigen Schultern und wurde, wie so oft, tomatenrot. „Na ja, Ma’am, ich meine, so kann ich die drei Schnapsfiguren besser unter Kontrolle halten, nicht? Und Sie, Miss Kitty?“

Ihre Miene war ernst und entschlossen. „Zweifelst du etwa daran, dass die Kimbrough-Brüder und ihre Anhänger ernst machen? Wir haben nur noch Zeit bis zum Morgengrauen.“

Pete seufzte. „Die ganze Stadt ist in dieser Nacht auf den Beinen. Unmöglich, Jack herauszuhauen! Unmöglich! Ich wollte, ich ...“

„Auf einem guten Pferd kann man vielleicht den Weg zum Rattlesnake Canyon hin und zurück schaffen, ehe es Tag wird. Und mein Black King ist ein gutes Pferd. Pete, ich werde Sheriff Dwyer suchen. Er ist meine letzte Hoffnung.“ Ihre Stimme wurde tonlos. Rasch wandte sie sich ab und stiefelte zur Tür. Pete wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

„Der Himmel möge Ihnen helfen, Miss Kitty!“

Minuten später saß das Puma-Girl auf dem hochbeinigen prächtigen Rapphengst Black King und lenkte das Pferd in flottem Tempo dem von Schluchten und Tälern zerfurchten Land im Nordwesten zu. Von dem sehnigen dunklen Reiter, der ihr in sicherem Abstand lauernd wie ein hungriger Wolf folgte, ahnte sie nichts ...

 

 

4

Das Lagerfeuer bohrte einen purpurnen Fleck in den tintenschwarzen Schatten der gewaltigen Felswand. Im Schein der züngelnden Flammen betrachteten die drei wettergegerbten Männer aufmerksam ihre ausgefächerten Pokerkarten. Der kleine rothaarige Rusty Randall schleuderte sein Blatt mit einer wütenden Bewegung in den feinkörnigen Sand, der die Sohle des Canyons bedeckte.

„Hast wohl heute das Glück löffelweise gefressen, was, Curly Joe? Ich passe! Hab’ meinen letzten Cent verloren, verdammter Halsabschneider!“ Der junge schwarzlockige Bursche ihm gegenüber grinste breit. „Und du, Lefthand?“

Der Dritte war groß, hager, und der buschige Schnurrbart verstärkte nur noch den mürrischen Eindruck seines faltigen Gesichts. Er hielt die Karten in der Linken, aus seinem rechten Jackenärmel, ragte eine Holzfaust. Er zuckte nur die Achseln, schüttelte den Kopf und reichte die Karten zu Curly Joe hinüber. Der Schwarzhaarige begann, noch immer grinsend, das neue Spiel zu mischen. Rusty Randall tippte sich an die Stirn.

„Ich hab’ doch keinen Vogel, mein Junge ... Mir reicht’s für heute. Was willst du mir auch noch abgewinnen, he? Meine Hosen vielleicht?“

„Hm! Seh mir schon dauernd die Flasche neben dir an, Rusty. Ist bis oben voll, was?“

Rusty grinste verschmitzt. „Daher weht der Wind. Willst deinem Glück die Krone aufsetzen, eh? Meinetwegen. Noch ’ne Runde, Curly.“

„Und du, Lefthand?“

Der Schnurrbärtige brummte nur, ließ sich auf den Sattel zurücksinken, der ihm als Kopfkissen diente, und schloss die Augen. Die Nacht war warm und still, der “Himmel von Sternen übersät. Irgendwo in der Ferne heulte ein Kojote. Curly Joe teilte mit flinken Fingern die Karten aus. Rusty schielte auf die Flasche. Joes Stimme war voller Triumph. „Na, alter Satteltramp?“

Rusty seufzte bitter. „Bist nicht zu schlagen. Mein Blatt ist zu schäbig. Ich geb’s auf. Zahlst du eigentlich dem Leibhaftigen selber Provision oder wie machst du das? Da hast du die Flasche. Werde selig damit!“ Er warf seinem jungen Sattelpartner die Flasche zu. Curly Joe fing sie geschickt auf und zog den Korken mit den Zähnen. Er schnupperte genießerisch.

