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Mord im Schloss - Regionale Morde

2019 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Regionale Morde – aus dem Braunschweiger Land:

1.

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19.

20.

21.

22.

Nachbemerkung

Regionale Morde – aus dem Braunschweiger Land:

Mord im Schloss

 

 

von Tomos Forrest

 

 

 

Leutnant Oberbeck ermittelt; ein Kriminalfall des 18. Jahrhunderts

 

 

 

Geblendet ward sie von der Laster Glanz

und fortgeführt vom Strome des Verderbens.

Ihr ward der Schönheit eitles Gut zuteil …

(F. Schiller, Maria Stuart)

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover by Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Premierleutnant Friedrich Oberbeck steht vor einer großen Herausforderung: Ein Mordanschlag auf Prinzessin Augusta, Herzogin von Braunschweig-Wolfenbüttel, Prinzessin von England wurde verübt. Und das inmitten der politischen Turbulenzen, die den englischen Hof erschüttern und bis nach Braunschweig Wirkung zeigen. Seine Ermittlungen, den Schuldigen zu finden, laufen auf Hochtouren. Kurz darauf wird ein Toter entdeckt – offensichtlich erhängt – aber Oberbeck glaubt nicht an einen Selbstmord und findet rasch den Beweis dafür. Doch wer könnte ein Interesse daran haben, dass diese Person für immer schweigt und die Tat als einen Akt der Verzweiflung aussehen zu lassen? Haben diese beiden Verbrechen vielleicht etwas mit dem hochrangigen, englischen Besucher zu tun, der sich seit einiger Zeit im Schloss aufhält?

Die Zeit zur Aufklärung der Mordanschläge drängt, denn man befürchtet einen erneuten, diesmal vielleicht erfolgreichen Versuch, Herzogin Augusta zu töten …

 

 

***

 

 

1.

 

Luise von Hertefeld, Erste Hofdame und derzeit auch in der Gunst des Herzogs an erster Stelle, nahm die längliche Tütenmaske vom Tisch und hielt sie der Herzogin eigenhändig vor das Gesicht, als die Kammerjungfer mit dem Reispuder herantrat. Gleich darauf wurde die prächtig frisierte Perücke gut eingestäubt und erhielt damit für den festlichen Anlass ein frisches Aussehen.

Herzogin Augusta legte großen Wert auf eine Frisur, die sich auch beim längeren Tanzen nicht lösen konnte und damit einen weiteren Einsatz kundiger Hände benötigt hätte. Nach dem Frisieren der Perücke durch den herzoglichen Hoffriseur Monsieur Pierre le Bourse und dem perfekten Anpassen durch die Hand des Meisters stand nun dem glanzvollen Auftritt der Herzogin nichts mehr im Wege.

Als die Hofdame ihr mit einer raschen Bewegung den Umhang von den Schultern nahm, warf sie einen letzten, kritischen Blick in den großen Kristallspiegel. Herzogin Augusta war sehr zufrieden mit ihrem Aussehen. Heute, zum Empfang des aus Schottland stammenden Gastes, wollte sie sich besonders vergnügen. Sie freute sich bereits ungemein auf die lang vermisste Gelegenheit, einmal ungestört in ihrer Muttersprache plaudern zu können.

Sir James Boswell von Auchinleck, Jurist, Biograf und häufiger Begleiter des berühmten Londoner Literarten Samuel Johnson war ein Gast so richtig nach ihrem Geschmack. Als es an ihrer Tür klopfte und der eintretende Kammerdiener des Herzogs vermeldete, dass Durchlaucht bereit sei, musste sie sich zwingen, eine gleichmütige Miene aufzusetzen.

Der bevorstehende Empfang würde ihr nach langer Zeit einmal wieder gefallen und ihre überpräsente Schwiegermutter, Herzogin Charlotte Philippine, würde ihr diesen Tag nicht verderben können.

Luise von Hertefeld hielt ihr die Tür auf und folgte der Herzogin unmittelbar auf den langen Gang hinaus, bevor sich die anderen Hofdamen anschließen konnten. Nach wenigen Schritten hatten sie die Gemächer des Herzogs erreicht, Diener öffneten die Tür, und Herzog Carl Wilhelm Ferdinand trat heraus.

„Madame sieht bezaubernd aus an diesem Tag“, begrüßte sie ihr Mann und beugte sich flüchtig über ihre Hand. Augusta war sich sicher, dass er in diesem Augenblick Luise von Hertefeld meinte, aber es war ihr egal. Die zahlreichen Affären ihres Mannes, über die man offen bei Hofe sprach, glitten an ihr ab. Auch die Tatsache, dass sie ständig die Gegenwart der Ersten Hofdame ertragen musste, hatte sie längst abgestumpft.

Die Branconi – ja, das schmerzte heute noch in der Erinnerung. Sie war jung, schön, temperamentvoll und von allen Höflingen umschwärmt. Es war ein Schock, als der Herzog sie aus Italien mitbrachte, als er Augusta nach der Entbindung des ersten Kindes aus England abholte. Aber schon damals musste sie lernen, ihre Gefühle zurückzuhalten. Über die Jahre meisterte sie diese Situationen, an der sich auch durch die Geburten der weiteren Kinder nichts änderte. Sie entstanden aus der ehelichen Verpflichtung heraus, die für Augusta eine eher unangenehme Pflicht wurden. Aber sie hatte ihr geliebtes Richmond, ihr persönliches sans souci, in das sie sich bei jeder Gelegenheit wieder zurückziehen und ihr eigenes Leben genießen konnte. Zahlreiche Gesellschaften mit vertrauenswürdigen Freunden, literarische Zirkel und Musik, dazu heitere Spiele im nach englischem Vorbild angelegten Park – das war ihr Pendant zum streng reglementierten Leben im Braunschweiger Residenzschloss.

