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Wenn dich der Totenvogel ruft

2019 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wenn dich der Totenvogel ruft

Copyright

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Wenn dich der Totenvogel ruft

Ein Romantic-Thriller

von Timothy Stahl & Werner K. Giesa

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 96 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Dass allmählich der Abend heranzog, beunruhigte Janice Montana nicht. Sie war sicher, dass sie noch rechtzeitig ein Quartier finden würde. So war es bisher immer gewesen, warum sollte es ausgerechnet heute anders sein?

Sie stellte ja keine großen Ansprüche. Ein kleines Zimmer, eine Waschgelegenheit, ein weiches Bett und ein Frühstück, mehr brauchte sie nicht. Und so etwas fand sich auch in den kleinsten Dörfern.

Ein eigenartiges Licht lag über den Bergen. Es war mit Worten nicht zu beschreiben, aber ein einmaliges Erlebnis, das Janice genießen wollte. Und sie hoffte, dass die Fotos, welche sie bei diesem Licht schoss, die Stimmung annähernd so wiedergeben würden, wie sie sie jetzt empfand.

Eine wundervolle Landschaft breitete sich vor ihr aus. Janice fotografierte das Spiel aus Licht und Schatten, suchte Gegensätze, die sich in Harmonie trafen, und merkte erst, als sie schon wieder einen ganzen 36er-Film verknipst hatte, wie abwechslungsreich dieses Stück Land in seinem Erscheinungsbild war. Und da gab es Leute, die behaupten, hier im schottischen Hochland sei alles öde und tot!

Natürlich – auf den ersten Blick war es das auch. Ein karges, herbes Land, von nur wenigen Menschen bewohnt, die ständig um ihr Auskommen zu kämpfen hatten. Viele zogen deshalb fort, in die Städte, suchten dort nach Arbeit, die leichter war und besser bezahlt wurde – ob sie sie dort auch fanden, war eine andere Sache. Die Alten, die hier verwurzelt waren, blieben zurück, um irgendwann am Ende eines langen, harten Lebens eins mit dem Boden zu werden, der ihre Heimat war und den sie so liebten, obgleich er ihnen wenig mehr schenkte als Leben und Liebe.

Janice spannte eine neue Filmrolle ein und machte die teure Kamera wieder schussbereit. Ihre eigenen Filme waren bereits aufgebraucht, aber sie bekam kein schlechtes Gewissen dabei, als sie nach dem Zeitungsmaterial griff. So eng wurde das nicht gesehen, und oft genug benutzte sie ja auch privates Fotomaterial, um Bilder für ihre Zeitung zu machen.

Ihr Job, für den sie in die Highlands geschickt worden war, war getan. Wieder einmal Loch Ness und sein legendäres Ungeheuer… Janice hatte die Bilder gemacht, die ihr Redakteur haben wollte, hatte sie bereits per Post nach London geschickt und hängte jetzt ein paar Tage dran, um das Land näher kennenzulernen, es zu genießen. Sie hatte in den letzten Monaten dermaßen viel gearbeitet, dass man ihr die paar Tage Freizeit nicht verwehren konnte.

Sie arbeitete für eine große Londoner Zeitung. "Das Ungeheuer von Loch Ness? Oh, nicht schon wieder, Tim!", hatte sie geseufzt, als Chefredakteur Steel ihr nahelegte, da oben mal ein wenig herumzuknipsen. "Das ist doch die typische Saure-Gurken-Nummer, Tim! Hat unsere Zeitung das wirklich nötig? Wenn wir schon Zeilenschinderei betreiben müssen, können wir das doch bestimmt auch mit anderen Themen, ohne uns diesem blöden Dauertrend anzuschließen! Das ist doch eher etwas für die Regenbogenpresse!"

Steel hatte geschmunzelt. "Janice, gerade das will ich zum Thema machen: Warum stürzen sich im Sommerloch, in der Saure-Gurken-Zeit, alle Zeitungen auf das Loch-Ness-Biest oder auf fliegende Untertassen oder ähnlichen Unsinn? Das wird ein sehr wissenschaftlich angehauchter Bericht, für den ich entsprechende Fotos brauche – seriöse Fotos, Janice, keine Sensationsbildchen, die ich von jeder Fotoagentur im Tausenderpack nachgeworfen bekomme. Für solche seriösen Bilder, die auch Stimmungen einfangen, sind Sie der richtige Mann!"