„Mmmm, das riecht aber. Was ist das, Curly? Echter Bourbon?“

„Versuch’s doch mal!“, brummte Rusty und wandte sich vom Feuer ab. In seinem verwitterten Gesicht zuckte es.

Curly Joe streichelte die Flasche, setzte sie an den Mund und nahm einen langen kräftigen Schluck. Im nächsten Moment fuhr er wie von einer Hornisse gestochen in die Höhe, schleuderte die Flasche von sich und begann neben dem Feuer einen wilden Tanz aufzuführen. Mit einer Hand fasste er seine Kehle und würgte, dass ihm die Augen hervorquollen.

Rusty kicherte hämisch. „Echter Bourbon, was? Denkste, mein Junge! Richtige Pferdemedizin ist das! Gerade gut genug für so ’n Glücksross wie dich!“ Wieselflink schnellte er hoch, als Curly Joe wie ein Panther übers zusammensinkende Feuer schnellte. „Rusty, du rothaariger Teufel, das wirst du mir büßen!“

Auf seinen kurzen krummen Beinen fegte Rusty zwischen die hohen Mesquite und Kreosot Sträucher hinein, hinter denen sie ihre Pferde ungehobelt hatten. Er kam nur ein paar Schritte weit, dann trat ihm ein großer breitschultriger Mann mit angeschlagenem Colt entgegen. Rusty prallte zurück und stieß dabei mit solcher Wucht gegen seinen Verfolger, dass er und Curly Joe zu Boden gingen und in den Lichtkreis des Feuers rollten.

Der Breitschultrige folgte. „Hab’, ich euch endlich, ihres Halunken! Keine Dummheiten, sonst knallt es! Im Namen des Gesetzes, ihr seid verhaftet!“

„Heiliger Strohsack!“, krächzte Rusty erschüttert. „Ein Sternträger!“

Sheriff Dave Dwyer stand breitbeinig da und ließ die Coltmündung kreisen. „Hoch mit euch! ’n bisschen schnell, sonst mach’ ich euch Beine!“

Rusty und Joe standen auf, Lefthand kam von seinem Lager herüber. Rusty räusperte sich. „Muss ’n Irrtum sein, Sheriff! Wir sind harmlos Leute und ...“ „So harmlos, dass ihr gestern Nacht versucht habt, ’ne Rinderherde von der Circle T-Ranch zu holen, was? Keine Ausrede! Ich bin eurer Fährte genau gefolgt.“

„Du lieber Himmel!“, murmelte Rusty zerknirscht. „Wollten uns doch nur mit ’n bisschen Frischfleisch versorgen. Es ist doch nicht der Rede wert bei so ’ner großen Ranch. Außerdem hat es nicht geklappt. Sheriff, sei’n Sie menschlich! Wir werden ...“

„Zum Teufel! Sei still!“, knurrte Curly Joe finster. „Siehst du ihm nicht an, dass er ganz wild drauf ist, uns ins Jail zu bringen? Vielleicht ist später auch noch ’n Strick gefällig, was? Rusty, Amigo, ich kenne diese Sorte! Jetzt heißt es kämpfen ...“

Lefthand legte ihm die dunkle schwere Holzfaust auf die Schulter. „Spiel nicht verrückt, Junge! Es ist ein Unterschied, ein paar Kühe zu klauen oder ’nen Sternträger umzulegen. Außerdem hast du keine Chance gegen ihn!“

„Klug gesprochen!“, knurrte Dave Dwyer. „Und jetzt kein Palaver mehr! Die Hände hoch und ...“

Hufschlag prasselte den Canyon entlang. Die Männer hoben lauschend die Köpfe; „Lasst euch keinen Unsinn einfallen!“, warnte der Sheriff von Harper Wells. „Los, weg aus dem Lichtkreis!“

Die schmale Reitergestalt schälte sich schnell aus der Nacht. „Kitty!“, murmelte Dwyer überrascht. Er hob seine Stimme: „Hierher, Kitty!“

Kurz darauf kam der große schwarze Hengst stampfend neben dem Camp Feuer zum Stehen. Kitty Ryan überflog die Szene mit einem Blick, Ihr Atem flog.

