Lade Inhalt...

Das Haus der verschwundenen Mädchen

2019 112 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Haus der verschwundenen Mädchen

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

Das Haus der verschwundenen Mädchen

von Timothy Stahl & Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

Die beispiellose Mischung aus Sinnlichkeit und Unschuld war zu ihrem Markenzeichen geworden: Wendy Wilson hatte den verführerischen Lolita-Augenaufschlag und das gleichzeitige keusche Lächeln perfekt einstudiert. Daran musste sie nicht mehr feilen.

Auch nicht an der atemberaubenden Figur. Massenhaft Abführpillen, Finger in den Hals und täglich zwei Stunden verschärftes Training an den Maschinen hatten sich erkennbar ausgezahlt.

Nicht nur ihrer eigenen Meinung nach. Auch ihr Manager Brad hielt große Stücke auf sie. Immerhin war das neue Pop-Sternchen auch zu seiner Eintrittskarte in die Welt des Jetsets geworden.

Brad Sinclair hatte noch viel vor mit seinem "Goldfisch" Wendy.

Dumm nur, dass er, was das anging, nicht der Einzige war...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

"Hier, nimm das..."

Die wüstenheiße Nacht schien von draußen auf das Verdeck der Stretchlimousine zu drücken. Wendy kauerte in der äußersten Ecke des Fonds, der geräumig war wie ein kleines Wohnzimmer. Sie hatte die Kapuze ihres Capes über den Kopf und die Knie eng an ihren perfekten Körper gezogen.

Ihre Haut prickelte, als würde Champagner darüber perlen. Ihr Herz schlug schnell.

Sie war noch völlig verausgabt. Regelrecht ausgebrannt.

Das Konzert im Thomas & Mack Center, Las Vegas, war ausverkauft gewesen; eine riesige Halle mit zigtausend Besuchern. Fünf Zugaben hatte Wendy gegeben – Stücke von ihrem ersten Album, das in knapp zwei Wochen erscheinen würde. Bislang hatte sie nur zwei Singles veröffentlicht – aber beide hatten sie den Gipfel des Olymp erklimmen lassen. Den ersten Platz der Charts.

Nichts war mehr, wie es noch vor wenigen Monaten gewesen war.

Und Wendy genoss es.

Nur unmittelbar nach einem kräftezehrenden Auftritt wie diesem war sie absolut unleidlich, lagen ihre Nerven blank.

Brad Sinclair wusste das – und versuchte gegenzusteuern. Auf die einzige Weise, die er beherrschte. Nicht mit Zuspruch, nicht mit Fingerspitzengefühl, sondern mit harten Psychopharmaka.

Wendy lugte aufgebracht unter der Kapuze hervor. Ansatzlos schnellte ihr Arm empor und schlug ihrem Manager die kleine, harmlos aussehende Pille aus der Hand. Sie landete irgendwo zwischen den cremefarbenen Lederpolstern.

Sinclair fluchte wie in seinen besten Zuhälterzeiten. Das maßgeschneiderte Sakko, das noch immer sehr deplatziert an ihm wirkte – selbst für Leute, die ihn nicht von früher kannten – spannte sich, als er seine Muskelpakete spielen ließ.

Aber er beherrschte sich.

Mühsam.

Die Zeiten hatten sich geändert – auch für ihn.

"Ich mag das Zeug nicht – wie oft soll ich dir das noch sagen?", schnarrte Wendy mit heiserer Stimme.

Sinclair schnaubte verächtlich und strich sich über das ölig schwarze, nach hinten gekämmte Haar. "Du warst schon immer eine Zicke, aber mit jeder verkauften Platte wirst du unausstehlicher!"

Wendy setzte ihre Füße auf den Boden des Fonds. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen. Unter dem Cape trug sie nur noch die sündhaft rote Lederkluft, die nicht nur ihren Fans den Atem stocken ließ.

Ein Mann musste tot sein, wenn sich bei ihrem Anblick – und in ihrer unmittelbaren Nähe – nichts in seinem Schritt regte.

Sinclair bildete da keine Ausnahme.

"Zicke?" Wendy schlug ihre Kapuze zurück. Ihre Lockenpracht klebte in Strähnen auf ihrem verschwitzten Gesicht.

Es machte sie nur noch anziehender. Sie besaß die Magie der Jugend – und darüber hinaus ein Charisma, das zwischen Jungfräulichkeit (die sie definitiv nicht mehr ihr Eigen nannte, auch wenn sie ihre Fans etwas anderes glauben machte) und Verruchtheit pendelte. Genau diese exquisite Mischung, weniger ihre Stimme, hatte sie zum Shootingstar aufsteigen lassen.

"Du solltest etwas vorsichtiger sein mit dem, was du sagst!" Ihre Stimme klirrte wie Eiswürfel in einem Whiskyglas. "Falls du es noch nicht gemerkt haben solltest: Du bist abhängig von mir! Ich kann dich jederzeit –"

"– feuern?" Sinclair lachte hässlich, schüttelte dabei den kantigen Schädel. Sein Gesicht war voller Narben – Trophäen unzähliger Kämpfe, die er in dem Milieu ausgefochten hatte, in dem er auch auf Wendy gestoßen war. "Wenn hier jemand etwas noch nicht begriffen hat, dann du! Du kannst mich nicht feuern. Never, Baby! Ich weiß mindestens so viel über dich, wie du über mich. Mit dem klitzekleinen Unterschied, dass ich keine Fans habe und auch nicht brauche, die sich ganz schön von dir beschissen fühlen würden, wenn sie wüssten, was für eine Schlampe du in Wirklichkeit bist. Oder meinst du, sie fänden es nett zu erfahren, wo ich dich aufgelesen habe? Und vergiss nur nie die vielen netten, freizügigen Fotos, die ich von dir besitze. Sie würden dein Image auch nicht gerade stützen..."

Wendy spie aus. "Du warst schon immer Dreck!"

"Aber tief in deinem Herzen magst du mich..." Sinclair lächelte kalt. "Weil wir uns so ähnlich sind."

Er streckte die Hand aus und schob sie unter ihr Cape.

Ihr Tritt kam so ansatzlos wie zuvor der Schlag.

