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Sündiger Engel Eva: Redlight Street #81

©2019 120 Seiten

Zusammenfassung

Sündiger Engel Eva

Redlight Street #81

von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

"Ich will aber verrecken!", schreit Ev der anderen ins Gesicht. "Ich will es, damit du Bescheid weißt. Und je schneller ich verrecke, desto besser. Das ganze Leben ist ein Haufen Mist. Ich gebe keinen Pfifferling darum." Dede versteht das junge Mädchen nicht, die sich, wie sie selbst, den Männern für Geld hingibt. Etwas sagt ihr, dass Ev nicht dorthin gehört und wohl ein trauriges Geheimnis mit sich herumträgt. Um ihren Kummer zu verdrängen, nimmt Eva auch noch Drogen, was Dede nicht akzeptieren kann. Und dann taucht Günter auf, der alles nur noch schlimmer werden lässt ...

Leseprobe

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Sündiger Engel Eva

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Redlight Street #81

von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

„Ich will aber verrecken!“, schreit Ev der anderen ins Gesicht. „Ich will es, damit du Bescheid weißt. Und je schneller ich verrecke, desto besser. Das ganze Leben ist ein Haufen Mist. Ich gebe keinen Pfifferling darum.“ Dede versteht das junge Mädchen nicht, die sich, wie sie selbst, den Männern für Geld hingibt. Etwas sagt ihr, dass Ev nicht dorthin gehört und wohl ein trauriges  Geheimnis mit sich herumträgt. Um ihren Kummer zu verdrängen, nimmt Eva auch noch Drogen, was Dede nicht akzeptieren kann. Und dann taucht Günter auf, der alles nur noch schlimmer werden lässt ...

––––––––

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Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Hast du es mitgebracht?“, fragte sie heiser. Er nickte. Ihr ganzer Körper drückte die Gier nach dem Gift aus.

„Gib her! Mach schon!“

Das Gesicht des jungen Schwarzen glänzte vor Schweiß. Noch immer stand er regungslos im Türrahmen und sah das Mädchen an.

„Worauf wartest du noch?“

Mit der flachen Hand schob er die rote Pudelmütze in den Nacken. Das Wollhaar kam zum Vorschein. Evas Zunge glitt über die trockenen Lippen. Langsam stieg Wut in ihr hoch. Sie stand von dem schmuddeligen Bett auf und taumelte auf ihn zu.

„Hast du nicht genug Geld bekommen?“

„Natürlich! Aber mach es nicht, Ev, hör auf!“, bettelte er plötzlich. Er versteckte seine Hand mit dem Päckchen hinter dem Rücken, doch das Mädchen hatte es schon gesehen. Es drehte ihn mit sanftem Griff, dem er nicht widerstehen konnte, um und nahm ihm das Päckchen ab.

„Ich brauche es“, flüsterte Eva rau. „Und du weißt es verdammt gut!“

Er schwitzte, sie roch seinen Schweiß und bemühte sich, aus seiner Nähe zu kommen.

„Los, hau ab! Ich kann dich jetzt nicht brauchen. Geh, sage ich dir!“

Jonny lehnte am Türrahmen, und sein gutmütiges Gesicht wirkte bekümmert. Aber er ging nicht. Irgendetwas hielt ihn zurück.

„Wenn du glaubst, ich würde Rücksicht auf dich nehmen, irrst du dich!“ Sie sprach jetzt mit sehr hoher Stimme; es klang fast hysterisch. „Meinetwegen kannst du dort stehen und mich anglotzen. Mir macht das nichts aus.“

Eva ging quer durch den Raum und holte aus einem wackligen Schrank ihre Utensilien. Mit halb geschlossenen Augen sah sie sich nach dem Jungen um. Er machte sie nervös, aber sie durfte es jetzt nicht zeigen. Sie brauchte jetzt einen Schuss. Den ganzen Morgen hatte sie sich schon auf dem Bett herumgewälzt und auf den Stoff gewartet.

Sie schüttete das Pulver in den Silberlöffel, ging zum Wasserhahn und ließ ein wenig Wasser darauf tropfen. Ihre Hände zitterten dabei, aber sie musste es sich selbst abkochen; sie musste ihre Ungeduld bezähmen. Bis das Streichholz brannte, verging geraume Zeit. Sie verbrannte sich die Finger. Eva fluchte leise vor sich hin, strich das Haar aus dem Gesicht und begann von vorn. Endlich hatte sich das Zeug aufgelöst. Sie lächelte verzückt, nahm die Spritze und zog sie auf. Erleichtert streifte sie den Ärmel ihres Nachthemdes zurück. Sie band sich den Arm ab. Überall waren schon Einstiche. Es sah scheußlich aus, und es wurde immer schlimmer.

Sie jagte sich die Spritze in den Arm, drückte den Kolben herunter. Das Gesicht und der ganze Körper entspannten sich. Die Spritze legte sie auf den Tisch. Eva lehnte sich zurück. Das Gift raste durch ihren Körper. Ein wohliges, angenehmes Gefühl! Bis in die Zehenspitzen glaubte sie es zu spüren, und sie hatte das Gefühl, als schwebe sie plötzlich im Raum umher.

Eva hob die schweren Lider und sah das zerwühlte Bett vor sich. Schlafen, dachte sie. Jetzt hinlegen und einfach pennen. Was hält mich eigentlich davon ab?

Der Junge stand immer noch in der Tür.

„Geh“, sagte sie freundlich.

Jonny hatte ganz traurige Augen, und sie sah es.

„Ich weiß, du bist ein guter Junge“, murmelte sie und schlurfte auf das Bett zu. Sie machte sich noch nicht mal die Mühe, das Laken glatt zu ziehen. Hauptsache, sie konnte sich ausstrecken und schlafen und vergessen, vergessen ...