"Die richtige Frau", konnte sie es nicht lassen, ihn zu korrigieren.

"Meinetwegen auch das", gestand er lächelnd zu. "Also flitzen Sie nach Schottland, und beschaffen Sie uns Bilder. Sie wissen selbst, was am besten auf unsere Leser wirkt. Und…", er flüsterte hinter vorgehaltener Hand: "…wenn Sie dabei auch noch fotografisch dokumentieren, was die Schotten wirklich unter ihren Röcken tragen…"

Sie seufzte. "Wen interessiert das denn heutzutage noch? Höchstens die Humor-Redaktion. Aber der alte Pete Rosen füllt seine Viertelseite doch so oder so nur mit filzbärtigen Witzen über Ehebrecher und Pantoffelhelden! Als ich die zum ersten Mal gehört und gelesen habe, bin ich glatt vor Lachen von meinem Dinosaurier gefallen, aber heute zieht das doch keinem mehr die Schuhe aus!"

Und jetzt war sie hier in den Highlands und fotografierte privat, für ihr eigenes Album.

Loch Ness gab dabei für sie weniger her als die Umgebung. Sie war nach Westen gefahren. Am Cluanie-Fluss entlang, der in den Loch Ness mündete, und eigentlich hatte sie bis zum Loch Cluanie kommen wollen, einem der größeren Seen. Vom Wirtshaus in Cluanie Bridge hatte sie seltsame Geschichten gehört, und ebenso von Llewellyn-Castle, einer großen Burg nördlich des Ortes. Das reizte sie, eine Story auf eigenes Risiko zu entwerfen – wenn Steel sie nicht haben wollte, würde sie die Geschichte eben anderen Zeitungen anbieten. Dann allerdings unter einem Künstlernamen, um keinen Ärger mit ihrer eigenen Zeitung zu bekommen.

Aber sie wusste jetzt schon, dass sie Cluanie Bridge heute nicht mehr erreichen würde. Sie hatte sich zu sehr mit der Landschaft befasst, zu oft angehalten, um zu fotografieren. Noch dazu war sie die falsche Straße gefahren. Statt am Loch Ness südwärts bis Invermoriston zu fahren und dann die A-887 westwärts zu nehmen, war sie schon in Drumnadrochîr – lieber Himmel, warum mussten die Schotten ihren Dörfern solch unaussprechliche Namen geben, bei denen man sich die Zunge verknotete? – auf eine Nebenstraße abgebogen. Sie hatte einfach nicht genau hingeschaut, war nach dem "Daumenpeilverfahren" abgebogen und lag damit, was die Richtung anging, sogar richtig – die Luftlinie führte direkt nach Cluanie und an jenem sagenhaften Llewellyn-Castle vorbei.

Nur die Straße nicht.

Jetzt befand sie sich im Glen Affric Forest, und irgendwo vor ihr, am Ende eines Privatweges, musste Affric Lodge liegen – sofern die Karte stimmte. Und wenn sie stimmte, hörte die Straße dort auch ganz auf. Keine Chance, weiterzukommen. Affric Lodge war so etwas wie eines der Enden der Welt.

Aber auch dort würde es eine Möglichkeit geben zu übernachten. Irgendwie hatte Janice keine Lust mehr, jetzt wieder bis zum Loch Ness zurückzufahren und die andere Strecke zu nehmen. Das konnte sie morgen immer noch tun.

Sie stieg wieder in ihren betagten Ford Cortina, der annähernd so alt war wie sie selbst – fast zwei Dutzend Jahre. Aber das war auch alles, was sie miteinander verband; während der Wagen von Rostflecken und Beulen übersät war, konnte Janice sich leidlich hübsch nennen.

