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Zur Hölle mit den Mördern!

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Zur Hölle mit den Mördern!

Copyright

Prolog

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Zur Hölle mit den Mördern!

Krimi von Timothy Stahl

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

 

Ein Mann wird bestialisch ermordet, ein anderer Mann bekommt ein Foto des Toten zugesandt.

Die FBI-Agents Jesse Trevellian und Milo Tucker sind einem Mörder auf der Spur, der ihnen immer einen Schritt voraus ist.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

"Auge um Auge..."

New York City. Der Big Apple.

Für viele das Herz Amerikas. Der Ort, an dem Träume wahr werden konnten.

Für manche eine verrottete Frucht mit faulem Kern. Die Quelle aller Alpträume.

Dunkle Abgründe hinter heilen Fassaden.

Tote, begraben unter den Trümmern zerbrochener Träume.

Nie heilende Wunden bei jenen, die im Leben zurückbleiben mussten.

Schmerzen, die nur neues Sterben lindern konnte.

"Zur Hölle mit den Mördern!", rann es flüsternd und rau in die eisige Nacht, von blau gefrorenen, bebenden Lippen. Entschlossenheit funkelte sternenkalt in hellen Augen.

Der Tod war Fleisch geworden. Er war gekommen, nicht als Sensenmann, sondern in unscheinbarer, harmloser Gestalt – um das Wort des Herrn zu erfüllen:

"...Zahn um Zahn!"

 

 

1

Forest Hills, Queens

Freitag, 19.40 Uhr

"Tiger?"

Melody Rainford berührte sanft die Schulter ihres Mannes. Er lag auf der Couch, die sie in einem Second-Hand-Shop gekauft hatten. Eines der wenigen Möbelstücke, die bezahlt waren.

Ethan schlief, und er hätte wie ein kleiner Junge ausgesehen, der er mit seinen zwanzig Jahren im Grunde noch war. Wären da nicht diese dunklen Ringe unter seinen Augen gewesen, die sich seit einigen Tagen jeweils über Nacht zu vertiefen schienen.

Ethans Lider hoben sich, so langsam und schwerfällig, als bestünden sie aus Blei.

"Hm?", machte er und blinzelte seine junge Frau müde an, aus Augen, die wie stumpfes Glas wirkten.

"Ich muss gehen", sagte sie mit vagem Lächeln. Wie gerne wäre sie hiergeblieben, hier bei Ethan, mit ihm auf der Couch, um zu tun, was in ihrem Fall noch lange nicht eheliche Pflicht war und wozu sie doch viel zu selten kamen...

"Schon so spät?", fragte Ethan. Er zog den Arm unter seinem Kopf hervor und sah müde auf die Uhr.

Melody nickte. "Ja. Du hast zwei Stunden geschlafen – "

"Oh, tut mir leid, Sweetie", murmelte Ethan. "Aber ich... ich fühle mich nicht besonders." Er versuchte, entschuldigend zu lächeln, aber es wurde nur eine verunglückte Grimasse daraus.

"Vielleicht solltest du zum Arzt gehen, was meinst du?" Ehrliche Sorge sprach aus Melodys Stimme. Ihre Hand strich über Ethans blasses Gesicht. Es war feucht von kaltem Schweiß, sah fast wie glasiert aus.

Ethan Rainford lachte rau und freudlos auf. "Einen Arztbesuch können wir uns nicht leisten, Sweetie. Jedenfalls nicht ohne guten Grund. Und ich glaube nicht, dass mir ein Arzt helfen könnte."

Er verstummte so abrupt, dass sich Melody automatisch der Eindruck aufdrängte, als hätte Ethan ihr noch etwas sagen wollen. Etwas, das er ihr seit Tagen verschwieg. Sie spürte es, obwohl er nie auch nur eine einzige Silbe darüber verloren hatte.

Sie senkte den Blick, ließ das Gesicht ihres Mannes aber nicht los.

"Es werden bessere Zeiten kommen", meinte sie leise. "Wir schaffen das schon, okay? – Immerhin arbeiten wir, soviel wir können, und – "

Ethan berührte ihre Hand mit klammen Fingern.

"Wir schaffen es", erwiderte er und versuchte, abermals zu lächeln. Es klappte ein bisschen besser als zuvor.

"Ich muss jetzt…"

Melody hauchte Ethan einen Kuss auf die fahlen Lippen. Dann nahm sie ihre Tasche und ging zur Tür. Dabei sah sie wie beiläufig um sich. Tatsächlich aber tat sie es, um sich vor Augen zu führen, dass es einen guten Grund dafür gab, weshalb sie jetzt gehen musste.

Die Wände ringsum und das Dach darüber gehörten noch lange nicht ihnen. Und es würde noch Jahre dauern, bis sie – Mr. und Mrs. Ethan Rainford, die sie seit gerade mal sechs Tagen waren – von 'ihren eigenen vier Wänden' würden sprechen können.

Für dieses Ziel arbeiteten sie hart. Ethan tagsüber in einer Autowerkstatt, Melody in einem Fitnesscenter. Und beide zusätzlich noch je vier Nächte lang im Supermarkt, zwei Blocks entfernt.

Melody öffnete die Tür. Die Kälte der Nacht verdrängte fauchend die Wärme der Heizung, die auf Sparflamme lief. Trotzdem ging Melody nicht schnell hinaus, um die Tür gleich wieder schließen zu können.

Sie sah noch einmal zurück zu Ethan. Und lächelte. Voller Herzenswärme.

Sie waren jung. Und das Leben lag vor ihnen. Grundgütiger, sie hatten alle Möglichkeiten – und keinen wirklichen Grund zur Sorge!

"Wir packen das!", rief sie Ethan zu. "Ist das klar, Tiger?"

Er nickte.

"Sicher. Und jetzt schwing deinen süßen Hintern raus."

Er warf ihr eine Kusshand zu.

