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Steffi - Ein Stern in dunkler Nacht

2019 99 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Steffi - Ein Stern in dunkler Nacht

Copyright

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Steffi - Ein Stern in dunkler Nacht

Roman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

 

Viele Probleme hat die Jurastudentin Steffi. Sie muss ihr Leben und das Studium allein finanzieren — und dazu noch für die Familie ihrer Schwester Gitta sorgen. In den Semesterferien findet sie bei dem Anwalt Dr. David Lieven Arbeit — und verliert ihr Herz an diesen faszinierenden Mann, der jedoch jede familiäre Bindung ablehnt ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Oh, Steffi, Steffi, wie gut, dass du kommst!“ Laut aufschluchzend umarmte Gitte ihre Schwester. „Du glaubst gar nicht, wie schlecht die Welt ist! Furchtbar schlecht! Ja, wirklich. Einer Familie mit kleinen Kindern einfach den Stuhl vor die Tür zu setzen! Und nun suchen wir ...“

„Mal wieder!“, sagte Steffi leise. „Zum wie vielten Male eigentlich schon?“

Sie blickte sich in dem kleinen, verwohnten Zimmer um, sah die Unordnung, den schreienden Säugling in der Ecke. Ihre Schwester! Weshalb nur hatte sie so früh geheiratet?! Sie Studentin, der Mann ewiger Student. Steffi kannte dies alles. Nein, sie hätte die Schwester auch nicht als Untermieterin haben mögen. Sie war weder eine gute Hausfrau noch eine gute Mutter!

Ja, diese Studentenehen, sorglos geschlossen — und nun dies! Sie wurden beide niemals fertig mit ihrem Studium.

„Aber kann man mit Kindern studieren?“, hatte Gitte sie einmal vorwurfsvoll gefragt.

Nein! Steffi gab das zu. Es war unmöglich, in diesem Dachgeschoss zu lernen, zwischen Kinderwindeln und Babygeschrei. Mit solchen Sorgen konnte man kaum ein Examen bestehen. Wolf Lenners Eltern waren nicht arm. Aber sie waren gegen diese Heirat gewesen und unterstützten ihren Sohn in keiner Weise.

„Ein junger Mann soll zuerst etwas werden — und dann erst heiraten“, hatte der Vater gesagt.

Dann wurde Jens geboren, und einige Jahre darauf der kleine Kai.

„Das ist nun mal so, wenn man heiratet“, hatte Wolf einmal zu Steffi gesagt. „Was kann man gegen die Liebe machen, Steffi? Das verstehst du nicht. Du bist immer so kalt, aber ich nicht!“

Steffi bückte sich und hob den kleinen Jens auf ihren Arm.

„Tante, nimm Jens mit“, bettelte das Kind.

Als Gitte die vorwurfsvollen Blicke der Schwester über die unaufgeräumte Wohnung bemerkte, erklärte sie: „Ich stehe wie Wolf vor dem Examen!“

Und Mama bezahlt, dachte die Schwester grimmig. Was hatte die Ehe aus Gitte gemacht? Natürlich war sie noch hübsch, rosig und ein wenig mollig.

Mama gab von ihrer bescheidenen Rente das ab, was sie nur entbehren konnte. Deshalb musste sie, Steffi, sich ihr Studium zum großen Teil auch selber verdienen. Das schafft man schon, wenn man keine Arbeit scheute. Mama, dachte Steffi plötzlich, wenn sie wüsste, wie es hier bei Gitte aussieht!

„Ich nehme Jens mit“, sagte sie laut. „Ich will versuchen, eine andere Wohnung für euch zu finden. Manchmal hat man Glück. Aber jetzt muss ich mich zuerst auf ein Stellenangebot bewerben, für die Semesterferien. Sie soll gut bezahlt werden. Es ist bei einem Anwalt.“

„Prima!", rief Gitte. „Da bleibst du ja im Fach.“

„Ja“, sagte Steffi müde, „ich bleibe im Fach ...“

„Du, Steffi, denk nur nicht, dass ich mich nicht auch ums Geldverdienen kümmere. Ich gehe jetzt jeden Nachmittag zu einem Maler. Er ist ein sehr interessanter Mann — ein Genie wirklich. Ich werde gut bezahlt, stehe ihm Modell und helfe ein bisschen im Haushalt.“

Steffi schaute nachdenklich von der Schwester zum Schwager. Sie dachte plötzlich: Nein, die Ehe, was ist das schon? Nur Plackerei! Ich will mich niemals verlieben. Man ruiniert sich nur dabei.

„Ich nehme Jens mit, und um die Wohnung werde ich mich kümmern“, erklärte sie.

„Du bist ein Engel“, sagte Wolf Lenner. „Wenn wir dich nicht hätten. Oh, Steffi, wo habe ich damals nur meine Augen gehabt ...“ Wolf sah sie eindringlich an. Er bereute es längst, Gitte geheiratet zu haben.