Der schlanke zierliche Körper streckte und räkelte sich. Die Schenkel öffneten sich, und so zeigte sie sich dem Schwarzen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Er würgte und griff sich mit einer Hand zur Kehle. Dabei keuchte er leise und wischte sich die feuchten Hände an der Hose ab.

Verdammt, warum ging er nicht? Warum blieb er wie angewurzelt an der Tür stehen? Sie hatte bekommen, was sie brauchte und wollte endlich allein sein.

Jonny sah nur noch das weiße Mädchen vor sich. Sein Adamsapfel geriet in heftige Bewegung. Ihre weiße geschmeidige Haut, das kastanienbraune Haar, das sich wie eine Flut auf das Kissen ergoss. Sie war so süß und schön. Er begehrte sie wie nie zuvor.

Schlief sie schon?

Plötzlich verlor er die Beherrschung und stürzte vor. Er warf sich auf das halbnackte Mädchen und bedeckte ihren Körper mit rasenden Küssen.

Eva tauchte wie aus einem tiefen Brunnenschacht auf und öffnete die Augen. Sie sah den krausen Kopf über sich, spürte seine Lippen auf ihrem Mund. Da wurde sie hellwach. Sie sprang auf und stieß den Mann von sich. Sie entwickelte auf einmal ungeahnte Kräfte. Der Schwarze rollte über den Fußboden und landete unter dem Tisch.

„Jonny“, schrie sie ihn an. „Bist du verrückt geworden?“

Er rieb sich das aufgeschundene Knie und sah sie aus blutunterlaufenen Augen an.

Ihre Blicke maßen sich. Das weiße Mädchen und der dunkelhäutige Mann sahen sich unverwandt an. Dann lächelte sie hilflos.

„Jonny, du bist verrückt“, sagte sie leise.

„Nein, nicht verrückt, aber ich bin ein Nigger, nicht wahr? Leider habe ich das für einen Augenblick vergessen.“

Ihre Augen wurden ganz groß.

„Nigger?“, wiederholte sie verständnislos.

„Na klar! Du machst es doch sonst mit jedem, der dir die Mücken hinhält, oder etwa nicht?“

Sie nickte und runzelte unwillig die Stirn.

„Warum also nicht mit mir?“

„Ach, Jonny!“ Ihre Hände glitten über ihre nackten Schenkel. „Du glaubst es doch nicht wirklich, nicht wahr? Ich meine, dass ich dich nicht will, weil du ein Schwarzer bist. Das sagst du doch nur so. Du weißt ganz genau, dass es nicht stimmt.“

Jonny stand auf, strich seine Hose glatt und blieb vor dem Mädchen stehen.

„Sei still! Ich weiß es doch, aber verdammt, glaubst du, ich habe ein Herz aus Stein? Glaubst du, ich hätte nicht auch mal das Verlangen? Und du bist verdammt hübsch; hübscher als alle anderen zusammen.“

Eva blinzelte ihn an und lächelte schief.

„Das habe ich nicht gewusst, Jonny.“ sagte sie bedauernd.

„Soll das heißen ...?“, begann er, und das Herz klopfte ihm bis zum Hals.

„Aber nicht jetzt. Ich muss jetzt schlafen, muss fit sein, das weißt du doch. Jetzt will ich nicht. Sagen wir, wenn das Geschäft vorbei ist, dann kannst du kommen und so lange bleiben, wie du willst. Ohne Geld natürlich.“

Jonny sah sie lange an.

„Verdammt, Ev, ich glaube dir“, sagte er leise. „Dir glaube ich es. Du behandelst mich nicht wie ein Stück Dreck. In deinen Augen bin ich ein Mensch. Ev, das vergesse ich dir nie, hörst du?“

„Schon gut.“ Sie stand auf und drängte ihn zur Tür. „Warum sollte ich auch? Du bist ein lieber Kerl. Ich mag dich lieber als alle anderen, glaub mir. Nun geh aber. Ich brauche jetzt meine Ruhe. Und vielen Dank für die Besorgung.“

Der Schwarze ließ sich zur Tür schieben. Das Nachthemd gab die kleinen straffen Brüste frei. Er streckte seine braune Hand aus und streichelte sie. Eva sah ihn an und lächelte. Sie hatte ein ganz eigenartiges Gefühl in der Magengrube. Er riss das Mädchen für einen Augenblick in seine Arme.

„Bis heute Nacht!“, sagte sie leise.

„Ja, ja, ich werde es nicht vergessen. Und, Ev, ich werde mich waschen, hundertmal, du sollst nicht deine Nase rümpfen müssen. Ich bin ganz toll nach dir! So etwas wie dich gibt es nur alle hundert Jahre hier.“

„Ja, ich weiß, aber jetzt geh!“

Aufatmend schloss sie die Tür hinter ihm und lehnte sich einen Augenblick dagegen. Sie war hundemüde und konnte nicht mehr klar denken. Taumelnd erreichte sie das Bett und ließ sich darauf fallen. Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander. Alles verschmolz ineinander, und sie hörte die Geräusche draußen auf dem Flur nicht mehr. Sie versank in einer Traumwelt.

Jonny war schon wieder vergessen, so wie sie alle anderen Männer vergaß. Nur eines vergaß sie nie, und das war wie ein Alptraum. Sie konnte noch so viel von dem weißen Zeug schlucken, es nützte nichts.

Ganz langsam rollten Tränen über ihr Gesicht. Eva konnte sich nicht dagegen auflehnen. Früher hatte sie es einmal getan, aber es war sinnlos. Das ganze verdammte Leben war sinnlos, schal und ohne Hoffnung.