Sie fuhr gerade mal eine Meile, als ihr ein großes Anwesen auffiel, ziemlich weit abseits der Straße. Sie stoppte. Im Abendlicht faszinierte sie der Anblick des Gebäudes, das am Berghang lag, umgeben und überschattet von uralten, großen Bäumen, die für das Hochland fast schon untypisch waren.

Die Mauern leuchteten in der untergehenden Abendsonne, und die Scheiben der kleinen Fenster strahlten blutrot auf.

Das musste sie auf jeden Fall fotografieren!

Also trat sie auf die Bremse und stieg wieder aus. Sie schoss eine ganze Serie von Fotos, nahm auch die umliegende Landschaft mit auf. Ein paar Aufnahmen noch vom gegenüberliegenden See, der in diesem Sonnenlicht ebenfalls in Flammen stand und der glutflüssigen Lava eines Vulkans glich. Dann klickte sie die Schutzkappe wieder vor die Linse ihrer Kamera.

Ein wenig abseits des großen Gutshauses entdeckte sie zwei Männer, die damit beschäftigt waren, irgendetwas unter einem jener großen Bäume zu vergraben. Sie waren so in ihre Arbeit vertieft, dass sie nicht einmal zu Janice herüber schauten.

Schulterzuckend stieg sie wieder in den Wagen und fuhr weiter.

Da wurden die Männer auf das Motorgeräusch aufmerksam und sahen hinter ihr her. Aber schon nach der ersten Kurve konnte sie die beiden im Rückspiegel nicht mehr entdecken.

 

 

2

Ein Ortsschild vermisste Janice. Die Straße mündete einfach zwischen ein paar Dutzend Häusern, und das war's auch schon. Nun gut – die Bewohner wussten ja, wie ihr Dörflein hieß, und der Briefträger und der Polizist und die Feuerwehr im nächstgrößeren Ort, die für Affric Lodge zuständig waren, würden es wohl auch wissen.

Kurz vor dem Ort hatte sie im verglimmenden Abendlicht noch einen kleinen Friedhof gesehen. Ziemlich verfallen, romantisch, morbide – irgendwie wünschte sie sich, dass er auch bei Tageslicht noch halbwegs den gleichen Eindruck auf sie machte, damit sie ihn fotografieren konnte. Solche Orte faszinierten sie. Sie mochte den Hauch von Moder und Verfall – solange sie nicht selbst darin leben musste.

Auch die Häuser von Affric Lodge entsprachen ihren Vorstellungen. Klein, hingeduckt, und garantiert in jedem unter einer Falltür ein geheimer Keller, in dem Whisky gebrannt wurde – natürlich illegal. So zumindest würde ihr Chefredakteur Tim Steel es formulieren. Sie schmunzelte bei diesem Gedanken. Wahrscheinlich beneidete er sie um den Auftrag, doch in seiner Position konnte er nicht einfach selbst losfahren und sich in solchen Kleinigkeiten verzetteln.

Die Häuser lagen teilweise tiefer als die Straße; kleine Stufen führten zu den Haustüren hinab. Die Fenster waren winzig; hinter dichten Gardinen oder den Ritzen der Klappläden, wo sie schon geschlossen waren, brannte karges Licht. Wie von Kerzen… aber das war wohl eine zu starke Romantisierung. Immerhin gab es eine Überlandleitung für den Strom, deren Masten die Landschaft teilweise störend spickten. Es gab sogar einen öffentlichen Fernsprecher, aber als Janice an der Telefonzelle vorbei fuhr, sah sie das große Schild: "Defekt".

Aber es gab eine winzige Kapelle, die sie am Rand des Dorfes nahe dem Totenacker gesehen hatte, und es gab eine Gastwirtschaft. Allerdings musste Janice zweimal hinschauen, um sie als solche zu erkennen. Das Häuschen unterschied sich kaum von den anderen, nur über der Tür hing eine Laterne, die vermutlich schon die Dinosaurier als hoffnungslos altmodisch zum Sperrmüll gegeben hatten, und ein handgemaltes Schild, das einen rot-knollennasigen Säufer zeigte, der, den schäumenden Bierkrug in der Hand, neben seinem Bett eingeschlummert war.

