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Schüsse in Little Italy

2019 252 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Schüsse in Little Italy

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

EPILOG

Schüsse in Little Italy

von Timothy Stahl & Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 252 Taschenbuchseiten.

 

Es beginnt mit einem Einsatz im Hafen von New York. Ermittler gehen gegen einen Menschenhändlerring vor. Niemand hätte gedacht, dass dies eine unglaubliche Kette von Ereignissen in Gang setzt. Der Ermittler Jesse Trevellian und sein Team stehen vor einer fast unlösbaren Aufgabe.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1.

Eine rabenschwarze Nacht an der Pier.

Rabenschwarz wie meine Gedanken, während ich einen Blick auf die Uhr warf, deren Leuchtziffern wie Funken aussahen, die jeden Moment verlöschen konnten.

"Es geht los", hallte die Stimme in meinem Ohr nach. Die Stimme, die auch Milo gehört hatte. Er war genauso verkabelt wie ich.

Seit mehr als einer Stunde warteten wir schon in unserem ungemütlichen Versteck. Geredet hatten wir nur das Allernötigste, denn jedes unserer Worte konnte in dem provisorischen Headquarter, das in einem unscheinbaren Frachtcontainer eingerichtet worden war, mitgehört werden.

Clive Caravaggio, der Koordinator des Einsatzes, war nicht das Problem. Aber es waren andere bei ihm, die unser Privatleben nichts anging.

"Achtung", meldete sich der "kleine Mann" in meinem Ohr erneut. "Es sind drei Fahrzeuge – ich wiederhole: drei –, und sie kommen aus Richtung Holland Tunnel..."

Milo seufzte nur ein einziges Wort: "Endlich!"

Ich lächelte grimmig und spähte kurz über den breiten Strom hinweg, der leise gurgelnd gegen den Damm leckte. Vom pulsierenden Moloch New York war nichts zu sehen, gar nichts. Der treibende Regen erstickte alles.

Es gab wenige Nächte, in denen nicht der kleinste Lichtstrahl des Big Apple bis zur nahen Küste von New Jersey hinüberreichte – und noch weniger, die mir so im Gedächtnis haften bleiben sollten wie diese...

Die Lastwagen rumpelten ohne das kleinste verräterische Licht zwischen den Dockbauten heran – was in einer Nacht wie dieser nur bedeuten konnte, dass die Fahrer über ähnliche Hightech verfügten wie unsere Leute im Container. Sonst hätten sie es nicht riskieren können.

Das Brummen der Motoren und das Geräusch, das die Reifen auf dem nassen Asphalt verursachten, kamen näher.

Langsam.

Sie pirschten sich an die Beute heran, von der sie hoffentlich immer noch glaubten, dass niemand sie ihnen nehmen konnte – oder auch nur wollte.

Der Tipp, der uns mobilisiert hatte, war hochbrisant. Anfangs hatten wir ihm misstraut. Doch spätestens mit dem Auftauchen der Fahrzeuge zerstreuten sich alle Zweifel...

Der Frachter lag längsseits. Er war vertäut und sollte morgen gegen Mittag wieder auslaufen. Seine Beflaggung war philippinisch, der Kapitän ein unbeschriebenes Blatt. Zumindest in unseren Gewässern. Wenn allerdings stimmte, was uns zugetragen worden war, würde sich daran einiges radikal ändern.

Milo und ich standen nebeneinander auf einem Stahlrohrgerüst, mit dem Lackierarbeiten durchgeführt wurden. Das Gerüst stand unweit der Gangway, die zum Schiffsdeck hinaufführte. Eine vorgehängte Plastikplane schützte uns vor Blicken. Andererseits ermöglichten uns verschiedene in Augenhöhe liegende Löcher den Blick überall dorthin, wo es nötig war.

Ich machte mir Sorgen wegen der Kerle am Steuer, die offenbar Nachtsichtgeräte benutzten, um sich auch ohne Scheinwerfer ausreichend orientieren zu können.

Würde uns eine Infrarotoptik trotz Vorhang verraten? Würde die Plane unseren Wärmeausstoß filtern oder uns zu perfekten Zielscheiben degradieren?

Näher und näher rollte der Konvoi.

Ich hatte mein rechtes Auge gegen das Nachtvisier meiner SIG Sauer gepresst. So konnte ich vage das Geschehen draußen verfolgen.

"Und wenn es eine Falle ist?", raunzte mir Milo zu.

"Es ist eine Falle", gab ich genauso flüsternd zurück.

"Ich meine – für uns."

"Dann werden sich die Kollegen eine hübsche Inschrift für die Kranzschleifen auf unserem Grab ausdenken", gab ich in einem Anflug von Galgenhumor zurück. "Stimmt doch, Clive?"

Mein angeklebtes Kehlkopfmikro übertrug jedes noch so leise gesprochene Wort.

"Versprochen, Folks, macht euch mal keine Sorgen", gab unser Freund von der Logistik zurück. "Worüber wir aber nie gesprochen haben: Wollt ihr gemeinsam oder getrennt für den Rest der Ewigkeit logieren?"

"Gemeinsam."

"Getrennt."

"Vielleicht einigt ihr euch, bevor die Frist für die Stimmabgabe endet", erklärte Clive sanft. "Und jetzt Ruhe im Karton!"

Ich wusste selbst nicht, wie ich in dieser Situation lächeln konnte. Aber auch ohne hinzusehen, hätte ich schwören können, dass mir Milo mal wieder in nichts nachstand.

Die Wagen kamen und stoppten. Das Motorengeräusch erstarb.

Und dann flammte doch endlich Licht auf. Beim Frachter. Am oberen Ende der Gangway. Der Kegel eines Handscheinwerfers tanzte über den Gittersteg, der zur Pier hinabführte.

Vom vordersten Lastwagen aus hörte ich einen Mann erst gotteslästerlich durch die heruntergekurbelte Scheibe fluchen (warum, blieb sein Geheimnis) und dann zum Schiff hinüber rufen: "Alles klar bei euch?"

Der Regen verzerrte die Stimme, aus der weder Alter oder Abstammung herauszuhören waren.

Die Antwort vom Frachter her erfolgte in einer Sprache, der ich nicht mächtig war.

Philippinisch? Kantonesisch?

Beides war möglich, insbesondere, wenn man bereit war, auch weiterhin anzunehmen, dass der anonyme Tippgeber uns mit seinem Anruf nur Gutes hatte tun wollen.

Eigentlich hätte es mich beruhigen müssen, dass Milo und ich nicht als Einzige im Regen und damit auf relativ verlorenem Posten standen. Eine kleine Armee hatte sich um den Pier herum, in sicherer Deckung, verteilt. Und die Schnellboote der Küstenwache warteten zusammen mit einem Polizeikopter ebenfalls nur auf das verabredete Zeichen, um loszuschlagen.

Dennoch blieb dieses lausige Gefühl, diese Vorahnung, dass etwas schief gehen würde...

"Das gefällt mir nicht", versuchte ich Milo am Mikro vorbei zuzuflüstern.

"Die Sache stinkt", verriet mein Freund, dass sein Instinkt ebenfalls Amok lief.

Also doch eine Falle für den FBI?

Meine Hand umfasste den Griff der SIG so fest, dass ich mir einbildete, ein nur unwesentlich höherer Kraftaufwand könnte ihn wie ein Plastikspielzeug zermalmen.

Doch dieses Spielzeug war ein Killer aus bestem Stahl. Einer der Leben auch retten konnte. Im Idealfall meines.

Ich hoffte, dass ich genügend Ersatzmagazine eingesteckt hatte. Dort drüben in den Lastwagen vermutete ich eine Zahl von Gegnern, die uns Kopfzerbrechen bereiten konnte.

Die Frage war: Was verbarg sich hinter den Planen der Lkw?

Eine ähnliche Überraschung wie hinter unserer?

Bewegung auf der Gangway lenkte mich ab. Schneller als erwartet erschienen die ersten Gestalten darauf, angeführt von dem schmalwüchsigen Mann, der die Lampe trug.

Gleichzeitig schlugen Wagentüren.

Körper landeten federnd auf dem Boden der Pier.

Der Regen war noch stärker geworden; ein wahres Bombardement prasselte herab. Nicht die besten Bedingungen, aber auch daran war nichts zu ändern. So wenig wie an dem Gefühl, das sich langsam vom Magen aus wie Sodbrennen nach oben fraß.

Das Gefühl, verladen zu werden.

Nur ein gut inszeniertes Schauspiel geboten zu bekommen...

... aber warum und – von wem?

Wem konnte daran liegen, dass wir hier draußen in stockfinsterer Nacht Krieg gegen Menschenhändler führten?

Es machte keinen Sinn.

Wahrscheinlich lag mein Misstrauen einzig in der Tatsache begründet, dass wir in den letzten Jahren kaum einen Tipp dieser versprochenen Güte bekommen hatten. Unser Vorgehen beschränkte sich im Regelfall auf die moderne Sklaverei vor Ort – das hieß, wir nahmen Nester aus, in denen sich arme Teufel für die bloße Existenzerhaltung auf unterstem Level die Seele aus dem Leib schufteten.

In Chinatown waren solche Razzien beinahe an der Tagesordnung. Aber mehr als kleine Fische und Menschen, die selbst Opfer waren, gingen uns dabei so gut wie nie ins Netz.

Hier war die seltene Chance, das Übel vielleicht doch einmal bei der Wurzel packen zu können und endlich Namen zu erhalten. Die Namen der Drahtzieher, die für den permanenten Nachschub an Billigstarbeitern ins chinesische Viertel sorgten.

Unser Verdacht galt vielen, allein uns fehlten die Beweise. Zeugen, die im Ernstfall nicht umfielen. Zeugen, denen wir genügend Druck machen konnten, damit sie sich auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft einließen...

Plötzlich ein Schrei!

Mehrere Gestalten folgten dem Lampenträger aneinander gereiht wie Perlen auf einer Kette – doch einer von ihnen blieb plötzlich stehen und versuchte schreiend, als hätte man ihm eine Klinge in den Bauch gerammt, zurück zum Schiff zu laufen.

Was nicht ging.

Weil die Gangway gerade mal breit genug war, um erwachsene Männer hintereinander gehen zu lassen.

"Ruhig bleiben", meldete sich Clive. "Nicht eingreifen. Es ist noch zu früh. Wir warten, bis sie verladen sind."

Es störte mich, dass er von den Opfern wie von einer Ware sprach – es störte mich, obwohl ich wusste, dass er es mit Sicherheit anders meinte.

Als hätte Clive meine Gedanken erraten, fügte er fast entschuldigend hinzu: "Zu ihrer eigenen Sicherheit."

Ich hörte kaum noch hin. Meine Aufmerksamkeit galt der Hysterie, die eine der geduckt über die Rampe stolpernden Gestalten mit ihrem jähen Ausbruch gestartet hatte.

Kein Schuss fiel, um die Ordnung wiederherzustellen, natürlich nicht. Die Sache wurde mit Fäusten und Knüppeln geregelt. Durch das Nachtvisier sah ich, wie oben an der Reling Kerle aufmarschierten, die eindeutig zu den "Bösen" gehörten. Sie zerrten so viele Menschen zurück aufs Schiff zurück, wie es brauchte, um des Störenfrieds habhaft zu werden. Ich entdeckte nirgends Hand- oder Fußfesseln, aber ich sah, wie die Besatzung des Frachters auf den Brüllenden einhieb als gelte es, einen schmutzigen Teppich ausklopfen.

Schon nach wenigen Sekunden veränderte sich die Tonlage des Schreiers. Es hörte sich an, als füllte plötzlich Blut seine Kehle. Gurgelnd ebbte das Gebrüll zu einem kläglichen Röcheln ab.

"Wir müssen eingreifen", fauchte ich an Clives Adresse, dem nichts von alledem entging.

Bevor er antworten konnte, stoppte die Prügelei. Eine wuchtige Gestalt mischte sich ein. Ein Asiat, wie ich selten einen zuvor gesehen hatte: Die Statur erinnerte an einen Sumo-Ringer, und dennoch bewegte er sich mit einer Eleganz, dass ich meinen Augen kaum traute. Seine Stimme, mit der er Einhalt gebot, war nicht einmal sonderlich laut. Dennoch zeigte sie auf Anhieb Wirkung.

Die Schar der Schläger stob auseinander. Das Opfer war von unserer Warte aus nicht zu sehen. Aber die Stimme des Kolosses konnten wir hören.

"Übersetzung!", verlangte ich, eine Nuance schärfer, als gewollt.

Der Dolmetscher saß im Container.

Er würde den Teufel tun und so lebensmüde sein, den Schutz des stählernen Bunkers zu verlassen. Aber das Richtmikrofon übertrug ihm die Worte, die oben an Deck gesprochen wurden, als stünde er unmittelbar daneben.

Er beherrschte Kantonesisch und Philippinisch.

Und schon erklang seine heisere Stimme an meinem Gehör, simultan zu dem, was der wuchtige Asiat auf dem Frachter äußerte.

"Warum tust du das? Warum zwingst du uns, dir wehzutun? Denkst du gar nicht an deine Begleiter? An die Gefahr, in die du sie bringst... uns alle...?"

Stille.

Dann, mühsam, brüchig, die Antwort, die der Dolmetscher ebenfalls aufgriff und übersetzte: "Ich gehe... nicht... ohne mein... Kind...!"

Mir wurde heiß und kalt.

Der Regen rauschte, das Glas des Nachtvisiers war voller Schlieren.

"Ein Kind?", flüsterte Milo. "Diese Schweinehunde...!"

Die Simultanübersetzung ging weiter.

"Das sollst du auch nicht", sagte der Riese. "Du wirst es in deine Arme schließen, sobald die Lage es erlaubt."

"Lage? Welche... Lage? Warum werden... wir getrennt?"

"Nur zu eurem besten. Wir kümmern uns darum. Was denkst du? Wir sind keine Monstren. Wir helfen euch. Hast du schon vergessen, wie du gelebt hast? Jetzt bist du im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier kannst du dir, wenn du fleißig bist, für dich und deine Familie eine Zukunft aufbauen, Wohlstand erwerben..."