Es war Dede, die an die Tür donnerte. Das ganze Haus schien dabei zu erzittern. Aber wenn Dede sich einmal etwas vornahm, dann tat sie es gründlich. Sie hämmerte mit den Fäusten gegen das morsche Holz, bis ihr bewusst wurde, dass die Tür gar nicht verschlossen war. Sie stürmte in den Raum und blieb abrupt stehen, als sie Eva im Bett liegen sah.

Maßlose Wut stieg in dem Mädchen hoch. Sie sprang zum Bett, riss Eva bei den Schultern hoch und schrie sie an: „Aufwachen, verdammt noch mal!“

Eva wackelte mit dem Kopf hin und her. Sie konnte sich an nichts mehr erinnern.

Dede tätschelte unsanft ihre Wangen und sie öffnete die verquollenen Augen. Dede erkannte mit einem Blick, was mit der Kleinen los war, und fluchte in allen Tonarten.

„Hat dir dieser Niggerbastard wieder das Giftzeug besorgt? Ich könnte ihm sämtliche Knochen brechen. Los, reiß dich zusammen, steh auf!“

Eva war nun endgültig wach und riss ihre blauen Augen auf. Sie starrte das Mädchen über sich an. Stunden mussten seither vergangen sein. Die Sonne schien mitten ins Zimmer. Sie hatte vergessen, die schäbigen Gardinen zuzuziehen.

„Ach, du bist es, Dede? Was machst du denn für einen Krach?“

„Man sollte dich windelweich schlagen, vielleicht hörst du dann endlich damit auf!“, fauchte Dede aufgebracht.

Eva schwang die Beine aus dem Bett.

„Was soll ich überhaupt? Warum lässt du mich nicht schlafen?“

Aber Dede musste erst ihrem Zorn Luft machen.

„Ich werde Jonny ’rausschmeißen und ihm vorher das Fell vergerben!“, knurrte sie.

„Lass Jonny in Ruhe!“, sagte Eva scharf.

„Wie, ist er vielleicht jetzt dein Herzensbubi“, höhnte das andere Mädchen.

„Nein, aber Jonny hat nichts damit zu tun. Er besorgt mir das Zeug, weil ich ihn darum bitte. Das ist alles. Übrigens will er selbst nicht, dass ich es nehme.“

„Dann hat er mehr Grips in seinem Spatzengehirn, als ich angenommen habe“, sagte Dede und setzte sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer. Eva blieb auf dem Bettrand sitzen und machte keine weiteren Anstalten aufzustehen.

„Sag mal, willst du dich nicht endlich anziehen? Was glaubst du wohl, weswegen ich hier bin?“ Dede betrachtete das junge Mädchen kopfschüttelnd.

„Das überlege ich mir schon die ganze Zeit. Warum wohl? Ich war gerade so schön eingeschlafen, und da kommst du ins Zimmer gepoltert wie eine ganze Herde Kühe. Kannst du mich nicht endlich in Ruhe lassen? Ich habe dich nicht darum gebeten, bei mir Kindermädchen zu spielen.“

„Nein, das hast du nicht, aber wenn ich mich nicht um dich kümmerte, dann wärst du längst vor die Hunde gegangen. Verreckt wärst du, Ev, und niemand würde dir eine Träne nachweinen.“

Eva lächelte nur. Das alles berührte sie nicht.

„Los, zieh dich an, und dann komm ’runter frühstücken!“, wurde Dede energisch.

„Ich habe keinen Hunger“, sagte Eva störrisch.

„Ich weiß. Seit du das verdammte Rauschgift nimmst, vergisst du alles, wenn man dich nicht jeden Tag von Neuem antreibt. Du gehst mit, und wenn ich dich aus dem Zimmer ’rausprügeln muss!“, sagte Dede drohend.

Eva sah ihre Freundin prüfend an. Wie sie Dede kannte, würde die das tatsächlich tun. Plötzlich bekam sie wieder einen Wutanfall.

„Ich will aber verrecken!“, schrie sie Dede ins Gesicht. „Ich will es, damit du Bescheid weißt, ich brauche keinen Aufpasser. Und je schneller ich verrecke, desto besser. Das ganze Leben ist ein Haufen Mist. Ich gebe keinen Pfifferling darum!“

„Sooo“, sagte Dede gedehnt. „Dein jetziges Leben hängt dir also schon zum Hals heraus. Wer hat dir denn gesagt, dass du hier bei uns anfangen sollst? Ich habe schon lange das dumme Gefühl, dass du 'raus willst, und das kannst du doch auch. Warum tust du es nicht?“

„Ach, halt die Klappe! Ich rede nicht mehr mit dir.“

„Schön, lassen wir das Thema. Aber jetzt steh auf und zieh dich an, zum Teufel!“

Eva sprang vom Bett. Am liebsten hätte sie Dede das Gesicht zerkratzt, so wütend war sie, aber im nächsten Augenblick tat es ihr schon wieder leid. Dede war wirklich ihre Freundin, und sie brauchte sie. Dieses Mädchen war für sie der einzige Halt in ihrem verkorksten Leben.

Eva wandte sich um und streifte das Nachthemd ab. Nackt stand sie im Zimmer, einem scheußlichen Zimmer, mit angeschimmelten Tapeten, alten schäbigen Möbeln und einem zerschlissenen Teppich in der Mitte. Hinter einem Wandschirm befand sich der Waschtisch.

Dede betrachtete Eva nachdenklich. Ihre Augen wurden immer feucht, wenn sie die Kleine so sah. Eva war ein wundervolles Geschöpf, langbeinig und schmal wie ein Reh. Die konnte schon die Männer verrückt machen. Sie hatte eine so weiche weiße Haut und überall kleine Grübchen und Rundungen. Sie war das schönste Mädchen weit und breit, und die straffen Brüste konnten einen Mann schon verrückt machen. Auch Dede war von der Schönheit des Mädchens angetan. Und so etwas ging hier vor die Hunde, dachte sie bekümmert. Es war zum Heulen.

