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Kopfüber und im freien Fall in Las Vegas

2019 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Kopfüber und im freien Fall in Las Vegas

Copyright

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Kopfüber und im freien Fall in Las Vegas

Krimi von Timothy Stahl

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 135 Taschenbuchseiten.

 

Der Situationsbericht der Einsatzleitung hatte die Lage mit wenigen Worten so knapp wie präzise umrissen.

Ort des Geschehens: El Rancho Hotel & Casino, 2755 Las Vegas Boulevard South. Mindestens fünf schwer bewaffnete Geiselnehmer hatten sich mit ihren Opfern im elften Stockwerk des Gebäudes verschanzt. Man nahm an, dass es sich bei den Tätern um Angehörige einer der extremistischen Vereinigungen handelte, die in den vergangenen Jahren wie Unkraut aus den Trümmern der ehemaligen Sowjetunion aufgeschossen waren.

Wir – mein Freund Milo Tucker und ich sowie vier Kollegen vom FBI Las Vegas – stürzten uns in den Kampf.

Kopfüber und im freien Fall!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Wir kamen aus der Nacht. Wie aus dem Nichts. Unsichtbar für die Geiselnehmer. Das jedenfalls war Teil des groß angelegten Planes, und wir hofften, dass er aufging.

Wir waren aus einem Helikopter des Las Vegas Metropolitan Police Departments gesprungen, aus knapp 2600 Fuß Höhe und ein gutes Stück nördlich des eigentlichen Schauplatzes des Geschehens. Ein Experte hatte die Absprungstelle unter Einbeziehung der aktuellen Windverhältnisse so berechnet, dass wir nach allen Gesetzen der Thermik und Schwerkraft und was sonst noch eine Rolle spielte auf dem Flachdach des El Rancho landen mussten. Ich vertraute auf die Fachkenntnis des Mannes. Er wusste, wovon er sprach und was er tat – so wie jeder, der an diesem Großeinsatz beteiligt war, sich auf sein Handwerk verstand und sein Bestes gab. Außerdem baute ich auf die drei Gs, mit denen ich meistens gut gefahren war: Geschick, Gottvertrauen und eine Prise Glück.

Ein kurzes Piepsen, das via Helmfunk direkt in meinem Ohr aufklang. Das Zeichen der Einsatzleitung, die unseren Absprung mit Nachtsichtgeräten überwachte, den Fallschirm zu öffnen. Ich zog die Reißleine. Mit dumpfem Rascheln und Rauschen entfaltete sich der Stoff hinter mir.

FFFUPP!

Über mir blähte sich der kantige Pilz aus schwarzer Spezialseide. Ein kurzer, heftiger Ruck riss mich zehn, zwanzig Fuß in die Höhe. Dann ging es wieder abwärts, sehr viel gemächlicher als zuvor. Mein bis dahin rasender Fall hatte sich in ein sanftes Schweben verwandelt. Aus dem Augenwinkel registrierte ich, dass auch Milo Tucker und unsere vier Kollegen vom hiesigen FBI ihre Schirme ausgelöst hatten. Geräuschlos wie Schatten geisterten sie hinter mir durch die Nacht.

Rings um uns her flimmerte das orangene Lichtermeer der eigentlichen Stadt wie ein erkaltender Lavasee bis zu den im Dunkeln unsichtbaren Bergen hin, die das Valley einfriedeten. Vor uns lag der Strip, jene Pracht- und Glitzermeile, die für die meisten Menschen in aller Welt das Las Vegas darstellte. Gesäumt von riesigen prunkstrotzenden, neonbunten und lichtgleißenden Hotel- und Casinobauten, die einander in jeder Hinsicht überragen wollten.

Von rechts wogten Schreie zu uns heran. Vergnügungssüchtige, die den Nervenkitzel suchten und sich in die Achterbahn gewagt hatten, die auf der Spitze des Stratosphere-Towers in fast 1200 Fuß Höhe ihre wahnwitzig engen und halsbrecherischen Kurven zog. Wenn jemand von den beiden Decks dieses höchsten Aussichtsturms der United States in unsere Richtung schaute, würde er uns im Dunkeln kaum ausmachen: Unsere Fallschirme waren so schwarz wie unsere Kampfanzüge, beides aus einem Material, das Licht quasi "schluckte", anstatt es zu reflektieren. Und selbst wenn uns jemand sah, würde er sich kaum über sechs nächtliche Fallschirmspringer wundern – in diesem "Disneyland für Erwachsene" waren die Touristen aus aller Herren Länder andere Seltsamkeiten gewöhnt…

Mein Partner Milo Tucker hatte offenbar auch einen Blick zur Achterbahn hinüber geworfen.

"Nicht ums Verrecken würde ich mich da reinsetzen", hörte ich ihn ins Kehlkopfmikro brummeln.

"Und die meisten von den Verrückten da drüben würden wahrscheinlich nicht aus einem Hubschrauber springen", gab ich zurück.

"Tja", meinte Milo, "jeder ist eben auf seine eigene Art irre."

"Agent Trevellian, Agent Tucker", knisterte eine knurrige Stimme aus den winzigen Empfängern in unseren Helmen.

Grant Ashley, Special Agent in Charge für den FBI-Distrikt Las Vegas. Ein ganz anderer Typ als Mr. McKee, unser Chef zu Hause in New York. Ashley ging alles Väterliche ab, ebenso fehlte es ihm an der ruhigen Besonnenheit, mit der Jonathan McKee Herr aller Lagen blieb. Dafür hätte Grant Ashley beim Militär eine gute Figur gemacht.

"Haben Sie schon mal was von Funkdisziplin gehört?", bellte er uns über den Äther an wie ein Staff Sergeant eine Wagenladung frischer Rekruten.

"Gerüchteweise, Sir", antwortete Milo zackig.

Ich seufzte in mich hinein und hätte meinen Sportwagen darauf verwettet, dass Ashley sich noch heute Nacht per Fax oder Telefon bei Jonathan D. McKee über diese "Disziplinlosigkeit" beschweren würde. Aber ich verkniff mir jeden Kommentar und konzentrierte meine Aufmerksamkeit auf das, was – buchstäblich – vor uns lag.

