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CALLAHAN #21: Reize nie zu hoch!

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Reize nie zu hoch!

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 21

 

Reize nie zu hoch!

 

Ein Western von Wolf G. Rahn

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Edward Martin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Als ich Verna Harbin das erste mal sah, spürte ich, dass sie mir zum Verhängnis werden würde. Nicht nur, dass ihr bloßer Anblick meinen Pulsschlag ganz schön in die Höhe trieb und ich, wie ich mich kannte, nicht eher Ruhe geben würde, bis er sich wieder normalisiert hatte. Nein, von dieser Frau ging etwas aus, was nur schwer zu beschreiben ist. Sie schien nicht in dieses raue Land zu passen und verkörperte doch seine Wildheit.

Dass ich wegen ihr noch jede Menge Ärger bekommen sollte, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und als es dann noch drei weitere Hundesöhne auf mich abgesehen hatten, stand ich schon fast mit einem Bein im Grab ...

 

 

 

Roman:

Ich traf sie in dem winzigen Store, in dem es so eng war, dass mir gar nicht erst ein Trick einfallen musste, um mich gegen sie zu drängen.

Mich traf ein Blick aus schiefergrauen Augen, deren Kälte an den Stahl eines Rasiermessers erinnerte. Doch gerade dieser Blick war es, der mich nach den falschen Munitionsschachteln greifen ließ, die für meinen Peacemaker absolut unbrauchbar waren.

Natürlich merkte ich den Irrtum noch rechtzeitig, aber sie merkte ihn auch, und nun wurde ihr Blick so spöttisch, ja fast triumphierend, dass ich mir insgeheim schwor, mich mit dem selbstbewussten Biest ein wenig intensiver zu befassen. Und wenn es nach mir ging, sollte es beim Befassen nicht bleiben.

Die Narren sterben eben nie aus. Besser wäre es gewesen, ich hätte einen weiten Bogen um diese Frau beschrieben.

Sie kaufte allen möglichen Kleinkram und zum Schluss ein Stück gelben Stoff, den sie prüfend um ihren aufregend gepolsterten Oberkörper schlang und sich in einem Spiegelscherben betrachtete.

Ich versuchte, mir vorzustellen, wie sie in der fertigen Bluse aussehen würde, und erwischte mich bei dem Gedanken, ihr diese Bluse wieder auszuziehen. Eine völlig sinnlose Geldausgabe, wenn es nach mir gegangen wäre.

Ich kramte so lange zwischen den Gewehren und Sätteln herum, obwohl ich weder das eine noch das andere benötigte, bis sie den Store verließ. Dann wandte ich mich an den bebrillten, pickeligen Burschen, der umständlich meine Rechnung aufstellte, und deutete mit einer Kopfbewegung, die möglichst uninteressiert wirken sollte, auf die sich hinter der Frau schließende Tür.

„War das nicht Ellen Parker aus Barrett Hill? Ich habe sie viel älter in Erinnerung.“

Der Junge hob den Kopf und lief dunkelrot an. Was Frauen betraf, hatte er sich offenbar auch nicht auf Abstinenz festgelegt. Nur würden seine Wünsche etwas bescheidener ausfallen müssen.

Er biss sich verlegen auf die Unterlippe, bis sie fast ganz weiß war. Dann stotterte er: „Ke.. .. kenne kei... keine Ellen Parker, Mister. A .. .aber Barrett Hill stimmt. Das ist Verna Harbin, eine Klas .. .Klassefrau!“

Aus seinem Mund hörte sich das ungefähr so an, als schwärmte er von einem besonders teuren Artikel aus seinem Store, von dem er wusste, dass ihn sich doch niemand leisten konnte.

„Verna Harbin!“, wiederholte ich nachdenklich und ließ den Namen auf der Zunge zergehen. „Ihr Mann ist bestimmt der reichste Rancher in dieser Gegend.“

„Die ist nicht ver ...verheiratet“, wusste der Picklige. „Nicht mehr. Ihr Mann wurde erschossen.“

Wie eine trauernde Witwe hatte sie eigentlich nicht ausgesehen.

„Erschossen? Und hat man den Mörder gefasst?“

„Mö ...Mörder?“, wunderte sich der Bursche. „Harbin hat noch Glück gehabt. Wenn sie ihn le ....lebend erwischt hätten, wäre ihm der Strick sicher gewesen. Mit Viehdieben wird bei uns nicht lange gefackelt.“

Ich fiel von einer Überraschung in die andere. Ich versuchte mir Verna Harbin an der Seite eines Lumpen vorzustellen. Ihr eiskalter Blick half mir dabei.

Jedenfalls hatte man ihr offenbar keine Mitschuld nachweisen können. Sonst wäre sie nicht mehr frei herumgelaufen und hätte keine Männer mehr nervös machen können.

Nicht, dass ich mit Gesetzlosen sympathisierte. Aber es war ja immerhin möglich, dass die Frau mit den schiefergrauen Augen und den langen, moorbraunen Haaren eine Vorliebe für solche Kerle besaß. Das würde mich in ihren Augen aufwerten, und warum sollte ich nicht auch mal einen Vorteil durch die mir aufgezwungene Rolle genießen?

Auf jeden Fall stand für mich fest, dass ich nach Barrett Hill reiten würde. Im Grunde war es ja egal, wo ich mich wegen eines Jobs umsah. Warum sollte ich nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

Ich zahlte meine Rechnung und stellte fest, dass mir noch genau sieben Dollar und dreißig Cent übrigblieben. Ein Vermögen, das auf Verna Harbin nur einen mäßigen Eindruck machen konnte.

Allerdings hatte ich auch nicht vor, sie zu kaufen. Ich bin es nicht gewöhnt, mich im Rotlichtbezirk einer Stadt herumzudrücken, wenn auch ein paar Mädchen aus den Etablissements zu meinen angenehmsten Erinnerungen zählen. Doch dafür habe ich nicht bezahlt.

Ich band meinen Braunen vom Zügelbalken los und schwang mich in den Sattel. Barrett Hill konnte ich am späten Nachmittag erreichen, wenn ich mich unterwegs nicht aufhielt.