Interessanterweise trug besagter Säufer keinen Schottenrock, sondern eine lange Hose.

Gemeint war also kein schottischer Ureinwohner, sondern ein Tourist.

Natürlich – Schotten betranken sich nicht so, dass sie vor Erreichen ihres Bettes in Schlaf fielen. Sie blieben gleich in der Gastwirtschaft, fürs Katerfrühstück am anderen Morgen…

"Janice, zügele deine überschäumende Fantasie", rief sie sich zur Ordnung. "Die Wirklichkeit sieht, wie immer, ganz anders aus, und du wirst enttäuscht sein. Der Fotograf sieht sein Bild stets anders als seine Kamera."

Sie stoppte den Cortina vor dem Haus. Vor der Tür zögerte sie kurz, als sie die Stimmen hörte, dann aber trat sie ein.

Schlagartig wurde es still.

Nur Männer befanden sich in der Schankstube. Größtenteils alte Männer; den jüngsten schätzte sie auf etwa 50 Jahre. Einige trugen Kilts, diese Schottenröcke mit den karierten Mustern, die jeweils auf die Clanzugehörigkeit hinwiesen. Diese Männer schienen alle zum gleichen Clan zu gehören.

Hinter der Theke stand ein Mann mit breiten Schultern und breitem Gesicht. Dunkle Augen funkelten Janice überrascht an. Offenbar war es eine kleine Sensation, dass eine Frau den namenlosen Pub betrat.

Noch dazu eine junge und durchaus hübsche Frau.

Mit Frisur und Kleidung konnte sie die Städterin nicht verleugnen, obgleich sie versucht hatte, sich einigermaßen rustikal zu kleiden. Aber was in diesen abgeschiedenen Dörfern getragen wurde, gab es in den Boutiquen und Kaufhäusern der Städte nicht einmal, und außerdem hätte es nicht zu ihr gepasst. Sie war kein festverwurzeltes Landmütterchen, dem die traditionelle Folklore-Kleidung dieser Region stand. Stiefel, langer Rock, Rüschenbluse, Kostümjacke – alles farblich aufeinander abgestimmt, aber schließlich musste sie sich auch anderswo mit ihren Sachen sehen lassen können.

Entschlossen ging sie bis zur Theke; die Absätze ihrer Stiefel knallten auf dem Holzboden viel zu laut in der plötzlichen Stille. Aber sie gab sich auch nicht die Blöße, jetzt besonders leise aufzutreten zu versuchen.

"Willkommen in Affric Lodge", sagte der Breitschultrige hinter der Theke mit einem fürchterlichen Akzent. Er bemühte sich hörbar, deutliches und verständliches Englisch zu reden, aber sein Dialekt war extrem stark ausgeprägt und kaum zu unterdrücken. Janice hatte Mühe, den Mann zu verstehen. Hätte er schottisches Gälisch gesprochen, wäre es für Janice wohl nur unwesentlich schwerer gewesen.

"Ich brauche ein Zimmer", sagte sie so langsam und deutlich, als hätte sie es mit einem Fremdsprachigen zu tun. Aber er verstand sie besser als sie ihn.

"Für wie lange?", gelang es ihr schon im zweiten Versuch, die Bedeutung der Worte zu erraten. Himmel, das konnte ja heiter werden, wenn sie bei allem, was dieser Mann sagte, und vielleicht auch alle anderen Leute hier im Dorf, erst einmal einen privaten Übersetzungsversuch starten musste.

"Eine Nacht."

"Mit Frühstück", sagte er.

"Gern."

Er nickte, griff unter die Theke – und erstarrte.

Es war immer noch unnatürlich still im Raum. Deshalb waren die Laute umso deutlicher zu hören, die von draußen kamen.

Ein Käuzchen schrie.

Dreimal hintereinander, dann wurde es wieder still.

Und für Janice wurde alles anders.

 

 

3

"Der Totenvogel", stieß jemand an einem der Tische hervor. "Der Totenvogel hat geschrien!"