Sie schrak aus ihren Gedanken hoch, als ihr der Herzog den Arm bot, sammelte sich aber rasch und legte mit einer leichten Bewegung ihre linke Hand auf seine rechte, und bereits nach wenigen Schritten hatte man die gewaltige Doppeltür erreicht, die sie in den Festsaal führen würde.

Selbst durch die noch geschlossene Tür brauste das Stimmengewirr der versammelten Gäste, die in erwartungsfroher Haltung der Ankunft des herzoglichen Paares entgegensahen.

 

 

2.

 

Ein prachtvolleres Bild konnte man sich in Braunschweig kaum vorstellen. Die geladenen Gäste hatten offenbar versucht, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Die Damen in ihren eleganten Roben aus den kostbarsten Stoffen standen in kleinen Grüppchen, kicherten und lachten, schlugen ihre Fächer auf, um ihre Heiterkeitsausbrüche zu tarnen oder um einem der Kavaliere ein Zeichen zu geben. Man sah nicht eine von ihnen etwa mit einem Fichu (große Tücher, auf die Hälfte gefaltet, das tiefe Dekolleté zu verdecken), dafür alle jedoch tief dekolletiert – ganz unabhängig vom Alter der Damen. Ketten mit großen Perlen, aber auch funkelnden Diamanten lenkten die Blicke unwillkürlich auf die betonten Körperpartien.

Auch die Herren standen ihnen in Bezug auf die Mode in nichts nach. Zwar gab es unter ihnen noch immer zahlreiche Anhänger des veralteten Schnittes beim Justaucorps mit großen Ärmelaufschlägen. Ja, einige der älteren Herren trugen sogar noch ihre Seidenstrümpfe über den Hosenansatz am Bein gezogen – eine völlig veraltete Mode, die man bestenfalls bei den ergrauten Eminenzen durchgehen lassen konnte.

Kammerherr Graf Florian von Osten-Waldeck war für die höheren Hofbeamten das große Vorbild. Er trug schon seit einiger Zeit den neuesten Schnitt, bei dem die Rockschöße erheblich kleiner ausfielen und nicht mehr so weit abstanden. Die Knöpfe schloss man nur noch weit oben. Damit wurde die männliche Figur betont und wirkte, selbst bei kleinem Bauchansatz, gestreckter. Und der Westenschnitt konnte hier auch noch helfend eingreifen. Außerdem gab der neue Schnitt den Blick auf die Beinkleider frei, die man jetzt à la bavaroise trug, also mit zwei parallelen Knopfreihen anstelle des sonst üblichen einreihigen Verschlusses.

Auch die Herren gingen auf und ab oder standen diskutierend in kleinen Gruppen zusammen, wobei auffiel, wie häufig sich die jüngeren unter ihnen ihre Standorte in der Nähe der Damen gesucht hatten. Viele von ihnen hatten sich bereits die eine oder andere Erfrischung reichen lassen, und die allgemeine Lautstärke, mit der die Unterhaltungen geführt wurden, zeugte bereits von der Wirkung der alkoholischen Getränke.

Gespannt folgten die Blicke jetzt einem stattlichen Mann, der in würdevoller Haltung zur Doppeltür schritt, einen langen Stab in der Hand. Er drehte sich zu der Gesellschaft um und warf einen achtungsgebietenden Blick auf die Menge.

Dann schlug der Hofmarschall seinen Stab dreimal auf den Boden, und bereits mit dem ersten Schlag trat im großen Festsaal des Residenzschlosses zu Braunschweig absolute Ruhe ein. Erwartungsvolle Gesichter drehten sich zur großen, weißen Flügeltür, die nun von zwei livrierten Dienern aufgerissen wurde.

„Seine Durchlaucht Carl Wilhelm Ferdinand, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel und seine Gemahlin Augusta Friederike Luise, Prinzessin von Großbritannien, Herzogin von Braunschweig-Lüneburg, Fürstin von Braunschweig-Wolfenbüttel!“

Die Damen und Herren versanken auf beiden Seiten des langen Teppichs in die Hofreverenz und das Herzogspaar schritt an ihnen vorbei. Carl Wilhelm Ferdinand schenkte ein leutseliges Lächeln abwechselnd zu beiden Seiten hinüber, seine Gemahlin dagegen lächelte flüchtig zu den Damen und schritt dann gravitätisch und scheinbar schwerelos, einer Feder gleich, an der Seite ihres kräftigen Mannes.

Auch wenn sein dunkelblauer Uniformrock großzügig geschnitten war, ließ sich nicht mehr übersehen, dass der Herzog zur Korpulenz neigte. Sein rundes, etwas gerötetes Gesicht wies den Ansatz zu einem Doppelkinn auf. Sein fester, wenn auch freundlicher Blick aus blauen Augen flog die Reihen der Adligen entlang, als er zur Tafel schritt. Für einen flüchtigen Moment leuchtete es auf, als er am Ende der langen Reihe seinen Kammerherrn erblickte, den bei Hof hoch angesehenen und mächtigen Graf Florian von Osten-Waldeck. Neben ihm stand der Ehrengast des heutigen Tages, Sir James Boswell, 9. Laird of Auchinleck.