„Hör doch auf damit!“, sagte sie leise und konnte den Blick nicht von dem zarten Mädchenkörper lassen. „Ach, Ev, du weißt ja gar nicht, wie schrecklich das Leben sein kann. Jetzt bist du noch jung und hübsch, und die Männer sind verrückt nach dir. Aber lass mal ein paar Jahre verstreichen, dann bist du alt und verbraucht und musst dir eine andere, miesere Absteige suchen. Du hast es doch wirklich nicht nötig. Ich weiß das. Du hast eine gute Schulbildung und kannst jederzeit was anderes werden. Bei dir ist es doch anders als bei uns. Wir kommen von diesem verdammten Gewerbe nicht mehr los, aber du könntest es schaffen.“

Eva sah sie mit ihren schönen, blauen Augen an. Ganz langsam glitt ein Lächeln über ihr Gesicht. Ihre Lippen zuckten.

„Ich will ja vor die Hunde gehen“, sagte sie mit brüchiger Stimme.

„Niemand will das wirklich“, sagte Dede hart. „Das ist nur dummes Gerede.“

„Doch, ich will es wohl!“

Dede kaute auf ihren Lippen herum. Seltsames Mädchen, diese Eva. Man begriff sie einfach nicht. Während sie noch grübelnd aus dem Fenster blickte, war Eva zum Waschtisch geschlurft und wusch sich geräuschvoll. Dann ging sie zum Schrank und nahm ein Kleid vom Bügel. Es war giftgrün und großmaschig und stand ihr sehr gut. Es reichte gerade über das Höschen. Die kupferbraune Haarflut wurde von einem grünen Band zusammengehalten, und dann war Eva mit ihrer Toilette fertig. Noch sah man ihr nicht an, dass sie süchtig war. Noch hatte sie das zarte Gesicht und das Kleinmädchenlächeln, das die Männer so verrückt machte.

Warum sie es wohl tut?, grübelte Dede wieder. Eines Tages war sie zu ihnen gekommen, und niemand wusste viel über sie. Nur mit Dede sprach sie ab und zu einmal von der Vergangenheit. Sie hatte das Abitur gemacht, hatte einige Semester studiert, und plötzlich war sie hier im Bordell aufgetaucht. Seitdem war sie das Paradepferd hier in der Straße. Mit Eva konnte sich keine messen. Niemand verdiente in einer Nacht so viel wie sie. Die anderen mussten schuften, um ihre Loddels zufriedenzustellen, und sie machte ein paar Stunden und hatte dann ihre acht Blauen beisammen.

Die Dirne fragte sich, ob die Freundin jetzt das Rauschgift brauchte, um zu vergessen, oder ging sie auf den Strich, um an das Gift zu gelangen? Das hatte Dede noch nicht ergründen können. Sie wusste nur, dass Jonny der Hausboy, es besorgte, und der Schuft schien ganz schön daran zu verdienen. Dede hasste Jonny deswegen, und sie nahm sich fest vor, ihm die Leviten zu lesen.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke.

„Du, sag mal, was meint dein Kerl eigentlich dazu?“

„Wozu?“, fragte Eva.

„Tu doch nicht so! Dass du süchtig bist, meine ich, muss doch mächtig ins Geld gehen. Lässt er sich das gefallen? Wenn ich an meinen Freddy denke, der würde mir ganz schön heimleuchten, das kann ich dir flüstern.“

„Ach so“, sagte Eva gleichgültig. „Ich habe gar keinen Kerl. Weißt du das denn nicht?“

„Wie?“ Dede riss die Augen auf. „Du hast keinen? Lügst du auch nicht?“

„Warum sollte ich dich anlügen, Dede. Ich habe wirklich keinen und will auch keinen. Glaubst du, ich arbeite, damit die sich den Ranzen vollschlagen können? Nee, ich bin doch nicht so bekloppt!“

Die Dirne war fassungslos. Das ging über ihren Horizont. Bis jetzt war es noch nicht vorgekommen, dass eine Dirne lange allein blieb. Das Syndikat war immer schnell zur Stelle, und diese Brüder hatten wirksame Methoden, um ein Mädchen gefügig zu machen. Die meisten wurden von einem Macker gebracht, der sie verführt hatte, und sie dann für sich auf den Strich gehen ließ. Bis die kleinen naiven Küken merkten, was hier gespielt wurde, hatten sie ihren Gewerbeschein in der Tasche und waren registrierte Prostituierte.

„Wenn das mal gut geht“, murmelte Dede aus ihren Gedanken heraus.

Eva lächelte.

„Lass das mal meine Sorge sein, Dede. Ich kann gut für mich sorgen. Aber wenn du mal in der Klemme sitzt, komm ruhig zu mir. Ich helfe dir dann, so gut ich kann, hörst du?“

Dede nickte heftig, und ihr dicker schwarzer Pferdeschwanz wippte dabei. Eva war ein eigenartiges Geschöpf, und Dede fand, dass sie viel zu schade für den Puff war. Sie selbst wäre liebend gern etwas anderes geworden, aber ihre Mutter war Prostituierte gewesen, und dann hatte so ein Kerl Dede schon mit zwölf vergewaltigt. Ihre Mutter hatte ihr immer eingehämmert, sie sei für andere Berufe untauglich, und so war sie ’reingeschlittert.

Eva war zu gut, ja, das war es wohl. Und deshalb hatte Dede das Gefühl, sich um das Küken kümmern zu müssen. Eva war höchstens neunzehn, und Dede war schon fünfundzwanzig. Daher ihre mütterlichen Gefühle.