Melody ging. Zum letzten Mal mit einem Lächeln.

Ohne zu ahnen, dass sie Ethan nicht wiedersehen würde – und dass sie auf dem Weg zur Arbeit dem Tod begegnete und ihn freundlich grüßte.

"Kalt heute, was?" Melody lächelte im Vorübergehen.

"Mörderisch kalt...", sagte 'der Tod'.

 

 

2

Ethan Rainfords Lächeln erlosch in dem Moment, da die Tür hinter Melody ins Schloss klappte. Er fröstelte, aber es hatte nichts – oder zumindest fast nichts – damit zu tun, dass die Kälte durch die offene Tür ins Haus gekrochen war.

Vielmehr war ihm, als krampfe sich eine totenstarre Hand um sein Herz. Seit ein paar Tagen kam ihm das so vor. Seit einer Woche, um genau zu sein. Seit...

Nicht daran denken! Verdammt, NICHT MEHR DARAN DENKEN! Es ist... okay. Es ist – vorbei...

Ethan fuhr sich mit beiden Händen an die Schläfen und drückte zu, als könne er damit den Lauf seiner Gedanken stoppen. Es misslang. Wie jedes Mal. Seit...

Ethan wälzte sich von der Couch und schleppte sich in die Küche. Aus dem Kühlschrank angelte er sich eine Dose Coors. Als die Tür dumpf zuschwappte, langte seine Hand nach den Magnetbuchstaben, die daran klebten und mittels derer Melody ihm ab und an kleine Nachrichten hinterließ. Fast gegen seinen Willen bewegte sich seine Hand, als sei es die eines Fremden. Er konnte nicht verhindern, dass seine Finger drei Buchstaben zu einem Wort formten. Ebenso wenig war es ihm möglich, die Magneten danach wieder zu verschieben.

Das Wort blieb stehen. So wie es hinter seiner Stirn stand. Seit einer Woche, und er konnte es nicht vergessen. Verdammt, nicht einmal den Namen konnte er vergessen! Vom Rest ganz zu schweigen...

Ethan ließ sich wieder auf die Couch fallen. Er riss die Lasche aus dem Büchsendeckel, so ungestüm, als trage sie die Schuld an allem. Dann setzte er die Dose an die Lippen und kippte die Hälfte des Bieres. Ohne sich danach auch nur um einen Deut besser zu fühlen.

So einfach war es nicht...

Er griff nach dem Bild, das auf dem Beistelltisch am Kopfende der Couch stand. Vor sechs Tagen war es aufgenommen worden. Es zeigte ihn, in einem Anzug, den er inzwischen wieder an seinen älteren Bruder zurückgegeben hatte, und Melody, in einem geliehenen weißen Kleid, das am Wochenende vielleicht schon eine andere Braut tragen würde.

Hoffentlich eine, dachte Ethan bitter, die einen besseren Kerl gefunden hat als Melody...

Aber Melody wusste nicht, was für einen Typen sie geheiratet hatte.

Ethan Rainford hatte es ja selbst nicht gewusst. Bis vor einer Woche hatte er sich für einen anständigen jungen Mann gehalten, der sich auf seine Hochzeit und auf ein wahrscheinlich bescheidenes, aber doch glückliches Leben mit dem schönsten Mädchen, das sich in New York City hatte finden lassen, gefreut hatte.

Heute war Freude für Ethan Rainford nur noch ein Wort. Etwas, das nur noch andere zu spüren imstande waren. Er nicht mehr. Nie mehr vielleicht. Weil er nicht glauben konnte, dass er jemals vergessen würde, was...

Ein Geräusch bewahrte ihn davor, den Gedanken zu Ende denken zu müssen.

Sein Kopf ruckte zur Tür herum.

Es hatte geklopft. Und jetzt wiederholte sich das Pochen.

Ethan stand auf und ging zur Tür.

"Melody, bist du das?", rief er, noch bevor er öffnete. "Hast du was – ", er zog die Tür auf, " – vergessen, Swee...?"

Die letzte Silbe erstickte ihm im Hals.

"Ich habe nichts vergessen."

"Du...?" Das Wort floh kaum hörbar von Ethans Lippen. "Das... kann nicht... Ich meine, du bist..." Seine Stimme zitterte, sein Verstand produzierte Sinnlosigkeiten, weil er am Versuch, die Tatsache zu akzeptieren, scheiterte – scheitern musste! Weil unmöglich wahr sein konnte, was Ethan Rainford vor sich sah!

Wen er da vor sich sah...

"Ich werde niemals vergessen."

Ein Stoß vor die Brust beförderte Ethan Rainford zwei taumelnde Schritte zurück.

Er hörte, wie die Tür zufiel.

Er sah etwas wie einen silbernen Blitz, halbkreisförmig und waagrecht auf Höhe seines Halses verlaufend.

Roter Regen fiel um ihn her, als er stürzte.

Schmerz brannte ihm die Erkenntnis ins Hirn, dass es sich dabei um sein Blut handelte.

Es war das Letzte, was er begriff.

Alles andere musste ihm unbegreiflich bleiben. Weil es purer Wahnsinn war!

Der Tod erlöste Ethan Rainford, bevor sein Verstand daran zerbrechen konnte.

 

 

3

Auge um Auge...

Der Anfang war gemacht.

Der Erste hatte mit seinem Blut bezahlt. Für das Blut, das er vergossen hatte.

Das Feuer des Schmerzes war damit allerdings noch nicht gelöscht.

Vielleicht ließ es sich mit dem Blut des Letzten löschen...

Blitze flammten auf, als habe der Herr selbst ein himmlisches Strafgericht gesandt.

Ein kaltes Auge sah auf Ethan Rainford hinab, so leidenschaftslos wie das Gesicht hinter der Sofortbildkamera. Starr und kalt waren sie. Wie tot. Nicht die geringste Spur von Genugtuung zeichnete sich in den Zügen ab.