Das Dach des El Rancho. Von unserer Warte aus schien es nicht größer als ein Badewannenvorleger. In Wirklichkeit jedoch hatte es in etwa die Abmessungen eines Footballfelds und bot uns damit Platz genug für eine sichere Landung.

In immer noch schwindelnder Höhe überquerten wir die Sahara Avenue, auf der sich die Autoscheinwerfer wie aneinander gereihte Perlen auf schwarzem Samt ausnahmen. Die Metro Police hatte die Zufahrt zum Las Vegas Boulevard gesperrt. Entsprechend staute sich der Verkehr, weil einige Fahrer diese Umleitung partout nicht akzeptieren wollten und meinten, wenn sie nur lange und laut genug hupten würde man die Sperrung extra für sie aufheben.

Wir passierten das Sahara Hotel and Casino, schwebten über die bonbonfarbene Bedachung des Eingangsbereichs hinweg, die in ihrer Bauweise den Kuppeln eines arabischen Märchenpalastes nachempfunden war. Dann ging unser Flug über die Pool- und Rutschenlandschaft des Wasserparks Wet 'n Wild. Dahinter lag der zugehörige Parkplatz, auf dem FBI und LVMPD ihr Kommandoquartier aufgeschlagen hatten – Patrol Cars, Vans, Zelte reihten sich teils aneinander, standen teils durcheinander. Dazwischen hektische Bewegung hin und her eilender Officers und Agents. Etwas abseits standen Krankenwagen und Fahrzeuge der Fire Departments. Über allem lag wabernd wie Nebel zuckendes Rot- und Blaulicht, das der Szenerie einen leicht unwirklichen Anstrich verlieh.

Aber das Chaos dort unten täuschte. Tatsächlich herrschte eine Art geheime, für Außenstehende undurchschaubare Ordnung, in der alles wie am Schnürchen lief, jeder Handgriff saß und kein überflüssiges Wort notwendig war, um die Einsatzmaschinerie aus Menschen und Technik am Laufen zu halten.

Das El Rancho wurde von gewaltigen Scheinwerferbatterien in gleißende Helligkeit gehüllt. Nicht einmal eine Kakerlake hätte unbemerkt über das Mauerwerk krabbeln können. Die Lichtbalken waren so ausgerichtet, dass sie mit der Dachkante abschlossen. Dadurch wirkte die Dunkelheit darüber ungleich dichter, als sie es eigentlich war. Uns bescherte diese Maßnahme den Vorteil, dass wir vom Boden oder einem der Hotelfenster aus unmöglich auszumachen waren.

Hoch über uns knatterten Hubschrauber. Ihre Positionsleuchten schufen flexible Sternbilder am Nachthimmel.

Ich richtete den Blick nach vorne. Der hohe, wie weiß glühende Quaderbau des El Rancho schien uns entgegenzuspringen. Ich korrigierte meinen Kurs um eine Winzigkeit und hielt dann ziemlich genau auf die Mitte der Dachkante zu, die schräg unter mir verlief. Zweieinhalb, drei Meter trennten mich noch vom sicheren Boden. Dann –

"Touchdown!", meldete ich der Einsatzleitung über Funk, als meine Füße den Boden berührten. Mit vier, fünf Schritten nahm ich meiner Landung die ärgste Wucht, bevor ich trotzdem noch unsanft gegen eine der teils mannshohen Dachaufbauten prallte. Mit raschen Handgriffen löste ich die Gurtschlösser und entledigte mich der Sprungausrüstung.

Auch meine Kollegen waren mittlerweile inmitten des unübersichtlichen Gewirrs aus Ansaug- und Abzugshauben der hoteleigenen Klimaanlagen, Entlüftungssysteme und dergleichen mehr gelandet. Ich fing Milos Blick auf, winkte ihn her. Er gab einem der Kollegen ein Zeichen und kam zu mir. Noch im Laufen zog er seine Waffe und überprüfte sie.

Der Special Agent, der ihm folgte, war eine Agentin: Deena Pilgrim, etwa in meinem Alter, kurz geschnittenes rabenschwarzes Haar, und ihr apartes Gesicht hatte mich schon bei unserer ersten Begegnung vermuten lassen, dass in ihren Adern auch ein paar Tropfen indianisches Blut flossen.

"Alles klar?", fragte ich die beiden und checkte meine Waffe.

Sie nickten.

"Dann los." Ich ging voraus.

In der Teerbeschichtung des Daches schwelte noch die sengende Wüstenhitze des Tages, strahlte zu uns hoch und erschwerte uns das Atmen. Die weichgewordene Masse sog schmatzend an unseren Stiefelsohlen.

Es gab zwei Zugänge zum Dach, je einen an den Schmalkanten der rechteckigen Fläche. Unser Ziel war der nördliche, das andere Dreier-Team näherte sich dem südlichen. Gleichzeitig sollten wir uns Zutritt in die Treppenhäuser verschaffen und in den elften Stock hinabsteigen. Den Weg dort hinunter würden wir uns unter Umständen freikämpfen müssen. Es lagen keine gesicherten Erkenntnisse darüber vor, mit wie vielen Geiselnehmern wir es tatsächlich zu tun hatten und auf welche Weise sie sich verbarrikadiert hatten. Wir mussten mit dem Schlimmsten rechnen – auch damit, dass man uns womöglich unschuldige Geiseln in die Schusslinie stellen würde.

Ich hielt für unser Trio den Funkkontakt zur Einsatzleitung, beschränkte ihn aber aufs Nötigste.

"King of Spades vor Ort", meldete ich, als wir die Metalltür erreicht hatten, hinter der die Treppe lag.

King of Spades – Pik-König also – war unser Codename; die Kollegen drüben auf der anderen Seite meldeten sich als Queen of Hearts. Sehr passend in der Stadt der Spieler. Jetzt konnten wir nur noch hoffen, dass die Trümpfe alle in unserer Hand waren…

"King of Spades, Queen of Hearts – warten!", lautete die Order aus der Befehlszentrale.