Keine Monstren, echote es tief in mir. Gleichzeitig reifte die Gewissheit, dass der Koloss mit der sanften Stimme der wahrscheinlich Verdorbenste von allen war. Er schonte seine Fäuste; seine Waffe war das Wort. Die Überzeugungskraft, die er in seine Rede legte.

Obwohl ich keinerlei Indiz dafür hatte, spürte ich sofort, dass er log.

Der Geprügelte jedoch griff nach dem Strohhalm.

"Habe ich... dein Wort?"

"Natürlich."

Der Kopf des Chinesen erschien über dem Rand der Reling. Der Riese streckte den Arm aus und half ihm auf. Zögernd torkelte der Geschundene zurück zur Gangway, wo er sich noch einmal umdrehte. Er triefte vor Nässe, schien es aber nicht einmal zu merken.

"Versprochen?", keuchte er kehlig rau.

Der Koloss winkte bestätigend. Sein Hirn zauberte ein sanftmütiges Lächeln voller Verständnis auf das breite Gesicht.

Abermals, diesmal ohne Störfall, setzte sich die Kolonne in Bewegung. Wir warteten noch, bis sie in die Lastwagen geklettert waren.

Dann schlugen wir los.

 

*

 

Etwa zur gleichen Zeit

Wären alle Lichter der gewaltigen Stadt Augen gewesen, die zu ihm hereinstarrten, der Mann, der sie vom Fenster seines Büros aus betrachtete, hätte sich nicht seltsamer fühlen können.

Seltsam?

War das das richtige Wort?

Er schüttelte den Kopf. Eigentlich gab er nichts auf Vorahnungen. Aber der Frieden, den die Stadt draußen wie ein Stillleben hinter Glas vorgaukelte, wirkte in dieser Nacht noch trügerischer, noch fadenscheiniger als sonst.

Es klopfte.

Mr. McKee drehte sich um. "Ja?"

Die Tür ging auf, Mandy streckte den Kopf herein. "Ich wollte nur sagen, dass ich jetzt gehe..."

"... und mir raten, es Ihnen nachzumachen, ich weiß." Der Chef des New Yorker FBI lächelte abwesend.

"Ich habe schon immer geahnt, dass Sie Gedanken lesen können."

"Aber bitte nicht weitersagen." Mr. McKee hob eine seiner schlanken, feinnervigen Hände, die ebenso gut einem Künstler zu Gesicht gestanden hätten, und winkte.

"Nur dann nicht", erwiderte die gute Seele des Vorzimmers mit mahnend erhobenem Zeigefinger, "wenn das die letzte Überstunde für dieses Wochenende war!"

"Sie wissen ja, die kleinen und großen Halunken da draußen machen ständig Überstunden."

"Wollen Sie mich etwa mit den Halunken gleichstellen?"

Mr. McKees Lächeln vertiefte sich. Der Anflug von leiser Vorahnung, gerade noch sehr dominant in seinem Denken, verflüchtigte sich wie ein leichtes Gas.

"Bewahre, Mandy! Ich bin sicher, es gibt nicht einmal eine weibliche Form für den Begriff Halunke. Und das aus gutem Grund..."

"Sie können nicht nur ausgezeichnet Gedanken lesen, sondern sich auch hervorragend aus jeder brenzligen Lage herauswinden."

"Diplomatie gehört zu meinem Tagesgeschäft."

Mandy nickte beinahe melancholisch. "Worüber Sie einmal nachdenken sollten: Tagesgeschäft. Sie sollten öfter auf Ihre Uhr schauen, Chef. Warum verkaufen Sie Ihr Apartment nicht? Sie halten sich doch ohnehin so gut wie nie darin auf."

"Ich glaube, wir beenden jetzt unseren Schlagabtausch."

Mandy setzte ihr missmutigstes Gesicht auf. "Immer wenn ich mich Ihnen mit meinen Argumenten gewachsen fühle."

"Eben deshalb." Mr. McKee lachte. "Und jetzt trollen Sie sich! Oder wollen Sie Ihr Zelt künftig neben meinem aufschlagen?"

"Soll das ein frivoles Angebot werden?"

Mr. McKees Augen lachten, während die Faust drohte. "Raus!"

Die Tür schlug.

Er war wieder allein.

Seine Gedanken begannen wieder um die Stadt und ihre Menschen zu kreisen.

Vor allem um diejenigen Männer und Frauen, die auch jetzt im Einsatz waren, um dafür zu sorgen, dass das Gleichgewicht der Kräfte in diesem gewaltigen Schmelztiegel der Rassen gewahrt blieb.

Das Verbrechen schlief nicht.

Niemals.

Wahrscheinlich war dies der Grund, weshalb der Mann am Fenster sich manchmal wünschte, selbst völlig auf Schlaf verzichten zu können.

Besonders in Nächten wie diesen.

Nächten voll düsterer Vorahnungen...

 

*

 

Scheinwerfer flammten auf und spalteten das vom Himmel fallende Wasser in gleißende Prismen auf. Unsere Armee stürmte aus den Verstecken – Milo und ich eingeschlossen.

"Stehen bleiben!", posaunte Clive Caravaggios Stimme aus den magnetisch fixierten Containerlautsprechern zum Mob hinüber. "Keine falsche Bewegung! Das Gelände ist umstellt – ihr habt nicht den Hauch einer Chance!"

Dieser Aussage in unserer Muttersprache folgten die Dolmetscherversionen auf den Fuß.

Zunächst fiel kein Schuss. Aber es erwies sich als trügerische Illusion, dass der Friede gewahrt werden könnte.

Die Realität sprach eine andere, eine blutige Sprache.

Noch während wir auf den Konvoi zurannten, um den herum sich fünf, sechs Gestalten bewegten, die in die "Täter"- nicht die "Opfer"-Kategorie fielen, spie von dort eine Waffe Blei.

Es blieb nicht die einzige.

Sofort erwiderte die breite Front der heranrückenden Beamten das Feuer.

Ich warf mich zu Boden, orientierte mich, ohne eine Kugel aus dem Magazin der SIG zu vergeuden. Vor mir ragte der Frachter, der begonnen hatte, die Gangway einzuziehen, dunkel auf.

Ich verständigte mich mit Milo, der neben mir auf dem regengefluteten Asphalt klebte. Dann legten wir einen Gewaltspurt hin, der für mich in einem mächtigen Sprung endete, mit dem ich es gerade noch schaffte, auf der Rampe zu landen. Etwas splitterte. Es war das Funkgerät an meinem Gürtel. Ich wusste, was es bedeutete, hatte aber keine Zeit, mich darum zu kümmern.

Milo blieb hinter mir zurück. Der Metallsteg bot nicht genug Platz für zwei, sonst hätte er den entscheidenden Satz auch noch wagen und schaffen können...

Mit der Linken hielt ich mich am Geländer fest. Die Rechte ruckte hoch, zielte dorthin, wo der Riese und seine Mannen kurz zuvor noch zu sehen gewesen waren.

Jetzt wirkte das Deck verlassen.

Wie ausgestorben.

Licht und Schatten woben seltsame Muster, während ich mich von der automatisch einfahrenden Rampe hochtransportieren ließ. Das Nachtvisier enthüllte auch nichts anderes als das bloße Auge, dem schon das scheinwerferzerrissene Zwielicht genügte.

Dieses Bild änderte sich jedoch jäh, als ich, oben angelangt, an Deck sprang.

Wie aus dem Nichts wuchsen Gestalten vor mir auf.

Darunter der Riese.

Niemanden schien die Waffe in meiner Faust zu interessieren. Ein fanatischer Glanz füllte die Augen der Filipinos. Sie wirkten wie Lemminge, die bereit waren, sich bedingungslos in den nächstbesten Abgrund zu stürzen.

Für den, der sie ernährte.

Und der ihnen nicht nur das Denken abnahm, sondern auch alle Skrupel...

 

*

 

Der Regen lief in kleinen, reißenden Bächen über mein Gesicht. Er schien noch stärker geworden zu sein. Ich hatte die SIG im Beidhandanschlag. Zielte auf den Koloss ohne Namen. Nur auf ihn.

Aber das Problem war, dass er mir als Einziger unbewaffnet entgegentrat.

Aus kaltem Kalkül, wie ich jetzt erkannte.

Du wirst nicht auf mich schießen! schienen seine kalt glitzernden Augen mir entgegenzuhalten. Niemals!

Und – zur Hölle – er hatte Recht.

Ein halbes Dutzend anderer Mündungen war auf mich gerichtet, aber ich sah nur ihn. Die Art, wie er mich musterte, fixierte, regelrecht bannte – wortlos –, ließ mir den Schweiß aus den Poren brechen. Nie hatte ich einen suggestiveren Blick auf mir lasten gespürt.

Er stand nur drei, vier Schritte entfernt, die Augen tief in den Höhlen, hinter dicken Wülsten liegend und dennoch selbst unter diesen Bedingungen klar erkennbar, als würde ein Licht im Schädel des Riesen wie in einem Halloween-Kürbis brennen.

Dass er meine Sprache fast fließend beherrschte, bewies er, als er fragte: "Wer hat uns verraten?"

Ich wusste es nicht, aber wenn ich es gewusst hätte, hätte ich dann der fast hypnotischen Macht seiner Stimme widerstehen können?

Die Antwort erfuhr ich nie.

Zwei Geräusche schwollen fast gleichzeitig an: Rotorengeknatter und das dumpfe Brausen von Hochleistungsturbinen.

Aus dem regenverhangenen Himmel stach eine Lichtsäule herab. Sie wischte kurz über die Decksaufbauten und blieb schließlich an den Gestalten hängen, die sich im Halbkreis um mich versammelt hatten. Ich sah, wie die Gesichter noch mehr versteinerten. Ich konnte den Ausdruck, den ich darin fand, nicht sofort deuten. Noch immer starrten mir die Mündungen handlicher Schnellfeuerwaffen wie hässliche, stahlgefasste Augen entgegen. Bis eine Megafonstimme herrisch befahl: "Waffen fallen lassen! Sofort! Die Küstenwache ist unterwegs! Ergeben Sie sich...!"

Selten hatte ich eine in sich so unwirkliche Situation erlebt, die meiner Kontrolle zusehends entglitt.

Welcher Idiot hatte sich vorgenommen, die Hartgesottenen, die mich in die Zange genommen hatten und denen ohnehin schon das Blut in den Augen stand, mit dem Kopter noch zusätzlich zu reizen – Öl ins Feuer zu gießen?

Der Lärm auf dem Pier – beim Konvoi – war mir völlig entrückt.

Und der Riese bot mir immer noch waffenlos die Stirn.

"Wer?", wiederholte er noch einmal seine Frage.

Ich schüttelte den Kopf. Ich verweigerte ihm die Antwort nicht einfach, ich hatte sie nicht.

Und das – aber das begriff ich erst später – schien er mir abzukaufen. Um im nächsten Atemzug zu demonstrieren, dass es das Einzige gewesen war, was ihn noch hatte warten lassen.

Nun zog er die Konsequenz aus der sicheren Niederlage.

Eine Konsequenz, die mich völlig überrumpelte.

Zum ersten Mal bewies seine Stimme, dass sie auch zu Schärfe fähig war. Er bellte nur ein einziges kehliges Wort zu seinen Leuten hin. Die keine Sekunde zögerten, sondern handelten, als wäre dieser Befehl aus ihrer Sicht längst überfällig gewesen.

Diese gottverdammten Narren!

Der Fluch blieb hinter meinen Lippen. Er galt allem Erdenklichen. Mein ganzes Leben schien in den Startlöchern zu stehen, um noch einmal Revue vor meinem geistigen Auge zu passieren.

Aber irgendetwas verzögerte den Start.

Alles geschah innerhalb von ein, zwei Sekunden.

Meine SIG zielte immer noch beharrlich auf den waffenlosen Riesen, auf den ich nicht feuern würde.

Von denen, die auch auf mich zielten, konnte ich bestenfalls einen oder zwei erwischen, bevor sich der Kugelhagel über mich ergoss.

Irrwitz pur.

Ich würde sterben.

Ich hatte noch nie so knapp vor dem Grab gestanden.

Und dann...

... spuckten die Waffen der Filipinos Tod und Verderben.

Fast gleichzeitig entluden sie sich.

In meiner Vorstellung sah ich mich von den einstanzenden Projektilen gegen die Reling gestoßen.

Bis ich zögerlich realisierte, dass ich immer noch unverletzt war, dafür aber ein halbes Dutzend Gestalten reglos auf Deck lag.

Überall war Blut, das sich, wie der Schweiß an meinem Körper, mit dem Regen mischte, der es über die Planken spülte, rasch verteilte.

Nur der Riese stand noch.

Jetzt bückte er sich.

Ich schüttelte die Lähmung ab.

"Keine –!" Das Wort ‚Bewegung' blieb mir im Hals stecken.

Er war schnell, unglaublich behände. Seine Fettmassen schienen ihn überhaupt nicht zu behindern.

Dann: Ein neuerlicher berstender, ein alles beendender Knall!

 

*

 

"Clive! Verdammt, melde dich!"

Milo Tucker stand immer noch abseits des Schlachtfelds. Vor dem Frachter, der wie die senkrechte Flanke eines dunklen Gebirges vor ihm aufragte.

Der "Gipfel" war unerreichbar geworden.

Nur einer hatte ihn erklommen.

"Verdammt! Clive...!"

Wasser lief in Milos Kragen. Die Verbindung zum Container und zu seinem Freund schien im wahrsten Sinne des Worte abgesoffen zu sein.

Doch dann – endlich – knackte es doch noch in seinem Ohr.

"Was ist los bei euch, Milo?"

Statt einer Antwort keuchte Tucker: "Hol den verdammten Hubschrauber da oben weg!"

"Nenn mir einen vernünftigen Grund..."

Milo schilderte im Telegrammstil, was passiert war.

"Ich kümmere mich darum", versprach Clive Caravaggio – und wenn er so etwas sagte, war es ein Versprechen.