Als das Paar sein Defilee beendet hatte, erhob sich als Erster aus der Reihe der Kammerherr und zog den prächtigen Stuhl am Kopf der Tafel für die Herzogin herbei.

Augusta Friederike Luise hatte noch immer ihre Linke ganz leicht auf die ausgestreckte Rechte ihres Gemahls gelegt. Nun drehte sie sich mit einer eleganten Bewegung zur Tafel, und die eilfertigen Hofdamen arrangierten den weiten Stoff ihrer Robe d’anglaise so, dass sich die Herzogin problemlos setzen konnte. Der üppig dekorierte, dunkelblaue Seidenstoff war mit einem goldenen Ornament durchzogen und floss in weiten Wellen über die Polster, um sich dann an den geschwungenen Stuhlbeinen auszubreiten.

Der Kammerherr geleitete Herzog Carl Wilhelm Ferdinand zur anderen Seite der Tafel, wo sich die Zeremonie mit weniger Umstand wiederholte. Der Herzog saß, kaum dass der Kammerherr ihm den Sitz zurechtgeschoben hatte. Er warf die Rockschöße über die Stuhllehnen und machte es sich auf seine Weise bequem.

„Mesdames et Messieurs – zur Tafel!“, kam nun die Anweisung des Hofmarschalls. Baron Friedrich von Münchhausen, seit vielen Jahren mit dem Amt des obersten Zeremonienmeisters betraut, sah mit gleichgültigem Blick zu den Gästen, die jetzt in der Formation, wie sie beim Defilee des Herzogspaares am Teppichrand gestanden hatten, zur Tafel schritten. Allen voran geleitete der Hofmarschall nun den Gast aus Schottland, der auf ausdrücklichen Wunsch der Herzogin an ihrer rechten Seite Platz nahm. Sofort stand hinter jeder der Herrschaften ein Diener bereit, den Stuhl heranzurücken. Ihre Aufgabe bestand zugleich darin, den Damen behilflich zu sein und bei den Herren darauf zu achten, dass ihre Degen nirgendwo hängen blieben.

Die festlich gedeckte Tafel mit erlesenem Porzellan aus der herzoglichen Manufaktur in Fürstenberg, den schweren, silbernen Bestecken, Kristallgläsern und Porzellanaufsätzen, gefüllt mit Obst und Süßigkeiten, versprachen ein opulentes Mahl.

Livrierte Diener eilten mit Weinflaschen von Gast zu Gast und schenkten die Gläser voll.

Danach wurden die Speisen hereingebracht. In einer langen Kette schritten die Diener durch den Saal, nahmen Aufstellung hinter den Gästen und servierten schließlich gleichzeitig den ersten Gang. Es gab eine Mousse aus geräucherten Fischen mit Raukeblättern, danach folgte eine „Brennte Suppe“, also eine Grießsuppe, für deren Zubereitung der Gries vorab mit Butter gelb geröstet wurde. Dazu reichte man gebähtes Brot, das im Backrohr noch einmal kurz erwärmt und dadurch ebenfalls leicht geröstet wurde.

Der nächste Gang bestand aus Hühnerfleisch in Stachelbeersauce, dazu grüne Knöpfle, eine Nudelspeise nach schwäbischer Art. Herzogin Augusta fühlte sich bereits gesättigt, aber noch war das Hauptmahl nicht aufgetragen, und die Zwischenräume ließen genügend Zeit für Konversation.

Ihr Tischnachbar stellte sich als überaus charmanter Plauderer dar, der ihr so viel von England und seiner schottischen Heimat erzählte, dass die Herzogin sich bald nur noch ihm widmete und ihren Nachbarn zur Linken, einen etwas blassen Baron aus Wolfenbüttel, vernachlässigte. Der hochaufgeschossene junge Mann benahm sich wie ein Tölpel, verschüttete ständig etwas von seinem Wein und aß so unappetitlich, dass auch die gegenüber Sitzenden sich bemühten, ihn nicht mehr wahrzunehmen. Eugen Eike von Eibesfeld war einfach mit seinem Auftritt bei Hofe überfordert.

James Boswell dagegen hatte eine fesselnde Art, von seinen Reisen durch England, aber auch von seinem holländischen Aufenthalt zu schwärmen. Augusta genoss jeden Augenblick mit ihm und übersah dabei gern, dass der Mann eigentlich ein großer Selbstdarsteller und sehr stark von sich überzeugt war. Seine Biografie über den bekannten Aufklärer Dr. Samuel Johnson hatte ganz Britannien nach seinen Worten „johnisiert“ – und auch sonst fanden seine Werke große Beachtung im Land. Eine Probe seiner jüngeren Arbeiten hatte er der Herzogin schon bei seiner Anmeldung bei Hofe überreichen lassen.

„Mich erfreut insbesondere die frische Art Eurer Schilderungen“, erklärte sie gerade, „wobei die Idee, wörtliche Rede zu verwenden, geradezu superb ist, mein Lieber.“

„Durchlaucht sind zu gütig. Mein Unglück ist es, dass ich jeweils von dem letzten Buch überzeugt bin, das ich gerade gelesen habe – und dieser Einfluss wirkt natürlich auf mich ein, wenn ich an eigene Arbeiten gehe.“ Er nahm einen kleinen Schluck aus seinem Weinglas und wollte fortfahren, als der nächste Gang aufgetragen wurde.