Weitere Squads arbeiteten sich von unten her zum elften Stockwerk hoch. Erst wenn sie die zehnte Etage erreicht hatten, würde der endgültige Startschuss für uns alle fallen, damit wir die Geiselnehmer über mehrere Fronten gleichzeitig angehen konnten.

Also warteten wir. Das ist der Teil unseres Jobs, den ich nicht besonders mag.

Agent Pilgrim postierte sich links der Tür, Milo rechts. Ich blieb in der Mitte, die Waffe in der rechten Faust, die ich mit der Linken abstützte, die Mündung auf die Tür gerichtet.

Zwei, drei Minuten lang geschah nichts, rührten wir uns nicht von der Stelle, standen da wie aus Stein gemeißelt, konzentriert, angespannt. Nur der Schweiß lief uns übers Gesicht. Der Teer unter unseren Füßen wirkte wie ein Radiator, der auf Hochtouren lief.

Dann, endlich, das Stichwort der Einsatzleitung.

"Showdown!"

Die Anspannung fiel übergangslos von mir ab. Wie eine Last, die mir abgenommen wurde.

Ich winkelte das rechte Bein an. Mein Fuß schnellte vor. Die Tür sprang auf, ich mit vorgestreckter Waffe hinterher – und mitten hinein in eine Explosion blendend grellen Lichtes!

Rauch schlug mir entgegen, raubte mir zusätzlich zur Wirkung der Blendgranate die Sicht.

Nur schemenhaft wie Gespenster sah ich Milo Tucker und Deena Pilgrim rechts und links von mir um die Kanten der Türöffnung herum huschen und in die Hocke gehen.

Schüsse klangen auf, dumpf wie fernes Hundegebell. Aber sie fielen überall um mich her. Meine zwei Teamkollegen feuerten, und auch der Trupp drüben auf der anderen Seite des Daches schoss. Und aus beiden Treppenaufgängen wurde das Feuer heftigst erwidert.

Und ich – war so gut wie blind. Ich musste mich beherrschen, um nicht einfach drauflos zu schießen. Immerhin bestand das Risiko, Geiseln zu treffen, sollten die Terroristen sie als lebende Schutzschilde missbrauchen.

"Runter, Jesse! In Deckung!", rief Milo.

Ich ging in die Knie, um ein möglichst kleines Ziel zu bieten – zu spät.

Etwas schlug wie eine Faust gegen meinen Oberarm. Ein zweiter "Hieb" erwischte mich an der Schulter. Klebrige Nässe spritzte mir ins Gesicht.

Ich stöhnte auf und zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen.

Damit war für mich das Spiel vorbei.

 

 

2

"Na, das nenn ich mal einen hübschen Anblick im Fernsehen!", meinte Milo und fläzte sich, ein Bud Light in der Hand, in einen der Sessel, die vor der Glotze standen.

Der Bildschirm zeigte uns beide inmitten des Gewühls aus Kollegen in Uniformen, Kampfanzügen und Zivil. Milo grinste telegen und reckte den Daumen hoch. An mir blieb das Auge der Kamera ein paar Sekunden hängen. Mein Charakterkopf wurde näher heran gezoomt, damit auch jeder sehen konnte, wie ich mich ziemlich erfolglos bemühte, mir die künstlichen Sommersprossen aus dem Gesicht zu wischen. Stattdessen verschmierte ich das "Blut" nur weiter.

Dann Cut auf eine Reporterin von Channel 3, einem der lokalen TV-Sender in Las Vegas. Am unteren Bildschirmrand wurde ihr Name eingeblendet: Nina Radner. Hinter ragte das El Rancho auf, immer noch im gleißenden Scheinwerferlicht. Im Innern des Hotel & Casinos waren die Lichter hingegen schon vor fast zehn Jahren ausgegangen. Seitdem stand das Gebäude leer, und in ein paar Wochen würde es implodiert werden, damit an seiner Stelle ein neuer Amüsierbetrieb hochgezogen werden konnte.

Miss Radner berichtete über unseren dortigen Großeinsatz von gestern Nacht.

"FBI und Metro Police kämpften in ihrer konzertierten Aktion gegen imaginäre Geiselnehmer mit harten Bandagen, wie Sie gerade sehen konnten."

Damit spielte sie auf den "verletzten" G-man an, der gerade durchs Bild getappt war – mich. Und damit schwanden auch der letzte Rest von Sachlichkeit und die affektierte Betroffenheit, die Fernsehreporter so gerne an den Tag legen, aus der Aufzeichnung. Während Aufnahmen der eigentlichen Aktion gezeigt wurden, sprach Nina Radner aus dem Off unter anderem von einem aufwändig in Szene gesetzten "Räuber-und-Gendarm-Spielchen" und last but not least von den "immensen Kosten dieses Actionspektakels", die "natürlich der Steuerzahler" zu tragen hätte…

"Ob in dem Sümmchen unsere Flugtickets schon mit drin sind?", sinnierte Milo und nahm genüsslich einen Schluck Bier.

"Ruf doch im Sender an und frag nach", meinte ich.

"Ja, gute Idee. Reichst du mir bitte das Telefon, James?"

"Fauler Sack", murrte ich mit einem nicht ganz ernst gemeinten missmutigen Seitenblick auf Milo, der es sich in meinem Hotelzimmer viel zu gemütlich gemacht hatte.

Inzwischen füllte Grant Ashleys Konterfei die Mattscheibe. Der Leiter des örtlichen FBI äußerte sich lobend über die gemeinsame Übung seiner Agents und der Metro Police Officers. Vor laufender Kamera hatte er sich um mindestens 120 Prozent leutseliger gegeben als heute Morgen bei der übertrieben harschen Manöverkritik hinter verschlossenen Türen im FBI-Gebäude am Charleston Boulevard.

Sheriff Keller, Leiter des LVMPD, schlug in die gleiche Kerbe, bedankte sich bei Ashley für "die großartige Zusammenarbeit" und dann klopften die beiden einander auf die Schulter.

"Gleich küssen sie sich", prophezeite Milo.

"Wovor der Herr uns bewahren möge", sagte ich salbungsvoll, und irgendjemand schien mein halbherziges Gebet zu erhören: Nina Radner gab rechtzeitig "zurück ins Studio".

