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Ein Herz braucht Gewissheit

2019 120 Seiten

Leseprobe

Ein Herz braucht Gewissheit

Heiter-romantische Erzählungen

von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 70 Taschenbuchseiten.


- Susanne liebt ihren Freund Hasso, aber ihre Freundin Inge traut ihm nicht. Warum macht er aus seinem Beruf so ein Geheimnis? Hat er etwas zu verbergen? Ist er gar der Frauenmörder, der gerade für Schlagzeilen sorgt? Und tatsächlich spricht vieles dafür, wie sogar Susanne erkennen muss…

- Bei Ausgrabungen in Ägypten verliebt sich Charlotte in den Archäologen Richard Keltzer. Das ist dem Studenten Dominik ein Dorn im Auge. Er versucht, beide lächerlich zu machen. Doch seine Intrigen zeigen entgegengesetzte Wirkung…

- Die Heirat der Bankierssprösslinge Carina und Hartmut ist beschlossene Sache. Dummerweise hat aber Carina eigene Vorstellungen von ihrer Zukunft in beruflicher und vor allem privater Hinsicht. Das kommt einem Skandal gleich und gefährdet die Fusion beider Bankhäuser.

- Christine findet die Kleidersorgen ihrer älteren Schwester, bevor diese sich mit Jungs trifft, albern. Jungen sind doch doof! Aber dann begegnet sie Robert und hat plötzlich ein überraschendes Problem…

- Zu dumm, dass er keine Frau ist, denn ein Mann kommt als Preisträger der Aktion ‚Mutter des Jahres‘ nicht in Betracht. Ausgerechnet die kratzbürstige Linda muss ihm helfen, das Preisgeld zu gewinnen. Schlimm genug, aber da ist auch noch die total verzogene Katja als ihre angebliche Tochter…

- Sophie hat abseits der nächsten Ortschaft eine Autopanne, erreicht zum Glück aber zu Fuß ein romantisches Haus, in dem es allerdings spuken soll, wie der Hausherr behauptet. Tatsächlich geistert es bei ihr in der Nacht, und sie ahnt auch schon die Ursache…

Neue heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Ein Herz braucht Gewissheit

"Was weißt du schon von ihm?", ermahnte Susanne ihre Freundin Inge. "Ein Mann, der so phantastisch aussieht wie dein Hasso und mit 32 Jahren noch immer keine Frau fürs Leben gefunden hat, ist entweder ein Heiratsschwindler oder noch Schlimmeres."

Die 25jährige lächelte versonnen. Dabei lag in ihren muskatgrauen Augen ein eigentümlicher Glanz. "Er liebt mich", betonte sie beinahe trotzig, "und auch ich kann mir nicht vorstellen, jemals mit einem anderen Mann glücklich zu werden. Das Schicksal hat uns füreinander bestimmt."

"Schicksal?" Die Gleichaltrige lachte wegwerfend. "Wetten, dass dein Supermann diesem Schicksal gehörig auf die Sprünge geholfen hat? Du hast selbst erzählt, dass er sich für jede Kleinigkeit deines Lebenslaufes interessiert. Er aber spielt den Geheimnisvollen. Du kennst nicht einmal seinen Beruf."

"Ich glaube, er ist Fotograf. Jedenfalls hat er unzählige Aufnahmen von mir gemacht. Er sagt, dass mein Gesicht es ihm angetan hat."

"In erster Linie haben es ihm deine Ersparnisse angetan", befürchtete Susanne und kaufte sich am Kiosk, an dem sie vorbeikamen, eine Zeitung.

In riesigen Lettern wurde auf der ersten Seite von einem Frauenmörder berichtet, der am Vortag bereits sein drittes Opfer gefunden hatte. Die Ausführung der Verbrechen deutete auf den gleichen Täter hin. Alle Frauen waren mit einer gewöhnlichen Paketschnur erdrosselt und anschließend im Wald oder einer Kiesgrube flüchtig verscharrt worden. Zeugenaussagen, die sich auf verdächtige Bekannte der Ermordeten bezogen, widersprachen sich. Nur in wenigen Punkten waren sie sich einig: der Mörder schien ziemlich groß und dunkelhaarig zu sein.

"Genau wie dein Hasso", meinte Susanne.

"Du bist verrückt", ereiferte sich Inge. "Hasso ist unheimlich zärtlich. Du solltest seine Hände sehen. Das sind nicht die Hände eines Killers."