Noch einmal fluchend, wandte sich Milo Tucker dem Feuerwechsel beim Konvoi zu, der sich zu einem Flächenbrand auszuweiten drohte. Die Eindämmversuche im Vorfeld schienen nicht zu fruchten. Das Abschreckungspotential der zahlenmäßigen Übermacht hatte ebenso wenig ein Aufflammen offener Gewalt verhindert wie die sofortige eindringliche Lautsprecherwarnung...

Milo sprintete los.

Er hatte selbst noch keinen Schuss abgegeben und war auch noch nicht ins Visier eines der wie tollwütig um sich schießenden Bandenmitglieder geraten.

Er hatte noch nicht die halbe Distanz zu den Lastwagen zurückgelegt, als Caravaggio sich erneut meldete, diesmal unaufgefordert: "Milo, hörst du mich?"

"Yep!", keuchte er, ohne innezuhalten.

Eine Kugel zischte sengend und haarscharf an seinem Kopf vorbei, begleitet von einem Geräusch, als würde ein Schmied glühendes Eisen in einen Wasserbottich senken.

"Jesse sitzt in der Patsche, Milo! Ich bekomme keine Verbindung zu ihm, aber der Kopter hat ihn im Scheinwerfer – ihn und ein halbes Dutzend Mannschaftsmitglieder, alle bewaffnet... – Milo, ich kann den Kopter nicht mehr zurückpfeifen. Die ziehen das Ding jetzt durch... Ihr hattet strikte Anweisung, euch auf die Lastwagen zu konzentrieren – Hölle, immer diese Eskapaden!"

Milo Tucker hörte nicht mehr hin. Er lag am Boden. Vor ihm huschten Gestalten, die kaum als Freund oder Feind zu unterscheiden waren.

Hinter ihm, dort wo der Frachter immer noch fest vertäut lag, krachte eine ganze Salve von Schüssen los.

"Jesse..."

Er merkte gar nicht, wie das Wort über seine Lippen rann.

Er saß selbst in der Bredouille.

Vor ihm wuchs eine Gestalt aus dem Nichts.

Wie zufällig wurde sie in dem Moment von einem tanzenden Lichtstrahl erfasst, als Tucker die Mündung der MPi auf sich gerichtet sah.

Er überlegte nicht.

Er zog durch, zielte auf die Mitte des Körpers.

Der andere vollführte jedoch im selben Moment eine unvorhersehbare Bewegung.

Milo hatte das Gefühl, die Kugel sei vorbeigegangen. Doch dann klatschte der Körper des Angreifers wie ein gefällter Baum dumpf auf den Asphalt. So nah, dass Milo mit ausgestreckter Hand in das schüttere Haar hätte greifen können, das nicht mehr nur vom Regen nass war, sondern voller Blut.

Die Kugel hat ihn in den Kopf getroffen!

Ihm blieb keine Zeit zur genaueren Untersuchung.

Aus Richtung des Schiffs dröhnte ein einzelner Schuss, wie ein Nachzügler, und vom aufgewühlten Hudson River her schwoll das typische Geräusch eines hochgezüchteten Motors an.

Die Küstenwache!

Nach dem Kopter wurde auch sie nun aktiv.

Milo war hin und her gerissen zwischen Pflichterfüllung und der Sorge um seinen besten Freund.

Nach Clive Caravaggios Lagebericht konnte die gehörte Salve eigentlich nur eines bedeuten...

... aber warum dann noch der einzelne Schuss...?

Ein Horrorbild stieg vor Milos Geist auf: Er sah den Riesen, den sie vom Gerüst aus beobachtet hatten, wie er auf den bereits blutüberströmt an Deck des Frachters liegenden G-Man zuging, ihm die Mündung ins Genick setzte und den finalen Schuss abfeuerte.

Bei einem Tier nannte man das den Fangschuss.

Bei einem Tier...

In Milo Tucker siegte die Verpflichtung, die er dem Freund gegenüber empfand.

Zudem schwächte das Feuer vor ihm bereits merklich ab. Die Kollegen schienen die Situation mehr und mehr in den Griff zu bekommen. Schreie gellten. Eine heisere, fremdländisch akzentuierte Stimme schrie, dass sie aufgeben wolle...

Milo huschte bereits auf das Frachtschiff zu, die SIG wie ein Kreuz umfasst.

In ihm waren Rachegedanken, die ihn selbst entsetzten.

Noch bevor er das Schiff erreichte, fuhr die Gangway aus.

Im Rennen hob Milo die Waffe.

Zielte auf die Gestalt, deren Erscheinen oben am Ende des Stegs untermalt wurde vom zornigen Knattern der Kopterflügel...

 

*

 

Der Lichtkegel aus dem Hubschrauber wanderte unruhig über die Leiber, vor denen ich stand, während jähe Schwäche mich auch auf die Planken hinabzuziehen versuchte.

Die Augen des Riesen schienen mich immer noch anzustarren, obwohl sein Hinterkopf komplett weggesprengt worden war. Die Waffe, die daran schuld war, ihr stählerner Lauf, steckte immer noch tief in seinem Mund.

Warum?

Die Frage wiederholte sich unablässig hinter meiner Stirn, fast im Rhythmus des Rotorenknatterns über mir, während ich mechanisch, wie in Trance, zur Reling trat und den Hebel umlegte, der die Gangway automatisch wieder ausfuhr.

Ich hatte die SIG ins Holster zurückgeschoben und kurz an dem Funkgerät gerüttelt, das beim Betreten des Schiffes zu Bruch gegangen war.

Der Knopf im Ohr blieb tot.

Der Regen war schwächer geworden.

Ich stakste auf die zwei Stufen zu, die zur Rampe hochführten.

Über mir hing der Kopter, aus dem sich in diesem Moment eine erste Gestalt abseilte.

Ich wartete nicht, bis sie auf dem Deck landete.

Vom Kai her sah ich jemanden heranhetzen, den ich binnen einer einzigen Sekunde identifizierte.

Milo.

Er zielte auf mich, senkte aber kurz darauf die Waffe. Und Sekunden später klopfte er mir auf die Schulter, als hätten wir uns Jahre nicht mehr gesehen.

Es tat mir gut.

Denn besser noch als er wusste ich, wie leicht daraus tatsächlich die Ewigkeit hätte werden können...

 

*

 

Es war noch nicht vorbei.

Während das Sirenengeheul der alarmierten Rettungswagen näherrückte, durchkämmten wir bereits den Frachter bis in seine letzten Winkel.

Den Kapitän – nicht identisch mit dem toten Riesen – und den Steuermann fanden wir bis an den Rand der Bewusstlosigkeit betrunken in ihren Kabinen. Trotz Dolmetscher war ihnen kein vernünftiges Wort zu entlocken. Ausnüchterung war angesagt.

Ich forcierte das Tempo der Durchsuchung.

Das Intermezzo an der Gangway ging mir nicht aus dem Kopf.

Der Mann, der nicht ohne sein Kind von Bord hatte gehen wollen.

Und das verschollene Kind selbst...

... wir fanden es nicht...

 

 

2.

Irgendwann standen wir im Schatten des Einsatzcontainers und tranken lauwarmen Kaffee aus Thermoskannen. Man war bereits dabei, den Metallwürfel zu räumen. Hightech wechselte in bereitstehende Vans.

Die Suche an Bord war hingegen noch in vollem Gange, und sie würde bis weit in den Tag hinein fortgesetzt werden, auch wenn ich mich ausgeklinkt hatte.

Clive Caravaggio hatte meiner eindringlichen Bitte entsprochen, es mit dem bisherigen Resultat nicht gut sein zu lassen.

Der Regen hatte aufgehört. Dunst hing über der Pier. Im Osten war der Horizont bereits fahl aufgehellt. In zwei Stunden würde die Sonne aufgehen und, wenn sie genug Kraft aufbrachte, die Feuchtigkeit in den Himmel zurückziehen, aus dem sie gekommen war.

Kraft.

Ich sah Milo über den Rand meines Bechers hinweg an und fragte: "Woran knabberst du eigentlich schon die ganze Zeit?"

Er winkte ab. Wollte nicht darüber sprechen. Sein Gesicht wirkte verschlossen wie ganz selten, jeder Muskel darin war angespannt.

Dabei war ich es doch gewesen, der einen aberwitzigen Massenselbstmord aus nächster Nähe erlebt hatte, ich!

Die Szene steckte mir noch ebenso in den Knochen wie der Moment, als ich geglaubt hatte, die Kugel bereits auf mich zujagen zu sehen...

... ehe der Riese diesen ansatzlosen Schwenk mit der Waffe vollzogen und sich den Lauf zwischen die eigenen Zähne geschoben hatte...

Völliger Wahnsinn!

Auch die Selbstmörder waren bereits verladen und unterwegs zur Gerichtsmedizin.

Sie lagen mir wie Steine im Magen, das Kind, nach dem bislang vergeblich gefahndet worden war, wie ein Klumpen Blei.

Clive Caravaggio, der blonde Hüne italienischer Abstammung, gesellte sich zu uns, ebenfalls einen heißen Plastikbecher zwischen den Händen.

Er wandte sich an Milo.

"Er lebt."

Milo hob zuerst erstaunt die Brauen. Dann begann es um seinen Mund zu zucken. "Wie bitte?"

Clive hob die Schultern. Heißer Kaffee schwappte aus seinem Becher und verbrühte ihm die Finger. Er fluchte, dann sagte er: "Sie haben es erst unterwegs gemerkt, dass noch Vitalsignale von ihm ausgehen. Deine Kugel steckt in seinem Kopf, aber er lebt. Statt ins Leichenschauhaus haben sie ihn sofort ins Medical Center gebracht. Er hat Glück gehabt – wenn man in dem Fall von Glück reden kann. Soweit ich es verstanden habe, dämmert er im Koma dahin. Ob sie ihn durchbringen, ist ungewiss – ob er jemals wieder zu sich kommt – ich meine, als der, der er war, nicht als lallender Idiot, ist noch viel fraglicher..."

"Koma?", hakte Milo nach. Die ungeheure Anspannung in seinem Gesicht hatte sich für einen winzigen Moment ein wenig gelöst, jetzt verkanteten seine Züge von neuem.

Ich begann zu verstehen.

Auch nach all den Jahren konnte er nicht kaltblütig zur Tagesordnung übergehen, wenn er gerade einen Menschen – und sei es in Notwehr – getötet oder zum Krüppel geschossen hatte.

Mein Freund...

"Ja", bestätigte Clive noch einmal. "Man wird uns auf dem Laufenden halten."

"Ich will ja nicht stören", mischte ich mich ein, als ich das Gefühl hatte, es könnte ‚passen', "aber dürfte ich vielleicht auch einmal erfahren, worum es eigentlich geht?" Vielleicht half es Milo, darüber zu reden.

Und Milo erzählte mir mit bitterem Unterton, wie es dazu gekommen war, dass er eines der Bandenmitglieder in den Kopf geschossen, obwohl er eigentlich auf die Brust gezielt hatte.

"Ich hätte schwören können, dass ich ihn nach seinem Ausweichschritt verfehlt habe. Aber..."

Das also war die Laus, die ihm kreuz und quer über die Leber lief. Der Umstand, dass die Sache doch glimpflicher abgegangen war, als er zunächst befürchtet hatte, vermochte seine Laune kaum zu heben.

"Vielleicht wäre es besser gewesen, die Kugel hätte ihm gleich das Lebenslicht ausgeblasen...", murmelte er und zerknüllte seinen leeren Becher in der Faust, als sei dem armen Plastikteil alles anzulasten, was in einer Nacht wie dieser schief gehen konnte.

Ich schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter, sagte aber nichts. Ich wusste nur zu gut, wie der Selbstvorwurf in ihm nagte, hatte selbst schon in ähnlichen Situationen gesteckt. Und ebenso wusste ich, dass es keine Worte gab, die einem aus so einem Tief heraus halfen. Da musste er – fast – im Alleingang durch.

"Für dich habe ich übrigens auch was", wandte sich Clive an mich.

Natürlich dachte ich sofort an wieder an das Kind, und diesen Gedanken konnte man mir offenbar von der Stirn ablesen.

Doch Clive dämpfte den Anflug von Hoffnung sofort wieder.

"Wir haben unser Fremdsprachenwunder auf den Vater angesetzt. Wenn du willst, kannst du dich dazu gesellen." Mit einer Kopfbewegung wies er auf einen der FBI-Vans.

"Keine Frage", sagte ich, klopfte Milo noch einmal auf die Schulter und marschierte los.

 

*

 

Der Chinese hieß Jen Hao Pho und war eigenen Angaben zufolge 22 Jahre jung, obwohl er doppelt so alt aussah. Zumindest im Moment. Er hatte schwarze Halbringe unter den geröteten Augen. Seine Wangen wirkten hohl, als hätte er seit Tagen nichts mehr gegessen. Er knetete seine Hände, sein Blick flirrte, während er weit vorgebeugt auf der Rückbank des Van saß und dabei den Kopf so weit in den Nacken bog, dass die Halssehnen wie Stahlseile hervortraten.

Max Carter, einer unserer Verhörspezialisten, saß ihm gegenüber. Ebenso der Dolmetscher, der gerade dabei war, gestenreich zu vermitteln, als ich zustieg.

Ich setzte mich neben den Chinesen, der zu den Illegalen gehörte, die Chinatowns dunkles Herz am Schlagen halten sollten: als Billigstarbeitskräfte.

Obwohl wir im Zusammenspiel mit der City Police alles Erdenkliche unternahmen, um diese Auswüchse brutalster Sklaverei zu unterbinden, waren uns in der Vergangenheit immer nur kaum messbare Erfolge gelungen.

Der anonyme Tipp, der uns nach Jersey gelockt hatte, war vielversprechend gewesen. Von diesem Einsatz hatten wir uns erhofft, endlich einen der Köpfe der Bande in die Hände zu bekommen, die für den steten Nachschub an "Menschenware" aus Fernost sorgten.

Stattdessen standen wir vor einer Menge Leichen, die kein Sterbenswörtchen mehr verraten würden.

Und die verhafteten Schlepper, dessen war ich mir fast sicher, würden sich im Laufe der Verhöre als klitzekleine Fische herausstellen, die nichts über die wahren Drahtzieher im Hintergrund wussten...