„Wolf“, sagte Steffi. Ihre Stimme klang spröde, beinahe eisig. Sie schob die Hand des Schwagers von ihrer Schulter. „Wolf, lass das!“

„Eine andere hätte man heiraten müssen“, murmelte der Mann, der wie Steffi Jura studierte. „Steffi, könnten wir nicht einmal wieder gemeinsam arbeiten?“

„Wir wollen mal sehen“, sagte sie. „Nur, wenn du ganz artig bist. Aber jetzt muss ich mich um meine neue Arbeitsstelle bemühen.“

„Ist es ein guter Job?“, fragte er leise, denn Steffi kümmerte sich nicht nur um den Haushalt, um Kai und Jens, sie gab auch oft Geld. Doch sie gab keine Antwort, nahm Jens bei der Hand und ging mit ihm fort. Eine Viertelstunde später hatte sie die Anwaltspraxis erreicht.

„Herr Doktor Lieven hat eine Stelle ausgeschrieben“, sagt Steffi Martin zu dem Mädchen, das ihr öffnete. Dieses nickte freundlich und führte sie in das Arbeitszimmer. Steffi folgte ihr mit den auffallend stillen Jens an der Hand.

„Du musst jetzt ganz lieb sein, Jens. Nachher kaufe ich dir ein Stück Schokolade“, versprach sie ihm. Die Kinderaugen verklärten sich. Steffi ließ ihn im Vorraum zurück.

Ich muss die Stelle um jeden Preis bekommen, dachte sie. Wie bringe ich den Anwalt nur dazu, sie mir zu geben? Zum ersten Mal wurde ihr eine Stelle angeboten, wo sie ihre juristischen Kenntnisse verwerten konnte. Sie wurden sogar ausdrücklich verlangt.

„Guten Tag“, hörte sie jetzt wie aus weiter Ferne eine männliche Stimme. „Bitte, nehmen Sie doch Platz!“

Steffi sah auf. Sie blickte in ein sehr kluges Gesicht, sonnengebräunt, mit sehr wachen Augen. Sie fühlte, wie sie errötete. Weshalb nur? Sie ärgerte sich über sich selbst.

„Also, Sie melden sich auf ..."

Sie hörte nicht mehr, was der Mann sprach. Ihr war plötzlich so schrecklich schwindelig. Natürlich, sie hatte ja kaum etwas in den letzten Tagen gegessen. Sie hatte sehr wenig Geld, und davon gab sie immer noch der Schwester ab.

„Ist Ihnen schlecht?“, erkundigte sich Dr. Lieven.

„Nein, nein — bitte, glauben Sie das nicht. Ich bin nicht krank. Ich kann sehr gut arbeiten“, stammelte sie.

David Lieven betrachtete Steffi, lange, eingehend. Verrückt, dachte er, mir ist, als kenne ich sie schon lange. Ganz anders ist sie als die vielen Frauen, die ich kenne. Es waren intelligente, schöne Frauen; er jedoch hielt nichts von festen Bindungen. Eine Familie belastete, zerstörte die Karriere. Zudem misstraute er jeder Frau. Er war angesehen, reich. Würde man ihn nicht seines Geldes wegen heiraten?

Aber trotzdem! Ich denke nicht daran, mich zu binden, dachte er. Man kann alles ohne Heirat haben. Sentimental war ich nur einmal im Leben — meinem Bruder gegenüber. Diesen Fehler werde ich nie wieder machen ...

Aber dieses Mädchen, das mit geschlossenen Augen vor ihm saß, stimmte ihn nachdenklich. Er verstand sich selber nicht. So zart sieht sie aus, stellte er fest. Man möchte sie auf Händen tragen. Doch sie würde es gewiss nicht zulassen. Sie machte einen intelligenten Eindruck. Mitleid hasste sie sicherlich. Bestimmt hatte sie selten satt zu essen. Dies alles fuhr ihm während weniger Minuten durch den Kopf.

In diesem Augenblick kam Steffi wieder zu sich.

„Man hat das manchmal“, entschuldigte sie sich. „Bitte, Herr Doktor, ich werde den mir gestellten Aufgaben gewiss gewachsen sein.“

Noch ehe David Lieven etwas antworten konnte, rief aus dem Nebenzimmer der kleine Jens: „Du, ich habe Angst. Kommst du nicht endlich?“

„Sind Sie verheiratet?“, erkundigte sich der Mann vorsichtig.

„Nein“, Steffi schüttelte den Kopf. „Nur Tante bin ich. Ich habe eine verheiratete Schwester. Jens gehört ihr.“

„Und — und fester gebunden sind Sie auch nicht?“ Er wusste, das hätte er nicht fragen dürfen.

„Nein!“ Steffi wurde rot. Schrecklich, dass ihr immer wieder diese schwarzen Streifen und Punkte vor den Augen herumtanzten. Wenn sie die Stelle hatte, würde sie sich etwas zu essen kaufen.

„Ich halte nichts von Studentenehen“, sagte sie leise. „Es stört das Studium.“ Sie nahm sich zusammen. Ihre Hände zitterten ein wenig. Aber sie wusste, dass jetzt alles darauf ankam, die Stelle zu bekommen.