Welche Nutte sagte schon, dass sie einer anderen helfen wolle!? Es war nur bedauerlich, dass Eva nicht den Drang verspürte, aus diesem Milieu herauszukommen. Dedes großer Zeh juckte mächtig, als sie darüber nachdachte, und das bedeutete, dass die Kleine noch eine Menge Ärger kriegen würde. Die waren hier nicht auf den Kopf gefallen. Eine Zeitlang ließen sie es sich gefallen, dass eine nicht in ihre Organisation eintrat, aber nicht lange.

Dede ahnte, was der Kleinen dann blühte, und sie hatte Angst davor.

Die beiden Mädchen stiegen hintereinander die schmale Treppe hinunter.

Im Frühstückszimmer sah es wie immer wüst aus. Paulchen, wie die Hausmutter von den Mädchen genannt wurde, war eine Schlampe. Von Sauberkeit hielt sie nicht viel, aber sie war gut zu den Mädchen und gutmütig wie ein Pferd. Wenn man hörte, was die Mädchen in anderen Häusern sich gefallen lassen mussten, so hatten sie es noch gut getroffen.

Auf dem Tisch waren Kaffeepfützen, Brötchenkrümel, verstreuter Zucker, und die gebrauchten Tassen und Teller standen wahllos durcheinander. Niemand machte sich die Mühe, sie abzuräumen.

Die erste Schicht war schon an der Arbeit und hatte den Tisch so hinterlassen. Lola und Nelly saßen noch da und rauchten. Sie trugen beide einen schäbigen Morgenrock und blickten auf, als die beiden Mädchen den Raum betraten.

Dede schüttelte sich vor Ekel und machte für sich und Eva einen Platz frei. Eva lächelte die beiden Kolleginnen an und ließ sich auf das alte Sofa fallen.

„Kaffee müsst ihr euch schon holen. Er ist uns ausgegangen“, sagte Lola und zeigte auf die große Kanne. Dede nahm sie und ging damit in die Küche.

„Wer ist eigentlich im Koberzimmer?“, fragte Eva und steckte sich auch eine Zigarette an.

„Inge und die Neue. Ich vergesse immer den Namen, aber die mit der langen Nase, weißt du“, sagte Nelly.

„Ach, du meinst bestimmt Mercedes“, murmelte Eva. „Hat die es denn so nötig, dass sie Morgenschicht schiebt?“

„Alle haben es nicht so gut wie du“, sagte Lola. „Du mit deinem Gewinn in der Nacht, da kann man direkt blass werden vor Neid. Aber warte nur, wenn du älter bist. Da legt sich das alles. Ich kenne das. War auch mal so jung und knusprig wie du!“

Eva war zu allen freundlich; es war einfach ihre Art. Auch jetzt nickte sie nur und sah Lola an. Sie glaubte es ihr ja, aber es fiel ihr schwer, es sich vorzustellen. Lola war aufgedunsen und tat nicht viel an sich. In der Nacht sind alle Katzen grau, pflegte sie immer zu sagen und lachte noch dazu.

Dede kam mit dem heißen Kaffee und Brötchen zurück.

„Wo hast du die denn noch gerettet?“, wunderte sich Nelly. „Als ich vorhin welche haben wollte, waren keine mehr da.“

„Jonny hat sie gekauft und mir gegeben. Aber sie sind für Ev bestimmt.“ Dede knallte das Körbchen auf den Tisch. „Iss!“, sagte sie streng.

„Du hättest Gefängnisaufseherin werden sollen“, murrte Eva. „Siehst du denn nicht, dass ich rauche? Ich habe wirklich keinen Hunger. Iss du nur! Ich schenk sie dir.“

„Kommt nicht in Frage! Du isst mindestens drei Brötchen, verstanden?“

Eva gab seufzend nach. Widerstand war so anstrengend. Da aß sie lieber brav ihre Brötchen. Sie pulte das Weiche heraus. Die Butter war schon alle, deshalb pappte sie Marmelade in die tiefe Rinne. Nun sah das Brötchen wie ein kleines Schiff aus.

Das Mädchen aß graziös und manierlich. Lola sah ihr bewundernd zu. Eva konnte ihre gute Erziehung nicht verleugnen. Es steckte ihr einfach im Blut. Wenn sie vielleicht auch nicht wollte, dass es auffiel. Angeben lag ihr gar nicht.

„Musst du heute am Tage anschaffen gehen, Dede?“

Das dunkelhaarige Mädchen schüttelte den Kopf, weil sie gerade den Mund voll hatte.

„Fein, dann stehen wir heute Abend wieder zusammen?“

„Was das anbelangt, so hast du ja immer Glück und angelst dir gleich einen. Bei mir dauert es länger, aber ich bin dir nicht böse. Ehrlich, Ev. Hab oft gemerkt, dass du mir einen Macker zugeschoben hast.“

Eva hatte endlich die drei Brötchen mit einer gehörigen Portion Kaffee ’runtergespült und stand auf. Neben dem Frühstückszimmer lag das Koberzimmer. Inge und Mercedes, eine kleine Französin, saßen mit entblößtem Oberkörper am Fenster. Es war sehr heiß in der frühen Morgenstunde, aber auf der Straße liefen schon eine Menge Freier herum. Doch sie getrauten sich nicht so recht. Abends, wenn es dunkel war, hatten die meisten mehr Mut.

„Na, ihr Hübschen, wie ist es? Läuft das Geschäft?“

Inge sah sich um.

„Guck dir mal die lahmen Hähne da draußen an. Die haben doch Angst. Ich könnte sie in die Gosse stoßen.“

„Ist noch zu früh, und außerdem auch sehr heiß“, sagte Eva.

„Mir nicht“, sagte Mercedes. „Ich mich langweilen. Wenn nicht bald einer kommen und anbeißen, ich gehen ’raus und schleifen einen ins Haus.“

Sie lachten alle auf.