Ich grinste zufrieden. Glück und Zufall standen in jüngster Zeit offenbar auf meiner Seite – ließ man die "Schussverletzung", die ich mir am Vorabend eingefangen hatte, einmal außer Acht. Dieser "Betriebsausflug" nach Las Vegas war für mich, abgesehen von der eher unerquicklichen Bekanntschaft mit Grant Ashley, ein Geschenk des Himmels – wobei Mr. McKee ein kleines bisschen lieber Gott gespielt hatte…

Einladungen zu groß angelegten Übungseinsätzen überall in den Vereinigten Staaten schneiten den Field Offices des FBI fast täglich ins Haus. An ihrem praktischen Nutzen konnte für jemanden, der mit unserer Arbeit vertraut war, kein Zweifel bestehen. Sie ermöglichten nicht nur das Reaktionstraining in verschiedensten Ernstfallsimulationen, sondern schulten außerdem die Zusammenarbeit von G-men und Officers, die nicht miteinander vertraut waren. Etwas, das im Alltag jederzeit erforderlich sein konnte.

Unser Chef hatte bisher allerdings darauf verzichtet, uns, Milo und mich, zu solchen Trockenübungen zu schicken. Die Einladung seines Kollegen aus Vegas hatte er uns jedoch vor die Nase gehalten, mit den Worten: "Wer rastet, der rostet!"

Ernst war es ihm damit freilich nicht gewesen. Niemand wusste besser als Jonathan D. McKee, dass weder Milo noch ich Gefahr liefen, Rost anzusetzen und dass wir viel zu selten Gelegenheit hatten, uns auf die faule Haut zu legen.

Eine solche Gelegenheit wollte uns Mr. McKee jetzt verschaffen, indem er uns in die Wüste Nevadas schickte. Dafür mussten wir zwar in dem inszenierten "Geiseldrama" mitspielen, aber danach, und das hatte er uns ausdrücklich "befohlen", sollten wir noch ein paar Tage dranhängen, um…

"…nun, das überlasse ich ganz Ihnen, wie Sie diese Zeit sinnvoll nutzen", hatte Mr. McKee mit einem Augenzwinkern gemeint.

Milo Tucker – weltbester Freund, G-man der Spitzenklasse und Schwerenöter aus Leidenschaft – verstand es wieder einmal meisterlich, Job und Privatvergnügen unter einen Hut zu bringen. Er hatte das Teamwork bei unserem gestrigen Einsatz derart intensiv gepflegt, dass Special Agent Deena Pilgrim gewillt war, die Zusammenarbeit über den offiziellen Dienst hinaus fortzusetzen…

"…und zu vertiefen", hatte mir Milo bewusst zweideutig zu verstehen gegeben.

"Wahrscheinlich hast du ihr das Ohr wund gequatscht, bis sie endlich aus purer Verzweiflung oder reinem Mitleid nachgegeben hat", meinte ich. Mir war zwar schon vorher aufgefallen, dass Milo der reizenden Deena schöne Augen gemacht hatte, doch als die beiden sich für heute Abend verabredet hatten, war ich nicht mehr mit von der Partie gewesen. Den "Spielregeln" folgend hatte ich nach meiner "Verwundung" nicht weiter an der Übung teilnehmen dürfen. Aber Milo und Deena hatten ja allem Anschein nach auch ohne mich ein prima Team abgegeben.

Ich gönnte meinem Freund sein Glück und Vergnügen natürlich von Herzen. Was ich ihm allerdings neidete, war der Umstand, dass Milo sich heute Abend nicht in einen Smoking zwängen musste. Mein Partner war bereits ausgehfertig in den Bluejeans, die er trug, und seinem geschmackvoll gemusterten Hawaiihemd – geschmackvoll für jemanden, dem entweder schrille Farbkombinationen gefielen oder der schlicht farbenblind war…

Ich dagegen musste mich einem Kleidungszwang unterwerfen, der mir zuwider war. In einem örtlichen Smokingverleih hatte ich mir alles besorgt, angefangen von einem Frack mit Schwalbenschwanz und Hose über Weste und Fliege bis hin zu schwarzen Lackschuhen.

Im Spiegel zog ich den steifen Kragen zurecht und versuchte mir die Fliege so umzubinden, dass ich mich damit nicht erdrosselte.

"In dem Outfit bist du der Schwarm aller Pinguinweibchen von hier bis Feuerland", übte sich Milo im Komplimentemachen.

"Und für dich hoffe ich, dass die Paarungszeit der Papageien vorbei ist", murrte ich mit einem Blick auf Milos grelles Hemd. "Sonst könntest du ein Problem bekommen…"

"Keine Sorge. Wenn ich Glück habe, dann werde ich es sowieso nicht die ganze Nacht anhaben." Er kniff verschwörerisch ein Auge zu. "Und vielleicht sind Fortuna und Amor ja auch dir hold –"

Ich winkte ab. "Karen Page ist nur eine alte Freundin."

"Na, so alt nun auch nicht."

"So hatte ich das ja auch nicht – "

"Ich weiß." Milo wandte sich wieder der Glotze zu. Dort war jetzt das Hotel zu sehen, in dem wir zurzeit durchaus fürstlich residierten: Paris Las Vegas, der neueste Vergnügungspalast in der Entertainment Capital of the World, wie für Vegas gerne geworben wurde.

Ein rundum beeindruckender Bau in französischem Stil, in dem sich unter anderem fast 3000 Hotelzimmer sowie knapp 300 Suiten fanden und alles, bis ins kleinste Detail, auf Seine-Flair getrimmt war. Draußen ragte sogar eine (verkleinerte) Version des Eiffelturms über dem Strip auf, und auch den berühmten Arc de Triomphe hatte man originalgetreu nachgebaut.