Sie ist ein ganz ungewöhnliches Mädchen, dachte David Lieven, der keinen Blick von Steffi wandte. Laut sagte er: „Wir wollen es miteinander versuchen, Fräulein ...“

„Martin“, sagte Steffi. Und dann fuhr sie beinahe angstvoll fort. „Wirklich? Ich ... mir ist nämlich viel an dieser Stelle gelegen. Wann kann ich anfangen? Bitte, Herr Doktor, wenn es Ihnen recht ist, schließen wir die Angelegenheit jetzt ab. Das Kind wird unruhig im Vorzimmer.“

„Jens?“

„Das Kind meiner Schwester. Sie lebt nicht in erfreulichen Verhältnissen. Deshalb nahm ich ihr Jens ab. Sie verstehen — für die Familie muss man etwas tun!“

„Finden Sie?“, fragte der Anwalt. „Halten Sie wirklich etwas von Familie, Fräulein Martin?“

Steffi schaute über die breite Schreibtischplatte zu dem Mann hin.

„Haben Sie keine Familie, für die Sie sorgen müssen, Herr Doktor?“

„Ich bin nicht verheiratet. Und andere Familie? Ich machte einmal schlechte Erfahrungen“, wich der Mann aus. „Nein, jetzt nicht mehr.“ David Lieven wusste selbst nicht, weshalb er sich mit einer wildfremden Studentin über seine Familie unterhielt. Er wusste auch nicht, weshalb er ihr nun erzählte, dass er seine Eltern früh verloren und einen Bruder hatte, mit dem er aber nicht mehr in Verbindung stand.

„Ein Zwillingsbruder“, sagte er leise. „Er ähnelt mir äußerlich wie ein Ei dem anderen. Er studierte Medizin, wurde Arzt, Frauenarzt. Es gab viel Ärger mit ihm. Nun ja, diese Dinge sind vorüber, liegen in der Vergangenheit, sind nicht mehr erwähnenswert. Ich sage es nur, um Ihnen meine Abneigung gegen Familienbindungen zu erklären.“ Dann brach er ab, sagte nichts weiter als: „Sie können morgen schon die Stelle antreten.“ Er nannte die Summe, die er zahlen wollte. Sie war sehr hoch, worüber Steffi froh war.

Plötzlich fielen ihr Gittes Probleme ein. Im Nebenhaus von Dr. Lievens Villa war nämlich eine Wohnung zu vermieten. Sie hatte es vorhin gelesen.

„Kennen Sie zufällig den Namen des Hauseigentümers?“, fragte sie ihn jetzt.

Der Mann lachte.

„Wie meine Westentasche, Fräulein Martin. Ich bin es selber. Aber es ist eine Wohnung mit zwei Räumen und einer kleinen Küche. Ich weiß nicht, ob sie für Sie nicht zu groß ist.“

„Ich suche für meine Schwester eine Wohnung“, erklärte Steffi.

„Ah, die Studentenehe? Ja, solche Leute haben Sorgen“, spottete er.

„Man muss ihnen helfen“, legte Steffi fest.

„Ich will Ihnen ja gern den Gefallen tun. Wenn Sie wollen, können wir die Wohnung gleich einmal ansehen.“

„Tante“, mahnte Jens, dem die Zeit zu lang geworden war. Er stieß die Tür weit auf.

„Meine Schwester hat zwei Kinder“, murmelte Steffi.

Der Mann blickte nachdenklich auf das ihm so rätselhaft scheinende Mädchen. Es schien sich nicht satt zu essen. Es verdiente Geld, das es der Schwester zukommen ließ. Es hütete deren Kinder. Es suchte Wohnungen für sie — und studierte Jura. Ein seltsames Mädchen! Und eigenartig anziehend.

„Also gehen wir und besichtigen die Räume.“

 

 

2

Steffi begutachtete alles kritisch. Nichts ließ sie aus. Dr. Lieven lachte und setzte — warum, das wusste er selbst nicht — den Mietpreis herab.

„Ich habe für meine Schwester schon oft Wohnungen gemietet“, gestand Steffi leise.

David Lieven lachte erneut.

„Einfache Mieter scheinen Ihre Schwester, Schwager und die Kinder wohl nicht zu sein. Aber mir ist es gleich. Im Übrigen rate ich Ihnen, sich ein wenig von dieser Familie abzusetzen. Familie taugt nicht.“

„Das können Sie mir glauben, Herr Doktor, ich heirate ganz gewiss nicht!“ Steffi sprach voller Überzeugung. „Ich halte von Liebe überhaupt nichts.“

Was sie nicht sagt!, dachte David Lieven, und dann meinte er: „Wir passen gut zusammen, Fräulein Martin. Man sagt mir zwar allerlei Frauengeschichten nach. Aber von Liebe, der wirklichen Liebe, halte ich auch nichts. Wir werden uns gewiss gut verstehen.“

„Ich hoffe es!“, sagte Steffi. Sie verabschiedete sich und zog Jens hinter sich her.

„Bekomme ich jetzt die Schokolade?“, bettelte er.