Noch nicht.

Nicht jetzt, da erst der Anfang gemacht war.

Der Tod hatte seine Ernte noch nicht eingebracht. Lediglich der erste Halm war gefallen. Weitere würden folgen – alle anderen mussten fallen!

Wie der Herr es gebot, in der Heiligen Schrift, im Buche EXODUS:

...Zahn um Zahn!

Und wie Daddy es gelehrt hatte.

Hart und unnachgiebig.

Aber... gerecht.

Das Blitzlicht flammte noch einmal auf. Die Kamera spuckte das letzte Foto aus. Es segelte zu Boden und landete neben den anderen in Ethan Rainfords Blut. Sein Leichnam schwamm, von oben besehen, auf der Oberfläche eines dunklen Teiches.

Dann fiel Regen in diesen Teich. Tropfen kräuselten den stumpfen Blutspiegel.

Die Klinge des Rasiermessers, mit dem Ethan Rainford getötet worden war, schnitt tief in die Haut eines bleichen Armes.

"Herr, vergib mir, denn ich habe gesündigt", kam es flüsternd von dünnen Lippen. "Ich strafe mich, wie ich gestraft habe..."

Kein Schmerz ließ die Stimme zittern. Das Fleisch, von der Messerklinge geteilt, schien kalt und unempfindlich.

Wie das einer Toten...

 

 

4

Little Italy, Manhattan

Montag, 11.50 Uhr

Die Drogendealer fluchten!

Und Giancarlo Montavani rieb sich die Hände.

Cazzo, er hatte es geschafft! Er hatte die sogenannte Szene regelrecht aufgemischt!

Nicht im großen Stil, no. Im kleinen, bescheidenen Rahmen hatte Giancarlo Montavani sich ins große Geschäft eingebracht. Mit einem Produkt, das konkurrenzlos war, was vor allem den Preis anging. Einsteigerfreundlich gewissermaßen. Bezahlbar vom Taschengeld. Und somit genau zugeschnitten auf sein Klientel, das Montavani auf den Schulhöfen in Little Italy fand.

Die Kids rissen seinen Boten – allesamt Söhne seiner Brüder und Schwestern; la familia zählte noch für Giancarlo Montavani! – den Stoff aus den Händen. Weil sie ihn nirgendwo sonst bekommen konnten. Weder zu diesem Dumpingpreis noch in dieser Qualität, für die Montavani mit seinem Namen stand – denn er produzierte die bunten Pillen selbst.

Das war das Geheimnis seines Erfolges.

Aus dem Drogisten Giancarlo Montavani, der sich mit seiner kleinen Apotheke in einer Seitenstraße der Mulberry Street mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hatte, war der Drogenhändler Giancarlo Montavani geworden. Und er träumte davon, König eines neuen Drogenreichs zu werden, das nicht auf die Grenzen Little Italys beschränkt bleiben sollte.

Der vielbeschworene Weg vom Tellerwäscher zum Millionär stand Unternehmungslustigen auch im New York von heute offen. Giancarlo Montavani war davon überzeugt, seinen Fuß bereits auf eben diesen Weg gesetzt zu haben. Dass er dabei das Elend anderer in Kauf nehmen und über Leichen gehen musste betrachtete Montavani als gerechtfertigten Preis. Ein Leben lang war er getreten und klein gehalten worden, und niemanden hatte es gekümmert. Jetzt war er es, der sich nicht länger um das Schicksal anderer kümmerte und nur noch sein eigenes Wohl im Sinn hatte.

Und dieses Wohl würde Giancarlo Montavani noch steigern. In genau – er schaute zur Uhr, die über der Eingangstür seiner kleine Apotheke hing – vier Minuten. Punkt 12 Uhr mittags.

"Geh nach Hause, Marcella." Montavani machte eine wedelnde Handbewegung in Richtung der Tür.

"Aber, Onkel", erwiderte Marcella unsicher, "es ist noch nicht – "

"Geh nach Hause, sag ich", beharrte Montavani, hörbar ungeduldig. "Tanti saluti a Mamma da parte mia."

"Si, das werde ich tun."

Seine Nichte, die als Verkaufshilfe in der Apotheke arbeitete, streifte den weißen Kittel ab, hängte ihn ans Regal und ging zur Tür. Dort wandte sie sich noch einmal nach ihrem Onkel um. Ihre dunklen Augen, warm wie ein Sommertag in Sizilien, verrieten Sorge.

"Alles in Ordnung, Onkel Gianni?", fragte sie misstrauisch.

"Si, alles prima", versicherte er, um ein Lächeln bemüht. "Nun geh schon. Ciao, Marcella."

Das altertümliche Glöckchen über der Tür gab ein heiseres Bimmeln von sich, dann war Marcella verschwunden.

Montavani atmete auf. In theatralischer Gestik wischte er sich imaginären Schweiß von der gefurchten Stirn. Und hielt inne, als die kleine Glocke abermals anschlug.

"Scusi, wir haben schon geschlo...", begann er, verstummte allerdings, als er sah, wer da die Apotheke betrat.

Er hatte den Typen mit dem Aktenkoffer in der Hand nie gesehen, aber zwei Merkmale verrieten ihm dennoch die Identität des Mannes, der kein Kunde war – jedenfalls keiner, der an herkömmlichen pharmazeutischen Erzeugnissen interessiert war: ein buschiger Schnauzbart, der einem Walross zur Ehre gereicht hätte, und eine weiße Nelke im Revers.

"Mr. Sweeney?", fragte der italienische Apotheker dennoch. "Lou Sweeney?"

Der andere nickte. "Erwarten Sie sonst noch jemanden?" Leises Misstrauen färbte seine Stimme.

"Sie sind überpünktlich", meinte Montavani nach einem neuerlichen Blick zur Uhr. "Zwei Minuten zu früh."

"Ist das ein Problem?", fragte Sweeney.