Ihre Freundin beeilte sich zu versichern, dass sie das ja auch nicht behauptet habe. "Ich tippe nach wie vor auf Heiratsschwindler", schloss sie ihre Warnung, bevor sich die jungen Frauen an der Kreuzung trennten und jede allein ihren Heimweg fortsetzte.

Inge ließ sich von Susanne nicht die Stimmung verderben. Sie freute sich auf das abendliche Rendezvous mit Hasso. Sie wollten chinesisch essen gehen und anschließend irgendwo das Tanzbein schwingen. Von Susannes Verdacht würde sie ihm natürlich nichts erzählen. Sie wollte sich nicht auslachen lassen.

Als sie die Wohnungstür aufschloss, läutete im Wohnzimmer das Telefon. Bestimmt wollte Susanne sie mit einer neuen Schreckenskunde nerven.

Doch dann hörte sie Hassos Stimme, die sich ungewöhnlich erregt anhörte. "Wir können uns heute leider nicht treffen, Schatz", bedauerte er. "Es ist etwas dazwischengekommen."

Eine andere Frau?, dachte Inge enttäuscht.

"Etwas Berufliches", präzisierte der Anrufer, als ahnte er ihre Befürchtung. "Es ist ungeheuer wichtig für mich. Ich melde mich morgen bei dir. Vielleicht habe ich dann eine Überraschung für dich."

Inge fand kaum Gelegenheit zu einer Antwort, so schnell legte Hasso den Hörer auf und ließ sie mit ihren Gedanken allein.

War es für berufliche Aktivitäten nicht schon reichlich spät? Und wieso war Hasso so aufgeregt gewesen? Das kam ihr reichlich seltsam vor.

Sie bereitete ihr Abendbrot und aß es ohne Appetit. Ihr gingen die absonderlichsten Gedanken durch den Kopf, die sie ärgerlich verscheuchte.

Sie vertraute Hasso. Er betrog sie doch nicht mit einer anderen.

Andererseits, warum hatte er während der fünf Wochen, die sie sich bereits kannten, noch nie den Versuch unternommen, sie in seine Wohnung abzuschleppen? War er etwa verheiratet?

Sie kannte seine Adresse, doch es widerstrebte Inge, dem Mann, den sie liebte, nachzuspionieren. Für sie waren Liebe und Vertrauen untrennbar miteinander verbunden.

Sie quälte sich über eine Stunde, bevor sie den Entschluss fasste, Hasso anzurufen und um eine genauere Erklärung für seine Absage zu bitten.

Die Leitung war besetzt, und auch vier weitere Versuche blieben erfolglos.

Das gab es doch nicht. Niemand telefonierte fast zwei Stunden lang. Hasso musste den Hörer neben den Apparat gelegt haben. Er wollte offensichtlich nicht gestört werden.

Inge wehrte sich gegen alle daran anknüpfenden Mutmaßungen. Immer wieder sagte sie sich, dass es eine harmlose Erklärung für Hassos Verhalten geben musste, doch sie fand diese Erklärung nicht.

Nach einem letzten vergeblichen Versuch, ihn telefonisch zu erreichen, verließ sie die Wohnung, um Hasso aufzusuchen. Wenn sie nicht endlich die Wahrheit erfuhr, würde sie in dieser Nacht keinen Schlaf finden.

Es war längst finster. Inge fuhr mit ihrem Kleinwagen zu der neuen Siedlung, in der Hasso einen Bungalow bewohnte. Sie bog um die letzte Ecke und trat unwillkürlich scharf auf die Bremse. Soeben kam Hasso aus dem Haus und ging zu der angrenzenden Garage.

Inge schaltete die Scheinwerfer aus und verharrte. Sie wartete darauf, dass ihm eine Frau folgte, doch er blieb allein.

Nachdem er seinen Combi aus der Garage geholt hatte, kehrte er ins Haus zurück, tauchte aber kurze Zeit später wieder auf.

Inge presste die Hand auf den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Deutlich sah sie, dass Hasso eine schwere, in eine Decke verschnürte Last zum Wagen trug. Die Entfernung war zu groß, um Einzelheiten zu erkennen, doch die ungewöhnlichen Maße ließen auf einen Menschen schließen.

Susannes Worte schossen ihr durch den Kopf. Alles drehte sich um sie. Hasso ein Frauenmörder? Das wollte sie nicht glauben.

Zitternd verließ sie den Wagen, um sich im Schutz der Dunkelheit näher heranzupirschen. Jetzt brauchte sie Gewissheit.