„Weil du so brav warst, werde ich dir Geld für Schokolade schenken“, sagte David Lieven und legte ein Zweimarkstück in Jens’ kleine Hand.

„Schau mal, Tante, ein ganz schweres Geld!“, staunte der Junge.

Das war das Letzte, was Doktor Lieven hörte.

Ein seltsames Mädchen!, dachte er, als er sich an den Schreibtisch setzte.

Steffi kaufte dem Kind die versprochene Schokolade, und Jens war selig. Seltsam, auf einmal tat ihr Gitte leid. Nein, sie wollte nicht heiraten — niemals!

„Komm, Jens, wir wollen schnell nach Hause gehen. Vati und Mutti werden sich freuen, dass ihr am Ersten eine neue Wohnung bekommt. Und es ist ihnen auch gewiss nicht gleichgültig, dass ich schrecklich viel Geld in den Ferien verdienen werde. Da gibt es auch noch mal eine Schokolade für dich!“

 

 

3

„Du bist ein Engel“, sagte Gitte, als die Schwester von der neuen Wohnung erzählte. „Ach, Steffi, wenn wir dich nicht hätten!“

Steffi sagte nichts. Sie war so schrecklich müde. Und außerdem musste sie immer wieder an den jungen Anwalt Dr. Lieven denken. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sein Bild nicht verscheuchen. Ständig musste sie an ihn denken.

„Also, am nächsten Ersten könnt ihr umziehen. Und nun sei still, ich hatte nur eben ein bisschen Glück, mehr nicht.. Sieh zu, dass du einigermaßen Ordnung im Haushalt hältst und nicht wieder unangenehm auffällst!“

„Unangenehm — wir — ich?“, empörte sich Gitte.

„Na, ja ...“ Steffi wollte jetzt nicht streiten. „Zum Beispiel die Wohnung, du musst mehr Ordnung halten.“

„Oh, du solltest mal kleine Kinder haben und studieren und — und ...“ Gitte richtete sich straff auf. Steffi blickte sie müde an. Und ich lerne aus Gittes Unglück, dachte sie. Und wieder schwor sie sich: Niemals werde ich mich verlieben, niemals heiraten.

„Du, Steffi ...“, begann Gitte plötzlich mit schmeichelnder Stimme.

„Hast du noch etwas auf dem Herzen?“

„Dir kann man doch alles sagen!“ Gitte schaute ein wenig verlegen drein. „Auch ... auch ... ach, Steffi, ich fühle mich ja so hundeelend! Du musst verstehen ...“ Gitte flüsterte jetzt nur noch, als sie weitersprach und erklärte, sie fühle sich wieder schwanger.

Das dritte Kind in einer Studentenehe!

Beinahe entgeistert sah Steffi der Schwester in das rosige Gesicht.

„Ach, Steffi, Liebes“, schmeichelte Gitte. „Was verstehst du schon von der Liebe? Und schließlich sind Wolf und ich ja verheiratet. Es ist unser gutes Recht. Aber — da gibt es noch eine Sache ...“ Gittes blaue Augen füllten sich mit Tränen. „Ich habe doch die Stelle angenommen, bei diesem Maler. Ich erzählte es schon. Aber bitte, ich kann jetzt nicht hingehen. Mir ist so elend. Du kennst diese Zustände ja nicht. Aber — aber das Geld, das ich verliere ... Fünf Mark pro Stunde. Ach, Steffi ...“

„Ich soll dich also vertreten“, sagte Steffi schnell, um dem Jammern der Schwester ein Ende zu machen.

„Es ist herrlich, dass du mich immer gleich verstehst!“ Gitte legte den Arm um die Schwester. „Glaub mir, wirklich, es ist eine sehr anständige Arbeit. Du brauchst keine Sorgen zu haben. So, jetzt muss ich aufräumen, Einkäufe machen. Dieser de Coster ist ein bisschen menschenscheu, musst du wissen.“

„Na, los!“ Steffi raffte sich auf. Sie hatte jetzt wieder etwas im Magen und fühlte sich arbeitsfähiger. „Sag mir die Adresse von deinem Maler! Ich werde mal sehen, ob er auch mit mir vorlieb nimmt.“

„Es geht ja nur um Bewegungsstudien“, sagte Gitte. „Das ist ganz einfach. Na, und einkaufen und saubermachen kannst du besser als ich!“

„Das Leben hat es mir beigebracht“, sagte Steffi ein wenig ärgerlich.

„Oh, Steffi!“

Noch ehe Gitte die Schwester erneut umarmen konnte, wurde ihr wirklich schlecht. Sie würgte. Steffi führte sie zum Ausguss. Trotz allem — Gitte tat ihr leid.

„Also komm, gib mir die Adresse! Bis es dir wieder besser geht, werde ich deinen Maler betreuen“, erklärte Steffi seufzend.

Andere Frauen lassen sich nicht so gehen, dachte sie bei sich. Was wird das noch geben, mit den zwei Kindern? Und Wolf will doch auch sein Recht! Musste man denn immerzu Kinder bekommen, wenn man kaum in der Lage war, sie zu ernähren und ihnen eine anständige Wohnung zu bieten? Handelten Wolf und Gitte nicht unverantwortlich?