Ein Jüngling kam vorbei. Er hatte gierige Augen und spähte in das Zimmer. Als er Eva sah, wurden seine Augen noch runder als vorher.

„Die will ich“, sagte er heiser und zeigte auf Eva.

„Nichts zu machen, mein Junge. Ich habe frei. Hier sind zwei andere nette Mädchen, die werden dir mal zeigen, was Spaß macht. Entschließ dich!“

„Ich will dich!“

Eva wurde böse.

„Dann hau ab. Du meinst auch, du kannst jede bekommen, wie? Ich bin nicht im Dienst, und mit so grünen Jungen gebe ich mich überhaupt nicht ab.“

Der Jüngling wurde nun auch böse.

„Das wird ja immer schöner? Wer hat denn schon mal gehört, dass sich eine Nutte verweigert? Du bist doch froh, dass wir kommen. Los, ich kann jeden Preis bezahlen. Charly bekommt alles. was er haben will. Ich kann mir jede kaufen, die ich haben will!“

„Irrtum, Süßer, so ist es bei uns nicht. Auch wir brauchen mal Freizeit. Hast du schon mal was von ’ner Gewerkschaft gehört?“

Er starrte sie mit offenem Mund an.

Inge bog sich vor Lachen. Mercedes hatte nicht alles so mitbekommen. Als der Jüngling draußen auf der Straße merkte, dass die Mädchen sich über ihn lustig machten und die anderen Freier auch schon verdächtig grinsten, da machte er, dass er fortkam. Das Gelächter klang ihm noch in den Ohren, als er längst die Straße verlassen hatte.

„O je, da kommt der Opa wieder!“, seufzte Inge. „Ich mache mich dünn!“

Ein Männchen mit schütterem Haar kam forsch über die Straße. Sein Blick galt Mercedes. Die Französin schüttelte sich innerlich. Was sollte sie machen? Ihn ablehnen? Wusste sie, ob ihr Macker sie nicht im Auge hatte?

Ein kurzes Gespräch, dann stand sie auf und ließ den Freier ein, um mit ihm in ihrem Zimmer zu verschwinden.

„Ich gehe in die Stadt. Soll ich dir etwas mitbringen, Inge?“

„Ich brauche mal wieder Nagellack und Puder. Du kennst doch meine Marke?“

„Ist gut, ich werde es mitbringen!“, versprach Eva.

„Geb dir nachher das Geld dafür!“

„Schon gut. Bis heute Abend, Inge!“

Inge sah dem grazilen Mädchen nach und biss sich auf die Lippen.

Eva hatte sich für die Stadt umgezogen. Jetzt trug sie ein weißes Leinenkleid, dazu grüne Schuhe und eine passende Tasche. Sie verließ das Haus und ging die Straße hinunter. Die Freier pfiffen ihr bewundernd nach, aber das Mädchen kümmerte sich nicht darum. Sie bewegte sich wie eine Schlafwandlerin, denn das Rauschgift wirkte immer noch in ihr nach. Sie nahm es noch nicht lange, und so war die Wirkung bei ihr noch sehr anhaltend.

Wie sie so daherging, mit anmutigen Schritten und einem strahlenden Lächeln, hätte niemand sie für eine Dirne gehalten, sondern für ein nettes, anständiges Mädchen.

Ihr erster Weg führte sie zur Bank. Sie musste die gestrige Tageseinnahme noch einzahlen. In dieser Hinsicht war sie sehr gewissenhaft. Während sie am Schalter stand, musste sie an Dedes Worte denken. So einfach, wie sie sich alles vorgestellt hatte, war es wirklich nicht. Sie wusste, dass sie eines Tages Ärger bekommen würde. Warum man sie bis jetzt in Ruhe gelassen hatte, war ihr ein Rätsel. Ob man sicher gehen wollte? Oder beobachtete man sie, um festzustellen, ob sie gut war oder nicht? Langsam musste sich doch herumgesprochen haben, dass sie Klasse war und dass niemand auf der Straße so viel verdiente wie sie.

Wenn sie es recht bedachte, so ging es ihr gar nicht ums Geld. Sie hatte mit dem Rauschgift angefangen, und weil es teuer war, war sie auf den Strich gegangen, und da hatte sie sich gedacht, wenn schon, dann lieber in ein lizenziertes öffentliches Haus als nur so als Bordsteinschwalbe. So hatte alles begonnen. Dass die Männer wild nach ihr waren, das war nicht ihre Schuld. Sie wollte niemandem das Geschäft kaputtmachen.

Eva hasste diese Männer hier, und darum dachte sie auch im Traum nicht daran, sich einem Zuhälter zu unterwerfen. Sie brauchte das Geld selbst und wollte sich auch etwas auf die hohe Kante legen.

Während sie so nachgrübelte, kam ihr Jonny in den Sinn. Er war der einzige, den sie auf ihre Art mochte. Jonny musste ihr helfen. Sie würde heute Nacht mit ihm sprechen. Vorsorge war immer besser, und man wusste nie, wann das Syndikat seine Leute losschickte.

Voller Zuversicht verließ sie die Bank und trippelte über die Straße. Es war knallheiß draußen, und sie sehnte sich nach einem Bad, aber dann würde man die vielen Einstiche an ihren Armen sehen. Sie seufzte.

Im Kaufhaus liefen die Ventilatoren auf Hochtouren und sorgten für etwas Kühlung. Sie besorgte alles für Inge und dann für sich einige Kleinigkeiten. Anschließend aß sie ein Eis, schlenderte die Straße entlang und betrachtete die Auslagen. Bewusst nahm sie aber nichts auf; sie war halb in Trance und sah die Welt rosarot.