In dem Nachrichtenbeitrag, der gerade über die Mattscheibe flimmerte, ging es um die Eröffnungsfeier für das Paris Las Vegas, die heute Abend in der Gegenwart geladener Gäste stattfinden würde. Auf dieser erlesenen Liste stand auch mein Name. Nicht etwa, weil ich eine namhafte Persönlichkeit gewesen wäre, sondern weil Karen Page ihn draufgesetzt hatte. Als General Managerin, die verantwortlich war für die Leitung dieses riesigen Hotel- und Casinobetriebs, war das ihr gutes Recht – und in ihrer Eigenschaft als "alte Freundin" war es ihr Herzenswunsch gewesen.

Unsere Freundschaft war in dem Sinne "alt", als dass sie vor vielen Jahren in einem Sandkasten in Harpersvillage, Connecticut, ihren Anfang genommen hatte. In dem Städtchen waren wir beide aufgewachsen. Unser Kontakt zueinander war auch dann nicht abgerissen, als ich in jungen Jahren nach New York ging. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass dieser Fortbestand in erster Linie Karens Verdienst war. Sie hatte mir regelmäßig Geburtstags- und Weihnachtsglückwünsche zukommen lassen und zwischendurch immer wieder einmal mit Briefen oder Anrufen dafür gesorgt, dass ich sie in Erinnerung behielt. Dadurch war es, als hätten wir einander nie aus den Augen verloren, und wir waren zu jeder Zeit zumindest in groben Zügen darüber informiert, was im Leben des anderen vorging.

Ich hatte gewusst, dass Karen Page im Hotelbusiness Karriere gemacht hatte, und der Posten als General Managerin des Paris Las Vegas, der sie unter anderem zur Chefin eines vieltausendköpfigen Mitarbeiterstabs machte, krönte ihre bisherige Laufbahn.

Ihre Einladung zur Eröffnungsparty hatte mich schon vor Wochen erreicht, und ich hatte sie wohl auch irgendwann nebenbei einmal Mr. McKee gegenüber erwähnt. Was mein Chef offensichtlich nicht vergessen hatte. Bei seiner Entscheidung, mich und Milo für ein paar Tage nach Vegas zu schicken, hatte diese Einladung sicher eine Rolle gespielt. Mr. McKee wusste, dass wir unser Privatleben zu Gunsten des Jobs bisweilen arg schleifen ließen, und so hatte er zumindest mich praktisch dazu "verdonnert", den G-man wieder einmal abzulegen und einfach nur Jesse Trevellian zu sein.

Die Einladung zu der heutigen Feier hätte auch für Milo gegolten, nachdem ich Karen die ganze Geschichte erzählt hatte, aber mein Partner durfte seinen Leih-Frack ja nun dank Deena Pilgrim, die ihn ins Nachtleben der Glitzerstadt entführen wollte, im Schrank lassen.

In dem News-Clip im Fernsehen ging es gerade um besagte Party. Der Reporter, der live vor der Kulisse des neuen Hotel & Casinos posierte, nannte ein paar derer, die unter der illustren Gästeschar sein würden – neben hiesigen Promis aus Politik und der Highsociety würden sich auch einige lokale Showgrößen ein Stelldichein geben.

"Hey", wunderte sich Milo, "warum wird dein Name nicht erwähnt?"

"Wahrscheinlich werde ich auf der Personalliste geführt – als Oberkellner", grinste ich säuerlich. Dabei zuckte ich unbedacht die Achseln und verzog das Gesicht, weil die Bewegung wehtat. Wo mich gestern Abend die mit Farbe präparierten Übungsgeschosse der "Geiselnehmer" getroffen hatten, prangten prächtige blaue Flecken auf meinem rechten Oberarm und der Schulter.

"Dein Date würde ich aber auch gerne bedienen."

Milo zeigte auf den Bildschirm, wo gerade Karen Page interviewt wurde. Dazwischen wurden ein paar Aufnahmen aus dem Innern des Hotels eingeschnitten, das stellenweise noch sehr nach Baustelle aussah. Tatsächlich waren die Arbeiten noch nicht abgeschlossen, und für die Öffentlichkeit würde das Paris Las Vegas erst am nächsten Wochenende seine Pforten öffnen.

Karen zeigte sich darüber keineswegs beunruhigt. Es sei noch bei jedem Casino-Neubau in Las Vegas zu solchen Verzögerungen gekommen, sagte sie und lobte im selben Atemzug den Fleiß der Bau- und Handwerkertrupps, die ab morgen in Schichten rund um die Uhr arbeiten würden, um die endgültige Fertigstellung zu gewährleisten.

"Sie ist nicht mein Date", betonte ich mit Nachdruck. "Und ich werde sie ganz sicher nicht 'bedienen' – du weißt doch, Sex ruiniert die besten Freundschaften."

"Ach, deshalb gibst du mir ständig einen Korb!", frotzelte Milo. Mein Freund war heute wieder mal in Höchstform, was Flachsereien anging.

Die Erwähnung eines Namens lenkte unser Interesse zurück zu der Nachrichtensendung.

Der Anchorman im Studio fragte den Außenreporter, der nach wie vor draußen vor dem Hotel stand, ob denn auch Salem St. James an der Party heute Abend teilnehmen würde.

Salem St. James war Eigentümer des Paris Las Vegas. Und eine lebende Legende. Wobei sich die Geister an dem Wörtchen "lebend" allerdings schieden…

Fakt war, dass das St. James-Vermögen eines der größten der Welt war. Ob aber der Mann, der es angehäuft hatte, noch lebte, galt nicht als zweifelsfrei bewiesen. Weil Salem St. James seit fast 30 Jahren nicht mehr gesehen worden war, offiziell jedenfalls. Er hatte sich damals völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Es gab aus diesem Zeitraum weder Fotos noch sonstige Anhaltspunkte. Nur sein Unternehmensimperium, SSJ Enterprises, existierte nach wie vor. Ob der Gründer allerdings noch selbst die Fäden zog, und sei es nur aus dem Hintergrund, oder ob Nachfolger die Firmengeschicke leiteten, wusste niemand mit Bestimmtheit zu sagen.

Salem St. James folgte damit dem Gebaren des berühmten Howard Hughes, der sich mit ganz ähnlichen Mätzchen und Spleens zum amerikanischen Mythos hochstilisiert hatte.