Sinclair krümmte sich stöhnend und hielt sich den Unterleib. "Du verdammtes Biest, ich –"

"Lass deine versifften Finger von mir, und alles ist gut!", unterbrach sie ihn. "Halte du dich an die Spielregeln, dann halte ich mich auch dran: Zwischen uns beiden läuft nichts mehr. Ich finde dich zum Kotzen, Brad-Darling. Du musst ihn künftig anderswo reinstecken. – Das Geld dafür hast du ja jetzt."

"Mistiges Flittchen!"

"Wie immer es dir beliebt. Hauptsache, du hast es kapiert." Wendy drehte ihr Gesicht weg, starrte hinaus in die Nacht. Der Fahrer hielt unbeeindruckt vom Geschehen im Fond Kurs auf das Mandalay Bay, ein Nobelhotel, das, wie aus purem Gold gemacht, gleißend in die Nacht aufragte.

 

 

2

Der harte Duschstrahl knetete ihre vollendeten Formen.

Wendy drehte sich zeitlupenhaft langsam um ihre eigene Achse. Die Luft war gesättigt mit Myriaden winziger Tröpfen und wohliger Wärme.

Die Augen geschlossen, ließ Wendy noch einmal das Konzert Revue passieren. Sie liebte das Bad in der Menge, das Rampenlicht. Aber wie nach jedem Auftritt, ob im Fernsehen oder auf der Bühne, schlich sich auch immer ein wenig die nagende Angst bei ihr ein, dass dies alles nicht von Dauer sein könnte – dass der Traum, den sie gerade lebte, wie eine Seifenblase zerplatzen konnte. Von heute auf morgen. Der Streit mit Brad hatte sie nicht zuversichtlicher werden lassen.

Brad hatte sie auf den Thron der Pop-Queen gehievt, er hatte die ersten Verbindungen und Demobänder hergestellt...

... aber nun wurde er mehr und mehr zu einer Belastung.

Sie fürchtete seine Unberechenbarkeit. Sie fürchtete seine... "primitive Note", wie sie es nannte. Er würde nie aus seiner Haut herauskommen, immer im Kern seiner Seele der miese, kleine Zuhälter bleiben!

Ich muss ihn loswerden!

Das Geräusch des gegen die Duschverkleidung prasselnden Wassers schien ihre Fantasie anzuheizen. Sie stellte sich vor, wie sie inkognito Killer anheuerte, um Brad aus dem Weg zu räumen...

Natürlich würde sie diese Idee nie in die Tat umsetzen – aber das bloße Durchspielen dieses Szenarios stimmte sie schon etwas fröhlicher.

Sie drehte das Wasser ab.

Mit einem Lächeln auf den Lippen schob sie die beiden Hälften der Tür auseinander und angelte sich ein großes, flauschiges Handtuch vom Halter.

Obwohl der Ventilator lief, hingen dicke Dunstschwaden im Badezimmer. Die Lampen waren auf milde, augenschonende Helligkeit herabgedimmt.

Wendy hüllte sich in das Handtuch und nahm noch ein zweites, kleineres, mit dem sie sich die Lockenpracht ihrer blonden Haarmähne frottierte. Dann stieg sie aus der Kabine und huschte zum beschlagenen Spiegel, den sie mit der nackten Hand säuberte.

Ihr Körper war gut durchblutet. Eine angenehme Schwäche hatte sich seiner bemächtigt. Kein Zweifel, dass sie gut schlafen und sich bis morgen Mittag prächtig erholen würde – vor 12 Uhr würde sie nicht aufstehen.

Das Leben war schön!

Wesentlich optimistischer als noch während des Streites im Wagen, war Wendy nun wieder überzeugt, sich auch mit Brad arrangieren zu können. Und solange er ihr nicht allzu dreist auf die Pelle rückte...

Sie hielt inne.

Als hätte ihr letzter Gedanke das Stichwort gegeben, hörte sie aus dem Nebenraum Schritte!

Wendy hatte ihre eigene Suite – die von Brad lag unmittelbar nebenan. Es gab eine Verbindungstür, aber es gehörte zu ihren Abmachungen, dass davon nur im äußersten Notfall Gebrauch gemacht werden durfte.

Von Notfall konnte nach Wendys Meinung in diesem Moment keine Rede sein, eher schon, wenn ihr Verdacht stimmte, von notgeil.

"Verdammter Hurensohn!"

Der Fluch ging ihr leicht von den Lippen.

Gleichzeitig riss sie wütend die Tür auf.

Ein imaginärer Pfropfen im Hals verhinderte, dass sie gellend aufschrie.

Vielleicht war es auch der stählerne Lauf, in dessen Mündung sie blickte.

Im nächsten Moment wurde sie auch schon brutal gepackt und aus dem Bad herausgezerrt. Das Handtuch fiel. Wendy auch. Sie ging in die Knie. Etwas Kaltes drückte sich in ihren Nacken.

"Kein Laut!", zischte eine Stimme, die sich anhörte, als würden Rasierklingen aneinander reiben.

Aus den Augenwinkeln sah sie die Tür zu Brads Räumen offen stehen.

Brad selbst lag am Boden. Regungslos. Sein Gesicht zeigte genau in ihre Richtung.

Wendy hatte noch nie einen Toten gesehen.

Und für einen Moment überkam sie die absurde Hoffnung, das alles nur zu träumen – in Wahrheit immer noch unter der Dusche zu stehen, die Augen geschlossen, und sich dabei vorzustellen, wie ihre Fantasiekiller sich Brad vorknöpften...

Die Hoffnung zerrann.

"Zieh dich an!", fauchte der Mann über ihr.

Der Kuss der Mündung wich. Wendy wurde wie eine Puppe auf die Beine gestellt. "Wenn du vernünftig bist, passiert dir nichts."

Wo sind die verdammten Bodyguards?, geisterte vage Hoffnung durch Wendys Hirn.

Dann erinnerte sie sich, dass sie die komplette Mannschaft am Nachmittag, aus einer ihrer Launen heraus, gefeuert hatte. Ersatz war noch nicht beschafft. Während des Konzerts hatte es Schutz durch Ordnungskräfte des Veranstalters gegeben...