„Sterngasse zehn“, sagte Gitte. Sie fühlte sich etwas besser und ahnte nichts von den Gedanken ihrer Schwester. „Und ... vielen Dank. Ich wünschte, ich hätte auch mal die Zeit, nett zu anderen Menschen zu sein!“

Steffi lächelte ein wenig dünn. Sie schrieb sich auf: „Hank de Coster, Sterngasse zehn.“

Dann schob sie den Zettel in ihre Tasche und verabschiedete sich.

 

 

4

„Sterngasse zehn!“, wiederholte Steffi einige Male, während sie durch die Straße lief und die Hausnummer suchte. Es war eine hässliche Gegend.

Gitte hätte sich eine Stelle in einer anderen Gegend aussuchen sollen, dachte Steffi. Aber die Schwester wollte ja immer etwas Besonderes haben.

Endlich stand Steffi vor dem gesuchten Haus. Sie studierte die vielen Namensschilder.

„Hank de Coster, fünfter Stock, sechsmal klingeln“, las sie laut und stieß die unverschlossene Tür auf. Im Treppenhaus roch es nach Kohl und Seife — nach Armut. Die Treppenstufen waren ausgetreten und schmutzig. Kein Hausmeister schien hier für Ordnung zu sorgen.

Ein entsetzliches Haus, dachte Steffi, während sie zögernd die Treppen hinaufging. Weshalb nur hatte Gitte sich diese Stelle ausgesucht? Sie studierte romanische Sprachen, konnte Übersetzungen anfertigen, und das noch zu Hause. Weshalb wollte sie ausgerechnet in diesem schäbigen Haus ihr Geld verdienen? Steffi verstand ihre Schwester nicht mehr.

Ein wenig außer Atem stand sie endlich im 5. Stock vor der Etagentür. Sie klingelte. Wie oft sollte man den Klingelknopf drücken? Hatte sie sich verzählt? Nach minutenlangem Warten öffnete eine alte Frau die Tür.

„Na, Fräulein, was wollen Sie denn?“, fragte sie.

„Ich komme in Vertretung meiner Schwester, Frau Lenner“, erklärte Steffi. „Habe ich vielleicht falsch geklingelt?“

„Nein, Fräulein. Doch kommen Sie man ’rein.“ Die Alte machte eine einladende Bewegung, wies in den dunklen Gang.

Steffi stolperte hinein. Sie fasste sich endlich ein Herz und klopfte an die ihr bezeichnete Tür.

„Herein!“

Sie drückte die Klinke nieder — und stand in einem Raum, den sie nicht erwartet hatte. Wohl waren die Tapeten zum Teil abgeblättert, der Fußboden und die Leisten hätten auch eines neuen Anstrichs bedurft. Aber es lagen echte Perserteppiche auf dem Boden und an den Wänden hingen Gobelins und asiatische Masken. Viele seltsame, aber offensichtlich wertvolle Dinge standen herum.

Während Steffi noch überlegte, wie der Bewohner dieses Raumes aussehen mochte, und während sie sich fragte, ob sie sich nicht in der Tür geirrt hätte, legte sich plötzlich von hinten eine Hand auf ihre Schulter.

„Hallo“, sagte eine Stimme, die ihr bekannt vorkam.

Verrückt, wieso bekannt?, dachte das Mädchen. Ich bin doch noch nie hier gewesen. Einen Augenblick lang traute sie sich nicht, sich umzudrehen.

„Ich soll meine Schwester, Frau Gitte Lenner, vertreten. Ich hoffe, ich enttäusche Sie nicht!“, sagte sie über die Schulter hinweg.

„Ah, eine junge Dame, die für die Schwester einspringt“, spottete die Stimme hinter ihr.

Wo hatte sie nur schon mal diese Stimme gehört?

Als Steffi aufschaute, musste sie sich doch erst einmal über die Augen fahren. Denn vor ihr stand ... nein, es war einfach unmöglich! Aber trotz des farbbespritzten Malerkittels glaubte sie keinen anderen vor sich stehen zu sehen — als den Rechtsanwalt Dr. David Lieven.

Das aber war unmöglich!

„Herr — Herr Doktor!“, stammelte sie verwirrt.

„Nichts anderes als Hank de Coster“, erwiderte der Mann im weißen Kittel. „Oder für wen hielten Sie mich?“

Steffi hatte sich wieder gefangen.

„Natürlich“, sie versuchte zu lachen, „natürlich hielt ich Sie für Herrn de Coster.“

Mit der Rechten schob sie seine Hand von ihrer Schulter und erklärte, weshalb sie gekommen war. Wie hätte sie sagen können, dass ihr de Coster wie der leibhaftige Doppelgänger von Dr. David Lieven erschienen war? Natürlich war er kein Doppelgänger. Sein Gesicht wirkte unruhig, hart und ein wenig brutal. Dennoch war die Ähnlichkeit verblüffend. Steffi sah ihn von der Seite an. Und seltsam, auf einmal empfand sie Angst vor diesem Mann.