Walt begrüßte mich mit einem knappen Nicken. Er sagte: "Er redet nur von seinem Kind. Vielleicht kannst du...?"

Der Mann schien zu spüren, worüber wir uns unterhielten. Er sah mich aus großen, schwarzen Augen an.

Ich bekam eine Gänsehaut.

"Wir haben kein Kind gefunden – bis jetzt jedenfalls", bedeutete ich dem Dolmetscher zu übersetzen.

Was er tat.

In den Pupillen des drahtigen Chinesen schien graues Packeis vorüberzutreiben. Er gab ein paar kehlige Laute von sich, was aber nichts zu sein schien, das sich übersetzen ließ.

"Wie lautet seine Geschichte?", wandte ich mich an Walt. "Was kann er uns über die Kerle sagen, die den gemeinschaftlichen Suizid einer Verhaftung vorgezogen haben? Und... ist es deiner Meinung nach überhaupt glaubhaft, dass das Kind existiert?"

Ich wusste, dass es existierte. Wusste es tief in mir. Aber in diesem Moment wäre mir lieber gewesen, Walt hätte mir plausible Indizien dafür geliefert, dass wir nur einem Phantom nachjagten.

Den Gefallen tat er mir nicht. Im Gegenteil.

"Nein", sagte er, bezog sich aber auf meine erste Frage, "über die Schleuser weiß er nichts. Nur dass sie ihn in seinem Heimatdorf kontaktiert haben. Er hatte ein paar Ersparnisse und war bereit, alles auf eine Karte zu setzen. Seine Frau war lange krank gewesen, ehe sie vor ein paar Wochen starb und ihm das gemeinsame Kind, ein Baby von neun Monaten, hinterließ... Als die Schleuser von dem Kind erfuhren, verloren sie jedoch schlagartig das Interesse, sagt er. Und er hatte bereits alle Hoffnung begraben, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu gelangen, als sie zwei Tage später überraschend wieder bei ihm auftauchten und ihm erklärten, dass das Baby wohl doch kein Hinderungsgrund sei, sie hätten es sich noch einmal überlegt. Und als wahre ‚Menschenfreunde', so ihre Worte, wollten sie ihm gerade wegen des Kindes die einmalige Chance nicht verbauen. Ein kleines Boot holte sie und andere wie verabredet an der Küste ab und brachte sie zu einem Frachter weiter draußen auf dem Meer. Dort wurden er und sein Kind getrennt. Man versprach ihm, dass sich eine Frau während der gesamten Überfahrt um den Jungen kümmern würde. Er sah seinen Sohn das letzte Mal, als er ihn dem Riesen, den du ja kennen gelernt hast, übergab..."

Das war es, dachte ich, damit verliert sich jede Spur. Wir wissen nicht einmal, ob das Baby dort, wo das Schiff startete, überhaupt an Bord geblieben ist oder ob es postwendend an Land zurückgebracht worden war.

An die noch üblere Möglichkeit, nämlich dass der hilflose Säugling mit fremder Nachhilfe einfach über Bord gegangen sein könnte, irgendwo unterwegs, wollte ich nicht denken. Obwohl ich wusste, wozu profitgierige Menschenmonster mitunter fähig waren. Erst recht solche, die – was sie eindrucksvoll bewiesen hatten – offenbar nicht einmal das eigene Leben achteten...

Mit einem schalen Geschmack im Mund kletterte ich aus dem Van und drückte die Tür zu. Einen Unglücklichen ließ ich hinter mir, dem anderen begegnete ich wenige Schritte später: Milo wartete bereits auf mich, immer noch gefrustet.

Mit einem der Einsatzwagen ließen wir uns durch den Holland Tunnel rüber nach Manhattan und zurück zur Federal Plaza kutschieren. Die Nacht war inzwischen einem bleigrauen Morgen gewichen.

In der Tiefgarage klemmten wir uns in meinen Sportwagen. Wir waren beide müde, aber auch völlig überdreht.

"Ich werde kein Auge zutun", sagte Milo. "Wie steht's mit dir?"

"Dito."

Das immer noch unauffindbare Kind rumorte wie in Geschwür in meinem Magen.

"Wie wär's mit Frühstück?", fragte Milo.

"Ich brauch aber frische Luft."

Milo nickte. "Dann lass uns was holen und im Wagen vertilgen. Wir können die Fenster aufmachen."

"Und wer macht die Krümel weg?"

"Du weißt, dass ich nie etwas übrig lasse – auch keine Krümel."

Das überzeugte mich.

Ich fuhr los.

 

*

 

Ich blieb im Wagen, während Milo ausstieg und schnurstracks die Tür zu Cookies Bar ansteuerte, dem schrillsten Laden im Umkreis und auch schon frühmorgens geöffnet. Cookie war ein Unikum, aber ein liebenswertes.

Durch die halb heruntergefahrene Scheibe auf meiner Seite drang fernes Sirenengeheul herein. Irgendwo in der Stadt war die Jagd immer eröffnet.

Während Milo sich also um unser Frühstück kümmerte, ging mir die Aktion am Hafen nicht aus dem Kopf. Wahrscheinlich würde ich mich nie daran gewöhnen, was ein gewisser Menschenschlag alles zu tun bereit war, um Profit zu scheffeln.

Gerade als Milo mit einer prallen Tüte und zwei Bechern dampfendem Kaffee im praktischen Papphalter zurückkam, vibrierte mein Handy in der Jackentasche. Ich nahm das Gespräch entgegen.

"Jesse? Schön, dass ich Sie erreiche." Lindas rauchige Stimme war unverwechselbar. "Doc Howard hat nach euch gefragt", sagte sie. "Wegen der Toten vom Hafen."

"So schnell?", wunderte ich mich, während Milo noch mit den Bechern jonglierte.

Noch einmal stieg das Miterleben des Massenselbstmordes aus meiner Erinnerung auf wie ein Toter, der sich aus seinem Grab wühlt. Ich schloss die Augen, aber das an die Nieren gehende Bild blieb, und in meinem Mund machte sich ein Geschmack wie von Friedhofserde breit.

"Danke", sagte ich mit belegter Stimme. "Wir fahren sofort bei ihm vorbei."

Linda hauchte ein "Bye" zum Abschied.

Milo und ich nahmen jeweils einen Schluck aus unseren Bechern, dann kippten wir den Rest nach draußen auf die Straße, bevor das mächtig starke Gebräu Marke "Cookie Spezial" mir den Wagen versaute.

Ich startete den Motor und gab Gas.

 

*

 

Der Lift brachte uns in Doc Howards ebenso kaltes wie kahles Reich, wo er uns froh gelaunt empfing wie andere Leute ihre Gäste zum Brunch.

"Morgen, Jungs", sagte er leutselig. "Es ist angerichtet."

Einladend wies er auf die Reihe von Seziertischen, die Seite an Seite dastanden, die Toten darauf verborgen unter weißen Tüchern.

"Das sind die Herrschaften, mit denen Sie in noch warmem Zustand die zweifelhafte Ehre hatten", erklärte er und zog das Tuch von der ersten Leiche, schwungvoll wie jemand, der ein Kunstobjekt enthüllt. "Über ihr Innenleben weiß ich noch nichts, ist vielleicht auch nicht so interessant – aber das hier, dachte ich, könnte euch schon mal interessieren..."

Die Gesichter des Todes sind immer hässlich. Und jede verstreichende Stunde macht sie unansehnlicher.

Vor uns lag der Koloss, dem ich gestern Nacht Auge in Auge gegenüber gestanden hatte. Der stabile Metalltisch wirkte unter ihm wie ein Möbelstück aus einem bizarren Puppenhaus.

Obwohl er auf dem Rücken lag, war nicht zu übersehen, dass die hintere Hälfte seines Schädels fehlte. Seine Haut war fahl mit einem Stich ins Bläuliche. Deshalb fiel uns die Tätowierung auf seiner Brust auch nicht gleich auf.

Oder vielmehr: Das Tattoo um seine linke Brustwarze.

"Das ist ja mal was anderes", meinte Milo und beugte sich vor.

Ich tat es ihm nach.

"Fand ich auch", sagte der Doc.

Es war schwer zu sagen, was die Tätowierung darstellen sollte. Ich hielt sie für ineinander verschlungene Schriftzeichen oder etwas in der Art.

Aber sie waren nicht die einzige Auffälligkeit an dem Toten. Die andere war ein Piercing direkt durch die Brustwarze, um die herum sich auch das Tattoo abzeichnete.

"So was muss doch wehtun", murmelte ich.

"Kerle, die sich lieber selbst eine Kugel in den Kopf jagen, statt sich verhaften zu lassen, kann so ein bisschen Nippel-Piercing vermutlich auch nicht schrecken", bewies Milo wieder einmal seinen schrägen Sinn für Humor.

Ich verzog das Gesicht und nahm das Schmuckstück an dem dünnen Metallring näher in Augenschein. Es handelte sich um ein Tier oder eher noch ein Fabelwesen, vermutlich aus der asiatischen Mythologie.

"Hast du so etwas schon mal gesehen?", fragte ich meinen Partner. "In einem deiner Schweinkram-Magazine vielleicht?"

Er schüttelte ungerührt den Kopf. "Nein, aber wir können den Rest des Tages ja nutzen, um meine Sammlung durchzugehen."

"Das ist noch nicht alles, Herrschaften", unterbrach uns Doc Howard, bevor unsere in dieser Umgebung unangebrachte Flachserei noch mehr ausufern konnte. Er winkte uns zum nächsten Obduktionstisch, nahm das Tuch von der darauf liegenden Leiche und danach auch von den anderen.

Um es kurz zu machen: Die mysteriösen Selbstmörder trugen alle dieselbe Tätowierung und dasselbe Piercing.

"Wissen Sie zufällig, was es mit den Zeichen oder dem Anhänger auf sich hat?", wandte ich mich, wenig hoffnungsvoll, an den Doc.

"Das nicht", erwiderte er erwartungsgemäß, "aber ich habe ein wenig vorausgedacht und eine Reihe von Polaroids anfertigen lassen."

Er reichte uns einen Umschlag, in dem sich ein Stapel von Sofortbildern befand: Detailreiche Aufnahmen der Tattoos sowie der Piercing-Schmuckstücke.

Bevor wir Howard verließen, summte dessen Telefon. Nachdem er aufgelegt hatte, informierte er uns, dass wir im Allerheiligsten unseres Chefs erwartet wurden.

"Woher wusste er, dass wir hier sind?", fragte Milo.

"In diesem Haus gibt es keine Geheimnisse", lächelte der Doc. "Und die, die es gibt, lüfte ich relativ schnell mit dem Skalpell."

Mit diesen salbungsvollen Worten und einem Packen Polaroids machten wir uns auf den Weg in die oberen Gefilde.

Mr. McKee bewies, dass er über die Ereignisse der Nacht bereits bestens informiert war, wahrscheinlich von Clive Caravaggio.

"Ich habe für drei Uhr eine Sitzung anberaumt", sagte er, "bei der ich Sie beide ausgeschlafen dabei haben möchte."

"Deshalb haben Sie uns herzitiert?"

"Sie waren doch ohnehin im Haus", erwiderte Mr. McKee freundlich. "Außerdem ist es nicht der einzige Grund. Vor wenigen Minuten kam eine Meldung herein, die Sie interessieren dürfte."

Ich horchte auf. "Das... Kind betreffend?"

Mr. McKee verneinte, ehe er die Hand väterlich auf Milos Schulter legte. "Ihr Chinese", wandte er sich an ihn und obwohl er das ‚Ihr' nicht einmal betonte, zuckte mein Freund sichtbar zusammen, "wurde inzwischen notoperiert, die Kugel aus seinem Schädel entfernt. Er scheint hart im Nehmen zu sein, denn er hat auch den äußerst schwierigen und langwierigen Eingriff relativ gut überstanden. Die Ärzte wollen das Koma trotzdem auf unbestimmte Zeit künstlich aufrechterhalten, um seinen Genesungsprozess zu unterstützen."

"Danke für die Information", sagte Milo gepresst. Wirklich erleichtert und von Druck befreit wirkte er nicht.

"Ich bin noch nicht fertig."

Jetzt klang er wie Doc Howard.

Milo sah ihn an, erwartete vielleicht jetzt den "offiziellen Teil": Vorwürfe, die er sich selbst schon hundertfach gemacht hatte.

Stattdessen sagte Mr. McKee, der sehr genau zu wissen schien, was in seinem G-Man vorging: "Sie können von nun an wieder beruhigter schlafen, denke ich. Und darauf bestehe ich auch. Sie beide müssen die Geschehnisse der vergangenen Nacht aus den Kleidern schütteln. Ich fürchte, das Ausheben des Nestes im Hafen war erst der Anfang..."

Milo lächelte bizarr. "Vielleicht machen Sie es sich diesmal etwas zu einfach, Sir", sagte er. "Schlaf... Ich werde kein Auge zutun! Der Kerl wird den Rest seines Lebens – falls er überlebt, was so sicher wohl noch nicht sein kann – im Rollstuhl oder im Bett liegend verbringen. Als Pflegefall. Wie soll ich da..."

Mr. McKee nickte. "Wahrscheinlich. Aber zumindest müssen Sie sich nicht länger vorwerfen, es verursacht zu haben."

"Wie bitte?" Die Frage kam von Milo. Aber wahrscheinlich schauten er und ich in diesem Moment gleich dumm aus der Wäsche.

"Die Kugel, die ihn getroffen hat", fuhr unser Chef ungerührt fort, "stammt aus keiner FBI-Dienstwaffe, sondern dem Kaliber nach zu schließen aus einem Präzisionsgewehr... Mit anderen Worten: Dieser Mann stand noch einem anderen als Ihnen im Weg, Milo..."

 

 

3.

Grabesstille herrschte. Tiefe Ruhe wie zur Andachtszeit in den Tempeln der alten Heimat.