„Gott sei Dank! Ich hatte schon Angst, Sie nicht mehr zu finden! Sheriff, Sie müssen sofort in die Stadt zurück!“

„Was ist los, Kitty?“

„Ich erzähle es Ihnen unterwegs! Wir haben keine Zeit zu verlieren! – Wer sind diese Männer?“

„Die Rinderdiebe, hinter denen ich seit gestern her bin!“

Curly Joe starrte sie aus großen Augen an. Himmel! Was für eine Schönheit! Mit einer schwungvollen Verbeugung zog er seinen Stetson. „Ma’am, Ihr Anblick lässt mich vergessen, dass dieser dickschädelige Kerl mir seinen Schießprügel unter die Nase hält. Wenn ich Sie so ansehe ...“

Rusty rammte ihm den Ellenbogen gegen die Rippen. „Du Trottel, merkst du nicht, dass deine geschwollenen Sprüche hier fehl am Platz sind? – Ma’am, entschuldigen Sie. Dieser junge Hüpfer ...“

„Rusty!“, fauchte Joe erbost. „Was fällt dir ein! Ich werde dich gleich ...“ Dwyers Colthammer knackte laut und deutlich. Joe verschluckte sich. Er und Rusty schauten sich achselzuckend an und schwiegen beleidigt. Dwyer fragte: „Holen Sie ihre Pferde, Kitty? Ich muss diese Burschen mitnehmen.“

„Dann kommen wir nicht schnell genug voran, Sheriff ...“

„Tut mir leid, Kitty, ich habe meine Pflicht zu tun. Und ihr Kerle rührt euch bloß nicht von der Stelle!“

Kitty beugte sich auf ihrem unruhig tänzelnden Rappen vor. „Hören Sie, Sheriff, Jack Sheridans Leben steht auf dem Spiel!“

„Was? Hölle, wir werden uns beeilen ...“

„Ohne diese Leute!“ Kitty hielt wie durch Zauberei plötzlich ihren 36er Remington in der schmalen Rechten.

„Kitty!“ Für einen Moment zeigte Dwyers eckiges Gesicht nur Verblüffung.

„Oha!“, flüsterte Curly Joe. „Was für ein Mädel!“

Das Puma-Girl sagte herb: „Tut mir leid, Dwyer, Sie lassen mir keine andere Wahl! Stecken Sie Ihr Eisen weg oder ...“

„Ich denke nicht daran!“, schnaufte der Sheriff wütend. „Kitty, Sie gehen zu weit! Ich …“

Kittys Colt entlud sich. Dwyers Revolver wirbelte zwischen die Sträucher. Mit schmerzverzogenem Gesicht schlenkerte der Sheriff seine Faust.

„Bravo!“, schrie Curly Joe begeistert. „Großer Himmel! Das ist die Frau meines Lebens. Ma’am, ich ...“

Kittys Remington schwenkte zu den Satteltramps herum.

„Verschwindet!“

Joe knetete die Krempe seines Stetsons mit beiden Händen. Seine Schläfen glühten vor Aufregung. „Ma’am, sagen Sie mir, um Himmels willen, wo ich Sie wiedersehen kann! Ich muss ...“

Rusty packte ihn am Ärmel. „Du Narr! Hast du nicht gehört, was sie sagte? Mein Junge, lass dir von ’nem erfahrenen Mann was sagen. Diesem Mädel ist der härteste Hombre nicht gewachsen. Menschenskind, glaubst du etwa, die zielt zum Spaß auf uns? – Ma’am, nicht ungeduldig werden! Wir gehen schon! Wir fliegen, Ma’am! Und auch vielen Dank ...“

Lefthand war auf seine stumme, kurz entschlossene Art schon zwischen den Büschen verschwunden. Rusty zog Curly Joe hinterher. Hufe stampften, Sattelleder jankte. Dwyer schüttelte den Kopf.