Und dann entdeckte sie in der Schaufensterscheibe das Gesicht. Für einen kurzen Augenblick wurde sie in die grausame Wirklichkeit zurückgerufen. Ihr Rücken versteifte sich, und sie wagte nicht zu atmen. Ein hageres blasses Frauengesicht sah sie anklagend an. Noch war sie ein ganzes Stück von ihr entfernt. Die Erkenntnis, dass man der Wirklichkeit nie entfliehen kann, fiel wie ein Stein auf ihre Seele. Mit allen Mitteln hatte sie versucht, dieses Gesicht zu vergessen, und nun tauchte es aus dem Menschengewühl auf.

Ihre Schwester! Gleich würde sie neben ihr stehen.

Nur das nicht! Sie musste fliehen, sich verstecken. Noch war es nicht zu spät. Fort, das war der einzige Gedanke, der sie beherrschte.

Die Tasche fest an sich gedrückt, rannte sie blindlings los. In einer kleinen Gasse hielt sie erschöpft inne. Sie duckte sich hinter den großen Mülltonnen und verharrte reglos.

Ihre Schwester ging langsam weiter, still und mit einem herben Gesichtsausdruck. Eva hatte es ganz deutlich gesehen. Sie schloss sekundenlang die Augen, weil sie den Anblick nicht länger ertragen konnte.

„Hallo, kleines Fräulein, was machen Sie denn da?“

Erschreckt hob sie den Kopf und sah einen Polizisten über sich.

„Ich ... ich ... mir ist die Tasche ’runtergefallen, und ich habe meine Sachen zusammengesucht.“

„Soll ich Ihnen helfen? Vielleicht liegt noch was hinter den Tonnen?“, fragte er freundlich.

„Nein, nein, danke, ich habe schon alles beisammen, wirklich!“ Verlegen erhob sie sich und lächelte scheu.

„Na, dann ist es ja gut. Ich dachte schon, Sie verstecken sich vor jemandem. Wenn Ihnen einer etwas tun will, wenden Sie sich ruhig an die Polizei, kleines Fräulein.“

Sie starrte ihn mit ihren großen Augen an.

„Weshalb sollte ich Angst haben?“

„Na“, der Beamte musterte sie von oben bis unten, „eben haben Sie ängstlich ausgesehen. Wie ein erschrecktes Kaninchen hockten Sie da. Aber ich kann mich auch täuschen. Guten Tag!“

Eva blickte ihm nach, bis er verschwunden war. Erst dann ging sie vorsichtig zur Hauptstraße zurück. Die Schwester war nirgends mehr zu sehen.

Der Stadtbummel war ihr verleidet. Sie lief, so schnell sie konnte, fort.

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Einige Mädchen bewohnten mit ihren Loddels in der Stadt eigene Zimmer. Die Nachbarschaft dort wusste nie, welchem Beruf sie nachgingen. Dort benahmen sie sich gesittet und sehr ordentlich.

Eva bewohnte ihr Zimmer auch am Tage. Sie wollte es nicht anders, obwohl es in dieser Gegend meistens stank, und sie oft die Nase rümpfte. Die Putzfrau machte nur ab und zu die Zimmer sauber. Und dabei mussten sie pro Tag für diese Absteige vierzig Mark auf den Tisch legen. Da konnte man doch zumindest Sauberkeit verlangen.

Sie lieferte die Sachen bei Inge ab und stieg in ihr Zimmer. Ihre Kolleginnen hatten heute anscheinend viel zu tun. Sie hörte Gelächter und Gekicher aus den anderen Zimmern. Und das bei dieser Hitze, dachte sie. Aber zum Glück kühlte es gegen Abend merklich ab.

Eva entkleidete sich, legte sich nackt aufs Bett und versuchte, ein wenig zu schlafen. Die Fenster standen weit offen, und sie roch den Küchenabfall aus dem engen Hinterhof. Der Lärm auf der Straße störte sie beim Einschlafen. Es war zum Verrücktwerden.

Sie stand wieder auf, ging im Zimmer auf und ab, steckte sich eine Zigarette an, setzte sich ans Fenster und starrte über die Dächer hinweg in die Stadt hinunter. Dieser Stadtteil lag ein wenig höher als die übrigen. Er war verrufen und wurde von anständigen Leuten gemieden wie die Pest.

Ob ihre Schwester ahnte, dass sie hier lebte? Ihre Hand verkrampfte sich, und sie warf die halbgerauchte Zigarette aus dem Fenster.

Immer musste sie daran denken. Sie musste etwas tun, um das alles zu vergessen. Sicher hatte Dede noch ein paar Prelus. Sie wollte nicht schon wieder spritzen. Sie musste für die Nacht fit sein, aber die Tabletten würden bewirken, dass sie bei diesem Lärm einschlief.

Rasch warf sie sich den Morgenmantel über und ging über den Flur. Dede hatte zu ihrem Erstaunen Besuch. Sie klopfte. Dede kam nackt zur Tür. Eva sah sie verblüfft an.

„Ich dachte, du hast Nachtschicht wie ich?“

„Hab ich auch, aber ein Stammkunde von mir kam vorbei und hatte gerade Zeit. Da kann man doch nicht so sein.“

„Ist ja auch egal. Du hast doch ein paar Prelus für mich?“

Dede kniff die Augen zusammen.

„Mach schon! Ich weiß, du hast welche. Nächstens hole ich welche, dann gebe ich sie dir wieder.“

„Himmel, darum geht es mir ja nicht. Du sollst nicht so viel von dem Zeug schlucken. Erst das Gift heute Morgen und jetzt schon wieder?“

„Dede, ich bin hundemüde und fühle mich elend. Wenn du wüsstest! Ich brauche etwas, damit ich bei diesem Lärm schlafen kann. Sei doch nicht so!“

„Na schön, aber nur zwei, mehr nicht!“

Eva nickte.