Hasso ahnte nicht, dass er beobachtet wurde. Arglos verfrachtete er das längliche und ziemlich schwere Paket im Wagen. Die Tür ließ sich nicht mehr schließen. Wieder verschwand er im Haus.

Inge nutzte die Gelegenheit, um das letzte Stück im Laufschritt zurückzulegen. Hinter einer dickstämmigen Kastanie nahm sie Deckung und spähte zum Combi hinüber. Das Herz drohte stehenzubleiben. Es gab keinen Zweifel mehr. Zwei Füße, die in braunen Wildlederschuhen steckten, ragten aus dem Fahrzeug heraus.

Jetzt kehrte der Mann zurück. In der Hand hielt er eine kräftige Schnur. Handelte es sich hierbei um das Mordwerkzeug? Würden morgen fette Schlagzeilen den vierten Frauenmord verkünden.

"Lass alles nur einen bösen Traum sein!", flehte Inge leise. Sie fröstelte und hatte das Gefühl, als legte sich eine mitleidlose Schlinge um ihren Hals.

Nachdem Hasso die Hecktür zugebunden hatte, nahm er hinter dem Lenkrad Platz und ließ den Motor an.

Er setzte den Wagen zurück. Dabei fand Inge Gelegenheit, einen Blick in den Laderaum zu werfen. Sie erkannte blondes Haar, das am anderen Ende des Paketes unter der Decke hervorquoll. Langes, blondes Frauenhaar.

Hatte Susanne nicht vorgelesen, dass bisher nur blonde Frauen den Tod durch den Frauenkiller gefunden hatten? War sie selbst nicht ebenfalls blond?

Widerstreitende Gefühle kämpften in Inges Brust. Es kann nicht sein, sagte sie sich immer wieder. Du irrst dich ganz einfach. Aber die Angst ergriff von ihr Besitz und befahl ihr, sich schleunigst in Sicherheit zu bringen, bevor Hasso sie entdeckte.

Doch der beachtete die verborgene Zeugin gar nicht, sondern fuhr gemächlich davon.

Nach kurzem Zögern rannte Inge los, bis sie ihren Wagen erreichte. Mit ausgeschalteten Scheinwerfern nahm sie die Verfolgung des Combi auf. Sie hoffte, dadurch unentdeckt zu bleiben und den Ort in Erfahrung zu bringen, an dem Hasso die Tote versteckte.

Einmal wurde sie von einem entgegenkommenden Fahrzeug angeblinkt. Der Mann wollte sie darauf aufmerksam machen, dass sie ohne Licht fuhr. Zum Glück blieb die Straße sonst frei, zumal die Fahrt zu einem der Außenbezirke der Stadt ging.

Inge überlegte fieberhaft. Befand sich hier nicht die riesige Baustelle, an der ein Einkaufszentrum entstehen sollte? Vielleicht versenkte der Mann die Leiche in einer Verschalung, die morgen früh mit Beton gefüllt werden sollte.

Zu ihrer Überraschung hielt der Combi vor einer Villa, hinter deren Fenstern noch Licht brannte. Hasso läutete an der Tür, und nach kurzer Zeit wurde diese geöffnet.

Inge konnte nicht verstehen, was die beiden Männer miteinander sprachen. Sie hielt sich in ausreichendem Abstand. Doch sie sah deutlich, dass der andere Hasso zum Wagen folgte und einen Blick auf die grausige Fracht warf. Danach zogen sie sich ins Haus zurück, ohne sich um die Tote zu kümmern.

Inge hielt es nicht länger an ihrem Platz. Während sie überlegte, ob es sich bei dem anscheinend wohlhabenden Fremden um einen Komplizen handelte oder aber um den Auftraggeber für dieses abscheuliche Verbrechen, huschte sie zu dem Combi hinüber. Bevor die Leiche verschwand, wollte sie Beweise sichern.

Die Hecktür war noch durch die Schnur gesichert. In fliegender Hast machte sie sich an dem Knoten zu schaffen. Sie hörte in ihrer Erregung nicht die Schritte. Erst als grobe Fäuste sie an den Schultern packten und zurückrissen, wusste sie, dass sie einen verhängnisvollen Fehler begangen hatte.

Sie sah sich zwei bärenstarken Männern gegenüber, die Drohungen ausstießen. Alle Gegenwehr nützte nichts. Die beiden hielten sie bombenfest und schleppten sie ins Haus.

Der Inhaber der Villa betrat, durch den Lärm angelockt, mit seinem Besucher die Diele.