Das eben noch freundliche breite Gesicht des Wirtes war jetzt zur abweisenden, steinernen Maske erstarrt. Als er sprach, konnte ihn Janice diesmal deutlich verstehen, wie sie auch den Mann verstanden hatte, der vom Totenvogel gesprochen hatte.

"Gehen Sie", sagte der Wirt schroff. "Gehen Sie – sofort. Verlassen Sie dieses Haus. Verlassen Sie am besten auch Affric Lodge."

"Aber warum?", stieß sie überrascht hervor. Sie war verwirrt. Was bedeutete dieser jähe Meinungsumschwung? Eben noch das freundliche Lächeln, jetzt die eisige Abwehr!

Sie sah in die Runde.

Die Männer erwiderten ihren Blick.

Starr, zurückweisend. Fast feindlich.

"Gehen Sie", wiederholte der Wirt.

"Ich verstehe nicht", protestierte Janice.

"Der Totenvogel hat geschrien", wiederholte der Wirt, was einer seiner Gäste eben gesagt hatte. "Es ist besser, wenn Sie jetzt gehen. Rasch."

"Aber…"

"Ich schließe das Lokal jetzt ohnehin", fuhr der Wirt fort. "Gehen Sie!"

"Ja, zum Teufel", murmelte Janice. Was sollte sie tun? Sie konnte den Wirt nicht zwingen, sie aufzunehmen.

"Lassen Sie den Gottseibeiuns aus dem Spiel", krächzte einer der Männer an den Tischen heiser. "Und gehen Sie endlich! Wir wollen noch ein wenig weiterleben!"

"Ich…"

Man ließ sie nicht ausreden.

Der Wirt war schon neben ihr, fasste sie am Arm, und drängte sie zur Tür. Unter anderen Umständen hätte Janice sich eine solche Behandlung nicht gefallen lassen. Aber es war seltsam; der energische, feste Griff tat ihr nicht einmal weh. Ehe sie begriff, was geschah, war sie bereits draußen, und in der Tür knirschte der Schlüssel im Schloss.

Sie lehnte sich gegen die Wand.

So etwas hatte sie noch nie erlebt.

Man sagte zwar draußen auf dem Kontinent, alle Engländer hätten einen Spleen. Eine kleine, meist liebenswerte Verrücktheit, aber eben einen "Tick".

Aber was diese Schotten ihr vorführten, war schon mehr als ein Tick oder ein Spleen.

Es war absolut unverschämt.

Und sie konnte nichts dagegen tun.

"Dann eben nicht", murmelte sie verdrossen und ging zum Wagen zurück.

Es hätte nur noch gefehlt, dass er nicht ansprang…

 

 

4

Es ging nicht alles schief in dieser Nacht.

Wenngleich Janices Herzschlag einen Moment lang ins Stocken geriet - im gleichen Takt wie der Motor ihres Ford Cortina müde mahlte, bevor er sich doch noch dazu bequemte, seinen Dienst aufzunehmen.

Janice schickte ein stummes Stoßgebet zum Himmel, während sie behutsam übers Lenkrad strich.

"Braver Junge. Auf dich ist eben doch Verlass", lobte sie den altersschwachen Wagen, der die Worte wie zum Trotz mit einem kurzen Stottern quittierte, dann aber doch wieder rundlief.

Janice wandte den Kopf und sah zur Gastwirtschaft hinüber. Die geschlossenen Fensterläden verwehrten ihr zwar die Sicht in die Schankstube, aber sie war sicher, dass sie selbst durch die Ritzen hindurch aufmerksam beobachtet wurde. Fast glaubte sie, die Blicke der anderen wie die Berührung eiskalter Hände auf ihrer Haut zu spüren. Unwillkürlich fröstelte die junge Reporterin. Die Selbstsicherheit, die sie in ihrem Beruf zwangsläufig entwickelt hatte, begann ein klein wenig zu bröckeln. Erst jetzt wurde ihr allmählich bewusst, wie unwirklich und vor allem wie unheimlich ihr Erlebnis von eben war.