"No, natürlich nicht", beeilte sich Montavani zu sagen. Er fuchtelte beschwichtigend mit den Händen, huschte geschäftig an dem Mann vorbei und verschloss die Eingangstür. Dann zog er an zerschlissenen Bändern und ließ metallene Rollos vor Tür und Schaufenster rasseln. Das graue Licht des Tages wurde ausgesperrt, nur mehr das fahle Deckenlicht erfüllte den Verkaufsraum. Der goldgelbe Farbton zauberte etwas von der Atmosphäre alter, vergilbter Fotografien herbei.

"Wenn Sie mir dann bitte folgen wollen?" Montavani machte eine einladende Geste in Richtung des hinteren Teils des Verkaufsraums und deutete eine katzbuckelnde Verbeugung an.

Sweeney nickte. "Nach Ihnen."

"Si, natürlich."

Giancarlo Montavani ging voraus, sah dabei wieder und wieder über die Schulter zurück, als müsse er sich überzeugen, dass sein Besucher ihm auch wirklich folgte.

Lou Sweeney quittierte es mit einem freudlosen Grinsen, das seinen Walrossschnauzer knistern ließ.

Montavani führte seinen Besucher aus dem Verkaufsraum, durch zwei kleinere Kammern und schließlich wieder in einen größeren, aber fensterlosen Raum. Die Einrichtung erinnerte an die Hexenküche eines Alchimisten: Deckenhohe Regale, die ein düsteres Labyrinth aus schmalen Gassen schufen, in der Mitte Glaskolben, Reagenzgläser, Bunsenbrenner, Kunststoffschläuche... Und über allem hing der Geruch von chemischer Künstlichkeit. Und ein bisschen Tod.

"Nett", meinte Sweeney knapp. Er hievte seinen Aktenkoffer auf eine freie Tischfläche und legte die Hand auf den Deckel.

Giancarlo Montavani leckte sich die Lippen und deutete auf den Koffer.

"Sie haben es dabei?", fragte er. In seine Augen trat ein Glitzern. Es mochte zu gleichen Teilen von Nervosität und Gier herrühren.

"Wie abgesprochen." Sweeney nickte.

"Ich möchte es sehen", verlangte Montavani.

"Erst wenn ich gesehen habe, wofür ich bezahlen soll", erklärte Lou Sweeney ungerührt.

"Ah, bene, d'accordo."

Montavani trat an einen Stahlschrank, machte sich am Zahlenschloss zu schaffen und zog die schwere Tür auf. Vorsichtig holte er einen Karton hervor und stellte ihn vor seinem Besucher ab. Die Schachtel war gefüllt mit unscheinbaren Tablettendöschen, allesamt randvoll mit quietschbunten Pillen.

"Wie besprochen?", wollte Sweeney wissen.

"Natürlich", versicherte der Italiener. "Fünfzig Dosen zu je fünfundzwanzig Pillen. Und das alles zum Vorzugspreis für Sie, Signore Sweeney." Er grinste ölig, die Hände vor der Brust ineinander gefaltet. Sein Blick tastete nach dem Aktenkoffer.

Sweeney ließ die Schlösser aufschnappen, drehte den Koffer dabei so, dass Montavani nicht hineinsehen konnte. Beide Hände ließ Lou Sweeney darin verschwinden, und als sie wieder zum Vorschein kamen, hielt die rechte eine SIG Sauer P 226 und die linke eine silberne Marke, auf der sich funkelnd das kalkige Deckenlicht brach.

Wenn Giancarlo Montavani erschrak, dann hatte er sich meisterhaft in der Gewalt. Er zeigte nicht das geringste Anzeichen von Überraschung. Im Gegenteil – er lächelte.

Dieses Lächeln alarmierte... mich.

Allerdings den Bruchteil einer Sekunde zu spät.

Bevor ich mich in Richtung der Schatten, die von hinten auf mich zuhuschten, umdrehen konnte, hatten sie mich erreicht.

Zwei Hiebe, womit auch immer, trafen mich. Dicht über dem Nacken, unmittelbar hinter den Ohren.

Ich verabschiedete mich von der Welt. Schnell und fast schmerzlos.

 

 

5

Lou Sweeney war ein Phantom.

Ein Mann, den es nicht gab. Der nur auf dem Papier und in den Datenspeichern der City Police und des Federal Bureau of Investigation existierte. Dort allerdings mit detailreich ausgeklügeltem Lebenslauf.

Zum 'Scheinleben' erweckt hatten unsere Spezialisten Lou Sweeney (und noch ein paar weitere Leute von seiner Sorte), um Tarnidentitäten für verdeckte Ermittler aufzubauen. Gezielt unters Volk der Halbwelt gestreute Gerüchte über Sweeney und Konsorten festigten deren Glaubwürdigkeit noch.

Heute hatte ich diese 'Erfindung' für meine Zwecke genutzt. Ich war in die Rolle des Lou Sweeney geschlüpft, nach getürkter Lesart ein Ex-Cop, der sich nach unehrenhafter Entlassung aus dem Staatsdienst auf die andere Seite geschlagen und seine Finger vor allem im 'mittelständischen Drogengeschäft' hielt; keiner von den großen Fischen also, sondern einer, der sich mit (vergleichsweise) bescheidenem Gewinn begnügte.

Lou Sweeney war ein Mann, von dem Giancarlo Montavani – sollte er Erkundigungen eingezogen haben – glauben musste, dass er an schmutzigen Geschäften mit ihm interessiert war. Sie kämpften zumindest ungefähr in der gleichen Gewichtsklasse.

Deshalb hatte ich als Lou Sweeney zu Giancarlo Montavani, dem Apotheker, Kontakt aufgenommen, nachdem mir ein italienisches Vögelchen ein aufschlussreiches Liedchen gesungen hatte.

Nicht aufschlussreich genug allerdings.

Ich musste mir eingestehen, dass ich den Drogisten unterschätzt hatte.