„Was ist in Sie gefahren, Kitty? Diese Männer sind Gesetzesbrecher! Und Sie ...“

„Diese Männer sind nicht besser und schlechter als tausend andere in diesem Land! Stellungslose Cowboys, die der Hunger zu einem Fehler trieb. Sheriff, das alles zählt jetzt nicht für mich. Harper Wells hat sich in einen Hexenkessel verwandelt. Im Morgengrauen soll Jack Sheridan hängen. Beeilen Sie sich!“

Hufgetrappel setzte hinter den Sträuchern ein. Die drei Rinderdiebe preschten tiefer in den dunklen Schlund des Rattlesnake Canyons hinein. Kitty ließ die Waffe sinken. „Bitte, Sheriff!“ Kopfschüttelnd schob sich Dwyer in die Büsche. Kitty wartete in heißer Ungeduld. Von Dwyer war nichts mehr zu hören und zu sehen. Kitty stellte sich in den Steigbügeln auf.

„Dwyer! Wo stecken Sie?“

Stille und Reglosigkeit antworteten. Unbehagen beschlich das Puma-Girl. Es lenkte den Rappen in die Sträucher. Der Hengst blieb jäh stehen, schnaubte unruhig und spielte mit den Ohren. Vor ihm lag Dave Dwyer wie ein dunkles Stoffbündel im Sand. Kitty sprang vom Pferd.

„Sheriff!“ Sie kniete neben dem breitschultrigen Mann nieder und fasste seine Schulter.

Zweige raschelten hinter ihr, der Rapphengst schnaubte warnend. Kitty fuhr herum. Der Halbmond schob sich über die Kante des Rattlesnake Canyons, und ein Strahl seines fahlen Lichtes streifte das piratenhafte Gesicht von Emmet Kimbroughs Bankwächter und Revolvermann Link Duane.

„Hallo, Puma-Girl!“ Duane grinste schief. „Hast ganze Arbeit geleistet! Nur umsonst!“

Kitty schnellte hoch und langte gleichzeitig zum Holster. Duane war darauf vorbereitet. Rücksichtslos traf er das Mädchen mit der Faust an der Schläfe. Vor Kittys Augen zerplatzte ein Feuerball. Dann versank alles in tintiger Schwärze. Dass sie neben dem Sheriff in den Sand schlug, spürte sie schon nicht mehr.

 

 

5

Als Kitty Ryan erwachte, stand der Mond schon so hoch, dass die ganze Breite des Rattlesnake Canyons mit seinem Silberlicht gefüllt war. Kitty wollte sich aufsetzen. Es ging nicht. Hände und Füße waren ihr mit dünnen Lederriemen gebunden. Die Erinnerung kam mit ätzender Schärfe. An dichtbelaubten Mesquitezweigen vorbei sah sie die rotglühenden Überreste des Lagerfeuers. Sheriff Dave Dwyer schwankte aus den Sträuchern hervor und zog seinen Gaul an den Zügeln hinterher. Eine Weile schaute sich der Sheriff benommen um und rieb sich dabei den Hinterkopf, wo ihn Duanes Revolverlauf getroffen hatte. Dann langte er achselzuckend nach dem Sattelhorn, um sich aufs Pferd zu ziehen. Kitty öffnete den Mund zu einem Anruf.

Da fühlte sie den kalten unmissverständlichen Druck einer Coltmündung an der Schläfe. Link Duanes verkniffenes Gesicht schob sich schräg über sie. Seine Augen waren kalt wie Eisstücke.

„Nur ein Ton, meine Liebe, und du kannst dem Teufel persönlich die Hand schütteln!“

Dwyer schwang sich in den Sattel. Kitty grub die Zähne in die rote Unterlippe. Sie dachte an Jack, den die Kimbrough Brüder dem sicheren Tod geweiht hatten, und ihr Herz klopfte in schmerzhaften Stößen. Dwyer beugte sich tief im Sattel und suchte den Boden nach Spuren ab. Kitty beobachtete ihn in fieberhafter Spannung und hoffte, dass er sein Pferd in Richtung nach Harper Wells lenken würde. Dave Dwyer schien etwas gefunden zu haben. Er spornte sein Pferd an. Kittys Herzschlag drohte auszusetzen, als sie merkte, dass der Sheriff auf der Fährte der geflohenen Satteltramps tiefer in den Canyon hineinritt.

Der Wunsch zu schreien wurde fast übermächtig. Aber da war Duanes schussbereite Waffe. Und das scharfgeschnittene Gesicht des Revolvermannes verriet, dass er keine Sekunde zögern würde, seine Drohung wahr zu machen. Erschöpft ließ Kitty den Kopf zurücksinken. Dwyers Pferd war schon zu weit entfernt, dass ihn ihr Ruf noch einholen konnte. Link Duane erhob sich mit einem leisen zufriedenen Lachen und schaute höhnisch auf das gefesselte Mädchen hinab.