Jüngsten Gerüchten zufolge hatte sich St. James in der Penthouse-Etage des Paris Las Vegas eingenistet wie ein Adler in seinem Horst. Manche gingen sogar soweit zu behaupten, dass er diesen pracht- und prunkvollen Tempel nur zu diesem Zweck hatte errichten lassen.

Bestätigt jedoch wurde nichts von alledem. Und diejenigen, die es vielleicht wussten – darunter zum Beispiel auch Karen Page –, ließen sich auf entsprechende Anfragen weder zu Kommentaren noch auch nur zu Andeutungen hinreißen…

Der Live-Reporter meldete sich wieder. "Jim, diese Frage sollten wir später unserer Kollegin Nina Radner stellen, die für uns über diese Feier berichten wird."

"Ja, richtig – das werden wir", sagte der Moderator im Studio, und bevor der nächste Werbebreak anlief, schaltete Milo Tucker die Flimmerkiste aus und stemmte sich aus dem Sessel hoch.

"Wenn dir Mr. St. James über den Weg läuft, sei nett zu ihm, Jesse. Vielleicht adoptiert er dich ja, dann können wir beide unseren Ruhestand einläuten und gleich hier bleiben", sagte er und stellte seine leere Flasche auf ein Sideboard, das allein vermutlich so viel gekostet hatte wie meine halbe Wohnungseinrichtung. "Ich rück dir dann mal von der Pelle. Will mich noch eben von Kopf bis Fuß mit Aftershave einreiben."

Mein Freund hauste im Zimmer nebenan, das meinem aufs Haar glich. Trotzdem hatte er bislang die meiste Zeit hier zugebracht.

Ich wies mit dem Daumen über die Schulter zum Bad. "Bedien dich ruhig hier, alter Nassauer."

"Nein, heute tut's dein Billigwässerchen leider nicht, ich verlasse mich lieber auf mein teures Stöffchen." Er klopfte mir im Vorbeigehen auf die Schulter und wünschte mir noch viel Spaß.

"Dir auch", sagte ich, "und treib's nicht zu toll."

"Ich kann's nun mal nur toll."

"Da habe ich aber schon anderes gehört!"

"Ach ja?"

Ich nickte. "Was glaubst du, zu wem all die Frauen gekrochen kommen, wenn du sie erst mal enttäuscht hast?"

"Warum hat dir der liebe Gott nur so eine große Klappe mitgegeben?"

"Weil er mich nach deinem Bilde erschuf", flachste ich zurück.

Wir waren an diesem jungen Abend wirklich in selten aufgekratzter Laune…

Schon an der Tür, wandte sich Milo noch einmal um und klopfte auf seine Brusttasche, in der sein Handy steckte.

"Wenn du Angst kriegst, du könntest auf deiner Party vor Langeweile sterben, ruf mich an, dann pauke ich dich raus, okay?"

Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir beide nicht, dass ich auf sein großherziges Angebot zurückkommen würde – wenn auch keineswegs aus Langeweile!

 

 

3

"Halt doch die Klappe!"

Donny Toogood schleuderte einen ausgelatschten Tennisschuh in Richtung des flimmernden Schwarzweißfernsehers, der in einer Ecke des Umkleideraums stand. Zu seinem eigenen Erstaunen traf er das Gerät nicht nur, der Treffer schaltete es sogar aus.

"Wer sagt's denn?", brummelte er, verstaute seine privaten Klamotten im Spind und schlüpfte in seine Arbeitssachen.

Eine dunkle Hand legte sich schwer auf seine Schulter.

"Donny, du regst dich zu viel auf. Wie alt bist du, Junge?", fragte ihn Al Harrah, seit über 25 Jahren im Dienst der Larkin Plumbing & Heating Co. und Schichtführer des Trupps, zu dem auch Donny Toogood gehörte.

"Dreißig", antwortete Donny. "Fast jedenfalls."

"Wenn du so weitermachst, wirst du keine Vierzig", verhieß ihm Harrah in väterlichem Brummelton. "Mein's nur gut mit dir. Glaub mir, ich hab junge Burschen wie dich den Löffel abgeben sehen, als sie noch nicht mal fünfunddreißig Jahre auf dem Buckel hatten."

"Schon gut, hast ja recht, Al", räumte Donny ein und versuchte seinen Blutdruck runterzufahren. "Aber die Tusse hat doch keinen Dunst, wovon sie redet!"

Er gestikulierte zu dem TV-Gerät hin, wo eben noch die 17-Uhr-Nachrichten gelaufen waren und die Managerin dieses neuen Hotels den Fleiß der Handwerker gepriesen hatte, die rund um die Uhr arbeiteten, damit der Laden am nächsten Wochenende eröffnet werden konnte. Handwerker, zu denen auch er, Donny Toogood, und seine Kollegen zählten, deren Schicht Schlag sechs beginnen und dann geschlagene zwölf Stunden dauern würde.

Und das an einem Samstag!

"Oh, ich glaube nicht, dass die Lady als General Manager mit einem Acht-Stundentag davonkommt", wandte Harrah ein.

"Aber heute Abend gießt sie sich den Schampus hinter die Binde, während wir uns den Arsch aufreißen!"

Al Harrahs große Hand ruhte immer noch auf Donnys Schulter. Jetzt drückte er ein wenig zu, tröstend, aber auch mahnend.

"Twentyfour-seven – so läuft das nun mal in Vegas", erinnerte er den jungen Mann. "Wenn du damit nicht klar kommst, wärst du besser drüben an der Ostküste geblieben."

Donny Toogood grunzte missmutig. 24/7, das hieß, dass das Leben in Las Vegas rund um die Uhr, 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche lief – in jeder Hinsicht. Als Konsument hatte er ja auch gar nichts dagegen einzuwenden und wusste die Bequemlichkeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit quasi alles erledigen und bekommen zu können, durchaus zu schätzen. Aber von der Warte eines derjenigen, die diese Maschinerie am Laufen hielten, sah das ganz anders aus.