Sie riss die Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen. Ein derber Stoß in den Rücken schleuderte sie regelrecht Richtung Kleiderschrank.

"Du wirst dich jetzt beeilen – oder neben deinen Freund dort legen!"

Wendy begriff, was der Fremde ihr damit sagen wollte.

Er war maskiert. Nur seine Augen waren durch den schwarzen, eng anliegenden Stoff, der sein Gesicht verhüllte, erkennbar.

Stechende, unbarmherzige Augen, die lüstern über ihren Körper tasteten.

Wendy spürte einen Knoten im Magen, als ihr klar wurde, was ihr blühen würde, wenn sie dem Befehl des Mannes nicht unverzüglich folgte.

"Aber –"

Auch ihr letzter Versuch, eine Verständigung herbeizuführen, scheiterte an der brüsken, unmissverständlichen Geste des bewaffneten Maskierten.

Wendy vermied jeden Blick auf Brad und wühlte hektisch in ihrem Kleiderfundus.

Die Blicke des Mörders brannten unentwegt auf ihrer Haut.

Auch wenn ich mit ihm gehe, wird er irgendwo über mich herfallen, irgendwo, wo mir niemand mehr helfen kann, dachte sie, während sie fahrig in ein Kleid schlüpfte. Aber, fügte sie im gleichen Atemzug hinzu, vielleicht lässt er mich dann wenigstens am Leben...

Wie wahrscheinlich diese Hoffnung war, wusste sie nicht. Sie war zu überhaupt keinem klaren Gedanken mehr fähig.

Vor einer Stunde, auf der Bühne, war sie noch der unangefochtene Superstar gewesen.

Und nun...

Ich werde alles tun, was er will – ich will nicht sterben, dachte Wendy.

Und dann ein fast schon wahnsinniger Gedanke: Niemand darf erfahren, was mir zugestoßen ist. Es wäre das Ende. Und es hat doch gerade erst angefangen...

Sie drehte sich zu dem Killer um.

"Bitte...!", flüsterte sie.

"Was?"

"Sind Sie – allein?"

"Warum?"

Sie wies zu Brad. "Könnten Sie ihn nicht...?"

"Nicht was?"

"... verschwinden lassen?"

Zum ersten Mal wirkte der Maskierte irritiert.

"Ich... ich tue alles, was sie wollen, nur... beseitigen Sie ihn. Und bringen Sie mich danach wieder zurück. Die Polizei wird nichts erfahren. Nicht von mir, das schwöre ich...!"

Und die Medien auch nicht...

Das hässliche Lachen des Mannes brachte ihre galoppierende Fantasie ins Stocken.

Und alle Hoffnung.

 

 

3

Tage später...

"Wollen wir?" Ich nickte in Richtung Fernseher und wusste natürlich, warum die einzige Antwort meines Freundes Milo ein anzügliches Grinsen sein konnte.

Gerade waren wir zur Tür meines Apartments hereingeschneit, nass bis auf die Haut. Draußen wütete das mieseste Wetter seit Menschengedenken. Es goss in Strömen, und die Straßen von New York schienen sich in die Schluchten einer bizarren Unterwasserwelt verwandelt zu haben. Selbst die Scheibenwischer meines immer noch so gut wie nigelnagelneuen Sportwagen hatten ihre liebe Mühe gehabt, der herabstürzenden Wassermengen Herr zu werden.

Milo stellte die mitgebrachten Tüten auf den Couchtisch, ich den Sixpack. Dann pilgerte ich zur Glotze, um mir die Fernbedienung zu angeln. Es war kurz vor neun. Punkt neun sollte die Show beginnen, die wir unter keinen Umständen versäumen wollten.

Der Abstecher zu Cookies Bar hatte uns doch mehr Zeit gekostet als eingeplant. Freund Cookie hatte nichts unversucht gelassen, uns dazu zu überreden, das Spektakel in seinem Fastfood-Palast zu verfolgen. Doch letztlich hatte der Wunsch nach etwas Feierabendruhe und der Gemütlichkeit trauter vier Wände gesiegt.

Cookie war gerade am Renovieren. Überall standen die offenen Farbeimer wie eine Aufforderung an seine Gäste im Weg, sich den Snack auch gern mit ihrer Hände Arbeit verdienen zu können. Für Leute, die gerade etwas mau bei Kasse waren, sicher überlegenswert. Für hoch bezahlte G-men wie uns eher nicht.

Der Andrang hielt sich aber auch sonst in Grenzen, genau wie die Gemütlichkeit. Bevor wir gingen, hatten sich genau zwei Besucher ins Lokal verlaufen. Nach unserem Weggang gab es dort nur noch den Chef de Cuisine selbst. Das Letzte, was wir von dem sympathischen Glatzkopf sahen, war sein entschlossener Griff nach dem Pinsel. Ab morgen, so viel war sicher, würden seine Burger nach frittierter Farbe schmecken. Was allerdings nicht zwangsläufig eine Verschlechterung bedeuten musste.

Milo packte bereits aus und sparte nicht mit den üblichen Kommentaren: "Mal sehen, ob Cookie heute wieder mit Lebendgeziefer garniert hat." Oder: "Hey, Jesse, schau doch mal nach, ob sich dein Burger auch noch bewegt..."

Wie gesagt: Der übliche Flachs. Milo und Cookie kabbelten sich für ihr Leben gern.

Auf der Mattscheibe baute sich das Bild auf. Ich drückte Kanal sieben, wo wir bereits mit der Einleitungsmelodie der Veranstaltung begrüßt wurden. Ein Haufen sehr attraktiver Menschen tummelte sich in sehr teuer aussehender Kulisse. Dann tauchte ein smarter Endvierziger im maßgeschneiderten Smoking im Bild auf und betonte, was für eine Ehre es für ihn sei, diesen Abend mit uns verbringen zu dürfen.

"Mit uns", lästerte Milo, der es sich auf seinem Lieblingssessel bequem gemacht hatte. "Warum hat er uns dann keine Freikarten besorgt?"