„Du kannst also auch vernünftig sein, Puma-Girl. Sehr schön! Schade, dass ich keine Zeit habe, mich länger mit dir zu unterhalten.“ Er halfterte seinen Colt und betrachtete sie mit funkelnden Augen.

„Schuft!“, zischte Kitty zu ihm hoch. „Eines Tages wirst du für deine Verbrechen ...“

„Ich weiß nicht, was du da redest!“ „Hältst du mich für dumm, du Bandit? Warum bist du so versessen darauf, Jack an den Galgen zu liefern? Warum hast du ihn als Mörder und Geldräuber bezeichnet? Weil du die Leute auf eine falsche Fährte setzen willst! Weil du selber mit den Banditen unter einer Decke steckst!“

Duanes Miene wurde steinern. „Wird dir schwerfallen, das jemals zu beweisen, mein Kind. Emmet Kimbrough ist ein angesehener Mann in Harper Wells, und ich bin sein Leibwächter. Wem wird man mehr glauben? Mir oder irgendeinem beliebigen Cowboy wie Jack Sheridan?“

Kitty war blass vor Zorn. Verbissen zerrte sie an ihren Fesseln, und Duane wich unwillkürlich einen Schritt vor ihr zurück. Ihre dunklen Augen brannten. „Wenn Jack etwas zustößt, Duane, werde ich keine Ruhe geben, bis du dafür bezahlt hast! Wenn es sein muss, werde ich ganz allein auf deiner Fährte reiten, du Lump!“

Seine Augen wurden schmal. „Scheint zu stimmen, dass in deinen Adern Lava fließt, wie man sagt! Well, ich hab’ was für feurige Girls übrig. Bist mir jederzeit herzlich willkommen, mein Kätzchen.“ Er grinste schief. „Nur, bist du auch sicher, dass du jemals aus diesem Canyon fortkommst? Wie schon der Name sagt, gibt’s hier ’ne Menge von diesen netten niedlichen Klapperschlangen. Vielleicht wird sich eine davon mit dir ein bisschen die Zeit vertreiben, wenn ich fort bin. Wie gefällt dir das?“

Ihre Blicke wichen ihm nicht aus. Nur ein unmerkliches Zucken um die Mundwinkel verriet die jäh in ihr aufkeimende Angst. Ihre Stimme war herb und fest. „Jetzt weiß ich mit Sicherheit, dass du ein gewissenloser Bandit bist, Duane. Warum nimmst du nicht gleich dein Schießeisen? Den Gefallen, um Gnade zu flehen, werde ich dir bestimmt nicht tun!“

Duane zuckte die Achseln. „Vielleicht ist der Sternträger noch zu nahe. Er könnte den Schuss hören. Nein, ich denke, meine Methode ist besser. Hier findet dich niemand mehr. Höchstens eine Klapperschlange. Und nun, mein Herzchen, viel Spaß! Ich will nicht versäumen, wie man dem ehrenwerten Mr. Sheridan eine Hanfkrawatte verpasst!“

Er winkte ihr hämisch zu und wandte sich nach seinem Pferd.

„Duane!“ Die Kälte in ihrer Stimme ließ ihn stocken und zurückschauen.

Das Feuer in den Augen des Puma Girls war fast unheimlich. Das volle schwarze Haar und das Mondlicht verstärkten noch die kreidige Blässe des schmalen Gesichts. Ihre Stimme war voll wilder Entschlossenheit, wie Link Duane es noch nie bei einer Frau erlebt hatte.

„Du wirst alles bereuen, Duane! Schon bald! Ich schwöre es dir!“

Sekundenlang malte sich Unsicherheit auf seinem hartlinige Gesicht. Seine Hand kroch zum Revolverholster. Dann fing er sich wieder, lachte trocken auf und schwang sich in den Sattel. Ohne ein Wort zu verlieren, gab er seinem Gaul die Sporen und jagte in die Richtung davon, aus der er dem Puma-Girl gefolgt war.