Shu Yun Jang verabscheute jedes laute Geräusch. Entsprechend verhielt man sich in seinem Haus. Niemand, der bis in Jangs unmittelbaren Dunstkreis aufgestiegen war, wollte sich dessen Gunst verscherzen. Denn wer seine Gunst verlor, der büßte damit meist auch sein Leben ein.

Doch nicht nur dieser Stille wegen erinnerte Jangs Hauptquartier und Familiensitz an einen Tempel. Auch der Baustil war den Pagoden Chinas nachempfunden, und in der weitläufigen Gartenlandschaft ringsum wuchsen und blühten Pflanzen, wie es sie wahrscheinlich nirgendwo sonst in New York gab. Schloss man die Augen, konnte man sich durchaus im Land der Väter wähnen.

Shu Yun Jang schloss die Augen oft und ließ die Gedanken auf Reisen gehen.

Dennoch, wirklich heimkehren wollte er nicht. Wäre man seiner in China habhaft geworden, hätte ihn die Todesstrafe erwartet, auch noch nach all der Zeit.

Seine Arbeit von damals trug heute Früchte. Und dieses Haus, das er sich zum Tempel erbaut hatte und in dem er als Gott galt, war nur eine davon. Die Wurzeln jener Saaten, die er einst in der Heimat ausgebracht hatte, reichten längst schon herüber bis nach Amerika. Und von hier aus ließ Shu Yun Jang sie hegen und pflegen, wie es ihm vom Reich der Mitte aus nie möglich gewesen wäre.

Der amerikanische Traum war für ihn nicht nur ein schönes Märchen geblieben. Er lebte diesen Traum und sorgte dafür, dass auch andere ihn leben konnten.

So sah Shu Yun Jang die Dinge jedenfalls.

Die Gesetzeshüter hatten andere Worte dafür…

Es war eine Frage der Perspektive, fand Shu Yun. Wer ihn der modernen Sklaverei bezichtigte, kannte die Lebensumstände nicht, unter denen seine früheren Landsleute mitunter zu leiden hatten. Jede Verbesserung, und sei sie noch so geringfügig, war deshalb begrüßens- und erstrebenswert. Und dass diese Verbesserungen ihren Preis hatten, verstand sich wohl von selbst...

O ja, Shu Yun Jang betrachtete sich in aller Ernsthaftigkeit als Heiligen.

Und diesem Status entsprach sein Umfeld.

Sein Anwesen war ein kleines Stück Himmel, ruhig und abgeschieden, obwohl es inmitten einer der größten Städte der Welt lag. Aber New York schien Meilen entfernt. Architekten hatten dafür Sorge getragen, dass der Lärm des Big Apple um Shu Yun Jangs Insel der Stille herumfloss und insbesondere das Allerheiligste, in dem der Hausherr selbst residierte, nicht berührte.

Ein Gong ertönte.

Der hallende Klang versetzte die Herzen der Versammelten in schnelleren Schlag, und fast schien es, als seien sie zuvor angehalten gewesen, so stumm und starr und ehrerbietig hatten sie im Kreis, auf dem Boden sitzend, verweilt.

"Es gibt Neuigkeiten", richtete Shu Yun Jang das Wort an seine Familie.

Es gab nicht einen Fremden im Innersten Zirkel der Macht. Nur Blut von seinem Blute. Söhne, Neffen, Enkel...

Auch keine einzige Frau. Das Geschäft der Triaden war Männersache.

"Lo Min hat das Gefecht mit dem FBI offenbar doch überlebt. Ihr wisst, dass er sich nicht unter den Verhafteten befand und auch nicht fliehen konnte, sonst hätte er längst Kontakt zu uns aufgenommen. Deshalb musste ich davon ausgehen, dass er getötet wurde. Inzwischen –", er hob unmerklich die Stimme, "– liegen mir neue Informationen vor, wonach er mit einer schweren Schussverletzung am Kopf auf der Intensivstation des NY Medical liegt. Er lebt also."

"Das sind gute Nachrichten", sagte ein junger Mann zu seiner Rechten.

"Zu den schlechten komme ich gleich", erwiderte Shu. "So wie die Aktion ablief, kann das FBI nur einen ganz heißen Tipp bekommen haben. Und im Grunde kann dieser Hinweis nur aus dem Innersten Kreis gekommen sein..."

"Du meinst... wir haben einen Verräter unter uns?"

Die Frage löste erstmals sicht- und hörbare Unruhe unter den Versammelten aus.

"Es läge auf der Hand, wenn nicht..."

Die Blicke der Männer sogen sich förmlich an Shus Lippen fest.

"... zwei Dinge dagegen sprächen."

"Zwei Dinge?", fragte der rechts von ihm Sitzende.

"Zum einen teilte mir unser Verbindungsmann in der FBI-Zentrale mit – du kennst seinen Namen, mein Sohn –, dass die Kugel, die Lo Min entfernt wurde, aus keiner FBI-üblichen Waffe stammt."

"Du meinst, er wurde versehentlich von unseren eigenen Leuten getroffen?"

Shu verneinte mit einem Kopfschütteln.

"Worauf willst du dann hinaus?"

"Hört euch erst an, was unser Verbindungsmann mir noch zuspielte."

Die Hand, die er die ganze Zeit unter dem langen Ärmel seines kuttenartigen Seidengewands verborgen gehalten hatte, wurde sichtbar, als er den Arm hob und den Ellenbogen anwinkelte.

Die Versammelten sahen ein Diktiergerät darin.

Niemand stellte Fragen. Alle warteten gespannt darauf, dass Shu ihnen den Sinn des Gerätes verständlich machen würde.

Shu betätigte die Taste, die das Laufwerk in Gang setzte.

Und dann hörten alle im Raum die Stimme.

Des Verräters.

 

*

 

Bevor wir Mr. McKees wohl gemeinten Rat befolgten und in unseren Apartments den verlorenen Schlaf der Nacht nachzuholen versuchten, statteten wir Clive Caravaggio noch einen Besuch ab. Ich wollte wissen, ob mittlerweile die Identität der Verhafteten festgestellt worden war, insbesondere die des Komapatienten.

Clive stutzte gerade einen unbekannten Gesprächspartner am anderen Ende seiner Büroleitung zusammen, als wir eintraten.

Wir warteten, bis das Telefonat beendet war.

Als Clive auflegte, fluchte er erst einmal in seiner italienischen Muttersprache – viel mehr als diese Flüche beherrschte er davon nicht mehr, wie ich annahm.

"Ihr kommt wie gerufen!", trompetete er uns entgegen. "Ihr könnt euch nicht vorstellen, was passiert ist!"

"Du wirst es uns bestimmt sagen. Wenn nicht, erstickst du an dem Brocken", bewies Milo, dass ihn Mr. McKees Mitteilung in Rekordtempo wieder auf Normallevel gefahren hatte.

"Die Aufzeichnung wurde gelöscht!" Clive setzte sich wieder auf seinen Stuhl, nachdem er das Telefonat stehend absolviert hatte. Er winkte uns zu sich. Wir nahmen auf den beiden Besucherstühlen Platz.

"Welche Aufzeichnung?", fragte ich, schließlich waren wir keine Hellseher.

Clive zwang sich sichtlich zu einem unspektakulären Tonfall, als er erwiderte: "Der Bandmitschnitt des Anrufs, der uns im Hafen aktiv werden ließ."

Jetzt fluchten Milo und ich unisono.

"Wie kann so etwas passieren?" Ich beugte mich vor.

"Das lasse ich gerade untersuchen."

"Sabotage?", fragte Milo.

"Daran will ich gar nicht denken – dann schon lieber an Schluderei!"

Ich wusste, was er meinte. Sabotage setzte einen Saboteur voraus – und zwar mitten unter uns.

"Weiß der Chef schon davon?"

"Nein, das wird die nächste Prüfung für meinen Blutdruck", knurrte Clive. "Zumal sich die Geschichte auch so schon immer ominöser entwickelt."

"Was haben die Verhöre ergeben?", fragte ich. Die Müdigkeit in meinem Körper schien die Schwerkraft des Planeten zwischenzeitlich auf das Doppelte erhöht zu haben. Aber nicht nur jede Bewegung, auch das Denken litt darunter.

"Nichts." Clive klatschte in die Hände. "Die Chinesen beherrschen die Omerta noch perfekter als jeder Ur-Mafiosi!"

"Was ist mit dem Kerl im Krankenhaus?", fragte Milo. "Gibt es nähere Informationen über ihn?"

"Und ob." Clive lächelte plötzlich in einer Art und Weise, die darauf schließen ließ, dass er gleich eine Trumpfkarte aus dem ansonsten leeren Ärmel ziehen würde. "Die Information ist auch erst ein paar Minuten alt. Kam rein, bevor ich mich aufregen musste..."

"Leg schon los", drängte Milo, dem die Lider auch auf Halbmast standen.

Wobei ich nicht einmal wusste, ob Clive schon ein Auge zugetan hatte.

Ich jedenfalls hatte keine Lust, Mr. McKee nachzueifern, der sich mit steter Regelmäßigkeit die Nächte um die Ohren schlug.

"Der Schwerverletzte heißt Lo Min, ist ein Neffe von Shu Yun Jang und gilt... beziehungsweise galt als einer der kommenden Köpfe drüben in Chinatown."

Milo stieß einen anerkennenden Pfiff aus. "Wer hätte das gedacht... Seit wann machen sich die Bosse denn selbst die Hände schmutzig?"

"Es unterstreicht jedenfalls", sagte ich, "die Annahme, dass niemand mit einem anonymen Tippgeber rechnete. Die waren völlig ahnungslos, als sie uns in die Falle gingen..."

"So sehe ich das auch", nickte Clive. "Nachdem sich unser Koma-Patient nun als derart ‚prominent' erwiesen hat, stellt sich natürlich umso brennender die Frage, wer ihn aus dem Weg räumen wollte – und..."

"Und?"

"... was für Auswirkungen der Anschlag auf ihn haben wird."

"Worauf willst du hinaus?"

"Der Ablauf der Aktion und die Konsequenzen haben sich zwischenzeitlich auch bis nach Chinatown herumgesprochen, da sollten wir uns nichts vormachen. Möglicherweise ist der relative Frieden zwischen FBI und Triaden irgendjemandem ein Dorn im Auge. Wenn der Anschlag auf Lo Min so geplant und vorbereitet wurde, wie wir momentan annehmen müssen, könnte Übles auf uns zukommen."

"Du glaubst, der Tipp diente nur dem Hintergedanken, einen offenen ‚Krieg' zwischen Chinesenmafia und FBI anzuzetteln?" Ich machte keinen Hehl aus meinem Unglauben.

"Ich hoffe es nicht. Und ich bin für jede Gegenthese, die sich auf die vorhandenen Indizien stützt, dankbar. – Habt ihr eine anzubieten?"

"Später vielleicht", sagte ich und erhob mich. "Wenn wir wieder die gefürchtet ausgeschlafenen Kerlchen sind."

 

*

 

"Das war keiner von uns!", keuchte Tak, der Sohn Shu Yun Jangs, der zur Rechten seines Vaters saß und auch als die rechte Hand des Patriarchen galt.

Die Linke war ihm Stunden zuvor abgeschlagen worden:

Lo Min.

"Das war ein verdammter Spaghettifresser!"

Tak ballte vor Zorn die Fäuste, so fest, dass seine Fingerknöchel knackten wie kleine Äste, die unter schleichenden Schritten brachen. In seinem Blick lag eine Kälte wie von sturmgepeitschten Eiskristallen, die auch der Schein Dutzender von Kerzen, der sich darin fing, nicht zu schmelzen vermochte.

Keiner der anderen, die mit untergeschlagenen Beinen im Kreis saßen, sprach ein Wort. Niemand regte sich. Noch jetzt, da Shu Yun Jang das Diktiergerät abgeschaltet hatte, hockten alle da, als lauschten sie immer noch wie gebannt und atemlos der Stimme vom Band.

Jener Stimme, die das Federal Bureau of Investigation auf die anstehende "Lieferung aus Fernost" aufmerksam gemacht hatte. Die Nachricht, die sie eben gehört hatten, war ein originaler Mitschnitt des Anrufs gewesen, der den Stein ins Rollen gebracht hatte.

Den Stein, der die Aktion zunichte gemacht hatte.

Den Stein, der vielleicht noch nicht gestoppt war.

Und der eine Lawine auslösen konnte.

Diesen Gedanken teilten sie alle. Doch keiner aus dem Innersten Zirkel, den sie mit ihrer Sitzordnung symbolisierten, fasste die Befürchtung in Worte. Das zu tun, stand nur Shu Yun Jang höchstselbst zu. Dann erst durften sie sich dazu äußern.

Tak jedoch missachtete diese Abfolge, indem er das Wort an sich riss und seiner Wut Luft verschaffte.

Wut, wie sie auch die anderen verspürten; doch sie hatten ihre Emotionen im Griff.

Wieder ging ein Gedanke zugleich durch mehrere Köpfe: Warum ließ Shu Yun solche Unbotmäßigkeit durchgehen? Mochte Tak auch der Sohn des Alten sein, mussten die ehernen Regeln des Respekts doch auch für ihn gelten!

Tak war noch nicht am Ende seiner Tirade.

"Der Akzent", er stierte das kleine Tonbandgerät in Shu Yuns Hand an, als wolle er es mit bloßem Blick zertrümmern, "war doch unverkennbar italienisch!" Ein Schnauben, voller Verachtung und Wut, dann: "Die Soranos! Diese verdammte Brut steckt dahinter, jede Wette! Ich wünschte –"

Mit der freien Hand vollführte Shu Yun eine fast beiläufige, wie greifende Geste, und Tak verstummte so abrupt, als hätte sein Vater ihm mit der unscheinbaren Bewegung die Stimme genommen.

"Hüte dich vor deinen Wünschen – eine Weisheit unserer Ahnen", sagte der Ältere ruhig.

Tak schwieg, doch in seinen Augen stand jenes "Aber –!", das ihm auf der Zunge lag.

"Diese Stimme", fuhr Shu Yun ungerührt fort, nur seine Hand schloss sich für die anderen unmerklich fester um das Diktiergerät, "beweist nur eines: Dass wir verraten wurden. Mag der italienische Akzent auch unüberhörbar sein, so beweist er noch längst nicht, dass die Soranos etwas damit zu tun haben. Und ich kann es mir auch nicht vorstellen."