Wie verwandelt war ihr der Wirt mit einem Mal vorgekommen. Verhext - durch den bloßen Ruf eines Käuzchens? Oder wie er sich selbst ausgedrückt hatte: durch den Schrei des "Totenvogels"?

"Das ist absolut lächerlich", murmelte Janice im Selbstgespräch. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ein weiterer Schauer über ihren Rücken prickelte.

Natürlich wusste sie, dass sich allerlei vom Aberglauben geprägte Legenden um dieses Tier rankten. Sie kannte diese Geschichten aus Romanen und alten Gruselfilmen, in denen der Ruf des Käuzchens gerne als akustischer Effekt eingesetzt wurde, um die unheimliche Stimmung noch zu unterstreichen. Aber dass dies auch im richtigen Leben und vor allem in der heutigen Zeit funktionierte - allein der Gedanke daran schien ihr albern. Und doch hatte sie es gerade eben selbst erfahren müssen. Und nun, da sie darüber nachdachte, musste sie sich eingestehen, dass das Erlebnis nicht ganz so spurlos an ihr vorübergegangen war, wie sie es sich gern eingeredet hätte.

Er klang aber auch wirklich gespenstisch, dieser Laut, der sich mit etwas Phantasie als "Komm mit, komm mit, komm mit" interpretieren ließ. Komm mit - wohin? Ins Jenseits?

Fast glaubte Janice schon, den unheimlichen Lockruf wieder zu hören.

Uu-iitt, uu-iitt - komm mit, komm mit...

Und auf einmal fühlte sie sich nicht mehr nur vom Pub aus beobachtet. Auch irgendwo da draußen in der Nacht schien ein Augenpaar zu lauern und auf sie herabzustarren - ein schwarzes, kalt glitzerndes, das in einem gefiederten Kopf saß...

"Nun hör aber auf", ermahnte sich die Reporterin energisch. "Du fängst ja schon genauso zu spinnen an wie diese verrückten Schotten."

Dass die Reifen quietschten und der Motor röhrte, als Janice losfuhr, lag natürlich am Alter des Wagens. Keinesfalls aber daran, dass sie es plötzlich sehr eilig hatte, von hier zu verschwinden...

 

 

5

Janices "Flucht" dauerte nicht lange.

Kurz nachdem der Ford Cortina an den letzten Häusern von Affric Lodge vorbeigefegt war, gewann die "alte" Janice Montana wieder die Oberhand. Vielleicht lag es an dem Gedanken, wie sich ihre männlichen Kollegen wohl ins Fäustchen lachen würden, wenn sie sehen könnten, wie sich die sonst so furchtlose und kämpferische Reporterin von einem harmlosen Vogel in Angst und Schrecken versetzen ließ. Oder vielmehr: vom bloßen Gerede darüber!

Wieder gewohnt klar und vernünftig denkend, trat Janice aufs Bremspedal. Als sie den Wagen am Straßenrand zum Stehen gebracht hatte, befasste sie sich mit der Frage, auf die sie am dringendsten eine Antwort finden musste: Wo schlafe ich heute Nacht?

Die ohnehin spärlichen Möglichkeiten hatten allesamt eines gemeinsam: Sie waren nicht sonderlich verlockend. Die eine hätte darin bestanden, zurückzufahren bis zum Loch Ness, um dann von dort aus den richtigen Weg nach Cluanie Bridge einzuschlagen, wohin sie ja ursprünglich gewollt hatte. Zwei Dinge sprachen allerdings dagegen: Zum einen würde es, bis sie in Cluanie Bridge ankam, so spät sein, dass es sich nicht mehr lohnte, noch zu Bett zu gehen. Und zum anderen wallten schon jetzt dunstige Schwaden im Glen Affric Forest, die im Mondlicht seltsam kompakt wirkten. Wenn der Nebel noch zunahm, und damit musste sie rechnen, würde sie kaum noch die Hand vor Augen sehen können, geschweige denn die Fahrbahn vor der Kühlerhaube. Da die schmale, kurvenreiche und holprige Straße Autofahrern schon am Tage alle Aufmerksamkeit abverlangte, konnte Janice das Risiko, das eine Nachtfahrt bei Nebel barg, leicht abschätzen. Und sie verspürte absolut keine Lust darauf, es einzugehen.