 

*

 

Ungefähr fünf Meilen vor der Stadt kreuzten drei Reiter meinen Weg. Sie winkten mir schon von weitem zu. Offenbar handelte es sich um Weidereiter, und ich hatte nichts dagegen, meinen Weg in ihrer Gesellschaft fortzusetzen, denn ich hoffte auf ihre Informationen, wer in der Gegend einen tüchtigen Kerl brauchen konnte.

Sie sahen sich gegenseitig an und schienen zu überlegen.

„Kannst du Pferde zureiten?“, fragte Audie Young, ein Bursche mit einem spiegelglatten Babygesicht und schmalen, langfingrigen Händen.

„Ich denke doch“, sagte ich und grinste.

Er nickte zufrieden. „Dann könntest du vielleicht Jim ersetzen. Er arbeitete bei Hollister.“

„Und jetzt hat er aufgehört?“, wollte ich wissen.

Ein Weizenblonder, der sich als Abel Bevins vorgestellt hatte, zog sein Gesicht in die Breite.

„Jetzt ist er dabei, seine Knochen zu sortieren. Falls er wieder gesund wird, ist er höchstens noch in der Küche zu gebrauchen.“

Die drei lachten und sahen mich neugierig an. Sicher übertrieben sie und wollten nur herausfinden, ob man mir Angst einjagen konnte.

„Das trifft sich gut“, erklärte ich gelassen. „Die Bestien, die ich zureite, sind hinterher auch nur noch in der Küche zu verwenden. Natürlich nur für den, der Pferdefleisch mag. Die meisten ziehen es aber doch vor, sich mit dem Sattel abzufinden.“

Die drei waren ein bisschen enttäuscht, ließen es sich aber nicht anmerken.

„Wenn du im Sattel nur halb so gut bist wie mit dem Mundwerk“, sagte Audie Young, „dann ist dir der Job schon sicher. Wenn du willst, bringen wir dich zu Hollister. Es ist kein großer Umweg für uns.“

Ich nickte zufrieden. Die Gegend begann mir immer besser zu gefallen. Eine Traumfrau wie Verna Harbin und ein Job ganz in ihrer Nähe, mehr konnte sich ein Bursche wie ich nicht wünschen.

Aber vorläufig besaß ich weder das eine noch das andere.

„Wenn es klappt, Jungs“, sagte ich, „lade ich euch zu einem Drink ein.“

„Den nehmen wir dankend an, Callahan“, erklärte der Dritte im Bunde, ein erschreckend langer Kerl mit einem dünnen Bart unter der Nase. Er hieß Fleet Pace und zwinkerte von Zeit zu Zeit nervös mit dem linken Auge. „Gegen einen kostenlosen Schluck haben wir noch nie etwas gehabt.“

Wir schwenkten von meiner ursprünglichen Richtung ab und ritten nun weiter nach Nordosten.

Es dauerte nicht lange, da begann Audie Youngs Pferd zu lahmen.

„He, was ist mit deinem Gaul los?“, rief Abel Bevins. „Sieht aus, als bekämst du Schwierigkeiten.“

„Ich sehe mal nach“, antwortete der Betroffene und schwang sich aus dem Sattel. Er begutachtete den in Frage kommenden Huf und schaute schließlich mürrisch auf. „Ein Dorn“, erklärte er. „Sitzt ziemlich tief. Hoffentlich bekommen wir ihn ohne Werkzeug heraus.“

„Na klar!“, versicherte Fleet Pace. „Wenn wir alle helfen. Und Callahan ist ja schließlich Pferdespezialist. Der schafft es allein durch gutes Zureden.“ '

Ich folgte dem Beispiel der anderen und glitt aus dem Sattel, um mir die Sache aus der Nähe anzusehen.

Ich brauchte nicht lange, um festzustellen, dass nicht die geringste Spur eines Dorns zu sehen war, aber viel zu lange, um dem mörderischen Hieb noch ausweichen zu können. Die Dreckskerle hatten mich in eine ganz miese Falle gelockt.

 

*

 

Es war noch hell, als ich wieder zu mir kam.

Mein Schädel brummte, als würde jemand Wasser darin zum Kochen bringen.

Aber es kochte nicht nur in meinem Kopf. Ich kochte vor Wut, als ich entdeckte, dass die Burschen mich total ausgeplündert hatten. Alles, was von Wert gewesen war, hatten sie mir abgenommen. Natürlich auch meine letzten sieben Dollar dreißig. Das Schlimmste aber war, dass ich jetzt ohne Pferd und Waffen dastand.

Wie hatte mir das passieren können! Durch trübe Erfahrungen eher einer der misstrauischen Sorte, ließ ich mich sonst nicht so leicht hereinlegen. Aber die drei hatten ein perfektes Schauspiel abgezogen. Glänzend einstudiert und vollendet vorgeführt.

Sicher war ich nicht der erste, den sie auf diese Weise um sein Eigentum gebracht hatten. Trotzdem interessierte mich in diesem Augenblick ausschließlich mein eigener Fall.

Ich erhob mich ächzend und betastete meine Knochen. Besonders die Schädelpartie unterzog ich einer gewissenhaften Untersuchung. Es knackte nirgends, also war offenbar nichts gebrochen.

Das war aber auch schon alles, worüber ich mich freuen konnte. Das und natürlich die Tatsache, dass sie mich nicht einfach abgeknallt hatten.

Dass ich es anscheinend nicht mit Killern zu tun gehabt hatte, tröstete mich in diesem Augenblick nur wenig. Natürlich lag mir an meinem Leben eine ganze Menge. Besonders jetzt, nachdem mir Verna Harbin über den Weg gelaufen war. Doch was war ein Mann ohne Pferd und ohne Schießeisen?