Sein Tonfall vermittelte den anderen, dass sie jetzt ihre Meinungen äußern durften.

Aber Tak kam ihnen zuvor.

"Tonio Sorano hätte allen Grund, um uns zu sabotieren –"

"Antonio Sorano", unterbrach Shu Yun seinen Sohn, "mag alles Mögliche sein: Ein unangenehmer Mensch, ein Verbrecher. Eines jedoch ist er ganz gewiss: schlau – was ich im Übrigen keineswegs mit klug gleichsetze."

Shu Yun Jang lächelte sparsam, und als schaue er in ein Dutzend Spiegel, so fand er dieses Lächeln in den Gesichtern der Runde wieder.

"In jedem Falle halte ich ihn für zu schlau, um einen Streit mit uns vom Zaun zu brechen. Weil er zum einen weiß, dass ein solcher Streit sich im Nu zum Krieg ausweiten würde. Und zum anderen gereicht ihm die Symbiose mit unserer Organisation nur zum Vorteil. Weshalb sollten die Soranos sie beenden? Es wäre nur zu ihrem Schaden."

"Woher willst du das wissen, Vater?", fragte Tak, vielleicht ohne sich seines provozierenden Tonfalls bewusst zu sein. "Kannst du in diesen Italo-Schädel hineinsehen? Wer weiß, was darin vorgeht? Vielleicht hat er ja Wege und Mittel gefunden, dickere Pfründe einzufahren als die, die ihm das Arrangement mit uns beschert?"

"Das Abkommen zwischen unseren Familien besteht seit langer Zeit. Ich habe es noch mit Tonio Soranos Vater geschlossen, dem ich im Gegensatz zum Sohn durchaus auch Klugheit attestiere. Diesen Kontrakt, der uns gewisse… Nutzungsrechte in Little Italy zusichert, konstruierte Alfonse Sorano so, dass die Erträge für ihn durch keine dritte Partei oder wie auch immer geartete Interventionen zu überbieten sind."

"Aber wie du schon sagst, Vater – du hast diese Vereinbarung mit dem alten Paten von Little Italy geschlossen. Jetzt liegen die Geschäfte in anderen Händen, die womöglich nicht so ehrenwert sind."

Shu Yun schüttelte bedächtig den Kopf. "Ich glaube an die Macht und das Gesetz des Blutes. Nicht nur in meiner Familie. Eines Vaters Sohn mag zwar nicht dessen Ebenbild sein, aber er kann auch nicht der dunkle Zwilling, das völlige Gegenteil seines Erzeugers sein. Etwas von Alfonse Sorano steckt also sicher auch in Antonio – so wie etwas von mir in all jenen ist, die im engsten Kreise um mich sind, Tak."

Die Miene Shu Yuns hatte nichts von ihrem Gleichmut verloren, seine Augen ruhten fast ausdruckslos auf Tak. Nur in seiner Stimme war zuletzt ein Unterton gewesen, der unmissverständlich anzeigte, dass Shu Yun dieses Thema nicht weiter vertiefen wollte – und Tak in eigenem Interesse gut daran täte, sich danach zu richten...

Taks Hitzköpfigkeit schlug ihn nicht mit Blindheit. Er sah seine Grenzen und wusste, wann er sie erreicht hatte. Und so schwieg er für den Rest der Unterredung des Innersten Zirkels und ging wortlos mit den anderen, als Shu Yun seine Vertrauten entließ, ohne dass ein konkreter Marschplan für das weitere Vorgehen gefasst worden war.

Diesen Plan würde Shu Yun allein schmieden, unter Einbeziehung dessen, was in der Runde an Bedenken, Meinungen und Überlegungen geäußert worden war.

Doch seine Gedanken wollten sich nicht recht bündeln und auf dieses eine Ziel fokussieren lassen. Immerfort schweiften sie ab und kreisten um den Zweifel, den Tak in ihm geweckt hatte.

Er war weit davon entfernt, daran zu glauben, dass die Soranos hinter dem Verrat steckten oder auch nur etwas damit zu schaffen hatten.

Aber Vorsicht war besser als heilen.

Es konnte nicht schaden, wenn er seine besondere, seine ganz persönliche Verbindung zum Sorano-Clan spielen ließ.

Wenn er sie benutzte.

Oder vielmehr – ihn benutzte.

Shu Yun Jang bestellte Hwan zu sich, den einzigen seiner Söhne, der sich dem Ruf von seines Vaters Blut beharrlich verweigerte.

Hwan betrachtete sich als einzig Anständigen in der Familie.

Die Familie sah in ihm das schwarze Schaf.

Und für Shu Yun war er das Ass in der Hinterhand.

Denn Hwan Jang ging, sozusagen, mit dem Feind ins Bett.

 

*

 

"Du wolltest mich sprechen, Vater?"

Shu Yun Jang wandte sich zu seinem Sohn um. Wie immer erinnerte er ihn mehr an seine Mutter als jede seiner Töchter.

Vielleicht, ging es dem Alten durch den Sinn (und auch das nicht zum ersten Mal), lag es ja daran, dass Hwan so eigen war und nichts mit den Geschäften und Traditionen der Familie zu tun haben wollte – weil er sich schon äußerlich so sehr von seinem Vater unterschied…

Shu Yun vertrieb den müßigen Gedanken, der, so oft er ihm auch schon gekommen war, noch nie zu einem Ziel geführt hatte.

"Nimm Platz, mein Sohn." Er wies zu Boden, wo sich aufwendig bestickten Seidenkissen reihten. Darauf verstanden sich seine Töchter wie ihre Mutter…

Hwan wollte der Aufforderung fast folgen, blieb dann aber stehen, wie um sich der väterlichen Macht demonstrativ zu widersetzen.

"Ich bin in Eile, Vater. Du hast mich rufen lassen. Worum geht es?"

"Oh", machte Shu Yun mit für ihn untypischem Spott, "stehst du schon so sehr unter dem Pantoffel deiner kleinen Italienerin, dass du springst, wenn sie pfeift?"

Hwan überging den Sarkasmus. "Ich lege nur Wert auf Pünktlichkeit."

"Eine löbliche Eigenschaft."

"War's das, was du mir sagen wolltest? Dass ich auch gute Seiten habe?"

"Nein, dass ich davon überzeugt bin, wusstest du schon vorher."

"Es freut mich, dass du mich nicht als ganz verloren betrachtest, Vater."

"Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben."

"Wenn es die Hoffnung ist, dass ich wie meine Brüder und Vettern in deine Fußstapfen trete, dann kann ich dir versichern, dass sie nicht in Erfüllung gehen wird."

Shu Yun winkte mit einer seiner kleinen Gesten ab. "Nein, das meinte ich nicht. Aber ich hoffe, dass dein grundsätzlicher Familiensinn noch wachsen wird", er setzte eine wohlbemessene Pause, "ich hoffe es für dich, mein Sohn."

Hwan zog die Stirn kraus. Sein sonst so sanfter Blick wurde etwas härter. "Wovon redest du?"

"Ich nehme an, du hast gehört, was gestern Nacht im Hafen geschehen ist?", wechselte Shu Yun scheinbar unvermittelt das Thema.

Hwan nickte, zögerlich. "Ja, das habe ich. Obwohl ich nicht danach gefragt habe. Weil es mich nicht interessiert, was –"

Sein Vater unterbrach ihn, ohne jedoch auf Hwans Antwort einzugehen. "Es war das Werk eines Verräters."

Und dann eröffnete Shu Yun Jang seinem Sohn die ganze Angelegenheit, spielte ihm sogar den Bandmitschnitt des Anrufs beim FBI vor und unterband jeden Versuch Hwans, etwas zu sagen, indem er unbeirrbar weitersprach, als liefe in ihm selbst ein Tonband ab.

"Ich will von alldem nichts wissen!", fuhr Hwan auf, als sein Vater zum Ende gekommen war. "Und das weißt du! Du hast es bisher respektiert, wenn auch nicht gutgeheißen – warum können wir es nicht dabei belassen?"

"Weil sich die Dinge, vielleicht, geändert haben. Ich bitte dich um deine Hilfe."

"Du… tust was? Ich verstehe nicht –"

"Tak äußerte den Verdacht, dass die Soranos etwas damit zu tun haben könnten", sagte Shu Yun nur.

Hwan war nicht auf den Kopf gefallen. Zudem waren die Worte seines Vaters unmissverständlich – beziehungsweise das, was unausgesprochen darin mitschwang.

"Soll das heißen, ich soll… Du erwartest, dass ich –"

Shu Yun nickte. "So ist es."

"Das kann nicht dein Ernst sein!" Hwan lachte auf, beinahe hysterisch.

Shu Yun verzog ob der Lautstärke das Gesicht. Sein Blick erfasste Hwans gleichsam, wie eine erstickende Hand, und der junge Mann verstummte sofort.

"Ich verlange nicht viel von dir", sagte sein Vater dann leise.

"Du verlangst, dass ich Mariahs Vertrauen missbrauche! Dass ich die Frau, die ich liebe, betrüge und benutze – für dich und deine verfluchten Zwecke!"

"Unsinn. Ich möchte nur, dass du diesem Mädchen", er betonte diese Unterscheidung von Hwans eigenen Worten, "ein paar Fragen stellst. Ich glaube nicht wirklich, dass ihre Familie etwas mit dem Verrat zu tun hat. Und du hast die Möglichkeit, meinen leisen Zweifel auszuräumen. Du würdest also auch ihrer Familie einen Dienst erweisen – im Idealfall."

"Nein, Vater, das ist Unsinn! Riah weiß nichts über die Machenschaften ihrer Familie – sie interessiert sich so wenig dafür wie ich mich für die euren!"

"Aber sie verweigert auch die Früchte dieser ,Machenschaften' nicht – genau wie du." Shu Yun hielt jeglichen Vorwurf aus seiner Stimme fern, stellte nur sachlich fest.

Und gerade damit traf er Hwan.

In seinem Gesicht zuckte es. Wie vor Schmerz. Und vielleicht vor Zorn.

Shu Yun unterband das Lächeln, das ihm auf die Lippen drängen wollte.

Zorn war gut. Wenn er in die richtigen Kanäle geleitet und der richtigen Verwertung zugeführt wurde. Nutzbar wie jede Emotion, wenn man damit umzugehen wusste…

"Dein Studium, dein Sportwagen, deine teure Kleidung… ich könnte die Aufzählung beliebig fortsetzen, aber ich fasse sie lieber in einem Wort zusammen – dein Leben beruht auf meinem Geld. Dem Geld, das unsere Familie verdient. Dir mag nicht gefallen, wie wir es tun, aber du hast keine Hemmungen, davon zu nehmen."

Hwans Kiefer mahlten, seine Hände öffneten und schlossen sich, als würde er am liebsten etwas packen und an die Wand schmeißen. In seinem Blick allerdings fand sich nichts von dieser Wut. Dort las Shu Yun – vage nur, aber immerhin – Verunsicherung.

"Ich kann es dir später ja zurückzahlen, wenn du das willst", knirschte Hwan schließlich.

Shu Yun nickte gemessen. "Genau das erwarte ich – mit einem Unterschied: Nicht später, sondern jetzt."

Hwan gab einen Laut von sich, der ein humorloses Auflachen sein sollte, aber nur resignierend klang.

"Irgendwann musste es ja mal so weit kommen, hm? Du hast nicht ohne Grund tatenlos zugeschaut, wie ich mich in die Tochter deines Rivalen verliebe…"

"Ich betrachte Antonio Sorano nicht als meinen Rivalen", erklärte Shu Yun. "Aber noch sehr viel weniger betrachte ich ihn als Freund. Eher als… potentielle Gefahr. Und ein kluger Mann wappnet sich für jede Eventualität. – Deine Beziehung zu seiner Tochter sehe ich einerseits als Siegel des Bündnisses zwischen unseren Familien. Andererseits aber auch als möglichen Weg, mich über ihn zu informieren. Ich gestehe ein, dass ich diesen Gedanken von Anfang an hatte. Und für diese Ehrlichkeit darfst du mich gerne hassen, mein Sohn."

Hwan schüttelte den Kopf. "Nein, Vater, das tu ich nicht. Deine Ehrlichkeit habe ich immer bewundert. Ihretwegen habe ich nach wie vor Respekt vor dir."

Er schenkte seinem Vater noch einen langen Blick, dann drehte er sich wortlos um und ging.

Shu Yun Jang machte keine Anstalten, ihn aufzuhalten.

Er hatte erreicht, was er beabsichtigt hatte:

Er hatte die Saat gelegt. Ob sie aufging, würde sich zeigen.

Das Zeug dazu, den Nährboden trug Hwan in sich:

Seines Vaters Blut.

 

*

 

Nach ein paar Stunden Schlaf, fast so tief wie Lo Mins Koma, saßen wir uns wieder gegenüber.

Mr. McKee führte den Konferenzvorsitz.

Ebenfalls anwesend waren unsere Kollegen Caravaggio, Kronburg und Medina.

Letztgenannter saß, im Gegensatz zu mir, mal wieder wie aus dem Ei gepellt da. Der Indianer unter den New Yorker G-Men hätte auf jedem Laufsteg eine phantastische Figur gemacht. Aber er vereinte glücklicherweise noch andere Talente in sich.

Jay Kronburg, der Ex-Cop, war darin vertieft, sich Notizen zu machen, bevor auch nur ein Wort gesprochen wurde. Neben ihm saß Mandy als Protokollführerin. Ihr Schreibgerät ruhte jedoch noch. Stumm flirtete sie zu mir herüber. Sie war unantastbar – vielleicht bildete ich mir auch nur ein, dass sie dies war –, aber gerade das machte sie so beispiellos bezaubernd.

Clive, Milo und ich bildeten die andere Flanke des Tisches, Mr. McKee "thronte" am Kopfende.