Verdammt!

All diese Gedanken schossen mir durch den schmerzenden Schädel, noch bevor ich die Augen aufschlug. Dass ich in der Lage war, relativ klar und zusammenhängend zu denken, sagte mir, dass ich nicht allzu lange ohnmächtig gewesen sein konnte nach dem hinterrücks erfolgten Knockout.

Lange genug jedoch, damit mich die heimtückischen Schläger hatten fesseln können. Ich saß auf einem Stuhl, wie ich feststellte, nachdem ich die Augen wieder geöffnet hatte, mit irgendwelchen Kabeln und ähnlichen Behilfsmitteln gefesselt. Provisorisch, aber wirksam.

"Buongiorno, Signor Trevellian."

Giancarlo Montavani klang nicht halb so triumphierend, wie er es sich vermutlich gewünscht hätte. Ich hörte einen nervösen Unterton in seiner Stimme. Vielleicht war ihm sein Geschäft durch die unerwartete Mitwirkung des FBI plötzlich eine Nummer zu groß geworden.

Das konnte meine Chance sein. Wenn ich es schaffte, ihn weiter zu verunsichern. Wenn ich ihm in Aussicht stellte, was ihm bevorstand, wenn er es wagen sollte, Hand an einen Bundespolizisten zu legen, dann würde er möglicherweise die weiße Fahne hissen, im übertragenen Sinne.

Erst einmal sah ich allerdings nur seinen weißen Kittel. Und dessen Flattern rührte daher, dass mein Blick noch trüb war, wie die unscharf eingestellte Optik einer Kamera. Ein mehrmaliges Blinzeln half zumindest dagegen. Der im Takt meines Herzschlags pochende Schmerz über dem Nacken ließ sich nicht so leicht vertreiben.

Aber das war im Moment meine geringste Sorge. In Anbetracht dessen, was Giancarlo Montavani in der Hand hielt...

"Come va, G-man?", erkundigte er sich in durchaus fürsorglichem Ton nach meinem Befinden, während er prüfend die aufgezogene Spritze gegen das Deckenlicht hielt. Eine blassgelbe Flüssigkeit befand darin.

"Beschissen, grazie", erwiderte ich. "Und allein dafür werden Sie eine Menge Ärger bekommen, Montavani."

Im ersten Augenblick hatte ich den Eindruck, der Apotheker sähe über meinen Scheitel hinweg ins Leere. Erst als ich einen Nackenstoß kassierte, der das dortige Pochen zum Hämmern steigerte, wusste ich, dass Montavani einem seiner Helfer ein entsprechendes Zeichen gegeben hatte.

Du hast dich im Ton vergriffen!, sollte die Maßregelung wohl bedeuten.

Beeindrucken ließ ich mich davon jedoch nicht. Ich behielt meinen Kurs bei.

"Noch haben Sie eine Chance, mit ein paar Jahren davonzukommen", versuchte ich Montavanis Moral weiter zu untergraben. "Bei Mord an einem G-man sieht die Sache allerdings anders aus – "

Ich wartete, bis er mich ansah. Erst dann vollendete ich: " – darauf steht lebenslänglich. Lassen Sie sich die Bedeutung des Wortes auf der Zunge zergehen, Montavani – lebenslänglich heißt, dass Sie Little Italy nie mehr wiedersehen werden. Nie mehr Pizza und Pasta mit der Familie!"

Seine tiefe Bindung zu seinem eigen Fleisch und Blut war mir bekannt. Ich wünschte, ich hätte im Vorfeld noch ein bisschen mehr über Giancarlo Montavani recherchiert. Dann wäre ich ihm nicht so blindlings in die Falle getappt.

Andererseits, verpassten Chancen nachzutrauern, brachte mich nicht weiter.

Das kurze Flackern in den Augen hinter der Halbbrille entging mir nicht. Ebenso wenig übersah ich das feine Glitzern auf Montavanis hoher Stirn.

Der Typ war nervös.

Das konnte mein Vorteil sein.

Musste aber nicht. Ebenso gut konnte er sich deswegen zu einer Überreaktion hinreißen lassen. Etwas Unbedachtes tun, was er später vielleicht sogar bereuen würde – wenn er vor meiner Leiche stand...

Zu spät für ihn... und mich.

Er verzog die Lippen, als überlege er.

"Ich musste damit rechnen, dass man sich früher oder später für mich interessieren würde", sagte er schließlich. "Später wäre mir natürlich lieber gewesen", er lächelte schief, "und ich muss gestehen, dass ich nicht mit dem FBI gerechnet hätte. – Aber... es ehrt mich, in gewisser Weise."

Giancarlo Montavani kam einen Schritt näher, beugte sich ein wenig vor. Die Nadel der Spritze stach zwischen seinem und meinem Gesicht in die Höhe. Ein einzelner Tropfen glitzerte an der Spitze.

"Und ich sehe das, was ich mit Ihnen tun muss, als Prüfung, Signor Trevellian", erklärte er in fast feierlichem Ton, "für meinen weiteren Weg nach oben."

"Nach oben?", wiederholte ich. Mir gelang ein Grinsen, gerade eben so cool, wie es meine bescheidene Lage zuließ. "Ich fürchte, Sie schätzen Ihre Situation nicht ganz richtig ein, Montavani. – Man wird Sie erwischen, das garantiere ich Ihnen."

"Sie sind alleine gekommen, G-man, nicht wahr?" Er wirkte zunehmend entspannter. Dafür schien seine Spannung wie durch unsichtbare Drähte auf mich überzugehen. "Wäre dem nicht so, würden Ihre Kollegen längst eingegriffen haben, um Sie herauszupauken, oder?"

Ich verzichtete auf eine Antwort. Wodurch ich seine Verunsicherung wenigstens auf dem aktuellen Level hielt. Eine Schweißperle rollte ihm übers rechte Lid und ins Auge. Er blinzelte reflexhaft, eine einsame Träne trat aus seinem Augenwinkel, und ich hatte den absurden Eindruck, Giancarlo Montavani würde das mir zugedachte Schicksal beweinen.