Ungefähr genauso wenig Lust hatte sie allerdings, die zweite Übernachtungsmöglichkeit, die sich ihr bot, zu akzeptieren: Die bedeutete nämlich, den Ford Cortina kurzerhand als Schlafzimmer zweckzuentfremden, nachdem sie ihn so geparkt hatte, dass er einem etwaigen Nachtschwärmer auf zwei oder vier Rädern nicht im Wege stand.

Eine dritte Alternative fiel Janice beim besten Willen nicht ein, und so ließ sie den Wagen, wenn auch wechselweise zähneknirschend und seufzend, ein paar Dutzend Yards weiterrollen. Dort zweigte ein Feldweg von der Straße ab, wo der Wagen sicher niemanden stören würde.

Dass der Weg direkt auf jenen kleinen Friedhof zuführte, den die Reporterin bei ihrer Ankunft in Affric Lodge entdeckt hatte, merkte sie erst, als sie den Motor abstellte und die Scheinwerfer ausschaltete.

Im Licht der untergehenden Sonne war Janice der verfallene Totenacker vorhin - vorhin? Ewigkeiten schienen mittlerweile vergangen zu sein! - noch herrlich düster-romantisch vorgekommen. Diese fast märchenhafte Atmosphäre hatte das Fleckchen Erde inzwischen eingebüßt. Ein leichter Wind fuhr über das Gräberfeld, brachte Bewegung in die mannshohen Nebelschwaden, sodass es aussah, als würden sich jenseits der vom Zahn der Zeit nicht nur angenagten, sondern regelrecht zerfressenen Mauer, Gespenster zwischen den schief stehenden Grabsteinen tummeln.

Vielleicht kommen sie gerade vom Spuken zurück und suchen jetzt ihre Gräber, versuchte sich Janice mit Humor darüber hinwegzutäuschen, dass die Gänsehaut auf ihren Armen nicht nur von der kühlen Nachtluft herrührte.

Ganz wohl war ihr dennoch nicht bei dem Gedanken, beinahe Schulter an Schulter mit einigen Dutzenden Toten zu schlafen. Andererseits entbehrte die Sache auch nicht eines gewissen Reizes. Denn wer von ihren Bekannten konnte schon von sich behaupten, auf einem Friedhof übernachtet zu haben? Oder direkt daneben zumindest. So genau, beschloss Janice für sich, würde sie es mit der Wahrheit nicht nehmen, wenn sie später jemandem davon erzählte...

Und außerdem gab es da ja noch die alte Weisheit, die irgendwann einmal irgend jemand von sich gegeben hatte: Nicht die Toten sind es, die wir zu fürchten haben, sondern die Lebenden. So ähnlich jedenfalls hieß dieser Spruch, mit dem Janice sich selbst beruhigte, während sie versuchte, es sich auf dem Rücksitz wenigstens halbwegs bequem zu machen. Die Beine ein wenig angezogen, den Kopf in die Ecke zwischen Rückenlehne und Fenster gegen ein kleines Kissen gedrückt, kuschelte sie sich schließlich in ihren Mantel ein.

Während sie so dalag und auf den Schlaf wartete, stellte sie zu ihrem eigenen Erstaunen fest, dass sie die Situation fast genoss. Sie lag gemütlich und warm, und durchs Fenster konnte sie das faszinierende Licht- und Schattenspiel beobachten, das der Vollmond mit den Nebelschwaden trieb. Wenn sich dunkle Wolkenbänke vor die bleiche Scheibe schoben, versank die Landschaft in beinahe absoluter Finsternis, um Sekunden später wieder in zauberhaftem Silberglanz zu erstrahlen.

Immer schwerer fiel es Janice, die Augen offenzuhalten. Als würden winzig kleine Kobolde an ihren Lidern ziehen. Die Vorstellung ließ Janice lächeln, und so schlummerte sie irgendwann ein.