"Ich möchte noch einmal zusammenfassen, wie sich die Lage aus meiner Sicht darstellt", begann er. "Ein anonymer Anrufer machte uns auf die bevorstehende Ankunft eines Schwungs illegaler Einwanderer aus China aufmerksam, die von Jersey aus nach New York City geschleust werden sollten. Da aus dem Hinweis Insider-Wissen herauszulesen war, ordnete ich den Einsatz an, der letztlich zu folgendem Ergebnis führte: Wir wurden nicht nur dreier Lastwagen voll mit Nachschub an Billigstarbeitern für die Garküchen, Wäschereien und so weiter habhaft, sondern uns gingen auch sechs Schlepper ins Netz, von denen der dickste Fisch, Lo Min, von der Kugel eines Unbekannten schwerst verletzt wurde."

Mr. McKees Blick huschte über einen Computerausdruck, der vor ihm auf dem Tisch lag. Ein Bericht unserer Kollegen von der ballistischen Abteilung, wie ich zuvor schon gesehen hatte.

Unser Chef fuhr fort: "Das Projektil, das aus Lo Mins Schädel entfernt werden konnte, wurde inzwischen von unseren Ballistikern mit sämtlichen bei dem Feuergefecht sichergestellten Waffen abgeglichen. Das Resultat ist negativ. Wie sich durch das Kaliber schon andeutete, wurde Lo Min offenbar aus großer Entfernung mit einem Spezialgewehr niedergestreckt, wie es sonst nur ausgebildete Scharfschützen benutzen."

Mr. McKee machte eine kurze Pause, bedachte alle, die bereits am Hafeneinsatz beteiligt gewesen waren, mit einem tiefen Blick und sprach dann weiter: "Ich denke, Sie stimmen mir zu, wenn ich den Verdacht formuliere, dass der unbekannte Heckenschütze mit dem anonymen Tippgeber identisch sein könnte, zumindest aber mit diesem unter einer Decke steckt."

Einmütiges Nicken in der Runde.

"Woraus wir schlussfolgern müssen, dass uns hier jemand als bloßen Spielball benutzt hat. Selbst wenn wir nach außen hin dementieren und die wahre Sachlage publik machen, wird der Ruch an uns haften bleiben, dass wir uns auf ‚elegante' Weise eines der führenden Köpfe der Triaden entledigt haben."

Mr. McKee räusperte sich kurz.

"Noch verhält sich der große Mann von Chinatown, Shu Yun Jang, zurückhaltend. Aber ich fürchte, das wird nicht so bleiben."

"Vielleicht haben wir uns zu lange vom scheinbaren ‚Frieden' in Chinatown einlullen lassen", warf ich ein. "Hier rächt es sich, dass es uns immer noch nicht gelungen ist, jemanden aus dem unmittelbaren Dunstkreis Jangs für Spitzeldienste zu rekrutieren."

"Ich würde es anders formulieren, Jesse", widersprach Clive an Mr. McKees Stelle. "Es war einfach nicht möglich, bis in den Innersten Zirkel vorzudringen. Wir haben es versucht, mehr als einmal. Aber diejenigen, die dem Kreis bereits angehören, sind absolut treu ergeben und unempfänglich für jede Art von ‚Belohnung', die wir ihnen bieten könnten. – Und bei denen, die nicht nur den Ehrgeiz, sondern auch die ‚Fähigkeiten' haben, irgendwann in den Zirkel aufzusteigen, verhält es sich nicht viel anders. Du unterschätzt die Mentalität dieser Leute..."

Er verstummte. Weil mein Blick ihn fragte: Tue ich das?

Er irrte, und es wurde ihm im selben Moment klar, als er sich in Erinnerung rief, was ich an Bord des Frachters erlebt hatte…

"Es gab also allem Anschein nach einen Plan, Lo Min zu ermorden", ergriff Mr. McKee wieder das Wort, ohne zunächst auf unsere Einwürfe einzugehen. "Und seit heute müssen wir davon ausgehen, dass sich in unseren Reihen mindestens eine Person bewegt, die noch auf einer anderen Besoldungsliste als der des FBI steht. Clive...?"

"Wie einige bereits wissen, ist der Mitschnitt des anonymen Anrufs, der uns nach Jersey führte, gelöscht worden. Ich bin der Sache nachgegangen. Inzwischen steht zweifelsfrei fest, dass es sich dabei nicht um eine versehentliche, sondern eine vorsätzlich herbeigeführte Vernichtung eines wertvollen Indizes handelt."

"Also doch: Sabotage!", rief Milo.

Der ein oder andere von uns, das las ich an den Gesichtern ab, empfand den Verlust der Bandaufzeichnung offenbar nicht einmal als so tragisch. Ich selbst wollte mir darüber – noch – kein abschließendes Urteil bilden.

Die Teilnehmer dieser Konferenz waren über jeden Zweifel erhaben; besorgniserregend blieb dennoch, dass irgendwo in den Gängen dieses Gebäudes wahrscheinlich ein Kollege herumspukte herumlief, der falsches Spiel betrieb.

Und das war mehr als nur ein wunder Punkt.

Im Extremfall konnte diese Schwachstelle das Leben von im Außeneinsatz befindlichen G-Men kosten.

"Wer immer es war, er ging sehr geschickt vor, hinterließ keine Spuren", sagte Clive. "Zumindest keine, die wir bislang entdeckten."

Damit übergab er erneut Mr. McKee das Wort.

"Kommen wir auf das Phänomen der Selbstmorde zu sprechen", sagte er und knetete seine schlanken Finger. "Inzwischen liegt eine erste Stellungnahme der chinesischen Behörden vor, denen wir Abbildungen der Tattoos und Piercings faxten."

Schlagartig wurde ich richtig wach.

"Beide Merkmale im Verbund sind drüben nicht ganz unbekannt. Die Träger dieser Zeichen gelten als Angehörige einer hochgefährlichen Untergrundsekte, deren Sitz und Führung bislang nicht ausgelotet werden konnten, die aber im Verdacht steht, staatsfeindliche Aktionen zu planen."

"Und welchen Staat meinen die Gelben?", mischte sich Medina grinsend ein.

"Schweig still, Rothaut! Das heißt nicht ‚Gelbe'", dozierte Jay Kronburg in Schulmeister-Manier, "sondern Bürger der Volksrepublik China."

Medina ließ den Einwand so ungerührt über sich ergehen wie Geronimo in seinen besten Tagen.

Nur dass Geronimo kaum je so gut ausgesehen hatte...

"Ihren natürlich", antwortete Mr. McKee geduldig. "Ich wollte Ihnen auch nur klarmachen, dass wir es auf unserem Grund und Boden bald mit einer neuen Qualität von Gewalt und Terror zu tun bekommen könnten, wenn wir uns jetzt schwerwiegende Schnitzer erlauben."

"Gehen Sie davon aus, dass diese Sekte zukünftig auch in Chinatown zum Einsatz kommen könnte?", fragte ich rundheraus.

"Ich schließe diesbezüglich nichts aus."

"Das würde bedeuten, dass Jang die Sekte in seiner alten Heimat protegiert, sie praktisch mit aufgebaut haben könnte und..."

"... und möglicherweise sogar ihr immigrierter, bislang unerkannt gebliebener Führer ist", nickte Mr. McKee. "Falls dies zuträfe und Jang seit dem Attentat auf seinen Unterführer Lo Min uns als die richtige Adresse für Vergeltungsmaßnahmen betrachtet, kommen höllisch harte Zeiten auf diese Stadt zu."

"Und auf uns", sagte ich.

"Und auf uns", nickte er sorgenvoll, während ich wieder an das Kind dachte.

Das immer noch verschwunden war.

Spurlos.

Bis...

 

*

 

Bei Tag schien es ein völlig anderer Ort zu sein: Möwen kreischten... Die Stimmen der Dockarbeiter... Die Geräusche ihrer Maschinen... Ich blieb kurz stehen, um mir den Unterschied zu verinnerlichen.

"Was ist?", fragte Milo.

"Nichts", antwortete ich und ging weiter.

Unter uns schwappte Wasser wie flüssiger Schatten in der Lücke zwischen Schiffsrumpf und Kaimauer gegen den grauen, von Seetang verfärbten Beton.

Am Ende der Gangway erwartete uns bereits der Mann, der uns gerufen hatte: Sam Oschowksi, ein Spurensicherungsspezialist der Sonderklasse und ein guter Bekannter. Ich hatte ihn gebeten, sich den konfiszierten Frachter noch einmal genauer anzusehen, bevor dem Einspruch der philippinischen Reederei von Gerichtsseite stattgegeben wurde. Die Schiffseigentümer waren bereit, die festgelegte Kaution zu entrichten. Wahrscheinlich würde der Kahn binnen der nächsten 48 Stunden mit einer neuen Crew – einschließlich neuem Kapitän – auslaufen.

Eigentlich war die Suche nach Jen Hao Phos Kind an Bord bereits abgeschlossen gewesen.

Nirgends hatte es auch nur einen Hinweis auf den Aufenthalt oder Verbleib eines Babys gegeben.

Sam Oschowksi war mein letzter Versuch gewesen, etwas zu finden, was uns wenigstens die Frage beantwortete, ob Phos Sohn die Reise überhaupt mitgemacht oder die chinesischen Gewässer nie verlassen hatte.

Was immer dies für den kleinen Wurm zur Folge gehabt haben musste...

"Sam! Schön, dich mal wiederzusehen."

Er ergriff meine ausgestreckte Hand, schüttelte sie kurz und herzlich wie immer, wenn wir uns trafen. Ich stellte ihm Milo vor, den er noch nicht kannte. Gemeinsam begaben wir uns in den Bauch des Frachters, abseits der Mannschaftsunterkünfte und auch abseits der Lagerräume.

Sam Oschowski führte uns zu den wie gelähmt dastehenden Maschinenblöcken, deren ungeheure PS-Zahl, einmal entfesselt, selbst stürmischsten Wellenlagen trotzte.

"Ist es hier?", fragte ich.

"Wären wir sonst hier?", gab er zurück.

Ich spürte seine Anspannung. Er war mir ähnlich: Das Verschwinden eines Erwachsenen war tragisch, aber wenn Kinder ins Spiel kamen, war dies, schon vom Gefühl her, eine Katastrophe.

Kurz darauf erreichten wir die Stelle, an der Oschowski die falsche Wand entdeckt hatte.

Die Verkleidung stand neben dem Loch, hinter dem zunächst Finsternis gähnte. Bis die mitgebrachten Lampen ins Spiel kamen.

Oschowski machte eine Geste, die nichts anderes bedeutete, als dass er mir den Vortritt ließ.

Der gebündelte Strahl meiner Taschenlampe wanderte mir voraus, ich folgte.

Eine kleine Kammer.

Eine schäbige Matratze und ein Wust von Wolldecken, die vom gleichen "Designer" entworfen zu sein schienen. Dazu aufgerissene Pappkartons, von denen ein pausbäckiger Säugling strahlte: Babynahrung. Dazu leere und halb leere Plastikkanister, eine Petroleumleuchte, abgebrannte Streichhölzer...

"Bingo", sagte Milo, der hinter mir nachrückte. "Saubere Arbeit, Sam. Wie sie sind sie draufgekommen?"

"Eine Frage der Erfahrung", erwiderte Oschowski. "Außerdem: Ich hab sonst kein Hobby. Bin kein Frauentyp, und deshalb... Irgendwo muss man sich seine Befriedigung ja herholen, oder?"

Ich wusste, dass er übertrieb.

Und Milo würde es auch noch herausfinden.

"Hör auf mit deiner Mitleidstour", raunte ich über die Schulter. "Sonst legen wir für dich zusammen, damit du dem Mature Girlies einen Besuch abstatten kannst."

Oschowski stöhnte. "Nein, danke."

Das Mature Girlies war ein Geheimtipp unter den New Yorker Bordellen – allerdings nur für Masochisten. Die Huren dort waren alle schon Omas. Zumindest erfüllten sie die altersmäßige Voraussetzung.

Bei der näheren Inaugenscheinnahme entdeckte ich auch Reste von Fertignahrung für Erwachsene.

Die Matratze war ebenfalls in zwei "Zonen" aufgeteilt: Am einen Ende war aus Decken eine Art Nest gebaut worden, am anderen befand sich ein Kopfkissen.

Hier hatte sich jemand mit dem Kind versteckt gehalten. Wahrscheinlich während der gesamten Überfahrt.

"Das hier deutet darauf hin, dass das Kind von Bord gebracht wurde, noch bevor unsere Großaktion anlief", sagte ich und dreht mich nach Milo und Sam um. "Jemand anderer Meinung?"

Kopfschütteln.

Ich ließ meinen Blick schweifen, glaubte für einen Moment die trostlose Szenerie mit Leben füllen zu können; stellte mir wie vor, wie zwei Menschen hier im Dunkeln und auf engstem Raum Tage oder Wochen zugebracht hatten, wahrscheinlich sogar ohne Kontakt zur Besatzung, denn die Verkleidung war, wie Sam mir schon am Telefon erklärt hatte, mit unzähligen Schrauben befestigt gewesen, so dass alles den Anschein erweckte, "echt" zu sein, in den Maschinenraum zu gehören...

"Das Kind", vermutete Milo, "könnte schon vor dem Anlegen des Frachters hier im Hafen von einem Schlauchboot oder einem anderen kleinen Außenborder abgeholt worden sein."

Ich richtete den Lampenstrahl vor Sams Füße, so dass er diffuses Licht nach allen Seiten streute, ohne zu blenden.

"Und das bedeutet?", fragte ich.

Sam Oschowski schielte über seinen leichten Bausansatz hinweg hinüber zu der Matratze und überlegte.

Milo hingegen lächelte, als ahnte er bereits, worauf ich hinauswollte.

"Sag's mir", knurrte Sam. "Ich bin nur der Spürhund. Schlüsse zu ziehen, überlasse ich meinem ‚Herrchen'."

"Wuff!", grinste ich.

Erleichtert.

Ein wenig jedenfalls.

Denn zumindest deutete dieser Fund darauf hin, dass Jen Hao Phos Kind, getrennt von seinem Vater, die Reise wohlbehalten überstanden hatte.

Anderenfalls wäre nicht dieser Aufwand betrieben worden.