Gitte sollte sich besser eine andere Stelle suchen, dachte sie. Wider Willen fühlte sie sich dennoch zu diesem Mann hingezogen. Sie konnte es sich einfach nicht erklären. Ja, er sah Dr. David Lieven zum Verwechseln ähnlich.

Weshalb konnte sie nur kein Wort sagen? Ich will fort, weg, dachte sie. Warum sieht er mich so komisch an? Ich bin doch nicht verrückt!

„Sie sollten zunächst einen Schnaps trinken“, sagte jetzt der Mann. „Ich weiß zwar nicht, weshalb Sie so erschrocken sind, aber Schnaps ist immer gut. Oder haben Sie vielleicht Hunger?“

Hank de Coster betrachtete Steffi. Er stand jetzt vor ihr. Er gab sich ruhig und gelassen. Er erinnerte immer stärker an David Lieven. Doch es war einfach unmöglich, dass der Rechtsanwalt ein Doppelleben führte. Einmal Doktor und dann Maler? Ihre Nerven schienen ihr einen Streich zu spielen. Ich muss krank sein, dachte sie bei sich. Ja, so musste es sein.

„Bestimmt haben Sie Hunger. Sie sehen so dünn aus. Ich kenne das. Na, greifen Sie mal zu!“

Hank de Coster schob ihr Brot und Butter zu. Steffi aß ganz mechanisch. Das lenkte sie davon ab, immerzu den Mann anzustarren. Langsam überwand sie die Angst, und Ruhe und Sicherheit kehrten zu ihr zurück.

Ich bin wirklich verrückt, mich so dumm anzustellen, schalt sie sich aus. Was wird er nur von mir denken?

„Na, da Sie Ihre Schwester Gitte vertreten, wollen wir nun mit der Arbeit beginnen.“ Hank de Coster stand auf. „Ich betreibe Bewegungsstudien. Sie brauchen nichts anderes zu tun, als sich nach meinen Anweisungen zu richten; einmal den Arm strecken, einmal das Bein. Also, bitte!“

Steffi tat alles, was er sagte.

Hank de Coster sprach nicht, während er arbeitete. Er schien wie berauscht und sie einfach vergessen zu haben. Endlich, für Steffi schien es eine Ewigkeit, durfte sie ihren Mantel anziehen. Er drückte ihr Geld in die Hand und bat sie, für ihn ein paar Einkäufe zu erledigen.

„Das macht Ihre Schwester auch immer“, behauptete er.

„Und noch saubermachen“, sagte Steffi.

„Das ist heute nicht nötig. Sie sind auch nicht geschaffen zum Saubermachen. Was sind Sie eigentlich?“

Plötzlich musste Steffi lachen. Alles kam ihr so unwirklich vor.

„Wenn Sie es genau wissen wollen, ich bin Studentin. Ich habe wenig Geld und muss es mir in den Semesterferien verdienen. Ich habe außer meiner Vertretung bei Ihnen noch eine Stelle bei einem Rechtsanwalt namens Doktor Lieven.“

„Lieven?“, de Coster schrak zusammen. In wenigen Sekunden veränderte sich sein Gesicht erschreckend, beängstigend. „Sagten Sie: David Lieven?“, wollte er wissen.

„Ja, Doktor David Lieven. Er ist Anwalt. Ich arbeite bei ihm seit ein paar Tagen.“

„Also, er lebt noch immer hier in der Stadt!“ Hank de Coster schien mehr zu sich selber zu sprechen.

„Ja, Sie können es ja in jedem Telefonbuch nachlesen.“

„Natürlich — ja, im Telefonbuch. Ich habe jedoch kein Telefon. Und ich will auch gar nicht ...“ Hank de Coster schien sein Selbstgespräch fortzuführen. „Lieven, Dr. David Lieven, Rechtsanwalt — ich hätte es mir denken können“, murmelte er.

Steffi beobachtete den Mann. Ihr war dies alles unheimlich. Gleich morgen wollte sie zur Stellenvermittlung gehen, um sich einen anderen Arbeitsplatz als bei Dr. Lieven zu beschaffen. Ich werde …, dachte sie. Aber dann wusste sie, dass sie doch anders handeln würde. Sie würde hingehen, in die Praxis. Und es war gleichgültig, was dieser Hank de Coster sagte — und wie er aussah. Das war Angelegenheit ihrer Schwester.

„Meine Schwester wird gewiss nächstes Mal kommen“, sagte Steffi, als sie sich endlich aufraffte, um fortzugehen.

„Ihre Schwester? O nein!“ Hank de Coster ergriff plötzlich Steffis Hände. „Sie haben zwar nur Vertretung gemacht. Aber diese Vertretung ist besser als das Original. Bitte, kommen Sie wieder, Fräulein Martin! Ich beschwöre Sie. Ein Maler hat oft Eingebungen unter einem guten Stern. Ich könnte mir denken, dass Sie mein guter Stern sein könnten. Oder — verachten Sie die Kunst?“ Aufmerksam sah er sie an. „Besitzen Sie so wenig Herz, dass Sie meine Bitte abschlagen? Mir erschien vorhin ein Bild — eine Vision, aber sie ist unlöslich an Sie gebunden. Fräulein Martin, ich bin nicht glücklich, ich ...“ Er brach ab.