„Oh, ich bin entzückt, Durchlaucht, Wildragout ist eine meiner Leidenschaften“, bemerkte Boswell, als die Schüssel vor ihm aufgedeckt wurde.

„Nicht nur ein einfaches Ragout, mein Lieber. Unser Koch legt allergrößten Wert auf seine Erfahrung und gilt als weitgereister Künstler seines Faches. Er verriet mir, dass es eine Safransauce mit Wildbeeren gibt sowie Rüben und Kraut. Ich für meinen Teil werde allerdings nur davon kosten, um ihn nicht zu kränken – es ist ja am Hof im Nu herum, wenn ich etwa eine Speise zurückweisen würde.“

„Es ist geradezu himmlisch, und die Safransauce muss ja ein Vermögen gekostet haben, aber ganz vorzüglich, Durchlaucht, mein Wort darauf – so köstlich habe ich noch nie gespeist.“

Herzogin Augusta ließ sich ihr Weinglas erneut vollschenken, nahm einen Schluck und antwortete dann:

„Ach, mein Lieber, ich mache mir nur sehr wenig aus diesen opulenten Gerichten. Ich liebe die einfache Küche, so, wie wir es auch in meinem Schlösschen Richmond halten. Wisst Ihr, hier in Braunschweig kann ich am Morgen nicht einmal Butterbrot bekommen. Die Butter ist ranzig, und es gibt nur Schwarzbrot.“ (Originalspruch der Herzogin Augusta, überliefert von James Boswell)

Für einen winzigen Moment hielt Boswell den Atem an und warf seiner Nachbarin einen prüfenden Blick zu. Nein, die Herzogin scherzte nicht mit ihm, sondern gab sich völlig unbefangen. Sie wusste zudem, dass ihre Nachbarn der englischen Sprache nicht mächtig waren und nahm deshalb auch keine Rücksicht auf höfische Etikette. Der gute Wein hatte ebenfalls dazu beigetragen, dass sie sich in einer heiteren, entspannten Stimmung befand. Erneut reichte sie ihr Glas einem der Diener und nahm gleich darauf einen weiteren, tiefen Zug. Als ihr Blick auf den Boden des Kristallglases fiel, erstarrte sie in der Bewegung. Von einem Augenblick auf den anderen wurde sie kreideweiß, heftig stellte sie das Glas auf dem Tisch ab und fuhr mit der anderen Hand an den Hals.

Augusta wollte etwas ausrufen, brachte aber nur ein heiseres Krächzen heraus. Jetzt sprang sie so heftig auf, dass ihr Stuhl polternd nach hinten fiel und alle erschrocken zu ihr aufsahen.

Noch immer stand sie mit weit aufgerissenen Augen wie erstarrt da, eine Hand am Hals, nach Luft ringend. Dann stieß sie einen leisen Schrei aus und deutete auf das Glas.

„Pulver – man will mich – man will mich vergiften!“

In der eingetretenen Stille hätte man eine Stecknadel zu Boden fallen hören, niemand war in der Lage, etwas zu sagen oder sich zu bewegen. Als die Herzogin plötzlich ohnmächtig zusammensank, löste sich die Erstarrung, und erste Hilferufe wurden laut.

„Wasser – sofort etwas Wasser!“, rief eine Männerstimme, eine andere übertraf das einsetzende Stimmengewirr laut mit dem Ruf: „Wo ist der Medicus? Schafft den Medicus herbei!“

Herzog Carl Wilhelm Ferdinand war aufgesprungen, mit wenigen Schritten an der Tafel vorbeigestürmt und bei seiner Frau angelangt, als Luise von Hertefeld sich neben die Herzogin setzte und ihren Kopf behutsam in ihren Schoß bettete. Mit einem Fächer versuchte sie, der Ohnmächtigen Luft zuzufächeln, als ihr auch schon ein Fläschchen mit Riechsalz gereicht wurde.

Diese Bemühungen waren erfolgreich, verwundert schlug Augusta die Augen auf, sah sich um, erkannte das besorgte Gesicht ihrer Hofdame über sich und wollte sich rasch erheben. Aber die noch nicht überstandene Schwäche verhinderte das zunächst.

„Der Wein – ist vergiftet – das Glas …“, brachte sie heraus und deutete auf das von ihr benutzte Weinglas. Sie hatte es so heftig auf die Tafel gesetzt, dass der Stiel abgebrochen und das obere Teil wie ein gepflückter Tulpenkelch danebenlag.

Als Erster griff James Boswell zu dem Rest, in dem sich nun kein Wein mehr befand. Als er das Glas prüfend gegen das Licht hob, erkannten auch die Umstehenden deutlich eine feine, weiße Substanz am Glasboden versetzt mit winzigen Kristallen.

 

 

3.

 

Leutnant Friedrich Oberbeck hatte alle Diener im großen Saal versammelt. Seine Jäger hatten keinen Moment gezögert, als sie der Alarmruf des Kammerherrn erreichte. Ein Anschlag auf ihre Herzogin – und das im Schloss, fast unter den Augen der Wache! Bis auf einen Doppelposten zur Besetzung der Wachstube begaben sich alle Jäger in den Saal, der inzwischen von den Gästen geräumt worden war. Als der Jägeroffizier mit seinen Männern eintraf, hatte er sich verärgert umgesehen. Wie konnte man ohne weitere Anhörung die Gäste gehen lassen? War es nicht gut möglich, dass einer von ihnen der Herzogin Übles wollte?