„Ihr habt zwei Fehler gemacht“, murmelte ich grimmig. „Ihr habt mich eure Gesichter sehen lassen, und ihr habt versäumt, mich umzulegen. Wenn ihr einem Mann sein Pferd stehlt, dann erschießt ihn gleich besser. Sonst werdet ihr ihn nicht mehr los:“

Mein Entschluss stand fest. Ich würde mir mein Eigentum zurückholen. Irgendwie. Denn dass ich nicht zu Fuß losrennen konnte, war mir auch klar.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als das Recht in meine eigene Hand zu nehmen. Und zwar möglichst bald, bevor die Schufte über alle Berge waren.

Das bedeutete aber, dass ich ein neues Pferd brauchte. Und ein Gewehr, oder wenigstens einen Revolver. Besser natürlich beides. Und das alles bekam ich nicht auf Kredit. Ich musste mir schleunigst einen Job suchen.

Mir war klar, dass es diesen Hollister mit seinen männermordenden Wildpferden selbstverständlich gar nicht gab. Der war nur eine Erfindung der drei Schauspielschüler.

Trotzdem sollt ihr noch den versprochenen Drink bekommen, dachte ich. Aber an dem werdet ihr ersticken, das verspreche ich euch.

 

*

 

Es gibt lustigere Erlebnisse, als acht oder zehn Meilen zu Fuß nach Barrett Hill zu marschieren. Ich will auch diesen Abschnitt meines Lebens möglichst rasch wieder vergessen.

Ich kam auf dem Zahnfleisch in dem Ort an und musste mir selbst einen Tritt in den Hintern geben, um nicht vor lauter Durst in den Saloon zu stolpern.

Ich suchte einen Brunnen und fand ihn vor dem Mietstall. Danach ging es mir schon wesentlich besser.

Es war gerade noch hell genug, dass ich mein Spiegelbild im Wasser erkennen konnte. Es machte keinen übermäßig vertrauenerweckenden Eindruck. In dieser Verfassung würde ich es schwer haben, einen Rancher von meinem Arbeitseifer zu überzeugen.

Ich musste unbedingt den Dreck runterspülen, dann konnte ich vielleicht heute noch ein paar Gespräche führen.

Bevor ich Barrett Hill erreichte, hatte ich von einem Hügel aus hinter der Stadt einen kleinen bewaldeten See entdeckt. Den erkor ich zu meiner Badewanne, obwohl das erneut eine Meile Fußmarsch bedeutete.

Ich machte mich auf den Weg, und der Gedanke, dass es in dem Tümpel vielleicht sogar Fische gäbe, beschleunigte meine Schritte. Mein Magen rebellierte schon lange.

Der See war von Erlen umsäumt. Dazwischen wuchsen dichte Büsche, die den Weg zum Ufer versperrten. Ich musste mich gewaltsam hindurchkämpfen.

Ich kroch aus den Sachen, wusch mein Hemd und hängte es zum Trocknen über einen Strauch. Dann sprang ich ins Wasser und genoss die Erfrischung in vollen Zügen.

Jetzt wurden meine Gedanken auch wieder klarer. Ich sah ein, dass es sinnlos war, mit der Wut im Bauch etwas Unüberlegtes zu tun. Es würde auf alle Fälle ein paar Monate dauern, bis ich wieder eine komplette Ausrüstung besaß, mit der ich die Verfolgung der Diebe aufnehmen konnte. Zuvor hatte ich nämlich die Möglichkeit erwogen, mir selbst irgendwo ein Pferd auszuleihen, damit der Vorsprung der Banditen nicht zu uneinholbar wurde. Doch damit hätte ich mir den Strick ehrlich verdient, und das war nicht gerade das, was ich anstrebte.

Ein Job musste her. Und dann galt es, sparsam zu leben.

Vielleicht waren die Burschen sogar in der Gegend bekannt. Ich konnte sie exakt beschreiben, und ihre Visagen würde ich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen. Besonders den Kerl mit dem harmlosen Babygesicht, der ausgesehen hatte, als fürchte er sich vor einem Moorhuhn.

Ich durchschwamm den See, der nicht sehr groß war, ein paar mal. Dann stutzte ich. Ich wurde plötzlich das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Ich konnte sogar die Stelle identifizieren. Der Halunke kauerte dort hinter den Büschen, die bis ins Wasser hineinwuchsen.

Im ersten Moment dachte ich an meine drei Freunde, die vielleicht doch noch zu der späten Erkenntnis gelangt waren, dass es klüger war, mich zum Schweigen zu bringen.

Instinktiv tauchte ich unter und schwamm so lange unter Wasser, bis ich unbedingt wieder Luft holen musste.

Dann aber sagte ich mir, dass die Burschen längst geschossen hätten, solange ich in ihrer Nähe herumpaddelte. Vielleicht hatte ich mich doch geirrt.

Trotzdem fühlte ich mich nun nicht mehr im Wasser wohl und schwamm zu meinen Sachen ans Ufer zurück.

Ich hatte tatsächlich einige stattliche Fische entdeckt und versuchte, bevor ich mich wieder ankleidete, wenigstens einen zu fangen.

Aber die Viecher waren ausgeruht, ich dagegen hundemüde. Sie tanzten mir buchstäblich vor den Händen herum und schienen sich einen Spaß aus meiner Ungeschicktheit zu machen. Dabei hatte ich schon häufig solche Biester auf Indianerart überlistet.

Heute war eben nicht mein bester Tag, und je länger ich mich zum Narren halten ließ, um so gewisser wurde die Erkenntnis, dass mein Abendessen lediglich aus einem Schluck Wasser bestehen würde.

Gerade tänzelte wieder so ein fetter Brocken dicht vor mir herum. Ich blieb steif stehen und rührte mich nicht. Er kam noch näher heran, zog sich aber immer wieder blitzschnell zurück. Schließlich glaubte ich ihn nahe genug und packte zu.

Ich spürte nichts als meine eigenen Hände. Der Fisch war längst auf und davon.

Und nun lachte er auch noch. Ich habe noch nie einen Fisch lachen hören. Dieser klang seltsam gurrend und amüsiert.

„Anscheinend benutzen Sie nicht den richtigen Wurm zum Ködern, Mister.“

Es war natürlich nicht der Fisch, der diese Behauptung aufstellte, sondern eine Frau. Sie stand am Ufer neben meinen Sachen und lachte.