"Aus reiner Rücksicht", sagte ich und zog erst einmal den Trenchcoat aus. "Oder glaubst du, du hättest dort so ungeniert mampfen können wie bei mir zuhause?"

Milo mimte den völlig Missverstandenen. "Essen ist schließlich nicht alles", knurrte er.

"Nein, es gibt sehr viel Schöneres auf der Welt."

"Frauen", nickte Milo.

"Genau."

Womit wir beim Thema des Abends waren: Die Wahl der Miss Universe, live übertragen aus dem Madison Square Garden, New York City!

Milo und ich freuten uns auf entspannte Feierabendunterhaltung, denn bis dahin war dieser Tag nur unwesentlich besser als das Mistwetter draußen verlaufen. Eigentlich unvorstellbar, dass er sich noch verschlechtern könnte. Aber genau so sollte es kommen. Und das Drama, von dem wir in diesem Moment noch nichts ahnten, begann ausgerechnet im altehrwürdigen Madison Square...

 

 

4

Nancy Tyler konnte ihre Nervosität nur mühsam verbergen. All die Vorentscheidungen, die sie mit Bravour gemeistert hatte, schienen rückblickend ein Klacks gegen die heutige Veranstaltung gewesen zu sein. Immerhin ging es in dieser Nacht um alles. Nur wer am Ende die Krone auf dem Köpfchen trug, hatte die Ziellinie wirklich passiert. Eine Zweit- oder gar Drittplatzierte zählte in diesem Metier nichts.

Nun ja, nicht viel jedenfalls.

Aus allen Winkeln der Welt waren die Kandidatinnen, die sich durch die nationalen Qualifikationen gelächelt hatten, nach New York angereist. Nancy vertrat die Vereinigten Staaten von Amerika, was eigentlich schon ein Wahnsinnserfolg war. Aber nun ging es um die Endausscheidung zur schönsten Frau der Welt.

Wer diese Hürde nahm, hatte für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Dieser Titel war mit den lukrativsten Angeboten überhaupt verknüpft. Wenn sie das schaffte, stand ihr sogar die Tür nach Hollywood offen – andere hatten das vorgemacht. Nancy hatte immer im Rampenlicht stehen wollen, aber erst als sie Tob kennen gelernt hatte, war der richtige Partner zur Stelle gewesen, der ihre Wünsche gezielt unterstützt und ihr immer wieder Mut zugesprochen hatte.

Sie liebte Tob, dessen war sie sich sicher. Obwohl sie nie groß darüber nachgedacht hatte, was Liebe eigentlich war. Im Bett klappte es jedenfalls prima, und er prügelte sie auch nicht, wie es ihr letzter Lover mit schöner Regelmäßigkeit im Alkohol- oder Drogenrausch getan hatte.

Für Nancy waren Drogen immer tabu gewesen. Das war wichtig. Stars – auch die von morgen – hatten Vorbildfunktion. Die Kids blickten zu ihnen auf. Nein, Drogen kamen für Nancy nicht in Frage. Und die einzige Jugendsünde, die sie einmal begangen hatte, als sie nicht mehr gewusst hatte, wie sie ihre Miete am Monatsersten bezahlen sollte, waren ein paar Schmuddelfotos, für die sie sich von einem Schmuddelfotografen hatte ablichten lassen.

Sie waren nie veröffentlicht worden, Gott sei Dank nicht, und Tob hatte sich rührend um die Angelegenheit gekümmert. Inzwischen waren sämtliche Abzüge und Negative vernichtet. Der Fotograf hatte eine Abfindung erhalten.

Nancy wusste noch wie heute, wie sie Tob um den Hals gefallen war, als er ihr die gute Nachricht überbracht hatte. Und jetzt...

"Noch drei Minuten, Mädchen!"

Die Frau, die zum Veranstalterstab gehörte, streckte kurz den Kopf in die Garderobe und war auch schon wieder verschwunden. Von draußen klangen Musik und die Stimme des Moderators herein.

Drei Minuten, dachte Nancy. Sie wünschte, Tob wäre zur Stelle gewesen. Aber weder Angehörige noch Manager durften den Backstage-Bereich betreten.

Ihr Blick huschte über ihre Konkurrentinnen, von denen jede auf ihre Weise die Nervosität kompensierte, von der sich keine Teilnehmerin frei machen konnte. Alle waren auf ihre Art unglaublich hübsch.

Ich habe keine Chance, dachte Nancy panisch.

Dann erinnerte sie sich, was ihr Tob mit auf den Weg gegeben hatte: "Du bist die Schönste von allen, Baby. Denk immer dran: Keine von denen kann dir das Wasser reichen. Das ist deine Nacht. Heute wirst du berühmt. Heute geht dein Gesicht mit Krone rund um die Welt...! – Hier, schluck das."

"Was ist das?", hatte sie misstrauisch, mit Blick auf die unscheinbare Pille, gefragt.

"Ein leichtes Beruhigungsmittel. Rein pflanzlich..."

Er hatte so lange gedrängt, bis sie die Tablette nahm. Danach war es eine Zeit lang gut gewesen; ein richtiges Hochgefühl hatte sie erfasst.

"Wenn die Wirkung nachlässt, nimm die hier", hatte Tob ihr eine zweite Pille zugesteckt.

Nancy hätte keinen besseren Zeitpunkt gewusst als jetzt, um sie zu schlucken.

Niemand beobachtete sie dabei. Aber fast augenblicklich ging eine Wandlung mit ihr vor. Nancy atmete tief durch und streckte ihren wohl geformten Körper in der hautengen sexy Robe.

Als die Tür das nächste Mal aufging, konnte sie es kaum noch erwarten, das Publikum endlich mit ihrer von Gott geschenkten Schönheit zu entzücken.

 

 

5

Al Keijize gehörte zum fest angestellten Security-Stab des Madison Square Garden. Bei einer Größe von einsdreiundneunzig und hundertdreißig Kilo purem Wohlfühlgewicht überschritt der Umfang seiner Oberarme den so manchen Bodybuilderschenkels. Rohe Kraft setzte er dennoch nur selten und dann ungern ein. Keijize vertraute lieber auf sein bloßes Abschreckungspotenzial. So wie eine Atombombe schon allein durch ihr Zerstörungspotenzial ihre Wirkung tut.