Etwas, das eher mir zugestanden hätte.

Der Apotheker drückte den Spritzenkolben. Ein dünner Strahl schoss aus der Nadel und traf lauwarm meine Wange.

"Es wird nicht wehtun", versicherte Montavani treuherzig. "Und es wird schnell gehen. Sie werden sich müde fühlen, und schon werden Sie einschlafen", seine Mundwinkel zuckten, "für eine sehr, sehr lange Zeit."

"Nett gesagt", konnte ich mir nicht verkneifen.

"Bringen Sie euch Bullen solchen Scheiß auf der Akademie bei?", zischte eine Stimme hinter mir. "Gibt's da so was wie Coolness-Unterricht, he?"

"So was ähnliches."

"Hätten euch mal besser lernen sollen, wie man krepiert – !"

Montavani hob den Blick, sah wieder über mich hinweg. Seine Augen drückten jene besondere Art von Strenge aus, die mich in diesem Moment erkennen ließ, dass dieser Mann durchaus das Zeug dazu hatte, zur Branchengröße zu avancieren.

Wenn man ihn nur gewähren ließ.

Und es sah ganz danach aus, als würde zumindest nicht ich derjenige sein, der ihn von der Karriereleiter holte.

Montavanis Blick signalisierte den Typen hinter mir etwas. Im nächsten Moment tauchte links von mir eine Faust auf, aus der eine Stilettklinge hervorglitt. Die Spitze bohrte sich durch meinen Jackenärmel und ritzte die Haut darunter. Dann wurde sie nach unten gedrückt, und der Ärmelstoff klaffte auf wie die Ränder einer Wunde. Dazwischen kam mein nackter Arm zum Vorschein.

In der nächsten Sekunde spürte ich die Nadel in meinem Fleisch. Ein Blutstropfen trat hervor, saß wie eine dunkelrote Perle auf der Einstichstelle.

Giancarlo Montavani suchte noch einmal Blickkontakt. Vielleicht wollte er die Angst in meinen Augen sehen, um sich bestätigt zu fühlen. Ein Gefühl, das ich ihm nicht gönnte.

"Schlafen Sie gut, Signor Trevellian."

Sein Daumen zuckte. Der Kolben der Spritze bewegte sich um den Bruchteil eines Millimeters –

Dann geschahen drei Dinge fast zeitgleich.

Ein Schuss krachte.

Montavani schrie auf.

Und die Spritze zerbarst ihm in der Hand.

 

 

6

"Keiner rührt sich! FBI!"

Ich atmete auf. Ein "Na endlich!", kam mir trotzdem von den Lippen.

Ganz so blauäugig, wie Giancarlo Montavani angenommen hatte, war ich doch nicht gewesen. Mein Freund und Kollege (in dieser Reihenfolge) Milo Tucker hatte bei dieser Aktion meine Rückendeckung übernommen. Natürlich hatte er draußen gewartet, als ich – als Lou Sweeney – die Apotheke betreten hatte, hinter deren Fassade wir die Zentrale eines aufstrebenden Drogenunternehmens vermutet hatten. Vereinbart hatten wir, dass er nachkommen sollte, wenn ich nach zwanzig Minuten nicht zurück war.

Wie viel Zeit vergangen war, wusste ich nicht. Es war letztlich auch egal. Wichtig war nur, dass Milo als rettender Engel aufgetreten war – wenn auch im allerletzten Moment.

Giancarlo Montavani hielt sich mit der linken die rechte Hand. Blut schimmerte zwischen seinen Fingern. Vermutlich hatten ihm Scherben der Spritze, die Milo Tuckers Schuss zerstört hatte, die Haut verletzt.

Das tödliche Serum tränkte derweil meinen Jackenärmel. Glassplitter glitzerten auf dem Stoff.

Ich sah auf und in die Richtung, aus der Milos Stimme kam.

"Auf den Boden! Arme ausstrecken, Beine breit! Und das Ganze ebenso zügig wie vorsichtig!"

Milo stand vier, fünf Schritte entfernt, die Pistole im Beidhandanschlag. Das schwarze Mündungsauge fixierte Giancarlo Montavani und seine Jungs abwechselnd – und im entscheidenden Moment den falschen des Trios!

Das Verhängnis kündigte sich mit dem Klirren von Glas an.

Dann kippte eines der Regale, mit denen der Raum labyrinthartig voll gestellt war, um. Was sich in den Fächern befand, rutschte heraus, fiel zu Boden, ging scheppernd und splitternd zu Bruch.

Milo warf sich zur Seite. Gerade noch rechtzeitig! Wo er eben noch gestanden hatte, schlug das Regal krachend auf.

Mein Freund kam sofort wieder auf die Beine.

Fast in derselben Sekunde hatte ich mich von meinen Fesseln befreit. Ich hatte schon während meiner fruchtlosen Unterhaltung mit Giancarlo Montavani daran gearbeitet, indem ich die Muskeln angespannt und unmerklich an den Kabeln gezerrt hatte. Dadurch hatte ich die Fesselung zumindest lockern können. Jetzt schaffte ich es endlich, sie abzustreifen.

Noch in der Bewegung packte ich Montavani und tat mit ihm das, was er mir zugedacht hatte. Ich legte ihn schlafen – wenn auch nicht so endgültig, wie er es geplant hatte.

Im Halbdunkel zwischen den Regalen raschelte etwas, unsichtbar für Milo und mich. Dann entfernten sich hastige Schritte. Der Typ, der das Regal umgestoßen hatte, suchte sein Heil in der Flucht. Den anderen hatte Milo schon wieder aufs Korn genommen.

Jetzt ruckte die Mündung seiner Pistole wie im Reflex in die Richtung der Schritte.