Als sich das schnelle Hufgetrappel zwischen den mondlichtüberglänzten Canyonwänden verloren hatte, fiel die Furcht mit kaltem Würgegriff über Kitty Ryan her. Sie sah keine Chance mehr. Tage, sogar Wochen konnten vergehen, bis je wieder ein Mensch dieses unwirtliche Gelände betrat. Wenn sie nicht dem Biss einer giftigen Schlange zum Opfer fiel, dann warteten Hunger und Durst wie tödliche Gespenster. Aber das war nicht alles! Mitternacht war schon vorüber. Nur noch Stunden, dann würde man Jack Sheridan zum Galgen führen, und kein Mensch würde die Hand für ihn rühren. Duanes Aussage hatte ihn zum kaltblütigen Mörder gestempelt. Niemand würde für ihn Mitgefühl empfinden.

Der Gedanke daran riss Kitty aus ihrer Erstarrung. Mit neuer Heftigkeit versuchte sie die Fesseln zu lockern. Die Riemen scheuerten ihre Handgelenke wund. Sie biss die Zähne zusammen und gab nicht auf. Die Zeit verstrich wie im Flug. Und die Fesseln hielten. In Schweiß gebadet, das hübsche Gesicht von Schatten der Erschöpfung gezeichnet, ruhte sich Kitty schließlich aus.

Sand rieselte leise, irgendetwas bewegte sich zwischen den Büschen. Im nächsten Augenblick vernahm das Mädchen ganz nahe ein Geräusch, das ihr den Atem stocken ließ.

Es war Hufschlag. Ein Pferd tauchte auf. Ihr Rappe Black King. Kitty wälzte sich auf den Bauch und streckte ihre auf den Rücken zusammengebundenen Hände empor. „Fass an, King!“

Der Rappe war gut dressiert und begriff sofort. Mit seinem kräftigen Gebiss begann er an den Lederriemen zu zerren und zu beißen. Kittys Handgelenke schmerzten wie von Feuer versengt. Kein Laut der Klage kam über ihre zusammengepressten roten Lippen. Sie hatte das Gefühl, eine halbe Ewigkeit sei verstrichen, als endlich die Fesseln fielen. Die Riemen an den Füßen waren innerhalb weniger Sekunden gelöst. Kitty erhob sich. Die Erschöpfung ließ sie taumeln. Sie hielt sich am Steigbügel fest, tätschelte Black King den Hals und sprach leise und lobend auf ihn ein. Der Hengst rieb seinen Kopf an ihren Schultern.

Kitty dachte wieder an Jack, und der Zeitverlust war wie eine niederdrückende Bürde. Sie streifte die Müdigkeit und das Grauen der vergangenen Minuten wie eine leere Hülle ab. Mit einem elastischen Satz landete sie im Sattel, warf den Hengst mit einem energischen Zügelruck herum und stob den mit Silberlicht gefüllten Rattlesnake Canyon entlang nach Südosten, wo Harper Wells lag.

Als sie nach Stunden die Stadt erreichte, dämmerte über dem östlichen Horizont der neue Tag herauf. Die Kimbroughs und ihre Anhänger waren unterwegs, um Jack Sheridan aus seinem Verlies zu holen. Nichts war erreicht, um ihn vor dem schrecklichen Ende zu bewahren. Die Henkerschlinge baumelte im kühlen Morgenwind ...

 

 

6

Jack Sheridan vergaß die Schmerzen in seinem notdürftig verbundenen Oberschenkel, als er von kräftigen Männerfäusten auf die Plaza der kleinen Stadt Harper Wells gezerrt wurde. Ein kühler Wind ließ kleine Staubwirbel über den freien Platz im Häuserring tanzen. Der Himmel im Osten hatte sich schwefelgelb gefärbt. Schwarz, klobig und unheimlich zeichnete sich davor das Balkengerüst des Galgens ab. Eine Weile sah Jack nichts anderes als das leicht baumelnde Hanfseil mit der sorgfältig geknoteten Schlinge. Sein Magen war plötzlich wie mit Blei gefüllt.