"Wir haben sie erwischt, wie sie um Ihren Wagen herumschlich, Herr Bernhoff", sagte einer der beiden Burschen, die sie überwältigt hatten. "Vermutlich eine Autodiebin."

"Inge, du?", rief Hasso verblüfft.

"Diese Person kommt mir ebenfalls bekannt vor", ließ sich der Hausherr hören.

"Ich bin keine Person", entrüstete sich Inge. "Aber ich habe genug gesehen, um Sie alle vor Gericht zu bringen."

"Vor Gericht", wiederholte Hasso bestürzt und trat auf sie zu. "Ich weiß, dass ich vorher deine Einwilligung hätte holen müssen, aber erstens wollte ich dich damit überraschen, und zweitens ahnte ich nicht, dass sich der Erfolg so schnell einstellen würde."

"Von welcher Einwilligung sprichst du?", fragte Inge unsicher. "Niemals hätte ich mich damit einverstanden erklärt. Die Frau im Auto ist tot."

Die vier Männer blickten sich betroffen an, bevor der erste zu lachen begann. "Tolle Beobachtungsgabe", prustete er. "Hoffentlich haben Sie noch nicht die Polizei verständigt."

"Doch", behauptete Inge rasch. Die Bande sollte glauben, dass sie schon bald Hilfe erhielt.

Hasso ergriff ihre eiskalte Hand und zog sie mit sich fort. Er stimmte in das allgemeine Gelächter nicht ein, sondern führte sie zum Combi.

Als er ein Klappmesser aus der Tasche zog, zuckte Inge flüchtig zusammen, doch er zerschnitt damit nur die Schnur, die die Wagentür versperrte. Anschließend schlug er die Decke ein Stück zurück und legte seinen Arm um Inges Schultern.

"Das ist ja eine Gipsfigur", stammelte diese.

"Eine Schaufensterpuppe", bestätigte Hasso. "Ich habe sie modelliert. Das ist mein Job, und Herr Rudolf interessiert sich für meine Arbeiten. Ihm gehören verschiedene Kaufhäuser in mehreren Städten. Er findet genau wie ich, dass die bisherigen Puppen zu unecht aussehen. Deshalb kam ich auf die Idee, dich als Modell zu verwenden. Ich finde, die Ähnlichkeit ist mir wirklich gut gelungen, und wenn du einverstanden bist, werde ich diese Figur in größeren Stückzahlen verkaufen."

Inge wartete auf die Erleichterung, die sich doch einstellen musste, aber sie fühlte nur eine riesige Enttäuschung.

"Du brauchtest mich also als Modell", sagte sie unglücklich. "Dabei bildete ich mir ein, dass..."

"...dass ich ein Mörder bin?", fiel ihr Hasso belustigt ins Wort.

"Vor allem, dass du mich liebst."

"Ja, zweifelst du denn daran, Liebling? Weißt du immer noch nicht, was du für mich bedeutest?"

Statt wortreicher Erklärungen küsste er sie einfach und störte sich nicht daran, dass nun auch die anderen Männer erschienen, um endlich die Schaufensterpuppe ins Haus zu tragen.

Inge schloss die Augen. Sie kam sich schrecklich töricht vor. Doch das war ihr lieber, als hätte sich ihr Verdacht bestätigt. Sie wusste, dass von nun an niemand mehr ihr Vertrauen in den geliebten Mann würde erschüttern können.



Cheops, Chaos und Charlotte

Obwohl Charlottes aquamarinblaue Augen strahlten, knirschte sie mit den Zähnen. Das lag am Wüstensand, den der Wind in kaum sichtbaren, aber umso deutlicher spürbaren Schleiern in Bewegung hielt.

Seit zwei Wochen lebte sie nun bereits im Camp von Professor Oberfeld, dessen Team sie zu den Ausgrabungen nach Ägypten begleiten durfte. Eine Auszeichnung für die junge Archäologiestudentin aus Heidelberg.

Ihre leuchtenden Augen galten allerdings nicht dem namhaften Wissenschaftler, der westlich von Giseh Anzeichen einer größeren Siedlung entdeckt zu haben glaubte und nun hoffte, möglicherweise auf die verschwundenen Schätze der geplünderten Grabkammern der Pyramiden zu stoßen. Ihr Blick ruhte verträumt auf einem jüngeren Mann, der sich im Gespräch mit dem Professor befand.

Dr. Richard Keltzer hatte seine eigene Theorie über die vorliegenden Luftaufnahmen entwickelt. Er erwartete allenfalls die Reste eines Bauarbeiterlagers freizulegen. Kulturhistorisch würde allerdings auch ein solcher Fund wertvolle Aufschlüsse aus der Zeit der Pharaonen liefern.