Natürlich gab es auch leidige Ausnahmen, die er auf die Bretter schicken musste. Aber in aller Regel brauchte er nur präsent zu sein.

Heute tat er dies noch etwas lieber als sonst. Auch ein Koloss wie er hatte schließlich Bedürfnisse. Und Vorlieben. Al Keijize stand auf große, gertenschlanke Frauen mit riesigen Kulleraugen. Angst, sie unter sich zu zerquetschen, hatte er nicht.

Er lag gern auf dem Rücken.

"Al?"

Die Stimme erklang in seinem rechten Ohr, nicht im linken, was jedoch nicht an partieller Taubheit lag. Nur an dem Ohrstöpsel mit dem winzigen Lautsprecher darin: Keijizes Verbindung zu den anderen Securities.

Er hob die Hand, faltete das Revers seines maßgeschneiderten Designer-Sakkos näher zum Mund hin und raunte in das festgesteckte Mikrofon: "Probleme, Russell?"

Russell Dove war mehr als ein Kollege; der Zufall hatte es gewollt, dass sie diesen Job am gleichen Tag, zur gleichen Stunde antraten und ebenfalls, dass sie sich in der Abholstelle für Vorschussschecks begegnet waren. Einmal ins Gespräch gekommen, war der freundschaftliche Funke sofort übergesprungen. Seitdem wurden sie im internen Sprachjargon als "die siamesischen Zwillinge" geführt, was ihre spezielle Beziehung nicht einmal schlecht umschrieb. Sie waren beide überzeugte Junggesellen, und schon das allein war ein wichtiger Garant dafür, dass ihre Männerfreundschaft noch lange Bestand haben würde.

"Ich... weiß nicht genau. Kannst du mal kommen?"

Im Dienst drückte sich Russell höchst selten so schwammig aus, eigentlich nie.

"Was ist?", fragte Al.

"Mir... na ja, mir ist nicht ganz gut. Vielleicht was Schlechtes gegessen... Das Sandwich vorhin..."

"Soll ich einen Sani rufen?"

Bei Großveranstaltungen hielt sich ein ganzes Geschwader von medizinischen Helfern im Madison auf.

"Das könnte ich selbst, will ich aber nicht", wiegelte Russell hastig ab. "Du weißt doch, wie schnell sich so was zu den falschen Leuten rumspricht."

Keijize überlegte kurz. Er wusste, dass Russell an seinem Job hing, dass er ihn brauchte.

Es gab zwei Frequenzbereiche, über die Dove ihn erreichen konnte: die allgemeine, über die sämtliche im Haus befindlichen Securities mithören konnten, und die spezielle, die er und Russell für Fälle wie diesen vereinbart hatten. Das am Gürtel befestigte Sende-/Empfangsteil hatte auf die zweite Möglichkeit angesprochen.

"Na schön", willigte Keijize schließlich ein. "Bin schon unterwegs."

"Okay..."

Ein leises Knacken verriet den Abbruch der Verbindung.

 

 

6

"Das hast du brav gemacht", erfuhr Russell Dove in der Toilette, auf deren Boden er kniete, Lob von der zynischen Sorte. Denn gleichzeitig pflanzte sich die Mündung des Schalldämpfers, die bislang vor seinem schweißüberströmten Gesicht geschwebt hatte, hart auf seine Nasenwurzel.

Das leise Plopp hörte er schon nicht mehr.

Haltlos kippte er nach hinten, schlug dumpf mit dem Kopf auf dem gefliesten Boden auf; so nahe bei einem Abfluss, dass das Gemisch aus Blut und zerstampfter Hirnmasse, aus der Einschussöffnung zielsicher seinen Weg fand...

 

 

7

"Das nenn ich perfektes Timing", meinte Milo und hob seine Budweiser-Flasche, deren Pegel auf Halbmast stand.

"Was?", fragte ich.

"Die Show ist zur Hälfte gelaufen, und dasselbe gilt für unseren Sixpack", erteilte mir mein Freund eine Lektion in Tuckerscher Weltanschauung.

"Du brauchst dir keine Zurückhaltung auferlegen", sagte ich feixend. "Im Kühlschrank stehen vielleicht noch ein paar Bierchen, die du beim letzten Mal übersehen hast."

"Beim letzten Mal…!" Milo verdrehte die Augen. "Wie lange ist es her, dass wir hier zuletzt einen gemütlichen Herrenabend verbracht haben?"

"Eine ganze Weile."

"Eben. Und du willst mir dein abgestandenes Bier andrehen? Wofür hältst du mich – einen Müllschlucker?"

"Ja."

Milo war nicht zu beleidigen – so jedenfalls nicht. Er revanchierte sich, indem er mir die Tüte vor der Nase wegschnappte, nach der ich gerade die Hand hatte ausstrecken wollen.

"Aber das Angebot, deinen letzten Burger zu vertilgen, nehme ich von Herzen gern an", grinste er. "Du bist eben ein wahrer Freund, ach, was sag ich da – wie ein Bruder bist du zu mir, wie eine Mutter ohne Brust!"

"Ich hab’s ja immer schon geahnt, dass mit deiner Familie irgendwas nicht stimmt."

Heute Abend blieben wir einander mal wieder nichts schuldig, und wir genossen jeden einzelnen Schlagabtausch. Solch unbeschwerte Abende hatten Seltenheitswert in unserem Job, und der letzte lag nicht nur 'eine ganze Weile' zurück, sondern vor allem viel zu lange.

Auf der Mattscheibe plauschte gerade ein Kommentatorenpärchen über seine persönlichen Favoriten, unter den zur Miss Universe-Wahl angetretenen Schönheiten, die sich mittlerweile allesamt dem Publikum im Madison Square Garden sowie vor den Bildschirmen dieser und anderer Nationen vorgestellt hatten.

Milo kleckerte Senf auf meinen Sessel und kommentierte es kauend mit: "Favoriten – pah! Das lässt sich doch jetzt noch gar nicht sagen. Der Durchgang mit den Mädels im Badeanzug steht doch noch aus!"