Kammerherr Graf Florian von Osten-Waldeck schüttelte verwundert den Kopf, als der Leutnant ihn bei ihrer Begrüßung darauf ansprach.

„Das ist vollkommen ausgeschlossen – Leutnant, ich bitte Euch! Da ist aber auch nicht einer der hochgestellten Herrschaften, der nur den Hauch eines Verdachtes rechtfertigt. Ich muss Euch doch dringend auffordern, Eure Ermittlungen in eine andere Bahn zu lenken!“

„Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass es nichts auf Erden gibt, was undenkbar ist. In jedem Fall wäre es mir angenehm gewesen, wenn nicht alle das Schloss verlassen hätten.“

„Nun – zumindest ein Gast ist noch anwesend. Ihr werdet ihn aber nicht in Eure Ermittlungen einschließen, das müsst Ihr mir zusagen, Leutnant.“

Oberbeck sah seinen Vorgesetzten skeptisch an.

„James Boswell, ein Jurist und Schriftsteller aus Schottland – warum sollte er der Herzogin Gift geben?“

„Aus Schottland? Nun, ich denke, das macht ihn im Gegenteil sehr verdächtig, wenn ich bei meiner Tätersuche berücksichtige, dass unsere Herzogin auch Prinzessin von England ist.“

Der Kammerherr war sichtlich verärgert.

„Das ist völlig absurd, Leutnant. Sir Boswell ist für Euch absolut neutral. Er ist ein Gast unseres Herzogpaares und steht über jedem Verdacht – habe ich mich da verständlich ausgedrückt?“

„Wie Ihr meint. Sollte sich aber auch nur der geringste Hinweis ergeben, werde ich Eure persönliche Zustimmung zur Befragung einholen.“

„Ihr solltet Eure Anstrengungen in Richtung Personal ausrichten, das erscheint mir doch in erster Linie verdächtig. Ich kenne Euch gut genug, um zu wissen, dass Ihr notfalls eigene Wege geht. In diesem Fall werde ich aber keinerlei Ausflüchte gelten lassen.“

„Wie ist das Befinden von Durchlaucht?“, lenkte Oberbeck das Gespräch auf eine andere Bahn.

„Schwer zu sagen. Sie hat zumindest sofortige Hilfe ihrer Ärzte erhalten, die ihr reichlich Brechwurz verabreichten. Dadurch ist sie natürlich sehr geschwächt, aber sie lebt, Gott sei Dank. Wie es weiter gehen wird, müssen wir sehen. Hofmedicus von Wernesrode ist aber sehr zuversichtlich.“

„Das ist gut zu wissen. Möglicherweise war die Dosis zu schwach oder die Herzogin hat zu wenig zu sich genommen. Wenn sie den Giftanschlag überlebt, haben wir vielleicht bei der Suche nach dem Täter mehr Glück. Vielleicht hat sie während des Mahles etwas beobachtet, dem sie zunächst keine Beachtung schenkte.“

„Wir werden sehen. Jetzt gehe ich zu ihr, um auch mit dem Hofmedicus zu sprechen. Kommt nachher in jedem Fall zu mir und berichtet von Euren ersten Ermittlungen.“ Damit verschwand der Kammerherr mit großen, schweren Schritten aus dem Saal und ließ die Tür krachend hinter sich ins Schloss fallen. Der Laut wirkte wie ein Signal auf die schweigend beisammen stehenden Diener.

Als der Leutnant zu der Gruppe ging, sah er in verängstigte Gesichter. Wie eine Welle lief Unruhe durch die livrierten Diener, die nicht recht wussten, wie sie sich dem Offizier gegenüber verhalten sollten.

Oberbeck blieb vor ihnen stehen und musterte die Diener Mann für Mann, ging an ihnen entlang und starrte sie mit finsterem Blick an. Eine direkte Reaktion erbrachte das nicht. Niemand wich seinem Blick aus oder versuchte, sich hinter einem anderen zu verbergen.

„Du da!“, rief der Leutnant und deutete auf einen älteren Diener in der Mitte der Männer. „Vortreten!“

Der Mann gehorchte zögernd und stand gleich darauf verlegen vor dem Offizier.

„Wer war für die Bedienung der Herzogin zuständig? Und für ihre Tischnachbarn zur Rechten und zur Linken?“

Der Diener drehte sich zu den anderen um, überlegte kurz und deutete schließlich auf drei Männer.

„Hier – die drei waren direkt zuständig, Fritz für die Herzogin, Ernst und Karl für die Tischnachbarn, davon Ernst direkt für den Schotten.“

Die Genannten traten auf einen Wink des Leutnants ebenfalls vor.

Oberbeck musterte nun diese kleine Gruppe erneut, ehe er dem älteren Diener ein Zeichen gab, dass er in die Reihe zurücktreten könne.

„Ihr wart also während des gesamten Mahles in unmittelbarer Nähe der Herzogin? Ist Euch dabei irgendetwas Besonderes aufgefallen? Gab es besondere Wünsche von Durchlaucht oder ihren Gästen, die ihr erst aus der Küche besorgen musstet?“

„Nein, Herr Offizier“, sagte mit leiser Stimme der Mann, der direkt vor ihm stand. „Alle haben dieselben Speisen erhalten, weder Durchlaucht noch einer der anderen Gäste hatte besondere Wünsche.“

„Die Weinflaschen wurden von euch selbst geöffnet?“

Der Diener schüttelte den Kopf. „Das wäre bei der großen Anzahl der Gäste nicht möglich gewesen. Wir haben sie direkt aus der Küche geholt, wo sie für uns bereitgestellt wurden.“

Leutnant Oberbeck wandte sich jetzt direkt an den Diener, der von dem älteren mit dem Namen Fritz benannt wurde.