Ich lasse mich nur ungern auslachen. Schon gar nicht von einer Frau. Aber auf keinen Fall von Verna Harbin. Doch genau die war es.

Ich schluckte und fühlte, wie mein Gesicht ein paar mal die Farbe wechselte.

Schüchternheit ist ein Begriff, den ich mir mal habe erklären lassen. Ich hatte ihn zuvor gar nicht gekannt. Aber schließlich stand die Frau direkt neben meiner Hose, und ich steckte nicht darin. Das Wasser reichte mir gerade so weit, dass allenfalls Zweifel aufkommen konnten, ob ich meine Stiefel trug. Oberhalb der Knie war ich jedenfalls nackt.

Verna Harbin musterte mich ungeniert und mit einem Anflug von Neugier.

Ich wäre mir töricht vorgekommen, deshalb schamhaft ins Wasser zu tauchen. Jetzt war ohnehin alles zu spät.

Ich wandte mich ihr also zu und erwiderte beinahe trotzig ihren Blick. Dann watete ich auf sie zu, und sie wich keinen Zoll zur Seite.

„Ich nehme an, dass Sie bereits gebadet haben“, sagte ich herausfordernd.

Ihr Lächeln verschwand nicht. Es wurde allenfalls etwas eisiger. „Zum Glück!“, antwortete sie. „Ich hatte ja keine Ahnung, was für eine komische Figur man dabei abgeben kann.“

Der Hieb saß. Ich griff beleidigt nach meiner Hose und stieg hinein. Das Hemd war noch klatschnass. Trotzdem streifte ich es über. Kälter als diese Frau war es auch nicht;

„Ein Jammer!“, konterte ich. „So jung und schon blind.“

Hatte sie dort hinter den Büschen gelegen und mich beobachtet? Kaum. Sonst hätte sie nicht jetzt schon wieder auf dieser Seite des Sees sein können. Demnach war sie nicht allein hier. Oder der andere war ihretwegen hier, weil er ihren Badeplatz kannte.

Nun, mich brauchte das nicht zu interessieren. Ich revanchierte mich jetzt mit ebenso unverschämten Blicken, wie sie sie mir gerade erst zugedacht hatte.

Ich bekam eine Menge erfreulicher, wenn auch verhüllter Dinge zu sehen. Sie trug eine weiße Bluse mit weiten Ärmeln. Obwohl sie hochgeschlossen war, ließ sie doch ihren verlockenden Inhalt deutlich erkennen. Ihre Brüste stießen wie zwei mächtige Kuppeln unter dem Stoff hervor, und ich musste mich schon sehr zusammennehmen, wollte ich nicht eine kräftige Ohrfeige riskieren.

Sie trug eine dunkle, zu enge Hose, unter der sich ihre prallen Schenkel verführerisch abzeichneten.

Vergessen war meine erfolglose Fischjagd. Hier gab es etwas viel Appetitlicheres, und ich zerbrach mir den Kopf, wie ich es anstellen sollte, dass es mir nicht genauso erging wie bei den Fischen.

Auch sie hatte mich in der Zwischenzeit gemustert. Nicht mehr ganz so spöttisch wie zuvor.

„Sie haben anscheinend Pech gehabt“, stellte sie fest.

Ich wusste, was sie meinte. Sie vermisste meinen Revolvergurt.

„Sie irren sich schon wieder, Mrs. Harbin“, entgegnete ich. „Ich hatte Glück, denn ich lebe noch.“

Jetzt blitzten ihre Augen schelmisch. „Mrs. Harbin? Sie haben sich also nach mir erkundigt. Vermutlich bei Harry im Store. Habe ich recht?“

„Völlig.“

„Es ist Ihr Glück, Mister. Sonst wäre ich nämlich beleidigt gewesen.“

„Sie haben es nicht gern, wenn man Sie übersieht?“

„Ich bin eine Frau.“

Das war eine klare Antwort.

„Ich nehme Ihre Einladung zum Abendessen selbstverständlich an“, sagte ich vergnügt.

Sie war überrascht. „Zum Abendessen? Kein Mensch hat Sie eingeladen. Und der Teufel soll mich...“

„Mit diesem Kumpel sollten Sie vorsichtig sein“, riet ich schnell. „Der Kerl kommt manchmal schneller, als man ahnt. Und wenn Sie seinen Körper dann auch so abfällig beurteilen, sehe ich schwarz für Sie. Ich heiße übrigens Callahan. Jed Callahan. Ich brauche einen Job!“

„Als was? Als ungeladener Gast? Oder können Sie wirklich etwas?“

„Sie dürfen mich in jeder Beziehung auf die Probe stellen, Mrs. Harbin. Sie werden nicht enttäuscht sein.“

„Dafür Sie vermutlich. Ich rede nämlich von wirklicher Arbeit. Ich glaube, da kann ich etwas für Sie tun. Aber wenn ich Sie schon empfehle, dürfen Sie mich auch nicht enttäuschen. Also lassen Sie Ihr unwiderstehliches Gefasel und kommen Sie mit. Ich stelle Sie einem Mann vor, der in Barrett Hill das Sagen hat.“

„Und ich dachte, das sind Sie selbst.“

Sie überhörte die Spitze und forschte weiter: „Wo haben Sie Ihr Pferd gelassen, Callahan?“

„Bei meinen Waffen. Als Bezahlung erhielt ich dafür eine Beule am Hinterkopf.“

Sie wurde ernst. „Pferdediebstahl also. Das ist eine schlimme Sache.“

„Stimmt! Besonders für mich. Es war mein einziges. Ich besitze momentan nicht mehr, als Sie jetzt sehen, beziehungsweise eben noch gesehen haben. Wundert es Sie immer noch, dass ich mir das nicht auch noch miesmachen lassen möchte?“

„Haben Sie eine Ahnung, wer die Diebe waren?“

„Ich kenne ihre Namen und ihre Gesichter“, sagte ich finster. „Ihre Namen mögen falsch sein, die Visagen jedenfalls waren echt. Die vergesse ich nicht.“