"Hey", Harrah rüttelte ihn aufmunternd, "sieh's nicht so eng, Junge. Du gewöhnst dich schon noch dran. Und außerdem geht's ja nicht ewig so weiter. Noch eine Woche, dann ist erst mal Schluss mit den Nachtschichten, okay? Und vergiss nicht – wir werden für unsere Arbeit auch ordentlich bezahlt, oder?"

Donny nickte. Das stimmte. So viel wie hier hatte er zu Hause an der East Coast nie verdient. Deshalb war er ja auch nach Vegas gekommen, als einer von durchschnittlich 5000 Zuzüglern, die sich pro Monat hier niederließen, weil es in dieser Stadt Jobs gab wie Sand am Meer. Was wiederum daran lag, dass es so viele Menschen nach Las Vegas zog, die dann Wohnraum brauchten, Einkaufsmöglichkeiten et cetera. Vegas funktionierte in dieser Hinsicht wie ein in sich geschlossener Mikrokosmos.

"Macht dir deine Frau deshalb Vorwürfe?", fragte Al Harrah, der Donny ansah, dass ihm etwas auf dem Herzen lag.

Der junge Mann druckste herum.

"Hab den Nagel auf den Kopf getroffen, hm?", hakte Harrah nach.

"Ziemlich", gestand Donny.

"Pass auf, Junge – wenn der Paris-Auftrag erledigt ist, sorge ich dafür, dass du ein paar Tage freibekommst, okay?", stellte ihm Harrah in Aussicht. "Dann schnappst du dir deine Süße und fährst mit ihr ein paar Tage weg, rüber nach Kalifornien oder rauf in die Berge, irgendwohin, wo ihr zwei allein seid – und zwar twentyfour-seven."

Donny grinste.

"Na, wie klingt das?", fragte Harrah.

"Twentyfour-seven – mit meiner Frau? Klingt ziemlich furchtbar", grinste Donny, meinte es aber nicht so. Wenn Al das wirklich für ihn durchboxte – das wäre großartig!

"Danke, Al", sagte er, "du bist echt ein feiner Kerl."

"Verdammt richtig!", stimmte der Truppführer zu. "Und Teil meines Jobs ist es, euch Jungspunde zu genauso feinen Kerlen zu machen. – So, und nun komm, wir sind spät dran. Die anderen denken bestimmt schon, wir wollten uns davor drücken, beim Aufladen zu helfen."

Draußen hatte bereits die Dämmerung Einzug gehalten. Es wurde früh dunkel in der Stadt der Lichter, weil die Sonne schon am Spätnachmittag hinter den schroffen Bergen im Westen versank. Heute allerdings war es noch dunkler als sonst –

"Verdammt!", fluchte Al Harrah, als er mit Donny Toogood über den Firmenhof stiefelte. "Ist der Timer für die Außenbeleuchtung wieder im Arsch?"

Die Vans der Klempnerei wurden im rückwärtigen Bereich des Geländes an der Industrial Road abgestellt, zwischen Lagerhalle und Werkstatt. Vor der Abfahrt zu den Baustellen wurden die Wagen hier von den jeweiligen Trupps mit Material beladen und zwei Mann hatten sich darum zu kümmern, dass das Werkzeug vollständig und in Ordnung war.

Neben Donny gehörten noch sechs Jungs zu Harrahs Mannschaft, die jetzt eigentlich dabei sein müssten, die beiden Vans aufzurüsten.

Aber dafür, dass sechs Mann mit schwerem Material und Gerät hantieren sollten, war es… zu still. Kein Klappern, kein Scheppern und Rumpeln. Niemand sprach ein Wort. Nur – das Plätschern von Wasser war zu hören.

"Nanu?", machte Harrah. "Was soll denn das…?"

Von den Parkplätzen her rannen glänzende Rinnsale über den leicht abschüssigen Asphalt in ihre Richtung und verschwanden glucksend im Gully.

"Wäscht da einer die Autos?", grummelte Harrah. "Dafür haben wir keine Zeit, Mann!"

"Dafür werden wir auch nicht bezahlt", maulte Donny Toogood.

Sie erreichten die beiden Vans, mit denen ihr Trupp ausrücken sollte. Und tatsächlich stand neben einem der beiden Fahrzeuge ein Mann in einem Firmenoverall und spritzte mit einem Wasserschlauch die Flanke des Wagens ab.

"Hey, was – !", setzte Al Harrah an, verstummte aber, als hätte er vergessen, was er noch hatte sagen wollen.

Dieser Mann… war keiner von seinen Leuten.

Er arbeitete nicht mal für Larkin Heating & Plumbing!

Harrah fand seine Sprache wieder. Und trotz des unguten Gefühls, das ihm durch den Bauch kroch, polterte er den bärtigen Fremden barsch an: "Wer bist du, Freundchen? Was hast du hier verloren?"

Der andere schwieg und fuhr ungerührt fort, den Van und den Boden abzuspritzen.

Harrah wollte auf den Fremden zugehen, streckte schon die Hand nach ihm aus, als ihn ein knackendes Geräusch, ein erschrockenes Keuchen und eine ruhige Stimme, alles im selben Moment, innehalten ließen.

"Stehenbleiben und keine Dummheiten – sonst hat der Junge ein Loch im Kopf, wo keines hingehört!"

Wie einem Reflex folgend drehte Al Harrah sich um – und jetzt war er es, der vor Schreck keuchte.

Donny Toogood starrte ihn aus kreisrunden Augen an. Um seinen Hals lag ein Arm, an seiner Schläfe saß die Mündung eines Pistolenschalldämpfers.

Der Kerl, der Donny fest hielt und mit der Waffe bedrohte, trug ebenfalls einen kakifarbenen Overall der Firma. Aber auch diesen Mann kannte Harrah nicht. Er war sich sogar hundertprozentig sicher, ihn noch nie gesehen zu haben – eine Visage wie diese hätte er nie vergessen: blass, fast kalkig und so hager, dass es aussah, als spanne sich die Haut über blanke Knochen. Zusammen mit den runden Gläser der Sonnenbrille erweckte dieses Gesicht den Eindruck eines Totenschädels.

"Verdammt, was wollt ihr?", schnaufte Al Harrah. Sein Blick pendelte zwischen dem Bleichen und dem Bärtigen hin und her.