"Das verstehst du eben nicht. Die Dame und der Herr da achten vielleicht eher auf innere Werte", lieferte ich ihm eine weitere Vorlage.

"Wer sagt denn, dass ich was gegen ‚innere Werte‘ hätte? Wenn sie schön verpackt sind, nehm ich die gerne mit!"

Mit dem Flachs vertrieben wir uns nicht nur die Zeit bis zum zweiten Teil der Beauty-Show, sondern trösteten uns auch ein bisschen darüber hinweg, dass die erste Hälfte an Unterhaltungswert etwas zu wünschen übrig gelassen hatte – meiner bescheidenen Meinung nach zumindest.

Mein Kumpel Milo hatte mich daraufhin scherzhaft als den klassischen 'Discovery Channel'-Typen diagnostiziert. Dass ich ebenso wie er kein Kostverächter war, wusste er natürlich – schließlich waren wir in all den Jahren unserer Freundschaft oft genug gemeinsam auf der Piste gewesen und auf die Pirsch gegangen…

Im TV nahten das Ende der großen Pause und damit nicht nur der ersehnte Bademoden-Auftritt der Konkurrentinnen um die Krone der Schönsten des Universums, sondern auch die Vorauswahl, die das Teilnehmerinnenfeld drastisch reduzieren würde, und schließlich das Finale.

"Hoffen wir mal, dass es jetzt etwas aufregender wird", sagte ich, als der letzte Werbeblock zu Ende ging – nicht im Entferntesten ahnend, wie meine Hoffnung sich schließlich erfüllen sollte!

 

 

8

Tob Nelson trug schon ein strahlendes Siegerlächeln zur Schau, obwohl sein ‚Pferdchen‘, Nancy Tyler, in diesem Augenblick noch genauso weit vom Krönchen entfernt war wie alle anderen Teilnehmerinnen.

Er hatte trotzdem gut lachen. Weil er geschafft hatte, was den anderen Betreuern, Coaches und Managern nicht gelungen war – er, Tob Nelson, war backstage und unterwegs, um Nancy den letzten Push zu geben, den sie brauchte, um am Ende der Veranstaltung auch wirklich ganz oben zu landen.

Den ersten Teil der Show hatte Tob wie alle anderen aus der Publikumsperspektive miterlebt.

Nancy hatte eine verdammt gute Figur gemacht – in jeder Hinsicht. Ohne Zweifel hatte sie den zweiten ‚Muntermacher‘ eingeworfen, das hatte Tob ihr angesehen; andere mussten es für ‚natürliche Ausstrahlung‘ halten.

Jetzt, während der Pause zwischen den beiden großen Showblöcken, wollte er Nancy noch einen 'pharmazeutischen Ratschlag' mit auf den Weg ins Finale geben. Dazu hatte er sich in den Bereich hinter der Bühne eingeschlichen, der eigentlich Tabuzone war.

Es war nicht schwer gewesen – man musste eben nur wissen, wie man es anstellte beziehungsweise an wen man sich am besten wendete. Nicht an die uniformierten Security-Typen, die so taten, als sei der Madison Square Garden im persönlichen Besitz ihrer Familie.

Tob hatte einen der Hausmeister mit drei Hundertdollarnoten geködert, und der alte Knacker hatte zugeschnappt und ihm ohne weitere Fragen einen Zugang in die ‚Katakomben‘ des Madison geöffnet.

Hier unten lagen nicht nur Betriebsräume und dergleichen, sondern auch ein weitläufiges Labyrinth von Gängen, durch die im Bedarfsfall die ganz großen Megastars in das Event-Center und wieder hinaus geschleust wurden, wenn draußen der Belagerungsring frenetischer Fans zu dicht war, um ihn gefahrlos zu passieren. Ein Teil der Ein- beziehungsweise Ausgänge in diese unterirdischen 'Fluchttunnel' lag in anderen Gebäuden im Umkreis dieser größten Sport- und Veranstaltungshalle der Stadt.

Der Backstage-Bereich war kaum weniger labyrinthartig und weit verzweigt als die unterirdische Anlage. Tob verließ die Unterwelt an einer Stelle, in deren Nähe kein Betrieb herrschte. Wo er Nancy finden würde, wusste er nur in etwa. Nach einer Weile, in der er einige Gänge entlanggehuscht und um etliche Ecke gebogen war, konnte er sich anhand der lauter werdenden Geräuschkulisse orientieren.

Und er musste mehr Vorsicht walten lassen.

Dass er sich Zutritt verschafft hatte, hieß noch längst nicht, dass er hier nicht auffallen würde. Immerhin trug er keinen Backstage-Pass. Wenn er einem Guard in die Arme lief, der seinen Job auch nur einigermaßen gewissenhaft versah, konnte dem dieses Manko nicht entgehen. Und die ‚Schmiermittel‘ waren Tob Nelson ausgegangen. Noch schwamm er nicht in Geld – um das zu ändern, hatte er ja auf Nancy Tyler gesetzt!

Er gab sich aber auch nicht zu vorsichtig. Wenn jemand sah, dass er sich förmlich herumschlich, würde das noch eher Verdacht erregen als ein fehlender Ausweis um den Hals oder am Revers.

Tob schob die Überlegungen, wie er sich am besten verhielt, beiseite. Er vertraute stattdessen auf sein Glück. Davon hatte er immerhin so viel, dass es sie, ihn und Nancy, heute Abend bis in den Madison Square Garden und auf Millionen von Fernsehbildschirmen geführt hatte, und ein bisschen würde schon noch übrig sein.

Er hatte einfach ein gutes Gefühl bei der ganzen Sache, und darauf, auf sein Gefühl, seinen Instinkt, war schon immer Verlass gewesen.

So wie jetzt.

Tob nahm die zwei Uniformierten wahr, ehe er sie wirklich sah!

Als sie vor ihm um die Ecke kamen, hatte er sich, ohne verdächtige Eile zu zeigen, schon umgedreht und tauchte um die dortige herum.

Jetzt erst legte er etwas Hast an den Tag. Mit raschen Blicken sondierte er die Türen links und rechts des Korridors, während hinter ihm die klackenden Schritte lauter wurden.