Ein Fausthieb traf ihn zwischen die Schulterblätter. Eine raue Stimme dröhnte dicht an seinem Ohr: „Willst du hier Wurzeln schlagen, Sheridan, eh? Das könnte dir so passen, mein Lieber! Los, weiter, wir wollen es zu Ende bringen!“ Ein neuer Schlag stieß ihn von der Gehsteigkante herab. Die Männer waren links und rechts und hinter ihm und drängten ihn unaufhaltsam in Richtung Galgen.

Aus den dunklen Straßeneinmündungen und unter den Vordächern hervor strömten nun von allen Seiten Männer und Frauen auf den Platz. Dabei fiel kein Wort. Da war nur das Schaufeln der vielen Füße im düsteren Grau der Morgendämmerung. Alle Blicke wandten sich dem gefesselten blonden Mann zu, der von seinen Bewachern auf die Stufen gestoßen wurde, die zur Galgenplattform hinaufführten.

Droben stand unbeweglich und breitbeinig ein stämmiger Mann, der seinen Jackenkragen hochgeschlagen, den Hut tief in die Stirn gezogen und ein Halstuch vor die untere Gesichtshälfte gebunden hatte. Der Henker! Die Zähne zusammengebissen, begann sich Jack gegen den Griff der Übermacht zu stemmen. Sein gehetzter Blick fand die Gesichter der beiden Kimbrough-Brüder.

Er keuchte. „Ihr ladet einen Mord auf euch! Den schlimmsten Banditen steht ein ordnungsgemäßes Gerichtsverfahren zu! Der Sheriff wird ...“

Emmet, der Bankier, wandte sich unbehaglich ab und drängte hastig in die Menge zurück, die sich jetzt dicht um den Galgen scharte. Douglas starrte Jack aus harten Augen an.

„Hinauf mit ihm! Sheridan, gib dir keine Mühe mehr! Du wirst deinen Preis bezahlen!“

„Wo ist Duane?“

„Was kümmert’s dich! Los, weiter mit ihm! Lasst euch von diesem Mordbanditen nicht bluffen, Leute!“

Jack wurde die roh gezimmerten Holzstufen hinaufgezogen. Er starrte Douglas Kimbrough über die Schulter wild an. „Es wird nicht lange dauern, bis Ihnen und Ihrem Bruder die Augen aufgehen. Dann wird es leider zu spät sein. Von Duane wird keine Haarspitze mehr zu sehen sein, und das geraubte Geld …“

Ein Handrücken klatschte ihm wuchtig über den Mund. Seine Lippen platzten auf. Er taumelte, und wieder drohte ihm das verletzte Bein den Dienst zu versagen. Düster blickende Männer hielten ihn aufrecht und schoben ihn unter das Galgengerüst. Stumm und in nervöser Hast streifte ihm der Henker die Hanfschlinge über. In diesem Augenblick wichen alle wie auf ein geheimes Zeichen von Jack zurück. Auf der Plaza von Harper Wells erstarb auch das letzte Geräusch.

Einsam und verloren stand Jack da oben auf der viereckigen Plattform, direkt auf der Falltür, die sich jeden Moment unter seinen Füßen öffnen konnte. Die Hand des vermummten Henkers ruhte schwer auf dem Hebelgriff. Nur noch eine Bewegung trennte Jack Sheridan vom sicheren Tod. Der Hanf scheuerte gegen seine Kehle. Sein Gesicht war grau, erschöpft und von einem Stoppelbart umrahmt. Der kühle Wind spielte in seinem blonden Haar.

Totenstille herrschte auf dem dämmrigen Platz. Jack sah die vielen Gesichter ringsum wie hinter Milchglasscheiben. Alles in ihm war dumpf und schwer und hoffnungslos. Drunten vor den Stufen räusperte sich Douglas Kimbrough laut.

„Noch einen Wunsch, Sheridan?“ Seine Stimme war kalt und unpersönlich.

Jack schwieg. Sein Blick tastete über die Menge hin und suchte nur nach einem einzigen Gesicht – dem Gesicht des Mädchens, das er liebte. Nichts war von Kitty Ryan zu sehen.

Kimbrough sagte nüchtern: „Die Bürger von Harper Wells haben in dieser Nacht beschlossen, den Verbrecher Jack Sheridan für den Überfall auf den Geldtransport der First Western Bank und den Mord an dem Transportfahrer Samuel Healy mit dem Tod zu bestrafen! Der Henker möge diesen Beschluss vollstrecken – im Namen des Gesetzes, das sich diese Stadt selbst gegeben hat!“ Kimbrough trat von der Galgenplattform zurück. Die Menge hielt den Atem an. Die Faust des Henkers begann den Falltürhebel abwärts zu drücken.