"Hast du es dir nun überlegt?", wurde Charlotte aus ihren Gedanken gerissen. "Das Nachtleben von Kairo darfst du keinesfalls versäumen, und einen besseren Fremdenführer als mich findest du schwerlich."

Charlottes Blick kam von weit her. Ungeduldig musterte sie Dominik Roggisch, der sich gleichfalls die ersten praktischen Sporen während seiner Studienzeit verdienen wollte. Seit ihrer Ankunft stellte ihr der Bursche nach und hielt sich für unwiderstehlich. Dabei fand sie ihn nur aufdringlich.

"Kein Interesse, Dominik", ließ sie ihn abblitzen. "Ich bin nicht hier, um die ägyptischen Diskotheken zu erforschen?"

"Sondern die Gefühlswelt bärtiger Mumien." Der Student deutete auf Dr. Keltzer. "Wenn du mich fragst, der Bursche ist ein archäologischer Blindgänger."

"Ich frage dich aber nicht", konterte Charlotte ungehalten. "Und nun lass mich endlich in Ruhe."

Dominik Roggischs Augen verengten sich. "Wir werden monatelang miteinander auskommen müssen", erinnerte er gekränkt. "Da ist es klug, sich zu arrangieren."

Charlotte antwortete nicht, sondern widmete sich ihren Skizzen, die sie von der in unzählige Quadrate aufgeteilten Ausgrabungsstätte anfertigen musste.

Ganz bei der Sache war sie aber nicht. Immer wieder schweiften ihre Gedanken zu dem gutaussehenden Archäologen mit den klugen Augen und der sanften und doch bestimmten Stimme ab, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte. Doch zu ihrem großen Kummer nahm Richard Keltzer überhaupt keine Notiz von ihr. Für ihn existierte ausschließlich seine Arbeit.

Doch morgen war Sonntag. Sie wollte unbedingt versuchen, mit ihm privat ins Gespräch zu kommen.

Zufällig erfuhr sie beim Frühstück, dass Richard Keltzer im Ägyptischen Museum in Kairo einen ehemaligen Studienkollegen zu treffen hoffte. "Würden Sie mich mitnehmen?", bat sie.

Er schaute sie nur flüchtig an, war offensichtlich mit seinen Gedanken bei Grabinschriften und Papyrusrollen. "Ich werde vor Abend nicht zurückkehren."

"Das macht nichts."

Dr. Keltzer erwies sich als viel zu höflich, die Bitte abzuschlagen, obwohl sich während der Fahrt herausstellte, dass ihm die Begleiterin eher lästig war, zumal Charlotte keinen Versuch unterließ, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

Am Eingang des Museums blickte er auf die Uhr. "Um eins wird geschlossen", erinnerte er."Gehen Sie nicht allein in die Altstadt."

Ohne sich gebührend auf die gezeigten Kunstschätze zu konzentrieren, wanderte Charlotte durch die einzelnen Säle. Seufzend verharrte sie vor den sitzenden Statuen Rahoteps und dessen Gemahlin. "Vielleicht müsste ich so alt sein wie ihr, damit er sich für mich interessiert", murmelte sie und ging betrübt weiter."

"Ein Glück, dass ich Sie finde", rief jemand erleichtert hinter ihr.

Charlotte wandte sich um. "Haben Sie Ihren Freund nicht angetroffen?"

"Leider nein", bestätigte Richard Keltzer. "Ich fahre wieder zurück."

"Jetzt schon?" Charlotte war enttäuscht. "Könnten wir nicht wenigstens vorher etwas essen?"

Der Mann erklärte sich einverstanden. "Keine schlechte Idee", fand er. "Ehrlich gesagt, trifft der Koch in unserem Camp nicht gerade meinen Geschmack."

Während sie in einem kleinen Restaurant auf das Essen warteten, blätterte Richard Keltzer unentwegt in seinem Notizbuch, ergänzte Aufzeichnungen und hatte längst vergessen, dass er nicht allein war.

Erst als eine Unzahl von Tellerchen und Schüsseln den Tisch füllten und ein intensiver Geruch von Knoblauch und Kümmel aufstieg, kehrte er zögernd aus versunkenen Jahrtausenden in die Gegenwart zurück.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738927696
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (März)
Schlagworte
herz gewissheit

Autor

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Titel: Ein Herz braucht Gewissheit