Als sie die Ecke fast erreicht hatten, drückte Tob Nelson eine Tür mit der Aufschrift 'Ladies' auf und huschte durch den Spalt. Die beiden in Uniform waren Männer. Selbst wenn einer von ihnen gerade jetzt mal musste, würde er die Herrentoilette nebenan benutzen.

Tob roch Desinfektionsmittel – und noch irgendetwas anderes…

Lautlos drückte er die Tür zu.

Die Deckenbeleuchtung, über einen Bewegungssensor gesteuert, flammte flackernd auf.

Tob verbiss einen Fluch. Hoffentlich fiel das Licht nicht unter der Tür durch.

Das Ohr am Türblatt lauschte er. Die Schritte kamen näher. Einen winzigen, aber entsetzlich unangenehmen Moment lang glaubte er, sie würden draußen, direkt vor der Tür langsamer. Doch dann wurden sie auch schon leiser, entfernten sich und verklangen endlich ganz.

Die darauf eintretende Stille hatte etwas beinahe Erdrückendes, Tobs Erleichterung zum Trotz.

Er wollte noch ein paar Sekunden warten, obwohl die Zeit allmählich drängte. Die Show würde bald weitergehen.

Gegen die Tür gelehnt atmete Tob Nelson tief durch. Und wieder fiel ihm dieser andere Geruch auf, der nicht in eine Toilette ‚passte‘.

Dann sah er den Fuß.

Zwischen der Wandung der Behindertenkabine und dem Fliesenboden ragte er heraus, steckte in einer dunklen Socke, nicht aber in einem Schuh.

Wie automatisch trat Tob auf die Kabinentür zu. Nicht wirklich getrieben von dem Wunsch zu helfen, sollte da jemand Hilfe brauchen, sondern vielmehr aus blanker Neugier – und mit einem definitiv unguten Gefühl im Bauch.

Sein Gefühl trog ihn auch diesmal nicht.

Nicht ein Mann lag auf dem Boden der rollstuhlgerechten Toilettenkabine – sondern zwei. Beide trugen nur noch Unterwäsche und Strümpfe. Wer mit genug schmutziger Fantasie gesegnet war, hätte meinen können, die zwei hätten sich hier zu einem Schäferstündchen getroffen. Wäre da nicht –

Tob Nelson spürte, wie sich ihm der Magen regelrecht umstülpen wollte.

Der eine Mann lag mit dem Kopf neben einem Bodenabfluss, und es sah aus, als hätte ihm etwas, das unter dem Abdeckgitter hauste, von dort aus das Hirn aus dem geborstenen Hinterkopf gesogen.

Der zweite Mann – ein Riese, an die zwei Meter groß, schätzte Tob, und weit über 100 Kilo schwer – starrte dagegen nur zu ihm hoch: aus zwei glasigen Augen und einer leeren Augenhöhle dazwischen.

So sah es jedenfalls aus, auch wenn Tob keine Sekunde daran zweifelte, dass es sich dabei um ein Einschussloch handelte, das eine Kugel dem armen Kerl genau zwischen die Augen gestanzt hatte.

Nein, das stimmte nicht ganz, korrigierte sich Tob erschreckend nüchtern und so kalt, dass er schier fror – die Kugel mindestens eines Killers hatte dieses Loch verursacht…

…und dieser Killer konnte durchaus noch in der Nähe sein – und mochte der Teufel wissen, wen er noch auf seiner Abschussliste hatte!

Plötzlich hatte es Tob Nelson sehr eilig, sich den beiden Uniformierten, vor denen er sich eben noch versteckt hatte, zu zeigen.

 

 

9

Nancy wünschte sich einen ganzen Sack voller Pillen. Sie spürte, wie auch die Wirkung der zweiten Tablette verflog. Wie ihr die Knie zu schlottern begannen und der Kloß im Hals zu Tischtennisballgröße anschwoll.

Angestrengt sog sie den Atem ein.

"Ist dir nicht gut?"

Die Frage kam von Jill, einem quirligen Wirbelwind von Frau, die selbstbewusst genug war, ihre Sommersprossen und das Naturrot ihrer Haarpracht wie Trophäen zur Schau zu stellen. Miss Irland.

Nancy sah in ihr keine echte Konkurrentin – und deshalb gab es auch nichts, was gegen ein oberflächliches Sich-Miteinander-Anfreunden gesprochen hätte.

Sie lächelte verkrampft, fragte: "Bist du gar nicht aufgeregt?" Und dachte dabei abfällig: Natürlich nicht. Du läufst ja quasi außer Konkurrenz und hast gut lachen. Für dich ist alles nur eine Riesenparty. Der olympische Gedanke, der zählt – dieses übliche Blablabla, mit dem du später mal deine Kinder und Enkel nerven wirst, Prinzesschen...

"Natürlich! Natürlich bin ich aufgeregt! Ich glaube, mir springt gleich das Herz aus dem Mund...!" Jill lachte mit unüberhörbarer Tendenz ins Hysterische.

Willkommen im Club, dachte Nancy.

"Ich hoffe, sie zerren uns gleich auf die Bühne", seufzte Jill. "Zur Hinrichtung." Ihr Lachen erinnerte an einen losplärrenden Feuermelder.

Nancy wandte sich wieder dem Spiegel zu, kontrollierte noch einmal das Make-up. Der Badeanzug – die Einheitstracht aller Bewerberinnen – saß maßgenau. Auch die Frisur war makellos, ein kleines Kunstwerk.

"Sie werden uns Fragen stellen – davor habe ich den meisten Bammel", plapperte Jill ungeniert weiter.

"Du musst nur immer ganz du selbst bleiben", riet Nancy in freundschaftlichem Ton, während ihre Gedanken eine andere Sprache sprachen: Tumbe Kuh!

Jill umarmte sie von hinten. Ihr Parfüm passte zu ihr. Es roch billig. Vielleicht war es aber auch nur der extreme Geruchsmix innerhalb der riesigen und doch viel zu kleinen Garderobe, der es verdarb.

"Du bist so lieb!"