"Nein!", rief ich. "Kümmer dich um die beiden hier! Ich greif mir den anderen!"

Im Laufen riss ich mir den Walrossbart von der Oberlippe, den mir unser FBI-Maskenbildner Frozzel angeklebt hatte, damit ich optisch zu Lou Sweeney wurde. Dann schnappte ich mir meine SIG Sauer, die neben 'Lou Sweeneys' Aktenkoffer auf einem Tisch lag, und überprüfte automatisch das Magazin.

Alles klar.

Trotzdem hoffte ich, dass ich nicht darauf angewiesen sein würde.

Weil ich einem Burschen nachjagte, der noch grün hinter den Ohren war.

Und sein Leben noch vor sich hatte.

 

 

7

"Stehenbleiben! Oder ich schieße!"

Meine Zurufe hatten nicht mehr als formellen Charakter. Ich rechnete nicht im Traum damit, dass der Flüchtende ihnen Folge leisten würde. Und irrte mich natürlich nicht.

Vor mir schlug eine Tür. Die Schritte klangen jetzt gedämpfter als eben noch.

Obwohl ich noch nicht länger als dreißig Sekunden unterwegs war, wusste ich, weshalb Milo Tucker so lange auf sich hatte warten lassen: Das Haus war ein verdammtes Labyrinth, jedenfalls hier unten. Verwinkelte Gänge und enge Räume. Der Architekt musste den Bauplan im Vollrausch ersonnen haben.

Ich erreichte die Tür, nahm mir eine Sekunde, um zu lauschen. Ich hörte die Schritte des anderen, konnte also beruhigt davon ausgehen, dass er mir hinter der Tür nicht auflauern würde.

Weiter!

Die Treppe hinter der Tür führte in die erste Etage empor, setzte sich dann weiter nach oben fort, mündete aber auch in einen Flur, von dem vier Türen abzweigten. Was dahinter lag, interessierte mich nicht.

Der Flüchtling befand sich im Stockwerk über mir.

Ich nahm die ersten Stufen – und hörte plötzlich nichts mehr.

Allerdings glaubte ich, einen kalten Luftzug zu spüren.

Als ich das Ende der Treppe erreichte, wusste ich, woher die frische Luft wehte.

Am jenseitigen Ende des Korridors befand sich eine Tür, die zur Feuerleiter hinausführte. Und sie stand offen.

Ich stürmte los.

Die Schuld an dem, was weiter geschah, trug vermutlich mein immer noch brummender Schädel. Der pochende Schmerz machte mich unvorsichtig, ein kleines bisschen nur, aber es reichte, um mir zum Verhängnis zu werden...

Ich trat auf die metallene Plattform der Feuertreppe hinaus – und begann augenblicklich mit den Armen zu rudern!

Eisregen war den ganzen Tag lang auf New York niedergegangen, und das Metall unter meinen Füßen war spiegelglatt.

Während ich um mein Gleichgewicht kämpfte, gelang es mir, nach unten und oben zu sehen.

Von dem jungen Italiener keine Spur –

Er kam von hinten! Hatte sich lautlos hinter eine der Türen verdrückt, die vom Flur abgingen, und auf seine Chance gewartet.

Ich schaffte es noch, mich nach ihm umzudrehen – als ich auch schon seine Hände auf Knöchelhöhe an meinen Hosenbeinen spürte.

Ruckartig zog er daran, riss meine Füße in die Höhe.

Der Schuss, der seine Schulter hatte treffen sollen, schlug Splitter aus der Ziegelfassade neben der Tür. Zu einem zweiten kam ich nicht mehr.

Ich fiel nach hinten. Lag einen Moment lang fast waagrecht in der Luft. Spürte, wie ich mit dem Rückgrat hart auf das Geländer der Plattform schlug.

Der Schmerz öffnete meine Faust via Nervenimpuls. Die SIG Sauer trudelte in die Tiefe.

Wie im Zeitlupentempo kippte ich weiter.

Die Welt stand Kopf für mich.

Und dann ging es abwärts!

 

 

8

Der Ruck und mein Körpergewicht wollten mir die Arme aus den Schultergelenken reißen.

Meine Finger fanden an den vereisten Längsstreben der Balustrade keinen Halt, rutschten ab.

Das Kunststück, mich im Fall noch an der Brüstung gefangen zu haben, schien vergebene Mühe gewesen zu sein. Es zögerte meinen Sturz lediglich um ein paar Sekunden hinaus.

Sekunden, die der junge Italiener nutzte, um über die Treppe nach unten zu rennen. Dass er auf den eisglatten Stufen hinschlug und fluchend bis zum nächsten Absatz schlitterte, verschaffte mir keine Genugtuung.

Ich warf einen Blick in die Tiefe. Auf annähernd zehn Meter schätzte ich die Distanz zum Boden. Keine Entfernung, die ich mir schadlos zu überstehen zutraute. Was nicht hieß, dass mir eine Wahl geblieben wäre.

Ich verstärkte den Griff um die Stäbe. Mehr als eine weitere Verzögerung holte ich damit allerdings nicht heraus.

Der andere hatte sich inzwischen wieder hochgerappelt und den Fuß der Feuertreppe fast erreicht. Das Dröhnen seiner Schritte setzte sich durch die Metallkonstruktion bis zu mir herauf fort und ließ die Stäbe zwischen meinen Fingern vibrieren.

"Jesse!"

Ich sah nach oben.

Milo Tucker stand vor mir, wie aus dem Boden gewachsen. Er beugte sich zu mir herab.

"Deine Hand! Schnell!"

Er streckte mir die Rechte entgegen.

Ich schaute wieder nach unten.

"Mach schon, los!", schrie Milo.

Ich spürte seine Finger an meinen Händen – und ließ los!

Der Fall kam mir endlos vor.

Der junge Italiener dämpfte meinen Aufprall nur unwesentlich.