„Du warst also direkt für unsere Herzogin zuständig?“

Der Mann schluckte, dann nickte er eifrig.

„Ja, ich habe die Aufgabe direkt vom Hofmarschall zugewiesen bekommen.“

„Aus welchem Grund?“ Der Leutnant glaubte, eine aufkommende Nervosität bei dem Mann zu erkennen.

„Ich habe Durchlaucht schon mehrfach bei Empfängen bedient, sie war stets zufrieden mit mir.“

Der Mann war verlegen, aber er hielt dem prüfenden Blick des Leutnants stand.

„Kennen wir uns nicht näher?“

Der Mann schwieg, und Oberbeck überlegte fieberhaft, wo ihm dieser Diener schon einmal aufgefallen war. Es musste etwas gewesen sein, das ihn aus der großen Menge der Bediensteten im Schloss herausgehoben hatte, etwas, das sich bei ihm festgesetzt hatte. „Jetzt fällt es mir wieder ein – du bist doch im Palais der Branconi tätig gewesen, als der Graf von St. Germain dort logierte, Bursche?“ (vgl. Regionale Morde – aus dem Braunschweiger Land: Mord in der Liberei)

„Das … das stimmt, Herr Leutnant“, antwortete der Mann leise. Für einen kurzen Moment wandte er den Blick ab und betrachtete den Boden.

„Die Ereignisse liegen zwar schon eine ganze Weile zurück – aber wie kommst du da zu den Schlossbediensteten? Nach den Ereignissen mit dem Graf hätte ich dich jedenfalls nicht hier angestellt.“

„Halten zu Gnaden, Herr Leutnant, aber ich war bereits vorher im Schloss angestellt. Man hat mich lediglich abkommandiert, weil der Graf von St. Germain kein eigenes Personal mitgebracht hatte – ausgenommen seinen Assistenten. Nur eine Köchin hatte er eingestellt, aber Hofmarschall Baron von Münchhausen war um das Wohl des herzoglichen Gastes sehr bemüht und ordnete an, dass ich eine Dienerstelle im Palais einzunehmen hatte.“

Der Leutnant pfiff leise durch die Zähne.

„So ist das also – na, mein Bursche, ich denke mal, wir beide werden uns etwas ausführlicher unterhalten müssen. Oder möchtest du mir gleich noch etwas berichten?“

Der Diener war sichtlich betroffen, schüttelte aber nur den Kopf und antwortete leise:

„Ich habe nichts Unredliches gemacht, Herr Leutnant. Meinen Dienst versehe ich immer zur Zufriedenheit der Herrschaften.“

Fritz wagte es aber nicht mehr, dem Leutnant ins Gesicht zu sehen.

Auf einen Wink des Offiziers kamen zwei Jäger herbei, die bislang neben der Doppeltür Aufstellung genommen hatten.

„Ihr bringt diesen Mann zur weiteren Vernehmung auf die Wache und haftet mir dafür, dass er nicht flieht.“

Oberbeck schaute einen Moment den Jägern nach, wie sie den Diener in ihre Mitte nahmen und gleich darauf durch die Doppeltür verschwanden.

Auf der anderen Seite des Saales hatten weitere Gespräche mit den Dienern stattgefunden, die Sergeant Eggeling führte. Er kam jetzt herüber, um weitere Anweisungen abzuwarten.

„Herr Leutnant, die Befragung der übrigen Diener hat nichts erbracht. Niemand hat etwas Verdächtiges gesehen oder gehört. Als die Herzogin aufsprang und etwas von Gift stammelte, waren die Diener ebenso erschrocken wie die Gäste.“

„Dann sind wir hier vorerst fertig. Wir werden gemeinsam die Küche aufsuchen und dort unsere Fragen stellen. Ihr glaubt ja nicht, wen ich hier gerade wiedergetroffen habe, Sergeant.“

„Das verstehe ich nicht – wiedergetroffen? Etwa einen alten Bekannten von uns unter den Dienern?“

Der ergraute Sergeant sah seinen Vorgesetzten erstaunt an, dann warf er einen Blick in Richtung Saaltür, als könnte er die längst verschwundene Gruppe dort noch sehen.

„Allerdings, aber niemand, der uns etwa als Verbrecher begegnet wäre. Aber Fritz, der für die Bedienung unserer Herzogin zuständig war, begegnete uns erstmals im Palais am Hagenmarkt, als der Graf von St. Germain dort wohnte.“

„Das ist ja hochinteressant – man könnte da direkt eine Verbindung ziehen, Leutnant, meint Ihr nicht? Vielleicht benutzt ja der Graf von St. Germain eine alte Verbindung, um sich zu rächen?“

„Ausschließen können wir das zumindest nicht, Sergeant. Wir werden sehen, was die Befragung in der Küche ergibt. Auf alle Fälle möchte ich wissen, wo die offenen Weinflaschen standen und wer darauf Zugriff hatte.“

 

 

4.

 

„Nur über meine Leiche, Monsieur!“, sagte Küchenchef Meister Pierre. Er stand mit seiner mächtigen Figur im Eingang der Küche, als der Leutnant eintreten wollte.