„Für einen Mann ohne Pferd und ohne Waffen wirken Sie recht zuversichtlich. Was sagt der Marshal dazu?“

„Woher soll ich das wissen? Ich habe nicht die Absicht, ihn nach seiner Meinung zu fragen.“

„Das dachte ich mir, Callahan. Sie sind wohl zu stolz, sich Ihr Eigentum von einem anderen zurückbringen zu lassen als von sich selbst?“

„Ich fürchte, wir sind auf dem besten Wege, das Wichtigste zu vergessen.“

Verna Harbin war überrascht. „Tatsächlich? Und das wäre?“

„Das Abendessen und der Mann, der hier in der Gegend das Sagen hat.“

Sie lachte dunkel. „In dieser Reihenfolge?“

„In dieser Reihenfolge. Ein hungriger Mann macht einen schlechten Eindruck auf den, der ihn bezahlen soll.“

„Also gut, Callahan! Der Reverend sagt immer, man soll von Zeit zu Zeit etwas für die Geschlagenen tun. Vielleicht erkaufe ich mir mit ein paar Scheiben Speck einen Platz in der ewigen Seligkeit, auch wenn ich darauf vorläufig noch nicht neugierig bin.“

„Danke, Mrs. Harbin.“

„Ich reite voraus. Sie finden das Haus leicht. Es ist das vorletzte in der Straße und legt schon ein bisschen außerhalb. Die Veranda ist blau gestrichen. Ein ganz verrücktes Blau. Sie werden es schon finden.“

War das nur ein Trick, um mich loszuwerden? Es sprach eine Menge dafür. Aber ich konnte unmöglich von ihr verlangen, meinetwegen auch noch einen abendlichen Spaziergang zu machen.

Wir zwängten uns durch die Büsche, und sie pfiff ihr Pferd herbei. Es hörte sich fast wie ein Zwitschern an.

Ich beobachtete, wie sie sich in den Sattel schwang. Ihre Hose drohte zu platzen. Jede Kontur zeichnete sich deutlich ab.

Sie ritt, und ich beneidete ihr Pferd. Es handelte sich um eine Stute.

 

*

 

Es war wirklich ein verrücktes Blau. Man konnte an der Veranda nicht vorbeigehen, ohne sich wenigstens danach umzudrehen. Wenn tagsüber die Besitzerin darauf stand, verblasste vermutlich die grelle Farbe. Doch jetzt war es dunkel, und das Blau wirkte fast wie eine Lampe.

Es war kein sehr großes Haus. Nicht viel größer als der benachbarte Stall.

Hinter zwei Fenstern brannte Licht. Ich hörte leises Klappern und melodisches Singen.

Fasziniert lauschte ich. Sie hatte eine schöne Stimme. Etwas anderes wäre auch undenkbar gewesen. Allerdings sang sie einen sehr melancholischen Song, und der passte nun wieder überhaupt nicht zu der rassigen Frau.

Ich klopfte an die Tür.

Das Singen brach ab. „Es ist offen, Callahan!“, rief sie.

Das erste, was ich bemerkte, als ich eintrat, war, dass sie sich inzwischen umgezogen hatte. Sie trug jetzt eine buntgestreifte Bluse und einen dunklen, weiten Rock.

Es fiel mir schwer, mich zu entscheiden, was ihr besser stand.

Mein Blick sagte das offenbar auch, denn sie schüttelte tadelnd ihre moorbraunen Locken.

„Bevor Sie mich mit Ihren hungrigen Augen verschlingen, sollten Sie lieber mein Talent als Köchin beurteilen.“

Wenn sie mir einen Teller mit feingeraspeltem Holz hingestellt hätte, wäre mir das vermutlich gar nicht aufgefallen. Ich hätte es heruntergeschlungen und gemeint, es handelte sich um feinstes Gemüse.

Aber sie tischte mir tatsächlich das dickste, saftigste Steak auf, an das ich mich seit langer Zeit erinnern konnte. Dazu zauberte sie aus einem Krug frisches Bier. Die ewige Seligkeit nahm zumindest für mich schon greifbare Formen an.

Fehlte nur noch eine Kleinigkeit. Und die saß mir gegenüber und lächelte längst nicht mehr so eisig wie am Morgen in Harrys Store.

„Sie leben hier ganz allein?“, fragte ich, nachdem ich mit dem Essen fertig war.

„Es ist nicht sehr einsam“, wich sie aus.

Das konnte ich mir vorstellen. Vermutlich belagerten Dutzende von Kerlen jeden Tag ihr Haus wie eine Meute läufiger Hunde. Komisch, dass mir ausgerechnet der picklige Harry dabei einfiel.

„Aber Sie werden doch wieder heiraten, Mrs. Harbin. Oder hängen Sie noch immer an Ihrem Mann?“

„Er wurde erschossen“, sagte sie schnell.

„Ich weiß.“

„Natürlich! Wie dumm von mir. Harry ist die Zeitung für die ganze Umgebung.“

„Er mag Sie.“

„Ich mag ihn nicht.“

„Ich mag Sie auch.“

Sie öffnete den Mund, klappte ihn aber wieder zu, ohne etwas erwidert zu haben.

Ich grinste. „Genau wie der Fisch, den ich nicht erwischt habe“, stellte ich fest.