Dede ging ins Zimmer zurück und ließ die Tür offenstehen. Eva sah den nackten Mann auf dem Bett liegen und lächelte. Der Mann sah sie und verschlang ihre Figur mit den Augen. Er atmete schneller. Sein Blick ging zwischen den Mädchen hin und her.

„He, ihr Hübschen, wollt ihr beiden nicht mit mir zusammen ein Spielchen machen? Ich zahle gut!“

Dede sah ihre Freundin an, aber Eva schüttelte den Kopf.

„Heute nicht. Das nächste Mal.“

Und dann war sie doch noch eingeschlafen. Als sie erwachte, stand der Abend schon vor dem Fenster. Fächerförmig warf er seine Schatten über die Stadt und in die Zimmer. Eve stand auf, duschte sich und aß eine Kleinigkeit von dem, was sie sich aus der Stadt mitgebracht hatte.

Sie zog sich wieder ihr Berufskleid an. Am meisten sprachen die Männer auf den grünen großmaschigen Fummel an. Warum, das war ihr auch schleierhaft. Sie streifte ihn über. Er bedeckte gerade den schwarzen Slip.

Als sie auf den Gehsteig trat, war es ganz dunkel geworden, und sie sah Dede schon an der Hauswand lehnen. Das Geschäft war noch mau. Aber so war es jeden Abend. Die Freier standen auf der gegenüberliegenden Straßenseite und starrten zu den Mädchen herüber. Keiner brachte den Mut auf, als Erster zu starten.

Eva ging zu Dede und bot ihr eine Zigarette an. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, stellte das eine Bein ein wenig vor und wartete.

Lola und Nelly waren jetzt im Koberzimmer. Die Loddels machten ihre Runde, vergewisserten sich, dass alle auf ihren Plätzen waren, und gingen hinüber in die Kneipe unten an der Ecke. Sie hieß „Zum kahlen Otto“ und war stets nach Mitternacht der Treffpunkt sämtlicher Dirnen und ihrer Zuhälter. Dort steckten die Mädchen ihnen auch das sauerverdiente Geld zu. Eva ging ganz selten mit hinüber. Nur dann, wenn sie noch Lust verspürte, nach der Arbeit etwas zu unternehmen.

In diesem Augenblick kam ein breitschultriger Mann über die Straße. Er schien angetrunken und schwankte leicht hin und her. Die Mädchen gaben sich nie mit betrunkenen Männern ab; die machten nur Schwierigkeiten.

„He, ihr Hübschen, wie ist es mit uns? Hab heute meinen tollen Tag. Ich könnte euch alle vernaschen. Na, wie ist es? Die Kupferbraune gefällt mir am besten. Aber ihr anderen kommt auch noch dran!“

„Zieh Leine!“, sagte Eva eisig. „Schlaf deinen Rausch aus! Wir wollen mit dir nichts zu tun haben. Hau ab!“

„Jungs, habt ihr das gehört? Sie sind zu fein. Sie wollen nicht. Mann, das ist mir noch nicht passiert. Aber ich lass nicht mit mir spaßen. Wenn Willy will, dann bekommt er auch seinen Willen. Verstanden, Kleine?“

Eva war längst in den Hintergrund getreten. Er vergriff sich und schnappte sich Dede. Die schlug ihm gleich mitten ins Gesicht. Er schwankte einen Augenblick hin und her. Sie glaubten schon, er würde im Rinnstein landen, doch dann kam er an wie ein Bulldozer. In diesem Augenblick vergaß er anscheinend ganz, wo er sich befand, und dass er sich mit einem Mädchen schlagen wollte. Dede, die nicht mehr gegen ihn ankam, schrie laut auf. Lola beugte sich für einen kurzen Augenblick weit aus dem Fenster, überblickte die gefährliche Situation und stieß einen schrillen Pfiff aus.

Wie aus dem Boden gewachsen, standen plötzlich die Loddels da. Ohne viel Worte zu machen, schnappten sie sich den Kerl, verprügelten ihn gehörig und warfen ihn auf die Straße. Er landete auf den Knien, schrie mörderisch, aber dann sah er die dunklen Gestalten erneut auf sich zukommen, sprang auf und lief geduckt die Straße entlang.

„Ich schätze, wir können uns heute die Beine in den Bauch stehen“, sagte Dede schnaufend. „So ein Mistkerl!“

„Macht nichts. Sie werden schon kommen. Du kennst sie doch. Sie brauchen Mut!“

Eva verschwand als Erste mit einem Freier im Haus. Es war ein kleines Männchen mit feuchten Augen. Er leckte sich die Lippen, als er hinter dem Mädchen die Treppe hochstieg. Als er sie in die Schenkel kneifen wollte, schlug sie ihm auf die Hand. Im Zimmer angekommen, sagte sie: „Los, leg dich da auf die Bank und mach es dir bequem!“

„Machst du es auch wirklich nackt?“, fragte er lauernd.

„Natürlich, wenn ich das sage. Aber erst mal die Mücken!“

„Wieviel?“

„Dreißig für eine Viertelstunde!“

Er starrte sie an wie ein Weltwunder, griff dann aber doch in seine Tasche und brachte das Geld hervor. Mit einem Blick sah sie, dass er ziemlich gut betucht war.

Der Mann legte sich hin. Eva ließ das winzige Höschen fallen und kam auf ihn zu.

„Ich denke, du machst es nackt“, jammerte er.

„Bin ich etwa unten nicht nackt?“, fragte sie spitz.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (ePUB)
9783738927702
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (März)
Schlagworte
sündiger engel redlight street
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Titel: Sündiger Engel Eva: Redlight Street #81