Und die Tatsache, dass es dem Anschein nach von Bord geschmuggelt worden war, ehe der Frachter festgemacht hatte, legte einen anderen Gedanken nahe.

"Was immer wer mit dem Kind vorhatte, er hätte es auch in einem der Lastwagen von hier wegbringen lassen können, oder?"

Keine Antwort, aber an den Gesichtern las ich ab, dass Milo und Sam mir beipflichteten.

Oschowski scharrte ungeduldig mit den Schuhen.

"Und?"

"Es könnte also sein", fuhr ich fort, die Idee zu formulieren, die sich in meinem Hirn entwickelt hatte, "dass derjenige, der an dem Kind interessiert war, im Gegensatz zu Lo Min davon wusste, dass das FBI die Lieferung hier in Empfang nehmen würde."

"Du meinst denjenigen", seufzte Sam Oschowski, "der dem Bureau den anonymen Tipp gab?"

"Ja", sagte ich.

"Und damit auch denjenigen", murmelte Milo, wie zu sich selbst, "der Lo Min aus dem Verkehr gezogen hat. – Jetzt müssten wir nur noch wissen, wer das war, dann..."

"... dann hätten wir vermutlich gute Aussichten", fiel ich ihm ins Wort, "auch etwas über den Verbleib von Phos kleinem Sohn herauszufinden. Was mir, offen gestanden, sehr am Herzen läge."

 

 

4.

Er kam spät.

"Wo warst du?"

"Etwas erledigen."

"Bei einer anderen?"

Hwan Jang starrte das bildhübsche Mädchen, das ihm entgegengeeilt war, für einen Moment regelrecht verwirrt an. Eine andere? schien sein Blick zu fragen. Wenn du immer noch nicht weißt, dass es nur dich gibt...

Wie gerne hätte Mariah Sorano ihm geglaubt. Aber er hatte sich verändert. Sehr zu seinem Nachteil.

"Dann kannst du mir ja auch sagen, wo du warst."

"Es hat mit uns beiden nicht das Geringste zu tun."

Diesmal spürte sie deutlich, dass er log. Und offenbar merkte er, dass ihm ihre weiblichen Instinkte einmal mehr überlegen waren, denn er fasste sie, wie zur Besänftigung, an den Schultern. Nur ein klein wenig fester als sonst.

Angst glomm in ihren großen, dunklen Augen. Nicht Angst vor ihm, sondern um ihn. Die Angst, ihn zu verlieren.

Doch wie berechtigt diese Angst war, hätte sie sich allenfalls in ihren Albträumen ausmalen können…

Sie wich zurück. "Du liebst mich nicht mehr."

Hwan verzog das blasse Gesicht. "Riah, du bist das Wichtigste in meinem Leben!"

"Dann sag mir endlich, was, um Himmels willen, seit Tagen los mit dir ist!"

Das tat er nicht.

Dafür aber zeigte er ihr, ohne auch nur ein weiteres Wort zu verlieren, dass er zumindest in einer Hinsicht noch ganz der Alte war – der einfühlsamste Liebhaber, den Mariah sich nur wünschen konnte.

Hwan bescherte ihr den so genannten kleinen Tod.

Und den starben sie noch gemeinsam.

 

*

 

Der Wagen hielt in einer kleinen Seitenstraße von SoHo, unweit des eigentlichen Ziels. Zwei schlanke, fast hagere Männer stiegen aus. Sie bewegten sich beschwingt, als würden sie vor imaginären Schönheiten flanieren, die sie mit ihrem geckenhaften Gehabe beeindrucken wollten. Aber sie hatten keine Zuschauer, konnten auch keine gebrauchen.

Die Dunkelheit lag wie eine ölige Schicht über den Häuserblocks. Es hatte geregnet, und vom Harlem River trieben Gerüche herüber, als hätte sich der Fluss in eine Kloake verwandelt.

"Da vorn ist es", sagte der größere der beiden Männer. Er trug Turnschuhe, die ebenso billig waren wie der Armani-Anzug falsch. Eine wulstige Narbe umlief seine Nase. Es sah aus, als wäre sie einmal komplett abgerissen und mit geringer chirurgischer Präzision wieder angenäht worden. In den wässrigen Augen regte sich ein Glanz, als gäbe es außer dem Job, den sie erledigen wollten, noch etwas anderes, was ihn fieberhaft beschäftigte. Eine Art von... Gier.

Das fiel auch seinem Begleiter auf. "Was ist los mit dir? Du bist schon den ganzen Abend so verdammt fickerig. Bist du auf Koks?"

"Im Gegenteil. Ich versuche, von dem Zeug loszukommen."

Der Kleinere wirkte verdutzt. Er trug Lackschuhe mit hohen Absätzen. "Hey, und warum?"

"Weil es mir den Zinken zerfrisst."

"Viel wäre da nicht verloren."

"Ein Loch", kam die lakonische Erwiderung, "sieht noch beschissener aus."

Sie setzten ihren Weg fort. Vor ihnen tauchte ein altes Fabrikgebäude auf, das in stilvolle Loftwohnungen umgebaut worden war.

Etliche Fenster waren dunkel.

Die, auf die es ankam, nicht.

"Sie sind zuhause", sagte der Mann mit der Narbe. Seine Hand schob sich hinten unter die Jacke, wo das kühle Metall in einem Holster steckte. Die Nervosität blieb.

Als hätte sein Begleiter einen siebten Sinn dafür, fragte er: "Wollen wir das wirklich riskieren?"

"Und was riskieren wir, wenn wir es nicht tun?"

Der Kleinwüchsige fluchte.

Kurz darauf verschmolzen sie mit den Schatten des Hauses.

 

*

 

Mariah starrte zur Decke. Im Hintergrund lief leise Hip-Hop-Musik. Kerzen brannten. Ein Meer von Kerzen. Hwan hatte sie angezündet. Er wusste, auf was sie ansprang.

Sie hatten sich versöhnt. Halbwegs. Denn im Grunde war es unmöglich, etwas zu verzeihen, worüber man nur rätseln konnte.

Hwan weigerte sich standhaft, ihr zu sagen, was ihn bedrückte. Aber als ihre Körper eng miteinander verschlungen gewesen waren, vorhin, hatte Mariah die Sicherheit zurückgewonnen, dass er sie liebte, dass keine andere Frau dahintersteckte. Er war so zärtlich, so leidenschaftlich und aufmerksam gewesen, wie bei ihrem allerersten Mal und bei jedem der vielen Male danach. Aber er hatte kein Schuldbewusstsein vermittelt, wie ein Mann, der nur etwas wieder gutmachen wollte.

Schulter an Schulter lagen sie auf dem Bett und blickten in den Spiegel, der hoch über ihnen befestigt war.

Die Hitze war verflogen. Mariah fröstelte.

Hwan rauchte eine Zigarette. Die Rauchkringel schienen dem Bett entgegenzufallen.

Dem Bett im Spiegel.

Mariah betrachtete erst sich, dann den Mann, den sie heiraten wollte. Sie waren verlobt; einen Termin für die Hochzeit gab es jedoch noch nicht.

"Hwan?"

Die Frau im Spiegel bewegte die Lippen.

"Ja?"

Er wandte den Kopf um eine Winzigkeit. Mariah sah zu, wie ihre Hand nach seiner fasste. Ein seltsamer Anblick, ein seltsames Gefühl. Als würde sie nicht sich und Hwan beobachten, sondern zwei Fremde, die sich ohne Scham nackt den Blicken anderer aussetzten.

Zugleich aber schien ihr dieses Gefühl der Distanz fast symbolisch. Wie ein Zeichen dafür, dass ihr Hwan tatsächlich fremd geworden war. Nicht so sehr, dass sie ihn nicht wiedererkannt hätte. Wäre dem so gewesen, hätte sie auch genau bestimmen können, inwiefern er sich verändert hatte. So aber war da nur dieses… Gefühl eben; der Eindruck, dass etwas anders geworden war.

Nur – was?

Hatte es mit ihr zu tun?

Diese Frage schien Mariah der passende Aufhänger zu sein. Zudem interessierte sie die Antwort wirklich.

Hwan ließ sich Zeit. Aber im Spiegelbild seines Gesichts konnte Mariah sehen, dass er ihr diesmal antworten würde. Er würde keine Ausflucht mehr suchen und das Thema nicht einfach ignorieren.

"Nein", sagte er schließlich, "es hat… mit uns zu tun."

"Mit uns?" Mariah sah ihre eigene Beunruhigung im Spiegel.

Mit dieser Antwort konnte Hwan nur auf eines hinauswollen! Gleich würde er ihr sagen, dass sie nicht zusammenpassten. Oder dass er sich noch zu jung fühle, um sich schon fest zu binden. Oder – und diese Möglichkeit schien Mariah aus einem Grund, den sie nur zu gut kannte, die wahrscheinlichste – seiner Familie wegen. Oder, um es ganz deutlich zu sagen: Ihrer beider Familien wegen!

Sie schloss die Augen. Als könnte sie damit den Blick vor der Wahrheit verschließen. Als kleines Mädchen und selbst als Teenager noch war ihr das sogar manchmal gelungen. Andernfalls wäre sie heute vermutlich jemand ganz anderes – und ganz bestimmt nicht hier, mit Hwan Jang!

Als der Druck von Hwans Hand ein klein wenig fester wurde, schlug Mariah die Augen auf. Wieder sah sie Hwan nur im Spiegel, und nicht zum ersten Mal kam ihr in den Sinn, dass dieser Spiegel irgendetwas Magisches barg; diesmal schien er Hwan zu befähigen, ihre Gedanken zu lesen. Seiner Miene war unschwer abzulesen, dass er genau wusste, was ihr durch den Kopf ging.

Andererseits bedurfte es dafür in Anbetracht ihres eigenen Gesichtsausdrucks weiß Gott keiner telepathischen oder sonst welcher besonderen Kräfte.

Hwans Lippen bewegten sich unter dem Anflug eines Lächelns. Er schüttelte den Kopf.

"Nein, keine Angst, Riah. Das ist es nicht, und ich will dich auch nicht aus irgendeinem anderen Grund verlassen, wenn es das ist, was du denkst."

"Was ist es dann?"

Drei, vier Sekunden vergingen, in denen Hwans Blick ins Nirgendwo ging, auf der Suche nach den richtigen Worten.

"Riah", begann er dann, "sind wir nicht eigentlich… dumm?"

"Dumm?", echote sie. "Ich verstehe nicht…"

"Du und ich", sagte er, "wir könnten leben wie Königin und König."

"Hwan…" Ein neues Gefühl stieg in ihr auf. Eine Ahnung dessen, was hinter seiner Veränderung steckte.

Er sah es ihr an. Rasch drängte er weiter in die einmal eingeschlagene Richtung, als fürchte er, der Mut würde ihn verlassen, wenn er zu lange zögerte.

"Man würde uns die Welt zu Füßen legen – wir bräuchten es nur zu sagen."

"Hwan, ich kann nicht glauben… Nein, das ist nicht ganz richtig – ich hoffe, dass ich mich irre. Du kannst doch nicht –"

"Ich habe nachgedacht, Riah."

Jetzt drehte er sich zu ihr um, stützte sich auf den Ellbogen und fasste mit der freien Hand nach ihrem Gesicht. Sie wollte sich seinem sanften Druck widersetzen, wollte ihm nicht in die Augen sehen. Sie wusste, was sie darin finden würde.

Entschlossenheit.

Die Gewissheit, dass sie sich nicht täuschte. Dass sie richtig lag mit ihrer Befürchtung.

Dass Hwan Jang schwach geworden war. Dass er nachgegeben hatte.

Dass er sich für das entschieden hatte, was sie beide bislang verachtet hatten.

Das war der springende Punkt – bislang war es so gewesen. Jetzt lagen die Dinge offenbar anders.

Aber vielleicht war es noch nicht zu spät, um diese Dinge wieder rückgängig zu machen!

Dieser Gedanke gab Mariah Auftrieb. Riss sie wie eine kräftige Hand, die sich ihr im letzten Moment hinstreckte, aus dem Loch, in das sie vor Enttäuschung zu stürzen gemeint hatte.

Vielleicht ließ Hwan noch mit sich reden. Vielleicht konnte sie ihn noch zur Vernunft bringen!

Und vielleicht war ja alles noch gar nicht so weit… Vielleicht wollte er sie nur fragen, was sie von seinen Ideen und Plänen hielt. Wenn sie nein dazu sagte, würde er davon ablassen – vielleicht…

Das waren entschieden zu viele Vielleichts.

Mariah wollte sie ausgeräumt wissen! Wollte wissen, woran sie war. Und wie es weitergehen sollte.

Doch nichts von all dem sollte sie erfahren.

Nicht von Hwan. Und nicht heute Nacht.

Zwei Dinge ereigneten sich beinahe zeitgleich: Die Tür zu ihrer Loftwohnung flog auf, und –

Fffupp!

 

*

 

Es war so gespenstisch, dass Mariah schauderte.

Der Deckenspiegel zersprang fast ohne jedes Geräusch. Ihrer beider Reflexionen fielen auseinander, als würden sie mit einem monströs großen Tranchiermesser zerlegt.

Und ebenso lautlos regneten die Scherben herab. Flackerndes Kerzenlicht fing sich darin.

All das schien endlos zu dauern.

Erst als die Trümmer und Splitter den Boden berührten und in noch kleinere Teile zerplatzten, schien die Zeit wieder richtig zu greifen. Ohrenbetäubend kam Mariah das Klirren und Prasseln der Spiegelscherben vor.

Reflexartig barg sie den Kopf in beiden Armen, um ihr Gesicht zu schützen. Feurige Linien zogen sich über ihren Rücken, wo der Scherbenregen sie erwischte.

Jemand schrie. Kreischte. Schmerzhaft schrill.

Neben ihr rollte Hwan zur Seite und streckte den Arm zum Nachttisch aus, in dessen Schublade eine Waffe lag. Für alle Fälle.

Fälle wie –

Fffupp!

Details

Seiten
252
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738928518
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470654
Schlagworte
schüsse little italy

Autoren

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Titel: Schüsse in Little Italy