„Sie haben es genau getroffen, Callahan. Manche Fische legen keinen Wert darauf, von Ihnen verspeist zu werden. Und jetzt schlage ich vor, dass Sie sich brav verabschieden.“ „Das ist nicht Ihr Ernst. Ich habe kein Geld für das Hotel.“

„Sie sehen mir nicht so aus, als hätten Sie noch nie unter freiem Himmel geschlafen.“

„Das mag schon sein, aber eigentlich ...“

„...eigentlich sind Sie gewöhnt, die ganze Köchin zu nehmen, wenn man Ihnen ein Steak reicht. Callahan, Sie sind unverbesserlich. Mich wundert es nicht, dass Sie Ihr Pferd losgeworden sind. Wahrscheinlich war eine Frau dabei im Spiel.“

„Sie tun mir unrecht, Mrs. Harbin.“

„Gleich fange ich an zu weinen. Was wollen Sie eigentlich noch? Sie sind sauber und satt und sehen leidlich aus, wenn man nicht zu genau hinsieht, und wenn Sie es morgen früh immer noch ernst mit der Arbeit meinen, bringe ich Sie zu Mr. Rogers.“

„Dem Mann, der hier das Sagen hat.“

„Manches begreifen Sie schnell, Callahan. Bei dem anderen dauert es etwas länger. Aber das kapieren Sie schon auch noch.“

Ich erhob mich seufzend. Mir war nicht entgangen, dass sie jetzt nervöser wirkte. Mehr als einmal sah sie auf die große Standuhr neben dem Wandschrank. Kein Zweifel! Sie hatte sich nicht meinetwegen so hübsch gemacht. Sie erwartete Besuch, und dabei störte ich.

Ich hatte ihr einiges zu verdanken und wollte sie nicht in Verlegenheit bringen. Was nicht sein sollte, sollte nicht sein. Wichtiger als eine Nacht mit Verna war mein Pferd. Das durfte ich nicht vergessen.

„Ich werde Ihre Küche weiterempfehlen“, versicherte ich.

„Nur das nicht!“, wehrte sie entsetzt ab.

Ich grinste. „Natürlich nur bei denen, die zufällig Jed Callahan heißen.“

„Das wird ja immer schlimmer. Gehen Sie freiwillig oder muss ich Sie rauswerfen?“

„Danke für alles“, sagte ich ernst. Dann ging ich zur Tür und öffnete sie.

Das bärtige Gesicht, in das ich starrte, drückte wenig Freundlichkeit aus. Es gehörte zu einem Mann, der eben erst gekommen war oder schon länger gelauscht hatte. Es war nicht zu unterscheiden.

Jedenfalls sah er wütend aus. Er zog den Kopf, auf dem ein zerbeulter Stetson thronte, zwischen die Schultern, als wollte er die Rolle eines Rammbocks verkörpern, schob mich mit einer kraftvollen Handbewegung beiseite und stampfte auf die Frau zu, die sichtlich verwirrt war.

Unversehens klatschte seine behaarte Pranke in ihr Gesicht.

Verna Harbin schrie auf. Sie hielt sich die Wange. Ihr Gesicht war gerötet. Vor Erregung hob und senkte sich ihr Busen. Ihre Hände zuckten. Aber sie setzte sich nicht zur Wehr.

„Es ist nicht, was du denkst, Randy“, stammelte sie. „Ich habe nur ...“

Die zweite Ohrfeige klatschte auf.

„Du miese, kleine Hure!“, schrie der Bärtige. „Ich weiß genau, was hier gespielt wird. Ich kenne dich.“

„Sie entschuldigen, wenn ich noch einen Moment bleibe, Mrs. Harbin“, sagte ich. Dann drehte ich mich auf dem Absatz um und verpasste dem Typ ein paar Maulschellen, die unter Beweis stellten, wie energiereich ein Steak war.

Der Bursche riss die Triefaugen auf und glotzte mich wie einen Geist an.

Dabei hatte er mich ja schon vorher gesehen, denn zweifellos war ich die Ursache seiner schlechten Laune.

„Um Himmels willen, Callahan“, rief die Moorbraune, „gehen Sie endlich. Das hier ist meine Sache.“

„Und das hier ebenfalls“, fauchte der Bärtige und schlug zum dritten mal zu.

Wenn einer eine Frau schlägt, sehe ich rot. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich mit dieser Frau zufällig ganz bestimmte Wünsche verknüpfe. Etwas Mieseres kann ich mir nur schwer vorstellen. Dazu kam, dass der Kerl wissen musste, dass sein Verdacht unbegründet war, wenn er Verna Harbin wirklich so gut kannte, wie er vorgab.

Ich packte den Rasenden am Kragen und zog ihn in die günstigste Position für einen sauberen Haken.

Leider hatte ich eine Kleinigkeit übersehen.

Der Mensch, der Randy hieß, riss seinen Kopf zur Seite. Gleichzeitig zuckte seine Rechte nach unten.

Diese Bewegung überraschte mich nicht. Ich hatte schon einigen Oberschlauen gegenübergestanden, die sich etwas auf ihre Schnelligkeit einbildeten. Ich war wirklich schnell.

Meine Hand war Sekundenbruchteile vor der seinen unten.

Aber genau da stieß sie auf die bewusste Kleinigkeit. Ich besaß keinen Revolver mehr. Ich war wehrlos, und der Halunke würde mich einfach abknallen.

Er hielt sein Schießeisen in der Faust, und ich erwartete seinen Schuss.

Hinter seiner Schulter sah ich Verna Harbin, die sich entsetzt abwandte und ihr Gesicht in den Händen vergrub. Sie schenkte mir kurz vor meinem Tod nicht mal mehr einen Blick.

Ich nahm nur noch ihre zuckenden, moorbraunen Haare wahr. Dann schien mein Kopf mit lautem Knall zu zerplatzen. Er flog in lauter kleine Stückchen, und das Gefühl, das ich dabei empfand, hatte nicht das geringste mit ewiger Seligkeit zu tun.

 

*

 

Im Himmel gibt es bestimmt keine Gitter. Also konnte ich nur in der Hölle gelandet sein.

Das wunderte mich nicht, denn das hatten mir schon viele prophezeit. Lange, bevor ich Verna zum ersten mal sah.

Ich versuchte angemessen teuflisch zu lächeln, als mir ausgerechnet diese Frau als erstes nach meinem Tod in den Sinn kam. Hoffentlich war sie schlecht genug, dass auch sie irgendwann einmal hier auftauchte.

Vorläufig nahm ich alles nur verschwommen wahr. Lediglich die Gitterstäbe waren ganz deutlich zu erkennen. Ich konnte sie sogar greifen. Sie fühlten sich rostig an und kalt.

Es stimmte also nicht alles, was man sich von der Hölle und ihrem ewigen Feuer erzählte. Das Gitter hätte glühen müssen, aber kälter war das Eis in den Rockies auch nicht.