Steffi wagte nicht aufzusehen. Sie sagte sehr leise: „Ich werde meine Schwester wohl noch ein paarmal vertreten müssen.“ In Gedanken setzte sie hinzu: Sie erinnern mich an den Rechtsanwalt. Ich kann einfach sein Gesicht nicht vergessen. Eigentlich komme ich nur deshalb wieder. Ja, nur deshalb. Verrückt, aber es stimmt.

„Ich komme wieder“, versprach sie leise. Dann ging sie zur Tür.

Hank de Coster sah ihr mit einem eigenartigen Blick nach. Er schien alles um sich herum vergessen zu haben. Steffi war schon lange unten auf der Straße angekommen, da stand er noch immer oben am Treppengeländer. Ein rätselhaftes Lächeln umspielte seine Lippen. Es war zärtlich und grausam zugleich.

Dann fiel endlich die Etagentür hinter ihm zu.

 

 

5

Steffi sagte auch die gut bezahlte Stelle bei dem Rechtsanwalt nicht ab. Auf der Stellenvermittlung konnte man ihr ohnehin keine andere anbieten, die gleich gut bezahlt wurde. So blieb sie dann also. Man musste eben die Zähne zusammenbeißen. Vielleicht würde sie eines Tages entdecken, wieso der Mann zwei Rollen spielte.

Heute Morgen hatte Steffi einen Brief von ihrer Mutter erhalten. Sie setzte sich damit auf eine Parkbank und begann ihn zu lesen:

„Liebe Steffi!

Gitte erwartet schon wieder ein Baby. Du wirst verstehen, dass wir ihr helfen müssen. Nimm dich ihrer an! Da ich weiß, dass du dir stets selber helfen kannst, wirst du verstehen, wenn ich dir mitteile, dass ich ab nächsten Monat alles was ich übrig habe, an Gitte schicken muss. Du bist tüchtig, intelligent und wirst begreifen, warum ich dir in nächster Zeit kein Geld mehr schicken kann!“

So war Mama! Der Teufel sollte Gitte holen! Sie hatte kein Recht, der Mutter die letzten Pfennige aus der Tasche zu ziehen. Wie konnte man nur unter diesen Umständen an ein drittes Kind denken?

Steffi knirschte vor Wut mit den Zähnen. Aber alles Grollen half nichts. Sie war zum Glück gewöhnt, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Sie musste also Geld verdienen, durfte deshalb die Stelle bei dem Rechtsanwalt nicht aufgeben. Außerdem konnte sie nicht mit ansehen, wenn Gittes Kinder litten. Ohne es vor sich selber einzugestehen, war Steffi mütterlicher, als sie es selbst wusste. Immer und überall hätte sie sich für Jens und Kai eingesetzt. Nur wusste sie im Augenblick nicht recht, wie sie alles unter einen Hut bringen sollte, denn Gitte ließ sich noch immer bei Hank de Coster durch die Schwester vertreten.

„In den ersten Wochen fühlt man sich immer so schrecklich“, klagte sie jedes Mal, wenn Steffi einen Versuch machte. Steffi schwieg und schluckte alles. Was sollte sie denn auch tun? Arbeiten, arbeiten — eines Tages würde sie noch darüber zusammenbrechen. Zwei Stellen und dann noch nebenbei das Studium, das war beinahe zu viel. Sie war doch auch nur ein Mensch und kein Ackerpferd.

Aber eines war gut, die Arbeit bei dem Rechtsanwalt machte Steffi sehr viel Freude. Und hin und wieder konnte sie auch dabei für sich arbeiten. Zudem verdiente sie so viel, dass sie eine kleine Rücklage machen und auch für die Kinder sorgen konnte. Darauf kam es ja an. Mama hatte so rührend geschrieben: Nimm dich Gittes an! Und das musste man tun.

 

 

6

„Darf ich heute einmal eine halbe Stunde früher gehen? Ich werde morgen dann den Rest erledigen, bevor Sie ins Büro kommen“, sagte Steffi an diesem Nachmittag zu Dr. Lieven.

Wie oft habe ich nun schon festgestellt, dass sie hübsch ist, nein, eigentlich bezaubernd, dachte der Mann.

„Mal ausgehen, unsolide sein?“ Er lächelte.

„Ausgehen?“ Steffi schüttelte den Kopf. „Ich gehe nie aus.“

„Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass es keinen Mann gibt, der sich nicht glücklich fühlt, mit Ihnen ausgehen zu dürfen?“

„Ich will mit Männern nichts zu schaffen haben!“ Und heftig fügte sie hinzu: „Ich sehe ja, wohin das führt, wenn man sich mit Männern einlässt.“

Da lachte David Lieven schallend.