Da dröhnte es wie ein Kanonenschlag durch das heller werdende Grau der Morgendämmerung. Vom Rand der Plaza gellte ein Schrei: „Der Puma-Saloon! Seht nur!“

Der Henker vergaß seine Arbeit. Alle Augen wandten sich dem Hügel zu, auf dem über die Dächer der Stadt weg das massige Saloongebäude zu sehen war. Während noch die donnernde Explosion verebbte, schien der ganze Puma-Saloon in seinen Grundfesten zu erzittern. Und dann ging es wie ein Aufstöhnen durch die Menge auf dem Platz. Aus Fenstern und Türen des Saloons schossen grellrote Feuerlohen, brachen durch das einstürzende Dach und verwandelten das Haus in Minutenschnelle in eine einzige gewaltige Fackel.

Eine dicke schwarze Rauchwolke schob sich in das sich ausdehnende Gelb des östlichen Firmaments. Funken und Ruß wirbelten daraus hervor. Das Prasseln und Tosen des Brandes drang bis zur Stadt herab.

Unruhige Bewegung durchlief die Schar auf dem Platz. Aufgeregte Stimmen schwirrten durcheinander. Ein großer Teil der Gaffenden schob und drängte über die Plaza in Richtung zum Hügel. Indessen schienen die Flammen des brennenden Saloons bis zum Himmel zu schlagen, überdeckten das blasse Licht des beginnenden Tages und tauchten die Stadt und die umliegenden Hügel in purpurne Helligkeit.

Douglas Kimbrough brüllte heiser: „Verdammt noch mal, kümmert euch jetzt nicht um diese alte Burg! Vergesst Sheridan nicht, ihr Narren! Henker, tu deine Pflicht!“

Die Menge wogte hin und her. Zähneknirschend riss Jack an seinen Fesseln. Die Schlinge spannte sich um seinen Hals. Der Vermummte wandte sich wieder dem Falltürhebel zu. Und dann hörten sie alle das rasende Gehämmer von Pferdehufen. Schon brachen struppige Gäule in halsbrecherischer Geschwindigkeit aus einer schattigen Gasseneinmündung hervor und rissen einen leichten hochrädrigen Ranchwagen hinter sich her, als besäße dieser überhaupt kein Gewicht.

Der geisternde Feuerschein verstärkte noch den wilden Anblick des durchgehenden Gespanns. Staub flog gegen die Häuserfassaden. Der Wagen schwankte hin und her, tanzte abwechselnd nur auf zwei Rädern und schien jeden Moment in den Sand zu krachen.

„Um Himmels willen! Aus dem Weg!“

Die Menge spritzte förmlich vor dem heranjagenden Gefährt auseinander. Die führerlosen Pferde fegten mit dem leeren Wagen quer über die Plaza direkt auf den Galgen zu. Eine Frau schrie spitz. Männer stolperten, stürzten, rafften sich hoch und drängten in panischer Hast den schützenden Gehsteigen und Veranden zu. Innerhalb kurzer Zeit war die eine Hälfte des Platzes wie leergefegt.

Der Henker stand wie gelähmt auf der Plattform. Sein Halstuch war herabgerutscht und gab das bärtige derbe Gesicht eines der Stadtbewohner frei. Aus geweiteten Augen starrte er dem Gespann entgegen, das wie von Teufeln gehetzt herandonnerte und in der nächsten Minute am Galgenaufbau zu zerschmettern drohte.

Jack Sheridan staute den Atem und vergaß momentan die Schlinge um seinen Hals, als hinter der Sitzlehne auf dem vermeintlich leeren Buggy plötzlich eine schmale Gestalt hochschnellte und nach den Zügeln langte.

„Kitty!“, krächzte er. Heiße Sorge und wilde Hoffnung vermischten sich in seinen Augen.

Details

Seiten
130
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738928686
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470853
Schlagworte
puma-girl

Autor

Zurück

Titel: Das Puma-Girl