Im Traum sah sie eben jene Kobolde zusammen mit Feen und Nebelgeistern geheimnisvolle Reigen auf mondbeschienenen Wiesen tanzen. Die Bilder vermittelten Frieden und Glückseligkeit. So lange jedenfalls, bis die Toten kamen und allein mit ihren plumpen Bewegungen jede Harmonie zerstörten...

Die Toten...?

Janice tauchte nicht langsam aus den Tiefen des Schlafes auf. Sie schlug die Augen auf und war übergangslos hellwach.

Einen Moment lang überlegte die Reporterin, was sie geweckt hatte. Sie wusste es, als ihr Wagen erneut sanft ins Schaukeln geriet. Als würde jemand versuchen, die verriegelte Tür zu öffnen.

Ruckartig wandte Janice den Kopf zum Seitenfenster hin - und schrie auf vor Entsetzen!

Eine Leiche drückte ihr teigiges Gesicht gegen die Scheibe und starrte Janice aus glanzlosen Augen an!

 

 

6

Der "Tote" schien mindestens ebenso erschrocken wie Janice. Das Gesicht zuckte zurück. Im gleichen Augenblick verfinsterte einmal mehr eine Wolkenbank den Vollmond. Wie ein Sack stülpte sich Schwärze über das Land, die alles verschlang.

Janice rieb sich die Augen, als könnte das unheimliche Bild damit einfach wegwischen. War das bleiche Gesicht vielleicht noch ein Teil ihres seltsamen Traumes gewesen, der im Augenblick des Erwachens noch nicht ganz verblasst war?

Janice wünschte es sich, während ihr Herz wie eine Faust von innen gegen ihre Brust trommelte. Aber der Wunsch ging nicht in Erfüllung.

Als der Mond wieder hinter den Wolken hervortrat und alles ringsum wie mit silbernen Linien nachzeichnete, sah Janice die dunkle Gestalt zwei Schritte von ihrem Wagen entfernt stehen. Im letzten Moment unterdrückte sie einen neuerlichen Schrei, indem sie sich in die Unterlippe biss. So hastig, dass sie Blut schmeckte. Der Schmerz ließ sie zur Besinnung kommen. Und die Situation verlor ihren Schrecken. Fast jedenfalls.

Im Mondlicht konnte sie den vermeintlichen Toten genauer erkennen. Am augenfälligsten war die Uniform, die er trug.

Ein Polizist.

Janices zweiter Blick galt dem Gesicht des Ordnungshüters. Die Ähnlichkeit mit dem einer Leiche blieb auch jetzt, da es nicht mehr am Fenster plattgedrückt wurde und wie eine zerlaufende Masse aussah. Nicht von ungefähr musste die Reporterin plötzlich an Hefeteig denken...

Noch bevor Janice sich weitere Gedanken machen konnte, kam Bewegung in den Uniformierten. Mit einer Geste bedeutete er ihr auszusteigen.

Es dauerte eine Weile, bis Janice vom Rücksitz aus ins Freie gelangte, zumal Arme und Beine steif waren vom Liegen in der ungewohnten Position. Offensichtlich hatte sie doch länger geschlafen, als sie geglaubt hätte. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass Mitternacht gerade vorbei war.

Geisterstunde, dachte Janice. Das passt ja!

"Sie haben mich fast zu Tode erschreckt", beschwerte sie sich, als sie dann endlich neben dem Wagen stand. In ihren Augen glitzerte die Angriffslust.

Die des anderen blieben ausdruckslos. Ganz kurz blitzte in Janice der Gedanke auf, es vielleicht doch mit einem Besucher von dem alten Friedhof zu tun zu haben...

Die Stimme des Uniformierten erschreckte die Reporterin beinahe - weil sie dem Bild vom lebenden Toten widersprach. Sie klang warm, fast schon väterlich. Janice fühlte sich an einen Film erinnert, in dem die Schauspieler völlig gegen ihren Typ synchronisiert wurden.

Details

Seiten
100
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738928471
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470594
Schlagworte
wenn totenvogel

Autoren

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Titel: Wenn dich der Totenvogel ruft