„Bisher bin ich kaum einer Frau begegnet, die nicht eingeladen werden und so bald wie möglich zum Traualtar geführt werden wollte.“

„Aber Sie selber sind ja auch unverheiratet geblieben!“ Steffi betonte jede Silbe. Sie dachte an die Worte seiner Haushälterin: „Verlieben Sie sich bloß nicht in meinen Doktor, Fräulein! Der hat schon vielen das Herz gebrochen. Aber er will nicht heiraten.“

Sie, Steffi, hatte nicht geantwortet. Ihretwegen konnte Dr. Lieven sich Frauen gegenüber verhalten, wie er wollte. Aber seltsam,, wenn hübsche junge Damen ihn im Büro besuchten und er freundlich zu ihnen war, gab es ihr jedes Mal einen Stich durchs Herz.

Plötzlich fiel Steffi etwas ein, dass sie noch mit ihm besprechen wollte.

„Herr Doktor, ich hätte da noch etwas anderes mit Ihnen zu besprechen. Was wird nach den Sommerferien? Ihre Sekretärin ist doch noch immer krank.“

„Sie erwartet ein Kind, und das lässt sich leider nicht beschleunigen“, sagte er zynisch.

In diesem Augenblick bemerkte Steffi seinen Blick. Er erhob sich von seinem Platz hinter dem Schreibtisch und kam auf sie zu. Plötzlich legte er seine Hände auf ihre Schultern.

„Liebes Fräulein Martin“, seine Stimme klang nicht mehr so spöttisch wie zuvor. „Ich habe manchmal den Eindruck, Sie sollten noch ein paar Tage in den Semesterferien ausspannen. Das würde Ihnen gut bekommen. Ein bisschen frische Luft, kein Großstadtlärm, kein Gehetze mehr, völlige Ruhe am Strand oder auf einer grünen Wiese.“ Seine Berührung war wie ein elektrischer Schlag.

Warum auf einmal dieses Herzklopfen? Dumm von ihr, sie wollte sich doch niemals verlieben!

„Manche Menschen müssen eben mehr arbeiten als andere“, sagte Steffi beinahe rau. „Zudem habe ich Sie nicht gebeten, sich in meine Privatangelegenheiten zu mischen.“

„Ich hoffe nur, dass Sie nicht eines Tages vor Überanstrengung zusammenbrechen!“ Seine Stimme klang wieder kühl und erinnerte sie an den Maler.

Dabei blieb es. Eine Antwort auf die Zeit nach den Ferien gab es nicht. Und sie brauchte doch diesen Verdienst so dringend. Wie sollte sie sonst leben und studieren? Oder wollte sie einfach nicht aufhören, weil sie immerzu an ihn dachte? Nein, sie musste diese Gedanken verscheuchen, sie waren einfach unsinnig.

„Ich hasse ihn“, sagte Steffi laut vor sich hin, während sie über die Straße ging.

Sie hatte Gitte versprochen, sich ein wenig um ihren Haushalt zu kümmern, weil die Schwester heute zu de Coster gehen wollte. Müde stieg Steffi die vielen Stufen hinauf. Auf der Treppe begegnete ihr Gitte.

„Tschüss, mach’s gut“, rief sie nur. „Mir geht es heute so leidlich!“

Steffi hatte schon mehrmals festgestellt, dass Gitte viel freundlicher und gelöster war, wenn sie zu dem Maler ging. Armer Wolf!, dachte sie.

Dann lenkte Kindergeschrei sie ab. Es musste Jens sein. Und dazwischen ertönte die Stimme ihres Schwagers. Warum musste er nur so schreien? Aber als sie die Tür öffnete, musste sie ihm recht geben. Mochte es Gitte schlecht gehen oder nicht — doch Wohnung und Familie durfte sie nicht in einem derartigen Durcheinander zurücklassen.

Jens rieb sich die Wange. Wolf hatte ihm eine Ohrfeige gegeben. Der Kleine schien sich am Herd verbrannt zu haben. Sie nahm Wolf das Kind ab, kühlte die Brandwunde, legte dann einen kleinen Verband an.

„Und du solltest nicht auch noch so schreien, Wolf, wenn Jens sich verbrennt“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Wenn wir dich nicht hätten!“ Er seufzte, und plötzlich legte er den Arm um Steffi. „Ach, Steffi, wohin soll das alles noch führen?“ Er schien in diesem Augenblick sehr ratlos und hilflos zugleich.

„Das hättet ihr euch früher überlegen sollen“, sagte Steffi schroff.

Du liebe Zeit, was fiel Wolf ein? Er streichelte sie jetzt zärtlich. Er hatte auffallend schöne, schmale Hände. Man konnte Gitte wohl verstehen.

Wolf drückte Steffi jetzt ein wenig fester an sich. Ganz dicht neigte er sein Gesicht zu ihr hinab. Er suchte ihren Mund.

Details

Seiten
99
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738928532
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470658
Schlagworte
steffi stern nacht

Autor

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Titel: Steffi - Ein Stern in dunkler Nacht