„Meister Pierre, es geht nicht um Eure Küchengeheimnisse, sondern um Ermittlungen bei einem Giftanschlag auf unsere Herzogin. Wollt Ihr da nicht meine Arbeit ein wenig unterstützen?“

Der aus dem Elsass stammende Küchenmeister wich nicht einen Fußbreit. Er hatte seine kräftigen Arme untergeschlagen und stand wie ein Fels vor seinem Heiligtum.

„Nun, ich könnte da seinem Wunsch entsprechen“, sagte der Sergeant lakonisch und zog dabei die Pistole aus der Gürtelhalterung.

Aber der Leutnant legte ihm nur beschwichtigend die Hand auf die Waffe und drückte sie leicht herunter.

„Ich bin sicher, dass uns der Küchenmeister bei unserer Arbeit unterstützen wird. Er weiß genau, dass er sonst unser Hauptverdächtiger bei der Giftsuche ist.“

Oberbeck sah dem Koch prüfend ins Gesicht, und schließlich gab Pierre auf. Mit einem unwilligen Knurren wich er gerade so weit zurück, dass der Leutnant sich an ihm vorbeidrücken konnte. Grinsend folgte ihm der Sergeant und schob betont langsam seine Waffe zurück in das Holster.

„Ich weiche der Gewalt, Herr Leutnant, aber hier gibt es kein Gift und schon gar keine Giftmischer, das kann ich Euch versichern!“

Pierre folgte den Jägern auf dem Fuß und achtete mit Argusaugen darauf, dass sie nichts ohne seine Zustimmung anfassten.

„Wir vermuten, dass sich im Weinglas der Herzogin eine giftige Substanz befunden hat. Was geschieht, wenn die Gäste nach mehr Wein verlangen, Pierre?“

Der Küchenmeister zuckte hilflos die Schultern. „Was soll passieren? Es ist ständig Nachfrage nach rotem und weißem Wein, vor dem Essen, während des Mahles, und noch lange Zeit danach. Hier auf diesem Tisch werden die offenen Flaschen abgestellt, und die Dienerschaft holt sich von dort, was benötigt wird.“

„Wer kontrolliert die Ausgabe der Flaschen?“

„Kontrolliert? Monsieur, das ist eine völlig unmögliche Frage. Niemand kann die Bestände kontrollieren. Den Schlüssel zum Weinkeller verwahre ich, wenn ein solches Fest ansteht, wird eine entsprechende Menge Wein in Flaschen heraufgeholt, aber auch Kannen werden aus den Fässern gefüllt und bereitgestellt. Wenn es nicht genügt, kann mein Geselle mehr heraufholen, der Weinkeller ist dann unverschlossen. Wir haben heute siebzig Gäste im Schloss gehabt, die alle zugleich ihre Speisen serviert bekommen. Habt Ihr überhaupt eine Ahnung, was das für uns hier in der Küche bedeutet?“

Der Leutnant warf einen Blick in den riesigen Küchenbereich. Neben einer offenen Feuerstelle mit gewaltigem Rauchabzug standen mehrere Herde, die zum Teil dafür bestimmt waren, durch heißes Wasser die Speisen warm zu halten.

Ganze Reihen von rötlich glänzenden Kesseln und Schüsseln aller Größen hingen ordentlich an Haken von der Decke herab, auf langen Tischen standen geordnet Schüsseln und Töpfe bereit für das nächste Festmahl. Lange Regale an den Wänden waren gefüllt mit allerlei Gewürzen, die jetzt die Aufmerksamkeit des Leutnants anzogen.

Mit prüfendem Auge musterte er die verschiedenen Behälter, deren Inhalt ihm häufig fremd blieb. Schließlich blieb er stehen und griff eine grünlich gefärbte Flasche aus dem Regal, öffnete den Verschluss und schnupperte daran.

„Was ist das hier?“ Er hielt das kleine Fläschchen dem Küchenmeister entgegen. Pierre jedoch sah noch nicht einmal richtig hin und zuckte die Schultern.

„Jedenfalls kein Gift, Herr Leutnant. Es ist völlig harmloses Laudanum.“

„Laudanum? Würzt Ihr Eure Speisen mit Opium, um die Gäste einschlafen zu lassen?“

„Verehrter Herr Leutnant“, antwortete Pierre verärgert, kam auf den Offizier zu und nahm ihm das Fläschchen aus der Hand. „Laudanum ist ein erprobtes Mittel bei Schmerzen, das man sogar den Kindern gibt. Ich leide seit vielen Jahren unter schweren Gichtanfällen und kann meinen Dienst nur erfüllen, wenn ich etwas Laudanum in der Nähe habe. Mir genügt eine stark verdünnte Menge, um mein Wohlbefinden wieder herzustellen.“

„Ich nehme an, Ihr verdünnt es mit Wein und nehmt es dann zu Euch?“

Das Gesicht des Küchenmeisters rötete sich, und nur mühsam beherrscht antwortete er dem Jäger:

„Herr Leutnant, Laudanum ist schon mit Wein bei der Zubereitung verdünnt. Ich nehme ein paar Tropfen auf ein Glas Wasser, wenn es mir sehr schlecht geht. Fragt mal bei Euren Männern nach, wie viele von ihnen es ebenfalls nehmen, wenn ihre alten Kriegsverletzungen schmerzen. Was Ihr damit andeuten wollt, ist grotesk. Ich diene dem Herzog treu seit vielen Jahren, und ich werde mich über Euer Benehmen und Eure Verdächtigungen beschweren.“

„Das steht Euch natürlich frei, mein Bester. Aber seid gewiss, dass der Herzog nicht erbaut sein wird, wenn er erfährt, dass sein Küchenmeister opiumabhängig ist.“

Damit gab der Leutnant seinem Sergeant ein Zeichen, und als sie die Küche verließen, rang Pierre mit wutverzerrtem Gesicht noch immer nach Worten. Als die beiden Jäger auf dem Gang nach oben unterwegs waren, hörten sie mehrfach lautes Klirren aus der Küche.