Es tat trotzdem höllisch weh.

 

 

9

"Du bist vollkommen irre."

Mein Freund Milo bescheinigte mir das ohne besondere Betonung, aber zum wiederholten Male in den vergangenen Minuten.

Wir lehnten an unserem Dienstwagen, einem unauffälligen Buick, der dem Fuhrpark des New Yorker FBI entstammte, und gönnten uns eine 'Verdauungszigarette'.

Ich zuckte die Schultern.

"Der Zweck heiligt die Mittel."

"Du hättest dir jeden Knochen im Leib brechen können", meinte Milo.

"Hab' ich aber nicht."

"Im Gegensatz zu ihm."

Milo wies mit dem Kinn in Richtung des Ambulanzwagens, zwischen dessen Hecktüren gerade eine Bahre verschwand. Darauf lag der junge Italiener, der sich noch ein Weilchen an mich erinnern würde. Er war nicht schwer verletzt, aber er würde ein paar Tage im Krankenhaus zubringen müssen. Ein Officer würde vor der Zimmertür postiert werden, um dafür zu sorgen, dass sich der Junge – ein Neffe von Giancarlo Montavani, wie wir inzwischen wussten, namens Leon Maldonaldo – nicht vorzeitig selbst 'entließ'. Nach seiner Genesung würde er dorthin 'überwiesen' werden, wo sein Onkel und sein Vetter jetzt gleich landen würden.

Die schmale Straße vor Giancarlo Montavanis Apotheke war voller Fahrzeuge. Die New York City Police, von uns benachrichtigt, kümmerte sich um die 'Aufräumarbeiten'. Das Gebäude glich einem Ameisenhaufen, dessen Bewohner in Hektik geraten waren und Uniformen trugen.

Natürlich wussten wir, dass die Kollegen mehr taten, als nur 'aufzuräumen'. Im Grunde ging die Arbeit im Fall Giancarlo Montavani jetzt erst richtig los. Wir hatten mit unserer Aktion den Stein lediglich ins Rollen gebracht. Und ein klein wenig außerhalb unserer Zuständigkeit agiert...

"Damned! Trevellian und Tucker! Warum müsst ihr die Drecksarbeit immer uns an den Hals hängen?"

Derjenige, der da zu uns sprach, befand sich noch ein gutes Stück entfernt. Trotzdem dröhnte seine Stimme schmerzhaft in unseren Ohren. Captain Hywood konnte nur brüllen; Zimmerlautstärke hatte er nicht im Repertoire. Außenstehende mochte das über unser nichtsdestotrotz kollegiales Verhältnis zueinander hinwegtäuschen. Wir waren daran gewöhnt.

"Bitte sehr, gern geschehen", griente Milo dem Captain entgegen, der wie eine Lokomotive auf uns zukam. Sein keuchender Atem kondensierte in der kalten Luft zu weißen Fähnchen, die ihn wie Dampf umwehte.

"Das war nicht euer Bier!" Hywood machte eine schlenkernde Kopfbewegung in Richtung der Apotheke.

"Wissen wir", bestätigte Milo.

"Und?"

"Was und?"

"Eine Erklärung!", verlangte Captain Hywood.

Die lieferte ich ihm.

Ich erzählte ihm von dem Anruf einer alten Freundin, die in Little Italy wohnte. Über die Art meines Verhältnisses zu ihr sagte ich nichts; Hywoods anzüglicher Blick jedenfalls war fehl am Platze. – Francesca hatte mir voller Sorge von bunten Pillen berichtet, die sie in der Schultasche ihres Sohnes gefunden hatte. Der Junge war gerade mal elf Jahre alt, und vielleicht war das der Grund dafür gewesen, dass ich mich der Sache persönlich angenommen hatte.

Ich hatte mir die Pillen angesehen und festgestellt, worum es sich dabei handelte. Der Kleine hatte mir dann gesagt, dass er die Dinger auf dem Schulhof geschenkt bekommen hatte. Ein paar von seinen Klassenkameraden hatten sie schon probiert und inzwischen angefangen, Nachschub zu kaufen.

Daraufhin hatte ich angefangen, mich ein bisschen umzusehen und umzuhören. Und so war ich auf Giancarlo Montavani aufmerksam geworden –

"Warum haben Sie uns nicht zu diesem Zeitpunkt informiert?", wurde ich von Captain Hywood unterbrochen. Mein Trommelfell vibrierte wie unter einem Drum-Solo.

"Wie lange hätte es gedauert, bis Sie den Apparat der City Police in Gang gebracht hätten – aufgrund des Hinweises einer alleinerziehenden Mutter, die lediglich bunte Pillen in der Schultasche ihres Sohnes gefunden hat?", fragte ich zurück.

Hywood blieb mir eine direkte Antwort schuldig.

"Dafür kann ich nichts", sagte er ausweichend. "Vorschriften, Paragraphen..."

Milo nickte. "Eben. Und all diese Hürden hätten einem Kind das Leben kosten können. Sollten wir so lange warten?"

Auch darauf schwieg der Captain. Aber aus seinem Blick sprach Zustimmung und etwas wie ein stummes 'Ihr seid in Ordnung, Jungs'.

Vielleicht hätte Hywood es auch noch laut ausgesprochen, wäre unsere Unterhaltung nicht von Lindas rauchigem Alt unterbrochen worden.

Milo beugte sich durch das offene Seitenfenster ins Innere unseres Wagens und angelte sich das Funkmikrofon.

"Milo?" Linda Sanders' Stimme zauberte einen Hauch von Wärme in den kalten Tag.

"Leibhaftig", bestätigte mein Freund.

"Mr. McKee will mit euch reden."

"Wir können aber..."

"Sofort!"

Wir fuhren zur Federal Plaza.

Sofort!

 

 

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738928556
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470660
Schlagworte
hölle mördern

Autor

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Titel: Zur Hölle mit den Mördern!