"Wir sehen uns ja auf der After-Show-Party", wiegelte Nancy ab. "Da können wir unsere Telefonnummern tauschen und uns mal privat verabreden..." Sie wusste, dass Tob auf einen Dreier stand, an dem er und zwei Frauen beteiligt waren. Da sie selbst eine leichte Bi-Neigung hatte, ließ sie sich ab und zu überreden, der Liebe einen Kick zu geben.

"Hey, das wäre prima. Wenn wir schon nicht die Krone absahnen, haben wir wenigstens eine Freundin gewonnen!"

Wir?, dachte Nancy. Irrtum, Püppchen, denn ich habe durchaus vor, das Krönchen einzusacken.

Sie kam jedoch nicht dazu, etwas zu erwidern.

Die Tür ging auf.

Weiter geht's, dachte Nancy.

Doch die Gestalten, die hereinquollen und sich nicht um das aufbrandende Geschrei der Beautys scherten, gehörten zu einem anderen Veranstaltungskomitee als dem, das für die offizielle Miss-Wahl zuständig war.

"Shut the fuck up!", schnitt eine eiskalte Stimme in den aufflammenden Tumult. "Die Nächste, die das Maul aufreißt, schicke ich auf die Bretter – für immer!"

Starr vor Schreck starrte Nancy auf die großkalibrigen Waffen, die hektisch hin und her schwenkten.

Jill begann hysterisch zu schreien, die Faust vor den Mund gepresst.

Dann ging alles so schnell, dass Nancy kaum folgen konnte.

Ein dumpfer Knall, wie von einer entkorkten Flasche. Auf Jills Stirn bildete sich ein Fleck, der die huschende Bewegung ihrer Augen anhielt. Glashart wurden die Pupillen. Die Mimik fror ein. Und dann fiel Jill in Nancys Richtung, die sie automatisch auffing, geschüttelt von Grauen und Ekel.

Sie hatte noch nie eine Tote in den Armen gehalten…

"Keinen Mucks, hab ich gesagt! Das war die allerletzte Warnung, die hoffentlich jeder verstanden hat!"

Wie durch Watte drang die Stimme des Killers an Nancys Ohr. Sie schwankte. Jills Körper begann, sie nach unten zu ziehen.

Nancy fing an zu brüllen wie noch nie in ihrem Leben. Aber nur in ihrer Vorstellung.

Ihr Schädel dröhnte, als wollte er jeden Moment unter dem Druck des zurückgehaltenen Schreis auseinander platzen.

Tob, dachte sie verzweifelt. Um Himmels willen, Tob... Hol mich hier raus...!

 

 

10

Verdammt, wo stecken die Typen?

Tob Nelson schaute sich um, mit dem Blick eines gehetzten Tieres.

Jetzt, wo ich diese Security-Fritzen bräuchte, ist keiner aufzutreiben!

Er war mittlerweile in dem Backstage-Bereich angelangt, den der Tross der Miss-Wahl in Beschlag genommen hatte. Es wimmelte wie in einem Ameisenhaufen. Techniker, Koordinatoren und Dutzende anderer Leute wuselten umher, aber irgendwie machte das hektische Chaos doch einen organisierten Eindruck.

Und niemand schien in Panik oder auch nur beunruhigt.

Das wiederum beruhigte auch Tob Nelson ein wenig. Offenbar wusste hier niemand von den beiden Morden, oder vielmehr: Offensichtlich hatte der Killer hier nicht zugeschlagen oder sonst wie auf sich aufmerksam gemacht.

Tobs rasender Herzschlag verlangsamte sich. Der Schweiß auf seiner Stirn schien wie in einem rückwärts laufenden Film wieder in seinen Poren zu versickern.

Wer weiß, was es mit den zwei Toten da hinten auf sich hat?, fragte er sich, den Eindruck ignorierend, dass seine Gedankenstimme fremd klang. Vielleicht hat die Schose gar nichts mit der Veranstaltung hier zu tun? Und – vielleicht wär's besser, wenn ich meine Schnauze halte und einfach nur tu, weswegen ich eigentlich hergekommen bin…

Diese Überlegung gefiel ihm. Sie vermittelte ihm ein angenehmes Gefühl, innere Ruhe. Gerade so, als hätte er einen Downer eingeworfen.

Ja, Sir, genau das würde er tun – sich um seinen Kram kümmern, sein ‚Pferdchen‘ auf die Zielgerade bringen, und die beiden Toten würde schon noch irgendjemand finden. Was ging ihn diese Scheiße an?

Vor allem hatte er keine Lust, sich darin verwickeln zu lassen, nicht einmal als derjenige, der die Leichen lediglich gefunden hatte.

Das konnte und wollte er sich nicht erlauben, nicht jetzt, so kurz vor dem Ziel.

Wenn er bei den Bullen seine Personalien angeben musste, würde man unweigerlich darauf stoßen, dass er kein gänzlich unbeschriebenes Blatt war – und das wäre doch ein gefundenes Fressen für die Yellow Press: Der Coach der frisch gekrönten Miss Universe hatte Dreck am Stecken! Nicht sehr viel, aber genug, um unangenehm viel Staub aufzuwirbeln…

O nein! Dieses Risiko wollte Tob Nelson nicht eingehen.

Irgendjemand gab bekannt, dass die Show in drei Minuten weitergehen würde. Wie beim Stille-Post-Spielen wurde die Info weitergegeben.

Tob ging weiter, mischte sich unters zum Stab gehörende Volk, hielt Ausschau nach den Garderobe, macht die Tür ausfindig und steuerte einigermaßen unauffällig darauf zu.

Dabei bemerkte er, dass er nicht der Einzige war.

Und diese anderen visierten ihr Ziel sehr viel unverblümter an, als er es tat.

Tob Nelsons ‚Gefühl‘ meldete sich wieder – mit der Macht eines Vorschlaghammers schlug es zu! Er krümmte sich beinahe darunter.

Diese Typen gehörten so wenig wie er zu den Offiziellen!

Aber sie machten im Gegensatz zu ihm noch nicht einmal einen Hehl daraus.

Details

Seiten
112
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738928457
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470456
Schlagworte
haus mädchen

Autoren

Zurück

Titel: Das Haus der verschwundenen Mädchen