"Ich möchte, dass du deine Kollegen im Paris anrufst und ihnen sagst, dass sie nicht auf euch warten sollen. Ihr kommt später, weil ihr –", der lebende Totenschädel, dessen durchaus angenehme Stimme in krassem Gegensatz zu seinem Äußeren stand, zuckte die Achseln, "– weil ihr einen Platten gefahren habt."

"Aber… wieso denn?", fragte Harrah. Verdammt, was ging hier nur vor?, schoss es ihm durch den Kopf.

"Wieso?", wiederholte der Blasse. "Weil ich es so will – und weil es dein Kumpel hier so will. Ist es nicht so, junger Freund?"

Er stieß mit der Waffe zu. Donny stöhnte auf. Ein Blutfaden lief aus einer kleinen Platzwunde an seiner Schläfe.

"J-ja…", stotterte er dann gepresst.

Al Harrah nahm sein Handy aus der Brusttasche seines Overalls. In seiner großen Hand wirkte das Gerät noch kleiner, als es tatsächlich war. Er musste sich beherrschen, um es nicht zu zermalmen – vor ohnmächtiger Wut wollte sich seine Hand wie von selbst zur Faust ballen.

Verdammt! Er hatte Kräfte wie ein Bär. Manchmal bog er Rohre mit bloßen Händen zurecht. Aber jetzt und hier nützte ihm keine Kraft der Welt etwas. Jeden Versuch, sich diesen Typen zu widersetzen, hätte zumindest Donny mit dem Leben bezahlt.

Harrah verwarf auch den Gedanken, den Notruf 911 zu wählen und eine Hilferuf abzugeben, so schnell, wie er ihm in den Sinn gekommen war. Nein, er hatte keine Wahl. Er musste tun, was diese unheimlichen Kerle wollten – auch wenn ihm nicht im Entferntesten klar war, was sie wirklich wollten!

Die Handynummer des Führers der anderen Schicht hatte er abgespeichert. Er drückte die entsprechende Taste. Sein Kollege meldete sich nach dem zweiten Signalton.

"Mick, hier ist Allan." Harrahs Stimme kratzte. Er räusperte sich.

"Allan? Warum so förmlich, Al?", kam Mick Roberts' Stimme aus dem winzigen Lautsprecher, nur für Harrah zu hören.

Er zögerte kurz, wusste nicht, was er sagen sollte. Eher unbewusst hatte er seinen vollen Vornamen gesagt, der noch nicht mal auf seinem Führerschein stand. Er wollte Micks Argwohn wecken, irgendwie, aber, verflucht, er hatte keine Ahnung, wie er das bewerkstelligen sollte! Und er hatte verdammt noch mal auch keine Zeit, um sich irgendetwas einfallen zu lassen!

"Alles in Ordnung, Al?", fragte Roberts, als Harrah nicht antwortete.

Der Blasse zischte kurz. Harrah sah zu ihm hin. Der knochige Zeigefinger am Abzug der Pistole zuckte. Das war eine Warnung. Wahrscheinlich die Letzte.

Donnys Augen wurden noch größer. Seine Lippen zitterten.

"Mmh… nein", sagte Harrah endlich. "Hier gibt's ein… Problem."

"Problem? Al, was ist los mit dir? Spuck's aus!"

"Wir… einer unserer Vans hat einen Plattfuß. Wir müssen den Reifen wechseln."

"Na, so was dauert doch nicht ewig. Die paar Minuten warten wir hier auf euch, dann übergeben wir."

"N-nein, nicht nötig. Schick deine Jungs ruhig schon heim. Haben sich den Feierabend redlich verdient. Ist schließlich Samstagnacht."

"Al, irgendwas stimmt nicht mit dir. Du klingst so… anders."

"Nein, nein, mir ist nur… hab wohl irgendwas Falsches gegessen. Liegt mir schwer im Magen."

"Willst du lieber nach Hause? Ich kann für dich übernehmen, wenn du willst."

"Nicht nötig. Aber danke fürs Angebot."

"Okay, Al, wie du willst."

Harrah unterbrach die Verbindung und sah den bleichen Fremden mit dem weißblonden Bürstenschnitt an.

"Zufrieden?", fragte er.

Der andere nickte wortlos. Dann entließ er Donny Toogood aus seinem Klammergriff, packte ihn aber vorne am Kragen und hielt ihn auf Armeslänge von sich. Und noch bevor Donny wusste, wie ihm geschah, oder Al Harrah auch nur daran denken konnte, irgendetwas zu unternehmen, hatte der Fremde die Waffe schon auf Toogoods Stirn gerichtet und –

Ein Laut wie ein unterdrücktes Niesen.

Dumpf klatschte etwas Dunkles, Feuchtes gegen das Blech des Vans und rann zäh daran herab.

"Shit! Jetzt kann ich noch mal von vorn anfangen", grummelte der Bärtige und richtete den Wasserstrahl des Schlauchs auf die Stelle.

Der Killer ließ sein Opfer los. Donny Toogood sackte zu Boden wie eine Marionette, der man die Fäden gekappt hatte, und kam so zu liegen, dass Al Harrah sich von den Augen des Toten wie anklagend angestarrt fühlte.

Harrah stand da wie gelähmt. Er fror und merkte nicht, wie er zitterte. Aus seinem Magen stieg etwas hoch. Brennend fraß es sich in Richtung seiner Kehle empor, schickte einen gallebitteren Geschmack voraus.

Aber bevor Al Harrah sich übergeben konnte, vernahm er wieder dieses Geräusch, das wie ein verhaltenes Niesen klang. Er spürte noch einen wuchtigen Hieb gegen die Stirn, der nicht einmal wehtat, ihn aber mit einem hohlen Laut gegen die Flanke des Vans schleuderte.

Wieder hörte er den Fremden mit dem Wasserschlauch fluchen – und dann hörte, sah und spürte Al Harrah nichts mehr.

Nie wieder.

 

 

4

"…Staub zu Staub."

Details

Seiten
130
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738928563
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470661
Schlagworte
kopfüber fall vegas

Autor

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Titel: Kopfüber und im freien Fall in Las Vegas