Es wollte mir nicht gelingen, beide Augen auf die gleiche Entfernung einzustellen. Das rechte stand auf unendlich, während das linke über seine nächste Umgebung nicht hinauskam.

Ich nahm erneut die Hände zu Hilfe und tastete zunächst mal mich selbst ab. Alles fühlte sich durchaus normal an. Nur mein Kinn war geschwollen und besaß die stattliche Länge von mindestens zwei Fuß. Es reagierte empfindlich auf den leisesten Druck.

„Hoffentlich habe ich dir wenigstens ein paar Zähne ausgeschlagen.“ Diese Stimme hatte ich schon auf Erden gehört. Sie schwang irgendwo im Raum. Ihr Besitzer war nichts als ein undeutlicher Farbklecks.

Ich riss mich zusammen und klammerte mich mit den Händen am Gitter und mit den Augen am Farbklecks fest. Allmählich wurde er deutlicher, und weil ich nicht mehr lockerließ, gelang es mir schließlich, Einzelheiten zu unterscheiden.

„Der Satan trägt einen Bart“, murmelte ich.

Jetzt erkannte ich auch die Triefaugen. Der Teufel hieß mit Vornamen Randy.

Den in der Hölle wiederzutreffen, wunderte mich nicht, wenn auch noch unklar blieb, wer ihn dorthin befördert hatte. Verna wohl kaum. Na, und ich auch nicht. Leider!

Meine Augen wurden klarer. Jetzt sahen sie etwas, was meine ganze Theorie mit der Hölle über den Haufen warf: einen Stern. Und Sterne blinken ja bekanntlich nur am Himmel.

Callahan! dachte ich verklärt, du hast mal wieder Glück gehabt. Am Ende hat sich also doch herausgestellt, dass du kein Killer bist.

Trotz dieser Genugtuung hätte ich auch auf den Himmel gern noch ein Weilchen verzichtet. Wenn das mit der Ewigkeit stimmte, lief er mir schließlich nicht davon. Außerdem, was ist das schon für ein armseliger Himmel mit nur einem einzigen Stern.

Ich befand mich auf der guten alten Erde. Daran war nicht zu rütteln. Und der Stern strahlte nicht etwa über den Wolken, sondern an der Brust jenes Randy, der es vorgezogen hatte, mich lieber nicht zu erschießen, sondern lediglich zusammenzuschlagen.

Ich hatte mich ausgerechnet mit dem Marshal von Barrett Hill angelegt!

Ein Marshal, der eine wehrlose Frau schlug, noch dazu grundlos, konnte mir nicht sympathisch sein, einer, der mich ins Jail steckte, musste von mir verabscheut werden, und wenn er zu allem Überfluss auch noch aufmerksam die Steckbriefe studierte, hatte er meinen Hass redlich verdient.

Auf diesen Gesetzeshüter traf das alles zu, und seine Augen waren scharf genug, wenn Verna Harbin ihm nicht meinen Namen verraten hatte.

Der Mann jenseits der Gitterstäbe saß breit hinter einem Tisch. Er hob nun den Kopf und schob einen Daumen in seinen Bart. Der Urwald war so dicht, dass ich nicht erkennen konnte, ob er ihn tatsächlich in den Mund steckte. Jedenfalls sah er mit dieser Gebärde reichlich albern aus.

Aber das täuschte. Der Halunke war keinesfalls ratlos oder unsicher.

„Stimmt!“ sagte er. Nein, der Finger steckte doch nur im Bart. „Ich bin Marshal Rogers und vertrete hier das Gesetz. Hast du dir eingebildet, ich würde dich für harmlos halten, nur weil du absichtlich keine Waffe trägst? Das ist ein billiger Trick. Deine Bewegung hat dich verraten. Du bist verdammt schnell. Trotzdem wärst du jetzt tot, wenn du einen Revolver bei dir gehabt hättest.“

„Wenn ich einen Revolver bei mir gehabt hätte, wäre ich jetzt nicht in Barrett Hill, Marshal“, versicherte ich, „sondern würde die Lumpen jagen, die mir mein Pferd gestohlen haben.“

„Jetzt brauchst du kein Pferd, Callahan. Außerdem hast du das vermutlich selbst gestohlen.“

Ich überlegte mir, ob es wirklich so ein großer Vorteil war, nicht in der Hölle gelandet zu sein. Ungerechter konnte es dort auch kaum zugehen. Es war immer wieder das gleiche. Einmal in Verdacht geraten, wurde man ihn nie wieder los.

„Wie wird man hierzulande Marshal?“, erkundigte ich mich bitter. „Mit der blühendsten Fantasie? Oder indem man überhaupt keine besitzt?“

Rogers blinzelte mich verschlagen an. Für ihn war der Fall klar.

„Indem man solchen Schurken wie dir gehörig auf die Finger klopft. Typen wie dich kenne ich zur Genüge. Wenn ihr nicht zufällig jemanden umbringt, dann klaut ihr wie die Raben. Hier ein paar Dollar, dort einige Rinder oder auch mal ein Pferd. Und dann sogar eine Frau, die dem Marshal gehört. So etwas geht ins Auge, das hättest du dir denken können.“

Wenn ich sie wenigstens bekommen hätte! Aber Verna war nicht nur standhaft geblieben, sie hatte nicht das geringste persönliche Interesse an mir gezeigt. Und dafür hatte sie von diesem widerlichen Kerl auch noch Prügel bezogen.

„Wenn Sie Rogers heißen, Marshal“, sagte ich, „dann sind Sie vermutlich der Mann, der hier in Barrett Hill das Sagen hat.“

„Das will ich wohl meinen.“ Rogers warf sich stolz in die Brust.