Sergeant Eggeling warf seinem Leutnant einen feixenden Blick zu, aber der tat so, als hätte er nichts bemerkt. Die beiden Jäger gingen zurück zur Wache, um sich mit dem Diener der Herzogin ausführlich zu unterhalten.

 

 

5.

 

Fritz Grote war am Ende seiner Nervenkraft. Ein schwitzendes, elendes Bündel Mensch saß da vor dem Offizier, zusammengesunken. Die Perücke hatte er längst heruntergerissen und in die Ecke geworfen, sein fast kahler Kopf glänzte schweißnass. Die Livree hatte er mit fahrigen Bewegungen aufgeknöpft. Jetzt sah er den Leutnant mit flehendem Blick an, Tränen standen ihm dabei in den Augenwinkeln.

„Ihr müsst mir glauben, Herr Leutnant, ich habe nichts mit einem Giftanschlag zu tun. Niemals würde ich meine Hand zu einer solchen Tat geben, denn ich liebe meine Herrschaften. Was sollte ich, ein kleiner Diener, denn für Vorteile daraus ziehen, wenn ich unserer Herzogin Gift in den Wein täte?“

Oberbeck warf ihm einen kalten Blick zu.

„Geld ist schon immer ein ausreichendes Motiv gewesen, auch die zu verraten, denen man schwor, treu zu dienen. Man könnte dich als Werkzeug bei einem Attentat benutzt haben, und du hast dich dafür gut bezahlen lassen.“

Der Diener streckte abwehrend seine Arme aus.

„Nein – nein, das ist völlig ausgeschlossen. Niemals hätte ich …“

Oberbeck beugte sich über den Tisch vor, der sie voneinander trennte.

„Was verdient ein Diener im Jahr?“

„Herr Leutnant – das – das ist nicht sehr viel, ich habe zehn Taler im Jahr (Das entspricht der von Herzog Carl I. im Jahre 1758 erlassenen „Gesinde-Ordnung“, nach der ein Diener oder Aufwärter acht bis zwölf Taler im Jahr erhalten soll.). Aber dazu kommt das Essen, Trinken und die eigene Schlafkammer, auch die Bekleidung gehört dazu, ich kann sogar noch sparen.“

Fritz Grote lief nun der Schweiß in Bächen von der Stirn, seine zitternden Hände versuchten, sich zu beschäftigen. Er knetete sie abwechselnd, versuchte, sie vom Tisch zu nehmen und hatte sie gleich darauf wieder erhoben.

„Zehn Taler – und du sparst davon noch? Was für ein genügsamer Mensch du doch bist. Und deine Vergnügen? Mal ein Stübchen Bier, mal ein Schäferstündchen mit einer Maid? Dafür sind schnell gute Groschen ausgegeben. Wie hoch ist denn der Betrag deines Ersparten?“

Der Diener zögerte nur einen Moment, dann sah er auf die Tischplatte und antwortete leise:

„Ich gehe zu keiner Dirne, und ich trinke auch kein Bier in einer Gaststube. Ich will so bald wie möglich heiraten.“

„Aha – heiraten – und da kommt natürlich so ein kleiner Auftrag mit stattlichem Honorar gerade recht, nicht wahr?“

Grote sprang auf und schrie gequält heraus:

„Warum glaubt Ihr mir nicht? Ich bin ein ehrlicher Mensch, habe mir nie etwas zuschulden kommen lassen, noch nicht einmal ein Stück Geschirr zerbrochen! Warum verfolgt Ihr mich mit Eurem Verdacht?“

Der Leutnant hatte sich ebenfalls gemächlich erhoben.

„Dafür habe ich meine Gründe, Grote. Erstens bist du in unmittelbarer Nähe der Herzogin gewesen und hattest die Möglichkeit, ihr unbemerkt etwas zu verabreichen. Zweitens bist du mir verdächtig, weil du im Hause eines Verbrechers gedient hast, der vor keinem Mord zurückschreckte.“

„Aber das – das ist doch alles …“, schrie Fritz Grote heraus, aber eine rasche Handbewegung des Leutnants ließ ihn wieder verstummen.

In diesem Moment betrat Sergeant Eggeling den Raum und blieb an der Tür stehen. Oberbeck warf ihm einen fragenden Blick zu, und der Sergeant schüttelte den Kopf.

„Du kannst gehen, unser Gespräch ist damit beendet. Aber ich beobachte dich, sei gewiss, dass ich beim geringsten Verdacht dich als Ersten verhaften lasse.“

Der Mann stand einen Augenblick regungslos, dann drehte er sich langsam um, nahm seine Perücke vom Boden auf und schlurfte zur Tür, in gebückter Haltung. Als die Tür hinter ihm durch den Sergeanten ins Schloss gedrückt wurde, atmete Oberbeck auf.

Details

Seiten
100
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738928419
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470085
Schlagworte
mord schloss regionale morde

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Titel: Mord im Schloss - Regionale Morde