„Anscheinend aber auch der Mann, der hier das Schlagen hat. Marshal, ein Mann, der eine Frau misshandelt, dazu noch völlig ohne Grund, ist in meinen Augen der miserabelste Typ, den ich mir vorstellen kann. Ihre Freundin tut mir leid. Sie hätte einen richtigen Mann verdient.“

„Einen wie dich, nicht wahr?“ Er stemmte sich in die Höhe und kam auf mich zu. Seine behaarten Pranken waren zu Fäusten geballt. Sein schwerer Colt baumelte an seinem Oberschenkel. „Wie ich mein Mädchen behandle, ist einzig und allein meine Angelegenheit, verstanden? Sie hat mir ’ne Menge zu verdanken. Das hat sie dir wohl nicht erzählt, wie? Und ich sorge dafür, dass sie sich nicht mit jedem hergelaufenen Strolch ins Bett legt.“

„Dafür sorgt sie schon selbst, Marshal.“

„Das hat sie auch behauptet, und ich habe ihr verziehen.“

„Sie haben ihr verziehen?“ Ich staunte. „Eigentlich müsste es umgekehrt sein. Im Grunde bin ich froh, dass Sie nun doch nicht der Mann sind, der mir einen Job verschaffen wird. Von Ihnen hätte ich ihn abgelehnt.“

Randy Rogers lachte böse auf. „Das kann ich mir denken. Arbeiten ist nicht deine starke Seite. Hattest wohl gehofft, ich würde dir ein Schießeisen in die Hand drücken, damit du damit im Namen des Gesetzes auf unschuldige Menschen anlegst.“

„Das überlasse ich Ihnen, Marshal.“

Ich zog mich in die hinterste Ecke meiner Zelle zurück und versuchte, den Widerling nicht mehr anzusehen. Mir war klar, dass ich mich nicht eben geschickt verteidigte, doch die Galle lief mir über, wenn der Halunke nur den Mund aufmachte.

Meine Lage war alles andere als rosig. Was mit einem Blick auf Vernas hübschen Bluseninhalt angefangen hatte, endete nun in einer unbequemen, zugigen Zelle, in der man sich den Tod holte, bevor man noch zum Galgen geführt wurde.

Ich stellte mir vor, dass mir die Frau vielleicht selbst den Marshal auf den Hals gehetzt hatte, als sie vom See aus vorausgeritten war. Aber dafür hätte sie wohl kaum Prügel bezogen.

„Ich habe nach dem Richter geschickt“, ließ mich der Marshal grinsend wissen. „Er kann schon morgen hier sein, denn er hatte ganz in der Nähe zu tun. Du hast wirklich Glück, Callahan. Wir haben in Barrett Hill besonders starke Bäume für deinesgleichen. Morgen um diese Zeit hast du schon alles hinter dir.“

So schnell knüpfte man also unter Marshal Rogers die Leute auf.

Ich war im Zweifel, welcher Gedanke unerträglicher war: dass ich morgen schon gehängt werden sollte oder dass dieser Gesetzeshüter ungestraft seine schmutzigen Hände nach Verna ausstrecken durfte.

Als ob sie meine Qual noch größer machen wollte, betrat die Frau in diesem Augenblick das Office.

Ich hielt die Luft an. Sie sah wieder atemberaubend aus. Sie trug eine Reithose, dazu eine Bluse und darüber eine offene Jacke. Es wäre auch ein Jammer gewesen, die beiden kugelrunden, munteren Bälger dahinter einzusperren.

Ihr Haar hatte sie kunstvoll aufgesteckt und ein seidenes Tuch hineingeflochten. Ihr Gesicht war von den Schlägen noch immer leicht gerötet.

Doch offensichtlich war sie diese Behandlung gewöhnt, denn sie wandte sich unbefangen an ihren Peiniger und stellte einen Korb auf den Tisch, in dem sich sein Abendessen befand.

„Es wird eine lange Nacht für dich werden, Randy“, flötete sie süß.

Ich hätte sie dafür umbringen können. Und auch dafür, dass sie mich nicht eines einzigen Blickes würdigte. Sollte sich einer mit Frauen auskennen! Denen war es anscheinend lieber, wenn man sie misshandelte, als dass man zärtlich war.

Aber das war sie vermutlich besser gewöhnt. Der Viehdieb, mit dem sie verheiratet gewesen war, hatte sie bestimmt auch nicht mit Samthandschuhen angefasst. Wahrscheinlich hätte ich viel brutaler rangehen müssen, um bei ihr Glück zu haben.

Na, das Ding war gelaufen. Über verpatzte Chancen brauchte ich mir nicht mehr den Kopf zu zerbrechen.

„Ich glaube nicht, dass die Halunken es wagen werden, ihren Komplizen hier rauszuholen“, brummte der Bärtige.

Was faselte der da? Komplizen? Mich rausholen? Der musste doch zu lange in der Sonne geritten sein.

Ich wollte gerade protestieren, weil ich keine Lust hatte, dass mich der Schuft wegen eines lächerlichen Verdachts die ganze Nacht bewachte, als Verna Harbin ihre Zweifel äußerte: „Sie sind immerhin zu dritt, Randy. Der Bursche hat mir selbst von ihnen erzählt. Sie treiben sich ganz in der Nähe herum. Vermutlich haben sie ihn nur vorgeschickt, damit er in der Stadt spionieren sollte. Wenn du mich fragst, dann haben die ein großes Ding geplant. Vielleicht wollen sie die Bank überfallen.“

Mir blieb die Luft weg. Diese Schlange! Alles, was ich ihr anvertraut hatte, drehte sie völlig um. Entweder glaubte sie mir wirklich kein Wort, oder sie wollte sich damit bei Rogers wieder einschmeicheln. Da konnte einem direkt schlecht werden.

„Sie sollen nur kommen“, sagte der Marshal grunzend. „Bevor die ihre Pfoten nach dem Schlüssel ausgestreckt haben, ist mein Peacemaker leer, und jeder von ihnen hat zwei Stücke Blei im Bauch. Mit solchem Gesindel mache ich kurzen Prozess. Und wenn sie diese Nacht nicht kommen, haben sie Pech gehabt, denn morgen wird ihr Freund hängen. Das schwöre ich. Was hast du mir mitgebracht?“

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738928396
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470077
Schlagworte
callahan reize

Autor

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Titel: CALLAHAN #21: Reize nie zu hoch!